Georg Hann - Ein großer österreichischer Baß

  • Der Wiener GEORG HANN (1897-1950) dürfte wohl zu den größten Baß-Sängern der 1. Hälfte des 20. Jh. zählen.
    Erst mit 27 Jahren begann er seine Gesangsausbildung. Von 1927 bis zu seinem unerwarteten Tod 1950 war er Kammersänger in München.


    (Ausführliche Biographie: siehe hier: I, II, III)



    Mir ist seit kurzem seine brillante Darbietung als Scarpia in dieser "Tosca"-Aufnahme von 1944 bekannt:



    Wer kennt weitere Aufnahmen mit Hann, die er empfehlen kann?

  • Hallo FelipeII.
    Ich habe Dutzende von Aufnahmen mit Georg Hann, die ich unbesehen alle empfehlen kann, vom "Faust" bis zum "Rigoletto", und natürlich alle deutschen Speilopern, wie "Die lustigen Weiber von Windsor".


    Im Moment aber nur ein Schmankerl:




    Bei Interesse gerne mehr!
    LG
    Harald

  • Servus aus Franken !


    Im Orff-Jahr 1995 kam eine GA aus Hann`s Todesjahr 1950 neu heraus (d.h. 11 Jahre nach der UA des Werkes), u.a. mit
    Karl Erb als "Erzähler"
    Benno Kusche als "1.Bursche"
    Georg HANN als "Alter Mann, der Petrus heisst u. den Himmel in Ordnung hält"


    Erb hat, 72jährig, gut hörbar Höhen- (und Vokal-)probleme - andrerseits spüre ich seine spezielle Verbundenheit mit dieser (für ihn geschriebenen) Rolle
    Kusche gelingt ("Alles was ich je gehabt / ist verlebt und ist vertrunken...") eine ergreifende Sterbe-Szene
    und HANN verkörpert, im stimmlichen Vollbesitz, einen Orff-Petrus, wie ich ihn mir nicht besser vorstellen kann: Gütig, auch etwas ratlos - letztlich aber ehrfurchtsgebietend...


    Etwas seltsam finde ich, dass diese GA im von @FelipeII. erwähnten Zeitungsartikel nicht erwähnt ist - mag sein, dass sie zwischendurch einige Zeit nicht erhältlich war: Jedenfalls ist aus meiner damaligen CALIG-CD eine (bei jpc sehr preiswerte) Doppel-CD geworden - leider kann ich noch immer nicht verlinken :pfeif: :O
    Vielleicht hat man die Aufnahme ja nochmal technisch verbessern können (die Mikros waren damals wohl nur für eine Rundfunkwiedergabe aufgestellt) - von meiner CD mag ich ehrlich gesagt nur die ersten 30 Min. (u.a. mit dem Tod des 1.Burschen) und die letzten 15 Min. (mit der grossen Szene des Petrus) goutieren.


    :hello:
    piet


    EDIT: @Harald war schneller als ich :D

  • Diese Aufnahme gehört eigentlich nicht mehr in den Bereich der "Schellack-Schätzchen" sondern ist in gutem Rundfunk-Mono - und bisher nicht auf Tonträgern verfügbar gewesen:



    Nicht nur eine Entdeckung für Rudolf-Schock-Fans!


  • Hier zwei CD mit Arienplatten mit Arien und Liedern gesungen von Georg Hann. Man beachte den gelungenen Transfer, die Stimme ist trotz des Alters der Aufnahmen sehr natürlich erhalten.


    Der obere Link führt zu unserem Werbepartner jpc, der untere direkt zum Preiser Records Shop, die CD habe ich bei jpc nicht im Programm gefunden...




    http://www.preiserrecords.at/album.php?ean=717281903103


    mfg
    aus Wien
    Alfred

  • @Alfred


    Die beiden Preiser-Recitals kenne ich auch.


    Irgendwo im Schrank muß ich - ich kann sie im Moment nicht finden - noch ein drittes Georg-Hann-Recital auf CD haben.


    Es stammt meiner Erinnerung nach auch vom Preiser-Label und heißt:


    Georg Hann - seine letzten Aufnahmen (1950)


    ich konnte sie weder bei jpc noch direkt auf der Preiser-Webseite finden, kann es sein, dass die zur Zeit gestrichen ist? Das wäre schade, denn die Aufnahmen sind äußerst hörenswert und klanglich wesentlich besser als die alten Schellack-Umschnitte der Vorkriegs- und Kriegszeit!


