Symphonie-Schlüsse: originell, banal, langweilig oder unerwartet ?

  • Liebe Forianer,


    schon lange schwirrt mir dieses Thema im Kopf herum:


    es geht um den Schluß von Symphonien bzw. symphonischer Werke -
    seit Beethovens 3. bzw. 5.Symphonie gibt es diese endlosen, immer wieder zwischen Tonika und Dominante hin- und hertriumphierenden Schlußwendungen; bei aller Wertschätzung Beethovens kann einem das manchmal ganz schön auf die Nerven fallen (als Gegenbeispiel für "gelungene" Schlüsse: 4.,6. und 7. Symphonie).


    Es ist mir schon klar, daß es in der Klassik einige wenige Schlußformeln gibt und Beethoven als erster damit herumexperimentiert hat.
    Seitdem stellt sich das "Schluß(stretta)-Problem" - viele symphonische Werke fallen gegen Ende in einen langweiligen Leerlauf, um dann endlich in einer Fermate mit Paukenwirbel zu einem glimpflichen Ende zu kommen.


    Wie gesagt: es gibt zig Gegenbeispiele dazu - man nehme z.B. die wahnsinnige, ekstatische Schlußsteigerung von Berlioz' Symphonie Fantastique, die offensichtlich genau
    "zum richtigen Zeitpunkt" aufhört
    oder das tragische Verdämmern in Tschaikowskys Symphonie Pathetique!


    Um die Diskussion in Gang zu bringen:
    Welche symphonischen Schlüsse nerven Euch bzw. haltet Ihr für banal oder beliebig? &
    Welche Schlüsse haltet Ihr für besonders gelungen?


    (in einem anderen Beitrag erwähnte ich die mir unglaublich "hohl" erscheinenden Schlüsse von Schostakowitschs 3. und 12. Symphonie
    - auch solche Beispiele sind erwünscht!)


    :hello:

  • Ein sehr interessantes Thema!


    Ich muss zugeben, dass mir der Schluss von Beethovens 5ter sehr gefällt, vor allem wenn der allerletzte Akkord noch ein wenig retardiert wird. Aber der ist schon ein extremes Beispiel seiner Art. Ich muss an jemanden denken, der versucht, ein fertig gelesenes Buch in eine eigentlich schon volle Regalreihe zurückzustellen und dabei ordentlich mit der Faust auf den Buchrücken klopft.


    Erik Satie hat derartiges am Ende seiner Trilogie "Embryons desséchés" mit einer "obligatorischen Kadenz (vom Autor)" parodiert, in der mehrere Klischeeschlüsse aufeinander folgen.


    Der Schluss der 9ten kam für mich zunächst unerwartet, weil ich davon ausgegangen wäre, dass etwas ähnliches geschieht wie in Nr. 5.


    Tschaikowskys 6te überrascht am Schluss tatsächlich und wirkt auf mich grimmig, wie der zu Boden gerichtete Blick eines alten Mannes, der kein Licht am Ende des Tunnels sieht (was für Bilder mir heute einfallen). Man vergleiche die 4te, die im absoluten Blechbläsertriumph endet.


    Ein wunderbarer Schluss ist der von Elgars Nr. 1, wo das Kopfthema noch einmal auflebt und mit großer Geste, aber nicht ausgewalzt, zum Schluss geführt wird.


    Was mich ärgert, sind Dirigenten, die bei Schuberts großer C-Dur aufgrund einer falschen Handschriftenlesart den Schlussakkord in ein Decrescendo auslaufen lassen.

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • Hallo Draugur,


    vielen Dank für Deinen Beitrag !
    Ich glaube auch, daß man die Schlüsse jedesmal anders hört -
    gestern saß ich z.B. im Konzert - Mahlers Dritte - und war überwältigt,
    obwohl gerade die letzten Takte reine Pauken-Kraftmeierei sind und mit
    dem, was vorher passiert, nicht viel zu tun haben; also eine eher herkömmliche Schlußformel - dennoch hats gepasst!


    Deine Beschreibung von Tschaikowskys Pathetique-Schluß gefällt mir gut - schwer auszuhalten ist hingegen der Schluß seiner Zweiten
    (wie auch die ständige Wiederholung des Hauptthemas den ganzen Satz hindurch nervt - obwohl ich die Symphonie mag!)

