Cellisten und ihr Ton – Wen und was bevorzugt ihr?

  • Es ist kein Zufall, dass mir gerade beim Hören der Cellosuiten von Bach die Idee zu diesem Thread kam, zeigen die Suiten doch exemplarisch, wie unterschiedlich Cellisten klingen können.


    Schlagwortartig ausgedrückt gibt es einerseits den vollen/breiten/schwerfälligen/satten Ton, andererseits den dünnen/sehnigen/athletischen/agilen (Sonderfall: Barockcello). Auch spieltechnisch unterscheiden sich Cellisten meines Erachtens deutlicher voneinander als beispielsweise Geiger. Soll der Ton knarzig-derb oder rund und süß sein, das Vibrato schnell oder langsam?


    Mich interessiert, welchen Ton ihr bevorzugt. Welcher Cellist ist eurer Ansicht nach exemplarisch für welches Lager? Bei wem gibt es auffällige Besonderheiten? Oder sollte man eine solche Aussage gar nicht treffen, ist die Wahl des Tones abhängig von dem jeweiligen Stück? Oder spielt der Cellist gar zwangsläufig den Ton, den sein Cello (das er sich allerdings seinem Geschmack entsprechend ausgesucht hat) hergibt?


    Mein Eindruck ist, dass die langfristige Entwicklung weg geht vom vollen, hin zum schlanken Ton – was mit dem Aufschwung der Barockmusik und der damit zusammenhängenden Änderung der Hörgewohnheiten zu tun haben könnte. Stichwort: Weg vom Karajan-Breitwandsound, hin zu mehr Transparenz. Begleitend dazu scheint mir die eher feine, knarzlose, aristokratische Art des Cellospiels heutzutage weniger geschätzt zu sein als beispielweise zu Fourniers Zeiten.


    Was meint ihr?


    Thomas

  • Lieber Thomas,


    einzelne Deiner Fragen müsste Dir schon ein Cellist beantworten. Mir selbst war diese Instrument zunächst kein Lieblingsinstrument.


    Selber schätze ich ein Cello-Spiel, das nicht knarzt, einen Instrumentenklang, der absolut ist, bei dem nicht entschuldigend erläutert werden muss, warum es denn so klingt, wie es klingt. Obwohl das Cello nie mein Lieblingsinstrumet war, gibt es doch Cellisten, von deren Spiel ich ausgesprochen angetan war. Nehme wir die Einzelwerke:


    Cellokonzert Dvorak: Rostropowitsch und (das ist nun mein Favorit) Enrico Mainardi. Pierre Fournier vergesse ich in der Riege bei diesem Konzert nicht.


    Pergamentschikow, das war ein toller Cellist. Und seit ein paar Tagen liebe ich das Cello-Konzert von Miaskowski. Mit Michael Schlechtriem am Cello.


    Das ist nun kein Honneur von Forumier zum Forumier. Michaels Ton geht mir nahe. Ich freue mich darauf, ihn auch einmal live zu hören.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Lieber Thomas!
    Ich schätze vor allem Cellisten mit einem charakteristschen Celloton, der sie vor der Masse unterscheidet. Ich möchte hier einen Cellisten herausnehmen, den ich diesbezüglich für grandios halte:
    Daniil Shafran:
    Meiner Meinung absolut ebenbürtig mit Rostropowitsch. War für sein "süffiges" Vibrato und ganz eigenen, sehr obertonreichen, tenoralen Celloton berühmt (sein Instrument: Antonio Amati 1630), aber lange nicht berühmt genug!
    Seine Aufnahmen, exemplarisch hier:

    sind absolut unübertroffen, meiner Meinung nach (das muß man ja neuerdings dazusagen, um keinen Ansch.... zu riskieren).


    Ein weiteres Beispiel, diesmal ein dunkler, eher baritonaler Celloton: Truls Mork. Er spielt auf einem Montagnana Cello (1723), noch dazu auf einem für diesen Geigenbauer sehr großem Exemplar. Wie gesagt ein "großer", eher samtiger Ton, ganz großartig auf folgender CD gebannt (sowohl mein Lieblings-"Schumann" als auch -"Schelomo"):


    Als Negativbeispiel:
    Pablo Casals
    Das Problem bei ihm: Die meisten Aufnahmen sind aus seiner späten Karriere, es kratzt, pfeift und die Intonation ist teilweise jenseitig. Alles in allem charakteristisch, aber, rein cellistisch gesprochen, mit dem heutigen Cellostandard nicht zu vergleichen.

