Elly Ney - - Pathos, Pose oder Innerlichkeit?"

  • Hallo zusammen,


    nächsen Monat jährt sich der 125. Geburtstag der begnadeten Pianistin Prof. Elly Ney. Sie war eine große Interpretin Beethovens, der im Mittelpunkt ihres künstlerischen Wirkens stand. Ich erinnere mich gern an die Beethoven-Tage in der Stuttgarter Liederhalle, mit Prof. Willem van Hoogstraten am Pult der Stuttgarter Philharmoniker.
    Eine CD- Sammlung mit späten Aufnahen gibt Zeugnis von ihrem beseelten Spiel.



    ...


    Zum Verständnis einiger nachfolgender Beiträge:
    Der thread wurde ursprünglich unter dem Titel "Elly Ney, deutsche Pianistin" ins Leben gerufen.


    TB, 10.3.2009

  • Lieber Siegfried,


    leider gibt es in der Biographie dieser klavierspielenden Frau so einige Fakten und Äußerungen, die mich ihre Platten haben meiden lassen - Interessierten sei Ernst Klees Kulturlexikon zum Dritten Reich empfohlen. Auch Google führt einen auf Äußerungen übelster Art, die ich nicht weiter zu kommentieren wünsche.


    Ich wende mich ab mit Grausen!
    Flo

  • Zitat

    Original von Barockbassflo
    Lieber Siegfried,


    leider gibt es in der Biographie dieser klavierspielenden Frau so einige Fakten und Äußerungen, die mich ihre Platten haben meiden lassen - Interessierten sei Ernst Klees Kulturlexikon zum Dritten Reich empfohlen. Auch Google führt einen auf Äußerungen übelster Art, die ich nicht weiter zu kommentieren wünsche.


    Ich wende mich ab mit Grausen!
    Flo


    ... und das sollte man auch nicht Verschweigen. Elly Ney als "umstritten" zu bezeichnen, wäre eine Beschönigung - sie war eine glühende Anhängerin des Nationalsozialismus und sah auch keine Veranlassung, davon bis zu ihrem Tod auch nur einen Millimeter abzuweichen. Wie war das? "Kulturschande"? Genau - so bezeichnete die Ney die "Camina burana" von Carl Orff - und das ist für ihre Verhältnisse eine eher harmlose Äusserung.

  • Lieber Siegfried,


    als Musikerin kenne ich Elly Ney bisher nur dem Namen nach, irgendwie haben mich ihre Aufnahmen nie gereizt. Gitb es Aufnahmen die Du unbedingt zum Kennenlernen empfehlen würdest? Ihr Verhalten im Dritten Reich ist zweifelsohne alles andere als ein Ruhmesblatt.


    Herzliche Grüße,:hello: :hello:


    Christian

  • Es war und ist bekannt das sie eine Anhängerin der Nazi's war.
    Ihre Spitznamen waren "Reichsklaviergroßmutter" oder "Witwe Beethoven".
    Einmal hab ich sie -da war ich noch Kind- in Berlin live erlebt in einem Konzert mit den Berliner Philharmonikern.
    Ich kann mich gut an diese Dame erinnern und Ihre weißen wehenden Haare und den langen Samtrock.
    Sie war eine imposante Erscheinung.
    Und in ihre Platten mal völlig wertfrei herein zu hören lohnt sich schon
    allemal.
    U.a.
    Brahms Klavierkonzert Nr.2 op.83
    Leipziger Gewandhausorchester
    Franz Konwitschny Dirigent
    3.3.1955


    :pfeif::):)

  • Willem van Hoogstraten war übrigens ihr Ehemann.
    Zu ihren besten Zeiten war Elly Ney sicherlich eine interessante Pianistin und Kammermusikerin, aber die schon erwähnte Rolle Elly Neys im 3.Reich hat mich nachhaltig davon abgehalten, mich musikalisch näher mit ihr zu befassen.

