Die Bachkantate (106): BWV24: Ein ungefärbt Gemüte

  • BWV 24: Ein ungefärbt Gemüte
    Kantate zum 4. Sonntag nach Trinitatis (Leipzig, 20. Juni 1723)




    Lesungen:
    Epistel: Röm. 8,18-23 (Die ganze Schöpfung sehnt sich mit uns nach der Offenbarung der Kinder Gottes)
    Evangelium: Luk. 6,36-42 (Aus der Bergpredigt: Übt Barmherzigkeit und richtet nicht; gebet, so wird euch gegeben)



    Sechs Sätze, Aufführungsdauer: ca. 21 Minuten


    Textdichter: Erdmann Neumeister (1714)
    Choral: Johann Heermann (1630)



    Besetzung:
    Soli: Alt, Tenor, Bass; Coro: SATB; Oboe I + II, Oboe d’amore I + II, Trompete, Violino I/II, Viola, Continuo





    1. Aria Alt, Streicher, Continuo
    Ein ungefärbt’ Gemüte
    An deutscher Treu’ und Güte
    Macht uns vor Gott und Menschen schön.
    Der Christen Tun und Handel,
    Ihr ganzer Lebenswandel
    Soll auf dergleichen Fuße steh’n.


    2. Recitativo Tenor, Continuo
    Die Redlichkeit
    Ist eine von den Gottesgaben.
    Dass sie bei uns’rer Zeit
    So wenig Menschen haben,
    Das macht, sie bitten Gott nicht drum.
    Denn von Natur geht unser’s Herzens Dichten
    Mit lauter Bösem ümb.
    Soll’s seinen Weg auf etwas Gutes richten,
    So muss es Gott durch seinen Geist regieren
    Und auf der Bahn der Tugend führen.
    Verlangst du Gott zum Freunde,
    So mache dir den Nächsten nicht zum Feinde
    Durch Falschheit, Trug und List!
    Ein Christ
    Soll sich der Tauben Art bestreben
    Und ohne Falsch und Tücke leben.
    Mach aus dir selbst ein solches Bild,
    Wie du den Nächsten haben willt!


    3. Chor SATB, Trompete, Oboe I + II, Streicher, Continuo
    Alles nun, das ihr wollet, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen.


    4. Recitativo Bass, Streicher, Continuo
    Die Heuchelei
    Ist eine Brut, die Belial gehecket:
    Wer sich in ihre Larve stecket,
    Der trägt des Teufels Liberei.
    Wie? lassen sich denn Christen
    Dergleichen auch gelüsten?
    Gott sei’s geklagt! die Redlichkeit ist teuer.
    Manch ein teuflisch’ Ungeheuer
    Sieht wie ein Engel aus.
    Man kehrt den Wolf hinein,
    Den Schafspelz kehrt man raus.
    Wie könnt’ es ärger sein?
    Verleumden, Schmäh’n und Richten,
    Verdammen und Vernichten
    Ist überall gemein.
    So geht es dort, so geht es hier.
    Der liebe Gott behüte mich dafür!


    5. Aria Tenor, Oboe d’amore I + II, Continuo
    Treu’ und Wahrheit sei der Grund
    Aller deiner Sinnen.
    Wie von außen Wort und Mund,
    Sei das Herz von innen.
    Gütig sein und tugendreich
    Macht uns Gott den Engeln gleich.


    6. Choral SATB, Trompete, Oboe I + II, Streicher, Continuo
    O Gott, du frommer Gott,
    Du Brunnquell aller Gaben,
    Ohn’ den nichts ist, was ist,
    Von dem wir alles haben,
    Gesunden Leib gib mir,
    Und dass in solchem Leib
    Ein’ unverletzte Seel’
    Und rein Gewissen bleib’.






    Bach hat diese Kantate wenige Wochen nach seinem Amtsantritt als Leipziger Thomaskantor erstmals aufgeführt. Die Kantaten, die er den Leipzigern in diesen ersten Wochen während der Gottesdienste präsentiert hatte, waren allesamt recht umfangreich gewesen und hatten aus zwei Teilen bestanden, von denen einer vor und der andere nach der zentralen Predigt musiziert wurde (es handelt sich hierbei um die Kantaten BWV 75, BWV 76 und BWV 21).


