Die Bachkantate (138): BWV138: Warum betrübst du dich, mein Herz

  • BWV 138: Warum betrübst du dich, mein Herz
    Kantate zum 15. Sonntag nach Trinitatis (Leipzig, 5. September 1723)




    Lesungen:
    Epistel: Gal. 5,25-6,10 (Mahnung zur Brüderlichkeit: Einer trage des anderen Last – Was der Mensch sät, das wird er ernten)
    Evangelium: Matth. 6,24-34 (Aus der Bergpredigt: Aufforderung, nicht nach Essen, Trinken und Kleidung zu trachten, sondern nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit)



    Sieben Sätze, Aufführungsdauer: ca. 20 Minuten


    Textdichter: unbekannt; inspiriert aber vom titelgebenden Choral
    Choral (Nr. 7, sowie in Nr. 1 und 3): Nürnberg, 1561 (evtl. von Hans Sachs)



    Besetzung:
    Soli: Sopran, Alt, Tenor, Bass; Coro: SATB; Oboe d’amore I + II, Violino I/II, Viola, Continuo





    1. Choral + Recitativo Alt, SATB, Oboe d’amore I + II, Streicher, Continuo
    Warum betrübst du dich, mein Herz?
    Bekümmerst dich und trägest Schmerz
    Nur um das zeitliche Gut?

    Alt
    Ach, ich bin arm,
    Mich drücken schwere Sorgen.
    Vom Abend bis zum Morgen
    Währt meine liebe Not.
    Dass Gott erbarm’!
    Wer wird mich noch erlösen
    Vom Leibe dieser bösen
    Und argen Welt?
    Wie elend ist’s um mich bestellt!
    Ach! wär’ ich doch nur tot!
    Vertrau’ du deinem Herren Gott,
    Der alle Ding’ erschaffen hat.


    2. Recitativo Bass, Continuo
    Ich bin veracht’,
    Der Herr hat mich zum Leiden
    Am Tage seines Zorns gemacht;
    Der Vorrat, hauszuhalten,
    Ist ziemlich klein;
    Man schenkt mir vor den Wein der Freuden
    Den bitter’n Kelch der Tränen ein.
    Wie kann ich nun mein Amt mit Ruh’ verwalten,
    Wenn Seufzer meine Speise und Tränen das Getränke sein?


    3. Choral + Recitativo Sopran, Alt, SATB, Oboe d’amore I + II, Streicher, Continuo
    Er kann und will dich lassen nicht,
    Er weiß gar wohl, was dir gebricht,
    Himmel und Erd’ ist sein!

    Sopran
    Ach, wie?
    Gott sorget freilich vor das Vieh,
    Er gibt den Vögeln seine Speise,
    Er sättiget die jungen Raben,
    Nur ich, ich weiß nicht, auf was Weise
    Ich armes Kind
    Mein bisschen Brot soll haben;
    Wo ist jemand, der sich zu meiner Rettung find’t?
    Dein Vater und dein Herre Gott,
    Der dir beisteht in aller Not.

    Alt
    Ich bin verlassen,
    Es scheint,
    Als wollte mich auch Gott bei meiner Armut hassen,
    Da er’s doch immer gut mit mir gemeint.
    Ach Sorgen,
    Werdet ihr denn alle Morgen
    Und alle Tage wieder neu?
    So klag’ ich immerfort;
    Ach! Armut! hartes Wort,
    Wer steht mir denn in meinem Kummer bei?
    Dein Vater und dein Herre Gott,
    Der steht dir bei in aller Not.


    4. Recitativo Tenor, Continuo
    Ach süßer Trost! Wenn Gott mich nicht verlassen
    Und nicht versäumen will,
    So kann ich in der Still’
    Und in Geduld mich fassen.
    Die Welt mag immerhin mich hassen,
    So werf’ ich meine Sorgen
    Mit Freuden auf den Herrn,
    Und hilft er heute nicht, so hilft er mir doch morgen.
    Nun leg’ ich herzlich gern
    Die Sorgen unter’s Kissen
    Und mag nichts mehr als dies zu meinem Troste wissen:


    5. Aria Bass, Streicher, Continuo
    Auf Gott steht meine Zuversicht,
    Mein Glaube lässt ihn walten.
    Nun kann mich keine Sorge nagen,
    Nun kann mich auch kein’ Armut plagen.
    Auch mitten in dem größten Leide
    Bleibt er mein Vater, meine Freude,
    Er will mich wunderlich erhalten.


