Wagner geteilt durch 4 - Der Stuttgarter "Ring des Nibelungen"

  • Da heute auf 3sat der Stuttgarter "Ring" komplett übertragen wird, haben sich im Thread Klassiktermine im Fernsehen einige Beiträge zum Thema angesammelt. Zudem haben gleich mehrere Forumsteilnehmer angekündigt, sich Teile der Übertragung anzuschauen oder diese aufzuzeichnen.


    Daraus könnte sich doch eine interessante Diskussion entwickeln. Ich kopiere mal einige Beiträge aus dem genannten Thread hierher:


    Zunächst die Ankündigung der Übertragung:






    Und einige Reaktionen:



    Zitat

    Original von Theophilus
    Der Stuttgarter Ring ist mehr für Freunde ungewöhnlicher Inszenierungsideen und weniger für Freunde des Rings...


    :untertauch:





    Zitat

    Original von severina
    Hallo Andrew,
    mir geht's genau wie dir, auch für mich ist das heute die Chance, endlich so richtig mit Wagner zu beginnen. Am meisten freue ich mich auf den Konwitschny-Teil (Götterdämmerung). Leider bin ich da nicht daheim und hoffe inständig, dass mein Videorecorder nict spinnt. (Tut er leider hin und wieder beim Programmieren.... :( )
    lg Severina :hello:



    Das liest man gern :D:


    Zitat

    Original von Dreamhunter
    Ich zeichne den Ring auf meinem Festplatten-DVD-Rekorder auf. Wenn jemand von Euch dann den einen oder anderen Teil braucht, kann ich dann gerne eine DVD brennen. Einfach mich privat kontktieren !



    Eine erste Reaktion von Rideamus:





    In folgendem Beitrag verlinke ich auch einige Passagen aus anderen Threads, in denen der Stuttgarter "Ring" Thema war:




    Und noch zwei Beiträge von Theophilus und mir:




  • Danke, dass Du hier nicht nur trotz, sondern wegen der parallelen Threads einen eigenen zu diesem Marathon aufgemacht hast.


    Nun kann ich nur hoffen, dass die anderen hier weiter schreiben.


    Von mir wird es allerdings vorerst keinen zweiten oder weiteren Beitrag dazu geben, denn ich sehne mich nach dem oben angespochenen "Gegengift".


    Rideamus


    PS: übrigens erstaunlich, wieviele Scheiterhaufen und andere Verbrennungs- oder Verbrühungstode in der Oper gibt. Wäre fast mal ein eigenes Rätsel wert. :D


    PPS: ich tue schon jetzt aktive Abbitte für meinen mangelnden Ernst, indem ich mich ganz seriös anderen Threads widme und verweise ansonsten sicherheitshalber auf meinen Namen sowie mein aktuelles Motto.

  • Lange Schweigepause unterbrochen:


    Ich habe nur einen Aufzug ganz (und nicht mal reingeschaut) gesehen: Den zweiten der Götterdämmerung. Außerde 30 Sekunden des Rheingolds. Ich habe beschlossen, jetzt doch den ganzen Stuttgarter Ring kennenzulernen. Das Rheingold in Schlömers Inszenierung ist geordert. Aber es wird Zeit brauchen.


    Zu dem irgendwo gelesenen Vergleich mit Beethovens IX. (Theo?): Ist es nicht so, dass man eigentlich jede der Opern aus dem Ring auch separat aufführen könnte? Was spricht also gegen vier verschiedenen inszenatorische Sichtweisen?


    LG - C.

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • Zitat

    Original von C.Huth
    ... Ist es nicht so, dass man eigentlich jede der Opern aus dem Ring auch separat aufführen könnte? Was spricht also gegen vier verschiedene inszenatorische Sichtweisen?


    Nichts - solange man mir dieses heterogene Pack nicht als "überzeugende Ring-Inszenierung" verkaufen will. So eine kann nur von einem Regisseur oder meinetwegen von einem koordiniert arbeitenden Team geschaffen werden.


    In der Praxis ist es in der Regel so, dass der Ring zyklisch aufgeführt wird. Lediglich die Walküre wird auch ganz gerne einzeln aufgeführt. Es hat immerhin 125 Jahre gedauert, bis jemand einen völlig heterogenen Ring auf die Bühne gebracht hat. Die Zukunft wird zeigen, ob die Leute lieber einen Kaleidoskop-Ring oder eher eine homogen erzählte Geschichte aufgetischt bekommen wollen.


    Der Stuttgarter Ring ist wie ein langer Film, der in vier Portionen aufgeteilt wird und jede einem anderen Regisseur anvertraut wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass das zusammengestückelte Ergebnis so etwas wie ein brauchbarer Film ist, tendiert gegen Null. Was natürlich nicht heißt, dass durchaus interessante Aspekte vorkommen können. Ich kann mich auch an keinen nennenswerten Episoden-Film mit unterschiedlichen Regisseuren erinnern, der eine zusammengehörige Handlung verfolgt. Eine Opern-Entsprechung zum Episodenfilm wäre z.B. das Trittico. Da könnte man problemlos drei Regisseure einsetzen, wenn einem danach steht.

  • Zitat

    Original von C.Huth
    Lange Schweigepause unterbrochen:


    Lieber Claus,


    das freut mich besonders ...