  • Lieber Flotan,


    danke für die Hinweise. Du spielst selber Cello? Das lässt mir Deine Hinweise als Empfehlung erscheinen, denen ich nachgehen werde.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Thomas,
    es gibt leider nicht viele videos von Shafran auf youtube (der Bach ist gar nicht meins), aber hier vielleicht ein Beispiel für sein herrlich-maniriertes, ausdruckstarkes Spiel (mit Interview, leider kann ich nicht russisch...):
    *ttp://www.youtube.com/watch?v=Yd-9XeJwh8Q
    :hello:

  • Ich schätze das Cellospiel von Friedrich Kleinhapl sehr. Er hat einen sehr differenzierten und beweglichen Klang, der mir besonders bei romantischer und moderner Musik gefällt. Seine CDs sind leider alle sehr teuer, aber ich konnte ihn bereits in einem Konzert mit Schostakowitsch' Cellokonzert Nr. 1, op. 107 erleben.


    Seine neueste CD:


    [JPC]5463949 [/JPC]

    "Das Höchste in der Kunst - vor Gott besagt's nicht viel.
    Hat doch die Welt zuletzt nur ein moralisch Ziel."
    (Hans Pfitzner)

  • Hi!


    Bezüglich Alter Musik und vor allem J.S. Bach's Cellosuiten kann ich nur wärmstens JAAP TER LINDEN empfehlen. Seine Interpretationen auf Barockcello sind für mich bis heute unübertroffen.


    Mich persönlich berührt Jaap ter Lindens Klang sehr. Ist wohl auch dem Barockcello zu verdanken.



    Und wenn ich mich nicht täusche, hat er Mozarts Symphonien ebenfalls aufgenommen ?(


    LG Florian


    :hello:

  • Hallo, Paul und Florian!


    Auch bei diversen Kammermusikaufnahmen der Mozart-Brilliant-Serie, von der Deine obigen Abbildungen stammen, ist ter Linden beteiligt. So gefallen mir die Klaviertrios KV 254, 496 und 502 sowie die beiden Quartette KV 478 und 493 aus der Box 10.


    Besten Gruß, Wolfgang

  • Wenngleich ich mich nicht als Spezialist verstehe, liebe ich das Cello als Soloinstrument sehr. Ich mag es wenn ein "harziger" Ton vorhanden ist - ist das das "knarzen" von dem weiter oben die Rede war ? - wobei ich mir nicht sicher bin, was hier dem Interpreten und was dem Intrument "anzulasten", bzw "zuzuschreiben" ist....


    Cello ist IMo ein Instrument, dessen Vorzüge einem erst im Laufe der Jahre bewusst werden - im Gegensatz zum Klavier oder der Violine. Aber nach diesen beiden ist es mein absolluter Favorit, wobei ich den Verdacht habe, die Vormachtsstellung der Violine beruht allein darauf, daß hier mehr Repertoire zur Verfügung steht.....


    Zu meinen Lieblingsaufnahmen zählen die Haydn Violoncello-Konzerte mit du Pre........HIP hin oder her.....



    mfg
    aus Wien
    Alfred

  • Keinesfalls bin ich Spezialist.
    Ich liebe es generell nicht, wenn Saiteninstrumente mit einem starken Vibrato gespielt werden. So ein bißchen zur Modellierung des Tones ist schön, aber man muß den Ton richtig hören können und nicht überlegen, welcher der beiden gespielten Töne gemeint ist. (Das gleiche meine ich auch beim Tremolo der Sänger)


    Rostropowitsch ist mein Favorit, wenn ich es "klassisch" hören will.
    Aber als Kontrastprogramm liebe ich die Aufnahmen mit Mischa Maisky.