  • Ich mag alle diese Beethovenschlüsse. Der in der 5. ist vielleicht ein ganz klein bißchen zuviel des Guten. Aber der in der 3. ist doch genial und überhaupt nicht lang und banal, zunächst nochmal am Ende des andante Spannung aufgebaut und dann geht noch zwei Seiten die Post ab. Ähnlich in der 9., wenn nochmal kurz vor dem Ende auf die Bremse getreten wird.
    Aber die für mich strahlendste und überwältigendste solch triumphaler Codas ist die in der Leonorenouverture III (o.k. keine Sinfonie): pure Energie!
    Tschaikowsky habe ich jetzt nicht präsent. Zumindest am Anfang überraschend ist der ruhige Schluß von Brahms' 3., der gefällt mir auch sehr gut. Dagegen finde ich Bruckners Blechapotheosen, so überwältigend sie rein klanglich sein mögen, auf Dauer ermüdend (zumal es immer dieselbe Idee ist).
    Zum Banalen neigen einige der bombastischen Sibelius-Schlüsse, z.B. in der 5. (die anderen Sinfonien habe ich jetzt nicht so im Ohr)


    Unerwartet, aber daher auch etwas "angehängt" wirkt der Schluß (die ganez Coda) in Mendelssohns 3.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von MFP
    Es ist mir schon klar, daß es in der Klassik einige wenige Schlußformeln gibt und Beethoven als erster damit herumexperimentiert hat.


    Salut,


    das stimmt so eigentlich nicht. Mozart war da schon extrem einfallsreich, allerdings gilt dies [leider] nicht bezogen auf die Sinfonien... sondern eher auf die Streichquartette. Wenige Schlußformeln gibt es in der Klassik ganz und gar nicht - bedenke einmal die "Mannheimer" mit ihren teilweise sehr irrwitzigen Schlüssen... allerdings hat sich das Niveau nach den Mannheimern [die dahingehend sehr viel interessanter sind] irgendwie "festgefahren" auf einen komplementären Schluß, den man so auch erwartet.


    Viele Grüße
    Ulli

  • Hallo Johannes,


    da bist Du mir nun mit Sibelius' V. zuvor gekommen. Die wollte ich auch gerade anführen. ;)
    Was mich an diesen letzten Takten im Finale schon immer störte, ist nicht nur das Banale, sondern auch die furchtbar langen Pausen zwischen den einzelnen Schlußakkorden, durch die die zuvor aufgebaute Spannung völlig verlorengeht. Leider.


    :hello:
    Johannes


    P. S.: Hallo Michael,
    interessanter neuer Thread! :] Könnte man evtl. auch auf weitere Gattungen ausweiten. Warum das Thema nur aufs Symphonische beschränken?

  • Sehr schön und lebendig finde ich die Schlüsse der beiden Orchesterwerke, die Gewässer auf höchst unterschiedliche Weise beschreiben: Smetanas Moldau und besonders Debussys "La mér".


    Die Moldau endet mit der hier in diesem Forum ja bereits diskutierten Weite (lassen wir den Akkord mal weg), das ich sehr angenehm finde und gut nachvollziehen kann, kurzum: welches das Werk hervorragend abrundet. Ganz gegensätzlich dazu Debussys Ende: in drei Anläufen rollen die Wogen, mit Blechbläsern und sonstigem Instrumentarium unterstützt, gewaltig dem Ende zu. Das ist einer meiner Lieblingsschlüsse, Gänsehaut pur.


    Uwe

  • Zitat

    Original von MFP
    Um die Diskussion in Gang zu bringen:
    Welche symphonischen Schlüsse nerven Euch bzw. haltet Ihr für banal oder beliebig? &
    Welche Schlüsse haltet Ihr für besonders gelungen?


    Beethoven war da schon Meister drin, am Ende noch mal alle Register zu ziehen, und da denke ich gar nicht mal unbedingt in erster Linie an die Symphonien. Die dritte Leonorenouvertüre wurde ja schon genannt, aber für mich ist der Inbegriff einer solchen triumphalen Schlusssteigerung die "Egmont"-Ouvertüre.
    Überraschend finde ich hingegen den Schluss der Hebriden-Ouvertüre von Mendelssohn. Die steigert sich auch in einen triumphalen Rausch, um dann doch leise zu verklingen.



    Gruß,
    Spradow.

  • Seh überraschend ist doch auch der letzte Akkord der 2. Symphonie von Charles Ives.
    Absolut faszinierend. Und dennoch möchte man direkt ein "Igitt" ausrufen.... :D


    Edel finde ich in der Tat den letzten Takt der 9. Symphonie von Dvorak.
    Den Akkord zu halten und nur noch auf den Bläsern enden zu lassen zeugt IMO von tiefer Reife.


    Ebenso ein Kennzeichen von Reife ist sind für mich die Schlüsse der 4. und 6. Symphonie von Nielsen.


