Was bewundert ihr an der Kammermusik???

  • Hallo!!


    Ich als jemand, der mit der Kammermusik (noch) kaum etwas anfangen kann, habe eine Frage, die ihr bitte nicht als Provokant oder beleidigend empfinden sollt, aber ich frage mich:


    Was ist so toll an Kammermusik?


    Meiner Meinung nach sind die Stücke die ich kenne (Mozart Streichquartette, Streichquintette uä) bei weitem nicht so vielfältig und ideenreich wie die Orchesterwerke!


    Ich höre lieber Orchesterwerke, denn mir liegt der virtuosere Umgang mit den Orchesterklängen viel mehr.


    Da ich ja ein Faible für pompöse Werke habe, ist auch klar, das mir die Kammermusik nicht liegt!!


    Aber warum liebt ihr Kammermusik??


    Ich kann mir nóch nicht vorzustellen sie zu lieben. Aber ich will mich mit der Materie beschäftigen, daher diese Frage!!


    Danke im Voraus für eure Antworten!


    LG joschi

  • Don Basilio schrieb:


    Zitat


    Was bewundert ihr an der Kammermusik???


    Das Kontemplative!


    Orchestermusik umströmt wie Meereswogen den Hörer, während Kammermusik mit der Zartheit eines duftenden Windhauches die Sinne kitzelt und zum Träumen verleitet.


    Es kommt vor, daß ich beim konzentrierten Hören von Kammermusik in einen regelrechten Trancezustand verfalle und dann einen fürchterlichen Schreck kriege, wenn mich jemand anspricht oder sonstwie stört.


    Bei der Kammermusik vermag man den Melodielinien der einzelnen Instrumente bis ins letzte Detail zu folgen, also gewissermaßen die Architektur der Musik vollkommen zu erfassen. Bei der orchestralen Musik ist dies (zumindest mir) nur noch begrenzt möglich.


    Orchestermusik kann ich zur Not auch nebenbei als Untermalung für irgendeine Tätigkeit hören; Kammermusik verlangt hingegen meine volle Aufmerksamkeit die ich ihr uneingeschränkt zur Verfügung zu stellen habe, um dafür mit einem Sinneserlebnis belohnt zu werden, welches schier unvergleichlich schön ist.


    Kammermusik stellt gewissermaßen „das Geistige“ dar, während Orchstermusik „das Körperliche“ repräsentiert. Kammermusik macht mich fröhlich, beschwingt Geist und Intellekt und wirkt somit als eine Art mentaler Regenerator im positivsten Sinne auf mein Wohlbefinden ein. :angel:



    Beste Grüße:


    Laurenz

    `
    (...) Eine meiner frühesten Erinnerungen im Zusammenhang mit der Musik betrifft einen Abend, an dem das Rothschild-Quartett bei uns ein hochmodernes Werk von Egon Wellesz spielen sollte. Die Stühle waren den Musikern zu niedrig, so nahmen sie unsere Bände mit Schubertscher Kammermusik, um damit ihre Sitze zu erhöhen. Ich dachte, wieviel schöner es wäre, wenn sie auf Wellesz sitzend Schubert spielen würden (...)


    — aus „5000 Abende in der Oper“ von Sir Rudolf Bing —
    .

  • Hallo!!


    Zitat

    Orchestermusik kann ich zur Not auch nebenbei als Untermalung für irgendeine Tätigkeit hören, Kammermusik verlangt hingegen meine volle Aufmerksamkeit die ich ihr uneingeschränkt zu widmen habe, um dafür mit einem Sinneserlebnis belohnt zu werden, welches schier unvergleichlich schön ist.


    Aber wenn ich mich der Orchestermusik voll und ganz widme, habe ebensolche Erlebnisse.


    Zitat

    Kammermusik stellt gewissermaßen „das Geistige“ dar, während Orchstermusik „das Körperliche“ repräsentiert. Kammermusik macht mich fröhlich, beschwingt Geist und Intellekt und wirkt somit als eine Art mentaler Regenerator im positivsten Sinne auf mein Wohlbefinden ein.


    Heißt das, dass Kammermusik nur für Intellektuelle da ist, und der Rest das nie verstehen wird?
    Ich fasse das so auf, wenn es nicht so gemeint ist, entschuldige, bitte!


    Also ist es bei dir die Klarheit und Einfachheit, die dich zum Bewunderer macht, verstehe ich das richtig!


    LG joschi

  • Zitat

    Original von DonBasilio
    Heißt das, dass Kammermusik nur für Intellektuelle da ist, und der Rest das nie verstehen wird?


    Hallo Joschi,


    nein, das sehe ich nicht so. Kammermusik ist eher eine Musik für einen kleineren Kreis von Musikliebhabern, die auch für weniger starke musikalische Reize empfänglich sind. Das hat nach meiner Erfahrung weniger mit Intellekt zu tun, dafür mehr mit musikalischer Vorbildung und Hörerfahrung - man kann da bei entsprechendem Interesse hineinwachsen. Früher haben mich z. B. Streichquartette oder Klaviertrios kaum interessiert, heute machen sie einen nicht geringen Teil meiner CD-Sammlung aus.


    Um mal ein Bild dafür zu gebrauchen: Wenn Du an einem sonnigen Tag von draußen in einen abgedunkelten Raum kommst, siehst Du erst einmal fast gar nichts. Deine Augen brauchen Zeit, um sich an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen und die feineren Lichtreize und Details wahrnehmen zu können - das braucht Zeit. Wenn Du den Raum verlässt, bevor sich die Augen daran gewöhnt haben, verpasst Du etwas.


    Zum "Nebenbei-Hören" ist Kammermusik nicht geeignet - sie braucht schon ungeteilte Aufmerksamkeit.


    Viele Grüsse von Fugato


  • Ich habe oben meine ganz subjektiven Eindrücke geschildert. Das gesagte bezieht sich nicht auf „die Intellektuellen“, „die Anderen“ oder gar auf „die Menschheit“ an sich, sondern einzig auf meine Person!


    Ich würde mir nie anmaßen, Kammermusik für einen exklusiven Personenkreis in Beschlag nehmen zu wollen. Kammermusik ist für jeden Menschen da, der sich an ihr erfreuen und sie mit Genuß hören kann!


    Das geschilderte „Versinken in der Musik“ vermag ich (!!!) bei orchestraler Musik nicht in dem Maße zu empfinden, wie es z.B. bei einem Mozart-Quartett der Fall sein kann. Vielleicht hast Du Recht, und es ist wirklich die Einfachheit (natürlich nicht im Sinne von Primitivität!) der Musik, die mir solche Erfahrungen ermöglicht?