    Zitat

    Ich habe nur einen Aufzug ganz (und nicht mal reingeschaut) gesehen: Den zweiten der Götterdämmerung. Außerde 30 Sekunden des Rheingolds. Ich habe beschlossen, jetzt doch den ganzen Stuttgarter Ring kennenzulernen. Das Rheingold in Schlömers Inszenierung ist geordert. Aber es wird Zeit brauchen.


    Auch ich konnte gestern u.a. wegens des Belcanto-Ensemble-Konzertes in Enger nur wenig in den "Ring" hinein schauen, habe aber die Gelegenheit genutzt, ihn ganz aufzuzeichnen, so dass ich beim Nachkarten auf jeden Fall dabei bin.


    Zitat

    Zu dem irgendwo gelesenen Vergleich mit Beethovens IX. (Theo?): Ist es nicht so, dass man eigentlich jede der Opern aus dem Ring auch separat aufführen könnte? Was spricht also gegen vier verschiedenen inszenatorische Sichtweisen?


    Ich finde es im Gegenteil sehr reizvoll, weil es die Möglichkeit einer mehrperspektivischen Sicht auf den Ring gibt. Also schaun wir mal (die Teile an) ...


    Liebe Grüße Peter

  • Zitat

    Original von Herbert Henn
    Ich möchte noch anmerken, daß es sich um ein Musikwerk handelt.


    Lieber Herbert,


    willst Du uns verladen? Es ist ein Stück Musiktheater, doch nicht einfach ein Musikwerk à la "Die kleine Nachtmusik". Und zu Musiktheater gehört auch immer die Bühnenaufführung dazu wie zu einer Ballettmusik der Tanz ...


    LG Peter

  • Lieber Peter,


    ich meine damit, daß man auch ein wenig über die musikalische


    Sichtweise sprechen müßte. Ich glaube, daß die Musik bei einem


    solchen Werk des Musiktheaters immer noch primär sein sollte.


    :hello:Herbert


  • Lieber Herbert,
    Du hast sicherlich recht, daß die Musik einen bedeutenden Aspekt der Gattung »Musikdrama« darstellt - wenn auch IMO nicht den primären, sondern einen neben dem szenisch-dramatischen Aspekt gleichberechtigten Aspekt.


    Allerdings bleibt ja (nicht nur im kronkreten Fall des [Stuttgarter] Rings) die Musik weitestgehend davon unberührt, ob nun eine Person Regie führt oder vier oder siebenundzwanzig... ;)


    Herzlichst,
    Medard

  • Zitat

    Original von Herbert Henn


    Für mich ist die Musik primär, sowohl bei einer Oper


    bei einem Musikdrama, wie auch bei einem Ballett.


    Für mich auch - solange ich die Musik der Opern oder Ballette von der CD höre. Sobald ich ins Theater gehe, ist die Inszenierung des Dramas/Ballets für mich mindestens gleichwertig.


    Herzlichst,
    Medard

  • Hallo zusammen,


    der gestrige Ring-Marathon war ziemlich anstrengend, weil ohne Pause gesendet wurde, von den 20 Uhr-Nachrichten mal abgesehen.
    Der Aufnahmefähigkeit wegen sollte man sich so ein Programm nicht mehr antun. Es macht schon Sinn, dieses komplexe Werk an vier verschiedenen Tagen zu zeigen. Und so sollte es auch genossen werden. Ich hab mich in meiner Vorfreude da selbst überschätzt, wie ich gestehen muß.
    Es würde mich interessieren, wer den kompletten Ring gestern auch gesehen hat.


    Etwas betrübt war ich, daß so viele Sängerinnen und Sänger des Stuttgarter Ensembles von der neuen Intendanz vor Jahresfrist ausgemustert worden sind. Das gestrige Wiedersehen war deshalb teilweise schmerzlich für mich.

  • Zitat

    Original von Beren_fox


    Danke. Meine vollste Zustimmung.


    Lieber Beren_fox,


    Mir ist nicht ganz klar, wofür Du Dich bedankst. Herbert hat seine Meinung gesagt, das ist vollkommen in Ordnung. Ich teile die Meinung nicht, weil sie mir zu allgemein ist. Es gibt Opern, in denen die Handlung nachrangig sein mag. Für die Opern Wagner gilt dies aber nicht. Ansonsten könnte man sich tatsächlich mit der CD zufrieden geben - oder gar mit den (gelungenen) Stokowski-Zusammenfassungen. Bitte schön :)


    LG Peter

  • Dann handeln wir eben die musikalische Komponente ab, damit wir uns der szenischen zuwenden können.


    Meiner Meinung nach gibt es eine Inkonsequenz - gerade bei der Musik: Wenn jeder "Ring"-Teil für sich betrachtet wird, hätte man auch die musikalische Leitung unter vier Dirigenten aufteilen müssen. Was durchaus ein Gewinn hätte sein können...


    Nein, schlecht ist Zagrosek nicht. Aber sehr ungleichmäßig. Wenn er Tempo macht und auf Dramatik setzt, ist er sogar ziemlich gut. Nur langsame Abschnitte (etwa "Todverkündigung", Teile der Nornenszene etc.) verlieren den Puls und wirken dadurch zerdehnt, obwohl sie nicht langsamer dirigiert werden als etwa von Furtwängler oder Knappertsbusch.


    Was mich mehr stört, ist der Bruch zwischen Regie und musikalischer Leitung: Zagrosek macht nämlich einen relativ altmodischen Kapellmeisterroutine-Wagner. Da hätte es meiner Meinung nach nicht geschadet, einen neueren Ansatz zu wählen, der in seiner Radikalität der szenischen Umsetzung entspricht.