  • Hallo zusammen,
    weil wir in einem Musikforum sind, wollte ich eigentlich nur der Künstlerin Referenz erweisen.
    Dunkle Stellen gibts leider hier wie anderswo. Der grüne Hügel ist auch nicht unbelastet sowie einige Meister des Taktstocks. Das soll nichts beschönigen, doch ich möchte die Musik unbelastet genießen können.


    Und um Christians Frage zu beantworten, würde ich Beethovens Klavierkonzerte Nr.3 bis 5 empfehlen. Diese Konzerte habe ich in den 50ern als Jugendlicher live gehört und ich war vom Klavierspiel begeistert, ohne das Vorleben der Künstlerin zu kennen.

  • Zitat

    Original von Siegfried
    weil wir in einem Musikforum sind, wollte ich eigentlich nur der Künstlerin Referenz erweisen.


    Dafür sprachst Du auch von einer deutschen Pianistin. Das war sie zweifellos - und ihre Bedeutung in den Dreißiger Jahren hatte etwas damit zu tun, dass ihre "jüdische" Konkurrenz ins Exil gejagt oder umgebracht wurde. Da sie selber eine glühende Antisemitin war - und das belege ich gerne im Einzelnen - gehört das zu der Reverenz, die man ihr in einem Musikforum zollen muss.

    Zitat

    Dunkle Stellen gibts leider hier wie anderswo. Der grüne Hügel ist auch nicht unbelastet sowie einige Meister des Taktstocks. Das soll nichts beschönigen, doch ich möchte die Musik unbelastet genießen können.


    Ich kann keine Musik unbelastet genießen, da scheinst Du den stärkeren Magen zu haben, wenn ich mir vergegenwärtige, dass dieser Aufführung wegen Menschen gequält und umgebracht wurden. Das heißt nicht, dass ich diese Musik nicht hören kann, im Gegenteil, ich möchte auch viel darüber erfahren. Elly Ney ist eine vielgestaltige Frau, die auf vielfältige Art ihrer Zeit verbunden war, im Guten wie im Schlechten. Es geht auch nicht um Schuld, ich glaube, dass ihr vieles nicht einsichtig und nicht zugänglich war. Immerhin hat sie nach dem Krieg auch Mendelssohn-Bartholdy gespielt. Sie hätte meine Achtung verdient, hätte sie es während des Krieges gemacht.


    Das schlimmste,was man mit dunklen Stellen machen kann, ist - so denke ich - sie zu verschweigen. Je länger und je umfangreicher man dies tut, umso mehr schadet man eine Künstlerin, der eine solche Haltung nichts nützt. Man macht sie dadurch entweder zu einer Nachtgestalt - und die war sie bei allem Schatten nicht - oder entzieht ihr wesentliche Substanz. Inzwischen sind wir doch GottseiDank über die Zeit hinweg, in der das schlechte Gewissen der Leute, die weg geschaut haben, die Diskussion bestimmt.


    Wenn Du sie also ehren willst, dann kannst Du sie ja ausführlich zitieren, was sie etwa zu Beethoven im Dritten Reich gesagt hat. Ich werde das gerne kundig kommentieren. Aber ihre Interpretationen werden doch - wie alle Interpretationen - erst verständlich aus dem geistigen Hintergrund, dem sie entstammen.


    Zitat

    Und um Christians Frage zu beantworten, würde ich Beethovens Klavierkonzerte Nr.3 bis 5 empfehlen. Diese Konzerte habe ich in den 50ern als Jugendlicher live gehört und ich war vom Klavierspiel begeistert, ohne das Vorleben der Künstlerin zu kennen.


    Das Vorleben interessiert mich auch nur, wenn es mir ihre künstlerische Haltung erklärt. Du sprichst von einer "begnadeten" Künstlerin. Damit führt Du ja selbst schon ins Zentrum der Sache. Die der analytischen Arbeit abgeneigte und auf Identifikation setzende Art der Beethovendeutung, die den Künstler als Vermittler nicht hinterfragbarer Eingebungen stilisiert, ist auf jeden Fall einer eingehenderen Würdigung wert - eben auch, weil sie dem jetzigen Interpretationsstil so deutlich widerspricht.