    6. Recitativo Alt, Continuo
    Ei nun!
    So will ich auch recht sanfte ruh’n.
    Euch, Sorgen! sei der Scheidebrief gegeben.
    Nun kann ich wie im Himmel leben.


    7. Choral SATB, Oboe d’amore I + II, Streicher, Continuo
    Weil du mein Gott und Vater bist,
    Dein Kind wirst du verlassen nicht,
    Du väterliches Herz!
    Ich bin ein armer Erdenkloß,
    Auf Erden weiß ich keinen Trost.






    Im Evangelium des heutigen Sonntags mahnt Jesus in seiner Bergpredigt, sich nicht ständig um profane irdische Dinge wie Essen und Trinken oder sonstige „weltliche“ Dinge Sorgen zu machen. Er nennt als Beispiele für die allgegenwärtige göttliche Fürsorge die Vögel des Himmels und die Pflanzen auf dem Felde – diese sorgen sich auch nicht tagtäglich um ihr Wohlergehen und denken ständig sorgenvoll an das Morgen und trotzdem wird für sie gesorgt.
    Jesus mahnt die Zuhörer also, sich nicht so „kleingläubig“ zu verhalten (so wie es die Heiden tun), sondern stattdessen nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit zu trachten – der Rest kommt dann von alleine.


    Der Kantatendichter baut nun in der hier besprochenen Kantate diesen Gegensatz zwischen der Schilderung der diversen weltlichen Sorgen und profanen Nöten des Gläubigen und der abschließenden, befreienden Erkenntnis, dass der Glaube an Gott und das Vertrauen auf seine Hilfe Trost und Halt gibt, wirkungsvoll aus.


    Nachdem im Rezitativ Nr. 3 die alles entscheidende Antwort


    “Dein Vater und dein Herre Gott,/ Der dir beisteht in aller Not.“


    gleich zweimal mit Nachdruck wiederholt wurde, erfolgt im Rezitativ Nr. 4, das die zweite Hälfte der Kantate einleitet, die „dramaturgische Wende“: Ab da fallen Begriffe wie „Trost“, „Zuversicht“ und „Freude“ und auch die wunderschöne Formulierung

    “Nun leg’ ich herzlich gern/ Die Sorgen unter’s Kissen“


    – was soll man dem noch hinzufügen? ;)


    Zur Kantate an sich kann man zu Recht sagen, dass sie – wäre sie ein Jahr später von Bach komponiert worden – ohne Weiteres als vollgültige Choralkantate durchgegangen wäre!


    Bach hatte sich ja mit Beginn seines 2. Amtsjahres als Leipziger Thomaskantor (ab dem 1. Sonntag nach Trinitatis 1724) zu dem ehrgeizigen (und völlig freiwilligen) „Projekt“ entschlossen, jede neu zu komponierende Kantate auf einen thematisch passenden Choral aufzubauen, der diese wie ein roter Faden durchzieht, sei es musikalisch wie auch im Rahmen der Textdichtung, die entweder wörtlich verschiedene Choralstrophen in die Kantate integriert oder aus diesen Strophen in freier Nachdichtung Rezitative und Arien formt.
    Wenn man sich nun den Aufbau des hier besprochenen Werkes ansieht, treffen alle diese Kriterien auch auf diese Kantate aus dem Jahr 1723 zu.
    Ich kann mir gut vorstellen, dass Bach durch Kantaten wie diese hier erst zu dem „Choralkantaten-Projekt“ angeregt und inspiriert wurde. Irgendwoher musste ihm die Idee ja gekommen sein – musikalisch reizvoll war ein solches Projekt auf jeden Fall, zumal der reichhaltige Choralfundus für Bach als protestantischen Kantor sowieso so etwas wie eine lebenslange unerschöpfliche Inspirations- und Schaffensquelle darstellte.