    Eine große Sinfonie ist für mich wie ein deftiger Eintopf oder ein rustikaler Schweinebraten, den man mit höchstem Genuß und großer Sinnesfreude und Hingabe verzehren kann. Ein Streichquartett, hingegen, ist wie eine mit exquisitem Tabak gestopfte Pfeife*, die man behutsam und in tiefer innerer Ruhe vor sich hin schmaucht, deren würziger Geschmack die Zunge kitzelt und deren mäandernden Rauchringen man sinnend hinterherträumt ...


    Beides hat seine Berechtigung, beides befriedigt die geschmacklichen Sinne, aber beides ist doch von Grunde her verschieden und verleiht Erfüllungen grundverschiedenster Art.


    ---


    Das sind die Worte, in die ich meine Eindrücke in diesem Moment zu fassen vermag - noch einmal sei betont: Es handelt sich hier um rein subjektive Empfindungen! Jeder andere Mensch mag dies alles anders sehen und empfinden!



    M.f.G. Laurenz


    ---


    NB: * Ich könnte verstehen, wenn ein Nichtraucher diesem Vergleich nur wenig abgewinnen kann ;) — Aber ums Rauchen soll's ja hier nicht gehen ...

    `
    (...) Eine meiner frühesten Erinnerungen im Zusammenhang mit der Musik betrifft einen Abend, an dem das Rothschild-Quartett bei uns ein hochmodernes Werk von Egon Wellesz spielen sollte. Die Stühle waren den Musikern zu niedrig, so nahmen sie unsere Bände mit Schubertscher Kammermusik, um damit ihre Sitze zu erhöhen. Ich dachte, wieviel schöner es wäre, wenn sie auf Wellesz sitzend Schubert spielen würden (...)


    — aus „5000 Abende in der Oper“ von Sir Rudolf Bing —
    .

  • Hallo Don Basillio,


    ich kann Deine bisherigen Worte zur Kammermusik nachvollziehen und verstehen.


    Auch ich bin kein sehr großer Anhänger von Kammermusik.


    :yes: Bei reinen Klavierwerken (das ist ja auch Klammermusik) sieht es da schon anders aus, da ein Klavier durch seine Stimmung und Tonumfang schon sehr viel Emotionalität bei mir auslösen kann.
    Die großen klassischen Klaviersonaten von Beethoven, Brahms, Schubert würden mir schon sehr fehlen.


    Aber betrachten wir mal die Kammermusikform Streichquartett alllgemein:
    Eine halbe Stunde dieses eintönige Geschrumme zu ertragen kostet schon eine gewisse Überwindung. :untertauch: :pfeif:
    Sehr interessant farbig komponiert sind die Schostakowitsch-Streichquartette, die ich auch komplett besitze.
    Aber letztendlich greife ich lieber zu den barshaischen Streichorchesterfassungen, die emotionell für meinen Geschmack einfach mehr hergeben.


    Kammermusik mit meheren Instrumenten und Klavier ist schon interessanter, aber die Solostreicher beispielsweise bei einem Klaviertrio trüben mein Bild von Klangmagie.



    :yes: Es gibt aber auch tolle Kamermusiken, die mich vom ersten Takt an fesseln.
    Beispiel:
    Bartok: Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug
    Dieses Werk hat Bartok auch mit Orchester herausgegeben. In diesem Falle sind beide Fassungen für mich gleichwertig.
    Die Klavierstücke von Bartok sind ohnehin ein Klasse für sich.

  • Zitat

    Orchestermusik kann ich zur Not auch nebenbei als Untermalung für irgendeine Tätigkeit hören; Kammermusik verlangt hingegen meine volle Aufmerksamkeit die ich ihr uneingeschränkt zur Verfügung zu stellen habe, um dafür mit einem Sinneserlebnis belohnt zu werden, welches schier unvergleichlich schön ist.


    Hallo Laurenz,


    da sieht man einmal wie unterschiedlich die Hörgewohnheiten sind. Ich kann Kammermusik eher "nebenbei" hören, weil sie prinzipbedingt wesentlich durchhörbarer und meist einfacher strukturiert als Orchestermusik ist.


    Musikalisch gibt es für mich eigentlich keine Unterschiede, sondern nur klanglich. Ein Orchester klingt eben "größer" als ein Quartett (eine selten weltbewegende Feststellung :pfeif: ).


    Viele Stücke wie Schostakowitschs op. 110 (110a), oder Coplands Appalachian Spring, Mahlers 4te oder gar Bruckners 7te habe ich in 2 Versionen. Je nach Stimmung ist mir mal die kleine Besetzung, mal die große Besetzung lieber.


    Oft mag ich auch die Klavierversionen symphonischer Werke sehr.


    Einige Stücke, wie z.B. Dvoraks Streichquartett No. 12 kann ich mir gar nicht gross orchestriert vorstellen, weil dann zwangsläufig eine Prise "Trägheit" hinzukommt.


    L.G.
    Walter

  • Zitat

    Eine halbe Stunde dieses eintönige Geschrumme zu ertragen kostet schon eine gewisse Überwindung.


    Hallo!!


    Da du das so direkt sagst, muss ich zugeben bei mir ist das auch so. Es is inetwa die gleiche Überwindung mit einem Siegfried oder Götterdämmerung im Opernbereich.


    Klaviermusik ist auch nicht so mein Fall. Ich persönlich kann Musik erst richtig genießen, wenn mindestens 15 Instrumente dabei sind!!


    Aber ich respektiere die Kammermusik und möchte etwas mehr darüber erfahren und darum hab ich den Thread gestartet!


    LG joschi

  • Zitat

    Original von DonBasilio
    Was ist so toll an Kammermusik?


    Ich finde exakt dasselbe an Kammermusik toll wie an anderer Musik. :D Was genau das ist läßt sich bekanntlich nur schwer beschreiben.
    Zwar ist Kammermusik häufig "Musik für Musiker", daher etwas schwerer zugänglich, aber die Mühe lohnt sich. "Intellektuell" halte ich für eine verkürzte und unnötig abschreckende Bezeichnung. Die Eroica ist ebenso komplex und herausfordernd wie die Quartette op.59 usw.
    Zwar ist manchmal die Struktur bei Kammermusik schwieriger zu erkenne, weil die Klangfarbenkontraste usw. geringer sind, dafür hat man es aber mit weniger Stimmen zu tun, was manches wiederum leichter verfolgen läßt.