    Sängerisch halte ich die Besetzungen für "rollendeckend" bis hervorragend, wobei die Wortdeutlichkeit und die schauspielerischen Fähigkeiten der meisten Mitwirkenden überzeugen.


    -----------------------


    Nun zur Regie.


    Das von Theophilus verschmähte "heterogene Pack" wird von niemandem als "überzeugende ,Ring'-Inszenierung" ausgegeben. Denn es ist ja das Konzept, daß es kein geschlossener "Ring" sondern eine Folge von vier in sich geschlossenen Opern ist. Infolge dessen ist die Behauptung, hier sei die "geschlossene ,Ring'-Inszenierung" nicht geglückt, von vorne herein unsinnig.


    Eher müßte man diskutieren, ob der Ansatz der Einzelinszenierung jeder "Ring"-Oper akzeptabel ist.


    Obwohl ich gewisse Vorbehalte habe, scheint mir der Ansatz aber interessant genug, um sich damit auseinanderzusetzen. Zumal mir jede dieser vier Inszenierungen außerordentlich geglückt scheint. Ich sehe keine Travestie, keine Parodie, keine Verkleinerung, sondern insgesamt sehr ernsthafte Auseinandersetzungen mit einem Mythos, der für die Gegenwart übersetzt wird. Wie genau die Regiearbeiten den Kern der Werke berühren, sollte dabei auch Gegner des Regietheaters verblüffen.


    :hello:

  • Zitat

    Original von Siegfried
    der gestrige Ring-Marathon war ziemlich anstrengend, weil ohne Pause gesendet wurde, von den 20 Uhr-Nachrichten mal abgesehen.
    Der Aufnahmefähigkeit wegen sollte man sich so ein Programm nicht mehr antun. Es macht schon Sinn, dieses komplexe Werk an vier verschiedenen Tagen zu zeigen. Und so sollte es auch genossen werden. Ich hab mich in meiner Vorfreude da selbst überschätzt, wie ich gestehen muß.
    Es würde mich interessieren, wer den kompletten Ring gestern auch gesehen hat.


    Hallo Siegfried,


    ich sehe das so wie Du - es war nur eine gute Gelegenheit, in meiner Abwesenheit das Aufnahmegerät laufen zu lassen. Das werde ich mir in kleinen Dosen ansehen und mir meine Meinung bilden. An einem solchen schönen Tag aber eine Marathonsitzung mit dem Ring zu machen ... das hätte ich noch nicht einmal mit einem meiner beiden Furti-Ringen versucht. Dem 3sat aber vielen Dank für die Gelegenheit ...


    LG Peter

  • Hallo Edwin,




    dem kann ich mich weitgehend anschließen, obwohl ich Zagrosek etwas positiver beurteile.





    Zitat

    Das von Theophilus verschmähte "heterogene Pack" wird von niemandem als "überzeugende ,Ring'-Inszenierung" ausgegeben. Denn es ist ja das Konzept, daß es kein geschlossener "Ring" sondern eine Folge von vier in sich geschlossenen Opern ist. Infolge dessen ist die Behauptung, hier sei die "geschlossene ,Ring'-Inszenierung" nicht geglückt, von vorne herein unsinnig.


    Doch: dass in Stuttgart neben Chéreau und Wernicke die "überzeugendste Ring-Inszenierung" entstanden sei, habe ich behauptet. Dazu stehe ich. Auch wenn die Einheit der vier Abende auf der einen Seite negiert wird, so ist doch durch das Konzept und die geschlossene Präsentation (in Stuttgart selbst wie auch gestern im Fernsehen) auf der anderen Seite ein vollständiger "Ring" entstanden - was auch daran liegt, dass nicht nur das Dirigat, sondern ebenso die Dramaturgie der gesamten Produktion in einer Hand lag (Zehelein/Morabito). Die vier Abende haben eben auch in puncto Regie einen "Ansatz" gemeinsam, den Du ja bereits umschrieben hast:


    Zitat

    Ich sehe keine Travestie, keine Parodie, keine Verkleinerung, sondern insgesamt sehr ernsthafte Auseinandersetzungen mit einem Mythos, der für die Gegenwart übersetzt wird.



    Die Eröffnung dieses Threads durch mich ist vor allem auf den in den bekannten "Regietheater"-Threads mehrfach (auch von mir) geäußerten Wunsch zurückzuführen, doch endlich einmal über konkrete Inszenierungen zu sprechen, die von vielen gesehen worden sind. Das hat ja im Konwitschny-Lehar-Thread schon zu interessanten Ergebnissen geführt. Vielleicht funktioniert es auch hier.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Hallo Bernd,

    Zitat

    Doch: dass in Stuttgart neben Chéreau und Wernicke die "überzeugendste Ring-Inszenierung" entstanden sei, habe ich behauptet. Dazu stehe ich. Auch wenn die Einheit der vier Abende auf der einen Seite negiert wird, so ist doch durch das Konzept und die geschlossene Präsentation (in Stuttgart selbst wie auch gestern im Fernsehen) auf der anderen Seite ein vollständiger "Ring" entstanden - was auch daran liegt, dass nicht nur das Dirigat, sondern ebenso die Dramaturgie der gesamten Produktion in einer Hand lag (Zehelein/Morabito). Die vier Abende haben eben auch in puncto Regie einen "Ansatz" gemeinsam, den Du ja bereits umschrieben hast:


    Wir sind uns prinzipiell einig: Der Stuttgarter Vier-Werke-Zyklus formt sich zum "Ring" eben durch das Konzept., das diesem Zyklus übergeordnet ist.
    Wenn ich Theophilus richtig verstehe (ich hoffe, daß es mir diesmal gelingt ;) ), so nimmt er als Vergleichsbasis die herkömmliche "Ring"-Regie, in der das Produktionsteam mit Verweisen auf sich selbst arbeitet - also der Brünnhildfelsen ist immer der identische Brünnhildfelsen, der Ring immer der identische Ring etc.


