Die Rezeption des Gregorianischen Chorals in der Kunstmusik

  • Liebe Forianer,


    die Gregorianik war für viele Komponisten eine wichtige Inspirationsquelle, zumeist aber auch ein Ausdruck ihrer Gläubigkeit.
    Nachdem die Benediktinermönche im Kloster Solesmes in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts den Gregorianischen Choral nach dessen Vergessenheit wieder rekonstruierten, war er auch für die Kunstmusik sehr interessant.


    Als einer der ersten ließ Hector Berlioz ein direktes Zitat aus der Gregorianik in sein Werk einfließen. Das berühmte "Dies irae, dies illae" aus der gregorianischen Totenmesse findet im Schlusssatz der Symphonie fantastique seine Verwendung. Wie die Glocken des Jüngsten Gerichts muten die Klänge, die Zitate in diesem Werk an. Sehr beeindruckend! Damals war das natürlich eine heikle Sache: Die Verbindung von kirchlichen Gesängen in absolut weltlicher Musik war vollkommen neu.


    Das "Dies irae" wurde auch von Liszt (Totentanz) oder Rachmaninoff (Paganini-Rhapsodie) zitiert.


    Welche Einflüsse der Gregorianik könnt ihr im 19. und 20. Jahrhundert entdecken? Es gibt mehr, als man denkt.



    Liebe Grüße,
    Peter.

  • Ein sehr prominenter Versuch ist wohl das Requiem von Duruflé, dessen künstlerisches Konzept offenbar darin besteht, dass die gregorianischen Gesangszeilen scheinbar erratisch über einen wabernden Orchesterteppich gelegt sind. Ich muss das leider zur Zeit im Chor mitproben, was eine Qual ist.

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • Maurice Duruflé ist ein gutes Beispiel:


    Seine "Quatre Motets sur des Thèmes Grégoriens op. 10" für gemischten Chor a cappella aus dem Jahr 1960 schätze ich sehr:


    Die kurzen Einzelsätze Ubi caritas et amor/ Tota pulchra es/ Tu es Petrus und Tantum ergo kombinieren die gergorianischen Choräle mit modernen Harmonien und Stimmführungen.


    Ich empfinde sie als sehr stimmungsvoll und meditativ.

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • na da fällt mir auch jemand ein:


    Charles-Marie Widor (1844 - 1937)


    "Einen neuen Weg schlägt der reife Widor mit der Symphonie gothique op.70 (1894) und der Symphonie romane op.73 (1899) ein. Sie sind gekennzeichnet durch einen eher gedämpften, spirituellen Charakter sowie einen freieren, deklamatorischen Stil unter Verwendung gregorianischer Themen.


    Ebenfalls gregorianische Themen verarbeitet Widors Spätwerk, die Suite latine op.86."


    Quelle: Wikipedia

  • In Duruflés Ouevre wird wohl die höchste Gregorianikdichte überhaupt zu finden sein.
    Das Requiem besteht aus vielen originalen Choralmelodien, die mal stringent über der Orchesterbegleitung gesungen werden, aber auch mal fugatisch bearbeitet werden.
    Das ist auch der Grund, warum es so viele Taktwechsel in diesem Werk gibt. Man kann den Choral ja nicht genau in Takte und Betonungen einteilen, wir haben ja hier einen frei fließenden Rhythmus und der kommt bei Duruflé ziemlich gut rüber.


    Mein Lieblingswerk von Duruflé variiert den Choral "Veni Creator spiritus" ("Komm Schöpfer, Heiliger Geist") im 3. Satz einer Orgelsuite.
    Der Choral ist vielleicht einer der einprägsamsten des Repertoires, sehr leicht sing- und sehr schnell lernbar.


    Über diesen Choral hat übrigens Paul Hindemith eine Fantasie in seinem Orgelkonzert (1963) geschrieben.


    andythr : Danke für den Widor-Tip. Ist parallel dazu Boellmanns Suite Gothique auch auf Gregorianik aufgebaut?



    Gruß, Peter.

  • Gregorianische Einflüsse sind bei sehr vielen zeitgenössischen geistlichen Chor-Kompositionen zu finden. Diese Einflüsse sind derart häufig und verbreitet, dass man meint es gehöre zum guten Ton, sich in seinem kompositorischen Schaffen auf das Mittelalter zu berufen.