    Die Gesamtaufnahme

    hier eine von 3 Alben gefällt mir ganz besonders wegen dem Klang des Cellos.
    Auch die Spieltrechnik kommt meiner Vorstellung entgegen.


    Mit Gruß aus Bonn :hello:

  • Hallo Alfred,

    Zitat

    Cello ist IMo ein Instrument, dessen Vorzüge einem erst im Laufe der Jahre bewusst werden


    Stimmt, die Nachteile des Cellos werden einem direkt in der ersten Cellostunde bewußt. :D

    Zitat

    was hier dem Interpreten und was dem Intrument "anzulasten


    Das kann schon am Wetter liegen. Meine G-Saite spricht im Moment so schlecht an, daß alle Kriterien für einen knarzigen Sound erüllt werden.


    @Celloflo,

    Zitat

    Mich persönlich berührt Jaap ter Lindens Klang sehr


    Mich auch, und ter Linden ist auch ein unheimlich netter Mensch.
    Unser Orchester hat letzhin einen Workshop in Sachen barockes Spiel unter ihm genossen, da wir zu Anfang der nächsten Saison "King Arthur" von Purcell unter ihm einstudieren werden.


    Ich habe jetzt auch einen Barockbogen- aber trotz allem ist dies meine Welt nicht.


    Der Cellist mit dem schönsten Klang wird ewig Pergamenschikow für mich bleiben, aber in diesem Falle bin ich natürlich persönlich befangen in meiner Ansicht.


    Was ich überhaupt nicht mag, ist die Art, so zu spielen, daß ich höre, wie der Cellist mir sagen möchte:
    Sooo macht man einen Lagenwechsel,
    Sooo macht man ein Vibrato (welches dann für den Rest des Werkes dann meistens gleich bleibt. )
    Dabei gibt es unendliche Schattierungen vom Non-Vibrato zu sehr schnellem-welches ich bei intensiven Pianopassagen gerne ausführe-und dem sehr ausladenden weiten Vibrato, welches auch-an der richtigen Stelle angewendet- seinen Effekt hat.


    Ich möchte in erster Linie die Musik hören, nicht das Cellospiel.


    Eine auf hohem Niveau verunglückte Passage oder gar ein derber Patzer machen mir überhaupt nichts aus, solange die Musik lebt und mit vollem persönlichen Risiko dargeboten wird.


    Glattes, hochglanzpoliertes Spiel ohne Seele ist mir ein Greuel.


    Ansonsten schließe ich mich Flotans Bemerkungen über Mork und vor allem Schafran an.


    Und natürlich ist und bleibt Schlußendlich die Kraft und der Klang von Rostropowitsch eine Klasse für sich, an der niemand vorbeikommt.


    Die barocke Spielart des Cellos ist völlig verschieden und ich muß gestehen, vor allem nach dem Workshop mit ter Linden, daß sich da eine große neue Welt für mich auftut.


    Übrigens ist ter Lindens Cello ausgesprochen vulominös und dunkel im Ton-ziemlich laut.
    Also in diesem Falle leider nix mit barockem schlanken Klang- und er vibriert auch ganz normal, jedenfalls bei uns...............


    LG,
    Michael

  • HAllo,
    Ich bin kein Cellist, liebe das Instrument aber sehr und die Cellosektion macht den grössten Teil meiner Sammlung aus.
    Den schönsten sound den ich live gehört habe und auch auf CD macht Clemens Hagen, der Cellist des Hagenquartetts. So sehr ich das Hagenquartett als ganzes schätze, so horche ich bei den Cellocantilenen doch ganz besonders auf. Es gibt leider nur wenige Soloaufnahmen mit ihm. Auf einer gemischten Kammermusikcd unter dem Titel Kremerata Musica bei DG erschienen und offenbar nicht mehr im Handel :angry:, spielt C.Hagen 3 frühe Stücke von Anton Webern wirklich :angel: :jubel:
    In Japan soll es noch Beethovensonaten geben, (wenn mir jemand sagen kann, wie man da heran kommt, bitte melden) und eine Aufnahme vom Brahmsdoppelkonzert mit Kremer und Harnoncourt, in der der samtige Ton Hagens nicht so ganz zu Kremer passen will.
    Ansonsten ist tonlich doch Rostropowich die tonliche Referenz für mich. Ich habe gerade eine schöne Aufnahme der Rachmaninovsonate gesucht und alles mögliche zur Probe gehört und bin dann doch bei Rostro hängen geblieben, vor allen Dingen wg des Tons.
    Bei der von Alfred erwähnten Jaqueline DuPre geht es mir eher wie bei der Callas- der Ton an sich ist eigentlich nicht sehr schön, aber die Intensität ist wahrlich aufregend.
    DIe Beliebtheit von Shafran in diesem Forum kann ich jetzt gar nicht nach vollziehen. Das ständige extrem schnelle und starke Vibrato, passt nicht zu meinen Vorstellungen von einem guten Ton, aber das ist ja doch vielleicht eine persönliche Sache.