    Diese Vergleichsabsis funktioniert meiner Meinung nach aber nicht, weil sie Äpfel nicht einmal mit Birnen sondern mit Segelbooten vergleicht: In Stuttgart besteht das Konzept bekanntlich im Aufbrechen des Zyklus in einzelne Werke, die weniger einen kausalen Handlungszusammenhang liefern, sondern die ich als gegenseitige Kommentare verstehe. Insoferne kann man von einem "heterogenen Pack" sprechen, aber, um beim Segelboot zu bleiben: Ich kann einem Segelboot zwar vorwerfen, daß es mit einem Segel betrieben wird, nur zielt dieser Vorwurf ins Leere, denn es ist das Wesen des Segelboots, von einem Segel betrieben zu werden. Und ebenso ist das Wesen des Stuttgarter "Rings" eben seine Heterogenität.


    In der Einschätzung der Wertigkeit (Chéreau, Wernicke - wobei ich auch noch Audi und Dew dazunehmen würde) treffen wir uns: Der Stuttgarter "Ring" ist szenisch ein radikal neuer Ansatz, und die Durchführung hebt ihn auf ein besonderes Niveau.


    Zitat

    Vielleicht funktioniert es auch hier.


    Ich hoffe es!!!


    :hello:

  • Lieber Edwin,


    Zitat

    Original von Edwin Baumgartner


    Nun zur Regie.


    Das von Theophilus verschmähte "heterogene Pack" wird von niemandem als "überzeugende ,Ring'-Inszenierung" ausgegeben. Denn es ist ja das Konzept, daß es kein geschlossener "Ring" sondern eine Folge von vier in sich geschlossenen Opern ist. Infolge dessen ist die Behauptung, hier sei die "geschlossene ,Ring'-Inszenierung" nicht geglückt, von vorne herein unsinnig.


    Eben! Im übrigen ist es ja grundsätzlich eine Frage der Lesart, ob man den »Ring« patu als eine Meta- oder Megaoper verstehen will, oder als einen Zyklus von vier eigenständigen Musikdramen.



    Zitat

    Eher müßte man diskutieren, ob der Ansatz der Einzelinszenierung jeder "Ring"-Oper akzeptabel ist.


    Warum »akzeptabel«? Eine Einzelinszenierung ist IMO nicht mehr und nicht weniger akzeptabel als die Inszenierung durch einen einzigen Regisseur - und selbst Theophilus »Vorschlag« den Ring von 10 Regisseuren inszenieren zu lassen (einen für das Rheingold und je einen pro Akt der folgenden Dramen) würde ich nicht a priori verdammen wollen. Die Frage ist allein, ob das Ergebnis trägt - und daran wird sich das Konzept in jedem Fall (ein Regisseur, vier Regisseure, zehn Regisseure) messen lassen müssen.


    Zitat

    Obwohl ich gewisse Vorbehalte habe, scheint mir der Ansatz aber interessant genug, um sich damit auseinanderzusetzen. Zumal mir jede dieser vier Inszenierungen außerordentlich geglückt scheint. Ich sehe keine Travestie, keine Parodie, keine Verkleinerung, sondern insgesamt sehr ernsthafte Auseinandersetzungen mit einem Mythos, der für die Gegenwart übersetzt wird. Wie genau die Regiearbeiten den Kern der Werke berühren, sollte dabei auch Gegner des Regietheaters verblüffen.


    :hello:


    Ich finde das Ergebnis ebenfalls überaus gelungen - und zwar nicht allein, was die vier Einzelopern anbetrifft, sondern auch den »Ring« als ganzen. Denn es gibt ja durchaus Deutungsmuster, die gleich szenischen Leitmotiven die vier Inszenierungen verbinden. Etwa die Saturiertheit einer verbürgerten Götter/Heldenwelt: im »Rheingold« die geschlossene, selbstreferentielle, künstliche Szenerie des Edelsanatoriums; in der »Walküre« ein Wotan, der seine Sattheit gar nicht mehr zu verbergen sucht und eine Heldenstatuettensammlung auf seinem hochherrlichen Dachboden »verwaltet«; in der »Götterdämmerung« erfährt der schwertschwingende Siegfried per Sektempfang bei den in Designerkluft gehüllten Gibichungen seine Initiation zu Bürger.


    Das ist doch recht stringent.


    Ebenso stringent scheint mit die Reduktion der jeweils 1. Akte von »Walküre« und »Siegfried« auf's psychologische Kammerspiel. Über die 1. Akt der »Walküre« ist in diesem Forum ja schon von verschiedenen Forianern einiges geschrieben worden. Ich wiederhole mich trotzdem nochmals: die Emotionen, das Begehren und die Traumata der Figuren werden intensiv ausgeleuchtet ohne sie zu nackten Seelen-Schablonen zu machen. Dasselbe ließe sich für Siegfried und Mime im ersten Akt des »Siegfried« sagen. Auch hier: Traumata, unerfüllte Wünsche - und Haß!
    Menschliche Charaktere auf der Bühne, verletzliche und zutiefst verletzte Figuren - keine hohlen Titanen bzw. archaische Roboter.
    Ich muß sagen: ich habe diese Szenen nie so intensiv erlebt, wie in den Stuttgarter Inszenierungen.