    Der in dieser Kantate verwandte, in mehreren Sätzen zitierte Choral stammt angeblich vom Nürnberger Meistersinger Hans Sachs (1494-1576). Er erfreute sich zu Bachs Zeiten offenbar einer großen Beliebtheit und war von seiner Aussage her auch noch für den 7. Sonntag nach Trinitatis passend (im Evangelium für diesen Sonntag geht es ebenfalls um das Vertrauen in den für seine „Schäfchen“ sorgenden Gott).
    Bach hat denn auch eine Strophe dieses Chorals in einer leider verschollenen Kantate für den 7. Sonntag nach Trinitatis verwendet. Ein weiterer Beleg für die thematische Verzahnung beider Sonntage (also des 7. und 15. Sonntags nach Trinitatis) kann auch dadurch belegt werden, dass zwei besonders entscheidende Verse des heutigen Sonntagsevangeliums wörtlich in der 7. Sonntag nach Trinitatis-Kantate BWV 187 zitiert werden.


    In den Sätzen 1 und 3 der in diesem Thread hier besprochenen Kantate BWV 138 begegnet uns das in den später folgenden Choralkantaten des Jahrgangs 1724/ 25 noch häufiger angewendete Stilmittel des von Rezitativeinschüben immer wieder unterbrochenen Choralvortrags. Der hinzugedichtete Rezitativtext führt dabei die Gedanken des Chorals weiter, kommentiert diese, bzw. ignoriert einige wichtige Aussagen daraus auch zunächst (vor allem im schon erwähnten Rezitativ Nr. 3), um dann endlich, nach kunstvoll herausgezögertem Wehklagen, zur erlösenden Erkenntnis zu gelangen, dass der göttliche Beistand in allen Lebenslagen gewiss ist.


    Musikalisch gesehen dominiert in dieser Kantate damit eine freie Rezitativform, die nicht an strenge Formvorgaben gebunden, sondern abwechslungsreich gestaltet ist und mehrfach durch die Choralstellen eingerahmt wird.


    Mit dem Hinweis auf die schöne Formulierung im Schlusschoral vom “armen Erdenkloß“ möchte ich an dieser Stelle zunächst schließen... :]


    P. S.:
    Wie ich gerade erfreut feststelle, stimmt diesmal erstmalig die BWV-Nummer dieser Kantate mit der in unserem innovativen und kirchenjahr-korrekten Tamino-Bachkantaten-Verzeichnis (kurz: "TaBaKaVau") überein! ;)
    Sehr schön - da haben die BWV'ler endlich mal wenigstens eine Nummer korrekt vergeben... :D

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • Besonders gut an dieser Kantate gefällt mir der erste Satz mit seinen herben Dissonanzen - ganz extrem z.B. auf "Schmerz" in der zweiten Zeile der ersten Choralstrophe. Auch finde ich den Aufbau der ersten drei Sätze im Dürr-Handbuch sehr gut erklärt. Etwas verwirrend ist es dann leider, wenn man anschließend bei Hans-Joachim Schulze nachliest, der zählt nämlich das dem Eingangssatz folgende Bass-Rezitativ "Ich bin veracht..." im Unterschied zu Dürr nicht als eigenen Satz, so dass bei ihm die Choralstrophe "Er kann und will dich lassen nicht..." als Satz 2 geführt wird, während das bei Dürr schon Satz 3 ist. Alles klar? :)


    Wie auch immer, die ersten drei Sätze (nach Dürrscher Zählung) gefallen mir in ihrem Wechsel zwischen Zuspruch und Klage recht gut. Die Bassarie "Auf Gott steht meine Zuversicht" ist mir dann aber ein bisschen zu aufgesetzt munter und tänzerisch.


    Zum Schlusschoral "Weil du mein Gott und Vater bist..." merkt Schulze an, dass diesem eine "gewisse Unruhe" anhafte (er meint vermutlich die zuckenden Streicher), die "dem Charakter eines Schlusschorals eigentlich zuwiderläuft". Schulze weist auch auf den Umstand hin, dass die Partitur vor dem Schlusstakt abbricht, es also gar nicht sicher sei, ob dies wirklich der letzte Satz war oder nicht noch weitere Arien und Rezitative folgten.


    Sprachlich gefällt mir neben den unters Kissen gelegten Sorgen vor allem der Erdenkloß sehr gut - wunderbar anschaulich, da kann man sich als eher runder Mensch doch gleich angesprochen fühlen...



    Ich kenne die Kantate bisher ausschließlich in dieser Aufnahme mit Herreweghe, an der ich nichts auszusetzen habe:




    PS: Lieber Marc, ich möchte dir meine Hochachtung aussprechen für das, was du hier seit Monaten leistest - ganz große Klasse!


    Mit Gruß von Carola