    Beste Grüsse :hello:


    Syrinx

  • Hallo Syrinx,
    Es ist klar, daß Schafran polarisiert.
    Er hat jedenfalls seinen ganz persönlichen Stil gehabt, an dem man ihn immer sofort erkennt.
    Sein Bach ist auch nicht meine Sache, aber sehr, sehr vieles andere.


    Man kann ihn wirklich nicht kopieren, das ist ganz unmöglich und macht seine Eigenwilligkeit noch deutlicher.


    Aber bei Schafran kann man nicht streiten-er gefällt oder nicht, dazwischen gibt es nichts.
    Unter Cellisten ist er eine wirkliche Kultfigur, es gibt und gab nur wenige, die ihm alleine technisch das Wasser reichen konnten.


    LG,
    Michael

  • Hallo Michael,

    Zitat

    Unter Cellisten ist er eine wirkliche Kultfigur, es gibt und gab nur wenige, die ihm alleine technisch das Wasser reichen konnten.


    Das ist unbestritten. Nur ist es eben der Klang bzw das vibrato, welches mir ein ungestörtes Zuhören fast unmöglich macht. Bei allen Gerüchten die kursieren, warum er im Westen keine grosse Karriere gemacht hat, glaube ich immer noch das dies der Grund ist.


    :hello:


    Syrinx

  • Hallo Syrinx,
    ich liebe sein Vibrato, aber ich würde niemals jemanden, dem es nicht gefällt, versuchen, dieses nahezubringen.


    Wie bereits gesagt, ist Schafran ein Extrembeispiel von

    Zitat

    er gefällt oder nicht, dazwischen gibt es nichts.



    Zitat

    Bei allen Gerüchten die kursieren, warum er im Westen keine grosse Karriere gemacht hat, glaube ich immer noch das dies der Grund ist.


    Sein sehr extremer Sound war sicher ein Grund, aber noch sicherer nicht der einzige.
    Da gab es von Seiten der UDSSR noch ganz andere Hürden.
    Und es gibt eine große Fangemeinde, welche seinen Sound sehr schätzt.
    Es ist halt Geschmackssache.
    Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat, es kann Isserlis gewesen sein.
    Jedenfalls soll nach dieser Aussage Schafran von allen russischen Cellisten am meisten dem Typus des russischen Sängers entsprochen haben und dies soll (möglicherweise) auch sein Klangideal gewesen sein.


    Ich kann mich im nachhinein Ohrfeigen, daß ich zu faul war, einen seiner Meisterkurse in Deutschland besucht zu haben.



    LG,
    Michael

  • Hallo Micha und Syrinx!
    Shafran spielt, gemessen an unseren Hörgewohnheiten, unglaublich maniriert, nur nehme ich ihm ab, daß das sein Stil war und nicht eine Marotte. Auch ich tue mir öfters mal schwer wenn er Kantilenen zerpflückt und scheinbar unmotiviert übervibriert. Mit seinem Bach kann ich garnichts anfangen, aber z.B. die Sinfonia concertante von Prokoffiew spielt er so unglaublich expressiv, er brennt hier ein Feuerwerk ab, das so nie wieder erreicht worden ist, sag ich jetzt einmal (gekoppelt übrigens mit einem tollen Kabalewsky Konzert).