    LG Peter

  • Zitat

    Original von Emotione
    so sehe ich es auch. Sie war eine hervorragende Pianistin. Nur ihr Spiel sollte man heute bewerten, nicht ihre Gesinnung, die verwerflich war.


    Liebe Emotione,


    ob eine Gesinnung verwerflich war oder nicht, hat mit dem Wert einer künstlerischen Tätigkeit nur dann erst etwas zu tun, wenn man selbst diese Gesinnung aufs Innigste mit dieser Tätigkeit verknüpft. Das allerdings hat Elly Ney getan. Sie selbst hat in ihrer Autobiographie nur von den schlimmen Zeiten geschrieben, sich aber nicht (selbst)kritisch geäußert, so dass man meinen könnte, dass der Feind, die Besatzungsmächte usw. Verkörperungen des Bösen waren. Damit hat sie sich selbst der Möglichkeit benommen, Einsicht und Umkehr auch im künstlerischen Bereich darzustellen. War die Aufnahme von Mendelssohn-Bartholdy nun die Einsicht in die Bedeutung dieses großen deutschen Komponisten, dem im Dritten Reich (und danach!) Substanzlosigkeit vorgeworfen wurde, war es Abkehr von ihrem Antisemitismus, der ja auch bedeutete, dass sie Werke von Künstlern jüdischer Abstammung nicht spielte, war es Umkehr von einer rauschhaften Auffassung der Kunst, die nur über das Deutsche vermittelt nur von Deutschen im Wesen verstanden werden kann?


    Das Spiel allein zu beurteilen, ist mir zu technizistisch (und im Alter machte sie doch eine Anzahl von Fehlgriffen, die man ihr nachsehen sollte). Aber sich mit ihrer Interpretation auseinanderzusetzen - und zwar auf Augenhöhe - scheint mir angemessen.


    LG Peter

  • Den ausdrücklich erwähnten "Prof." hat der Gegenstand dieses Threads übrigens persönlich von einem verliehen bekommen, den auch keiner nach dem hehren Grundsatz "hier gilt's der Kunst" ganz objektiv und unbefangen in seinen Leistungen als Maler oder Stratege oder Organisator oder Autor beurteilen will, genausowenig wie seinen Cheflogistiker oder -Architekten...


    Irgendwo müssen schon auch Grenzen sein.


    Von akuter Übelkeit befallen
    Flo

  • Bei einigen Menschen kann ich zwischen Kunst und Gesinnung keine Trennungslinie ziehen. Elly Ney gehört dazu.
    Außerdem gerierte sie sich als Hohepriesterin ihres Kults, ließ kaum etwas anderes gelten. Sie hatte eine anbetende Gemeinde um sich geschart; Reste davon verteidigen immer noch ihr "Erbe".


    Eine begnadete Künstlerin? Ein abscheulicher Mensch.


    Hildebrandt


    PS: Peter hat eigentlich alles geschrieben. Nur in einem Punkt möchte ich widersprechen: Neys Interpretationen, die eigentlich keine sind, halten auch in vielem denen ihrer unmittelbaren Zeitgenossen in keiner Weise stand. Wie auch immer, würdigen möchte ich eigentlich nichts, was mit E. N. in Zusammenhang steht.

  • Hallo,


    ich will mich nicht mit Elly Ney beschäftigen.


    In den 50iger Jahren habe ich sie im Leipziger Gewandhaus gehört, vielleicht sind in diesem Zusammenhang die Aufnahmen mit Konwitschny entstanden.
    Die DDR-Führung hat offenbar keine Probleme mit ihr gehabt.


