Beethoven - leidenschaftlich: Klaviersonate Nr 23 in f-moll-op. 57 "Appassionata" - CD-Rezensionen und Vergleiche (2014)

  • Sagitt meint:


    Die Appassionata ( der Titel stammt, wie die meisten, nicht von Beethoven) ist eine der großen Klaviersonaten Beethovens,ja der Klavierliteratur.Sie stammt aus einer sehr fruchtbaren Schaffensperiode Beethovens, ihr thematischer Zusammenhang mit der fünften Sinfonie ist unüberhörbar. In ihrer Leidenschaftlichkeit steht sie der Sinfonie in nichts nach. Sie gewaltig, fast könnte man schreiben, gewalttätig.
    Der aufbrausende Beethoven ist uns aus vielen Anekdoten bekannt, man sieht ihn förmlich, wenn man den ersten Satz der Appassionata hört.


    Wenn man die Aufnahmen sichtet, sieht man sich einer fast unübersehbaren Anzahl gegenüber. Ich werde mich wesentlich auf zwei beschränken. Der erste Interpret ist "Slava" Richter. Wenn man die Dokumentation von Bruno Monseignon über diesen Pianisten sieht und das alte Filmmaterial, tritt einem ein leidenschaftlicher Künstler, der bis an die Grenzen des Pianistisch Machbaren geht ( und darüberhinaus) entgegen. Die Appassionata hat er mehrfach eingespielt. Bei seinem Debut in USA ( wegen seiner hald-deutschen Herkunft erst 1960) hat eine eine Einspielung gemacht, die damals sofort zur Referenz erklärt wurde. Ich schätze eine live-Version aus Moskau 1953 noch mehr. Mit großem Furor wird diese Sonate gespielt ( falsche Töne inbegriffen). Das macht ihm so schnell keiner nach- man versteht jetzt Gilels, der in seiner menschlichen großen Bescheidenheit immer auf Richter hingewiesen hat, als dieser noch nicht ausreisen durfte und im Westen nicht bekannt war.Die rohe Leidenschaftlichkeit wird von keinem besser umgesetzt als von ihm.
    Ganz anders, immer verteufelt, Glen Gould. Er hat sich über das Werk in seinem Schriften verächtlich ausgelassen- die Beethoven´sche Primitivität war ihm Anlass zu sehr spöttischen Bemerkungen. Man fragt sich, warum spielt er das Werk dann ? Vielleicht, um seine Thesen zu verifizieren ? Fast alle, die ihn hören, verwerfen diese Interpretation und halten sie für eine Karikatur. Er spielt den ersten in ca.15 Minuten. " Normale" Interpreten sind dann schon im Finale.
    Trotz der Langsamkeit finde ich diese Interpretation äußerst dramatisch( der Schluss des ersten Satzes kommt mit einer Wucht, als wenn es sich um eine Sinfonie handeln würde). Überdies zeigt uns Gould, dass Langsamkeit nicht spannungslos sein muss.So wie Klemperer auch kann er weite Bögen spannen. Wir hören bei Gould Facetten der Appassionata, die im Klangrausch konventioneller Interpretationen untergehen.Die Nähe zur Fünften wir in dieser Interpretation gut herausgespielt.Ich möchte diese Aufnahme nicht missen.


    Auf Eure Lieblingsinterpretationen bin ich gespannt.

  • Hallo Sagitt,


    da ich annehme, daß, so wie ich, auch andere diesen Thread einfach übersehen haben, hab ich ihm einen Titel gegegben, wo man die Appassionata auch findet, wenn man sie mittels Suchfunktion sucht ;)


    Auch ich beschränke mich auf einige wenige Aufnahmen, wobei Vergleiche immer sehr entlarvend sind, und ausserdem undankbar, weil ehrlich gesprochen, jede der von mir genannten Aufnaahmen hat ihre Meriten, und , wenn man nicht unmittelbar vergleicht, so sind alle drei beglückend. Das liegt vielleicht schon am Werk an sich, das man ja wahrscheinlich gar nicht kaputtspielen oder fehlinterpretieren kann (?)