    Micha hat richtig gesagt, daß Shafran, ähnlich wie Feuermann, eine Kultfigur für Cellisten ist, weniger für "normal interessierte".


    Zitat


    Syrinx
    Den schönsten sound den ich live gehört habe und auch auf CD macht Clemens Hagen, der Cellist des Hagenquartetts.


    Ich finde auch, daß Hagen ist ein ausgezeichneter Cellist, der unverständlicherweise wenig als Solist zu hören ist. Er spielt übrigens auf dem ehemaligen Stradivari von Heinrich Schiff (dieser hat auf ihm z.B. die Schostakowitsch Konzerte aufgenommen, übrigens meine Lieblingsaufnahme dieser Perlen).

    Zitat


    Syrinx
    Ansonsten ist tonlich doch Rostropowich die tonliche Referenz für mich. Ich habe gerade eine schöne Aufnahme der Rachmaninovsonate gesucht und alles mögliche zur Probe gehört und bin dann doch bei Rostro hängen geblieben, vor allen Dingen wg des Tons


    Wo gibts diese Aufnahme? Ich kenne nur den 3.Satz auf einem sampler, übrigens begleitet von Horowitz....

  • Hallo Flotan,

    Zitat

    z.B. die Sinfonia concertante von Prokoffiew spielt er so unglaublich expressiv, er brennt hier ein Feuerwerk ab, das so nie wieder erreicht worden ist, sag ich jetzt einmal (gekoppelt übrigens mit einem tollen Kabalewsky Konzert)


    Kennst Du die Liveaufnahme mit Rostro ?


    Zitat

    Micha hat richtig gesagt, daß Shafran, ähnlich wie Feuermann, eine Kultfigur für Cellisten ist, weniger für "normal interessierte".


    Feuermann schätze ich sehr !



    Zitat

    Wo gibts diese Aufnahme? Ich kenne nur den 3.Satz auf einem sampler, übrigens begleitet von Horowitz....


    Diese Aufnahme kenne ich auch. :jubel:
    Aber den ganzen Rachmaninoff (Leider ohne Horowitz) gibts auf dieser CD:



    im Handel erhältlich oder sogar bei itunes.


    Gruss :hello:


    Syrinx

  • Hallo Michael,


    Wann bist Du denn mal wieder im Köln-Bonner Raum zu hören - auch mit knarzigem G-Saiten-Sound?


    Für Leser ohne Instrumentalspielerfahrung ist das, was Du schreibst eine wichtige Erfahrung.
    Man nimmt als Konzertbesucher alles für selbstverständlich und denkt nicht einmal darüber nach.
    Danke für Deine offenen Ausführungen!


    Gruß aus Bonn :hello:

  • In Mailand habe ich einmal Mischa Maisky genossen, der war auch nicht schlecht, jedoch für mich der beste Cellospieler ist Franz Bartolomey.


    Seit 15 Jahren bin ich sozusagen das Groupie von diesem wunderbaren Musiker, seit dem Brahms-Doppelkonzert für Violine, Cello und Orchester in St. Georgen im Attergau. Oder war es seit der Solostelle in Schwanensee in der WSO? Das letzte Mal genoss ich seine Musik im Mai bei den Musiktagen „con anima“ in Ernstbrunn ( de Falla, Astor Piazolla) gemeinsam spielte er mit seinem Sohn Matthias, der wie es scheint, die Familientradition fortsetzt.


    Bereits seit 1892 sitzen Mitglieder diese Familie oder besser gesagt - Musikerdynastie bei den Wiener Philharmonikern. Franz Bartolomey trat damals seinen Dienst als Erster Klarinettist des Ersten K.& K. Hofopernorchesters an. Er war Kammermusikpartner von Alexander Zemlinsky, Gustav Mahler schätzte ihn sehr.


    Nun sitzt wieder ein Franz am Pult des Wiener Orchesters, bzw. noch immer… Der Vater wurde 1938 als Sekundgeiger beim Staatsopernorchester aufgenommen, ging 1964 in Pension und nun kamen die Söhne an die Reihe: Der 1996 verstorbene Ernst war ebenfalls als Sekundgeiger tätig, Franz schliesslich ist seit 1973 Solocellist der Philharmoniker.