    Hier in Deutschland wird Preiser exclusiv von Naxos, Münster, vertrieben.

  • Besonders empfehlenswert finde ich folgende Aufnahmen, die ich allesamt als BASF-LPs besitze. Die haben, finde ich, den Klang der alten RRG-Aufnahmen besser wiedergegeben als die meisten CD-Transfers:


    AIDA - Rosvaenge, Teschemacher, Hann, Keilberth. Stuttgart 1938 (live). Hier ist Hann als vorzueglicher Amonasro zu hoeren. Insgesamt eine sehr gelungene Aufnahme. Rosvaenge singt das hohe B am Ende der Arie pianissimo - wie Verdi es wollte.


    DON CARLOS - mit Ahlersmeyer, Rosvaenge. Die Szenen mit dem Posa und dem Grossinquisitor sowie die grosse Arie gehoeren m.M. zu dem besten, was Hann aufgenommen hat.


    LUISA MILLER - mit Cebotari, Boehme, Hopf. Eine tolle Aufnahme, Hann singt einen stimmgewaltigen, schwarzen und in Fiesheit absolut unuebertroffenen Wurm. Toll auch Cebotari.


    CAPRICCIO - in der Besetzung der Urauffuehrung unter Krauss.


    :hello:
    M.

  • Mengelberg


    In diese Reihe mit einfügen würde ich noch gerne:


    MARGARETHE (Faust) vo Gounod (Stuttgart 1937) mit Helge Rosvaenge und Margarete Teschemacher. Hier singt er einen vorzüglichen Mephisto (ohne Mätzchen) - dank des großen Joseph Keilberth am Pult!

  • Hallo Felipe,


    danke für diesen Thread. ich wurde auf Hann erst aufmerksam, als ich begann mich für deutsch gesungene Oper zu interessieren. Gerade aus den 40ern gibt es sehr viele und sehr gute Einspielungen mit einem mehr oder weniger festen Ensemble und da ist Hann viel dabei. Dass ich seinen Scarpia ganz beeindruckend finde, habe ich bereits mehrfach geschrieben. Aber auch als Mephisto, neben Christof für mich der Beste, und im Bajazzo und in der Cavalleria ist er sehr präsent und unvergesslich. Er lebt seine Rollen richtig, hat kleine Furcht vor großen Gefühlen und jagt mir als Bösewicht wohlige Schauer über den Rücken!


    LG,
    Christoph

  • Zitat

    Original von Knusperhexe
    Hallo Felipe,


    danke für diesen Thread. [...] Dass ich seinen Scarpia ganz beeindruckend finde, habe ich bereits mehrfach geschrieben.


    Hallo Christoph,


    indirekt verdanken wir Dir diesen Thread, denn ohne Deinen Tipp bzgl. Scarpia wäre ich gar nicht auf Hann gekommen. :D
    Danke nochmal dafür, er ist wirklich grandios!
    Die dt. Sprache finde ich in diesem Fall in keinster Weise irgendwie unpassend, er wirkt dadurch fast böser (für mich). :hello:

  • Walter Krause


    Wenn der Schweinezüchter Zsupan hier schon erwähnt wird, dann sollten wir die anderen komischen Rollen nicht unerwähnt lassen, z.B. den Kezal in der "verkauften Braut", den Baculus im "Wildschütz", Sir John aus den "Lustigen Weibern" , der Buff im "Schauspieldirektor" , der Abul Hassan im "Barbier von Bagdad" usw.

  • Es gibt einen Filmausschnitt (vermutlich Wochenschau) vom Juni 1949, der gelegentlich in Dokumentationen gezeigt wird. Es handelt sich um Rosenkavalier-Proben unter Georg Solti im Münchner Prinmregententheater. Der 85jährige Richard Strauss erscheint zur Probe und dirigiert letztmalig in seinem Leben. Gespielt wird der Schluss des 2. Akts mit Georg Hann als Ochs. Ein in mehrfacher Hinsicht bewegendes Dokument.


