Nessun dorma - Welche ist die beste Aufnahme (?)

  • "Nessun dorma". Hier erlebte man hautnah, dass klassische Musik einen ungeheuren Zauber hat...

    ... und Menschen faszinieren und begeistern kann, die sich noch nie mit klassischer Musik beschäftigt haben. Vielleicht ist auch ein solches "Aha- Erlebnis" für manchen neugierig geworden, der Einstieg und der Weg zur weiteren Klassik.
    Dies könnte auch 1970 so gewesen sein, mit dem Hit "A Song of Joy", der eine wie ich finde, gut gemachte Pop- Version des 4. Satzes der IX. Sinfonie Beethovens war (s. Btr. 555 im Thread "Not Jazz or Classic...").
    Herzliche Grüße
    CHRISSY



  • Hallo, ihr Lieben,


    ich habe mal diesen alten Thread aus der Versenkung geholt, damit der Tauber-Thread nicht zu sehr OT gerät, um mehr auf die Interpretation der Arie zurückzukommen.
    Ich schließe mich Carusos Ansicht durchaus an. Ich habe mir eben die von ihm genannte Aufnahme mit Charles Kullman angehört und finde sie zauberhaft. Ähnlich gut finde finde ich die Version von Joseph Schmidt:



    Um es mal etwas banal auszudrücken. Beide träumen erstmal von der Liebe, bevor sie ihren bevorstehenden Sieg bejubeln. Und wenn sie da etwas lauter werden, was soll´s - schließlich soll ja in Peking niemand schlafen....


    Wie stehen die übrigen Mitstreiter dazu?

  • Hallo, Imke!


    In dem Thread über Richard Tauber habe ich es schon geschrieben: Ich würde meiner Freude auch lautstark kundtun, und nicht in einem ängstlichen Hauch. Hier mit Marcello Giordani einer meiner Favoriten:


    lW2rnLmEH8E?list=RDlW2rnLmEH8E


  • Hallo, liebe Mme. Cortese
    Du hast das sehr gut und treffend ausgedrückt. Und die reingestellte Aufnahme von Dir hört sich doch recht gut an.


    Genau auch die von Siegfried mit Salvatore Licitra.
    Caruso schreibt im "Tauber - Thread" Zitat:
    Das endlos gehaltene Brüllen des Spitzentones bringt meiner Meinung nach die Arie um ihre poetische Wahrheit. Da überzeugt mich weit eher Antonio Cortis, den Mme. Cortese eingestellt hat. Kalaf tut ja nicht gerade gut daran, nächstens ganz Peking zusammenzubrüllen. Und er muss auch keine Fußball-Mannschaft zum Sieg antreiben!

    Darauf antwortet Wolfgang, Zitat:
    Hier sehe ich es so: In Erwartung seines "Sieges" über Prinzessin Turandot kann Kalaf seine Freude kaum zügeln und jubelt "... und der Sieg sei mein"!

    So würde ich als Kalaf auch meine Vorausfreude laut kundtun und nicht in einem zaghaften Hauch enden.

    Dieser Aussage stimme ich absolut zu, so sehe und empfinde ich das auch.
    Ich könnte sehr viele Interpreten nennen, die ich in dieser Partie, bzw. mit dieser Arie favorisiere. Ich beschränke mich auf zwei:


    Franco Bonisolli zu Gast bei August Everding https://www.youtube.com/watch?v=C4evyhCWnR4


    Und natürlich kann nicht Luciano Pavarotti fehlen. Hier in einer Aufnahme unter Zubin Mehta https://www.youtube.com/watch?v=FZ697ZDlnE4


    Ja, vielleicht etwas übertrieben mit Hilfe der Tontechnik, aber trotzdem ganz toll https://youtu.be/Q_hLh4qCqpg?t=323



    Herzliche Grüße
    CHRISSY

  • schließlich soll ja in Peking niemand schlafen....


    Wie stehen die übrigen Mitstreiter dazu?

