Die Bachkantate (091): BWV175: Er rufet seinen Schafen mit Namen

  • BWV 175: Er rufet seinen Schafen mit Namen
    Kantate zum Pfingstdienstag (Leipzig, 22. Mai 1725)




    Lesungen:
    Epistel: Apg. 8,14-17 (Ausbreitung des Heiligen Geistes in Samaria)
    Evangelium: Joh. 10,1-11 (Jesus als der rechte Hirte)



    Sieben Sätze, Aufführungsdauer: ca. 18 Minuten


    Textdichter: Christiane Mariane von Ziegler (1695-1760)
    Choral: Johann Rist (1651)



    Besetzung:
    Soli: Alt, Tenor, Bass; Coro: SATB; Flauto dolce I-III, Trompete I + II, Violoncello piccolo, Violino I/II, Viola, Continuo





    1. Recitativo Tenor, Flauto dolce I-III, Continuo
    Er rufet seinen Schafen mit Namen und führet sie hinaus.


    2. Aria Alt, Flauto dolce I-III, Continuo
    Komm, leite mich,
    Es sehnet sich
    Mein Geist auf grüner Weide!
    Mein Herze schmacht’,
    Ächzt Tag und Nacht,
    Mein Hirte, meine Freude.


    3. Recitativo Tenor, Continuo
    Wo find’ ich dich?
    Ach! wo bist du verborgen?
    O! Zeige dich mir bald!
    Ich sehne mich.
    Brich an, erwünschter Morgen!


    4. Aria Tenor, Violoncello piccolo, Continuo
    Es dünket mich, ich seh’ dich kommen,
    Du gehst zur rechten Türe ein.
    Du wirst im Glauben aufgenommen
    Und musst der wahre Hirte sein.
    Ich kenne deine holde Stimme,
    Die voller Lieb’ und Sanftmut ist,
    Dass ich im Geist darob ergrimme,
    Wer zweifelt, dass du Heiland bist.


    5. Recitativo Alt, Bass, Streicher, Continuo
    Alt
    Sie vernahmen aber nicht, was es war, das er zu ihnen gesaget hatte.
    Bass
    Ach ja! Wir Menschen sind oftmals den Tauben zu vergleichen:
    Wenn die verblendete Vernunft nicht weiß, was er gesaget hatte.
    O! Törin, merke doch, wenn Jesus mit dir spricht.
    Dass es zu deinem Heil geschicht.


    6. Aria Bass, Trompete I + II, Continuo
    Öffnet euch, ihr beiden Ohren,
    Jesus hat euch zugeschworen,
    Dass er Teufel, Tod erlegt.
    Gnade, G’nüge, volles Leben
    Will er allen Christen geben,
    Wer ihm folgt, sein Kreuz nachträgt.


    7. Choral SATB, Flauto dolce I-III, Streicher, Continuo
    Nun, werter Geist, ich folge dir;
    Hilf, dass ich suche für und für
    Nach deinem Wort ein ander’ Leben,
    Das du mir willt aus Gnaden geben.
    Dein Wort ist ja der Morgenstern,
    Der herrlich leuchtet nah und fern.
    Drum will ich, die mich anders lehren,
    In Ewigkeit, mein Gott, nicht hören.
    Alleluja, alleluja!





    Wie die Kantate, die Bach zu Pfingsten 1725 für den Vortag komponiert hatte (BWV 68), hat die Leipziger Dichterin Mariane von Ziegler auch den Text zur hier besprochenen Kantate verfasst.