    Florian

  • Ebenfalls sehr empfehlenswert (trotz der recht schrillen Senta der Ursuleac) ist der 1944er Holländer unter Clemens Krauss mit Hann als Daland und dem hinreißenden Hotter in der Titelrolle:




    :hello:


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hann muß übrigens auch ein witziger Mensch gewesen sein, es gibt von ihm einen ganzen Schwung Anekdoten. Eines Tages war "Falstaff-Probe unter Krauss ; Hann hatte keine rechte Lust und wirkte ausgesprochen unbeteiligt. Schließlich wurde es Krauss zu dumm und er rief auf die Bühne: "Hann, heut singen's wie der Weiß Ferdl". Darauf öffnete sich der Wäschekorb, Hann streckte den Kopf heraus und meinte "Ich hab noch gar net gewußt, daß der Weiß Ferdl eine so schöne Stimm' hat!" Ein anderes Mal probte er den "Rheingold"-Wotan und antwortete auf Alberichs Weltherrschadftsphantasien librettogemäß: "Vergeh, frevelnder Gauch!" An dieser Stelle unterbrach er und fragte den Regisseur "Was is denn des, a Gauch?" Man erklärte es ihm, und die Probe ging weiter. Als die Stelle erneut kam und Alberich antwortete: "Was sagt der?", unterbrach Hann erneut und meinte "Siehgst es, der hats auch net verstanden"

  • Im Thread über den "Barbier von Bagdad" wurde er mehrfach als einer der herausragenden Interpreten des Abul Hassan erwähnt. Auf dieser Recital-Platte ist er unter anderem auch mit dieser Rolle vertreten:



    Georg Hann singt Arien


    von Beethoven, Lortzing, Nicolai, Cornelius, Wagner, Mozart,
    Smetana
    Label: MDV ,
    ADD/m, 1936-1950


    Hörproben gibts bei jpc.


    LG


    Harald

  • Ich weiß nur, das sich Heinz Zednik mit befreundeten Kollegen immer mit Witzen, wenn es für sie vorbei war unterhielten.


    Bei Leo Slezak ist es ja bekannt, aber auch Alexander Girardi konnte es,
    er hatte einmal in einer Nachmittagsvorstellung den Text vergessen,


    und da es ja Soufleurrinnen gab, zischelte diese hinauf, leise, den laut darf die ja nicht sprechen, aber Girardi verstand wieder nicht, und beim 3. mal, ging er zum Soufleurkasten und sprach laut hineien:


    "Geh Muatterl, mach aus dem Schmarrn kein Geheimnis"!


    Lieb Grüße Peter aus dem warmen Wien.

  • ist einzigartig glaubhaft und mit Schalk,


    etwa wie Gustaf Grüngens in der einzigartigen Faust - Inszenierung, mit Will Quadflieg als Faust und Ella Büchi als Gretchen und Elsabeth Flickenschild als Marthe Schwerdtlein,


    er macht eigentlich das auf einem Tondokument, was Grüngens später gemacht hat.


    Liebe Grüße Peter aus Wien.

  • Welche Wagner-Rollen neben dem Daland sang Hann noch?


    Ich könnte ihn mir gut als Hans Sachs vorstellen, glaube, auch mal eine Aufnahme gesehen zu haben, zumindest vom 2. Akt.

  • Zitat

    Original von Joseph II.
    Welche Wagner-Rollen neben dem Daland sang Hann noch?


    Ich könnte ihn mir gut als Hans Sachs vorstellen, glaube, auch mal eine Aufnahme gesehen zu haben, zumindest vom 2. Akt.


    Unter anderem war er auch Wotan.

  • Ich habe mal etwas recherchiert und folgendes zutage gefördert:



    Hann sang den Sachs wirklich mal, 1942, allerdings ist leider nur der 2. Akt erhalten nach allem Anschein, was ich sehr bedauerlich finde, wo ich so gerne die Schlußansprache gehört hätte ... Sollte sie nicht in irgendeinem Rundfunk-Archiv auftauchen, wird das aber wohl ein Traum bleiben.


    In der Aufnahme ist der 3. Akt von 1943 und nicht mit Hann als Sachs, sondern mit Prohaska.

  • Zitat

    Welche Wagner-Rollen neben dem Daland sang Hann noch?


    Nur der Vollständigkeit halber:


    1938 sang Georg Hann den Fritz Kothner in den "Meistersingern" beim Parteifest in Nürnberg
    und
    den Kurwenal in "Tristan und Isolde" (Leipzig)



    LG


    :hello:

  • Zitat

    Original von Joseph II.
    Welche Wagner-Rollen neben dem Daland sang Hann noch?


