Die posthumen Metamorphosen des Wolfgang Amadeus Mozart - Mozartbilder, einst, jetzt und in Zukunft.

  • Liebe Musikfreunde,



    Die Welt, insbesondere die Nachwelt, macht sich von jedem Menschen ein Bild, sei es geschön oder real, interessant oder uninteressant, sympathisch oder unsympatisch.
    Solch ein Image, wie wir es heute nennen ist dann im Regelfall auich durch bewiesen Fakten kaum zu erschüttern.


    Nicht so bei Wolfgang Amadeus Mozart:


    Natürlich kenne ich nicht alle Mozart-Bilder durch die Jahrhunderte, aber einige sind trotzdem erwähnenswert:


    Mozart als unschuldiges immer nettes Wunderkind, auch noch im Erwachsenenalter. Ein Sonnenschein der belanglose gefällige Musik schrieb. Ideal für Pausenzeichen und Werbung für Konfekt und Likör.
    Ein ephebenhaftes Wesen mit schlanker Taille (sehr gut am Mozartdenkmal im Wiener Burggarten zu sehen) Immer nett immer sympathisch, der "Wolferl" eben, wie wir ihn alle kennen und lieben.
    Ein Wahrzeichen von Salzburg. Sein beliebestes Werk ist die "Kleine Nachtmusik" Sie ist recht kurz, vor allem dann, wenn man nur einen Satz kennt.
    Als seine Zeit zu Ende geht, bestellt der Tod persönlich, in der Gestalt eines unbekannten, schwarz gekleideten Herrn ein Requiem . (Die Geschichte ist in ähnlicher Form tatsächlich so erzählt worden)




    Mozart als "Aufrührer mit linken Tendenzen, ungepflegt , schlechtgekleidet von schäbiger Eleganz, immer unterdrückt von den Hofschranzen allen voran der böse Salieri. Unterbezahlt und gemobbt, in einer Umgebung die sein Genie nicht erkennt, und wo sie es tut ,unterdrückt. Vom Salzburger Erzbischof Graf Colloredo geohrfeigt und entlassen, (den er mutig in seinen Briefen "Schwanz" nennt) vom Vater getadelt wegen seiner Lebensführung und wegen der Wahl seiner Frau, Constanze Weber (die tatsächlich nicht standesgemäß war, die Webers waren nicht allzugut beleumundet)
    Seine Musik ist grell und schreiend, boshaft und witzig 8jedenfalls wenn man gewissen Interpretationen glauben schenken will)



    Mozart als Freimaurer und lntellektueller.
    Mozart spricht schließlich neben deutsch auch französisch und (vorzugsweise) italienisch. Die Leichtigkeit seiner Musik ist lediglich Maske, darunter steckt eine tiefer Melancholie. Mozart ein Hinterfragender und Suchender, das hört man doch schon aus etlichen seiner späten Sinfonien, und im "Don Giovanni" Zudem Mitglied bei den Freimaureren. Kaiser Joseph II erkennt Mozarts Genie und fördert ihn im bescheidenen Umfange, kennt er doch nur allzugut Mozarts überzogene Selbstbbewusstsein.



    Seit einiger Zeit entwickelt sich (offenbar sind sie anderen schon ausgelutscht und nicht mehr gut vermarktbar.(?))ein neues Mozartbild.


    Mozart der Lebemann und Bohemieu:
    Seine Nächte verbrachte er, traut man diesem Bild, fast ausschließlich in den übelsten Spelunken. Dort hat er wahrscheinlich auch die Vulgärausdrücke her, die man in seiner Kirrespondenz immer wieder findet. Vom Billardtisch (er besaß einen eigenen) war er auch nicht loszubringen, und er soll auch, welch Laster geraucht und Karten gespielt haben.Kein Wunder, daß er soviele Schulden hatte !!
    Ein neues, jüngst aufgetauchtes Gemälde, das mit ziemlicher Sicherheit Mozart darstellt, zeigt auch, daß er scheinbar zuviel Konfekt genascht hat (Mozartkugel war noch nicht erfunden, aber es gab ähnliches)oder Riesenportionen gegessen hat. Wahrscheinlich hat ihn der niciht standesbewusste Adel gemästet, wo er ja andauernd speiste.
    Auch die Todesursache könnte man jetzt wieder neu bewerten:
    Wollten doch die Stimmen nie verstummen, daß Mozart seinen Ausschweifungen in Form der Syphillis erlegen sei. Die Anhänger dieser Theorie waren lediglich davon abgegengen, weil diese Behauptung mit der wonderschönen Vergiftungstheorie (durch Salieri) nicht kompatibel war. - Schade eigentlich :D


    Mit der Musik Mozarts hat sich jene Gruppe, die das letzte Mozartbild kreiiert hat, allerdings nicht befasst - wozu auch ?



    ... und wie ist Euer "Mozartbild" ? ? ?



    Beste Grüße aus Wien


    sendet Alfred

  • Die Überschrift des Threads ist ja schon ganz schön niveauvoll, da musste ich erst zweimal lesen, um zu verstehen, was gemeint ist.


    Mein Mozartbild setzt sich, wie bestimmt bei den meisten aus den genannten Einzellbildern zusammen.
    Vielleicht kann man es in Prozentzahlen ausdrücken.


    Hauptsächlich habe ich ihn als nettes Wunderkind, bzw. Wahrzeichen von Salzburg und ideales musikalisches Vorbild für jeden kennengelernt. Das macht ca. 60 % aus.
    Der Film "Amadeus" steuerte 20 % des wilden Lebemannes, der so ganz und gar nicht fein war, dazu.
    Der ungepflegte, unterdrückte Mozart macht 15 % aus.
    Bleiben 5 % für den Intellektuellen, der mir dann doch noch nicht so rübergekommen ist, aber durchaus seine Berechtigung verdient.


    Machen 100 % Mozart, wie er für mich zur Zeit ist.
    Mit der Zeit, mit genauerem Studium seiner Werke, seines Lebens, werden sich die Schwerpunkte sicher noch mehr verteilen.



    Gruß, Peter.

