Die Bachkantate (135): BWV25: Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe

  • BWV 25: Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe
    Kantate zum 14. Sonntag nach Trinitatis (Leipzig, 29. August 1723)




    Lesungen:
    Epistel: Gal. 5,16-24 (Die Werke des Fleisches und die Frucht des Geistes)
    Evangelium: Luk. 17,11-19 (Heilung der zehn Aussätzigen)



    Sechs Sätze, Aufführungsdauer: ca. 16 Minuten


    Textdichter: unbekannt
    Choral: Johann Heermann (1630)



    Besetzung:
    Soli: Sopran, Tenor, Bass; Coro: SATB; Blockflöte (Flauto dolce) I-III, Oboe I + II, Zink, Posaune I-III, Violino I/II, Viola, Continuo





    1. Chor SATB, Blockflöte I-III, Oboe I + II, Zink, Posaune I-III, Streicher, Continuo
    Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe vor deinem Dräuen
    und ist kein Friede in meinen Gebeinen vor meiner Sünde.


    2. Recitativo Tenor, Continuo
    Die ganze Welt ist nur ein Hospital,
    Wo Menschen von unzählbar großer Zahl
    Und auch die Kinder in der Wiegen
    An Krankheit hart darniederliegen.
    Den einen quälet in der Brust
    Ein hitz’ges Fieber böser Lust;
    Der and’re lieget krank
    An eig’ner Ehre hässlichem Gestank;
    Den dritten zehrt die Geldsucht ab
    Und stürzt ihn vor der Zeit ins Grab.
    Der erste Fall hat jedermann beflecket
    Und mit dem Sündenaussatz angestecket.
    Ach! dieses Gift durchwühlt auch meine Glieder.
    Wo find’ ich Armer Arzenei?
    Wer stehet mir in meinem Elend bei?
    Wer ist mein Arzt, wer hilft mir wieder?


    3. Aria Bass, Continuo
    Ach, wo hol’ ich Armer Rat?
    Meinen Aussatz, meine Beulen
    Kann kein Kraut noch Pflaster heilen
    Als die Salb’ aus Gilead.
    Du, mein Arzt, Herr Jesu, nur
    Weißt die beste Seelenkur.


    4. Recitativo Sopran, Continuo
    O Jesu, lieber Meister,
    Zu dir flieh’ ich;
    Ach, stärke die geschwächten Lebensgeister!
    Erbarme dich,
    Du Arzt und Helfer aller Kranken,
    Verstoß’ mich nicht
    Von deinem Angesicht!
    Mein Heiland, mache mich von Sündenaussatz rein,
    So will ich dir
    Mein ganzes Herz dafür
    Zum steten Opfer weih’n
    Und lebenslang vor deine Hülfe danken.


    5. Aria Sopran, Blockflöte I-III, Oboe I + II, Streicher, Continuo
    Öffne meinen schlechten Liedern,
    Jesu, dein Genadenohr!
    Wenn ich dort im höher’n Chor
    Werde mit den Engeln singen,
    Soll mein Danklied besser klingen.


    6. Choral SATB, Blockflöte I-III, Oboe I + II, Zink, Posaune I-III, Streicher, Continuo
    Ich will alle meine Tage
    Rühmen deine starke Hand,
    Dass du meine Plag’ und Klage
    Hast so herzlich abgewandt.
    Nicht nur in der Sterblichkeit
    Soll dein Ruhm sein ausgebreit’:
    Ich will’s auch hernach erweisen
    Und dort ewiglich dich preisen.






    Im Evangelium für den heutigen Sonntag geht es um die Heilung von zehn Aussätzigen durch Jesus. Diese Wunderheilung wird vom Dichter der Kantate auf den Gläubigen seiner Zeit übertragen: Da kein Mensch ohne Sünde ist, ist “die ganze Welt nur ein Hospital“, in der Alt und Jung an „Krankheiten“ wie Habsucht, Eitelkeit, Gier, Neid usw. leiden. Jesus wird angerufen und um Heilung von diesem ”Sündenaussatz” gebeten.


    Alfred Dürr verweist zu Recht auf die eine Woche zuvor entstandene Kantate BWV 77, die Bach mit einer ähnlich aufwendigen und vor allem vielschichtigen Vertonung des einleitenden Bibelwort-Chorsatzes begonnen hat.
    In der hier besprochenen Kantate stammt das vertonte Bibelwort aus dem Psalm 38, Vers 4, wo die in der folgenden Kantatendichtung vorgenommene Gleichsetzung zwischen körperlichen Erkrankungen mit den erwähnten „geistigen“ Sünden ebenfalls vollzogen wird.


    Wie schon im erwähnten Eingangschor der Kantate BWV 77 setzt Bach auch in dieser Kantate gezielt eine nur in den Orchesterinstrumenten erklingende Choralmelodie ein, die wiederum dem vom Chor (in Form einer aus zwei Themen bestehenden Fuge, die am Ende miteinander kombiniert werden) vorgetragenen Bibeltext eine weitere Bedeutungsebene hinzufügt.
    Die Choralmelodie, die Bach ausgewählt hat, ist die des Liedes “Ach Herr, mich armen Sünder“ – ein Choral, den Bach ein knappes Jahr später für seine Choralkantate BWV 135 nochmals ausführlicher bearbeiten sollte. Wichtig für Bach war bei der Wahl der Choralmelodie ja, dass seine Zuhörer diese beim bloßen Spielen sofort erkannten und sich den dazu gesungenen Text direkt ins Gedächtnis rufen konnten – ansonsten verpufft die Wirkung dieses Stilmittels natürlich weitgehend.
    Der erwähnte Choral scheint jedoch damals sehr bekannt und verbreitet gewesen zu sein (sonst hätte Bach ihn sicher auch nicht zum Thema einer seiner Choralkantaten gemacht) – und besonders zum Thema des heutigen Sonntagsevangeliums passt die zweite Choralstrophe, in der Gott um die Heilung von Krankheit gebeten wird. So setzt Bach also im Eingangschor dieser Kantate auf den gesungenen Text, in dem die Krankheit durch die Sünde beklagt wird, bereits die instrumental vorgetragene Bitte um göttlichen Beistand und Heilung dagegen. Ein raffinierter Kunstgriff! :jubel:
    Das Orchester ist reich und farbig besetzt – der Choral wird als solcher unverkennbar von einem hierfür charakteristischen dreistimmigen Posaunenensemble - plus einem Zinken als dessen traditionelle Oberstimme - intoniert. Hinzu treten noch 3 Blockflöten, um diese Oberstimme zu verstärken.


    Besonders hervorheben in dieser Kantate möchte ich noch die Arie Nr. 5: Wie so häufig, wenn im Text von Musik die Rede ist, läuft Bachs Phantasie zu besonders poetischer und klangsinnlicher Höchstform auf, um das zur „Musika“ im Text Gesagte (bzw. Gesungene) auch musikalisch besonders hörenswert zu gestalten.
    Die Arie ist mit den drei Blockflöten und den zwei Oboen, die zum Continuo und dem Streichensemble hinzutreten, besonders aufwendig instrumentiert und die im Text erwähnten „singenden Engel“ werden musikalisch durch eine irgendwie zaubrisch-schwebende, ganz anmutige Atmosphäre charakterisiert – einfach wunderschön! :angel::angel:

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)