    Ich glaube mich erinnern zu können, dass er auch den Wolfram im Tannhäuser gesungen hat, eine für seine metallische und dunkel gefärbte Stimme ja eher untypische Rolle, ich weiß auch gar nicht, ob davon überhaupt eine Aufnahme existiert. Ich wüsste andererseits aber nicht, warum der Wolfram nur für lyrische "Weichtöner" reserviert sein sollte, von George London gibt es schließlich ja auch eine sehr beeindruckende Aufnahme des Liedes an den Abendstern.


    Hanns Stimme war wirklich sehr beeindruckend. Er gehörte zur seltenen Spezies von Sängern, die nicht nur ein äußerst prägnantes und unverwechselbares Timbre besitzen, sondern auch über ein gewaltiges Volumen verfügen - sowohl was den Umfang als auch die Durchschlagskraft betrifft - so dass er sich ohne Bruch von den tiefsten Basstiefen in fulminanter Weise bis in baritonale Höhen hinaufschwingen konnte. Die Vielschichtigkeit seines Repertoires spricht da ja Bände.


    Sein beeindruckender Monterone wurde ja schon erwähnt, sein Auftritt mit der anschließenden Fluchszene gehört für mich eindeutig zu den "Gänsehaut"-Momenten. Ich finde übrigens, dass seine Stimme sehr gut zu anderen Sängern seiner Zeit passte, wie etwa zu Schlusnus, Roswaenge, Ahlersmeier..., die ja ebenfalls über sehr große Strahlkraft verfügten. Derart homogene und harmonierende Ensembles wird man heute wohl kaum mehr finden, liegt aber wohl nicht zuletzt auch daran, dass die Zeit der Ensembles an den Opern eh schon seit längerem vorbei ist.


    Beeindruckend natürlich auch sein Philipp II., der ebenfalls schon genannt wurde, wirklich ein gutes Beispiel, dass auch die deutsche Sprache durchaus "Verdi-tauglich" sein kann, wenn der oder die Richtige singt. Hann verlieh dieser Rolle schon aufgrund seiner Stimme die nötige Autorität, darüber hinaus war er aber auch ein gestaltender Singschauspieler, was sich natürlich besonders auch in seinen komischen Partien zeigte.


    Ich wage die Behauptung, dass Lortzing heute deutlich öfter auf dem Spielplan stünde, gäbe es derzeit mehr Sänger von Hanns Kaliber. Ich halte gerade seinen Van Bett für unübertrefflich und ziehe ihn selbst Gottlob Frick vor, der die Rolle ja wahrlich nicht schlecht verkörperte. Hanns Interpretation der Singschule "Heil sei dem Tag..." gehört für mich zu den Sternstunden der deutschen Singspieloper. Und gerade auch in der Rolle des Bürgermeisters mit seiner vergleichsweise hoch liegenden Tessitura kommt seine mühelose Höhe voll zur Geltung. Zum Schluss "fließen" die Worte eben wirklich bei ihm nur so dahin "wie ein Bächlein über Wiesen..."


    Und da auch die Aufnahme des Holländers erwähnt wurde, in der Hotter die Titelrolle sang: Hanns Verhältnis zu diesem anderen großen Sänger war ja nicht so ganz ungetrübt. So beschwerte er sich einmal, dass Hotter ihm alle die interessanten (Bassbariton-)Rollen weggeschnappt habe und er nur noch die langweiligen (Bassrollen) singen dürfe, seit sein werter Kollege erschienen sei. Wie ernst er das gemeint hat, weiß ich nicht, ein wahrer Kern wird schon dahinter stecken, allerdings traue ich ihm auch aufgrund seines Humors zu, dass er es nicht allzu tragisch genommen und mit etwas Galgenhumor weggesteckt hat.


    Kein Wunder also, dass er in München einer der größten Publikumslieblinge war und es geht die Fama, dass ihm in den harten Kriegs- und Nachkriegszeiten von den Standfrauen am Viktualienmarkt die eine oder andere Salami zugesteckt wurde. Ich kann mich zumindest an die Erzählung eines Tenorkollegen erinnern, dass er sie dann redlich mit ihm geteilt habe. Spricht ja auch nicht gerade gegen ihn.