    Ein paar wenige CDs habe ich, unter anderem die, die auf dem Beethovenschen Graf-Flügel gespielt wurden und im Beethovenhaus zu kaufen sind.
    Mir ist ihr Stil zu schwülstig


    Und wie ist es mit der Vergangenheit von Karajan?
    Ich bin aus einer Generation, deren Eltern involviert waren, die meinigen zu meiner Zufriedenheit nicht. Ich verachte die, die mitgemacht haben.


    Gruß aus Bonn :no: :no: :no:

  • Zitat

    Original von pbrixius
    Dafür sprachst Du auch von einer deutschen Pianistin.


    Das ist auch mir sofort aufgefallen - und wenn es kein so übles Thema wäre, hätte das im Bezug auf die Ney geradezu kaberettistische Züge, "Elly Ney, die deutscheste Pianistin" gönge da auch noch.


    Es gibt hier im Forum eine gute Tradition, Künstler/innen, die man selbst schätzt, kurz vorzustellen: den Werdegang, die Schwerpunkte, die Vita, eventuell die ein- oder andere Einspielung der Betreffenden.


    Wenn also schon Elly Ney, dann bitte umfassend, es geht mir nicht so sehr darum, dass man ihre CDs nicht hören soll - aber jede/r sollte wissen, mit wem er oder sie es da zu tun hat.


    Kleiner Nachsatz zu Stabia: als ich den Namen Elly Ney heute Mittag hier im Forum gelesen habe, ist mir durchaus auch schlecht geworden. Aber ich denke, es ist dann wichtiger, etwas dazu zu sagen, als sich vom Thema zurückzuziehen.

  • Als Elly Ney in Holland auftreten sollte, fragte sie bei Goebbels an, ob Holland "judenfrei" sei, andernfalls könne sie in diesem Land nicht spielen.
    Elly Neys Interpretationen sind keineswegs so begnadet, daß man sie nicht durch solche anderer, weniger ethosfreier Künstler ersetzen kann.


    :hello:

  • Zitat


    Hallo Siegfried,


    so sehe ich es auch. Sie war eine hervorragende Pianistin. Nur ihr Spiel sollte man heute bewerten, nicht ihre Gesinnung, die verwerflich war.


    Ach ja? Und Albert Speer war ein begnadeter Architekt, Frau Riefenstahl eine begnadete Filmkünstlerin, Adolf Eichmann ein begnadeter Logistiker... Ich KOTZE gleich!!!! :kotz: :kotz: :kotz:


    :no: :no: :no:


    Klawirr

  • Zitat

    Original von Stabia
    ich will mich nicht mit Elly Ney beschäftigen.


    Liebe Stabia,


    das ist mal eine gute Einleitung für einen Beitrag in diesem Thread. Mir fällt da auf die Schnelle mein guter Watzlawick ein: Man kann nicht nicht kommunizieren ...


    Zitat

    In den 50iger Jahren habe ich sie im Leipziger Gewandhaus gehört, vielleicht sind in diesem Zusammenhang die Aufnahmen mit Konwitschny entstanden.
    Die DDR-Führung hat offenbar keine Probleme mit ihr gehabt.


    Die DDR-Führung hat mit vielen alten Nazis keine Probleme gehabt, aber das Thema wollen wir doch nicht erörtern. Du meinst sicher nicht, dass die DDR-Führung das Kartell der Nazi-Verfolgten war und durch seine Duldung Elly Ney frei- und heiliggesprochen habe?



    Zitat

    Ein paar wenige CDs habe ich, unter anderem die, die auf dem Beethovenschen Graf-Flügel gespielt wurden und im Beethovenhaus zu kaufen sind.
    Mir ist ihr Stil zu schwülstig


    Es ist das Pathos, mit dem viele heute - allerdings nicht nur bei Elly Ney - ihre Probleme haben. Sicherlich eine diametral andere Haltung als ihr Kollege, nun wirklich einer der größten Beethoven-Pianisten, Schnabel. Aber der durfte ja nicht in Deutschland spielen, den hätte man ermordet wie so viele andere begnadete Pianisten auch.


