Franz Schubert: 2. Sinfonie B-Dur - die Liebe und das Mädchen

  • Hallo, liebe Musikfreunde,


    Schuberts 210. Geburtstag ist ein schöner Anlass, an das Werk zu erinnern, wo ich ihn völlig unbeschwert und erfüllt von Glück sehe, seine 2. Sinfonie in B-Dur. Im Winter 1814-15 entstanden, als Schubert 18 Jahre alt wurde, ist auch sie wie Beethovens 7. Sinfonie eine Musik der Liebe. Er hatte im November 1813 die Uraufführung der 7. Sinfonie gehört, und das war wohl immer sein Lieblingswerk von Beethoven. Wo Beethoven im Adagietto gerade eben die drohende Katastrophe vermeiden kann, komponiert er sie 1825-26 im langsamen Satz der Großen C-Dur Sinfonie aus. Doch davon ist die 2. Sinfonie noch 11 Jahre entfernt.


    Seinen Lebensweg zu finden wurde ihm nicht einfach gemacht. Er kam als das 12. von 14 Kindern zur Welt. Die meisten von ihnen waren sehr früh gestorben, ein älterer Bruder und die jüngste Schwester während seiner ersten Lebensjahre. Mit wie viel Liebe wird sich die Mutter gesorgt haben, dass er - immer der Kleinste von allen - als einer der wenigen überlebt. Der Vater liebt die Musik, Schubert spielt im familiären Streichquartett die Bratsche. Als er 1808 die Aufnahme als Sänger für die Hofkapelle bestanden hatte, sieht der Vater ihn mit großen Erwartungen an das erst neu gegründete Konvikt ziehen. Doch bald kam es zu zermürdenden Auseinandersetzungen. Während der Vater wenigstens für einen Sohn die Karriere durch den Besuch der kaiserlichen Eliteschule zum Greifen nahe sah, wollte der nichts als Zeit und Muße zum Komponieren.


    Das erste Lied entstand 1811 und handelt von Hagar, die verstoßen von Abraham in der Wüste Gott um Hilfe für sich und ihren Sohn bittet. Schubert kann sich mit ihr identifizieren. Sein Vater verbietet ihm von der Schule nachhause zu kommen. In dieser Zeit der Trennung starb im Mai 1812 die Mutter. Danach kommt es vorübergehend zu einer Versöhnung, doch im Herbst 1813 entscheidet sich Schubert gegen den Rat des älteren Freundes und des Vaters, das Konvikt zu verlassen. Die Anforderungen insbesondere in Mathematik werden ihm zu schwer, und er fühlt, dass er unter diesen Bedingungen keine Lieder schreiben kann.



    Franz Schubert, Zeichnung von Kupelwieser 1813


    Daher geht er kurze Zeit auf ein Lehrerseminar und beginnt in der Schule des Vaters als Hilfslehrer. Der Unterricht ist hart, aber er kann durchsetzen, dass ihm täglich einige Zeit zum Komponieren bleibt. In diesem Jahr entsteht die F-Dur Messe. Unter den Sängerinnen fällt ihm die etwas jüngere Therese Grob auf. Als er sie kennenlernt, komponiert er im Oktober 1814 das Lied von Gretchen am Spinnrad. Anfang 1815 schreibt er in einem Brief über seine Gefühle zu Therese. Alle Verdüsterung nach dem Verlust der Mutter, die gestorbenen Geschwister, von denen er höchstens die Gräber kennt, die Enge zuhause und die demütigende Prügel durch den Vater, der Unterricht am Konvikt, dem er nicht folgen kann und mag, das ist wie verflogen, wenn er sie trifft. In diesen Monaten entsteht die 2. Sinfonie.



    Therese Grob (1798 - 1875), heiratete 1820 den Bäcker Johann Bergmann, beide hatten ein Kind, Amalia Bergmann (1824 - 1886), Schuberts Bruder Ignaz heiratete 1836 ihre Tante Wilhelmine


    Für einen Moment ist er in der Musik mit sich selbst völlig im reinen. Wie viel Selbstbewußtsein, das Gefühl erwachender schöpferischer Kraft und Lebenslust. Das wird sich in keiner der späteren Schubertiaden mehr wiederholen, auch wenn er im Mittelpunkt eines Zirkels aufgeschlossener Musikliebhaber stehen wird. Zu Therese konnte er alle noch längst nicht überwundene Trauer vergessen, ohne sich irgend jemandem gegenüber schuldig fühlen zu müssen, und ohne die unsichere Frage, ob die Hörer an ihm und seiner Musik oder nur am gesellschaftlichen Ereignis interessiert sind.