    Während es sich bei der in der Vorwoche in Leipzig aufgeführten Kantate (BWV 21) bereits um eine zu Bachs Weimarer Zeit entstandene Kantate handelte (die allerdings vom Umfang her den beiden an den Sonntagen zuvor aufgeführten Kantaten entsprach), so hatte sich Bach auch am 4. Sonntag nach Trinitatis eine seiner Weimarer Kantaten erneut vorgenommen, um sie dem Leipziger Publikum vorzustellen (BWV 185).
    Jedoch muss ihm diese sechssätzige Kantate mit einer Aufführungsdauer von gut einer Viertelstunde als zu kurz erschienen sein – jedenfalls im Vergleich zu den Kantaten, die er in den Vorwochen bereits zu Gehör gebracht hatte.
    Möglicherweise wollte er kritischen Stimmen vorbeugen, die behaupten könnten, dass ihm keine vier Wochen nach Amtsantritt bereits die Ideen und das musikalische Material ausgingen und daher seine Kantaten merklich kürzer würden – jedenfalls hat er für diesen 4. Sonntag nach Trinitatis noch eine weitere Kantate hinzukomponiert (nämlich die hier besprochene), die vom Umfang her ungefähr der Kantate BWV 185 entspricht und sich in Kombination mit dieser ideal im gewohnten zweiteiligen Rahmen des Gottesdienstes aufführen ließ.


    Nach ein paar Monaten im Amt des Thomaskantors scheute Bach die Aufführung deutlich kürzerer Kantaten nicht mehr – aber zu Beginn seiner Amtszeit wollte er sicherlich noch alle hochgesteckten Erwartungen der Leipziger an ihn und seine Musik erfüllen und keinerlei Angriffsfläche für Kritik bieten. Daher steht zu vermuten, dass er in späteren Jahren diese beiden Kantaten für den 4. Sonntag nach Trinitatis auch wieder einzeln aufgeführt hat...


    Wie BWV 185 beginnt auch die Kantate BWV 24 nicht mit einem Chorsatz, sondern mit einer Gesangsnummer für eine der Solostimmen – hier eine Alt-Arie in F-Dur.


    Der klare Mittel- und Höhepunkt dieser Kantate ist – anders als in BWV 185, wo Bach bis auf einen eventuellen Einsatz im Schlusschoral gar keinen Chor vorgesehen hat – der von ihm als „Tutti“ bezeichnete Chorsatz über das zum heutigen Evangeliumstext (aus dem Lukas-Evangelium) ideal passende Jesuswort aus Matthäus Kapitel 7, Vers 12.
    In diesem prächtigen Chorsatz kommt dann auch erstmals in dieser Kantate das gesamte von Bach vorgesehene Instrumentarium zum Einsatz. Zunächst wird das Bibelwort in motettenartiger Form durchgesungen – danach erfolgt ein zweiter Durchgang mit demselben Text, der jetzt jedoch in Fugenform vorgetragen wird.
    Der in diesem Satz erfolgende Einsatz einer Trompete erklärt dann auch, warum Bach in seiner Leipziger Überarbeitung der Kantate BWV 185 (also die im ersten Teil des Gottesdienstes erklungene Kantate) ebenfalls noch eine Trompetenstimme eingebaut hatte: Der Trompeter wollte, wo er denn schon einmal im Einsatz war, auch in beiden Kantaten etwas zu tun haben...


    Für die Arie Nr. 5 tauschen beide Oboisten ihre Instrumente gegen zwei Oboi d’amore aus und begleiten mit diesem herrlichen Klang den Tenorsolisten.


    Der Schlusschoral ist aufgrund seiner eigenständigen Orchesterbegleitung aufwendiger gestaltet, als die „klassischen“ Schlusschoräle in den meisten Bach-Kantaten (dort spielt das Orchester stets die Noten, die auch die vier Chorstimmen gerade singen).