    So gesehen scheint mir der Stuttgarter »Ring« (als Ring) vielleicht gerade deshalb überzeugend zu sein, weil er nicht eine einheitliche Superformel für den Mythos finden will, sondern ihn polyperspektivisch durchleuchtet und dabei zugleich zentrale Grundmuster offenbar werden; weil nicht die eine große Erzählung, der großen Mythos in das Zentrum gerückt wird, werden die vielen schicksalhaft ineinandergreifen kleinen Erzählungen als solche sichtbar.


    Herzlichst,
    Medard

  • Lieber Medard,
    Du triffst sehr genau, was ich mit "gegenseitigem Kommentar" meinte. Bestimmte gleiche oder ähnliche Aspekte werden unter unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Damit entfernt sich der Stuttgarter "Ring" von der kausalen Handlungsstruktur und nähert sich einer quasi essayistischen Inszenierungsidee.


    Ich finde das deshalb so passend, weil ja auch Wagner im "Ring" vier Typen der musikdramatischen Sprache abhandelt: Satyrspiel, lyrisches Drama,
    (Märchen)Komödie, tragische Haupt- und Staatsaktion.


    Indem nun jeder Regisseur ohne Selbstreferenz arbeitet, ergeben sich vier Blickwinkel auf die identische Handlung. Womit, nebenbei bemerkt, auch die Problematik der wagnerschen Erzählungs-Redundanz wegfällt, die sozusagen eine konzeptuelle Begründung erfährt.


    :hello:

  • Zitat

    Original von Zwielicht


    Die Eröffnung dieses Threads durch mich ist vor allem auf den in den bekannten "Regietheater"-Threads mehrfach (auch von mir) geäußerten Wunsch zurückzuführen, doch endlich einmal über konkrete Inszenierungen zu sprechen, die von vielen gesehen worden sind. Das hat ja im Konwitschny-Lehar-Thread schon zu interessanten Ergebnissen geführt. Vielleicht funktioniert es auch hier.


    Darauf warte und hoffe ich auch schon sehr gespannt. Ich habe zwar meine inzwischen bekannten Probleme mit Wagner und insbesondere dem RING, aber genau deswegen möchte ich mich wenigstens einer Auseinandersetzung damit nicht entziehen.


    Leider scheint sich abzuzeichnen, dass auch diesmal fast nur wieder helle Empörung und grundsätzliches Einverständnis unversöhnlich aufeinander prallen und mindestens partiell zu einem erneuten Hauen und Stechen führen dürften. Dabei finde ich Deinen Hinweis auf die gemeinsame Dramaturgie der vier Inszenierungen, die Zehelein zu Beginn ja auch etwas erläutert hat, durchaus konstruktiv, denn ihre Spuren lassen sich quer durch die Inszenierungen verfolgen.


    Ich frage mich zwar auch immer, ob es der Wahrheitsfindung dient, wenn die Götter immer noch in die Uniformen von Bankiers und Notaren gesteckt werden, aber solange ich zu den gewichtigen Rheintöchtern, die auf dem berühmten Bild von der Uraufführung an Seilen über die Bühne gehievt werden, keine besseren Alternativen habe, prüfe ich doch lieber, was diese Lösung bringt, auch und gerade wenn meine Vergleichserfahrungen sich auf ganze vier Inszenierungen und davon zwei auf DVD beschränken.


    Apropos Rheintöchter (bislang kann ich nur DAS RHEINGOLD aus eigener Kenntnis kommentieren): die Stuttgarter Lösung finde ich eine der gelungensten, die ich je gesehen habe, ganz zu schweigen davon, dass endlich auch einmal ersichtlich wurde, warum die für Alberich so attraktiv sind und er so maßlos wütend auf sie wird. Das ist sicher sehr oberflächlich gesehen, aber trotzdem ein Faktor. Noch relevanter scheint mir aber die vorzügliche Anpassung der Inszenierung an die Musik zu sein. Hier hat wirklich einmal jemand nicht nur den Text gelesen und sich überlegt, wie man den ganz "besonders" bringen kann. Wollte man aber Derartiges thematisieren, müsste man im Extremfall die Detail- und manchmal sogar Takt-für-Takt - Analyse nachvollziehen, die der Regisseur bei seiner Vorbereitung offensichtlich geleistet hat. Wer aber kann - oder will - das hier schon?


    So bleibt das wesentliche Verdienst dieser Ausstrahlung, um die die zuständige Redaktion von 3-SAT sicher hart hat kämpfen müssen (dafür herzlichen Dank an diese), zwar hauptsächlich eines für die eifrigen Aufzeichner und sportiven Konsumierer, aber immerhin ist das immer noch mehr als eine Volksmusiksendung mit Anna Netrebko (nichts gegen die, nur gegen den Hype, der wieder einmal ein großes Talent kaputt zu machen droht).


    Zur "Capriccio" - Frage "prima la musica, dopo le parole?" würde auch ich in jedem Fall, sogar bei Operetten und Musicals, für die Musik als die entscheidende Komponente eines Werkes für das Musiktheater plädieren. Gerade bei Wagner und dessen Anspruch an das Gesamtkunstwerk ist das aber nicht so eindeutig. Insofern traf der Hinweis auf Stokowski bei aller Polemik den Kern der Sache. Ein rein musikalisch rezipierter Ring ist m. E. genau so ein Unding wie - wenn auch immer noch angenehmer als - seinerzeit die Everding-Inszenierung des Rings als reines Sprechtheater.