    Zwar weiß er früh, dass es mit Therese nicht so gehen wird, wie es anfangs erschien - er verfügt über kein ausreichendes, geregeltes Einkommen, ihre Eltern würden daher einem Eheantrag nicht zustimmen -, aber er hat seine musikalische Sprache gefunden. In den folgenden 2 Jahren schreibt er unter den schwierigen Bedingungen als Hilfslehrer 250 Lieder, darunter Wanderers Nachtlied Juli 1815, Heideröslein August 1815, Erlkönig Oktober 1815, Der König in Thule Anfang 1816. Wer will urteilen: War das schwerer für ihn, wie die erste Liebe ihn reif gemacht hatte für seine großen Lieder und seine unverwechselbare Ausdruckskraft, und ihn das Komponieren zugleich vom geliebten Mädchen wegführte in eine andere Welt, in der all die innersten Regungen doch hervorkommen konnten; oder für sie, die ihn gerade dadurch wachgerufen hatte, dass sie ganz einfach alles Gute für ihn wollte, und nun spüren mußte, wie er sich immer mehr von ihr entfremdete, je mehr sie ihm geholfen hatte, den eigenen Weg zu finden?


    7 Jahre später schrieb er im Juli 1822 einen Traum auf, der wie eine Lebensbilanz klingt. "Lieder sang ich nun lange lange Jahre. Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe." Wenige Monate danach entstanden 1822 die beiden Sätze der h-Moll Sinfonie.


    Die 2. Sinfonie steht unmittelbar bevor sich Schubert von Schmerz und Liebe "zerteilt" fühlte, wie er sich selbst im Traum sah. Als einziger hat William Steinberg mit dem WDR Sinfonieorchester Köln genau den Ton getroffen, wie ich diese Sinfonie verstehe. Die Aufnahme ist hin und wieder im Radio zu hören.


    Viele Grüße,


    Walter


  • :yes: die Box ist super ja :]
    habe sie vor etlichen Jahren noch etwas teurer erstanden - dafür durfte ich sie aber auch schon viel eher hören :D


    :hello:
    Stefan

  • Kann mich nur anschließen, was Harnoncourt hier entfesselt ist unglaublich. Die Zweite ist darauf meine absolute Lieblingssymphonie.

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Hi , Georgius!


    Habe justament heute die 2te symphonie schuberts in der schule gehört, irgendwas sinnvolles muss man an diesem grauenhaften ort ja tun :]


    Besonders in bann gezogen hat mich der 3te satz


    Hast du auch einen liebsten satz, oder gefällt dir die ganze sinfonie durchgehend sehr gut ?


    LG florian


    :hello:


    Barezzi :


    Da hab ich vielleicht weniger gezahlt,


    aber hierfür mussten meine eltern 320 euro hinblättern :D :




    LG florian


    :hello:

  • @celloflo:
    Also eigentlich liebe ich den 4. Satz am meisten, dann noch den 1. Dieses Anschwellen, das sich urplötzlich zu einem Orkan steiget. Und DAS bringt Harnoncourt unvergleichlich. :jubel: :jubel: :jubel:


    Bei den dritten Sätzen tendiere ich bei Schubert zu seiner Ersten und der Sechsten (die mir ansonsten weniger zusagt).


    Muss mich verbessern: Die Zweite ist meine Lieblingssymphonie von Schubert!!!




    Meine absolute Lieblingssymphonie ist Beethoven 7 (Im Namen Ludwigs, der Siebten und Carlos Kleiber. Amen. :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: )

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Hi , Georgius!


    Das mit beethovens siebter kann ich unabhängig vom interpreten sofort nachvollziehen :yes:


    Habe dieses werk bereits im orchester gespielt und es ist einfach genial.