    Es ist allerdings Turandots Wille, dass in Peking niemand schlafen soll. Kalaf dürfte daran weniger Interesse haben...

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

  • Zitat

    Siegfried: Hier könnt Ihr Euch ein Bild davon machen:...


    Lieber Siegfried, ich habe mir ein Bild davon gemacht, und es hat mir gut gefallen. Anschließend habe ich mir noch diese Aufnahme von ihm angehört und gesehen, die sieben Jahre vorher in Berlin entstand anlässlich einer Benefizgala, mit Maestro Nagano am Pult:


    Ich habe in meiner Tätigkeit im Erinnerungsthread erfahren, dass er schon als "Nachfolger von Luciano Pavarotti" gehandelt wurde. Leider starb er 2011 infolge eines durch Gehirnschlags erlittenen Unfalls mit dem Motorroller. Am 10. Augsut dieses Jahres wäre er 50 Jahre alt geworden.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich würde meiner Freude auch lautstark kundtun,


    Hallo Wolfgang, dagegen habe ich auch nichts, auch wenn Puccini das anders notiert hat. Er hatte die Oper ja auch noch nicht vollendet; möglicherweise hätte er noch die eine oder andere Änderung vorgenommen. Im ersten Teil fehlt mir ein wenig die Poesie - das trifft auch auf Pavarotti und viele andere Tenöre zu, bei denen die Stimmung vom ersten bis zum letzten Ton gleich ist. Streiten könnte man natürlich darüber, wieweit Poesie bzw. Empfindsamkeit in Kalaf angelegt ist - das Schicksal seines Vaters scheint ihm ja beispielsweise recht gleichgültig zu sein, aber in der Arie scheint sie mir doch vorhanden zu sein,
    .

  • Ich habe noch einen italienischen Tenor im Blick, der mir mit dieser Arie gut gefällt:


    Allerdings lassen Tonqualität und vor allem das Bild sehr zu wünschen übrig.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Zitat

    Mme. Cortese: Immerhin aber scheinen die meisten Tenöre Halb Peking wecken zu wollen.


    Liebe Madame, wenn man die meisten Liveaufnahmen bei Yotube ansieht, scheinen ja auch die meisten Auditorien genau so eine Ausführung zu erwarten, und vor allem die Zuschauer in südlichen Ländern brechen ja schon während des Orchesternachspiels in extatischen Jubel aus.
    Die Aufnahme, die ich in Beitrag 158 eingestellt habe, fand in Berlin statt, da haben die Zuschauer brav gewartet, bis der letzte Ton verklungen war und sind erst dann in extatischen Jubel ausgebrochen. :D


    Liebe Grüße


    Willi :)

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    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber Willi!


    Als einer meiner Favoriten ist Mario delMonaco natürlich gesetzt. Ich habe ihn ausgelassen, weil ich die Reaktion einiger Fachleute kenne. "Dieser Brüller"! Aber eine ähnliche, einmalige Tenorstimme habe ich schon lange nicht mehr gehört. Hier eine klanglich bessere Aufnahme:


    /SWkCiOQoWC4

  • Ja, die ist klanglich doch aus ganz anderem Holz. Ich liebe Mario del Monaco, seit ich vor einigen Jahrzehnten den legendären Karajan-Othello, zunächst auf LP und später dann auf CD erworben hatte, grandios auch seinezeit Renata Tebaldi, wie ich finde.
    Aber wie ich gerade feststellen konnte, habe ich die von dir gepostete Turandot sogar, ich habe sie mir vor einiger Zeit eigentlich wegen Inge Borkh zugelegt:

    und daneben stand diese, mit Birgit Nilsson als Turandot und Franco Corelli als Kalaf:

    auch nicht schlecht!


    Inge Borkh und Birgit Nilsson waren vor einigen Wochen beim Künstlertreffen der Gottlob-Frick-Gesellschaft übrigens Thema der Matinée.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • In dem Thread über Richard Tauber habe ich es schon geschrieben: Ich würde meiner Freude auch lautstark kundtun, und nicht in einem ängstlichen Hauch.