    :hello: Rideamus

  • Zitat

    Original von Rideamus
    Leider scheint sich abzuzeichnen, dass auch diesmal fast nur wieder helle Empörung und grundsätzliches Einverständnis unversöhnlich aufeinander prallen und mindestens partiell zu einem erneuten Hauen und Stechen führen dürften.


    Lieber Rideamus,
    den Eindruck habe ich bisher hier nicht gewonnen. Ich habe eher den Eindruck, daß hier - zumindest was das Einverständnis mit dem Stuttgarter Konzept anbetrifft - zuvorderst »begründetes Einverständnis« artikuliert worden ist. Und zwar sowohl hinsichtlich der grundsätzlichen Frage nach Sinn und Unsinn einer Aufteilung des Rings unter vier Regisseure , als auch hinsichtlich der Regielösung im Einzelnen und ihrer Konsequenzen für den ganzen »Ring«.
    In den Stuttgarter Inszenierungen gab's übrigens keine Götter in Uniformen oder mit Aktentasche als vordergründige Apparatschiks verkleidet (Apparatschiks sind ja auch gemeinhin nicht saturiert sondern borniert... :D ). Das war schon ein wenig intelligenter gelöst (und zwar in allen vier Teilen)...
    Herzlichst,
    Medard

  • Zitat

    Original von Klawirr


    In den Stuttgarter Inszenierungen gab's übrigens keine Götter in Uniformen oder mit Aktentasche als vordergründige Apparatschiks verkleidet (Apparatschiks sind ja auch gemeinhin nicht saturiert sondern borniert... :D ). Das war schon ein wenig intelligenter gelöst (und zwar in allen vier Teilen)...
    Herzlichst,
    Medard


    Lieber Medard,


    es freut mich, dass ich mit Deinem bisherigen Eindruck so einverstanden sein kann, und es wäre schön, wenn das so bleibt. Womöglich hat die zum Teil betrübliche Lektüre des teilweise unsäglichen Threads über Baden-Baden, den ich gerade in einem anderen Thread kommentiert habe, auf den skeptischen Einstieg in meine vorige Mail abgefärbt.


    s. Netrebko und Villazón sagen ab


    Hier nur die Aufklärung eines Missverständnisses: mit Uniformen meinte ich natürlich nichts Militärisches o. ä., sondern die Anzüge als die uniforme Dienstkleidung der angesprochenen Großbürger oder "Apparatschiks". Dass dies gerade im RHEINGOLD, auf dessen Kommentierung ich mich hier mangels Kenntnis der übrigen Teile beschränken muss, grosso modo einleuchtend bis überzeugend gelöst ist, habe ich ja schon gesagt.


    Mit bestem Gruße


    :hello: Rideamus

  • Für mich ist dieser Ring einfach etwas besonderes, schließlich war er meine erste Begegnung mit Siegfried und Götterdämmerung.
    Die Aufteilung an vier Regisseure finde ich insofern logisch als dass die vier Teile nun rein inhaltlich wirklich überaus unterschiedlich sind - was ja auch mit der enorm langen Entstehungszeit und der Pause nach dem zweiten Siegfried-Akt zusammenhängt. Wirklich konsequent wäre es gewesen, hätte man vier Dirigenten gehabt - aber diese Butter lässt sich wohl kein GMD vom Brot nehmen.
    Hervorheben möchte ich einen eher theaterpädagogischen Aspekt der Aufteilung: Indem vier Perspektiven gewählt wurden, habe ich damals wirklich begriffen, wie unterschiedlich und dennoch gleich gültig andere Interpretationsansätze sind. Dass z.B. der Walkürenfelsen in der Walküre und im Siegfried ein anderer ist, hat mich nie gestört/irritiert. Ganz im Gegenteil - denn der Walkürenfelsen bedeutet für Brünnhilde etwas ganz anderes als für Siegfried. Insofern dient das unterschiedliche Bühnenbild zur Hervorhebung einzelner Seelenzustände und Erzählperspektiven.


    Siegfried : Auch ich denke mir beim gelegentlichen Ring-Sichten wehmütig an manche Sänger zurück....

  • Hallo,


    ich habe mir gestern insbesondere das "Rheingold" und die "Walküre" nochmal angesehen, weil ich bei der Erstausstrahlung vor vier Jahren bei arte von den ersten beiden Teilen des Stuttgarter Ringes nicht so begeistert war.


    Beim "Rheingold" muss ich meine Meinung dann doch revidieren. Zwar "marthalert" mir die Inszenierung immer noch ein bisschen zuviel, die Wartesaal-Atmosphäre des Kurbades bremst ein wenig das Satryrspielhafte dieser bösen Komödie, aber ich konnte diesmal dem gegenseitigen Sich-Belauern doch mehr abgewinnen, die Ausbrüche der Gewalt (Ring-Abnahme durch Wotan, Ermordung Fasaolts) waren dafür dann um so verstörender. Sängerisch war es recht gut, lobenswert für mich vor allem Künzlis Loge, die Rheintöchter und Michaela Schusters Fricka. Die Herren fand ich ansonsten ein wenig pauschal im Ausdruck (Ruutunen hatte bei gutem Spiel doch gewisse Probleme mit der Aussprache, Probsts Wotan zu wenig nuanciert).