    Wieder einmal hat Bach es nicht lassen können, auch an dieser zieglerschen Textvorlage eigenmächtige Änderungen vorzunehmen - er hat beispielsweise im Rezitativ Nr. 5 den Anfang des vom Bass zu singenden Textes so zusammengezogen, dass der ursprünglich dort enthaltene Reim entfallen ist und das Ganze zumindest beim bloßen Lesen etwas unbeholfen wirkt... :wacky:
    Dabei hat er durchaus in anderen Werken (ich denke z. B. an seine Kaffeekantate BWV 211) untrügliches literarisches und dichterisches Gespür und Talent bewiesen.
    Daher kann ich irgendwie nicht verstehen, warum er gerade in den Texten Mariane von Zieglers konsequent kleinere "Korrekturen" (Änderungen, Kürzungen) anbringen musste - über das Verhältnis der beiden Künstler zueinander scheint nichts weiter bekannt zu sein, aber ich wüsste zu gerne, ob man wirklich immer gut aufeinander zu sprechen war ;)
    Für dichterisch komplett unfähig scheint Bach Frau von Ziegler jedenfalls nicht gehalten zu haben, denn die von ihm vertonten Kantatentexte der Oster-Pfingst-Zeit 1725 (beginnend ab dem Sonntag Jubilate) stammen immerhin ausnahmslos von ihr!


    Die Kantate beginnt mit einem Bibelwort-Rezitativ mit einem Zitat aus dem Evangliumstext für den heutigen Feiertag (Johannes Kapitel 10, Vers 3), worin auch schon die Hirten-Thematik, um die sich auch diese Kantate dreht, zum Ausdruck kommt.


    Der Einsatz eines Ensembles aus gleich 3 Blockflöten (oder "Flauto dolce" - ich mag diese italienische Bezeichnung zu gern ;) ) in diesem Rezitativ, wie auch in der nun folgenden Arie Nr. 2, gibt der Musik einen wunderbar pastoralen Charakter!
    Darüberhinaus ist der für Hirtenmusiken (gerade auch die der Weihnachtszeit) besonders charakteristische, wiegende 12/8tel-Rhythmus dieser Arie geradezu unwiderstehlich - ein tolles Stück! :jubel:


    In der Arie Nr. 4 kommt erneut ein Violoncello piccolo zum Einsatz. Dieses selten verwendete Instrument hatte Bach bereits am Vortag in der Pfingstmonatgs-Kantate BWV 68 aufspielen lassen und die Vermutung liegt nahe, dass in beiden Aufführungen derselbe Cellist dieses Instrument bediente.
    Bach hat vermutlich die Gelegenheit gerne genutzt, die sich ihm mit dem (zeitweiligen) Vorhandensein eines solchen Instruments bot.


    Im Rezitativ Nr. 5 zitiert der Alt eingangs einen weiteren Versteil aus dem Evangelium des heutigen Feiertags (Johannes Kapitel 10, Vers 6).


    Einen wirkungsvollen Gegensatz zum bisher erklungenen Hirten-Idyll erreicht Bach nun, indem er in der Arie Nr. 6 völlig unerwartet noch 2 Trompeten zum Einsatz kommen lässt.
    Deren Bedeutung ist sinnfällig: Im Text geht es schließlich um Jesus als glorreichen und strahlenden Sieger über "Tod und Teufel" - was läge also näher, als die königlichen Trompetenfanfaren hierzu erklingen zu lassen?
    Dies ist wieder einmal eine der wundervollen Bass-Arien, denen Bach Trompeten beigegeben hat! Ich denke hierbei unter anderem an "Großer Herr, o starker König" aus dem Weihnachtsoratorium oder auch an die Arie Nr. 3 aus der Pfingstkantate BWV 172! :jubel:


    Der Text des Schlusschorals stammt zwar von Johann Rist, die verwendete Melodie stammt jedoch von Martin Luthers bekanntem Pfingstlied "Komm, Heiliger Geist, Herre Gott" (Bach hatte diesen in seiner Kantate BWV 59 bereits eingesetzt) - und diese wiederum dürften alle frommen Leipziger damit sofort als "typisch pfingstlich" erkannt haben. Somit also ein passender Abschluss dieser Kantate zum Pfingstdienstag, wie auch der gesamten Pfingstfeiertage! :hello:

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • Guten Tag


    diese schöne Kantate liegt in dieser



    mustergültigen Einspielung vor.
    Bemerkenswert am Violoncello Piccolo Christophe Coin, den man auch als Schüler von N. Harnoncourt bezeichnen kann.
    Vituos auch der Trompeter J-F. Madeuf in der Arie "Öffnet euch ihr beiden Ohren".


    Gruß aus der Kurpfalz


    Bernhard