  • Salut,


    für mich gibt es eigentlich kein festes Mozart-Bild - Mozart ist ein allgemeiner Zustand. Dieser kann sich u.a. in Glückseligkeit, aber auch in tiefer Leidenschaft oder Verzweiflung ausdrücken.


    Die ganzen dargestellten Mozart-Bilder (egal, ob reale Bildnisse oder "Bild" als Beschreibung) sind so different, dass es eigentlich kaum möglich ist (zumindest für mich), daraus ein vollständiges Bild zusammen zu setzen. Und für mich ist dies auch nicht notwendig, denn meine Anerkennung hat er durch seine Musik (und vielleicht - eventuell - nebenbei - durch die Umstände, während derer diese Musiken entstanden sind) erreicht und nicht durch die Bilder, die in die Welt gesetzt wurden!


    Viele Grüße

  • Hallo,


    Heute ist mir ein neuer Blickpunkt auf Mozart enthülllt worden:
    Mozart der Spieler.
    Daß Mozart gerne Billiard spielte ist ja hinlänglich bekannt, übrigens ein Hobby der Reichen und Berühmtern zu Mozarts Zeit. Er verfügte sogar über einen eigenen Billiardtisch, damals nicht alltäglich.


    Was ich aber nicht wusste, bzw mir nicht so bewusst war, daß Mozart gerne Karten spielte.....


    Ein Mozart.Buch, das mir in die Hände Fühl, befasst sich fast ausschließlich mit den Vergügungen des Wolfgang Amadeus Mozart, dazu gehörten neben den beiden erstgenannten Disziplinen noch Gesellschaftsspiele und Wortspiele etc etc.


    So wird allmählich aus dem "Wolferl" ein Lebemann mit Charakterschwächen - man hat ihn an unser heutige Zeit angepasst.


    Freundliche Grüße aus Wien


    Alfred

  • Hallo,


    für mich gibt es kein einheitliches Mozart-Bild, da dieser Mann nun einmal äußerst viele Facetten hatte.


    Eine Hochbegabung ist meist kein besonderes Glück für den so Beschenkten. Wie Gottfried Benn einmal so schön formulierte: "Dumm sein und Arbeit haben - das ist Glück!"


    Viele Hochbegabte fühlen sich wie von den sie umgebenden Menschen wie durch eine Art Glaswand getrennt. Sie werden wie "Wundertiere" bestaunt, von ihren (über-)stolzen Eltern herumgereicht und sollen den staunenden Verwandten/Freunden/dann Kostproben ihres Könnens abliefern wie dressierte Äffchen. Unter Ihren Altersgenossen finden sie als Kinder meist keine Freunde, weil sie sich mit Dingen und Fragen beschäftigen, die meilenweit über deren geistigen Horizont hinausgehen. Um wieviel mehr muß das für eine singuläre Höchstbegabung wie Mozart gelten.


    Nun hat Leopold Mozart sicher das Beste für seinen Sohn gewollt, ihm eine umfassende Erziehung angedeihen lassen und auch Teile seines Lebens für die Karriere seines Sohnes geopfert. Und W. Mozart hat aufgrund seiner Begabung früh die höfische Welt Deutschlands, Frankreichs und Italiens kennengelernt, die ihm aufgrund seines Standes sonst verschlossen geblieben wären.


    Dennoch glaube ich, daß W. A. Mozart ein oder mehrere "Ventile" brauchte, um nicht an seinem Genie zugrunde zu gehen. Die Albernheiten der "Bäsle"-Briefe, das Saufen, das Karten- und Billardspielen, das Verprassen seines nicht unerheblichen Vermögens für einen aufwendigen Lebensstil waren wahrscheinlich sogar notwendige Bedingungen für sein künstlerisches Schaffen. Hierbei konnte er sich wohl "abreagieren" und "normal" sein. Der Lebenshunger Mozarts verrät wahrscheinlich etwas vom Willen, sich nicht einengen
    zu lassen, weder vom Vater, noch von sonstigen weltlichen Autoritäten. Die Aufgabe des Salzburger Postens und die Heirat mit Constanze Weber sind wohl auch die äußeren Zeichen für das innere Bedürfnis, mit dem Lebensentwurf des Vaters zu brechen.


    In seinem Freiheits- und Unabhängigkeitsdrang war er eben nicht wie sein Vater zur braven Musikbeamtentätigkeit an provinziellen deutschen und österreichischen Fürstenhöfen geeignet, die strenge hierarchische Ordnung mit ihren lästigen Pflichten widerstrebte ihm. Er, das Genie, sah eben nicht ein, vor irgendeinem mittelmäßigen Duodezpotentaten den Kratzfuß zu machen und seine Zeit irgendwo aufgrund seiner Präsenzpflicht absitzen zu müssen, wenn er gleichzeitig nach Italien hätte reisen können.


    So gesehen fügen sich die scheinbar widersprüchlichen Facetten wieder zusammen zu einem Porträt der sich bedingenden Gegensätze.


    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Salut,


    ich muss leider der Tatsache, dass Mozart NIE schlampig oder ungepflegt herumgelaufen ist, widersprechen.


    Albrecht Goes kommentiert Mozart’s Bief vom 14. August 1790 an Michael Puchberg (dieser Brief dürfte der Bekümmeris Mozart’s wegen bekannt sein) mit folgenden Worten:


    […] Verbürgt ist ein Bericht, wonach Mozart an einem Tag in diesem Herbst [1790] einer >Figaro<-Probe beiwohnen wollte und keinen Einlaß bekam: der Türhüter hielt den verhärmten Mann für einen kleinen Schneidergesellen. Nun, derlei kann jedem passieren; aber dass es mit ihm nicht gut stand, geht aus diesem Brief deutlich hervor. […]


    Pardon, diesen Bericht habe ich leider auf die Schnelle nicht ausfindig machen können, weil der Quellennachweis zu dieser Briefkommentierung einfach zu umfangreich ist.


    Davon abgesehen liebte Mozart natürlich brokatene und samtene Stoffe, die elegante Kleidung an sich und seinen Auftritt in dieser, was sicherlich nicht zuletzt zu seiner finanziellen Misere beigetragen hat, in der er sich 1789-1791 befand.