    In jedem satz steckt etwas spannendes drin


    :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:


    LG florian

  • wieder zurück zum thema (danke walter.t):


    die sinfonie spiegelt wahrlich unbeschwerte jugendliche lebensfreude.
    ein lebensgefühl, in dem man noch glaubt, der welt einen haxen ausreißen zu können, wie man hierzulande sagt.


    nachtragen könnte man ein paar daten:


    die deutschnummer d125 {sollte man auch im titel hier und dann im threaddir}


    autograph in der gesellschaft der musikfreunde in wien


    erste belegte aufführung: 20.10.1877 in london, vielleicht wurde sie aber schon von schuberts schulorchester oder einem liebhaberverein um 1816 gespielt, die besetzung:
    2 fl., 2ob., 2 klar., 2 fag., 2 hrn., 2 trp., pauken und streicher
    würde gepasst haben.


    aufführungsdauer ~32 min.


    der 1. satz, largo -allegro vivace, weist 614 takte auf und hebt prunkvoll an um dann beschwingt mit erheblicher motorik kaum ein ende zu finden.


    der 2.satz, andante, 122 t., ist der einzige variationensatz in einer schubertsinfonie. es sind 5, die das romanzenhafte thema vor allem klangfarblich darstellen, wobei ich bei der 4., der moll-variation, die nach ca. 5 minuten kommt, immer einen blick in die zukunft erlebe, auf den 3. satz von schumanns vierter, op120. das ist für mich "deutsche studentenherrlichkeit".


    der 3.satz, menuetto. allegro vivace, hat nur 68 t.


    dafür ist der 4.satz, presto vivace, 727 t. lang, wovon die 4 einleitenden mir bemerkenswert wie ein fade-in vorkommen. dann geht es -auch nur mir subjektiv- wie in einem vitalen ritt sehr rossinihaft weiter. diese verknüpfung wird gemeinhin bei der 6., d589 vorgenommen.


    aufnahmen:
    die sinfonie ist meist im rahmen von ga zu erwerben, deren tonträgerhistorisch erste leider nie auf cd erschienen ist (denis vaughan/orch. of naples, 1964, ein ewiges desideratum von mir, wenn ich mir den verweis auf unseren basar erlauben darf :baby: )


    auf meiner suche nach d944 sehe ich mich bisweilen gezwungen, ga zu kaufen, weil mir das risiko, dass die dann später doch nicht einzeln verramscht werden, zu groß ist.


    daher habe ich jetzt
    alain lombard/o della svizzera italiana, 1998
    wilhelm keitel/putbus festival orch, 1997
    harnoncourt/royal concertgebouw, 1992
    horst stein/bamberger sym, 1985
    istvan kertész/wiener phil, 1971

    gehört und kann ebenfalls ullis liebling weiterempfehlen, sehr angetan bin ich aber auch von kertész.


    :hello: aus schubert-town

  • Zitat

    Original von georgius1988


    Muss mich verbessern: Die Zweite ist meine Lieblingssymphonie von Schubert!!!


    Das lese ich mit großer Freude. Ich mag die Zweite auch sehr, sie reißt mich immer wieder mit, auch wenn sie m. E. an die Große C-Dur nicht ganz herankommt. Aber von den frühen Sinfonien auf jeden Fall die bemerkenswerteste. Es ist jedoch bei allen frühen Schubert-Sinfonien wichtig, dass die Sätze mit Biss und dem gehörigen Tempo angepackt werden und nicht wie ein nasser Mehlsack daherschleifen. Das gilt besonders für die dritten Sätze (wenn die zu langsam sind, kommt die "1" nicht mehr richtig durch und die Musik verliert an Struktur).


    Ich habe mal mehrere Dirigenten verglichen:


    Horst Stein GA: schleppt.
    Karajan (60er??): schleppt.
    Muti GA: schleppt.
    Blomstedt GA: schleppt.
    Sawallisch (von mir sehr geschätzt): gut.
    Wand K-RSO: in Ordnung.
    Keitel, Putbus FO: sehr schnell, er übertreibt es schon fast, auch wenn es sich sauber anhört.
    Colin Davis und Harnoncourt scheinen in ihren GA die Tempi auch recht fetzig zu nehmen, gut so. Werde mir ihre Aufnahmen noch zulegen.

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • Zitat

    Original von Draugur
    Colin Davis und Harnoncourt scheinen in ihren GA die Tempi auch recht fetzig zu nehmen, gut so. Werde mir ihre Aufnahmen noch zulegen.


