Die Bachkantate (111): BWV88: Siehe, ich will viel Fischer aussenden

  • BWV 88: Siehe, ich will viel Fischer aussenden
    Kantate zum 5. Sonntag nach Trinitatis (Leipzig, 21. Juli 1726)




    Lesungen:
    Epistel: 1. Petr. 3,8-15 (Vergeltet nicht Böses mit Bösem; heiligt Christus in euren Herzen)
    Evangelium: Luk. 5,1-11 (Der große Fischzug des Petrus)



    Sieben Sätze, Aufführungsdauer: ca. 22 Minuten


    Textdichter: unbekannt
    Choral: Georg Neumark (1641/ 57)



    Besetzung:
    Soli: Sopran, Alt, Tenor, Bass; Coro: SATB; Oboe d’amore I + II, Oboe da caccia, Horn I + II, Violino I/II, Viola, Continuo





    Parte prima


    1. Basso solo Bass, Oboe d’amore I + II, Oboe da caccia, Horn I + II, Streicher, Continuo
    Siehe, ich will viel' Fischer aussenden, spricht der Herr, die sollen sie fischen.
    Und darnach will ich viel' Jäger aussenden, die sollen sie fahen auf allen Bergen
    und auf allen Hügeln und in allen Steinritzen.


    2. Recitativo Tenor, Continuo
    Wie leichtlich könnte doch der Höchste uns entbehren
    Und seine Gnade von uns kehren,
    Wenn der verkehrte Sinn sich böslich von ihm trennt
    Und mit verstocktem Mut
    In sein Verderben rennt.
    Was aber tut
    Sein vatertreu’ Gemüte?
    Tritt er mit seiner Güte
    Von uns, gleich so wie wir von ihm, zurück,
    Und überlässt er uns der Feinde List und Tück’?


    3. Aria + Ritornello Tenor, Oboe d’amore I + II, Streicher, Continuo
    Nein, nein!
    Gott ist allezeit geflissen,
    Uns auf gutem Weg zu wissen
    Unter seiner Gnaden Schein.
    Ja, wenn wir verirret sein
    Und die rechte Bahn verlassen,
    Will er uns gar suchen lassen.


    Parte seconda


    4. Arioso Tenor, Bass, Streicher, Continuo
    Tenor
    Jesus sprach zu Simon:
    Bass
    Fürchte dich nicht; denn von nun an wirst du Menschen fahen.


    5. Aria Duetto Sopran, Alt, Oboe d’amore I + II, Violino I/II, Continuo
    Beruft Gott selbst, so muss der Segen
    Auf allem unser’n Tun
    Im Übermaße ruh’n,
    Stünd’ uns gleich Furcht und Sorg’ entgegen.
    Das Pfund, so er uns ausgetan,
    Will er mit Wucher wieder haben;
    Wenn wir es nur nicht selbst vergraben,
    So hilft er gern, damit es fruchten kann.


    6. Recitativo Sopran, Continuo
    Was kann dich denn in deinem Wandel schrecken,
    Wenn dir, mein Herz! Gott selbst die Hände reicht?
    Vor dessen bloßem Wink schon alles Unglück weicht,
    Und der dich mächtiglich kann schützen und bedecken.
    Kommt, Mühe, Überlast, Neid, Plag’ und Falschheit her
    Und trachtet, was du tust, zu stören und zu hindern,
    Lass kurzes Ungemach den Vorsatz nicht vermindern!
    Das Werk, so er bestimmt, wird keinem je zu schwer.
    Geh’ allzeit freudig fort, du wirst am Ende sehen,
    Das, was dich eh gequält, dir sei zu Nutz’ geschehen!


    7. Choral SATB, Oboe d’amore I + II, Oboe da caccia, Horn I + II, Streicher, Continuo
    Sing’, bet’ und geh’ auf Gottes Wegen,
    Verricht’ das Deine nur getreu
    Und trau’ des Himmels reichem Segen,
    So wird er bei dir werden neu;
    Denn welcher seine Zuversicht
    Auf Gott setzt, den verlässt er nicht.