    Viele Grüße,
    Ulli

  • Hallo Ulli,


    Ich kenne entweder den selben Text oder aber einen, der zumindest sehr ähnlich ist.
    Auch aus der Errinnerung: Ein Zeitzeuge, der einer Probe beiwohnte beschrieb Mozart als kleines unscheinbares Männchen in einem grauen Rock, und wusste nicht wer er war. Die beiden kamen auf Mozart zu sprechen und das Männchen saugte gierig alle lobenden Worte über Mozart auf. Erst am Abend bei der Aufführung (ich weiß nicht mehr worum es sich handelte) sah der Zeitzeuge zu seinem Entsetzen, daß es Mozart gewesen war mit dem er gesprochen hatte. (Mozart war am Aben selbstverständlich bestens gekleidet)


    Aber ich frage mich, was ist daran so aussergewöhnlich ?
    Kommen nich auch heute viele "große Interpreten" in Jeans und T-Shirt und Dreitagebart zur Probe ?


    Freundliche Grüße aus Wien


    Alfred

  • Hallo Ulli, Alfred und natürlich alle Anderen,


    ENDLICH können wir auch wieder mit mischen - und gerade DIESES Thema brennt uns schon seit Tagen unter den Nägeln...


    MOZART WAR NICHT SCHLAMPIG !


    Erst Einmal: Was will Goes Kommentar zu dem Bericht bezüglich Mozarts Puchberg Brief überhaupt aussagen? Wo ist der Zusammenhang??? Und wenn Goes zitiert, dann bitte richtig, im Original steht es nämlich so:


    (Über die von Mozart erwähnte Figaroprobe hat der Mannheimer Schauspieler Backhaus folgende Geschichte erzählt: )


    Ich kam in große Verlegenheit mit Mozart. Ich sah Ihn für einen kleinen Schneidergesellen an. Ich stand an der Thür, als wir Probe hielten. Da kam er und fragte mich, ob man zuhören dürfe. Ich wies ihn ab.- „Sie werden doch dem Kapellmeister Mozart erlauben zuzuhöhren!“ - jetzt kam ich erst recht in Verlegenheit“


    Es heißt nicht verhärmt, und das ein „Schneidergeselle“ zur Probe nicht zugelassen wurde, lässt sich eher damit begründen, dass dies nicht „standesgemäß“ war. Hat aber keine Aussagekraft bezüglich Schlampigkeit. Ein schlampiger oder ungepflegter Schneider wäre sein eigenes schlechtes Aushängeschild - nicht sehr geschäftstüchtig, wie wir meinen...


    Zu Alfreds Erinnerung:


    Da gibt es einige Varianten - wir fangen mit der längsten an.


    Friedrich Rochlitz hat eine Begebenheit im Berliner Theater so beschrieben:
    „Als Mozart das letzte Mal in Berlin ankam, war es gegen Abend. Kaum war er ausgestiegen, so fragte er den Marqueur im Gasthofe, der ihn nicht kannte: Giebt`s diesen Abend nichts von Musik hier? O ja, sagte der Mensch, soeben wird die deutsche Oper angegangen sein. So? Was geben sie heut? › Die Entführung aus dem Serail ‹ - Charmant, rief Mozart lachend. Ja, fuhr der Mensch fort, es ist ein hübsches Stück. Es hat`s componirt - wie heißt er nun gleich - ? Indessen war Mozart im REISEROCK, wie er war, schon fort. Er bleibt am Eingang im Parterre stehen und will da ganz unbemerkt lauschen. Aber bald freut er sich zu sehr über den Vortrag einzelner Stellen, bald wird er unzufrieden mit den tempos, bald machen ihm die Sänger und die Sängerinnen zu viel Schnörkeleien - wie er`s nannte; kurz, sein Interesse wird immer lebhafter erregt und er drängt sich bewusstlos immer näher und näher dem Orchester zu, indem er bald dies bald jenes, bald leiser, bald lauter brummt und murrt, und dadurch den Umstehenden, die auf das kleine, unscheinbare im schlechten Oberrock herabsahen, Stoff genug zum Lachen gibt, wovon er natürlich nichts weiß. Endlich kam es zu Pedrillos Arie ›Frisch zum Kampfe, frisch zum Streite‹ u.s.w. Die Direktion hatte entweder eine unrichtige Partitur, oder - man hatte verbessern wollen und der zweiten Violine bei den oft wiederholten Worten ›nur ein feiger Tropf verzagt‹ Dis statt D gegeben. Hier konnte Mozart sich nicht länger halten; er rief fast ganz laut in seiner nicht verzierten Sprache: ›Verflucht - wollt ihr D greifen....“


    Hier muß man also den Umstand beachten, dass Mozart geradewegs aus der Postkutsche in das Theater gestürzt ist - und keineswegs vor hatte sich unter das Publikum zu mischen. Vermutlich weil er sein Auftreten für nicht ganz passend gehalten hat. Aber auch das bedeutet nicht, dass Mozart schlampig oder ungepflegt war.


    Nächstes Beispiel (Berlin, die Entführung):


    Der sechzehnjährige Ludwig Tieck erinnert sich, dass er vor der Vorstellung im leeren Haus ein unscheinbares, sehr bewegliches Männchen an den Notenpulten im Orchester herumgeistern sah. Er kam mit dem Unbekannten ins Gespräch und äußerte sich über die kommende Vorstellung, das Werk und seinen Komponisten in begeisterten Worten. „Sie hören also Mozart gern und lieben ihn, das ist schön von Ihnen!“
    Erst hinterher erfuhr er, mit wem er gesprochen hatte.


    Auch hier „unscheinbar, klein“ aber nicht ungepflegt, schlampig.


    Jetzt lassen wir Mozart selbst zu Wort kommen:


    Im September 1781 schrieb er von Wien aus an den Vater (natürlich) nachdem er sich neu eingekleidet hatte:„Kein hausknecht hatte hier hemder von so grober leinwand, als ich sie hatte. Und das ist gewiß das abscheulichste an einem Mansbild!“


    Und wenn man liest, welche Kleidungsstücke Mozart (Nachlass) besessen hat, kann man nur staunen. Da nichts schlechtes dabei - im Gegenteil. Für die damaligen Verhältnisse war Mozart extrem gut ausgestattet


    So! Jetzt seid Ihr wieder dran... :yes:


    Liebe Grüße und VIVAT MOZART :hello:


    Bettina und Wilfried

  • Hallo ihr beiden Mozart-Experten!