    So banal ist das Ende der. 5 von Sibelius gar nicht. Man muss es nur zu deuten wissen ;)


    Aber freilich ist bei mir die 4. nachwievor erste Wahl - aber das nur nebenbei :P


    Von immenser Schönheit ist für mich der Epilog aus der 3. Symphonie von Bax.
    Was Bax am Ende für Klangwelten schafft ist atemberaubend.
    Das Problem an dem Epilog ist seine Anfälligkeit für Banalisierung aufgrund der sehr schlichten Melodik und der ständigen Wdh. in den tiefen Streichern.


    Nervige Finali kenne ich eigentlich nicht sehr viele.


    Beethovens 5. wäre sicher ein Kandidat. Aber die ganze Symphonie geht mir eh auf den Wecker :untertauch: (hat er ja wieder mit 7 und 8 gut gemacht :D ).
    Wirklich enntäuscht bin ich von dem Finale der 2. Symphonie von Fibich.
    Ein großartiges Werk, Fibich auf dem Zenit seines Schaffens. Doch selten habe ich so einen Schluss gehört, der so gesucht und nicht gefunden ist. Tut schon fast weh, wie er versucht vernünftig auszusteigen. Na ja....


    Kritisch finde ich nachwievor das den Schluss der 7. Symphonie von Mahler...


    :hello:
    Wulf.

  • Den Schluss von Tchaikovskys Vierter finde ich ziemlich übel. Sowohl das ganze lärmende Finale, als auch eben die noch lärmenderen Schlusstakte.


    Ansonsten haben die Werke, die ich so höre, in aller Regel einen angemessenen Schluss, finde ich.
    Gerade habe ich z. B. Goreckis Dritte gehört. Der Schluss ist sehr erhaben, passt sehr gut.


    Hm, Beethovens Sechste fällt mir gerade noch ein. Dieses Verklingen des Schlussakkordes ist eine schöne Idee Beethovens, und es passt hervorragend zum Finale.


    Noch einer: Das Ende von Bruckners Fünfter. Dieser zweiminütige Choralschluss - das hat schon was und steht (in der Symphonik) ziemlich beispiellos da.

  • Hallo,


    ich mag ekstatische Schlüsse wie Tschaikowskij 4 oder Brahms 2.
    Wenn man noch mal richtig an den Hörnern gepackt wird und alles dem Höhepunkt, dem letzten Akkord entgegenstrebt, ich mag das.


    Tschaikowskij ist sowieso so einer, der das ziemlich gut kann. Im Violinkonzert ist das auch nicht übel. Berlioz ist auch toll.
    Ich finde den Schluss immer sehr interessant und spannend und freue mich, wenn er mich noch mal so richtig ergreifen kann.


    Schlechte Schlüsse fallen mir jetzt spontan nicht ein.



    Gruß, Peter.

  • ich hatte anfangs nur Schwierigkeiten mit Beethovens 8. (na, wann hört das endlich auf...), bis ich herausgefunden habe, daß es am meist zu langsamen Tempo liegt (zur Ehrenrettung von Karajan, den ich bei der 7. so arg kritisiert habe: die 8. macht er gut).


    Sibelius 5.: genial! Ein Ausbruch aus dem sich im Kreis drehenden Ostinato mit den seltsam unregelmäßigen 6 Akkorden, laut einer mir einleuchtenden Analyse ein früher Hinweis auf Sibelius' spätere Schaffenspause.


    Mahler 7.: Eine Verbeugung vor Hans Rott, laut Mahler "Begründer der neuen Symphonie, wie ich sie verstehe". Die zwei letzten Akkorde sind zeimlich wörtlich abgeschrieben, wobei ich Mahler absolut nichts böses unterstelle.


    Überhaupt, schlechte Schlüsse wollen auch mir nicht einfallen, wenn dann sind sie zuallermeist nur schlecht gespielt, zu langsam, zuviel Ritardanto o.ä.


    Ganz üble Masche bei nicht-live-Produktionen: es werden endlos viele Takes nur von dem Schluß aufgenommen, bis der Schlußakkord endlich mal schön zusammen ist. Hinten drangeschnitten erinnert das dann irgendwie an einen - verzeiht mir den Vergleich - koitus interruptus. Da hatte Lenny Bernstein schon ganz recht, als er bei einem Live-Mitschnitt, wo zur Korrektur nur der Schluß nochmal eingespielt werden sollte, meinte, so könne man das nicht machen, da müßten sie schon den ganzen letzten Satz nochmal spielen.


    Gruß, Khampan

  • Ein Schluss ist mir jetzt noch eingefallen: Das Ende von Debussys La Mer klingt unter Abbado (Luzern) fantastisch. Ein kurzes, prägnantes, jubelndes Ende. Ich kenne zwei weitere Einspielungen (Celibidache und Toscanini), bei denen in den Takten vor den beiden Schlussakkorden die Trompete komplett untergeht. Wer spielt denn nun partiturgetreu - Abbado oder Celi (von den Tempi mal abgesehen)? Ohne Trompete wirkt der Schluss jedenfalls merkwürdig dumpf und unbefriedigend.