    Dann, lieber Wolfgang, müsste für Dich doch Charles Kullmann der ideale Interpret sein. Er singt die Arie ungemein poetisch und hat ein strahlendes "h" am Ende, bei dem er ganz und gar nicht schreien oder brüllen oder stemmen muss. Er wagt sogar noch ein crescendo auf dem Ton. Da die Aufnahme 1932 gemacht wurde, kann man davon ausgehen, dass er nicht auf die Mithilöfe der Tontechniker angewiesen war wie Pavarotti & Co.
    Die Aufnahme ist in deutscher Sprache, was Du ja magst! Und man versteht jedes Wort!


    https://www.youtube.com/watch?v=Uv7s3zjRL3g



    Liebe Grüße


    Caruso41

  • Was für eine Entdeckung! Charles Kullmann, wer war das! ?

    Hallo, Don Gaiferos,


    Charles Kullman(n) war ein US-amerikanischer Tenor, geboren 1903 in Connecticut, der eine große internationale Karriere gemacht hat.


    Mir ist er relativ früh bekannt geworden mit einer LP von Mahlers "Lied von der Erde", in der er neben der Schwedin Kerstin Thorborg die Tenorpartie übernommen hat. Dirigent war Bruno Walter (!). Es handelt sich um einen Live-Mitschnitt aus Wien von 1936, technisch durchaus annehmbar, künstlerisch top. Es gibt die Aufnahme sogar in diversen Ausgaben auf CD, so z.B. hier:


    Kullman sang in den 1930er Jahren häufig in Europa, so unter Toscanini in Wagners "Meistersingern" den Walther von der Vogelweide und im "Fidelio" den Florestan. Sein Repertoire war groß, in 25 Spielzeiten hat er an der New Yorker Met gesungen.


    Er starb, 80jährig, 1983, in seinem Geburtsort New Haven.


    LG Nemorino

  • [quote]Caruso41: Dann, lieber Wolfgang, müsste für Dich doch Charles Kullmann der ideale Interpret sein. Er singt die Arie ungemein poetisch und hat ein strahlendes "h" am Ende, bei dem er ganz und gar nicht schreien oder brüllen oder stemmen muss. Er wagt sogar noch ein crescendo auf dem Ton. Da die Aufnahme 1932 gemacht wurde, kann man davon ausgehen, dass er nicht auf die Mithilfe der Tontechniker angewiesen war wie Pavarotti & Co. Die Aufnahme ist in deutscher Sprache, was Du ja magst! Und man versteht jedes Wort!


    Ja, natürlich besitze ich diese Aufnahme. Auch ein hervorragendes Beispiel!

  • Lieber Caruso,
    großes Dankeschön für diese Aufnahme! Was für eine Entdeckung! Charles Kullmann, wer war das! ? Der Mann singt ja phänomenal!


    Lieber Don!


    Nemorino hat Dir Ja schon ein paar Informationen zu Charles Kullmann gegeben.
    Er hat viele Aufnahmen hinterlassen, die eigentlich durchweg glänzend gelungen sind und keinen Vergleich scheuen müssen. Ich liebe besonders die Gralsenzählung und die drei Solonummern des Stolzing. Auch die Arie des Vladimir, Lenskis beide Arien und die Soli des Hoffmann sind großartig. Vieles singt er deutsch. Er hat an der Kroll-Oper Berlin gesungen und von 1931 bis 1936 war er an der Berliner Staatsoper engagiert. 1935 hat er an der Met debutiert und ab 1936 sang er sehr viel dort. Deshalb hat er auch viele Aufnahmen in englischer Sprache aufgenommen. Etwa die Faust-Kavatine!
    Seine jugendlich strahlende Tenorstimme war ganz offensichtlich ausgesprochen phonogen. Deshalb wurden sehr viele Aufnahmen mit ihm eingespielt. Zur Zeit gibt es allerdings nach meiner Kenntnis nur eine Solo-CD von ihm. Die LV-CDs sind nicht mehr im Handel.