    Zitat

    Und wie ist es mit der Vergangenheit von Karajan?


    Zwischen einem Karrieristen (das ist doch das, was man ihm vorwirft) und einer flammend überzeugten Antisemitin und Hitler-Bewunderin sehe ich doch erhebliche Unterschiede.


    LG Peter

  • Hallo alle zusammen,


    wenn mir eine Musik und die Interpretation gefällt, ist mir der Charakter und die humane oder politische Einstellung des/der Ausführenden im Prinzip gleichgültig.
    Beim Thema Ney war ich in Unwissenheit etwas voreilig. Ich habe mich jetzt besser informiert und habe bei Kater:" Die missbrauchte Muse" die Stellen nachgelesen, die Elly Ney betreffen. Mir war nicht bekannt, dass ihre Einstellung so radikal war.
    Durch Euch und die Lektüre bin ich jetzt eines Besseren belehrt. Nur meine ich, dass es aber doch nicht so weit gehen kann, noch vorhandene Einspielungen von ihr posthum zu indizieren.


    Jetzt hoffe ich, dass meine Rechtfertigung angenommen wird. Ich will versuchen, mich an die Regel zu halten:" erst denken, dann schreiben."


    Grüße


    Emotione

  • Liebe Emotione,


    meinen Respekt und meine Zustimmung!


    Ich würde auch keinen Bann ihrer Aufnahmen befürworten, nur sollte man sie eben im Kontext diskutieren, aber darin sind wir uns ja einig.


    Nochmals meine Hochachtung,
    LG,
    Flo

  • Liebe Klavierfreunde,


    grundsätzlich meine ich: Will man einen Künstler und seine Interpretationen verstehen, muss man seine Biographie und das historische Umfeld kennen. Ob man dann das, was man dort findet, mag, steht auf einem anderen Blatt. Nur sollte man, inbesondere wenn es um das Dritte Reich geht, Tacitus Mahnung beherzigen und "sine ira et studio" an die Sache herangehen, soweit das möglich ist.


    Mit Elly Ney habe ich mich bisher nie tiefschürfend befasst- auf Grund der biographischen Fakten. Trotzdem interessiert es mich, welche Aufnahmen für ihren Interpretationsstil typisch sind. Elly Ney und Herbert von Karajan zu vergleichen, halte ich aus dem Blickwinkel des Historikers für problematisch- da gibt es doch den einen oder anderen Unterschied.



    Herzliche Grüße,:hello::hello:


    Christian

  • Zitat

    Original von pbrixius


    Ich sehe das im Ganzen auch so. Tatsächlich habe ich mir bisher keine Aufnahmen von ihr angehört, was vorwiegend mit ihren weltanschaulichen Entgleisungen zusammenhängt, die jetzt hier im Forum auch deutlich angesprochen werden.


    Allerdings weiss ich nicht, ob ich mir nicht doch einmal irgend etwas von ihr anhören sollte.


    Ich befürchte aber, dass sich dabei für mich die Frage in den Vordergrund stellen würde, wieweit Menschen in unterschiedlichen Situationen ganz unterschiedliche Maßstäbe des persönlichen Umgangs und des Denkens anlegen.


    Das Problem wird ja von Pädagogen und Psychologen vielfach diskutiert und berührt auch die Frage, warum Kriegsverbrecher als liebenswürdige Familienväter auftreten können und ähnliches mehr.


    Innerhalb der klassischen Musik ist für mich das Problem der Begeisterung für die NS-Ideologie an anderer Stelle nirgends so deutlich sichtbar geworden wie hier. Es gab sicher andere Musiker, die ähnlich dachten, aber diese waren weniger bekannt. Die prominenten Musiker, die während der NS-Zeit Karriere gemacht haben, scheinen mir alle gemäßigter in ihrer politischen Auffassung gewesen zu sein und eher aus einer eingeschränkten Sichtweise oder aus Karrieregründen gehandelt zu haben.