  • Zitat von Wulf:


    Zitat

    Sehr überraschend ist doch auch der letzte Akkord der 2. Symphonie von Charles Ives. Und dennoch möchte man direkt ein "Igitt" ausrufen....


    Ich habe beim ersten Hören dieses Schlusses laut gelacht und habe bis heute eine "diebische Freude" daran - der letzte Akkord wirkt einfach großartig nach dem vorangeganenen Geprotze ! :baeh01: (SO ungefähr)


    Zitat

    Edel finde ich in der Tat den letzten Takt der 9. Symphonie von Dvorak.Den Akkord zu halten und nur noch auf den Bläsern enden zu lassen zeugt IMO von tiefer Reife.


    Da stimme ich Dir voll zu ! Es ist eine wunderbare Abschiedsgeste...


    Zitat

    Kritisch finde ich nachwievor den Schluss der 7. Symphonie von Mahler...


    Finde ich nicht! Für mich spricht hier der "gutgelaunte Gustl", der noch einmal kräftig mit der Faust auf den Tisch haut - ab der nächsten Symphonie sind die Schlüsse "nur noch" philosophisch-monumental (8.)oder
    "abschiednehmend verklärt" (9.,10,LVDE)

  • Zitat

    Original von Spradow



    [QUOTE]Beethoven war da schon Meister drin, am Ende noch mal alle Register zu ziehen, und da denke ich gar nicht mal unbedingt in erster Linie an die Symphonien. Die dritte Leonorenouvertüre wurde ja schon genannt, aber für mich ist der Inbegriff einer solchen triumphalen Schlusssteigerung die "Egmont"-Ouvertüre.



    ...auch ich finde den Schluß der Egmont Ouvertüre eine der besten "Lösungen" Beethovens - gefällt mir sogar besser als der
    Schluß der Neunten !

  • Zitat

    Original von Guercoeur


    P. S.: Hallo Michael,
    interessanter neuer Thread! :] Könnte man evtl. auch auf weitere Gattungen ausweiten. Warum das Thema nur aufs Symphonische beschränken?


    Hallo & danke !


    Ich wollte das Thema nicht zu umfangreich machen -
    ursprünglich sollte es heißen: Nervende Symphonie-Schlüsse!
    Aber es ist natürlich viel spannender, wenn man den nervenden die
    gelungenen gegenüberstellt !


    ...aufs Symphonische beschränkt - um auch die charakteristische Instrumentation der Schlußwendungen zu untersuchen
    (die obligaten Paukenwirbel, Streichertremoli, Blechfanfaren...)



    freue mich auf weitere Beiträge :hello:

  • Zitat

    Original von honigschlecker
    Den Schluss von Tchaikovskys Vierter finde ich ziemlich übel. Sowohl das ganze lärmende Finale, als auch eben die noch lärmenderen Schlusstakte.


    Hm, Beethovens Sechste fällt mir gerade noch ein. Dieses Verklingen des Schlussakkordes ist eine schöne Idee Beethovens, und es passt hervorragend zum Finale.


    Noch einer: Das Ende von Bruckners Fünfter. Dieser zweiminütige Choralschluss - das hat schon was und steht (in der Symphonik) ziemlich beispiellos da.


    Das Finale von Tschaikowskys Vierter mag ich sehr - wirkt aber
    meines Erachtens nur richtig, wenn es am Schluß (wie z.B. in der Aufnahme von Solti) "zu Tode gehetzt" wird.


    Ich liebe Bruckners Fünfte ! Aber was mich sowohl im 1. und 4. Satz stört,
    sind die letzten Takte - leere, akzentuierte Oktaven über obligatem Paukenwirbel - das sind die am wenigsten gelungenen Schlußtakte,
    obwohl kurz vorher alles wunderbar ist. Gerade für den Schlußchoral am Ende der Symphonie würde ich mir einen schönen, vollstimmigen, gehaltenen Akkord wünschen !


    (J.P.M. hätte noch Becken und Triangel dazu genommen.... FaschingsScherz beiseite! - Entschuldigung :stumm: )

  • Zwei der IMO fantastischsten Finali sind die Schlüsse von Brahms Symphonie No. 2 und 4. Wie sich die Musik immer höherschichtet und dann abprupt in sich zusammenfällt geht mir jedesmal wieder nahe (v.a. wenn Carlos K. sie dirigiert...).