    Bartolomey ist einer der letzten Cellisten, der die Wiener Klangtradition (Krocak, Brabetz) fortsetzt. Eine hervorragende Technik und Musikalität zeichnet ihn aus.


    Er ist ein findiger Initiator auf dem kammermusikalischen Sektor. Ein oftmaliger Kammermusikpartner ist André Previn, mit ihm zusammen hat er eine meiner Lieblings-CD´s bespielt: „Don Quijote“ von Richard Strauss. Ich liebe ausserdem die Don Giovanni Einspielung mit Cecila Bartoli


    Bartolomey gilt auch als Entdecker von einigen Musikstücken (Hummel… )


    Er spielt auf einem Cello von David Tecchler aus dem 18. Jhdt., über das ich bereits hier im Forum geschrieben habe mit einem Löwenkopf als Schnecke.


    Ich schliesse mit einem Ausspruch Franz Bartolomeys:


    „Das Cello ist für mich die Seele selbst“

    WHEN MUSIC FAILS TO AGREE TO THE EAR;
    TO SOOTHE THE EAR AND THE HEART AND SENSES;
    THEN IT HAS MISSED ITS POINT
    (Maria Callas)

  • Moin,


    als Cello spielender Dilettant möchte ich auch meine Meinung abgeben:


    Pablo Casals:
    stimme ich Euch völlig zu, das was es als Aufnahmen gibt, würde heute durchfallen, quietsch hoch drei


    Jacqueline Du Pre:
    Expressionismus und Leidenschaft pur, aber kein "schöner" Ton


    Mischa Maisky:
    Spielt ein wunderbares Vibrato (Breitwandsound), leider auch bei Musik, bei der ich es gar nicht mag. Dafür finde ich seinen Schostakowitch grossartig, soviel Leidenschaft und Rhythmik


    Rostropowich:
    Ist für mich der goldene Mittelweg. Hier macht man eigentlich gar nichts falsch.


    Yo-Yo Ma:
    seine schönsten Aufnahme sind für mich die Barock-CDs mit Ton Koopman. Das war für mich der Zugang zum Barockcello: Ein wunderbarer schöner, schlanker Ton mit soviel Ausdruck und Tiefe.


    Barockcellisten:
    Jaap Ter Linden hat für mich den klar schöneren Ton als zum Beispiel Anner Bylsma. Dies ist ganz deutlich in Bachs Cello-Suiten zuhören. Sehr schön finde ich auch Christophe Coin, dessen sehr guten Aufnahmen die im Quatuor Mosaiques sind. Cellokonzerte mit ihm fand ich bisher immer eher nur nett.


    Clemens Hagen:
    Habe ich bisher nur einmal live gehört, das hat mir sehr gut gefallen.


    Maria Kliegel:
    Sie gehört für mich zu den schlanken Tönen und erzeugt dadurch eine kammermusikalische Intimität. Für mich der Gegenpol zum Breitwand Maisky.


    Zum Schluss möchte ich noch zwei Cellisten nennen, die hier bisher nicht erwähnt wurden:


    Valentin Erben vom Alban Berg Quartett:
    Er war schuld daran, dass ich mit 30 angefangen habe Cello zu lernen. Für mich ist sein Ton die perfekte Mischung zwischen Rostropovich und Kliegel.


    Mein persönlicher Favorit für den schönsten Ton:
    Ich meine damit nicht Breitwand-Vibrato-etc., sondern ein Ton, der ganz klar, warm und voller Tiefe im Raum steht. Diesen Ton bringt Sol Gabetta.


    Meine Lehrerin meinte, dass ich auch einen schönen Ton hätte, sie meinte das liege an dem vielen Fleisch auf meinen Finger. Ich finde, dass das ein nettes Kompliment für Wurstfinger ist.
    Aber vielleicht können das die Profis bestätigen, dass die Fingerkuppen-Fleischmenge ein nicht zu vernachlässigender Tonformparameter ist. :D

  • Hallo Radagast,

    Zitat

    Aber vielleicht können das die Profis bestätigen, dass die Fingerkuppen-Fleischmenge ein nicht zu vernachlässigender Tonformparameter ist


    Das kann ich bestätigen.


    Zitat

    Expressionismus und Leidenschaft pur, aber kein "schöner" Ton


    Dies bei JDP kann ich nicht nachvollziehen, ich finde ihren Ton "schön" ,ebensowenig kann ich

    Zitat

    Sie gehört für mich zu den schlanken Tönen


    bei Maria Kliegel nachvollziehen, aber da enthalte ich mich eines weiteren Kommentars.


    Jeder empfindet halt anders.


    Yo Yo Ma wurde übrigens von Jaap ter Linden in das barocke Cellospiel eingewiesen.


    LG,
    Michael

  • Hallo,


    noch nicht genannt (oder von mir übersehen) ein Bonner Gewächs:


    Danjulo Ishizaka


    Zusammen mit Martin Helmchen gibts eine CD



    Da mir die Musik darauf nicht vertraut ist, mag ich nichts über das Cellospiel sagen.
    Ich weiß nur, daß Rostropowitsch große Stücke von ihm hielt.


    Gruß aus Bonn
    :hello:

  • Hier fehlen mir prinzipiell noch ein paar, z.B.:


    Was ist mit Janos Starker?
    Was ist mit Wolfram Huschke? (Alien Diary)


    um nur einige (zwei) zu nennen...


    Für mich kommt es aber weniger auf den Mensch an, sondern mehr darauf, was "rüberkommt". Jemand sagte es hier schon:


    Du Pre höre ich, wenn's mir schlecht geht, da geht das Herz wieder massiv auf, soviel Spannung, und Emotion. (ich habe das 3er CD set der EMI "Die schönsten Cellokonzerte", der Dvorak ist unglaublich!)


    Casals in den Suiten (laut machen, und ihn mit brummen und summen hören, grandios!). Maisky hat einige tolle Stellen in den Suiten hingekriegt.


    Rostropowitsch/Richter bei den Beethoven Sonaten (aber auch Casals/Serkin)


    YoYo Ma mit Bobby McFerrin in "Hush", klasse!


    Oder Thomas Beckmann auf "Oh! That Cello", Music by Charles Chaplin, super!


    Also: Der Strich ist für mich nicht so entscheidend, wichtiger ist der gesamte Eindruck. Wenn eine(r) keine Spannung aufbaut oder halten kann, dann ist es egal, ob der Strich weich, kratzig, geschmeidig oder ruppig ist... ;-)


    Matthias

  • Hallo Pfuetz,

    Zitat

    Was ist mit Wolfram Huschke? (Alien Diary)


    Huschke ist genial!!!!!!! :jubel:
    Anhören, kann ich nur sagen.
    Starker ist natürlich einer der ganz, ganz großen.
    Ich mag seinen Sound, technisch ist er sowieso über jeden Zweifel erhaben.
    Aber er ist nicht unbedingt ein Klangmagier.
    Das ist keine Kritik an Starker, diese steht mir gegenüber diesem Giganten nicht zu.


    Zu Thomas Beckmann fällt mir sehr vieles ein, was ich alles soeben wieder gelöscht habe.


    Und dabei bleibt es auch besser.


    LG,
    Michael

  • Zitat

    Zu Thomas Beckmann fällt mir sehr vieles ein, was ich alles soeben wieder gelöscht habe.


    Schade. Hätte mich jetzt doch interessiert!


    Ich kenne ihn NUR von den Chaplin Einspielungen, und die habe ich nicht wegen Beckmann gekauft, sondern wegen Chaplin (einer der ganz großen, in der Stummfilm, als auch der Tonfilm Zeit). Er schreib noch die Musik selbst zu seinen Filmen, so wie Wagner auch seine Libretti selber schrieb (OK, der Vergleich hinkt... ;-) )


    Gibt es denn Chaplin's Cello-Musik noch von anderen eingespielt auf CD?