    Zitat


    Meiner Meinung nach sind die Stücke die ich kenne (Mozart Streichquartette, Streichquintette uä) bei weitem nicht so vielfältig und ideenreich wie die Orchesterwerke!


    Das ist einfach falsch. Es gibt von Mozart 4-6 Sinfonien auf dem Level der 10 großen Quartette, der 4-5 späten Quintette und der Klavierquartette, also viel mehr hochgradige Kammermusik als Sinfonien. Diese Stücke sind vielleicht nicht ganz so melodienselig, manche aber doch, zB das Klarinettenquintett.
    Gerade bei Mozart wird jedoch in der Kammermusik vielleicht deutlicher als anderswo, dass wir es mit schwieriger, dichter Musik zu tun haben, nicht mit verspieltem Geklingel. Wiederum ist aber natürlich ein Stück wie der Kopfsatz der Prager mindestens so "intellektuell" wie einer aus einem Quartett.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von DonBasilio
    Da ich ja ein Faible für pompöse Werke habe, ist auch klar, das mir die Kammermusik nicht liegt!!


    Aber warum liebt ihr Kammermusik??
    LG joschi


    Ich habe einfach (begründete) Angst, eine Menge toller Musik zu verpassen, wenn ich die Kammermusik ignoriere. Aber das ist natürlich nicht alles.
    Ich finde zum Beispiel das Konzept "Streichquartett" äußerst faszinierend. Da setzen sich vier Leute zusammen und machen Musik, die in ihrer Komplexität einer Symphonie kaum nachsteht, sondern mit allen Tricks das bestmögliche aus den vier Instrumenten rausholt.


    Ich habe mich zum Beispiel immer geärgert, dass Beethoven nur neun Symphonien geschrieben hat - jetzt kenne ich die Quartette und begreife einige davon durchaus als "Ersatzsymphonien" für kleinere Besetzung. Vergleich mal die Vierte mit op. 59,3!
    Das gilt natürlich auch für andere Formen: Schon mal gerne ein drittes Klavierkonzert von Brahms gehabt? Hör mal das Klavierquintett!
    (Diese Vergleiche hinken natürlich etwas, aber sie motivieren, mal reinzuhören, und der Zweck heiligt die Mittel ;) )


    Natürlich ist Kammermusik häufig für einen elitären Zirkel gemacht worden und deswegen manchmal weniger eingängig als zur gleichen Zeit entstandene symphonische Werke, aber ich selber habe festgestellt, dass das viel mit Höhrgewohnheit zu tun hat.



    Gruß,
    Spradow.

  • Zitat

    Natürlich ist Kammermusik häufig für einen elitären Zirkel gemacht worden und deswegen manchmal weniger eingängig als zur gleichen Zeit entstandene symphonische Werke, aber ich selber habe festgestellt, dass das viel mit Höhrgewohnheit zu tun hat.


    Also ist das nicht nur mein persönlicher Eindruck, dass KM so elitär rüberkommt.
    Mich hat das immer abgeschreckt!


    LG joschi

  • Zitat

    Original von DonBasilio
    Also ist das nicht nur mein persönlicher Eindruck, dass KM so elitär rüberkommt.
    Mich hat das immer abgeschreckt!
    LG joschi


    Zu Unrecht! Es gibt auch viel Eingängiges in der Kammermusik. Vielleicht fehlt Dir nur der rechte Einstieg oder die Geduld ("Geschrumme" ist zum Beispiel eine ziemlich oberflächliche Betrachtung ;) ).


    Ich fand anfangs zum Beispiel Mozarts Klarinettenquintett sehr schön, hat das denn was von "Geschrumme"?



    Gruß,
    Spradow.

  • Zitat

    Original von DonBasilio


    Das kann ich dir nicht sagen, ich kenn es kaum! :P


    LG joschi


    Hehe, es ist natürlich keins! ;)
    Aber das würde ich ja auch über vieles anderes sagen. Ich finde jedoch, dass z.B. die Themen (nicht zuletzt durch die Klarinette) sehr gut verfolgbar sind. Außerdem hilft die Klarinette durch ihren weichen Klang. Sowas halte ich für ein ideales Einstiegswerk in die Kammermusik.



    Gruß,
    Spradow.

  • Zitat

    Original von DonBasilio
    Meiner Meinung nach sind die Stücke die ich kenne (Mozart Streichquartette, Streichquintette uä) bei weitem nicht so vielfältig und ideenreich wie die Orchesterwerke!


    Salut,


    das geht mir genau anders herum - ebenfalls völlig unprovokativ :pfeif: sind die Orchesterwerke doch eher für ein größeres Publikum [=Masse] gedacht, während die Kammermusik sehr intim ist und für Kenner, mindestens jedoch für Liebhaber, gedacht war. Natürlich nicht nur... ich finde z.B. dass sich Mozart, Haydn, Beethoven und auch deren Zeitgenossen in der Kammermusik sehr viel mehr sich selbst verwirklichen, als in der Orchestermusik, sich selbst "besser" darstellen, weil es eben privater ist - ich meine, sie geben einen größeren Teil von sich selbst preis, wohingegen sie bei "öffentlichen" Werken vielleicht etwas blenden und etwas darzustellen versuchen, was sie selbst nicht unbedingt sind, quasi eine Art "Angeberei"...


    :rolleyes:


    Ulli

  • Zitat

    Original von Ulli
    ich finde z.B. dass sich Mozart, Haydn, Beethoven und auch deren Zeitgenossen in der Kammermusik sehr viel mehr sich selbst verwirklichen, als in der Orchestermusik, sich selbst "besser" darstellen, weil es eben privater ist - ich meine, sie geben einen größeren Teil von sich selbst preis


    Nicht nur das - Kammermusik ist für sie auch oft eine Art Experimentierfeld, wo sie Neues entwickeln und erproben, was dann später u. U. Eingang in die Orchestermusik findet (oder auch nicht, wenn es dafür nicht geeignet erscheint). Kammermusik ist also experimentierfreudiger und unkonventioneller als Orchestermusik, wo doch eher auf das Publikum Rücksicht genommen wird.


    Nur ein Beispiel: die langsame Einleitung des ersten Satzes von KV 465 (das wegen dieser Einleitung den Beinamen "Dissonanzen-Quartett" bekommen hat). Das ist hochexperimentell und erscheint selbst dem heutigen Hörer noch ausgesprochen kühn. (Welche Wirkung mag diese Einleitung auf Mozarts Zeitgenossen gehabt haben?) In einer Sinfonie wäre dergleichen undenkbar gewesen.


    :hello: Andreas

  • Hallo,


    Ich konnte früher auch nix mit Kammermusikanfangen.
    Habe dann mal das Schubert-Quintett im Konzert gesehen und war ganz begeistert davon - Die Transparenz der Stimmen, die unglaublich intensive Art der musikalischen Gestalltung und des Ausdrucks...und das quasi 5 Solisten perfekt aufeinander abgestimmt sein müssen...jeder Spieler trägt ja doch eine wesentlich größere Verantwortung als im Orchester...


    Viele Grüße,


    Raphael

  • Bei Beethoven ist es in gewisser Weise jedoch umgekehrt: Die Klaviermusik und die Duosonate dienen als Experimentierfeld, dann folgen Sinfonik und Quartette (praktisch gleichzeitig)


    z.B. op.18 und 1. Sinfonie fast gleichzeitig entstanden nach 3 Trios, 3 Violinsonaten, 2 Cello- und 10 Klaviersonaten


    Eroica etwas vor op.59, aber etliche Jahre nach den Klaviersonaten op.31, u. 53 und den Violinsonaten op. 30 u. 47


    Im Spätwerk zuerst die letzten Klaviersonaten sowie die Cellosonaten op.102, dann die 9. Sinfonie, dann die Quartette.


    Das Quartett genießt ab dem mittleren Haydn eine Sonderstellung insofern, als dass zwar experimentiert werden darf, aber die Konventionen recht verbindlich sind und der Anspruch sehr hoch gesteckt ist. Es ist z.B. interessant, dass es von Haydn, Mozart (außer einigen ganz frühen), Beethoven kein einziges 3- (oder gar 2)sätziges Quartett gibt, was bei Boccherini, Dittersdorf, Kraus usw. durchaus häufig vorkommt.
    Die in jeder Hinsicht ungewöhnliche Zeit und Mühe, die Moazrt auf die Haydn gewidmeten Quartette (und auch Beethoven auf op.18 ) aufwanden, zeigt, wie wichtig ihnen herausragende Beiträge dieser Gattung waren. Nichtmal Mozart wagte, ein Quartett "halss über kopff" schreiben...


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Die in jeder Hinsicht ungewöhnliche Zeit und Mühe, die Moazrt auf die Haydn gewidmeten Quartette (und auch Beethoven auf op.18 ) aufwanden, zeigt, wie wichtig ihnen herausragende Beiträge dieser Gattung waren. Nichtmal Mozart wagte, ein Quartett "halss über kopff" schreiben...


    Waren nicht die Haydn-Quartette die ersten Quartette von Mozart, die im Druck erschienen und somit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich waren? Bei Beethoven war es ja mit seinen Quartetten op. 18 genauso (nach einigen unveröffentlichten Jugendwerken). Insofern erklärt sich bei beiden die besondere Mühe mit diesen Werken.


    Beethoven durchbricht übrigens gleich mit op. 18 die Konvention, indem er das Menuett durch ein Scherzo ersetzt (nur zwei der sechs Quartette haben ein Menuett - bei Mozart und Haydn gibt es meines Wissens kein Scherzo in den Quartetten).


    :hello: Andreas

  • Was mag ich an der Kammermusik - in Bezug auf das, was sie von der Orchestermusik unterscheidet?


    Die o.g. Unterscheidung zwischen "körperlich" und "geistig" deutet auf etwas hin, was auch ich empfinde. Mir fallen folgende Aspekte ein:


    - Intimität: Wenn ich drei, vier oder fünf Musiker zuhöre, bekomme ich sehr viel von jedem Einzelnen mit. Das gefällt mir, ist vielleicht eine typsache. Dr Eine fühlt sich in großen Gruppen bzw. Massen wohl, "wo was abgeht", der andere (so auch ich" fühlt sich in kleineren Gruppen wohler.


    - Intensität: In der Kammermusik ist jeder Einzelne Musiker von Anfang bis Ende gefordert und Mittelpunkt. Jede Stimme ist stets individuell heraushörbar und immer wesentlich.


    - Bescheidenheit: In der Kammermusik genügt sich der Inhalt eher selbst. Im Orchester bedarf es der Aufblähung durch große Klänge, stete Klangfarbenwechsel und anderer äußerlicher Zugaben.


    - Sensibilität: Um Wirkungen herüberzubringen genügen feinste Nuancen; ein etwas stärker gespielter Staccototon, ein leichtes Crescendo, ein kurzes Innehalten - kleine Gesten haben größte Wirkung. Das erzeugt innere Spannung. Das Orchester finde ich meist plumper und schwerfälliger. Es beherrscht eher die großen Gesten.


    - Inhalt: In der Kammermusik ist, wie ich meine, mehr Bewegung. Erstelle ich z.B. sowohl von Streichquartetten wie auch von Orchesterwerken Klavierauszüge, wird ersichtlich sein, dass die Melodieführungen im Streichquartett komplexer sind, dass mehr passiert.


    - Raumsituation: Ich habe häufig das Gefühl, dass in meiner Wohnung, in der ich Musik höre, ein ganzes Orchester keinen Platz findet. Irgendwie passt da etwas nicht. Beim Hören der von wenigen einzelnen Musikern gespielte Musik fühle ich mich wohler. Im Konzert ist das etwas anderes; ich kann ein Orchester besser in einem großen Saal genießen.


    - Platzsituation: Bei Konzerten der Kammermusik muss ich Platzkarten nicht vorbestellen. Es sind immer genügend Plätze frei.


    All diese angedeuteten Merkmale (bitte nicht als absolute Merkmale verstehen, eher als Abdeutungen) sind mir sympathisch; deshalb bevorzuge ich meist die Kammermusik. Aber dies natürlich nicht ausschließlich; es gibt auch viele Ausnahmen.


    Gruß,


    Uwe

  • Zitat

    Original von Fugato


    Waren nicht die Haydn-Quartette die ersten Quartette von Mozart, die im Druck erschienen und somit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich waren?


    Sie gehören zu den wenigen, überhaupt zu seinen Lebzeiten offiziell im Druck erschienen Werken ("op.10"). Etwa gleichzeitig versuchte ein gewiefter Verleger 6 Jugendwerke Mozarts (vermutlich die zweite Gruppe) an den Mann zu bringen, so dass bei den wirklich neuen "Haydn"-Quartetten immer darauf hingewiesen wurde, dass sie neu waren.


    Zitat


    Bei Beethoven war es ja mit seinen Quartetten op. 18 genauso (nach einigen unveröffentlichten Jugendwerken). Insofern erklärt sich bei beiden die besondere Mühe mit diesen Werken.


    Beethoven durchbricht übrigens gleich mit op. 18 die Konvention, indem er das Menuett durch ein Scherzo ersetzt (nur zwei der sechs Quartette haben ein Menuett - bei Mozart und Haydn gibt es meines Wissens kein Scherzo in den Quartetten).


    Ich halte es zu einem guten Teil für eine Legende, dass die Scherzi bei Beethoven unkonventionell gewesen wären. in Haydns op.33 heißen *alle* Menuette "Scherzi", ohne sich groß von denen vorher oder hinterher zu unterscheiden. Und einige andere Quartette, zB op.76,1 und 77,1 enthalten je ein "Menuetto: Presto", was von Tempo und Gestus praktisch identisch mit Beethovenschen Scherzi ist. Jedenfalls ist das Scherzo eine ziemlich minimale, graduelle Änderung (auch wenn man immer mal wieder anderes liest)


    op.18 enthält gewiß Unkonventionelles, aber m.E. eher weniger als Beethovens Debüt-Werke, die Trios op.1 und die Sonaten op.2. Hier ist z.B die bei den Vorgängern (fast?) nie auftretende "sinfonische" durchgehende Viersätzigkeit ungewöhnlich, überhaupt die Dimension der Werke.
    Demgegenüber sind op.18 und noch mehr die 1. Sinfonie erstaunlich "konservativ". Man hat den Eindruck, dass Beethoven hier bei aller Originalität klarstellen will, dass er "solide" auf den Niveau seiner Vorgänger komponieren kann.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo!


    Ich kann die teilweise geäußerte Abneigung gegenüber der Kammermusik verstehen - jedoch würde ich sie eben auch vom Hörertyp selbst abhängig machen.
    Manch einer kann sich einfach keine Opern anhören, weil sie ihm meist zu komplex erscheinen oder er gesangsbetonte Musik nicht ausstehen kann.


    Für mich persönlich kann ich nur sagen, dass ich mal solche Phasen habe, in denen mir Kammermusik mir eine ungemein wohlgefällige Heimat bietet, manches Mal werde ich aber auch von ihr verstoßen.
    Dennoch schätze ich dieses Genre sehr und würde um keinen Preis darauf verzichten wollen.


    Viele entscheidende Punkte wurden eigentlich schon genannt und mir bleibt nur, dies zu unterstreichen!
    Diese wunderbare Intimität, diese persönliche Ansprache im kleinen Kreis...Ich bin kein Mensch der groß die Verläufe des musikalischen Geschehens analysiert und verfolgen kann. Aber Kammermusik vermag mich in ihrer Einfachheit (eben nicht als primitiv zu verstehen) auf eine Art zu berühren, wie es Orchestermusik nicht schafft.
    Mir kommt eben in den Sinn wie man sich fühlt, wenn eine Vielzahl an Menschen auf einen einredet - vielleicht weil man eine Entscheidung zu treffen hat und Rat braucht. Wenn sie alle auf einen einhämmern, dann blockiert etwas - entweder man ignoriert oder es schaltet sich der Zugang automatisch ab: es wird einfach zu viel. Wie viel mehr bringt doch ein einfühlsames privates Gespräch unter 'vier Augen', indem man in aller Feinheit auf die Bedürfnisse eingehen kann...
    So fühle ich mich oftmals in der Kammermusik - welches Genre hier auch immer. Damit will ich nicht sagen, dass mich Orchestermusik erschlägt, keinesfalls. Nur in mancher Situation ist die Masse einfach fehl am Platze.



    Uwe hat schon so toll die Aspekte beschrieben. Man mag es als Opern- oder Orchesterhörer kaum für möglich halten, aber welche Intensität und Spannung auch von drei oder vier Musikern ausgehen kann, ist atemberaubend. Und damit meine ich jetzt sicherlich nicht nur die gefühlsbetonte sensible Seite an mir, die auf ihre Kosten kommt. Es gibt auch reichlich was die 'wilde Ader' in mir zum Wallen bringt.



    Wenn der Klang bei dieser geringen Besetzung auch durchhörbarer scheint, entwickelte sich in mir schon des Öfteren das Gefühl, als entstehe eben auch hier ein Klangspektrum, welches es mit dem eines Orchesters aufnehmen kann - in dem Bewusstsein, dass es dies sicherlich nicht kann. Nur wenn ich intensive bei dieser Musik verweile, dann ist da keine Leere weil etwas fehlt, es zu wenig Instrumente sind, sondern eine Ausgeglichenheit.



    Bisher konnte ich auch erst einmal einem Kammermusikkonzert beiwohnen, aber dieses Erleben werde ich so schnell sicherlich nicht aus meinem Gedächtnis vertreiben können.
    Diese intensive Spannung und Spielfreude eines jeden Mitwirkenden - diese stimmungsreichen Verzierungen und die unbändige Kraft der Musik hat mir ein fantastisches Erlebnis beschert. Sicherlich waren die Werke nicht unbedeutend (Smetanas und Janaceks 1.Streichquartett und Dvoráks Klavierquintett op.81), aber dieses Konzert zeigt, welche Wirkung dieser private Musikerkreis auf einen auch von Orchestermusik begeisterten Hörer entfalten kann - hinzu kommt, dass ich weder Musiker bin noch mich als Intellektuell bezeichnen könnte: einfach nur interessiert :]


    Liebe Grüße, Maik

  • In seinen Kammermusikwerken kann ein Komponist zeigen, was er drauf hat - ob er lediglich ein pompöses Klangbild erschaffen kann oder (ich beziehe mich eigentlich bei Kammermusik immer primär aufs Streichquartett) in der Lage ist, thematisch zu arbeiten und mit weniger Mitteln Eindruck zu schaffen. :P
    Haydn war hier beispielsweise der Meister - IMO konnte er noch besser thematisch arbeiten, als orchestrieren und seine Quartette, die fast so zahlreich sind wie die Symphonien, sind sehr abwechslungsreich.
    Chopins Klavierquintett ist mir lieber als jedes seiner Orchesterwerke (incl. KK), gleiches gilt für Griegs SQ und ein Mozart bzw. Schostakowitsch konnte sich in dem Bereich richtig intim austoben - eine ganz andere Dimension, als z.B. bei pompös gehaltenen (Auftrags-)Werken...


    :hello:
    Stefan

  • Zitat

    Original von Maik


    [...]
    Uwe hat schon so toll die Aspekte beschrieben. Man mag es als Opern- oder Orchesterhörer kaum für möglich halten, aber welche Intensität und Spannung auch von drei oder vier Musikern ausgehen kann, ist atemberaubend. Und damit meine ich jetzt sicherlich nicht nur die gefühlsbetonte sensible Seite an mir, die auf ihre Kosten kommt. Es gibt auch reichlich was die 'wilde Ader' in mir zum Wallen bringt.
    [...]