    Bei Beethoven schließe ich mich einigen Vorschreibern an und würde ebenfalls den Schluss der Eroica am höchsten Einschätze, wobei ich auch die 5. und Siebte sehr schätze. Die Neunte ist am Schluss absolut exktatisch, aber leider ist es selten, dass diese Exktase wirklich überzeugend gebracht wird.


    Tschaikowskijs Vierte bringt fast zum Lachen, weil die Musik kurz vorm Schluss schon ganz verklungen ist und nur mehr die Streicher geheimnisvoll "herumrühren" und dann der kleine Paukenwirbel und die Bläser die nocheinmal das Thema "vorwitzig" aufnehmen und dann das Finale losbrichte. Tschaikowskij verbrät hier meiner Meinung die Ideen für mehrere Schlüsse.


    Um hier Schubert ins Gepräch zu bringen so finde ich den Schluss der Dritten besonders gelungen. Ich höre hier so eine Art Stolpern.

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Eine interessante, weil unkonventionelle Variante sind leise Symphonie-Schlüsse (einige wurden ja schon erwähnt).


    Haydn 45 ist das erste Beispiel, an das ich denken muss. Aber auch "La Chasse" (Nr. 73) verklingt - wenn mich meine Erinnerung nicht trügt - leise, wie ein sich in der Ferne verlierender Jagdtross. Evtl. gibt's bei Haydn noch weitere Beispiele?


    Dann fällt mir (chronologisch gedacht) erstmal lange nichts ein - und dann kommt auch schon Brahms' Dritte mit ihrem wahrhaft großartigen Finalende: eine bewusste Entscheidung gegen den konventionell triumphierenden (oder auch dröhnend tragischen) Schluss - beide Varianten wären mit dem thematischen Material ja durchaus drin gewesen. Stattdessen: ein leise resignierendes Ende, das zum Schönsten zählt, was Brahms komponiert hat.


    Tscaikowskys Sechste wurde schon des öfteren erwähnt: der in tiefster Schwärze und Finsternis sich verlierende Schluss ist eine wirkliche Innovation des Komponisten (und den lärmenden Finali der Vorgängersymphonien m.E. weit überlegen).


    Mahlers Vierte: die Musik wird von Cäcilia und ihren Jungfrauen in den Schlaf gewiegt, nicht ohne leise ironische und vielleicht sogar gefährliche Untertöne - eine wunderbar vieldeutige Variante.


    Beim Adagio der Neunten Mahlers ist es der fast quälend auskomponierte Zerfall, ein Abschiednehmen - Haydns Abschiedssymphonie gar nicht unähnlich, aber todernst. Verklärung erkenne ich hier nur in Ansätzen (das Zitat aus den "Kindertotenliedern"). Dem ist nichts an die Seite zu stellen.


    Dagegen entsprechen die Ausklänge des "Liedes von der Erde" und der Zehnten viel mehr dem Typus leiser Verklärung (wobei der Schluss der Zehnten ja philologisch mit Vorsicht zu genießen ist).


    Bei Schostakowitsch sind es wohl nicht zufällig zwei meiner Lieblingssymphonien, die leise enden - und zwar sehr ähnlich: die Vierte, deren letzte knapp zehn Minuten für mich zu den eindrucksvollsten Passagen aller symphonischen Musik zählen, und die Fünfzehnte mit ihrem leisen Schlagzeuggeklapper.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Eine interessante, weil unkonventionelle Variante sind leise Symphonie-Schlüsse (einige wurden ja schon erwähnt).



    Bei Schostakowitsch sind es wohl nicht zufällig zwei meiner Lieblingssymphonien, die leise enden - und zwar sehr ähnlich: die Vierte, deren letzte knapp zehn Minuten für mich zu den eindrucksvollsten Passagen aller symphonischen Musik zählen, und die Fünfzehnte mit ihrem leisen Schlagzeuggeklapper.


    Hallo Bernd,


    auch ich liebe diese Schlüsse besonders - erwähnenswert sind auch noch
    die leisen Schlüsse der 8. (nur liegende Streicher, pizz.-Bässe und tiefe Solo-Flöte mit dem für die ganze Symphonie wichtigen Sekund-Motiv) und 13.Symphonie
    (geheimnisvolle Celesta über abermals liegenden Streichern, mit zarter Andeutung eines Septakkords und abschließendem Glockenschlag, genau der, mit dem die Symphonie beginnt)


    Das 2.Cellokonzert endet auch ähnlich der 15.Symphonie mit einem marionettenhaften Schlagzeuggeklapper - vor allem imXylophon !
    Ein sehr genialer, offener Fragezeichen-Schluß...
    :hello:

  • Etwas für die Anglophilen unter uns:


    Obwohl erkennbar bin ich dann doch meist überrascht von dem schroffen Schluß der Symphonie g-moll von Moeran.