    In der "Walküre" werden bei immer leerer werdenden Bühnenbildern Wotans Familienverhältnisse auf Ausbeutungs- und Mißbrauchsstrategien hin untersucht. Wirklich gut gelungen fand ich hier nur den ertsen Akt. Der Blick in die tief verwundeten Seelen der Wälsungen gelang vor allem dank der beiden tollen Sängerdarsteller Angela Denoke und Robert Gambill (hier noch deutlich schlanker als in diesem Jahr in Aix). Am wenigsten gelungen fand ich die Schlüsselszene der "Walküre", ja vielleicht des ganzes "Ringes": die Auseinandersetzung Wotan-Fricka. Hier stapfte die Fricka-Darstellerin, Frau Vaughn, auf der Bühne hin und her, erging sich in den abgegriffensten Standardgesten (ein Arm vor, zwei Arme vor, mit der Hand zum Kopf usw.), während Herr Rootering bräsig wie ein Kloß an der Rampe lagerte (und der sich auch in der vokalen Gestaltung kein Bein ausriss, er bleibt halt ein Phlegmatiker). Diese wichtige Szene bedarf, gerade weil so wenig an äußerer Handlung geschieht, einer intensiven Regie, um nicht langweilig zu wirken. Auch Renate Behle besitzt eigentlich keine Brünnhilden-Stimme und hatte doch ziemliche Schwierigkeiten, ihre Rolle passabel zu singen (kein Vergleich zu der tollen Sieglinde, die sie in Hamburg im Krämer-Ring gesungen hat)


    Wielers "Siegfried" hat mich wie schon vor vier Jahren wirklich überzeugt. Ein von A bis Z durchdachtes, nach gründlichem Text- und Partiturstudium erarbeitetes Konzept, das fast völlig aufging. Die Personenregie bis in die kleinsten Details ausgefeilt: Fast ein Wunder, wie Wieler den doch eher teddybärenhaften Jon Frederic West zu für seine Verhältnisse außergewöhnlichen schauspielerischen Leistungen angestachelt hat. Unter den anderen, allesamt engagiert agierenden Darstellern ragte für mich aber die Leistung Heinz Göhrigs als Mime eindeutig heraus. Noch nie ist Mimes zu Siegfried gesagter Satz "Ich bin dir Vater und Mutter zugleich!" so sinnfällig auf die Bühne gebracht worden. Mime als reichlich überforderte, spießig-verklemmte (Über-)Mami. Der wischt und räumt immer hinter dem pubertierenden Halbstarken her, füttert den Wälsungensproß noch als Teenager und beklagt sich greinend über Siegfrieds Undankbarkeit, zu dem er trotz aller Berechnung ein freilich einseitiges Verhältnis aufgebaut hat. Der Generationenkonflikt par excellence. Zum Dank wird er von dem übergewichtigen Übermenschen pausenlos herumgeschubst und zur Zielscheibe des gewöhnungsbedürftigen Wanderer-Humors gemacht. Noch nie habe ich mit der Mime-Figur soviel Mitleid gehabt wie bei in dieser Inszenierung (insbesondere während der erbarmungswürdigen Masturbationsszene, mit der Mime hier versucht, den Alpdruck der Todesgewissheit loszuwerden). Die Bühnenbilder fand ich durchaus treffend und von der Optik her den jeweiligen musikalischen Stimmungen angepaßt.


    Besonders bemerkenswert das grell erleuchtete Schleiflack-Schlafzimmer der Brünnhilde. Wieler hat sich hier bei der Gestaltung des Zimmers ziemlich ungeniert bis ins Detail fast 1:1 bei Stanley Kubricks "2001-Odyssee im Weltraum" bedient. In dieser Szene durchläuft der Astronaut Bowman im Zeitraffer sein Leben in einem stilisierten, unwirklichen Boudoir "jenseits von Raum und Zeit", um dann als "Sternenkind"-Embryo wiedergeboren zu werden. Hier ein Link zu Bildern aus dem Film zum Vergleich: http://www.palantir.net/2001 (dann auf "gallery" und dann "... beyond the Infinite", direkter Link leider nicht möglich). Auch wieder eine passende Analogie zur Situation am Ende von "Siegfried": hier könnte Wotans Plan aufgehen vom "freien Helden" als Welterlöser, der mit Brünnhilde ein neues Geschlecht von Helden zeugt. Wenn da nicht die "Götterdämmerung" wäre...


    Wenngleich ich Wests Timbre nicht besonders mag, so lieferte er doch ein mehr als anständiges Rollenporträt ohne große Schwächen (etwas mager bei den Piano-Stellen im "Waldweben"). Das Piano war wieder die große Stärke von Wolfgang Schönes Wanderer, hier vermochte er mit seiner rhetorisch geschliffenen Art am meisten zu überzeugen, während die großen Forte-Ausbrüche doch das Alter seines eher weich timbrierten Baritons ahnen ließen. Gasteens Brünnhilde hervorragend mit manchmal schrillen Spitzentönen, Göhrigs Mime ebenso gut gesungen wie gespielt, Fafner und Erda angemessen, Alberich hingegen ein wenig zu leicht besetzt.