    Insgesamt also ein wahrlich großer Sänger, und das nicht nur auf seine Stimme bezogen, der es auf jeden Fall verdient hat, dass seine Aufnahmen gewürdigt werden.

  • Eine wirklich wunderbare Würdigung dieses großen Sängers, vielen Dank!


    Ich muß gestehen: Ich bin dieser Stimme verfallen.


    Das Dämonische darin wäre prädestiniert gewesen für den Hagen, auch den Holländer (will man ihn so interpretieren), wenngleich er in der genannten Aufnahme "nur" den Daland sang - den er aber referenzträchtig bringt, so daß sich alles danach daran messen lassen muß.


    Es ist wahrlich ein unfassbares Unglück, daß Hann so früh verstorben ist. Wären ihm wenigstens noch zehn Jahre vergönnt gewesen, wer weiß, welche wunderbaren Aufnahmen da noch zustande gekommen wären.

  • Zitat

    Original von Joseph II.
    Eine wirklich wunderbare Würdigung dieses großen Sängers, vielen Dank!


    Gern geschehen. Ich bin ja schon lange der Ansicht, dass Georg Hann zu den absolut unterbewerteten Sängern gehört,von daher habe ich mich eher noch zurückhalten müssen um nicht allzu sehr ins Schwärmen zu verfallen. Aber es freut mich sehr, hier auf Gleichgesinnte zu treffen, die diesen Sänger auch zu schätzen wissen.



    Zitat

    Ich muß gestehen: Ich bin dieser Stimme verfallen.


    Geht mir in gewisser Weise ebenso, obwohl ich gar nicht so genau sagen könnte, was mich daran so fasziniert. Aber ich vermute es ist vor allem diese Mischung aus metallischer Durchschlagskraft gepaart mit sattem Wohlklang zum Dahinschmelzen. Harte, durchschlagskräftige Stimmen gibt es etliche, ebenso wie wohlklingende, die zu herrlichen Kantilenen fähig sind. Aber beides zusammen dürfte in dieser Ausgeprägtheit nur sehr selten vorkommen, selbst unter Weltklassesängern.


    Und das ganze dann noch kombiniert mit sehr intensivem Ausdruck, sprich: man spürt bei Hann deutlich, dass er sich in seine Rolle hineinfühlt und sein inneres Engagement in seine Töne einfließen lässt. Da steht keine Marionette auf der Bühne, die schönklingend aber unbeteiligt vor sich hinträllert, nein, bei ihm hatte ich immer den Eindruck, er fühlt was er singt - oder vice versa.


    Trotzdem blieb bei ihm das Schönsingen nur selten auf der Strecke, egal wie laut oder intensiv er auch sang, der Wohlklang blieb meist erhalten.



    Ironischerweise mag es gerade dieser Punkt gewesen sein, der ihn gegen einen Sangesdarsteller wie Hotter etwas ins Hintertreffen geraten ließ. Hotter war - wie etwa auch Christoff oder Schaljapin - der eindeutig expressivere Sänger, womit ich in diesem Fall meine, dass bei ihm das "reine"(pun intended) Singen öfters ins Hintertreffen geriet. Wohlgemerkt, ich spekuliere hier nur herum,aber ich könnte mir vorstellen, dass Hotters Auffassung sich eher mit der vieler Spielleiter deckte, die reines Schönsingen für antiquiert hielten.


    Wobei ich persönlich das natürlich etwas anders sehe und keinen zwingenden Gegensatz zwischen Ausdruckskraft und Schöngesang sehe, aber meine Meinung ist da natürlich nicht maßgeblich. :pfeif:


    Zitat

    Das Dämonische darin wäre prädestiniert gewesen für den Hagen, auch den Holländer (will man ihn so interpretieren),...


    Hier sehe ich es übrigens ganz ähnlich: Ein Dämon, der auch noch (verführerisch) schön singen kann, wirkt letzten Endes wesentlich "dämonischer" als ein heiser krächzender Teufel, weil das jeder von ihm erwartet. Aber das Teuflische unter lieblicher Maske, das ist das eigentlich Faszinierende.



    Zitat

    Es ist wahrlich ein unfassbares Unglück, daß Hann so früh verstorben ist. Wären ihm wenigstens noch zehn Jahre vergönnt gewesen, wer weiß, welche wunderbaren Aufnahmen da noch zustande gekommen wären.


