Die Bachkantate (117): BWV136: Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz

  • BWV 136: Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz
    Kantate zum 8. Sonntag nach Trinitatis (Leipzig, 18. Juli 1723)




    Lesungen:
    Epistel: Röm. 8,12-17 (Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder)
    Evangelium: Matth. 7,15-23 (Aus der Bergpredigt: Warnung vor falschen Propheten – „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“)



    Sechs Sätze, Aufführungsdauer: ca. 21 Minuten


    Textdichter: unbekannt
    Choral: Johann Heermann (1630)



    Besetzung:
    Soli: Alt, Tenor, Bass; Coro: SATB; Oboe , Oboe d’amore, Horn, Violino I/II, Viola I/II, Continuo





    1. Chor SATB, Oboe, Oboe d’amore, Horn, Streicher, Continuo
    Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz; prüfe mich und erfahre, wie ich’s meine!


    2. Recitativo Tenor, Continuo
    Ach, dass der Fluch, so dort die Erde schlägt,
    Auch derer Menschen Herz getroffen!
    Wer kann auf gute Früchte hoffen,
    Da dieser Fluch bis in die Seele dringet,
    So dass sie Sündendornen bringet
    Und Lasterdisteln trägt.
    Doch wollen sich oftmals die Kinder der Höllen
    In Engel des Lichtes verstellen;
    Man soll bei dem verderbten Wesen
    Von diesen Dornen Trauben lesen.
    Ein Wolf will sich mit reiner Wolle decken,
    Doch bricht ein Tag herein,
    Der wird, ihr Heuchler, euch ein Schrecken,
    Ja unerträglich sein.


    3. Aria Alt, Oboe d’amore, Continuo
    Es kömmt ein Tag,
    So das Verborg’ne richtet,
    Vor dem die Heuchelei erzittern mag.
    Denn seines Eifers Grimm vernichtet,
    Was Heuchelei und List erdichtet.


    4. Recitativo Bass, Continuo
    Die Himmel selber sind nicht rein,
    Wie soll es nun ein Mensch vor diesem Richter sein?
    Doch wer durch Jesu Blut gereinigt,
    Im Glauben sich mit ihm vereinigt,
    Weiß, dass er ihm kein hartes Urteil spricht.
    Kränkt ihn die Sünde noch,
    Der Mangel seiner Werke,
    Er hat in Christo doch
    Gerechtigkeit und Stärke.


    5. Aria Tenor, Bass, Violino I/II, Continuo
    Uns treffen zwar der Sünden Flecken,
    So Adams Fall auf uns gebracht.
    Allein, wer sich zu Jesu Wunden,
    Dem großen Strom voll Blut gefunden,
    Wird dadurch wieder rein gemacht.


    6. Choral SATB, Oboe, Oboe d’amore, Horn, Streicher, Continuo
    Dein Blut, der edle Saft,
    Hat solche Stärk’ und Kraft,
    Dass auch ein Tröpflein kleine
    Die ganze Welt kann reine,
    Ja, gar aus Teufels Rachen
    Frei, los und ledig machen.






    Das Evangelium des heutigen Sonntags beinhaltet einen weiteren Ausschnitt aus der Bergpredigt (dies war zuletzt am 6. Sonntag nach Trinitatis der Fall gewesen). Es geht darin um die Warnung Jesu vor falschen Propheten, die als die sprichwörtlichen „Wölfe im Schafspelz“ daherkommen (genau dieser berühmte Vergleich wird hier gezogen!).
    Und weiter heißt es dann im Vers 16: “An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln?“
    Besonders im Rezitativ Nr. 2 wird auf diese Bibelstellen Bezug genommen.


    Konsequenterweise beginnt die hier besprochene Kantate denn auch mit einer Bitte um den rechten Glauben – ein Bibelwort-Chor (Psalm 139 Vers 23) leitet die Kantate ein. Der Satz erhält durch das eingesetzte Horn eine interessante, irgendwo zwischen „festlich“ und „signalartig“ angesiedelte Klangfarbe.
    Der Chor trägt den Psalmvers in Form einer Fuge vor, die allerdings nicht besonders streng, sondern teilweise fast frei, bzw. motettenartig komponiert wurde.


    Die Arie Nr. 3 kombiniert mit Solo-Alt und Oboe d’amore zwei Stimmen, die ungefähr in derselben Höhenlage angesiedelt sind, was somit quasi ein Duett zweier Altstimmen (instrumental wie vokal) ergibt. Zu Beginn wählt Bach einen unaufhaltsam dahinschreitenden Rhythmus in mittlerem Tempo, während der kurze Mittelteil der Arie („Denn seines Eifers Grimm...“) deutlich bewegter und im Presto gehalten ist.


    Eine für Bach fast noch seltenere Kombination stellt die Arie Nr. 5 dar, die eigentlich ein Duett ist: Ich kann mich abgesehen von diesem Stück an nicht allzu viele weitere Bach-Duette zwischen Tenor und Bass erinnern! Eine bei Bach also nicht allzu häufig zu hörende Kombination. Beide Gesangsstimmen werden streckenweise mit recht ausgedehnten Koloraturen parallel geführt, was in dieser Stimmlage für Bach tatsächlich ziemlich ungewohnt klingt.
    Bach hat für diese Kantate offensichtlich die Gelegenheit genutzt, zwei begabte Sänger (zwei ältere Thomaner, die den Stimmbruch bereits hinter sich hatten?) mit den entsprechenden Stimmen zur Verfügung zu haben.


    Es wird vermutet, dass Bach für diese Kantate teilweise auf ältere Stücke zurückgegriffen hat (möglicherweise ein weltliches Werk). Konkretere Hinweise auf diese älteren Kompositionen haben sich aber offensichtlich noch nicht ergeben – jedenfalls habe ich dazu nichts finden können.

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)