    Genau! Maik hat hier die von vielen "Nur-Orchestralhörern" so skeptisch bis hohnvoll beäugten Schlüsselreize der Kammermusik in zwei Sätzen auf den Punkt gebracht.


    Die zwei entscheidenden Voraussetzungen zum echten Genuß von Kammemusik sind (neben einem gewissen musikalischen Grundinteresse*) die nötige Muße zum ungestörten Hören, sowie der ernsthafte Wille, sich auf diese Kunstform einzulassen!


    Wer Kammermusik nur deshalb hört, weil dieser oder jener im Forum geschrieben hat, es sei so toll, der kann am Ende nur unbefriedigt und kopfschüttelnd die Frage nach dem Sinn stellen. Wer Kammermusik genießen will, der muß sich von ihr entführen lassen, sich in sie hineinträumen und sie auch WIRKLICH HÖREN WOLLEN!


    Wer diese Grundsätze beherzigt, dem wird der Kammermusikabend - gleich, ob an der heimischen Stereoanlage oder im Konzertsaal - unvergeßlich werden!
    :angel:


    In diesem Sinne!


    Laurenz :hello:


    ________________


    * Welches aber bei Taminoianern zweifellos vorhanden ist, denn sonst wären sie sicher nicht in diesem Forum.

    `
    (...) Eine meiner frühesten Erinnerungen im Zusammenhang mit der Musik betrifft einen Abend, an dem das Rothschild-Quartett bei uns ein hochmodernes Werk von Egon Wellesz spielen sollte. Die Stühle waren den Musikern zu niedrig, so nahmen sie unsere Bände mit Schubertscher Kammermusik, um damit ihre Sitze zu erhöhen. Ich dachte, wieviel schöner es wäre, wenn sie auf Wellesz sitzend Schubert spielen würden (...)


    — aus „5000 Abende in der Oper“ von Sir Rudolf Bing —
    .

  • Ich weiß nicht ob man das als Regel nennen kann aber meist war es ja so, Orchesterwerke (also logischerweise größere Besetzung) wurden auch meist vor größerem (im Regelfall zahlendem) Publikum aufgeführt, Kammermusik oft oder besser gesagt viel öfters im kleineren Rahmen (aber hier gab es natürlich auch Ausnahmen), vielmals vor bzw. mit Kennerschaft, mit zB Freunden aus der gleichen "Branche" die sich aktiv beteiligten oder zuhörten (man denke zB an die privaten Aufführungen von Mozarts Streichquartetten mit ihm selber Haydn, Dittersdorf und Vanhal) also hiermit weniger Rücksicht auf eine gewisse Gefälligkeit genommen werden mußte sondern eher seine Kunstfertigkeit in der Komposition präsentieren wollte, zumal man ja auch nicht vergessen sollte das durch die geringere Besetzung und dem "dünneren" Klang der jeweiligen Stimmen (ggü einer ganzen Orchestergruppe) mehr Transparenz gegeben ist, man somit also mehr ins Detail gehen kann ohne in Gefahr zu laufen das Ganze zu überladen bzw. in einem Orchester diverse Raffinessen nicht mehr so klar durchhörbar scheinen zu lassen.
    Einige nutzten das bewußt um - ohne Rücksicht auf irgendwelche anderen Geschmäcker und musikalischer Bildung nehmen zu müssen (es sei denn es waren natürlich Auftragswerke) - ihre ganze Kompetenz darin einfliessen zu lassen und um letztendlich ihren eigenen Geschmack bzw. der Kennerschaft zu befriedigen.
    Somit finde ich, das man mittels gewisser kammermusikalischer Werke gewisser Komponisten viel näher an seine Persönilchkeit und Kunstfertigkeit kommt oder wie hier schon erwähnt einfach intimer und privater nennen kann.


    Jedoch kann ich es schon nachvollziehn das einem diese Art von Musik nicht liegen muß, früher bevorzugte ich mehr Kammermusik mit Klavierbegleitung weil ich mit der Zeit des Zuhörens die Eintönigkeit des Streicherklanges (bei Werken ausschließlich mit diesen besetzt) etwas ermüdend, monoton fand bis ich mit der Zeit lernte mehr und mehr mein Hauptaugenmerk auf die Komposition für sich zu legen und sich einem damit vielmals eine Welt eröffnet die man so meist in Orchesterwerken nicht finden kann. Außerdem kommt es bei mir auch immer auf die Stimmung an, ich kann eigentlich fast jeder Besetzung etwas abgewinnen wenn die Zeit danach ist, aber ich könnte von keiner Gattung ständig nur diejenige hören, jede hat halt so ihre Vorzüge die die jeweils Anderen nicht in dem Masse besitzen.


    Vielleicht wäre ja eine Annäherungsmögichkeit ein für Orchester und in diversen Momenten einzeln hervortretende Solisten, arrangiertes Streichquartett bzw. -quintett. Mir fällt da spontan die Version Schuberts D 887 unter Kremerata Baltica und Gidon Kremer ein - sie verbindet meiner Meinung nach gut beide Welten. Wo die Ruhe und
    die Nähe, die Details benötigt wurde hier großteils die Originalbesetzung belassen bzw. nur hintergründig mit Streichorchestergruppen begleitet während manche Stellen nur vom ganzen (Streich)Orchester interpretiert werden, meist um hier mehr Dramatik und Kontraste zu den "intimeren" Teilen zu verleihen (wer das Werk gut kennt kann vielleicht ahnen welche Stellen damit gemeit sein könnten) Meiner Meinung nach keine schlechte Idee als wie sonst meist üblich ein Streichquartett komplett mit gesamten Streichorchester zu interpretieren, wobei das Werk dann in der Regel eher an Qualität verliert als gewinnt.


    lg
    Thomas

    „Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

  • Lieber Tomas,


    ich kann dir - und auch Maik und Uwe - nur zustimmen.


    Die Version von Schuberts D 887 von der Kremerata Baltica und Gidon Kremer finde ich auch ausgesprochen gelungen.