    Diese Kantate beginnt wieder einmal mit einem Bibelwort-Satz, der vom Bass-Solisten vorgetragen wird (diese einleitenden Bass-Ariosi kennen wir z. B. auch aus den Kantaten BWV 85, BWV 166, BWV 108 oder BWV 86).
    Obwohl es sich in der hier besprochenen Kantate allerdings nicht um ein Christuswort handelt, sondern um einen Vers aus dem Alten Testament (Jeremia, Kapitel 16, Vers 16), der sich allerdings thematisch auf das heutige Sonntagsevangelium übertragen lässt (in dem es um Petrus - den „Menschenfischer“ - geht), hat Bach den Solo-Bass wohl deshalb ausgewählt, weil er in seiner traditionellen Funktion als „Vox Christi“ diesem Satz eben dadurch eine besondere, zusätzliche Bedeutung verleiht.
    Er hat diesen Satz übrigens wohl mit einiger Absicht weder mit Aria oder Arioso überschrieben – es lässt sich für diesen (ziemlich umfangreichen) Satz, der sich vorbildlich (und typisch für Bach) in seiner engen Textausdeutung zeigt, einfach keine treffende Bezeichnung finden – die freie Form herrscht vor, die sich ausschließlich an den Vorgaben des zu vertonenden Textes orientiert (und da spreche noch einer vom „formenstrengen Barock“...)
    Die instrumentale Begleitung malt hierbei zuerst die wiegenden Wellen des Wassers, auf denen der erwähnte Fischer fährt, sobald dann die Jäger erwähnt werden, kommen natürlich die Hörner ins Spiel und der Satz wird merklich bewegter! Ein schöner, überraschender und vom Text her gut nachvollziehbarer Effekt.


    Eine ebenso ungewöhnliche Form hat wohl die Arie Nr. 3: Der Solo-Tenor fällt sich mit seinen direkt zu Beginn ohne weitere Vorbereitung erklingenden „Nein“-Rufen quasi selbst ins Wort und beantwortet die im Rezitativ Nr. 2 gestellte bange Frage unmittelbar zu Beginn der Arie – der Hörer hat zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig realisiert, dass diese schon begonnen hat. Eine Oboe d’amore konzertiert nun zusammen mit der Tenorstimme, begleitet vom Continuo.
    Erst am Ende dieses Satzes bekommen nunmehr beide Oboi d’amore zusammen mit den Streichern die Gelegenheit, in einem ausführlichen Ritornell gesondert zu einem instrumentalen „Schlusswort“ zu kommen...
    Bach war bei der Komposition dieser Kantate offenbar wieder einmal in experimentierfreudiger Stimmung!


    Im Arioso Nr. 4, das den zweiten Teil der Kantate (nach der Predigt) einleitet, wird direkt aus dem heutigen Sonntagsevangelium rezitiert (Lukas Kapitel 5, Vers 10) und der Bass darf nun tatsächlich in seiner „angestammten“ Rolle als „Vox Christi“ die zentralen, an Petrus gerichteten Worte vortragen.


    Die Kantate endet mit derselben Choralstrophe wie die zwei Jahre zuvor entstandene Kantate BWV 93.
    Da in dieser Kantate (wie es bei Bach ab und an vorkommt) ein Chor nur im Schlusschoral erforderlich wäre, zuvor aber alle vier Stimmlagen solistisch eingesetzt wurden (und somit zur Verfügung ständen), könnte man hier durchaus den Schlusschoral auch „nur“ von den vier Solostimmen singen lassen. Dies würde den intensiv-eindringlichen Charakter dieser sehr auf eindrückliche Textausdeutung bedachten Kantatenkomposition eigentlich nur verstärken!

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)