    Neben der bereits erwähnten Mahler-Aunahme aber gibt es noch immer das Verdi-Requiem unter Toscanini



    Und diverse Mitschnitte aus der Met. Besonders interessant:



    Beste Grüße


    Caruso41

  • Welches ist die "beste" Aufnahme?

    Das ist natürlich eine Frage, die niemand objektiv und damit absolut richtig beantworten kann, so wenig wie es den/die beste Sänger/in oder den besten Dirigenten gibt. Immer wird der persönliche Geschmack, die Prägung, wann und mit wem man ein Stück - in diesem Fall - eine Arie zum ersten Mal gehört hat, eine Rolle spielen. Und manchmal wandelt sich der eigene Geschmack auch im Wandel der Zeit, durch neue Eindrücke, durch einen veränderten Zugang etc.pp.


    Ich kenne diese vielstrapazierte, oft missbrauchte Arie (z.B. Paul Potts und auch "die drei Tenöre"!) in mindestens 20 Versionen, wobei ich gleich sage, daß ich (außer der von Richard Tauber) keine einzige Vorkriegsaufnahme besitze. Tauber ist eine Sache für sich: Mit seiner 1926er Aufnahme habe ich die Kalaf-Arie kennengelernt, deutsch gesungen und mit "nur" angetipptem H. Das hat natürlich bleibende Spuren hinterlassen, und noch heute steht seine Version in meiner Favoritenliste auf einem der obersten Plätze.


    An dieser Stelle noch eine Bemerkung zum hohen H in der Schlußphrase: Mich erstaunt es immer wieder, daß so viele, wenn es um einen "Knalleffekt" geht, wie eben das langgezogene H in "Nessun dorma" oder das B in Forte bei der "Celeste Aida", den Wunsch oder gar die Vorschrift des Komponisten so leichtfertig missachten. Werktreue spielt da plötzlich keine Rolle mehr, sondern eben nur der (vermeintlich) siegreiche Ton. Im allgemeinen haben sich die Tonsetzer schon etwas dabei gedacht, wenn sie an solch exponierten Stellen eben nicht den "Aha"-Effekt, sondern das genaue Gegenteil haben möchten. Doch wie die Dinge nun einmal liegen, wäre ich hier ganz schnell fertig, wenn ich nur die musikalisch korrekten Aufnahmen gelten ließe.


    Nun zur Sache: Meine Rangliste wird seit vielen Jahren von Jussi Björling angeführt, und zwar mit seiner inzwischen zur Legende gewordenen Aufnahme vom 27.3.1944 (EMI, DA 1841). Kaum weniger schätze und liebe ich seine Version aus der Turandot-GA unter Erich Leinsdorf von 1959 (RCA), die vor allem durch die bessere Technik punkten kann. Björling singt allerdings, wie die meisten seiner Kollegen, den vorletzten Ton H voll aus, statt ihn, wie es der Komponist vorgesehen hat, nur anzutippen.
    Weiters nenne ich Plácido Domingo (GA Karajan, DGG), und Giuseppe di Stefano (EMI). Sie singen die Arie im italienischen Original. Interessant, dass di Stefano nie zu einer GA herangezogen wurde (in der GA mit Maria Callas singt Eugenio Fernandi). Des weiteren hat Nicolai Gedda die Arie in einem Recital von 1967 unter Patané gesungen. Er ist einer meiner Lieblingstenöre, aber kein Kalaf. Er singt zu unterkühlt, und ein bisschen hat man das Gefühl, dass er Angst vor dem Stück hat. Nicht vergessen werden darf Joseph Schmidt, der einen strahlenden Kalaf singt, sogar auf italienisch.
    Kurioserweise singen meine sonstigen Favoriten die Arie alle auf deutsch:
    Helge Rosvaenge
    Fritz Wunderlich
    Josef Traxel