    Zusatzanmerkung: Die von Siegfried zur Threaderöffnung benannte 10-CD-Box enthält ja ein illustres Repertoire. Wandererfantasie und Symphonische Etüden, Brahms erste und dritte Sonaten (warum eigentlich nicht auch Nr. 2?), Chopin f-moll-Fantasie und dritte Ballade - also Klavierspielen konnte die Frau anscheinend. Andererseits bekommt man für den Preis ähnlich umfangreiche Sammlungen mit Julius Katchen, Peter Rösel, Arturo Benedetti Michelangeli und anderen. Insofern muss jemand schon sehr motiviert sein, wenn er sich tatsächlich diese Aufnahme zulegen sollte.

  • sine ira fällt mir bei E. N. sehr schwer, und es lohnt sich auch nicht.


    Stattdessen hier ein ein Künstler, der wirklich ein ehrendes Gedächtnis verdient:


    Karlrobert Kreiten (1916 - 1943)


    Was hätte wohl Frau N. dazu gesagt?

  • Zitat

    Original von EmotioneNur meine ich, dass es aber doch nicht so weit gehen kann, noch vorhandene Einspielungen von ihr posthum zu indizieren.


    Liebe Emontione,


    nein, auf keinen Fall sollte man sie indizieren (wie ich auch meine eigene Meinung über die Indizierung von Hitlers "Mein Kampf" habe), man sollte sie mit höchster Aufmerksamkeit studieren. Ich möchte meine ästhetischen Urteile auch nicht dem Hörensagen nach fällen, sondern - in diesem Falle - nach dem Hören etwas sagen bzw. schreiben können. Ich bin da sehr dankbar, dass ich die o.a. Box zur Verfügung habe. Blindheit hilft nirgends weiter, weder blinde Verehrung noch blinde Verurteilung - meine ich.


    Der Kater ist schon mal eine gute Adresse, ausführlicher sind noch die verschiedenen Publikationen von Prieberg, vor allem sein Handbuch, das für mich ein umfangreiches Quellenmaterial erschließt. Ich darf zumindest ein Zitat bringen - für diejenigen, denen das Material nicht zugänglich ist.


    Elly Ney (1938 ): Heroisch ist das Wesen nordischer Musik. Hier [d.i. Beethovenfest der HJ in Wildbad] lebt es in jedem Ton. War doch auch das menschliche Sein unseres Meisters schlicht und heroisch! Unerbittlich gestaltete er das Naturgesetz, die Wahrheit, oft bis zur Rauheit. Und dies heilige Feuer soll die Herzen der Jugend entzünden, soll die Verantwortung wecken, soll im Kampf stärken, im Leid trösten und aufrichten. So komm denn, du deutsche Jugend! Laß den Alltag zurück! In diesen Tagen und Stunden wollen wir gemeinsam uns den Strömen der Seelenkräfte unseres Volkes öffnen. Möge daraus unsere Tat im Dienste des Führers groß und licht erstehen." (zit. nach Prieberg, 1982, S. 248f.)


    Dieses Zitat hat eine Reihe von Stichwörtern, die man hier durchaus einmal ausführlicher erörtern könnte. Dieses vitalistische "Strömen der Seelenkräfte unseres Volkes" etwa, die Ineinsetzung von Wahrheit und Naturgesetz, das "heroische" Beethoven-Verständnis, allerdings nicht als citoyen, wie er sich verstand, sondern als Teil der nordischen Rasse. Dann die Vorstellung von (klassischer) Musik als Lebenshilfe. Noch einmal: ich meine, damit sollte man sich befassen, weil es auch die Leistung von Elly Ney, wie immer man sie wertet, verstehbar macht.



    Zitat

    Ich will versuchen, mich an die Regel zu halten:" erst denken, dann schreiben."


