Die Bachkantate (107): BWV177: Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ

  • BWV 177: Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ
    Kantate zum 4. Sonntag nach Trinitatis (Leipzig, 6. Juli 1732)




    Lesungen:
    Epistel: Röm. 8,18-23 (Die ganze Schöpfung sehnt sich mit uns nach der Offenbarung der Kinder Gottes)
    Evangelium: Luk. 6,36-42 (Aus der Bergpredigt: Übt Barmherzigkeit und richtet nicht; gebet, so wird euch gegeben)



    Fünf Sätze, Aufführungsdauer: ca. 28 Minuten


    Textdichter: Johann Agricola (1494-1566)
    Choral (Nr. 1- 5) - entstand um das Jahr 1529



    Besetzung:
    Soli: Sopran, Alt, Tenor; Coro: SATB; Oboe I + II, Oboe da caccia, Fagott, Solo-Violine, Violino I/II, Viola, Continuo





    1. Chorus (Versus 1) SATB, Oboe I + II, Solo-Violine, Streicher, Continuo
    Ich ruf’ zu dir, Herr Jesu Christ,
    Ich bitt’, erhör’ mein Klagen,
    Verleih’ mir Gnad’ zu dieser Frist,
    Lass mich doch nicht verzagen;
    Den rechten Glauben, Herr, ich mein,
    Den wollest du mir geben,
    Dir zu leben,
    Mein’m Nächsten nütz’ zu sein,
    Dein Wort zu halten eben.


    2. Aria (Versus 2) Alt, Continuo
    Ich bitt’ noch mehr, o Herr Gott,
    Du kannst es mir wohl geben:
    Dass ich werd’ nimmermehr zu Spott,
    Die Hoffnung gib darneben,
    Voraus, wenn ich muss hier davon,
    Dass ich dir mög’ vertrauen
    Und nicht bauen
    Auf alles mein Tun,
    Sonst wird mich’s ewig reuen.


    3. Aria (Versus 3) Sopran, Oboe da caccia, Continuo
    Verleih, dass ich aus Herzensgrund
    Mein’ Feinden mög’ vergeben,
    Verzeih mir auch zu dieser Stund’,
    Gib mir ein neues Leben;
    Dein Wort mein Speis’ lass allweg sein,
    Damit mein Seel’ zu nähren,
    Mich zu wehren,
    Wenn Unglück geht daher,
    Das mich bald möcht’ abkehren.


    4. Aria (Versus 4) Tenor, Fagott, Solo-Violine, Continuo
    Lass mich kein’ Lust noch Furcht von dir
    In dieser Welt abwenden.
    Beständigsein an’s End’ gib mir,
    Du hast’s allein in Händen;
    Und wem du’s gibst, der hat’s umsonst:
    Es kann niemand ererben
    Noch erwerben
    Durch Werke deine Gnad’,
    Die uns errett’ vom Sterben.


    5. Choral (Versus 5) SATB, Oboe I + II, Fagott, Streicher, Continuo
    Ich lieg’ im Streit und widerstreb’,
    Hilf, o Herr Christ, dem Schwachen!
    An deiner Gnad’ allein ich kleb’,
    Du kannst mich stärker machen.
    Kömmt nun Anfechtung, Herr, so wehr’,
    Dass sie mich nicht umstoßen.
    Du kannst maßen,
    Dass mir’s nicht bring’ Gefahr;
    Ich weiß, du wirst’s nicht lassen.






    Als Bach im Jahr 1724 seinen ehrgeizigen Choralkantaten-Jahrgang am 1. Sonntag nach Trinitatis (dieser Sonntag war zugleich auch der Beginn seines 2. Amtsjahrs als Leipziger Thomaskantor) mit der Kantate BWV 20 eröffnete, lag ein Weg vor ihm, der von ihm letztendlich für jeden Sonntag des Kirchenjahres (sowie allen zusätzlichen, damals begangenen Feiertagen) eine Kantatenkomposition verlangte, die den Kriterien einer „Choralkantate“ entsprachen:
    Textgrundlage war immer ein zum jeweiligen Sonn- oder Feiertag passender (mehrstrophiger) Choral, von dem aber im ursprünglichen Wortlaut meist nur der Eingangs- und Schlusschoral beibehalten wurden, während verschiedene, meist anonym gebliebene Poeten (ich vermute ja, das Bach selber mehr als nur einmal sich hierbei selbst als Textdichter versucht hat...) die dazwischen liegenden Strophen zu Rezitativen und Arien umdichteten, ohne dabei den ursprünglichen Sinngehalt anzutasten.


    In nur ganz wenigen Fällen hat Bach für diese Choralkantaten die ihnen zugrundeliegenden Choräle textlich völlig unverändert gelassen – die immer gleichbleibende Strophenform war für eine abwechslungsreiche Folge von Arien und Rezitativen sicherlich etwas hinderlich.
    Jedenfalls gehören unter anderem die Kantaten BWV 112 und BWV 129 in diese Gruppe – und eben auch die hier besprochene Kantate BWV 177.


    Bach hat sie allerdings nicht im oben erwähnten Jahr 1724 komponiert, da der 4. Sonntag nach Trinitatis in jenem Jahr auf den 2. Juli fiel. Und dieser 2. Juli war (bzw. ist) der damals auch noch von den Protestanten begangene Marien-Feiertag Mariae Heimsuchung, der liturgisch demnach offenbar Vorrang hatte.
    Daher zählt die Choralkantate BWV 177 mit einigen anderen zu der Gruppe der von Bach später zur Vervollständigung dieses Jahrgangs nachkomponierten Kantaten – im Fall der hier besprochenen Kantate geschah dies dann im Jahr 1732.


    Der Choral, der dieser Kantate textlich (wie melodisch) als Vorlage gedient hat, wurde am 4. Sonntag nach Trinitatis offenbar gerne gesungen, da seine Textaussage gut zum heutigen Sonntagsevangelium passt und die Gemeinde so beim gemeinschaftlichen Singen die unter anderem in der Sonntagspredigt vertieften Gedanken hieraus nochmals „rekapitulieren“ konnte...
    Die Beliebtheit dieses Chorals gerade an diesem Sonntag zeigt sich auch darin, dass Bach ihn bereits in seiner Kantate BWV 185 aus dem Jahre 1715 als Schlusschoral verwendet hatte.


    Der Eingangschoral dieser Kantate ist in der „klassischen“ Choralbearbeitungsform gehalten, die Bach zu unerreichter Perfektion geführt hat: Die Sopranstimme trägt zeilenweise die Choralmelodie vor, während alle anderen Stimmen (vokale wie instrumentale) darum herum ein kunstvolles Geflecht aus Gegenstimmen, Imitationen und Variationen flechten.


    In den nun aufeinanderfolgenden drei Arien (Sätze 2-4) versteht Bach es, die zunächst in der Arie Nr. 2 in wirkungsvollem Gegensatz zum vielstimmigen Eingangschor lediglich auf Altstimme und Continuo zurückgenommene Besetzung peu à peu wieder zu erweitern, indem er in der Arie Nr. 3 zunächst eine Oboe da caccia und in der Arie Nr. 4 eine Solo-Violine und (ungewöhnlicherweise) ein Solo-Fagott zu Solostimme und Continuo hinzunimmt – eine nicht nur bei Bach sehr seltene, aber auch attraktive Kombination, derer es meiner Meinung nach ruhig mehr geben könnte!

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)