    Rosvaenge überzeugt auf der ganzen Linie durch sein kraftvolles, aber erfülltes Singen, er hat die von vielen geschätzte "siegreiche Stimme" und stellt sie am Schluss auch eindrucksvoll heraus. Fritz Wunderlich fehlt vielleicht ein wenig die Reife, sein Gesang ist, wie immer, strahlend, aber gestalterisch bleibt er ein wenig blaß.
    Schließlich ein weiterer Lieblingstenor von mir: Josef Traxel. Sicher kein "geborener" Kalaf, aber er singt die Arie (1956) mit wundervoller Hingabe, mit schöner Tongebung und klarer, vibratoarmer Stimme. Und sein langgezogenes H am Ende ist völlig unangestrengt, fast sieghaft, obwohl Traxel von Hause aus doch eigentlich viel mehr ein "Tenore di grazia" ist, dem sicher auch ein Stück typischer "Italienità" fehlt. Trotzdem singt er diese Arie überraschend schön.


    Dass auch Rudolf Schock von einigen unter die Favoriten gezählt wurde, hat mir allerdings einen leichten Schock versetzt, im wahrsten Sinn des Wortes. Selbst in seiner besten Zeit (ca. 1950-1960) war Schock mit seiner kehligen, angestrengten Stimme vielleicht ein Lyonel, ein Belmonte, ein Fenton, aber alles andere als ein Kalaf. Ich habe seine Aufnahme von 1949, er singt sie sogar italienisch, aber überzeugen kann er mich weder am Anfang, und erst recht nicht am Schluss. Man muss schon ein hartgesottener Schock-Verehrer sein, wenn man seine Version in eine Reihe mit den weiter oben genannten stellen will. Das ist zumindest mein Eindruck.


    LG Nemorino


  • Der ganze Hype um diese Arie gab's doch schon im Forum, hier All'alba vincerò! - Nessun dorma und seine Interpreten!
    Auch noch vom gleichen Threadersteller!


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Dann, lieber Wolfgang, müsste für Dich doch Charles Kullmann der ideale Interpret sein. Er singt die Arie ungemein poetisch und hat ein strahlendes "h" am Ende, bei dem er ganz und gar nicht schreien oder brüllen oder stemmen muss. Er wagt sogar noch ein crescendo auf dem Ton. Da die Aufnahme 1932 gemacht wurde, kann man davon ausgehen, dass er nicht auf die Mithilöfe der Tontechniker angewiesen war wie Pavarotti & Co.
    Die Aufnahme ist in deutscher Sprache, was Du ja magst! Und man versteht jedes Wort!


    Lieber Caruso, danke für diese Einstellung. Ich kannte den Namen dieses Tenors, mehr nicht, aber seit ich diese Arie hörte, steht er in der Rangliste der deutsch gesungenen Aufnahmen bei mir plötzlich auf einer Stufe mit Rosvaenge. Du weißt, was ich damit für einen Preis vergebe. Und die aufnahmetechnisch besseren Interpretationen stellen ihn in meinen Augen auf eine Stufe mit Corelli und del Monaco, auch mit Alfredo Kraus u.a. Ich werde mir weitere Aufnahmen mit ihm anhören, wenn youtube da mitspielt.

    Mich erstaunt es immer wieder, daß so viele, wenn es um einen "Knalleffekt" geht, wie eben das langgezogene H in "Nessun dorma" oder das B in Forte bei der "Celeste Aida", den Wunsch oder gar die Vorschrift des Komponisten so leichtfertig missachten. Werktreue spielt da plötzlich keine Rolle mehr, sondern eben nur der (vermeintlich) siegreiche Ton

    Lieber nemorino. Hier spielt doch die Erwartungshaltung eine riesige Rolle. Wenn heute von 100 Tenören 100 das "H" lang anhalten, dann gewöhnt man sich daran und erwartet genau diese Interpretation und keine andere. Wer im Publikum weiß denn, was der Komponist vorgegeben hat, wenn er nichts anderes kennt? So ist es auch mit der Verurteilung des "RT"!! Gewöhnung spielt eine Rolle, Erwartung des gewöhnten. Man hat Turandot vielleicht 5x gesehen, live oder im TV, und immer war Peking der Handlungsort. Man hat im Opernbuch nachgelesen, und immer war Peking angegeben. Und plötzlich verlegt einer die Handlung sonstwo hin, in eine andere Zeit. Man ist irritiert, sagt sich, da spinnt einer.