    Wenn das alle täten ... Nein, im Ernst, lernen kann man doch nur, wenn man es wagt, sich zu einer Sache zu äußern, dann aber auch bereit ist, der Diskussion zu folgen und seine eigene Schlüsse zu ziehen. Es ehrt Dich im Gegenteil, dass Du das getan hast.


    LG Peter


  • Einen Thread zu Karlrobert Kreiten gibt es hier


    Herzliche Grüße,:hello: :hello:


    Christian


  • Lieber Hildebrandt,


    da nennst Du auch den, der mir im Sinne ist, der denunziert auf eine widerliche Art erschlagen wurde. Da fällt es schwer, sine ira et studio zu urteilen. Selten ist die Kulturlosigkeit, die Grausamkeit und die Unmenschlichkeit des Regimes so offen an den Tag getreten wie bei Karlrobert Kreiten. Zwei Bücher über ihn kenne ich, hier ein Bild



    Ihm gebührt auf jeden Fall eine Referenz ...


    LG Peter

  • Zitat

    Original von Caesar73


    Einen Thread zu Karlrobert Kreiten gibt es hier


    Danke. Aber ich war grad nicht in der Stimmung zu suchen. Habe ihn jetzt gelesen. Steht ja alles da.
    Wenn ich den Namen E. N. höre, würgt's mich. Dann fällt mir umgehend Kreiten ein, und es würgt mich wieder, aber ganz anders.

  • Zitat

    Original von pbrixius


    Dafür sprachst Du auch von einer deutschen Pianistin.


    Oh je, erst jetzt sehe ich, daß das tatsächlich so im Threadtitel formuliert ist... Naja, weh dem, der Symbole sieht...


    Ich halte es ebenfalls für ziemlich unsinnig, Frau Neys Interpretationen/Einspielungen bannen zu wollen. Auch stimme ich Peter zu, was die Indizierung bestimmten »Schrifttums« anbetrifft - abgesehen davon, daß man diese Dinge wenn man denn will, ohnehin sogar kostenfrei bekommen kann, macht es die Sachen ja für manchen nur noch interessanter - zudem suggeriert man mit dem Verbot, daß den indizierten Schriften tatsächlich eine heimliche Überzeugungskraft innewohne, vor der geschützt werden müsse. Eigentlich wertet man solche Dinge IMO durch ein Verbot nur unangemessen auf.
    Fragwürdig erscheint mir (aber da trage ich jetzt Eulen nach Athen), wenn jemand meint, man könnte das Wirken einer Person schön diskret auseinandersezieren, nach dem Motto: Was uns genehm ist, das loben und genießen wir, was nicht ins Bild paßt, das vergessen wir, damit unser schönes Bild nicht schmutzig wird und uns der Appetit nicht durch Leichengeruch verdorben wird. Und das ist nun so gar nicht mit »ira et studio« geschrieben.


    Emotione
    Ich verneige mich mit Hochachtung vor Dir!!


    Ganz herzlich,
    Medard

  • Was für mich durchaus schwer erträglich ist: dass Elly Ney ihre Karriere auch nach dem Krieg fortsetzen konnte. Und das, obwohl sie aus ihrer Haltung keinen Hehl machte. Während soviele Künstler - schaffende und reproduzierende - entweder ermordert worden waren oder ausgewandert sind (und nicht selten in schwierigen, wirtschaftlichen Verhältnissen leben mussten), konnte Ney weitermachen.


    Sowenig ich Karajan mag, aber ein direkter Vergleich zwischen dem Dirigenten und der Pianistin ist kaum möglich, die Motive für das jeweilige Handeln unterscheiden sich.


    Über Karlrobert Kreiten habe ich vor Jahren mal eine Fernsehdokumentation gesehen, die mich sehr erschüttert hat. Sein Name ist mir dann in der Gedenstätte Plötzensee wiederbegegnet.


    Ich denke auch, es gibt eine Menge Künstler/innen deren Andenken von uns hier wach gehalten werden sollte, Elly Ney gehört für mich - in diesem Zusammenhang zumindest - nicht dazu.