    Also unter Harnoncourt ist sie durchaus hörenswert :yes:
    Kauf Dir ruhig die GA - auch der Rest ist interessant 8)


    :hello:
    Stefan

  • Barezzi


    Volle Zustimmung. Positiv haben mich bei Harnoncourt auch die beiden letzten Symphonien überrascht. Einerseits typisch Harnoncourt, frisch und ein neuartiges Hörerlebnis, andererseits zeigt er doch die Unterschiede im Stil zwischen dem jungen und dem "alten" Schubert. Alles in allem ein fantastischer sehr gut durchhörbarer Zyklus, der keine Wünschen offen lässt (mein zweiter Zyklus - Muti, VPO - ist eher fade).

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Giorgio, Du sprichst mir aus dem Herzen 8)
    Muti fand ich in der Tat fad (das ist genau das richtige Wort - in irgendeinem Fred hab ich das mal in anderer Formulierung geschrieben).
    Von diesen beiden GA höre ich eigentlich fast nur noch die vom Nikolausi :D
    (hab ja keine Schlafprobleme :pfeif: )


    :hello:
    Stefan

  • Angeregt durch diesen Thread habe ich gestern der Zweiten Symphonie von Schubert mein Ohr geliehen, konnte aber zu keinem wesentlich anderen Höreindruck gelangen als davor: das Werk sagt mir so gar nichts.


    Hingegen macht die Nummer 3 mich so richtig glücklich, ich ziehe sie sogar den Symphonien in h-moll und C-dur vor.


    Meine favorisierten Aufnahmen sind die Hanover Band unter Goodman (spottbillig bei Brilliant) und, deutlich sauberer und eine Spur trockener Anima Eterna unter Immerseel (ebenfalls sehr preiswert bei Sony). Harnoncourts Dritte habe ich auch gehört, aber das liebe Werk wurde mir in seinen Händen zur Qual - lag vielleicht auch an den modernen Instrumenten, ich weiß es nicht.


    :hello:
    Flo

  • Die Dritte ist nicht zu verachten (war lange Zeit meine liebste Schubert), wobei ich hier die Aufnahme unter C. Kleiber favorisiere. Harnoncourt schafft es zwar mehr Klangfarben darzulegen, Kleiber ist aber noch eine Spur fiebriger und quirliger.


    An die Zweite unter Harnoncourt kommt aber Kleiber mit der 3. IMO nicht ran. Für mich ist sie beste aus dem Trio 2., 3., 4.

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Das ist interessant - die 4. mag ich von allen frühen Schubert-Symphonien am wenigsten. Und Carlos "high octane" Kleiber kommt mir eh' nicht ins Haus, am allerletzten mit Schubert!


    So sind die Geschmäcker verschieden...


    Die erste höre ich übrigens auch immer wieder gerne, die 5. hat wunderschöne Momente, die 6. ist irgendwie immer vorbei bevor ich richtig was gemerkt habe. Aber die 2. und die 4. gehen mir (im Moment) irgendwie "gegen den Strich" und nerven mich aktiv. Zuviel Aktivität, die Dritte ist da viel elysisch-halkyonischer (wenn nicht gerade Carlos Kleiber dirigiert, natürlich), vor allem im langsamen Satz. Ein Traum von einem Stück, ein Stück pures Glück...


    Muss ich gleich mal auflegen hier!


    :hello:
    Flo

  • Es ist ja richtig erfrischen mal zu lesen, dass jemand C. Kleiber nicht mag, aber im ernst, die Dritte bei ihm ist schon sehr spannungsgeladen (so ähnlich wie man schon das Surren bei einem Transformatorenhäuschen hört, wenn man näher kommt).


    Aber eine generelle Ablehnung gegen ihn, nana, nie seinen Beethoven oder Brahms gehört??? 8o


    Was genau stört dich an ihm, außer die Spannung?


    Seine Achte höre ich immer wieder gerne, aber da finde ich (ich gebs nur ungern zu:) Karl Böhm (BP) fast besser.


    Zur fünften: unter Böhm (WP) ist sie fade und lasch, unter Harnoncourt frisch aber leider immer noch fad: Ich kann mit dieser Symphonie nix anfangen, ebenso wenig mit der 6. (die mag ich unter Muti noch am liebsten).