    Dann erlebt man die gleiche Oper wieder in einer anderen Kulisse, in einer anderen Zeit, und da beginnen sich die Geister zu scheiden. Einem gefällt es, anderen nicht, es bilden sich Lager. Einer erwartet beim Besuch einer Neuinszenierung etwas Neues, der andere möchte das sehen, was er gewöhnt ist, er will Turandot nicht vergleichen mit einem Monarchen wie Trump oder Putin (was vielleicht noch kommt), sondern erwartet die Handlung im alten China. Dabei ist es auch ihm egal, ob Turandot von links oder von rechts kommt, ob sie ein blaues oder ein rotes Gewand trägt, ob Ping, Pang und Pong Purzelbäume machen oder nicht. Aber er möchte nicht, daß sich Liu erschießt! Das paßt nicht in die Handlungszeit. Oder daß Kalaf das dritte Rätsel evtl. nicht lösen kann, weil der Regisseur die Erfindung des Perpetuum mobile erwartet mit dem Ergebnis, daß Turandot ledig bleibt.


    Da können wir auch streiten und kulturhistorische oder philosophische Erklärungen liefern, eine Annäherung erfolgt nicht, genau wie es zwischen FDP und den Grünen keine geben wird. So ist es auch mit der Kalaf-Arie. Jeder Opernfreund hat seine Erwartung. Nur der nicht, der zu allerersten Mal ins Opernhaus geht. Der wundert sich höchstens, warum ein seiner Meinung nach toller Tenor ausgebuht wird.


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Ich glaube nicht, dass er sich freut. Ganz im Gegenteil. Kalaf hat Angst. Und das sollte auch singend in Betracht gezogen werden.


    Ich sehe das ganz genau so - und hätte Puccini diese Oper zu Ende komponiert, dann wüssten wir zweifelsfrei, dass er derselben Meinung ist. Kalaf hat zum Zeitpunkt seiner Arie gar keinen Grund zur Freude, sondern muss um sein Leben fürchten, denn: Selbst wenn sein Mund das Geheimnis wahrt, gibt es ja noch andere Münder, der möglicherweise mit allen Mitteln zum Sprechen gebracht werden (sollen).
    Wirklich Grund zur Freude hat Kalaf erst am Ende der Oper, wenn Turandot seinen Namen weiß und ihn mit diesem Wissen nicht zerschmettert, sondern ihn trotz dieses Wissens freiwillig zum Mann erwählt. Nun hat Puccini dieses Finale nicht mehr vollenden können, das Libretto war aber schon zu seinen Lebzeiten fertig und auch so von ihm akzeptiert. Was singt Kalaf also, wenn er wirklich Grund zur Freude hat, weil Turandot ihr Wissen um seinen Namen nicht gegen ihn einsetzt? Gar nichts. Er freut sich stumm.


    Und wenn dann der Chor in der Alfano-Fassung am Ende die Melodie der Kalaf-Arie wiederholt, sieht man, wie wirklungsvoll diese Melodie ist, wenn der vorletzte Ton, also das H, nicht ewig lange ausgehalten wird, sondern korrekt so gesungen wird, wie Puccini das in der Arie kompiniert hat.
    (P.S.: Wenn man "Vincerò" ausspricht, ist das "ce" nunmal die kürzeste Silbe von allen, alles andere wäre unnatürlich.)

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

  • Lieber La Roche!

    Wenn heute von 100 Tenören 100 das "H" lang anhalten, dann gewöhnt man sich daran und erwartet genau diese Interpretation und keine andere. Wer im Publikum weiß denn, was der Komponist vorgegeben hat, wenn er nichts anderes kennt? …… Gewöhnung spielt eine Rolle, Erwartung des gewöhnten.