    Manche Orchestrierungen finde ich aber auch sehr gelungen, z.B. die, Barschais von Streichquartetten Schostakowitschs, die von diesem autorisiert worden sind. Je nach Stimmung höre ich z. B auch gerne Schönbergs eigene Orchestrierung seines Sextetts "Verklärte Nacht", schon wegen der zusätzlichen Kontrabass-Stimme. Hier wurde die raffinierte Kontrapunktik also sogar noch erweitert. An diesem Beispiel lassen sich vielleicht auch die Vorteile und Nachteile der Orchestrierung gut und leicht anhören. Das Sextett wird wuchtiger, pathetischer, gewinnt noch an Dramatik, aber die Durchsichtigkeit der sowieso schon komplexen kontrapunktischen Linienführung wird schwieriger zu verfolgen. Insofern empfinde ich die Sextett-Version doch intensiver.


    Überhaupt schätze ich an Kammermusik, dass ich hier die Intensität geglückter Interaktion besonders gut verfolgen kann. Geglückte Streichquartettabende gehören zu meinen intensivsten Konzerterfahrungen. Vielleicht möchten sich mancher dem auch nicht aussetzen?


    :hello: Matthias

  • Also ich denke, dass in der Romantik der Unterschied zwischen Kammermusik und Orchestermusik im Anspruch gesunken ist. Brahms hat sicher nicht seine Sinfonien und Klavierkonzerte "für die größere Masse" und deswegen eingängiger geschrieben. Die Violin- und Klarinettensonaten würde ich als sehr viel eingängier einschätzen als bspw. die 1. oder 4. Sinfonie. Manche Komponisten, die viel in der Kammermusik tätig waren, haben sich - denke ich - in ihren sinfonischen Werken besonders viel darum bemüht, ihre besten Ideen zusammenzutragen. Z. B. Chopin, Schumann oder Grieg - so ein Klavierkonzert ist größer angelegt, viel Aufwand und sehr repräsentativ. Ein Trio unter vielen kann schonmal ein kleines Nebenwerk sein, das man auch ohne die besten Ideen schreibt, ja nachdem wie selbstkritisch man ist. Aber welcher große Komponist komponiert und orchestriert schon ein aufwendiges Orchesterwerk eindeutig zweiten Ranges? Sie Wahrscheinlichkeit ist wesentlich geringer.
    So gibt es von vielen Komponisten (z. B. Beethoven) keine schwachen Orchestwerke. Schwache oder zumindest schwächere Klaviersonaten wird man allerdings finden.
    Mit Orchesterwerken ist man folglich fast immer auf der sicheren Seite - ein Vorteil für viele unerfahrene Einsteiger.


    Ansonsten teile ich die Meinung von Johannes, ich sehe keine großen Unterschiede. Im Anspruch schon gar nicht, da ist es einfach von Komponist zu Komponist verschieden. Bei Haydn mag es stimmen, andererseits sprechen Mahlers Sinfonien für sinfonische Komplexität. Und Brahms setzte wie oben schon erwähnt sicherlich denselben Anspruch an seine Orchester- und Kammermusikwerke.


    Ich würde als "Einstiegsbesetzungen" für die Kammermusik empfehlen: Sonaten für Violine und Klavier, Klavierquintette/-quartette, Oktette und Septette und bei Streichquartetten einzelne Werke, z. B.: Dvorak, Amerikanisches Quartett; Mozart, Jagdquartett; Beethoven, Harfenquartett; Schostakowitsch, 8. und 9. Quartett; Schumann, Quartette 1-3.

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Zitat

    Original von rappy
    ... Aber welcher große Komponist komponiert und orchestriert schon ein aufwendiges Orchesterwerk eindeutig zweiten Ranges? Sie Wahrscheinlichkeit ist wesentlich geringer.
    So gibt es von vielen Komponisten (z. B. Beethoven) keine schwachen Orchestwerke. Schwache oder zumindest schwächere Klaviersonaten wird man allerdings finden.
    Mit Orchesterwerken ist man folglich fast immer auf der sicheren Seite - ein Vorteil für viele unerfahrene Einsteiger...


    So wollte ich mein Posting eigentlich nicht verstanden wissen. Mir ging es eigentlich nicht um Qualitätsunterschiede und der generellen Unterscheidung zwischen schwach und stark. Ich wollte nur die Vorteile der Kammermusik gegenüber der Orchestermusik herausstreichen, die Orchestermusik hat ja sicherlich wieder ihre eigenen Stärken aber der Eröffnungsbeitrag heißt ja nicht "Was bewundert ihr an der Orchestermusik???" Mir ist klar das es sowohl hier als auch da schwache und starke Werke gibt und ich muß gestehn das ich im wesentlichen eher an die Kammermusik von Mozart, Haydn, Schubert und Beethoven dachte, weniger an die Romantik obwohl ich denke das auch (wenn vielleicht auch nicht so oft wie bei diesen Komponisten) hier bei manchen Werken meine These zutreffen würde.
    Natürlich gibt es auch genug Ausnahmen indem es sicher manche sehr anspruchsvolle Orchesterwerke gibt die bewußt für den Kenner geschrieben wurden, meist wollten die Komponisten aber sicherlich den allgemeinen Publikumsgeschmack treffen was ja nichts schlechtes heissen muß da es dann noch immer ein herausragendes Werk sein könnte - natürlich wollten sie alle letzten Endes Beifall und Ruhm zum. für ihre Musik wenn nicht für sich selber. Doch zeugen zB schon allein von Mozart genug Aussagen wo von "langen Ohren" und "Kennern" die Rede ist, oft schaffte er auch diesen Spagat was sicher nicht allzu leicht ist aber man kann schon in einigen seiner kammermusikalischen Werken (wie auch bei den anderen erwähnten Komponisten) eine andere Stilistik und Tonsprache als bei den meisten Orchesterwerken wahrnehmen und hier war auch das Hauptbetätigungsfeld für Experimente und komplexere Versuche, so sind wie schon bei meinem vorigen Beitrag angedeutet zB Fugen (wie auch andere kontrapunktischen Mittel) viel häufiger Bestandteil da hier eine bessere Durchhörbarkeit und Transparenz als bei Orchesterwerken gewährleistet ist, sowie ich glaube das diese wohl auch schon das damalige allgemeine Publikum nicht so ganz vom Hocker gerissen hätte.