    Stimmt natürlich, wobei noch dazukommt, dass gerade Bässe ihre stimmlichen Fähigkeiten oft sehr lange erhalten können, so sie pfleglich damit umzugehen wissen. Da wäre wirklich noch einiges von ihm zu erwarten gewesen.


    Aber derlei Erwägungen sind letztlich müßig, da nicht realistisch. Seien wir also froh, dass wir wenigstens die Aufnahmen von ihm haben, die es gibt, und das sind ja gar nicht so wenige, auch wenn es natürlich wenig ist angesichts dessen, was hätte sein können.

  • Georg Hann hatte eine voluminöse, warm timbrierte Stimme von großer
    Spannweite. Dies ermöglichte ihm Rollen vom seriösen Bassfach bis hin zu hohen Bassbaritonpartien-wie Sachs oder Wotan- bemerkenswert zu bewältigen. Eine ähnliche Breite in den stimmlichen Möglichkeiten hatten nach ihm noch Otto Edelmann und Karl Ridderbusch. Durch seinen Humor bewährte er sich vor allem auch in heiteren Bassbufforollen. Auch als Volksliedersänger konnte er begeistern. Allerdings neigte er zu einem etwas derbem, vordergründig, gefühlig wirkungsvollen Vortrag. Die feinen stimmlichen Nuancen und Schattierungen über die z. B. ein Kurt Moll oder auch Gottlob Frick verfügten standen diesem immer sympathisch-gewinnend wirkenden Bassisten weniger zu Verfügung.
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Die interessanten Beiträge von Kurt Fischer zu diesem Therma haben mich veranlaßt, ein Buch/Heft mal wieder zur Hand zu nehmen:


    Aus der Serie
    "Stimmen, die um die Welt gingen ..."
    aus dem Verlag Günter Walter, Münster
    ist es Band 39, der Georg Hann gewidmet ist.


    Nicht der neueste - soeben ist Band 81: Franz Fehringer - erschienen, aber immer noch sehr lesenswert, was die Autoren Günter Walter, Dr. Augustin und Jürgen Schäfer da zusammengetragen haben.


    Die Discographie ist nicht besonders umfangreich - das Interessante ist das Verzeichnis der Rundfunk-Aufnahmen, die - falls nicht gelöscht - in den Schallarchiven lagern müßten. Da sind wahre Schätze aufgelistet. Ein Paradies für Joseph II, der angibt, der Stimme des Georg Hann verfallen zu sein.


    Da lagern u.a. auch Ausschnitte aus Walküre/Wotan und Rheingold/Wotan, aber auch immer wieder der Bäckermeister Kothner aus den Meistersingern. Dabei sind aber auch Juwelen wie Jaromir Weinbergers Oper "Schwanda, der Dudelsackpfeifer", eine Produktion des Nordwestdeutschen Rundfunks in Köln von 1949 unter Ljubomir Romansky, in der Georg Hann den Teufel singt.


    Immer, wenn ich in dem Heft blättere entdecke ich neue Dinge, die ich gerne in meiner Sammlung hätte.


    LG


    :pfeif:

  • Liebe Taminos !


    In meiner Jugend hatte ich eine 17 cm / 33 Upm , auf der ersten Seite der Gefangenenchor aus Nabucco, aber auf der 2. Seite war Georg Hann mit der nachfolgenden Baßarie, die mich so fasziniert hatte, daß ich sie damals täglich mehrmals auf den Teller legte. (Zum leidwesen meiner Mutter).


    Ich glaube, es war ein DG - Label, vielleicht erscheint diese Aufnahme wieder einmal.


    Liebe Grüße


    :hello: Operngernhörer

  • Ich finde es wirklich toll, daß sich hier so viele so überschwänglich über Georg Hann äußern, einen Sänger, der offensichtlich alles andere als vergessen ist, auch wenn man dies auf den ersten Blick meinen könnte, da er in der Vor-Stereo-Ära sang und zudem relativ wenige Aufnahmen seine grandiose Leistung dokumentieren.


    Was mich interessieren würde: Gibt es Stimmen, die der von Hann ähnlich sind (von "gleichkommen" will ich gar nicht reden, da ich dies für nahezu ausgeschlossen halte)?


    Liebe Grüße an alle Georg-Hann-Liebhaber unter uns
    :hello: