Die Bachkantate (134): BWV164: Ihr, die ihr euch von Christo nennet

  • BWV 164: Ihr, die ihr euch von Christo nennet
    Kantate zum 13. Sonntag nach Trinitatis (Leipzig, 26. August 1725)




    Lesungen:
    Epistel: Gal. 3,15-22 (Verheißung und Gesetz)
    Evangelium: Luk. 10,25-37 (Gleichnis vom barmherzigen Samariter)



    Sechs Sätze, Aufführungsdauer: ca. 17 Minuten


    Textdichter: Salomon Franck (1659-1725), aus dessen „Evangelischem Andachts-Opffer“ (1715)
    Choral: Elisabeth Creutziger (1524)



    Besetzung:
    Soli: Sopran, Alt, Tenor, Bass; Coro: SATB; Traversflöte I + II, Oboe I + II, Violino I/II, Viola, Continuo





    1. Aria Tenor, Streicher, Continuo
    Ihr, die ihr euch von Christo nennet,
    Wo bleibet die Barmherzigkeit,
    Daran man Christi Glieder kennet?
    Sie ist von euch, ach! allzu weit!
    Die Herzen sollten liebreich sein,
    So sind sie härter als ein Stein.


    2. Recitativo Bass, Continuo
    Wir hören zwar, was selbst die Liebe spricht:
    Die mit Barmherzigkeit den Nächsten hier umfangen,
    Die sollen vor Gericht
    Barmherzigkeit erlangen!
    Jedoch, wir achten solches nicht!
    Wir hören noch des Nächsten Seufzer an!
    Er klopft an unser Herz; doch wird’s nicht aufgetan!
    Wir sehen zwar sein Händeringen,
    Sein Auge, das von Tränen fleußt;
    Doch lässt das Herz sich nicht zur Liebe zwingen!
    Der Priester und Levit,
    Der hier zur Seite tritt,
    Sind ja ein Bild liebloser Christen;
    Sie tun, als wenn sie nichts von fremdem Elend wüssten,
    Sie gießen weder Öl noch Wein
    In’s Nächsten Wunden ein!


    3. Aria Alt, Traversflöte I + II, Continuo
    Nur durch Lieb’ und durch Erbarmen
    Werden wir Gott selber gleich!
    Samaritergleiche Herzen
    Lassen fremden Schmerz sich schmerzen
    Und sind an Erbarmung reich.


    4. Recitativo Tenor, Streicher, Continuo
    Ach! schmelze doch durch deinen Liebesstrahl
    Des kalten Herzens Stahl!
    Dass ich dir wahre Christenliebe,
    Mein Heiland, täglich übe,
    Dass meines Nächsten Wehe,
    Er sei auch, wer er ist,
    Freund oder Feind, Heid’ oder Christ,
    Mir als mein eig’nes Leid zu Herzen allzeit gehe!
    Mein Herz sei liebreich, sanft und mild,
    So wird in mir verklärt dein Ebenbild.


    5. Aria Sopran, Bass, Traversflöte I + II, Oboe I + II, Violino I/II, Continuo
    Händen, die sich nicht verschließen,
    Wird der Himmel aufgetan!
    Augen, die mitleidend fließen,
    Sieht der Heiland gnädig an.
    Herzen, die nach Liebe streben,
    Will Gott selbst sein Herze geben.


    6. Choral SATB, Traversflöte I + II, Oboe I + II, Streicher, Continuo
    Ertöt’ uns durch dein’ Güte,
    Erweck’ uns durch dein’ Gnad’!
    Den alten Menschen kränke,
    Dass der neu’ leben mag
    Wohl hier auf dieser Erden,
    Den Sinn und all’ Begehrden
    Und G’danken hab’n zu dir.






    Bei dieser Kantate fallen einige offensichtliche Parallelen zur vier Wochen zuvor entstandenen Kantate BWV 168 auf:
    Beide Kantaten wurden von Salomon Franck gedichtet, der in Weimar tätig war und der folglich für viele Kantaten, die Bach während seiner dortigen Dienstzeit komponierte, die Texte lieferte.
    Doch sowohl BWV 168 wie auch die hier besprochene Kantate sind offensichtlich erst während Bachs Leipziger Zeit entstanden. Möglicherweise hatte Bach sich die Kantatentexte vorgemerkt, in Weimar aber keine Gelegenheit mehr gefunden, diese zu den passenden Sonntagen im Kirchenjahr vertonen und aufführen zu können.
    Außerdem fällt bei beiden Kantaten auf, dass zwar alle vier Solostimmen zum Einsatz kommen, der Chor jedoch jeweils auf den Vortrag des kurzen und schlichten Schlusschorals beschränkt bleibt.
    Hier wie da könnte man daher sicherlich zur aufführungstechnisch ökonomischen Lösung greifen und den Schlusschoral den vier eh vorhandenen Solostimmen überlassen, was den intimeren Charakter der beiden Kantaten sicher unterstützt.
    Eventuell ist jedoch diese gerade für Kantaten der Weimarer Zeit charakteristische bescheidenere Besetzung auch ein Anhaltspunkt dafür, dass beide Kantaten ursprünglich doch aus Bachs Weimarer Zeit stammen könnten. Für Leipzig hätte Bach diese dann jedoch derart gründlich umgearbeitet, dass aus heutiger Sicht nicht mehr nachweisbar wäre, wie diese Kantaten in ihrer Originalgestalt ausgesehen hätten.


    Salomon Franck lässt sich bei seiner Kantatendichtung stark vom Evangelium des heutigen Sonntags leiten (zum Sonntagsevangelium siehe auch die Anmerkungen zur Kantate BWV 77). Anspielungen auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter finden sich an vielen Stellen der Kantate – der Appell zur Barmherzigkeit und Nächstenliebe ist schließlich eine der zentralen christlichen Botschaften, die nicht genug betont werden kann.


    In dieser Kantate möchte ich besonders die Arie Nr. 3 mit ihren beiden Traversflöten und das als Arie Nr. 5 bezeichnete, sehr raffiniert konzipierte Duett zwischen Sopran und Bass hervorheben!


    Die Schlusschoral-Strophe hat Bach mehrfach in seinen Kantaten verwendet. So erscheint sie in etwas aufwendiger instrumentierter Form in BWV 22 und auch in der Adventskantate BWV 132 – allerdings sind die Noten für diesen Choral verloren gegangen, so dass man sich dort oft mit dem Choralsatz aus der hier besprochenen Kantate behilft.

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)