    (Unglaublich, was man hier so alles lernen kann!)


    Zitat

    Für die damaligen Verhältnisse war Mozart extrem gut ausgestattet


    Das ist leicht erklärt. Mozart verkehrte bei Hof, da musste man pikfein auftreten...


    Ciao

  • Hallo MOZIWIS,


    Die Geschichte von Tieck ist es auf die ich anspielte, sie stimmt fast wörtlich mit der Version aus meiner Erinnerung überein, lediglich entsinne ich mich, daß es in meiner Version hieß, ...mit einem grauen Rock..."


    Die Geschichte aus Berlin kenne ich natürlich auch, jedoch ist es für micvh schwer, mich immer zu entsinnen, wo ich das gelesen habe, als welches die Quelle ist, a heutig quellen ja immer alte Quellen zitieren etc etc.


    Daß Mozart zu offiziellen Anlässen und in der Öffentlichkeit gut bis überelegant gekleidet war wird ja gar nicht bestritten (ich sitze auch nur selten im Samtanzug, Rüschenhemd und Mascherl am Computer, ins Theater trug ich das in meiner Jugend aber sehr wohl)


    Schreibt ja Muzio Clementk in seinen Erinnerungen über den musikalischen Wettstreit mit Mozart:


    „Kaum einige Tage in Wien anwesend, erhielt ich von Seiten des Kaisers eine Einladung, mich vor ihm auf dem Fortepiano hören zu lassen. In dessen Musiksaal eintretend, fand ich daselbst jemand, den ich seines eleganten Äußeren wegen für einen kaiserliche Kammerherrn hielt; allein kaum hatten wir die Unterhaltung angeknüpft, als diese sofort auf musikalische Gegenstände überging und wir uns bald als Kunstgenossen erkannten und freundlichst begrüßten.“


    Der vermeintliche kaiserliche Kammerherr war niemand anderer als Mozart. Mozart har den "Kunstgenossen" Clementi übrigens negativer oder zumindestens nüchterner dargestellt:


    "Der Clementi spielt gut, wenn es auf Execution der rechten Hand ankommt. - Seine force sind die Terzenpassagen - - übrigens hat er um keinen Kreuzer Gefühl oder Geschmack. Mit einem Wort ein bloßer Mechanicus."


    Freundliche Grüße
    aus der Mozartstadt Wien


    Alfred

  • Hallo Alfred,


    wir haben uns schon gedacht, dass die "Tieck-Anekdote" die ist/war, die Du gemeint hast.
    Etwas anderes das Du hier erwähnt hast ist "typisch Mozart": Die herablassende Art und die oft niederschmetternde Kritik die er anderen zu kommen ließ. Es fand wirklich kaum ein Künstler seine absolute Zustimmung. Selbst über Wieland hat er sich ziemlich abwertend geäußert, und das, obwohl Wieland nur gut von ihm gesprochen hat.
    Das ist eigentlich schade...


    Liebe Grüße in die Mozartstadt


    die moziwis

  • Wer an Gutem spart, wartet nur auf das Schlechte*


    Dies ist für mich die Gesamtdefinition von Mozart in Musik und Person.


    Dass Mozart ein Perfektionist war, ergibt sich zum Beispiel aus den Aufzeichnungen von Marianne verw. Freifrau von Berchtold zu Sonnenberg (Nannerl Mozart):


    Zitat

    Der junge Mozart war, sobald er beim Klavier saß, ganz Meister. Er bemerkte bei der vollständigsten Musik den kleinsten Mißton und sagte gleich, auf welchem Instrument der Fehler geschehen, ja sogar welcher Ton es hätte sein sollen. […]


    Wir wissen, dass Mozart seinen Ideenreichtum musikalischer Einfälle mit (liebe-)vollen Händen völlig gleichgültig ausschüttete und verschleuderte… weil er wusste, dass er sofort abertausende neue Einfälle hatte. Ebenso hielt er es offenbar mit dem Geld, wie Ignaz Ferdinand Karl Arnold (1774-1812), ein Erfurter Schriftsteller, zu berichten weiß:


    Zitat

    […] Er [Mozart] sprang von einem Extrem ins andere. Er hatte keine fixe Besoldung und war, wie das bei Dichtern und Virtuosen der Fall ist, kein guter Wirt, wußte das Geld nicht auf Wochen und Monathe einzutheilen, kannte seinen Wert garnicht. […] Nun kamen einige Louisd’or. Schnell änderte sich die Szene. Jetzt giengs in Freuden. […]


    Mozart hasste das Schlechte, was ihm als Perfektionist nicht zu verübeln ist. So schreibt er in einem Brief an den Vater aus Wien vom 07. Juni 1783 (an die Schwester gerichtet):



    […]Nun muß ich meiner schwester wegen den clementischen Sonaten ein paar worte sagen; - daß die komposizon davon nichts heisst, wird Jeder der sie spiellt, oder hört, selbst empfinden. […] – und mit diesen bitte ich meine schwester sich nicht gar zu viel abzugeben, damit sie sich dadurch ihre ruhige, statte hand nicht verdirbt, und die hand ihre natürliche leichtigkeit, gelengigkeit, und fliessende geschwindigkeit dadurch nicht verliert. […] so wird sie ein entsetzliches Hackwerk hervorbringen, aber sonst weiter in der Welt nichts! – Clementi ist ein Ciarlattano wie alle Wälsche. – er schreibt auf eine Sonate Presto auch wohl Prestißimo und alla Breve. – und spiellt sie Allegro im 4/4=tackt; […] was er recht gut macht sind seine 3:ten Passagen; - er hat aber in London Tag und Nacht darüber geschwizt; - ausser diesem hat er aber nichts – gar nichts – nicht den geringsten vortrag, noch geschmack, - viel weniger Empfindung. – […]


    Soweit Mozarts Höllenurteil über Muzio Clementi, welchen er bereits 1782 kennen lernte und mit folgenden knappen Worten beschrieb:


    […]Nun vom Clementi. – dieser ist ein braver Cembalist. – dann ist auch alles gesagt. – er hat sehr viele fertigkeiten in der rechten hand. – seine haupt Passagen sind die Terzen. – übrigens er hat um keinen kreutzer geschmack noch empfindung. – ein blosser Mechanicus. […]


    Das ist natürlich für Mozart nichts. Ein Mensch der absoluten Empfindung, der das Leben und die Musik in sich aufgesogen hat, wie ein Schwamm. Eigentlich wie ein voll gesogener Schwamm, aus dem bereits wieder alles heraus quillt. Franz Niemetschek beschreibt dies 1798 so:


    Zitat

    [S. 57] Wie reizbar seine Empfindung gewesen sey, wie lebhaft sein Kunstsinn, kann man aus dem schließen, daß er bey der Aufführung einer guten Musik bis zu Tränen gerührt wurde, vorzüglich wenn er etwas von den beyden [sic!] großen Haydn hörte. Aber nicht allein die Musik, jeder andere rührende Gegenstand ergriff sein ganzes Gefühl und erschütterte ihn. […]


    Mozart war in der Verurteilung seiner Konkurrenten schnell und äußerst präzise:


    […]Montags den 13ten, nachdem wir bey Neumanns frühstück genommen hatten gingen wir alle nach Hof in die Kapelle, die Messe war vom Naumann |: welcher sie selbst dirigirte :| | - sehr Mittelmäßig; […]


    Man beachte die Großschreibung des Adjektivs! Mozart stand gerne im Mittelpunkt und wenn irgendjemand nicht in der Lage war, seine Kompetenzen zu erkennen, war der Ofen aus – so schreibt er dem Vater aus Wien am 13. Juni 1783:


    Mon Trés Cher Pére!
    Bester aller vätter! Wie herzlich gerne wollte ich ihnen nicht ferners noch meine besten Jahre an einem orte aufopfern, wo man schlecht bezahlet ist; - wenn dieß allein das übel ware. Allein, schlecht bezahlt, und obendrein noch verspottet, verachtet und Cuionirt – das ist doch wahrlich zu viel. – Ich habe für des Erzbischofs accademie hier, eine Sonate für mich, dem Brunetti ein Rondeau geschrieben, habe bey Jeder accademie 2 mal gespiellt, und das letztemal da alles aus war eine ganze stunde noch variazionen […] gespiellt, und da war so ein allgemeiner beyfall, daß, wenn der Erzbischof nur ein wenig ein Menschliches Herz hat, er gewis hat freunde fühlen müssen; […]


    Selten beschreibt Mozart selbst die Komposition eines eigenen Werkes so detailgetreu und voller Stolz, wie in seinem Brief vom 26. September 1781 an den Vater:


    […]Nun die aria bon Bellmont in ADur. O wie ängstlich, o wie feurig, wissen sie wie es ausgedrückt ist – auch ist das klopfende liebevolle herz schon angezeigt – die 2 violinen in oktaven. – dies ist die favorit aria von allen die sie gehört haben – auch von mir. […]


    …doch nur wenige Zeilen später kommt wieder der mozartische Spott durch:


    […]- das hui – habe ich in schnell verändert also: doch wie schnell schwand meine freude etc: ich weis nicht was sich unsere teutsche dichter denken; - wenn sie schon das theater nicht verstehen, was die opern anbelangt – so sollen sie doch wenigstens die leute nicht reden lassen, als wenn schweine vor ihnen stünden. – hui Sau; - […]


    Dass er auch anders sein und zwar ausgiebig und ohne Verlustangst seines Selbstwertgefühls Verehrung gegenüber anderen Musikern seiner Zeit äußern konnte, lesen wir in seiner Dedikation der Quartette, die er Joseph Haydn schenkte:


    Zitat

    Während Ihres letzten Aufenthalts in dieser Hauptstadt drückten Sie, mein sehr teurer Freund, selbst Ihr Wohlgefallen an diesen Kompositionen aus. Ihre gute Meinung ermutigt mich, Sie Ihnen darzubieten und leitet mich in der Hoffnung, dass Sie sie Ihrer Gunst nicht ganz unwürdig erachten werden. Nehmen Sie sie also freundlich auf und seien Sie ihnen ein Vater, Führer und Freund! Von diesem Augenblick an trete ich alle meine Rechte daran an Sie ab. Ich bitte Sie aber, mit jenen Fehlern, die dem parteiischen Blick des Vaters entgangen sein mögen, Geduld zu haben und, ihnen zum Trotz, Ihre großzügige Freundschaft mit jenem fortzusetzen, der Sie so hoch schätzt. In der Zwischenzeit bin ich von ganzem Herzen, teuerster Freund, Ihr aufrichtigster Freund


    W.A. Mozart. / Wien, den 1. September 1785


    Als Subsummierung könnte man sagen, Mozart hat Zeit seines Lebens aus dem Vollen geschöpft, das (musikalisch, kompositorisch und menschlich) Gute verteilt, was die Verachtung des Schlechten zur Folge hatte.


    Cordialement,
    Ulli


    *© 2005 by mir

  • Liebe Mozartfreunde,


    jetzt ist mir doch tatsächlich bei aller Akribie und Detailtreue der Hintergrund meines Scriptums durch die Lappen gegangen.


    Mozart hat meiner Meinung nach in der Freimaurerei den Aufhänger für seine Perfektion gefunden: Die Alten Pflichten von 1723 der Großloge (das ist quasi die Spitze der Pyramide) bestimmen in Artikel 2:


    Zitat

    In den Mitgliedslogen der Großloge arbeiten Freimaurer, die in bruderschaftlichen Formen und durch überkommene rituelle Handlungen menschliche Vervollkommung erstreben. […]


    Cordialement,
    Ulli

  • Hallo liebe Taminoianer,


    wisst Ihr, mit welchem "Mozartbild" wir irgendwie gar nicht klar kommen? Mozart bekam von seinem Arzt "verordnet" Sport zu betreiben - und er entschied sich für das Reiten. Könnt Ihr Euch Mozart als Reitersmann vorstellen? Im Spiel mit seinem Hund - ja. Beim fröhlichem gezwitscher mit seinem Star - ja. Aber Mozart beim Reiten?