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Zitat

    Original von georgius1988
    Aber eine generelle Ablehnung gegen ihn, nana, nie seinen Beethoven oder Brahms gehört??? 8o


    Was genau stört dich an ihm, außer die Spannung?


    Auch wenn's jetzt offtopic wird: seine Art von Spannung stört mich, weil sich dann für mich die Musik nicht mehr entfalten kann. Ich bekomme die Werke ungern aufs Trommelfell gepeitscht, ich schätze es mehr, wenn die Musik sich entfalten darf (stell' Dir einfach einen harmlos-gebrechlichen, leicht infantilisierten Lehnstuhlbewohner vor, der sonst einen Herzkasper bekommt ;-) ).


    Zuviel Elan, zuviel Energie, zu hohe Spannung.


    Ich hab's gern ein bisschen bräsiger.


    :hello:
    Flo

  • D'accord.


    Wer sind da bei den beiden Wahlwienern die Favoriten?


    Mensch, sind wir offtopic (aber mich interessierts jetzt einfach).


    LG
    Georg

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Beethoven und Brahms, die besten Musiker die in den letzten 300 Jahren aus Deutschland nach ÖSterreich gekommen sind.


    LG
    Georg

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

    Einmal editiert, zuletzt von georgius1988 ()

  • Lieber Georg,


    jetzt ist die Sache klar - Bruckner z.B. war ja auch ein Wahlwiener wenn auch nicht zugleich Wahlösterreicher.


    Und ich soll jetzt einem von beiden den Vorrang geben: dann muss es Beethoven sein, wenn ich auch einzelne Werke von Brahms sehr hochschätze. Aber in der Summe bleibt der Bonner Meister unangefochten, er hat ja nicht nur c-moll und große titanische Ausbrüche komponiert :-).


    Zum Glück muss man sich nicht zwischen Komponisten entscheiden, sondern kann alles haben!


    Herzlicher Gruß,
    Flo

  • Jaja, die großen Bs mit denen sich die Wiener so gerne schmücken waren allesamt von außerhalb. Kann man daraus Rückschlüsse ziehn? :stumm:


    Was ich eigentlich gemeint habe: Da Kleiber ja für Beethoven und Brahms ausfällt, welche Dirigenten bevorzugst du da (v.a. bei den Symphonien)?


    LG
    Georg

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Lieber Georg,


    dadurch wird es nicht wesentlich leichter...


    Beethoven:
    Harnoncourt
    Klemperer
    (leider beide auf modernen Instrumenten)


    Brahms:
    Chamber Orchestra of Europe/Berglund
    Klemperer
    Toscanini
    (ebenfalls leider auf modernen Instrumenten).


    Aber wunschlos glücklich bin ich auch abgesehen vom Instrumentarium mit den Aufnahmen nicht, bin allerdings noch nicht dazugekommen, wenigstens bei Beethoven die HIP-Angebote mal durchzuhören.


    Generell höre ich im Moment aber eher selten Symphonien der großen Bs, ich bevorzuge im Moment stillere Gewässer.


    :hello:
    Flo


  • Der da wäre:



    Anima Eterna
    Jos van Immerseel


    :P


    Später vielleicht mehr dazu - Medard kann es besser in Worte fassen.


    :hello:


    Ulli

  • Über sechs Jahre wurde hier nichts geschrieben. Das allein spricht ja eigentlich schon Bände über die Bekanntheit und Beliebtheit der Zweiten von Schubert.


    Zugegeben: Bis vor kurzem hätte ich, spontan auf dieses Werk angesprochen, auch kaum zu mehr als einem Achselzucken durchringen können. Sicher, gehört habe ich sie bereits vor Jahren, und zwar im Rahmen der Gesamtaufnahme von Karajan. Einen bleibenden Eindruck hinterließ sie m. E. damals nicht, wobei das nicht unbedingt an Karajan liegen muss, sondern vielleicht auch daran, dass ich seinerzeit in kurzer Zeit alle Symphonien von Schubert hörte und die Zweite dann naturgemäß wohl eher unterging.