    Der zweite und v.a dritter Satz: warm in den Farben.


    Der vierte eher ein Verarbeiten von Erlebnissen. Und obowhl sich ein Faden durch den letzten Satz zieht, diese urplötzlichen tutti-Schläge im ganzen Orchester mit den verhältnismäßig langen Pausen zwischen den Schlägen - für meinen Geschmack ein faszinierendes Ende.

  • Hallo Wulf,
    ja, auf die Moeran- Sinfonie wollte ich auch schon eingehen :hello:


    In meinem Freundeskreis gibt es mindestens noch drei weitere Liebhaber dieser Sinfonie und gerade wegen des problematischen Schlusses haben wir immer wieder alle verfügbaren Aufnahmen durchgehört.
    Eindeutiges Fazit ist für uns jedenfalls, daß die einzige Aufnahme, welche den Aufbau dieses Schlusses, angefangen beim Cellosolo, überzeugend darstellt, die historische Aufnahme unter Leslie Heward ist.


    Was der ansonsten von mir höchstgeschätzte Handley versucht mit Brachialgewalt(übertriebene Pausen, extra monströses Schlagzeug) darzustellen, und wo eigentlich alle anderen Aufnahmen bis auf die unter Boult völlig scheitern, schafft der damals regelrecht vom Totenbett aus dirigierende Heward( welcher auch die Uraufführung leitete und 1943 starb) scheinbar ohne Mühe.
    Nämlich den Spannungsbogen so aufzubauen, daß die schroffen Schlußtakte der Sinfonie absolut logisch und zur rechten Zeit passieren.
    Perfektes Timing :jubel:


    Für den Liebhaber dieser ungemein schönen Sinfonie eine dringende Empfehlung, sich nicht von einem historischen Klangbild von 1942 abschrecken zu lassen.
    Alles ist sehr gut hörbar, liebevoll restauriert.
    Ich sollte ja mit enthusiastischen Empfehlungen vielleicht vorsichtig sein, lieber Wulf, aber meine Freunde und ich haben schon so viele "jetzt vergleichen wir mal den letzten Satz der Moeran-Sinfonie" Sitzungen hinter uns mit immer demselben Ergebnis, daß ich mir erlaube, Dir diese Aufnahme wärmstens zu empfehlen.


    Solange es nicht um den Schluss geht,empfinde ich die Handley(wer sonst? )-Aufnahme auf Chandos zusammen mit Heward am überzeugendsten.
    Natürlich hat Handley das weitaus bessere(in diesem Falle spektakulär aufspielende Ulster Orchestra) Orchester zur Verfügung und die Aufnahmequalität ist ziemlich gut.

    Leider scheint diese CD im Moment gestrichen.


    Heward dirigierte das damalige Halle-Ochestra, welches aber nach dieser Aufnahme aufgelöst wurde und extra für den neuen Chef Barbirolli
    ( Heward war der eigentliche neue Stern am Dirigentenhimmel und designierter Chef des Halle-Orchestra, aber er starb viel zu früh) neu-und warscheinlich auch besser- besetzt wurde.



    LG,
    Michael
    ..der vor einem Monat mal wieder mit Genuß das "Prelude" für Cello und Klavier von Moeran aufführte- ein wunderbares Werk eines bemerkenswerten Komponisten :jubel:

  • Lieber Michael,


    vielen Dank für Deine Empfehlung.
    Ich traue mich dem gar nicht entgegenzusetzen, daß mir Lloys-Jones über weite Strecken besser gefällt als Handley. :untertauch:


    An Heward wird aber wohl keiner heranreichen, das kann ich mir schon denken.


    Bevor ich mir allerdings diese Einspielung zulege, werde ich zsuehen die
    Aufnahme des Violinkonzerts mit Campoli zu erstehen um die langweilige Mordkovitsch zu ersetzen.


    Die Aufnahme gibt es als mp3 auf der Moeran Homepage.


    Das VK ist vielleicht sogar mein liebster Moeran.... :yes:


    Lieber MFP,


    ja kann ich empfehlen. Bei mir hats allerdings ne Zeit gedauert mit der Symphonie von Moeran. Sie hat einen typisch englisch/irischen Duktus - die Musik ist eine einzige Huldigung an die Natur, die Moeran täglich vor seiner Nase hatte....


    Wenn Du Moeran noch gar nicht kennst, besuche einmal die Homepage. Sehr informativ, möchte ich Dir das VK als m3-stream empfehlen.
    Es ist in meinen Augen vielleicht sein gehaltvollstes Werk.....


    :hello:
    Wulf.