    Der Text dieser Kantate stammt übrigens vom berühmten und einflussreichen Kantatendichter Erdmann Neumeister (1671-1756). Neumeister hatte ihn bereits im Jahre 1714 in seinem insgesamt vierten Kantatenjahrgang veröffentlicht.
    Alfred Dürr vermutet wahrscheinlich nicht zu Unrecht, dass Bach für diese Kantate wohl deshalb auf die schon etwas ältere Dichtung Neumeisters zurückgriff, weil er – gerade eben erst in Leipzig angekommen – vermutlich noch keinen Poeten vor Ort getroffen hatte, dessen Stil und Werke ihm zugesagt hätten. Nun, das sollte sich ja in den Folgejahren noch ändern...


    Mein Lieblingssatz aus dieser Kantate ist jedenfalls


    "Mach aus dir selbst ein solches Bild,
    Wie du den Nächsten haben willt!"


    - das finde ich seeehr schön formuliert! :]

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • Wer schon immer wissen wollte, woher das Wort "abkanzeln" kommt - in diesem Kantatentext kann man ein Beispiel dafür finden. Oder, wie Alfred Dürr formuliert: "Hier wettert ein orthodoxer Prediger gegen die Untugenden seiner Gemeinde" (S. 472). Schulze wundert sich gar, wie es Bach überhaupt möglich sein konnte, aus einer solch uninspirierten Moralpredigt musikalische Funken zu schlagen....


    Mir liegt die Kantate in einer Aufnahme mit dem Bach-Collegium Japan vor - ein Bild des Covers habe ich leider weder bei jpc noch bei amazon gefunden.


    Obwohl Dürr eine Spielzeit von etwa 21 Minuten angibt, dauert die Kantate bei Suzuki keine 15 Minuten. Dennoch kommt mir die Aufnahme nicht übermäßig schnell, sondern im Tempo gerade richtig vor.


    Der 1. Satz, eine Altarie, thematisiert die deutsche (gemeint ist unverstellte) "Treu und Güte". Betont wird, dass es hierbei nicht nur um eine bestimmte Einstellung sondern um konkretes Tun und Handeln geht. Die Musik macht einen recht heiteren und gelösten Eindruck, wenngleich ich bei meiner Aufnahme die Stimme des Altus (Robin Blaze) nur mit Mühe ertragen kann. Auch mag ich es nicht, wenn statt schön scheen gesungen wird.


    Im 2. Satz, einem Secco-Rezitativ mit airosem Ausklang, geht es um die Redlichkeit, die als Gottesgabe erbeten werden will. Der ermahnende und belehrende Duktus dieses Rezitativs macht sprachlich einen recht plumpen und hölzernen Eindruck.


    Der 3. Satz, ohne Zweifel das Zentrum der Kantate, formuliert die in fast allen Weltreligionen zu findende "Goldene Regel". Diese wird hier nicht auf das zu Unterlassende ("was du nicht willst das man dir tu, das füg auch keinem andern zu"), sondern auf das zu Tuende bezogen - andere Menschen so behandeln, wie man selber behandelt werden will. Auch musikalisch wird das Ineinandergreifen von eigenem Tun und der Reaktion anderer, die gegenseitige Abhängigkeit und Angewiesenheit aufeinander ausgedrückt; auf einen freien Chorsatz folgt eine Doppelfuge.


    Der 4. Satz, wieder ein Rezitativ mit ariosem Ausklang, thematisiert die Heuchelei und ist parallel zu Satz 2 (Redlichkeit) angelegt. Aufs Korn genommen wird hier die Falschheit eines erstarrten Scheinchristentums, dessen Hochmut vom Teufel (Belial) und seiner "Brut" stammt. Die "Liberei" des Teufels (Zeile 3) ist die Livree, die vom Hochmütigen als Diener des Teufels getragen wird.


    Der 5. Satz ist symmetrisch zur Eingangsarie angelegt. Während dort ein Loblied auf die Treue und Güte gesungen wird, ist es nun eines auf Treue und Wahrheit. Betont wird, dass Sagen und Meinen übereinstimmen sollen.


    Beim abschließenden Schlusschoral (Satz 6) handelt es sich um die letzte Strophe eines Kirchenliedes von J. Heermann. Gott wird als "Brunnquell" (schönes Wort!) aller Gaben angerufen und um Beistand gebeten.


    Mit Gruß von Carola