    Sei's drum. Vor einigen Wochen hörte ich ganz zufällig im Radio (man muss wissen, dass ich fast nie bewusst Radio höre) ein feuriges Werk, das mich dazu zwang, bis zum Ende auszuharren. Ein Freund und ich tippten lange, was es denn sein könnte. Ich tendierte fast schon zu Rosssini oder irgendeinem anderen Italiener. Über Frühromantik waren wir uns schnell einig. Nach der furiosen Coda, sie sich gewaltig steigerte, die Auflösung: Es war Schuberts Zweite (Dirigent war Immerseel)! Wer hätte das gedacht? Schubert, und ausgerechnet eines seiner Frühstwerke? Der Symphoniker Schubert lief, bis auf die "Unvollendete" und die "Große C-Dur", bei mir lange unter "ferner".


    Bald suchte ich nach Aufnahmen und landete schnell bei Karl Böhm, der bei YouTube mit sage und schreibe drei Live-Aufnahmen aus den 70ern vertreten ist: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks 1973, Wiener Philharmoniker 1976 und London Symphony Orchestra 1977. Verglichen mit Immerseel war die Interpretation geradezu betulich, was nicht heißen soll "schlecht". Auf jeden Fall nicht so "italienisch", viel bodenständiger. Böhm scheint wohl ein Anhänger dieses eher unbekannten Werkes gewesen zu sein, diese hohe Zahl an Live-Mitschnitten spricht dafür.


    Zwei Aufnahmen, die ich mittlerweile fast als meine Favoriten benennen würde, sind jene von Maazel (Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks) und Abbado (The Chamber Orchestra of Europe). Erstere ist vielleicht die beste ganz klassisch-großsymphonische Interpretation der neueren Zeit, letztere vielleicht die durchhörbarste, "italienischste". Dazu sei angemerkt, dass das Chamber Orchestra of Europe nie wie ein kleines Kammerorchester klingt, ganz im Gegenteil: voll und wuchtig, auch paukenstark.




    Ich kann der in diesem Thread geäußerten Meinung nur beipflichten: Die Zweite ist für mich die beste unter Schuberts "frühen" Symphonien und eine echte Entdeckung, die es wert wäre, öfter im Konzertsaal gespielt zu werden.

  • Früher als ich es eigentlich geplant hatte, hat sich „Joseph II“ dem Thread mit Schuberts unterschätzter 2. Sinfonie befasst – und mir zugleich die Entscheidungen abgenommen ob ich die geplanten „Interpretationsvergleiche in eben diesem – oder einem völlig neuen Thread unterbringen soll. Ich schließe mich übrigens der Meinung meines Vorschreibers an, dass die Sinfonie mehr als hörenswert ist. Ihren relativ geringen Stellenwert verdankt sie vermutlich der Tatsache, dass einst ein Kritiker oder Musikhistoriker aus der Tatsache heraus, dass es sich um eine Sinfonien eines Jugendlichen handelt, ihr Mängel vorgeworfen. Und über hundert Jahre wurde dieses Verdikt immer wieder kritiklos übernommen.
    Ich gestehe, dass mich vor allem das Endergebnis in seiner Gesamtwirkung auf mich interessiert, nicht aber ob es „originell“, „formal korrekt“ oder „revolutionär“ ist (letzteres schreckt mich zumeist eher ab) Wenden wir uns aber nun der zweiten Sinfonie unter Karl Böhm zu – ich beziehe mich auf die DGG –Aufnahme von 1972/73. Früher gab es die Sinfonien auch als Einzelveröffentlichungen mit Coverbildern von Tischbein.

    Der Beginn ist schon vielversprechend: Ernst und und bedeutungsvoll, aber schon nach wenigen Takten ändert sich das Bild: Freudig und vorwärts drängend.- Dann wieder - zwar bewegt - aber leiser, lieblich und wieder leuchtend strahlend, diesmal aber leicht zurückgenommen, bis wieder das Temperament überwiegt. Böhm verzichtet hier – wie sooft, wenn er Sinfonien der Wiener Klassik dirigiert - auf Übertreibungen. Seine Meisterschaft zeigt sich vor allem in der ausgewogenen Binnendynamik und der Wahl des immer wieder „richtigen“ Tempos – zumindest gelingt es ihm diesen Eindruck zu erzeugen….
    Selbst die Berliner Philharmoniker klingen unter seinem Dirigat „wienerisch“