    Als ich mir soeben die Frage stellte, wer denn wohl mein liebster Interpret der Apassionata sein, oder besser gesagt, welches meine Lieblingsaufnahme sei, da wusste ich keine. Gleichberechtigt stehen sie bei mir im Schrank und einer der Vorteile einer großen CD-Sammlung ist ja die Abwechslung, jenes immer wieder neu erleben können eines Werkes.
    Wenn ich jetzt eine "Wertung" abgebe (keine Angst, ich vergebe keine Punkte :stumm: ;) ) dann ist es eigentlich nur eine momentane Bestandaufnahme meines Geschmacks, das kann sich ändern, zudem eine sehr subjektive Aussage.


    Dazu, ich muß es gestehen, habe ich lediglich eine relativ kurze Sequenz (in diesem Fall den Beginn des ersten Satzes) vergleichend gehört.


    Prägend für Beethovens Klaviersonaten waren für mich drei Namen: Wilhelm Backhaus, Wilhelm Kempff und Friedriech Gulda.
    Die Gulda Aufnahme der Apassionata habe ich lediglich (irgendwo) auf Vinyl, sie konnte also leider nicht vergleichend gehört werden.
    Als musste ein dritter Proband her. Alfred Brendel, wahrscheinlich der Beethoven Interpret unserer Tage, erschien mir geeignet zu sein.


    Ich entschloß mich mit Backhaus zu beginnen, der immer schon mein Favorit war, aber Zeiten und Geschmäcker ändern sich ja angeblich.
    Zunächst mal eine Warnung: Diese Aufnahmen stammen aus dem Jahre 1958, was man an einem mehr als deutlich vernehmbaren Grundrauschen sofort erkennt, ja ich würde sogar sagen, das Rauschen ist auch für das Aufnahmejahr relativ hoch. Glücklicherweise, und das sei an dieser Stelle ausdrücklich betont ist die Aufnahme aber verfärbungsfrei und sehr dynamisch, auch ohne jeder Frequenzbeschneidung. Der Flügel (ein Bechstein ?) ist sehr voluminös abgebildet, bei gleichzeitig fast optimaler Wiedergabe des Diskants.


    Diese Grundvoraussetzungen ermöglichen, hörbar zu machen, was gemeint ist, wenn jemand sagt, Backhaus könne einen Flügel zum "Blühen" bringen. Er schafft meiner Ansicht nach optimal den Spagat zwischen kantabel und zornig aufbegehrend, nie hat man den Eindruck, hier wäre etwas aufgesetzt oder erwungen, ein billiger Effekt eingefügt, wie selbstverständlich bleibt alles im Fluss, selbstverständlich ohne langweilig zu sein. Nicht umsonst wurde Backhaus von vielen als der führende Beethoven-Spezialist seiner Generation gesehen. Und natürlich kann er auch zu packen, wenns drauf ankommt.


    Nicht ganz so überzeugend, wenn auch sehr gut, präsentiert sich Wilhelm Kempffs Aufnahme, hier fehlt manchmal die Wucht, Kempff war eher ein Lyriker, als ein Tastenlöwe, aber teilweise geht das auch zu Lasten der Aufnahmetechnik. Trotzdem, eine Aufnahme, die ich immer wieder gern höre.


    Nun zu Alfred Brendel: Eigentlich sollte man hier die unltimative Aufnahme erwarten, rauschfrei, höchste Dynamik, der Spezialist für Wiener Klassik.
    Nun, die Aufnahme ist an sich sicher gut, sehr gut sogar.
    Aber im unmittelbaren Vergleich fallen dann doch ein paar Extravaganzen und Willkürlichkeiten auf, Brendel sieht das Werk einfach anders. Leider blüht sein Flügel, zumindest im unmittelbaren Vergleich mit Backhaus nicht .......
    Man kann aber auch Brendels schlankerer Aufnahme durchaus den Vorzug geben, es würde mich interessieren ob hier Widerspruch kommt oder ob sich jemand meiner Meinung anschließt. Dazu müsste der Betreffende allerdings erst beide Aufnahmen kennen.......sehr unwahrscheinlich...



    Auch ich bin, wie Sagitt, auf weitere Statements gespannt.



    Grüße aus Wien


    Alfred

  • Hallo Sagitt und Alfred


    Endlich eine Weiterführung über die Appassionata. Der Thread ruhte lange Zeit.


    Wir haben vor geraumer Zeit sechs Aufnahmen blind miteinander verglichen. Natürlich nur einige Passagen daraus.


    Richter, Gould und Backhaus waren nicht dabei. Die Richter-Aufnahme von 1960 steht jedoch in unserem Regal. Werden wir wohl bald anhören.


    Die Kempff Aufnahme hat uns auch durchzogen gefallen und hat sich im Mittelfeld platziert. Er spielt spannungsreich, weich, klar und mit präsentem Pedaleinsatz. Ja es stimmt, er ist wohl ein Lyriker, aber ein guter.


    Nun zur eigentlichen Überraschung. Kürzlich erhalten, nahmen wir eine Aufnahme von Werner Haas mit in den Vergleich und sie begauptete sich gleich mit an der Spitze. Er spielt relativ analytisch abgeklärt, sehr perlend legato. Vielleicht etwas zu wenig impulsiv.


    Unsere zweite Lieblingsaufnahme kommt von Brendel (1994). Auch sein Spiel ist perlend, transparent aber auch spannungsreich mit einer schönen linken Hand. Die von Alfred geäusserten Extravaganzen in seinem Spiel sind uns nicht aufgefallen.


    Im Mittelfeld haben sich die Aufnahmen von Yves Nat und Friedrich Gulda positioniert.


    Abgefallen ist nur die Aufnahme von Rudolf Buchbinder welche kaum einen Spannungsbogen aufbauen konnte und einen etwas "gehämmerten" Eindruck hinterliess.


    Auf Reaktionen und weitere Statements sind wir gespannt.

  • Grüss Gott "romeo&julia" ( bist Du zwei ins einer Hülle ?),
    lieber sagitt,
    lieber Alfred ,


    ich schätze Eure wundervollen Bemühunge .
    Hier meine bevorzugten Aufnahmen :
    Richter ( live ; New York , 1960 )
    Gilels ( live ; Aix-en-Provence )
    Weissenberg ( EMI ; die rationalset Interpretation )
    Magaloff ( live; Salzburg ; ORFEO - auch wenn dies viele schocken wird . Aber bitte ganau hinhören ! )
    Richter ( Praga-Serie)
    Gilels (DG)


    Sehr gerne gehört hätte ich Duchable , Michelangeli (!) und Martha Argerich - leider gibt es von allen Dreien keine Aufnahme .


    Mit den besten Grüssen ,
    Euer Frank ( Georg Bechyna )

  • Hallo Sagitt,


    von Sofronitsky gab es letztes Jahr auch eine CD, die ganz Beethoven gewidmet war, u.a. Mondschein-Sonate, op. 111 und der erste Satz der Appassionata. Wie bei so vielen anderen Werken nimmt diese Aufnahme für mich den Spitzenrang ein.


    Von den heute lebenden Pianisten scheint mir Igor Shukow dieser Art des Spieles am nächsten zu kommen. Er gab vor wenigen Wochen ein Konzert in Heidelberg, bei dem auch die Appassionate auf dem Programm stand, ich war schlicht begeistert.


    Viele Grüße,


    Walter

  • Hallo,
    ich bin zwar keiner, aber ich kann mir nicht vorstellen, als Pianist nur den ersten Satz der Appassionata zu spielen bzw. aufzunehmen.
    Wie kann man eine Beethoven-Sonate (oder auch eine andere) auseinanderreißen, ohne deren Gehalt zu beschädigen?

  • Zitat

    Original von achim.cremerius
    Wie kann man eine Beethoven-Sonate (oder auch eine andere) auseinanderreißen, ohne deren Gehalt zu beschädigen?



    Inwiefern würde durch das Spielen eines Einzelsatzes aus einer Sonate irgendetwas beschädigt? Diese Argumentation verstehe ich nicht. Ich finde im Gegenteil: manche Sonate wäre zu retten, wenn es akzeptiert wäre, auch Einzelsätze im Konzert zu spielen.


    Gruß
    Heinz

  • Hallo Heinz,


    Zitat

    Diese Argumentation verstehe ich nicht.


    Ich schon. Ich denke, wenn ein Komponist ein Werk mit drei oder wieviel auch immer Sätzen komponiert hat, hat er sich etwas dabei gedacht. Es gibt Zusammenhänge zwischen den Teilen, die den Charakter des Werkes als ganzes mitbestimmen. Aus dem Zusammenhang gerissen, geht diese Absicht verloren.
    Drum habe ich im allgemeinen auch was gegen Sampler und Opernquerschnitte.


    Viele Grüße
    Reinhard

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Zitat

    Original von Reinhard
    Ich denke, wenn ein Komponist ein Werk mit drei oder wieviel auch immer Sätzen komponiert hat, hat er sich etwas dabei gedacht.


    Hallo Reinhard,


    ja, sicher hat er sich was dabei gedacht. Zum Beispiel: ich brauche einen lebhaften Eröffnungssatz, einen ruhigen zweiten Satz, ein Scherzo (hat sich bisher immer bewährt) und ein virtuoses Finale. Ach, eigentlich könnte ich das Scherzo zur Abwechslung mal mit dem langsamen Satz tauschen.


    Mit der Beziehung der Sätze zu- und untereinander ist es meist nicht so weit her, bei der Mondscheinsonate ist das besonders deutlich.


    Also ich hab keine Probleme damit, eine individuelle Zusammenstellung mehrerer Einzelsätze aus unterschiedlichen Werken (auch gerne von verschiedenen Komponisten) zu goutieren. Auch da können sich überraschende Querverbindungen herstellen. Man muß ja nicht frömmer sein wollen als der Papst. 8)


    Nette Grüße
    Heinz

  • Hallo Achim,


    ich bin überzeugt, dass Sofronitskli die Sonate komplett gespielt hat, aber leider von der Live-Aufnahme nur der erste Satz erhalten ist. Natürlich vermisse ich die beiden anderen Sätze sehr, bin aber froh, wenigstens die Aufnahme des ersten Satzes auf CD zu haben.


    Viele Grüße,


    Walter

  • Hallo Walter,
    kann ich absolut nachvollziehen, dass man im Zweifelsfall lieber ein bisschen von einem geschätzen Interpreten/Werk hat als gar nichts (Mein Gott - wenigstens den Mars aus den Planeten mit Szell und dem Cleveland SO - das wär' doch was...!!!).
    Ich wollte mit meinem Beitrag auch nur ausdrücken, dass mich grundsätzlich solche Bruchstücke z.B. auf Samplern oder als gut(?)gemeinter CD-Füller zu anderen Werken halt nicht interessieren. Die Begründung hat Reinhard sehr treffend formuliert.

  • Lieber Achim ,
    das hat es schon mehrfach gegeben . So lässt Pogorelich in seiner b-Moll-Sonate für die DG alle Weiderholungen weg ; Brendel verfährt bei Schubert häufiger so . Ich finde , dass dies die Werke geradezu vernichtet . Brendel ist bei Schubert völlig anderer Meinung ( s.seine Bücher mit Erläuterungen! ) .
    Alles Gute,
    Frank :hello:

  • Hallo!
    Die "Appassionata" ist zurecht eine der populärsten Beethoven-Sonaten. Ich halte sie für eine der besten, da sie neben ihrer kompositorischen Meisterschaft sehr ausdrucksstark ist und mich trotz/wegen ihrer Extreme immer wieder in ihren Bann zieht.
    Diesmal habe ich nichts gegen den Beinamen einzuwenden, obwohl er nicht von Beethoven stammt, er ist einfach zutreffend.


    Die Richter-Interpretation wird zurecht gelobt und ich war von diesem extremen Spiel beeindruckt. Aber zur "Lieblings-Aufnahme" ist sie zu extrem.
    Mein Favorit ist hier Friedrich Gulda. Auch sonst habe ich diese Anschaffung

    nie bereut, vor allem wegen der Sonaten. :yes: Die "Appassionata" gibts hier gleich zweimal, meine Favorisierung bezog sich auf die 1973er-Aufnahme.
    Allerdings habe ich nie eine "Appassionata" gehört, bei der ich nicht die enorme Spannung dieses Werkes gespürt habe. Moment, ein gewisser kanadischer Interpret hat hier mal wieder (absichtlich) versagt... ?(
    Viele Grüße,
    Pius.

  • Hallo,


    mir gefallen, obwohl sie sehr unterschiedlich sind, die Aufnahmen von Arthur Rubinstein und Rudolf Serkin (vor allem im 3.Satz) neben etlichen schon hier ganannten sehr gut. Die Live-Aufnahme von Svjatoslav Richter 1960 bleibt aber unangefochten.


    Gerade bie der 'Appassionata' finde ich persönlich, dass ruhigere, 'bedächtigere' Interpretationen wie etwa von Wilhelm Kempff oder Claudio Arrau, obwohl sie zweifellos ihren Reiz haben, dem 'Grundtemperament' des Werks nicht genügen. Nomen est bei dieser Sonate (obwohl der Name nicht von Beethoven stammt) Omen.
    Natürlich sind diese beiden Aufnahmen trotzdem sehr gut, aber Serkin oder auch Brendel bringen die Sonate für mich mehr zum Leben.