    Viele Grüße


    Bettina und Wilfried

  • Salut,


    doch - ich kann mir das sehr gut vorstellen. Als ich dies das erstemal las [nicht hier], war ich auch erst ein wenig bestürzt, - doch: es steht im gut; Reiterstiefel, Käppi [falls es das schon gab] und Peitsche! Einfach trés chic... ganz in seinem Sinne!


    Ich habe sogar kürzlich gelesen, dass er sich einen Sportwagen mit 6 PS [also eine Kutsche mit 6er-Gespann] zugelegt haben soll... da ich nun wieder 88 Bücher und Berichte gleichzeitig lese, weiß ich jetzt grad nicht wo... jedenfalls soll er ziemlich eins auf die Nase bekommen haben, weil die 6er-Konstellation nur den "oberen Schichten" vorbehalten war. Er kommentierte, dass er ja nur Pferderln und nicht Pferde besitze... weiß der Teufel, ob das wahr ist.


    Übrigens: Der Spruch von [Bassa] Selim kommt meines Geschmackes nach am besten aus dem Munde von Curd Jürgens 'rüber! Kennt Ihr die Aufnahme?


    Cordialement,
    Ulli

  • Hallo Ulli,


    so weit wir wissen, ist Mozart nie zu einem sicheren Reiter geworden, er hatte immer großen Respekt vor diesen Tieren - bösartige Menschen würden jetzt behaupten, er hatte Angst vor Pferden :D


    Die Entführung mit Curd Jürgens als Selim haben wir uns gestern angehört, deshalb auch kurz entschlossen unseren Spruch geändert...


    Liebe Grüße


    Bettina und Wilfried

  • Zitat

    Wen man durch Wohltun nicht für sich gewinnen kann, den soll man sich vom Halse schaffen


    Salut,


    das ist einfach die Wahrheit! Die Wahrheit, sei sie auch Verbrechen!


    Cordialement,
    Ulli

  • HA!


    Ich habe lange gesucht, um die Briefstelle zu finden – ich kam nicht auf den Gedanken, dass Mozart dies aus Paris schrieb. Mozart berichtet am 14. Mai 1778 an seinen Vater über seine Kompositionsschülerin [meine scolarin], die Tochter des duc de guines:


    […] heüte habe ich ihr die 4te Lection gegeben, und was die Regln der Composition, und das sezen anbelangt, so bin ich ziemlich mit ihr zufrieden – sie hat mir zu den Ersten Menuett den ich ihr aufgesetzt, ganz gut den Bass dazu gemacht. Nun fängt sie schon an 3 stimmig zu schreiben. Es geht; aber sie Ennuirt sich gleich; aber ich kann ihr nicht helfen; ich kann ohnmöglich weiter schreiten. Es ist zu fruh, wenn auch wirklich das Genie da wäre, so aber ist leider keines da – man wird alles mit kunst thun müssen. Sie hat gar keine gedancken. Es kömmt nicht. Ich habe es auf alle mögliche art mit ihr Probirt, unter andern kamm mir auch in sinn, einen ganz simplen Menuett aufzuschreiben, und zu versuchen, ob sie nicht eine variazion darüber machen könnte? – ja, das war umsonst – Nun, dachte ich, sie weis halt nicht, wie und was sie anfangen soll – ich fieng also nur den ersten tact an zu variere, und sagte ihr, sie solle so fortfahren, und bey der idée bleiben – das gieng endlich so ziemlich. Wie das fertig war, so sprach ich zu ihr, sie möchte doch selbst etwas anfangen – nur die erste stimme, eine Melodie – ja, sie besann sich eine ganze viertl stund und es kamm nichts. Da schrieb ich also 4 täckte von einem Menuett und sagte ihr –sehen sie, was ich für ein Esel bin; izt fange ich einen Menuett an, und kann nicht einmahl den den Ersten theil zu ende bringen – haben sie doch die güte und machen sie ihn aus; da glaubte sie das wäre ohnmöglich; Endlich mit vieller mühe – kam etwas an tage; ich war doch froh, das einmahl etwas kamm. Dann muste sie den Menuett ganz ausmachen – das heist, Nur die Erste stimme. Über Haus aber habe ich ihr nichts anders anbefohlen, als meine 4 täckte zu verändern. Und von ihr etwas zu machen – einen andern anfang zu erfinden – wens schon die nemliche Harmonie ist, wenn Nur die Medlodie anders ist. Nun werde ich morgen sehen, was es ist. […]


    Leopold Mozart antwortete am 28. Mai:


    […]Du schreibst, heute habe ich der Mad.lle des Herzogs die vierte Lektion gegeben, und Du willst, dass sie schon selbst Gedanken aufschreiben soll, - meinst Du alle Leute haben Dein Genie?[…]


    Mlle. de Guines war übrigens Harfenistin und ihr Vater Flötist. Am 31. Juli 1778 schreibt Mozart, dass er schon 4 Monath ein Concert auf die flöte und harpfe von mir hat, welches er noch nicht bezahlt hat.


    Sonnige Grüße
    Ulli

  • Salut,


    der Tenor des Mozartjahres 2006 scheint ja zu sein, dass mit dem "alten Mozartbild" aufgeräumt wird. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum derzeit so viele neue Mozartbilder auftauchen...


    :rolleyes:


    Und doch wieder nicht: Ein Artikel, über den ich bereits hier berichtete, nennt sich:


    Genie und Spieler im freien Fall


    Um so schöner war der Artikel in DIE ZEIT Nr. 50, 8. Dezember 2005:


    Die Jakobiner von Wien, da wurde endlich einmal ein wenig Licht ins Dunkel gebracht.


    Liebe Grüße
    Ulli

  • Ich mußte lachen, als ich diese schöne Typen von Mozart las. Bravo. :jubel:
    Trotzdem sind m.E. noch zwei Punkte vergessen:


    Mozart als Sohn Leopolds. Der Vater wußte um das Genie seines Sohnes, aber ich wundere mich ob er sich realisierte, daß man das Geniale nicht mit normalen Maßstäbe messen kann.
    Vielleicht (vermutlich) brauchte Mozart für die Entfaltung seiner Gaben tatsächlich Wien und war eine feste Stelle gerade was er nicht benötigte.