    Der zweite Satz, das Andante wird von Böhm sehr subtil gestaltet, zögerlich verhalten, fast zerbrechlich zelebriert er ihn und holt das Möglichste in Sachen Lieblichkeit heraus.
    Er findet die optimale Balance zwischen Schönklang, unterschwelligem Raunen und vorankommen der Musik. Zu Beginn des letzten Drittels wird der Satz bestimmter, drängender und gibt ein wenig die Harmonie zugunsten des dramatischen Eindrucks auf. Böhm weiß auch hier, wie weit er gehen darf und verzichtet auf Überdramatik zuungunsten
    Der Gesamtharmonie. Anschließend geht es wieder in lieblichere Gefilde. Diese Wechsel werden von Böhm meiner Meinung nach geradezu optimal realisiert – es gibt kaum wirkliche Brüche. Verträumt klingt des Satz aus….


    Der dritte Satz ist energischer, aber Böhm kostet hier nicht den möglichen Spielraum aus, sondern entscheidet sich dafür, die Klassische Ausgewogenheit aufrecht zu erhalten. Das ist durchaus bewusst, denn von seinen Wagner-Dirigaten wissen wir, dass er auch anders kann…. Den „schubertschen Klang“ kann man besonders gut bei den Soloinstrumenten hören.


    Den „rossininahen“ 4. Satz gestaltet Böhm perfekt tänzelnd – dann wieder voll Feuer und Tempo – und gestaltet die leiseren Stellen zehr zurückhalten und gleichzeitig doch rhythmisch – zugleich nimmt er fast unmerklich das Tempo zurück. Die nächste Klangattack kommt umso wirkungsvoller. Dieses Wechselbad , Stile einer italienischen Ouvertüre (Schubert hat sich dessen ein weiteren Werken bedient) ist ein Meisterstück von Schubert, aber auch vom Dirigat Karl Böhms her, All die feinen Schattierungen werden ausgekostet, man hört auch sehr gut, dass es eben KEINE italienische Musik, sondern eben solche von Schubert ist….


    Mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Derzeit höre ich die zweite in der Interpretaton der Staatskapelle Dresden unter Herbert Blomstedt (aus der Gesamtaufnahme Box), einer Neuerwerbung, die auf positive Erwähnungen des Dirigenten im Tamino-Forum zurückzuführen ist. Ich habe lange gezögert, ob ich diese Aufnahme mit jener von Karl Böhm an Hand von Schlüsselstellen vergleichen soll, habe aber dann Abstand davon genommen, denn die Blomstedt Aufnahme ist neben der von Böhm (und Kertesz) eine der wenigen, die mich wirklich überzeugt, da möchte ich nicht Erbsen zählen - auf beiden Seiten. Die Einschätzung erfolgt daher ohne Bezugspunkt auf irgendwelche andere Einspielungen. Allein der Klang des Orchesters ist schon betörend, die Tempi entsprechen meinen Vorstellungen, der Gesamteindruck ist der einer "großen Sinfonie" Alles scheint hier zu stimmen: Die gelegentliche Wucht des Klanges, sein Liebreiz andrerseits, ebenso wie die Balance zwischen introvertierten und extrovertierten Stellen. Es wird gelegentlich behauuptet, die beiden ersten Sinfonien Schuberts seien an Haydn und Mozart orientiert. Ich persönlich kann das in dieser Interpretation nicht heraushören, da höre ich eher einen Hauch Beethoven und jede Menge - SCHUBERT.
    Ein sträflich unterschätztes Werk IMO, das vor Temperament und Liebreiz nur so strotzt.
    Und eine hervorragende ADD Aufnahme. Sie stammt vom Oktober 1980 und wurde in der Lukaskirche Dresden eingespielt.


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Ich glaube auch nach einigem Nachhören, dass Herbert Blomstedt eine der überzeugendsten Gesamtaufnahmen der Schubert-Symphonien vorgelegt hat. Daran haben zum einen natürlich er selbst, zum anderen aber auch die hier als formidabel zu bezeichnende Leistung der Staatskapelle Dresden und nicht zueltzt der (es wurde schon erwähnt) wuchtige und für die Entstehungszeit absolut hervorragende Klang ihren Anteil. Eine Glanzleistung an Schubert-Interpretation aus der ehemaligen DDR, die Blomstedt als einen der ganz bedeutenden Schubert-Dirigenten (m. E. gleichberechtigt neben Böhm) dastehen lässt. Es freut mich, dass Du es genauso siehst, lieber Alfred.