Ein Klavier! Ein Klavier?

  • Salut,


    warum heißen "Klavierkonzerte" Klavierkonzerte? Warum heißt es, dass Alfred Brendel Herrn Fischer-Dieskau auf dem "Klavier" begleitet, obschon er garantiert auf einem Flügel und eben nicht auf einem Klavier spielt?


    Ist das ein [nicht mehr nachvollziehbares] Relikt aus Zeiten, wo Tastenlöwen als Claviristen bezeichnet wurden? Die nennt man aber heute [vielleicht im Zuge der Antidiskriminierung] Pianisten.


    Kann "das Klavier" tatsächlich als Oberbegriff für nicht luftbetriebene Tasteninstrumente gelten oder nicht? Warum wird der aus dem englischen Sprachraum stammende Begriff "Piano" [als Verkürzung von Pianoforte] stets als "Klavier" übersetzt?


    Dank der HIP-Bewegung wird jetzt bei entsprechenden Einspielungen immerhin zwischen Hammerflügel, Fortepiano und anderen Varianten deutlich unterschieden, wobei zumeist auch das entsprechende Instrument namentlich erwähnt ist [d.h. also: Hersteller, ggfs. Vorbild, Baujahr usw...]


    Im Französischen unterscheidet man [zumindest in dieser Region hier] zwischen dem Piano = Klavier und dem grand Piano = Flügel. "Flügelkonzert" klingt allerdings auch irgendwie bescheuert...


    Gibt es überhaupt Einspielungen, bei denen der Interpret tatsächlich auf einem schnöden Klavier spielt?


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    Viele Grüße
    Ulli

  • Salut,


    das ist durchaus nicht am Thema vorbei. Ein Pianoforte ist für meine Begriffe [!] das heutige Klavier [nicht also der "Flügel"], das mit dem Fortepiano [der heutigen Flügelform weitestgehend entsprechend] des 18. Jahrhunderts bis auf die gleichen Buchstaben [in anderer Reihenfolge] klanglich garnichts zu tun hat. Das Fortepiano ist das eigentliche Hammerklavier, dessen Saiten im Gegensatz zum Cembalo und anderen Kielinstrumenten nicht angerissen, sondern [mit kleinen "Hämmerchen"] angeschlagen werden. Gleichzeitig - um mich etwas zu korrigieren- ist Pianoforte mich doch auch der Oberbegriff für unkielige Tasteninstrumente.


    Der Ausdruck "Fortepiano" bzw. "Pianoforte" soll bedeuten, dass man auf dem Instrument die Lautstärke "regulieren" kann. Zusätzlich wurde bereits zu Mozarts Zieten [durch Walther] ein "gänzlich neu verfertigtes Pianoforte mit Pedal" [oder so ähnlich] gebaut.


    Unterdem Eintrag "Klavier" wird bei Wikipedia [was mich arg erstaunt 8o ] ein kleiner Flügel abgebildet und nicht etwa ein Klavier, bei dem die Saiten horizontal angebracht sind [und was zumeist viel übler klingt :stumm: ].


    Was mich wundert ist, dass es für die Kielinstrumente jeweils eine eigene Bezeichnung [Cembalo, Clavichord, Spinett...] gibt, die heute deutlich angegeben, beim "Klavierkonzert" jedoch - egal, ob von Bach, Mozart, Beethoven, oder Rachmaninov - stets "das Klavier" als Soloinstrument genannt wird, wobei hier idR Regel moderne Flügel zum Einsatz kommen.


    Als Ausnahme habe ich einmal "Cembalokonzerte" gelesen, weniger "Spinettkonzert", niemals "Hammerklavierkonzert" [wohl aber "Hammerklaviersonate"] und in Originalhandschriften zumeist "Concerto per il Fortepiano" [oder "...Pianoforte"].


    :hello:


    Ulli

  • Aber hat nicht Mozart schon in sein eigenhändiges Werkverzeichnis "Klavierkonzert" hineingeschrieben, obwohl er es für ein/sein Fortepiano/Pianoforte schrieb?
    Wie bezeichnete er eigentlich seine Werke für Cembalo?


    FragFrag
    Violoncellchen
    :hello:

  • ich denke es ist ein Problem der deutschen Sprache, über das sich im Nachhinein aufzuregen nicht lohnt.


    "Piano" ist als Abkürzung aus "Pianoforte" (Hammerklavier) entstanden.
    "Klavier" bezeichnete alle Tasteninstumente einschließlich der Manuale der Orgel.
    Daß dieser altehrwürdige Begriff auf die sehr viel spätere Erfindung des "upright piano" überging, und die herkömmliche waagrechte "Piano"form den Namen "Flügel" bekam, scheint mir die eigentliche Fehlentscheidung zu sein. Da waren nämlich viele Klavierkonzerte schon komponiert und die Gattung als solche etabliert.
    Finden wir uns mit dem Unfug ab - oder wollen wir versuchen, die deutsche Sprache mit dem vermeintlich englischen, in Wirklichkeit historisch nicht unkorrekten "Piano" zu infiltrieren?


    Die aufrechte Bauweise ist nichts weiter als ein fauler Kompromiss, um Platz zu sparen (die kürzeren, dickeren Baßseiten klingen unharmonisch, die Hämmer können nicht wie beim Flügel nach dem Anschlag durch ihr Eigengewicht zurückfallen, daher völlig anderes Spielgefühl und Probleme mit der Repetiergeschwindigkeit, etc.).
    Bitte nicht versuchen, damit eine Aufnahme zu machen. Selbst ein Stutzflügel würde nur erbärmlich klingen. Aufnahmen tendieren dazu, wie eine Lupe gerade die Schwachstellen hervorzuheben.


    Gruß, Khampan

  • bin kein Musikwissenschaftler, das mal vorweg...


    Meines Wissens wurde vor Mozart fast alles als Klavier bezeichnet, d.h. Orgel (gab viele ohne Pedal), Cembalo, Spinett, Tafelklavier usw.
    Das hat mit dem heutigen Klavier und dem Flügel gar nichts zu tun. Klavier kommt aus dem lateinischen Wort "clavis", was "Taste" bedeutet. Somit ist ein Klavier erst einmal ein Tasteninstrument. Somit ist ein Klavierkonzert erstmal auch "nur" ein Konzert für ein Tasteninstrument. Ob man ein Beethovenklavierkonzert nun mit Hammerflügel, Cembalo, Klavier oder modernen Flügel spielt, steht so nirgends da.
    Ein Beispiel ist auch: das Wohltemperierte "Klavier". Damals gab es, soweit ich weiß, nur Clavichorde und keine Klaviere im eigentlichen Sinn (widersprecht mir, wenn ich unrecht habe). Naja, jedenfalls war "Klavier" ein Überbegriff und somit war der potentielle Noten-Käufer alle Tasteninstrumentalisten, die es so gab.
    Ich denke mal, dass aus dem gleichen Grund man von "Klaviersonaten" und nicht von "Flügelsonaten" spricht.
    viele Grüße

    Die Dame des Hauses erhebt sich vom Klaviersessel: "Das war Siegfrieds Tod." Ein Zuhörer zu seinem Nachbarn: "Kann ich verstehen."