    Das Argument hast Du ja wohl nicht wirklich durchdacht. Wenn eine schlechte Praxis eingerissen ist, der Notentext einfach nicht mehr respektiert wird, jeder singt was er will und wie er will, dann ist doch der Verstoß gegen den Willen des Komponisten noch längst nicht legitimiert, nur weil es inzwischen schon viele machen!
    Wo soll das hinführen?


    Inzwischen sind so viele dramaturgische, poetische und ästhetische Argumente vorgebracht worden, die dagegen sprechen, das “h“ in vince fortissimo rauszubrüllen und so lang als möglich zu halten. Dagegen nur die Unkultur einer schlampigen Tradition zu setzen, überzeugt mich nicht. Unbenommen sei Dir, Aufnahmen der Arie zu hören, die Deinem Gusto entsprechen. Mache ich ja auch manchmal. Sie aber als richtig und rechtens zu verteidigen, ist absurd!


    Beste Grüße


    Caruso41

  • Wenn eine schlechte Praxis eingerissen ist, der Notentext einfach nicht mehr respektiert wird, jeder singt was er will und wie er will, dann ist doch der Verstoß gegen den Willen des Komponisten noch längst nicht legitimiert, nur weil es inzwischen schon viele machen!
    Wo soll das hinführen?


    Ja wohin wohl, lieber caruso? Die Verstöße der Regieprofis gegen den in den Regieanweisungen festgelegten Willen des Komponisten sind dann wohl legitimiert? Nur weil es inzwischen fast jeder macht? Es ist absurd, das eine (Abweichung beim Anhalten eines Tones um wenige Sekunden, noch nicht einmal der Tonhöhe, abgesehen von der generellen höheren Stimmung der Instrumente) zu verteidigen und das andere (Verlegung der gesamten Opernhandlung in eine andere Zeit, ja Epoche, teilweise Veränderung der musikalischen Reihenfolge, generelle Eingriffe in die Handlung uva) nicht. Und außerdem wird es wohl nicht so sein, daß ein jeder singt, wie und was er will. Der Sänger allein wird wohl heutzutage nicht die Möglichkeit haben das allein zu bestimmen.


    Damit wir uns recht verstehen, eine RT-Diskussion möchte ich hier nicht lostreten. Aber verstehen kann ich Deine vehement vorgetragene Kritik über unterschiedliche Interpretationen eines einzigen Tones angesichts vieler Verstöße gegen den Willen des Komponisten zur Aufführung einer gesamten Oper leider nicht. Hier sehe ich die "Unkultur", wie Du es auszudrücken beliebtest, viel deutlicher als in einem einzigen Ton bei Nessun dorma!!!
    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Zitat

    Aber verstehen kann ich Deine vehement vorgetragene Kritik über unterschiedliche Interpretationen eines einzigen Tones angesichts vieler Verstöße gegen den Willen des Komponisten zur Aufführung einer gesamten Oper leider nicht. Hier sehe ich die "Unkultur", wie Du es auszudrücken beliebtest, viel deutlicher als in einem einzigen Ton bei Nessun dorma!!!


    Das verstehe ich auch nicht!

  • Es ist absurd, das eine (Abweichung beim Anhalten eines Tones um wenige Sekunden, noch nicht einmal der Tonhöhe, abgesehen von der generellen höheren Stimmung der Instrumente) zu verteidigen und das andere (Verlegung der gesamten Opernhandlung in eine andere Zeit, ja Epoche, teilweise Veränderung der musikalischen Reihenfolge, generelle Eingriffe in die Handlung uva) nicht.


    Aber genau das machst du doch: Die Abweichung beim Ton verteidigen und die Verlegung der Handlung nicht. Nach deinen eigenen Wort ist diese Position "absurd"! :D


    Selten war ich mit dir so sehr einer Meinung wie hier! :thumbsup:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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