    Um mal eine Theorie aufzustellen: Das liegt aber sicher auch daran, dass der Gestus und "Sound" der Gregorianischen Choräle eine fast unerreichte Ruhe und geistige Insichgekehrtheit vermitteln, die wohl für viele Christen bzw. christlichen Komponisten erstrebenswert ist.


    Außerdem bauen viele geistliche Chorwerke auf den gregorianischen Singformeln auf, nicht nur vom Melodieverlauf her sondern auch im Sinne der Struktur eines Werkes. Die Messe bspw. hat sich ja über die Jahunderte auch nur wenig verändert und ist auch heute noch ähnlich aufgaebaut wie vor 600 Jahren.
    Interessant finde ich die Frage, wieso hier keine wirklich neuen Formen gefunden worden bzw. sie sich nicht recht etabliert haben..?



    Liebe Grüße, der Thomas.

  • Ottorino Respighis "Concerto Gregorinano" für Violine und Orchester nimmt ja schon in seinem Titel Bezug auf die Gregorianik.
    Allerdings ist mir nicht bekannt, ob Respighi dabei auf Originalmaterial zurückgegriffen hat oder ob er die Gregorianik lin diesem Werk lediglich nachempfindet. Weiß jemand mehr darüber?


    Viele Grüße
    Frank

  • Da fällt mir ein, dass ich es das Concerto Gregoriano tatsächlich schon mal im Konzert erlebt habe (Solist: Ingolf Turban). Sehr schöne Musik, aber inwiefern die Gregorianik da tatsächlich zitiert wurde...?

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • Zitat

    Original von petemonova


    Nachdem die Benediktinermönche im Kloster Solesmes in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts den Gregorianischen Choral nach dessen Vergessenheit wieder rekonstruierten, war er auch für die Kunstmusik sehr interessant.


    Huch, verstehe ich nicht... was haben die denn da rekonstruiert?


    Zwar gab es verschiedene "Dialekte" des Gregorianischen Chorals (vielleicht haben sie einen davon rekonstruiert?), aber der ist doch im Großen und Ganzen über die Jahrhunderte hindurch ohne Unterbrechung gepflegt und praktiziert worden, so wie er im "Graduale Romanum" gedruckt steht ???


    Gerade auch die Requien der Renaissance basieren häufig auf dem Material der Greorianik (zumindest ist mir das oft beim Introitus und Kyrie aufgefallen), nur dass sie eben mehrstimmig sind.


    Habe neulich in einem Booklet gelesen, dass Mozart eine "Melodie" aus Michael Haydns Requiem in seinem eigenen Requiem (te decet hymnus...) und in der Mauerischen Trauermusik "zitiert" hätte. Blödsinnige Behauptung. Diese Tonfolge basiert auf dem gregorianischen "Psalmton" tonus peregrinus, der "Neunte Ton", auf dem auch heute noch das Magnificat rezitiert wird. Siehe Gotteslob Nr. 689. Dieser Psalmton wird sehr häufig zitiert, ich wollte schon immer mal eine Zusammenstellung machen. In Joseph Gabriel Rheinbergers Orgelsonate Nr. 4 spielt er eine zentrale Rolle, meine Empfehlung, sich das mal anzuhören.




    das Psalmtonzitat ist in dem JPC-Hörausschnitt leider nicht zu hören...


    p.s.: ich merke gerade, dass bei Mozart, M.Haydn und Rheinberger der zitierte Psalmton doch nicht eindeutig mit dem Psalmton IX aus dem Gesangbuch übereinstimmt. Ich werde diesen Freitag die Psalmtonfrage recherchieren und dann Notenbeispiele zur Verfügung stellen.

  • Hallo Markus,


    da ich nicht mehr so frisch im Stoff stehe wie damals, verweise ich mal auf den wikipedia-Artikel, in dem relativ verständlich dargestellt wird, wie sich der Choral weiterentwickelte und so immer mehr seine ursprüngliche Form verlor, die halt dann erst wieder im 19. Jahrhundert von den Solesmes-Mönchen rekonstruiert wurde.


    KLICK



    LG, Peter.

  • Hallo Peter,


    Danke für den link, muß mich mal ausführlicher mit dem Thema beschäftigen.


    Ich denke mal, dass die bekanntesten gregorianischen Melodien wie das stabat mater und der Requiem-Introitus (das dies irae ist je eh eine ziemlich späte Zutat) einigermaßen unverfälscht überliefert wurden und eine Restaurierung dieser "Hits" nicht nötig war. Aber eine gute Anregung! Danke.