    Matthias

  • Lieber Matthias,

    Zitat

    Er schreib noch die Musik selbst zu seinen Filmen


    Bitte entschuldige diese meine elende Besserwisserei. :wacky:


    Chaplin hat die Musik zu seinen Filmen nicht selber komponiert.
    Er hatte hübsche Ideen, welche seinem musikalischen Background aus seinen Anfangszeiten in den "Music Halls" in London entsprachen und hat dann diese Melodien in Hollywood Arrangeuren und Komponisten wie z.B. David Raksin oder Alfred Newman vorgepfiffen.
    Diese haben dann die Filmmusik aufgrund der melodischen Einfälle von Chaplin erstellt.
    Sicher, es waren tatsächlich Chaplins Melodien, aber komponieren konnte er nicht.
    Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, daß er auch nicht Notenlesen konnte.

    Zitat

    so wie Wagner auch seine Libretti selber schrieb (OK, der Vergleich hinkt... ;-)


    Äh, ...... ja.


    Dasselbe gilt übrigens auch für Paul McCartney, dessen ambitionierte :D Chor-Orchesterwerke eigentlich von Carl Davis erstellt wurden, da er auch nicht Notenlesen kann. :faint:


    Zitat

    Schade. Hätte mich jetzt doch interessiert!


    Na ja, ich denke, daß ich klargemacht habe, daß ich keine besonders hohe Meinung von diesem Cellisten habe. :untertauch:
    Und Kollegen möchte ich nicht weiter hier öffentlich kritisieren, ich kann genau so gut vor meiner eigenen Hütte kehren. :angel:


    LG, :hello:


    Micha

  • Gestern hörte ich die Cellosonaten von Beethoven mit Schiff und Miklos Perenyi.


    Perenyis Intonation ist wundervoll. Der Ton spricht sofort an. Nichts hartes, knarziges ist zu hören. Füllig und weich, fast schon flauschig ist Perenyis Spiel. Beeindruckend!


    Nur höre ich persönlich trotzdem meine alte Aufnahme von Casals (ich habe die mit Serkin) deutlich lieber. Die oben genannten technischen Fehler Casals stören mich nicht im Geringsten. Sein Cellospiel wirkt auf mich lebendiger. Es hat weniger distanzierte, aristokratische Feinheit, dafür mehr pralle Lebenslust. Interessant finde ich die Frage, inwieweit es auch die technischen Unzulänglichkeiten sind, die diesen Eindruck hervorrufen. Ich neige dazu, ihnen einen Anteil zuzusprechen.


    Thomas

  • Thomas,


    ich kenne die Schiff (den Klavier-Schiff, nicht den Cello-Schiff, richtig?) / Perenyi nicht, ich habe nur die beiden


    Casals/Serkin
    Rostropowitsch/Richter


    Beide sind wahnsinnig gut. Ich müßte sie mal im Vergleich hören, um zu sagen, was mir wo besser gefällt...


    Ich stimme Dir zu, die pralle Lebenslust ist mit ein Aspekt, der das Hören zum Genuß macht, und damit sind die "technischen Fehler" eher Genuß-steigernd, als störend. Wie ich schon sagte: Auch das Gebrumme und Gesumme ist toll! Man merkt, und hört, daß das Spielen Lust gemacht hat, und von Herzen und mit ganzem Einsatz kam. "Hochglanz-polierte Aufnahmen" sind in vielen Fällen "langweilig"...


    Also: Ich stimme Dir zu, die Unzulänglichkeiten sind eher gut!


    Matthias

  • Michael,


    laß uns nicht streiten, wo "Komposition" anfängt, und wo "Notensatz" aufhört... ;-)


    Wollen wir es so nennen: Raksin/Newman machten Variationen über Themen von Chaplin... ;-)


    Und wir wollen doch nicht auch Paule die Leistung an seinen Lieder absprechen, bloß weil er "immer noch nicht" Notenlesen oder -schreiben kann. Ich denke, die Beatles haben uns da genug Tolles gegeben (und wieder: Die 12 Cellisten in einer der frühen CDs, Beatles in Classic: umwerfend!), und ob die die Dinge dann auch selbst auf Papier bringen, ist mir da dann eher "wurscht"... ;-)


    OK, zu Beckmann dann also nichts...


    Gruß,


    Matthias