    Und das andere Punkt ist Mozart der Komponist, der offenbar anders komponierte als seine Kollegen. Wenn ich mich nicht irre, ist irgendwo belegt, daß Mozart sagte, daß er Kompositionen bereits im Gehirn hörte. Alle Notenlinien zugleich. Und er konnte sie dann auch so aufschreiben (alle Takte unter ein ander).
    Wenn einer sich realisiert, wie z.B. Beethoven arbeitete, spürt man hier jedenfalls einen wichtigen Unterschied zwischen den beiden Herren.


    LG, Paul

  • Salut,


    Zitat

    Original von musicophil


    Vielleicht (vermutlich) brauchte Mozart für die Entfaltung seiner Gaben tatsächlich Wien und war eine feste Stelle gerade was er nicht benötigte.


    Eine feste Anstellung ist immer eine Behinderung in der freien Entfaltung - hingegen bietet sie eben den Vorteil, dass relativ regelmässig die Konten gefüllt werden, wenn auch dürftig. Mozart selbst hat ja zu letzt auch nur aus diesem einen Grund - dem chronischen Geldmangel - nach einer Anstellung gesucht [und nicht bekommen]. Ansonsten brauchte er sicherlich zwingend die Freiheit, zu schreiben was, wann und wo er es wollte.


    Zitat

    Und das andere Punkt ist Mozart der Komponist, der offenbar anders komponierte als seine Kollegen. Wenn ich mich nicht irre, ist irgendwo belegt, daß Mozart sagte, daß er Kompositionen bereits im Gehirn hörte. Alle Notenlinien zugleich. Und er konnte sie dann auch so aufschreiben (alle Takte unter ein ander).


    Find ich jetzt irgendwie nicht so sonderlich "genial".


    Zitat

    Wenn einer sich realisiert, wie z.B. Beethoven arbeitete, spürt man hier jedenfalls einen wichtigen Unterschied zwischen den beiden Herren.


    Ja, sicher. Aber Beethoven hat eben auch ganz andere Dinge komponiert und unter dem Komponieren an sich etwas anderes verstanden; offensichtlich jedenfalls hat er das Komponieren als einen Vorgang verstanden, der an sich schöpferisch ist. Dein oben Gesagtes über Mozart einbezogen, ist es bei Mozart ledgilich nur noch eine [mühselige und wenig erfreuliche] Arbeit der Niederschrift des bereits Fertigen [bei Mozart].


    Was zählt, ist letztlich das Ergebnis.


    Abgesehen davon, stimmt es so, wie Du es beschrieben hast, nicht ganz: Mozart hat prinzipiell zunächst die wichtigen, also melodieführenden, Stimmen und den Bass notiert, alles andere blieb leer. Erst wenn das Werk auf diese Weise "fertig" gestellt war, macht er sich an die Instrumentierung. Instrumentierung ist der Vorgang, die fehlenden Stimmen auszufüllen. Die Instrumentation hingegen hatte er bereits fertig im Kopf - sagt man. Als ein Beweis ist das Klarinettenkonzert anzuführen. Mozart schreibt selbst in einem Brief an seine Gemahlin, er schmauche nun ein Pfeiffe Toback, trinke schwarzen Coffe und Instrumentire das Rondo vom Stodla.


    Mir persönlich würde eine beethovensche Schaffensweise absolut nicht liegen. Das liegt an meiner prinzipiellen Faulheit - am liebsten schreibe ich garnicht, selbst Diktieren wäre mir schon zu viel des Guten... :O Ich schreibe auch die Sachen nur einmal: Ganz selten berichtige ich Flüchtigkeitsfehler oder Änderungswünsche der/des Auftraggebers, das aber auch nur mit :motz: Selbst ein umgefallenes Rotweinglas ändert nichts an der Tatsache - das Papier ist dick, außerdem riecht es gut. Ansonsten kenne ich viel mehr Faulenzerzeichen, als Noten und Vorzeichen... :D


    Viele Grüße
    Ulli

  • Zitat

    Original von Ulli


    Ja, sicher. Aber Beethoven hat eben auch ganz andere Dinge komponiert und unter dem Komponieren an sich etwas anderes verstanden; offensichtlich jedenfalls hat er das Komponieren als einen Vorgang verstanden, der an sich schöpferisch ist. Dein oben Gesagtes über Mozart einbezogen, ist es bei Mozart ledgilich nur noch eine [mühselige und wenig erfreuliche] Arbeit der Niederschrift des bereits Fertigen [bei Mozart].


    Lieber Ulli,


    Wenn ich mich nicht irre, ist doch belegt, daß Beethoven oft (oder fast immer) am Klavier komponierte. Das gilt für Mozart doch viel weniger?


    LG, Paul

  • Salut,


    ich weiß nicht: Ich habe heute [endlich] die aufgezeichnete Dokumentation über den jungen "Bonner" Beethoven [also bis 1792] gesehen. Demnach war Beethoven in Wien allein deswegen zunächst berühmt geworden, weil er so talentiert improvisierte. Ihn hat, dem Bericht zufolge, das Literaturspiel nicht so sehr bewegt wie die freie Improvisation. Ganz ähnliche Berichte gibt es ja allerdings auch von bzw. über Mozart. Von Mozart wird oft berichtet, wie er am Clavier "phantasirte". Mozarts Kompositionen sind jedenfalls im direkten [oberflächlcihen] Vergleich zu Beethoven sehr viel einfacher, was die Form und meistens die Harmonik anbelangt, so daß ein "im-Kopf-Komponieren" mit anschließendem schnellen und fehlerlosen Hinkritzeln hier keine besondere "Kunst" ist - Beethoven hat an den meisten seiner Werke sehr viel Herumgefeilt und die Werke vielfach verändert, vermutlich in seinem Sinne: verbessert. Mozart tat das zunächst nicht. Aus den Autographen ergibt sich jedenfalls die Sichtweise, Mozart sei hier "genialer" gewesen, was aber so sicherlich nicht stimmt: Auch von Mozart existieren etliche Skizzen zu komplexeren Stellen und verworfene "Fassungen", die jahrelang nicht zugänglich waren. Daraus ergab sich eben dieses verschobene Bild.


    Herzlichst
    Ulli

  • Lieber Ulli,


    Vergißt Du nicht etwas? Ich habe aus Wikipedia was kopiert


    Zitat

    Hummel galt als bedeutendster Pianist seiner Zeit und in dieser Eigenschaft neben Joseph Wölfl als schärfster Konkurrent Beethovens, dem er in krisenanfälliger Freundschaft verbunden war. Wie Beethoven war Hummel ein großer Improvisator; nach Beethovens Tod und dessen eigenem Wunsch entsprechend improvisierte er im Rahmen der Trauerfeier über Themen des Verstorbenen.


    LG, Paul

  • Wolfram schrieb heute im Thread über Mozart Klavierkonzerte auf modernem Flügel als das Thema auf Karl Böhm kam:


    Zitat

    Vielleicht würden ja auch viele Klassikfreunde der Aussage zustimmen, dass es keine Mozartaufnahmen von Karl Böhm gibt, die unter dirigentischen Gesichtspunkten aufregend zu nennen wären (unter vokalen Aspekten sehr wohl, als Beispiel für viele andere sei Wunderlichs Tamino erwähnt). Vielleicht wären unter diesen vielen Klassikfreunden aber auch manche, die sagen, dass Mozart auch gar nicht aufregend gespielt werden soll.


    Ich fand die Statements sehr interessant, so daß es mir ein Bedürfnis ist, darauf zu antworten. Allerdings wäre das im entsprechenden Thread eine Themenabweichung gewesen, bzw hätte sich eventuell zu einer solchen entwickelt.
    Daher habe ich nach einem Thread gesucht wo das hinpasst. Dieser hier, seit 2007 brach liegend erscheint mir geeignet, denm bei "Mozartbildern" (Bitte unbedingt zumindest Beitrag Nr 1 lesen) geht es ja nicht nur um jene Bilder die man sich vom Menschen Mozart gemacht hat (oder die vom jeweiligen Zeitgeist gemacht wurden) sondern auch um MUSIKALISCHE.


    Ich habe den mir ins Auge stechenden Satz von Wolfram fett zitiert, um zu zeigen worauf ich mich hier beziehe.Es sit genau DER Punkt. Aus meiner (und nicht nur meiner !!) Sicht sind Mozarts Werke VORWIEGEND lyrisch zu interpretieren - natürlich mit vereinzelten eher dramatischen Tupfern. Beethoven vertägt schon eher das "aufregende, wenngleich ich einen "gigantischen" , "erhabenen" Beethoven vorziehe - AUFREGEND sind vorzugsweise Werke der Moderne - und zwar im Doppelten Sinne des Wortes :stumm:
    Mozarts werke wurden üblicherweise mit den Attributen "leicht", "lieblich", "sonnig" versehen, wobei ich nicht unbedingt darauf bestehe.......
    Böhms Mozart wurde nicht deshalb so geschätzt weil er etwa "langweilig" war, sondern weil er stets den Eindruck zu vermitteln wusste: "So und nicht anders" sollte man Mozart spielen...
    Er stand damit keineswegs alleine da. Auch Bruno Walters Mozart gehört in diese Richtung - aber die CBS war in Sachen Marketing der DGG weeeeiiiit unterlegen !!!



    Zitat

    Ich finde es in solchen Situationen immer spannend, Mozarts eigene Berichte zu lesen. So etwa den Brief vom 03. Juli 1778 an seinen Vater, in dem er von den Aufführungen der „Pariser Sinfonie“ (Nr. 31) berichtet. Da hat Mozart Überraschungen eingebaut, die das Publikum als solche erkannte und spontan applaudierte – mitten im Satz! (Man lese den Artikel über diese Sinfonie bei Wikipedia.de .)


    Zitat

    Nun hört man in vielgepriesenen Aufnahmen dieser Werke all diese Effekte häufig gar nicht. Diese Stellen werden eingeebnet in ein großes Ganzes, das auf einen möglichst eleganten und strahlenden Klang angelegt ist und damit das Raffinement Mozarts verhüllt.


    Ganz richtig, elegant und strahlend !! DAS ist das Mozartbild für das ich mich einsetze (bis zum Letzten Atemzug)
    Ich versuche der "Verproletarisierung" Mozarts Einhalt zu gebieten - und dazu stehe ich.



    Zitat

    Dennoch stimmen Wolfgang Amadé Mozart und Dr. jur. Karl Böhm bei aller Verschiedenheit in Charakter und musikalischer Absicht in einem überein: Sie bedienten die Erwartungen ihres Publikums.


    Und das - auch wenn manche das nicht so sehen - ist letzlich die Hauptsache......



    mfg aus Wien


    Alfred

  • Auf der CD "Mozart gehört meine große Liebe" erklärt Dr. Böhm anhand von Beispielen (Opernouvertüren, Gesang, Sinf.-Ausschnitte), warum er Mozart so und nicht anders aufführt. Das klingt fast wie Wand: So und nicht anders. Ich glaube nicht, dass Dr. Böhm sich dabei vom Publikumsgeschmack hat leiten lassen. Er galt halt zu seiner Zeit als der Mozart-Papst, und das war auch gut so. Vieles von ihm höre ich auch heute noch sehr gern aus der Konserve, die Live-Erlebnisse mit ihm in Salzburg werden unvergessen bleiben.


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • In einem anderen Thread wurde . leichthin, so en passant, Mozart als "Lebemann" bezeichnet.


    Zitat

    Die Musik des Lebemanns Mozart wird oft als seicht bezeichnet.


    Na ja. Da muss man sich schon mehrere Fragen stellen, unter anderem was man unter einem "Lebemann versteht" und warum ausgerechnet Mozart einer sein soll, desweiteren WER zu diesem Fehlurteil über Mozart und seine Musik kommt - und warum....


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Wie ich gerade in einem anderen thread ausführte, gibt es meiner festen Überzeugung nach keinen Menschen, der auch nur eine ungefähre Vorstellung davon hat, welch eine Persönlichkeit Mozart besaß. Alles Mythen und Legenden zumal es zu Mozarts Zeiten etwas wie "kritische Historiker" nicht gab. Insofern kann jeder das projizieren, was ihm gefällt, eben auch den "Lebemann".