    Vergleichend werde ich demnächst Daniel Barenboim live mit den Beethoven Sonaten sehen könen. Seine Aufnahme fällt meiner Meinung nach gegenüber den oben genannten aus eben diesen Gründen etwas ab, aber gespannt bin ich ja doch..


    Liebe Grüsse, Moritz

  • Ach so,


    noch zu Pius, ich finde die Gould-Appassionata (ich meine sie verdient den Namen kaum) auch wirklich indiskutabel...

  • Sagitt meint:


    Ich glaube, man kann Gould nicht verteidigen. Er spielt eben gegen alle Hörgewohnheit und hat sich in seinen Schriften über Beethoven ( wie über andere Komponisten auch) wegen dessen vermeintlicher " Primitivität" lustig gemacht.
    Das würde normalerweise reichen, ihn zu diskreditieren.


    Wenn ich mich von meiner Hörgewohnheit löse, stelle ich fest, auch in langsamen Tempi kann eine ungeheure Dramatik liegen. Klemperer macht dies vor und Gould kann es eben auch,man höre genau auf die Steigerungen im ersten Satz, die sich in einer stampfenden Explosion am Ende des ersten Satzes entladen.


    Wie geschrieben, man kann Gould nicht verteidigen...( die schönste Verrisse hat er sich selbst geschrieben, auf der Rückseite der Vinyl-Versionen)

  • Zitat

    Original von sagitt
    Sagitt meint:


    Wenn ich mich von meiner Hörgewohnheit löse, stelle ich fest, auch in langsamen Tempi kann eine ungeheure Dramatik liegen. Klemperer macht dies vor und Gould kann es eben auch,man höre genau auf die Steigerungen im ersten Satz, die sich in einer stampfenden Explosion am Ende des ersten Satzes entladen.


    Hallo,


    habs mir, wenn auch widerwillig, noch mal angehört (zum ersten Mal seit Jahren), aber was Du beschreibst, lieber Sagitt, kann ich so nicht hören. Vielleicht bin ich zu voreingenommen... Daß aber in langsamen Tempi ungeheure Dramatik liegen kann, ist selbstverständlich unbestritten.


    Beste Grüsse, Moritz

  • Liebe Kombattanten,


    Danke, dass ihr wegen meiner Hinweise Euch dem Nach-Hören gestellt habt. Ich schrieb ja bereits, zu verteidigen ist das alles nicht, was Gould da so anstellt. Ich bin von diesem Teil beeindruckt und werde damit leben, dass diesen Eindruck fast niemand teilt.Bei meinem eigenen Hören fand ich spannend, erst einmal den Drang, mach vorwärts Glen,überwinden zu müssen. Nachdem sich dieser gelegt hatte, konnte ich die unheimliche " Ruhe" genießen, die Nähe zur fünften Sinfonie hören und mich ganz der Dekonstruktion von Gould hingeben.
    Das ist so subjektiv,ich weiss es. ZUm Ausgleich kann ich dann wieder den stürmenden Slava Richter hören ( 1953 Moskau)


    Herzliche Grüße an alle


    sagitt

  • Ich mache es kurz und knapp: Drei Einspielungen besitze ich, in dieser Reihenfolge höre ich sie am liebsten:


    - Richter
    - Gilels
    - Kempff


    Leidenschaft und stürmisches, dramatisches Verlangen vermögen Richter und Gilels gleichermaßen zu entfesseln, wobei ich Richter den Vorzug gebe, weil er an einigen Stellen so winzige „Verzögerungen“ spielt (ich weiß, man kann Nichts eigentlich nicht spielen, aber mir fehlen hier gerade die Worte :rolleyes: ), die mir regelmäßig eine Gänsehaut verursachen.


    Kempff ist weit entfernt von jeglichem leidenschaftlichen Klavierspiel, das wirkt m.E. eher etwas müde.


    Gruß, Cosima


    P.S.: Diese Sonate an sich halte ich für überirdisch schön!

  • Liebe Cosima ,
    Sviatoslav Richter sagte einmal in den US nachdem er die sog. Appassionata gespielt hatte und gefragt wurde , warum er kein weiteres Werk spiele :
    "Was kann man nach diesem Werk denn noch spielen !" .
    Ich denke dies sagt alles .
    Angesichts der verschiedenen Aufnahmen von Richter und Gilels bekanne ich mich - entgegen Richters späterer eigener Korrektur über die Wertigkeit seiner Interpretaionen - doch zu den Aufnahmen in den USA 1960 als meinen Favoriten .
    Bei Emil G i l e l s eindeutig zu seiner Live-Deutung in Aix-en-Provence . Für mich der Interprettionsgipfel !
    Beste Grüsse
    Frank

  • Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna
    Sviatoslav Richter sagte einmal in den US nachdem er die sog. Appassionata gespielt hatte und gefragt wurde , warum er kein weiteres Werk spiele :
    "Was kann man nach diesem Werk denn noch spielen !" .
    Ich denke dies sagt alles .


    Hallo Frank,


    ja, Richter hatte so eine schöne, zurückhaltende und berührende Art, sich niemals als Person vor die Musik, das Werk an sich zu stellen, stets „nur“ als (wenngleich virtuoser und erlesener!) Vermittler zu fungieren. Das nimmt mich u.a. so sehr für ihn ein.


    Soweit ich weiß gibt es mehrere Versionen von Richter: Erstens jene bei seinem Debüt in New York 1960, mit der er selber nicht zufrieden war, da er unter großem psychischen Druck stand. Später entstand dann aus diesem Grund noch eine Studio-Aufnahme in New York (November des gleichen Jahres?). Drittens existiert eben die Aufnahme gespielt in Moskau 1959, der Richter selber den Vorzug gab. Ich kenne nur eben diese letztgenannte, auf dieser CD:



    (Hierauf befindet sich zudem die „Pathétique“, die ich auch schlichtweg umwerfend finde.)


    Dann existieren aber noch: Prag 1959 und Amsterdam 1992.


    Gruß, Cosima

  • Ich kaufte mir kürzlich über ebay für 1 oder 2 € eine CD mit vier Beethovensonaten: Mondschein, A Therese, Les Adieux und eben Appassionata alles gespielt von Robert Casadesus. Monoaufnahme, von 1953 oder 1958 Klangqualität entsprechend etwas bescheiden. Aber: Ich habe noch nie die Appassionata dermaßen mitreißend erlebt. Im Presto steigert sich Casadesus ins nahezu Utopische, unglaublich Virtuose. Ich weiß nicht, ob ich diese Aufnahme als meine Referenz bezeichnen würde, dazu hab ich noch nicht ganz bewusst verglichen, aber ich war wirklich schwer beeindruckt. Alte CBS-Aufnahme jetzt erschienen bei Sony Classicalmasters.Kennt jemand die Aufnahme?
    Die Einspielung von Gilels kenne ich (noch) nicht. Steht in der "Planung" ganz weit oben.
    Gruß

  • Jeder der die Appassionata verehrt, sollte mal mit dem Gedanken spielen, sich den Film "Elephant" von Gus Van Sant anzusehen. Es war für mich eine der berührendsten Szenen, die ich je in einem Film aufgenommen habe, als die Musik die Einsamkeint und Isolation der Hauptpersonen wiederspiegelt. Geht so in die Richtung Edward Hopper. Sehr empfehlenswert.

  • Zitat

    Original von GalloNero
    Ist hier die legendäre 60er Aufnahme?
    Ich bin gerade am bestellen.



    Es bedankt sich im Voraus für Eure Hilfe
    GalloNero


    Eine von drei oder so legendären :D (es gibt noch mindestens eine frühere, sowie live, den Überblick habe ich auch nicht)
    Aber bestell ruhig, allein wegen des Brahms-Konzerts (da ist es wenn ich recht informiert bin, die einzige, die Legendarität und ordentliche Klangqualität vereinigt...)


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Aber bestell ruhig, allein wegen des Brahms-Konzerts (da ist es wenn ich recht informiert bin, die einzige, die Legendarität und ordentliche Klangqualität vereinigt...)
    JR


    Das sind doch schlagkräftige Argumente. Vielen, vielen Dank.
    Das gute Stück ist in die Bestellung eingeflossen.
    Ich werde berichten.


    Liebe Grüße
    GalloNero

  • Hallo,GalloNero
    gute Wahl, sowohl bei Brahms als auch die Appassionata. Ich finde , hier gilt Ähnliches wie ich weiter oben über die Version von Robert Casadesus geschrieben habe, die Interpretation ist írgendwie der reine Wahnsinn (im positiven Sinne) viel Spaß dabei
    wünscht