    Ich würde übrigens nicht sagen das man als Einsteiger unbedingt mit Orchesterwerken auf der sicheren Seite ist, Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden und ich bin überzeugt das man sowohl hier und da auch genug Fehlgriffe machen kann wenn die Komposition für sich diesen gewissen Geschmack nicht anspricht bzw. auch umgekehrt.
    (So kenne ich zB Einige allgemeine Klassikmuffeln die Sinfonien überhaupt nicht mögen aber an eingängigen Kammermusikwerken mit Ohrwurmthemen doch gefallen finden)


    Aber ich geb dir zum. in dem Punkt recht das man das sicher nicht auf jeden Komponisten ummünzen kann, da gab es sicher schon von Haus aus die verschiedensten Prioritäten gegenüber dieser und jenen Gattung.
    Das übrigens Beethoven nur starke Orchesterwerke abgeliefert hat mag ich so nebenbei doch bezweifeln, ein Durchstöbern bei seinem WoO-Verzeichnis hat mich da mal nicht so ganz überzeugt :stumm: (ja er war glaub ich auch letzten Endes nur ein Mensch wenn natürlich auch - meistens - außerordentlich gut in seiner Sache ;) )
    Aber darum ging es mir ja wie gesagt nicht bei diesem Thema. :)


    lg
    Thomas

    „Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

  • Interessanter Thread. Auch ich habe ich lange Zeit nicht mit Kammermusik beschäftigt (wenn man von Klaviersonaten absieht, von denen ich schon früh viele heiß und innig geliebt habe. Nebenbei: Gelten Klaviersonaten eigentlich als Kammermusik? Scheint mir nicht so, aber vom Charakter ist es doch Kammermusik.) Ich bin weit davon entfernt, ein Kenner zu sein, auch jetzt noch ist der Kammermusikanteil bei mir sehr gering, aber wenn ich sie höre, dann mit großem Genuss. Und besonders beeindruckend war für mich der Besuch eines Kammermusikkonzerts, auch wenn Brahms nicht mehr so sehr zu meinen aktuellen Komponisten zählt.


    Als Schostakowitsch-Fan kommt man irgendwann nicht an seiner Kammermusik vorbei. Und siehe da, es tut sich eine ganze neue Welt auf. Ich empfehle mal sein 9. Streichquartett, letzter Satz, oder das Finale des 2. Kaviertrios. Da ist nichts langweilig, man wundert sich, wieviel man aus 3 oder 4 Instrumenten herausholen kann.


    In den leisen Passagen ist Kammermusik viel intimer als Orchestermusik, aber in den schnellen, lauten Passagen kann es genauso mitreißend sein wie Orchestermusik. Aber ich gebe zu, ich könnte Kammermusik nicht ausschließlich hören, nach einer Zeit brauche ich wieder den Klang anderer Instrumente im Ohr.


    maticus


    P.S. Erwarte gespannt die hier vielfach empfohlenen DSCH Quartette mit dem Borodin Quartett.

  • Zitat

    Original von rappy
    Also ich denke, dass in der Romantik der Unterschied zwischen Kammermusik und Orchestermusik im Anspruch gesunken ist. Brahms hat sicher nicht seine Sinfonien und Klavierkonzerte "für die größere Masse" und deswegen eingängiger geschrieben. Die Violin- und Klarinettensonaten würde ich als sehr viel eingängier einschätzen als bspw. die 1. oder 4. Sinfonie.


    Na, dann schau Dir mal die threads hier im Forum oder die Anzahl der erhältlichen Tonträger an... ;)
    Brahms ist kein besonders gutes Beispiel, weil von ihm oft gesagt wird, er schreibe auch Orchestermusik in einem kammermusikalischen Stil (was auch wieder eine Übertreibung ist).
    Der Anspruchsunterschied war natürlich seit jeher relativ. Es gab immer auch massenhaft Spiel- und Unterhaltungskammermusik, gerade bei gemischten Besetzungen.
    (Das ändert sich vermutlich, da hast Du wohl recht, später ein wenig. Aber vergleiche noch Schostakowitschs Quartette und Sinfonien. Ein Quartett zur Feier des 1. Mai oder Lenins oder was immer kommt einfach nicht gut. Seine Quartette sind durchgehend deutlich später entstanden und man findet dort wenig von dem Plakativen, was viele seiner Orchesterwerke bestimmt)


    Zitat


    Manche Komponisten, die viel in der Kammermusik tätig waren, haben sich - denke ich - in ihren sinfonischen Werken besonders viel darum bemüht, ihre besten Ideen zusammenzutragen. Z. B. Chopin, Schumann oder Grieg - so ein Klavierkonzert ist größer angelegt, viel Aufwand und sehr repräsentativ.


    Daß Chopins Klavierkonzerte seine besten Werke sein sollten, ist eine eher exotische Ansicht ;) (ich würde allerdings auch nicht das Trio und die Cellosonate für seine besten halten, obwohl ich die beide ziemlich unterschätzt finde)


    Zitat


    Ein Trio unter vielen kann schonmal ein kleines Nebenwerk sein, das man auch ohne die besten Ideen schreibt, ja nachdem wie selbstkritisch man ist. Aber welcher große Komponist komponiert und orchestriert schon ein aufwendiges Orchesterwerk eindeutig zweiten Ranges? Sie Wahrscheinlichkeit ist wesentlich geringer.


    Wirklich?
    Worauf stützt sich die Wahrscheinlichkeitsabschätzung?
    Ich erspare mir jetzt eine Aufzählung von aufwendig orchestrierten Stücken, die ich für zweit- bis drittrangig halte... :D
    Ein extrem selbstkritischer Komponist wie Brahms war überall sehr streng gegen sich selbst. Andere hielten das anders; ich sehe da keinen eindeutigen Zusammenhang mit der Gattung.
    Ich halte auch den Ansatz mit den "besten Ideen" für wenig hilfreich. Jemand wie Brahms hätte keineswegs zugestimmt, daß die Qualität eines Werkes von "Einfällen" abhinge. Und es ist noch weniger klar, warum man die besten Ideen für Orchesterwerke aufsparen sollte...


    Zitat


    So gibt es von vielen Komponisten (z. B. Beethoven) keine schwachen Orchestwerke. Schwache oder zumindest schwächere Klaviersonaten wird man allerdings finden.


    Soloklaviermusik faßt man i.A. eher nicht unter Kammermusik. Abgesehen davon biete ich bei Beethoven "Wellingtons Sieg", die Ouverturen/Schauspielmusiken "Ruinen von Athen", "König Stephan", "Namensfeier", die Chorfantasie und sicher noch ein paar Sachen, die ähnlich deutlich gegenüber der 5. oder 7. Sinfonie zurückstehen wie op.49 u.ä. gegenüber op.53.
    Natürlich gibt es keine Garantie dafür, daß Kammermusik besonders gelungen ist. Aber ebensowenig gilt das für Orchestermusik. (Und mir fallen wiederum sehr viel mehr vergleichsweise schwache Orchesterwerke, besonders Konzerte, ein, die fester Kern des Repertoires sind, als Kammermusik oder sogar Klavierstücke)


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)