    Schlusspunkt dann Konwitschnys "Götterdämmerung". Er hat die Reduktion des Bühnenbildes auf die Spitze getrieben, indem er das Ringfinale fast ausschließlich mit Hilfe einer Bretterbude auf die Bühne bringt. Wobei der Humor natürlich nicht zu kurz kommt: Der Theaterprospekt mit dem gemalten Rhein, Rabenhelm und Bärenfell als ironische Zitate der Vergangenheit, aber auch als Symbole für die (noch) bestehende Verbundenheit Siegfrieds mit der Natur und dem In-eins-sein mit sich selbst. Dann die fatale und für den Zuschauer so erschreckende Verwandlung Siegfrieds vom Naturmenschen zum "zivilisierten" Bourgeois in Anzug und Krawatte, sein Eintrittsbillet in die Gibichungenwelt. Und doch scheitert Siegfried, weil ihm in der von Politik und Intrige beherrschten Atmosphäre seine an der Natur geschulten Instinkte nichts nützen und er nicht so sein kann und darf, wie er eigentlich ist. Selbst die Gibichungen leiden unter den Zwängen ihrer Zivilisation und auch Hagen wird vor allem als traumatisiertes Opfer der Rachepläne seines Albenvaters gezeigt. Besonders bewegend der Schluss wenn Brünnhilde alle anderen Sänger der Bühne verweist und nicht nur den Ring wieder zurückgibt, sondern so auch das Theater an sich wieder zu seinen Ursprüngen zurückführt. Dass der Untergangs Walhalls dann lediglich als Regieanweisung erscheint, ist dann nur folgerichtig.


    Gesungen wurde ebenfalls auf erfreulich hohem Niveau. Albert Bonnema ist sicher kein Heldentenor und besitzt auch keine wirklich schöne Stimme, aber er hielt sich mehr als nur wacker und war schauspielerisch erste Klasse. Eine ebeso gute Schauspielerin ist Luana de Vol. ihre Brünnhilde beherrschte trotz schrillem Timbre die Bühne. Gunther und insbesondere Gutrune wurden von Konwitschny dramaturgisch stark aufgewertet, Itturalde und Westbroek haben diese Chance bestmöglich genutzt und auch gesanglich geglänzt. Roland Brachts Hagen war stimmlich nicht mehr taufrisch, was man schon seinem Fafner im Rheingold angemerkt hat-


    Zagroseks Dirigat drängte sich in allen Teilen nie in den Vordergrund, sondern behielt immer eine dem Bühnengeschehen dienende Funktion. Vielleicht hätte eine gewisse Zuspitzung hier und da im Orchestergraben für noch mehr Spannung gesorgt.


    (unter Verwendung eines Textes, den ich vor vier Jahren bereits für ein anderes Forum verfasst hatte)


    :hello:


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Ich habe größtenteils Siegfried mitverfolgt und muß gestehen: Ich fand die Inszenierung gewöhnungsbedürftig. Da ich kein großer Wagner-Kenner bin, fiel es mir schwer, den von Edwin hervorgehobenen Aspekt des Mitdenkenkönnens beim Regietheater zu vergegenwärtigen.


    Interessant erschien mir zum Ende die eindeutige Nähe des Bühnenbildes zum Ende von Kubricks 2001 - Space Odyssey. Kalter, weißer, gefliester Raum mit starker Farbkontrastgebung durch das grüne Bett.
    Ist das jemanden aufgefallen und wenn ja, was ist die Intention dahinter??


    :hello:
    Wulf

  • Zitat

    Original von Wulf
    ...
    Interessant erschien mir zum Ende die eindeutige Nähe des Bühnenbildes zum Ende von Kubricks 2001 - Space Odyssey. Kalter, weißer, gefliester Raum mit starker Farbkontrastgebung durch das grüne Bett.
    Ist das jemanden aufgefallen und wenn ja, was ist die Intention dahinter??
    ....


    Das Filmzitat ist ja wohl unübersehbar. Mit der Bedeutung wird es etwas schwerer. Vielleicht wird durch den Eintritt in diese irrationale Atmosphäre auch eine Persönlichkeitsveränderung Siegfrieds begründet, denn die Witzfigur, die wir zuvor kennengelernt haben, kann ja nichts mit Brünnhilde und ihrer Erweckung zu tun haben.

  • Zitat

    Original von Theophilus


    Das Filmzitat ist ja wohl unübersehbar. .


    Na klar, für diejenigen, die den Film gesehen haben, Theo. Soll auch Leute geben, die den noch nicht gesehen haben. Du weißt doch: Nur HAL macht keine Fehler :beatnik:


    Spaß beiseite. Die Deutung der Persönlichkeitsveränderung Siegfrieds klingt sehr interessant. Auf die Idee bin ich leider nicht gekommen. Aber ich bin ja in Sachen Wagner auch blutiger Anfänger *mal so als Ausrede* ;)


    :hello:
    Wulf

  • Das Kubrick-Boudoir ist laut Film ein Ort "jenseits von Raum und Zeit". So könnte man auch den Walkürenfelsen deuten, der von "normalen" Menschen nicht betreten werden kann und an dem Brünnhilde schlafend für den "herrlichsten der Helden" von Wotan konserviert wurde. Im Film verwandelt sich Bowman durch den Monolithen in eine Art "Sternenkind", das dann die Erde beschützt. Auf dem Brünnhildenfelsen verändert sich auch Siegfried (er entdeckt das andere Geschlecht und lernt das Fürchten) und wächst in seiner Statur, so dass Wotans Plan vom "welterlösenden Helden" noch aufgehen könnte. Der Plan scheitert dann aber in der "Götterdämmerung"...


    :hello:


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)