  • Zitat

    Ich traue mich dem gar nicht entgegenzusetzen, daß mir Lloys-Jones über weite Strecken besser gefällt als Handley


    Lieber Wulf,
    aber warum denn nicht?
    Diese Aufnahme hat auch ihre Stärken, und wie im Falle des Bliss-Klavierkonzertes ist es doch toll. daß wir als Liebhaber dieser Musik doch recht viele Vergleichmöglichkeiten haben :]
    Die Aufnahme, die einen warscheinlich alle irgendwie befriedigenden Mittelweg einschlägt, ist die Lyrita-Aufnahme unter Boult.
    Super aufgenommen, aber eben bisher "nur" als LP. :D


    Zitat

    An Heward wird aber wohl keiner heranreichen, das kann ich mir schon denken.


    Was den problematischen Schluß angeht mit Sicherheit nicht, denn bei ihm empfinde ich den Schluß als ganz natürlich.
    Ansonsten leidet diese Aufnahme, welche übrigens die allererste Aufnahme der englischen Regierung mit dem Ziel, britische Musik bekannt zu machen( im Zusammenhang mit der Kriegszeit) war, unter einem nicht optimalem Halle-Orchester.
    Andererseits spielten die Kollegen damals sich dermaßen aus, auf der vordersten Stuhlkante sitzend und alles gebend für einen geschätzten und totkranken Dirigenten, daß es mir kalte Schauer über den Rücken jagt.Moeran war natürlich auch selber anwesend.


    Zum Violinkonzert:
    Campoli ist, wie nicht anders zu erwarten, sensationell.
    Leider ist die sehr gute(und für mich meilenweit bessere als die von Mordkovitsch) Einspielung von John Georgiadis unter Handley auf Lyrita bisher nicht auf CD erschienen.
    Diese wäre meine Empfehlung für eine moderne Stereo-Aufnahme dieses überaus schönen Werkes.

    Zitat

    Das VK ist vielleicht sogar mein liebster Moeran....


    Da stimme ich im großen und ganzen mit Dir überein, allerdings kenne ich aus meiner "praktischen" Seite sein 2.Streichquartett..... :faint: :faint:
    dieses Werk ist sooo schön...... :jubel:
    Und die Naxos-Einspielung davon ist allererste Sahne!


    Und die verschiedenen Rhapsodien für Orchester-eine davon für Klavier und Orchester....... :]


    Und die Klavierwerke....
    Was man alles mit einer Kugel im Kopf noch so schreiben kann.....
    Na ja, irgendwann hat diese Kugel oder das Schrapnell( aus dem 1.Weltkrieg) dann ihren Weg wohl doch gefunden :(


    LG,


    Michael


    P.S. Wir sollten mal eine Moeran-Thread aufmachen, aber heute abend schaffe ich das nicht mehr.

  • Ich mache weiter mit besonders originellen symphonischen Schlüssen
    (damit sind nicht ausschliesslich Symphonien gemeint !) -


    Prokofieff war für mich ein Meister gelungener und abwechslungsreicher
    Schlußwendungen -


    sehr lustig und brachial z.B. ist der Schluß seiner


    Russischen Ouvertüre op. 72


    Auch in seinen Symphonien macht er es immer wieder anders:


    so endet z.B. die 2. nach einem gewaltigen Donnerwetter und der Wiederholung des Hauptthemas mit einem geheimnisvollen
    pp- Akkord ... toll !


    Der letzte Satz der 3.Symphonie scheint ebenfalls aus "Stahl und Eisen"
    geschmiedet und hört ebenso gnadenlos vernichtend auf.
    Die Verwendung von tiefen Cluster-Akkorden lässt meiner Meinung nach das Ganze besonders "schaurig-schön-brutal" erscheinen !


    Kennt jemand seine "Ode auf das Kriegsende op.105" ?
    Bei aller vorangeganenen Feierlichkeit ist hier ein nicht zu überhörender
    ironisch-grotesker Unterton, der den "Mächtigen" damals kaum gefallen haben dürfte !
    :D

  • Zitat

    Original von Michael Schlechtriem
    Diese Aufnahme hat auch ihre Stärken, und wie im Falle des Bliss-Klavierkonzertes ist es doch toll. daß wir als Liebhaber dieser Musik doch recht viele Vergleichmöglichkeiten haben :]
    Die Aufnahme, die einen warscheinlich alle irgendwie befriedigenden Mittelweg einschlägt, ist die Lyrita-Aufnahme unter Boult.
    Super aufgenommen, aber eben bisher "nur" als LP.


    Achso, kein Problem, Michael. Wollte mir morgen den Linn Sondek besorgen.
    Wurde ja gerade etwas modifiziert. Es gibt nur ein Problem: Sag, kannst DU mir eben auf die Schnelle einen 10000er borgen? Kriegste auch bald wieder :rolleyes::D




    Zitat


    Da stimme ich im großen und ganzen mit Dir überein, allerdings kenne ich aus meiner "praktischen" Seite sein 2.Streichquartett..... :faint: :faint:
    dieses Werk ist sooo schön...... :jubel:
    Und die Naxos-Einspielung davon ist allererste Sahne!


    Oh, sollte ich nochmal reinhören. Empfand ich damals als schwierig. Hatte meine Probleme diese Klangwelten bei einem StreichQ zu akkzeptieren....
    Aber, Dussmann-Gang war eh mal wieder angesagt. ;)


    Zitat


    Und die Klavierwerke....
    Was man alles mit einer Kugel im Kopf noch so schreiben kann.....
    Na ja, irgendwann hat diese Kugel oder das Schrapnell( aus dem 1.Weltkrieg) dann ihren Weg wohl doch gefunden :(


    Ja, eine traurige Geschichte. Moeran-thread ist eine gute Idee.....
    Schreib mir mal eine PN, damit wir den thread nicht mit offtopics "zumüllen"...
    :P



    :hello:
    Wulf.

  • Ich möchte einen orginellen Schluß vorstellen:


    Und zwar handelt es sich um den Schluß der m.e. äußerst lohnenden und mitreißenden Sinfonie Nr.2 von Eugene Goossens aus dem Jahre 1945.



    Sir Eugene Goossens (1893-1962)ist zwar vor allem als erstklassiger Dirigent bekannt, hat aber durchaus auch einen beachtlichen Ruf als Komponist.


    Seiner Sinfonie Nr.2 spendierte er einen ziemlich außergewöhnlichen Schluß:
    Nach einer gewaltigen Steigerung landet er unter Aufbietung des gesammten sehr großen Orchesters schließlich auf dem Schlußakkord.
    Dieser Schlußakkord wird harmonisch nicht mehr verändert, wohl aber durch Rhytmisierung bis zum fast unerträglichen gesteigert.
    Dies ergibt einen etwa 15-18 sekündigen irsinnigen Strudel, der einen am Ende dieses ohnehin atemberaubenden Satzes völlig fertig zusammenklappen läßt.


    In diesem Sinne ist dies der längste mir bekannte Schlußakkord einer Sinfonie.
    Ein sehr effektvolles Ende einer beachtenswerten Sinfonie. :]


    LG,
    Michael


    P.S. Bei ABC Classics dürfte es immer noch die sehr gute Einspielung mit dem Sidney S.O. unter Vernon Handley ( :jubel: ) geben.

  • Hallo Michael,

    Zitat

    Bei ABC Classics dürfte es immer noch die sehr gute Einspielung mit dem Sidney S.O. unter Vernon Handley geben.


    Äh, ja, und kaufwillig bin ich auch, ich kenne ja die Oper "Judith" von Goossens - und für die lass' ich gerne die "Salome" links liegen. Nur: Wo bekommt man dieses australische Label?


    :hello:

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Äh, ja, und kaufwillig bin ich auch, ich kenne ja die Oper "Judith" von Goossens - und für die lass' ich gerne die "Salome" links liegen. Nur: Wo bekommt man dieses australische Label?


    Herr Baumgartner, wo bleibt denn Ihr journalistischer Spürsinn? :D


    Das war doch eine meiner leichtesten Übungen: 8)


    http://www.buywell.com


    Ein australischer Laden, der ABC Classics führt. Von Goosens ist dort gelistet eine 3er CD-Box mit folgenden Orchesterwerken:


    EUGENE GOOSSENS (1893-1962)
    CD 1


    Symphony No. 1, Op. 58 (1940)
    Oboe Concerto, Op. 45 (1927)
    Tam O'Shanter, Op. 17a (1919) 'Scherzo after Burns'
    Concert Piece, Op. 65 (1958 )


    West Australian Symphony Orchestra
    Vernon Handley conductor

    CD 2
    Symphony No. 2, Op. 62 (1945)*
    Concertino, Op. 47 (1928 ) for double string orchestra
    Fantasy, Op. 36 (1924)


    Sydney Symphony Orchestra
    Vernon Handley conductor

    CD 3
    Divertissement, Op. 66 (1956-60)
    Variations on a Chinese Theme, Op. 1 (1911-12)
    The Eternal Rhythm, Op. 5 (1913)*
    Kaleidoscope, Op. 18 (1917; 1933)


    Melbourne Symphony Orchestra
    Vernon Handley conductor


    Preis etwa Euro 30,00


    Außerdem haben sie noch eine Doppel-CD mit seiner Klaviermusik und eine weitere Einzel-CD, deren Repertoire sich aber wohl mit der Doppel-CD überschneidet.