Die Bachkantate (140): BWV51: Jauchzet Gott in allen Landen

  • BWV 51: Jauchzet Gott in allen Landen
    Kantate zum 15. Sonntag nach Trinitatis (wahrscheinlich Leipzig, 17. September 1730)




    Lesungen:
    Epistel: Gal. 5,25-6,10 (Mahnung zur Brüderlichkeit: Einer trage des anderen Last – Was der Mensch sät, das wird er ernten)
    Evangelium: Matth. 6,24-34 (Aus der Bergpredigt: Aufforderung, nicht nach Essen, Trinken und Kleidung zu trachten, sondern nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit)



    Fünf Sätze, Aufführungsdauer: ca. 20 Minuten


    Textdichter: unbekannt
    Choral: Zusatzstrophe (Königsberg 1549) zum Lied von Johann Gramann ( 1548 )



    Besetzung:
    Solo: Sopran; Trompete, Violino I/II, Viola, Continuo





    1. Aria Sopran, Trompete, Streicher, Continuo
    Jauchzet Gott in allen Landen!
    Was der Himmel und die Welt
    An Geschöpfen in sich hält,
    Müssen dessen Ruhm erhöhen,
    Und wir wollen unser’m Gott
    Gleichfalls itzt ein Opfer bringen,
    Dass er uns in Kreuz und Not
    Allezeit hat beigestanden.


    2. Recitativo Sopran, Streicher, Continuo
    Wir beten zu dem Tempel an,
    Da Gottes Ehre wohnet,
    Da dessen Treu’,
    So täglich neu,
    Mit lauter Segen lohnet.
    Wir preisen, was er an uns hat getan.
    Muss gleich der schwache Mund von seinen Wundern lallen,
    So kann ein schlechtes Lob ihm dennoch wohlgefallen.


    3. Aria Sopran, Continuo
    Höchster, mache deine Güte
    Ferner alle Morgen neu.
    So soll vor die Vatertreu
    Auch ein dankbares Gemüte
    Durch ein frommes Leben weisen,
    Dass wir deine Kinder heißen.


    4. Chorale Sopran, Violino I/II, Continuo
    Sei Lob und Preis mit Ehren
    Gott Vater, Sohn, Heiligem Geist!
    Der woll’ in uns vermehren,
    Was er uns aus Gnaden verheißt,
    Dass wir ihm fest vertrauen,
    Gänzlich uns lass’n auf ihn,
    Von Herzen auf ihn bauen.
    Dass uns’r Herz, Mut und Sinn
    Ihm festiglich anhangen;
    Drauf singen wir zur Stund’:
    Amen, wir werdn’s erlangen,
    Glaub’n wir zu aller Stund’.


    5. Finale Sopran, Trompete, Streicher, Continuo
    Alleluja!






    Diese Kantate ist wieder einmal ein Beitrag Bachs zur “Cantata“ im strengeren Wortsinne: Ein mehrteiliges Gesangsstück für Solostimme plus begleitendes Instrumentalensemble. Allzuviele dieser Solokantaten hat Bach ja nicht komponiert - trotzdem dürfte die hier besprochene Kantate zusammen mit der Solokantate für Bass BWV 82 "Ich habe genug“ zu seinen bekanntesten Kantaten überhaupt zählen. :jubel:


    Es scheint fast unglaublich, dass der Sopransolist zu Bachs Zeiten ein ungefähr zwölf- oder dreizehnjähriger Thomaner gewesen sein soll. Ob Bach nicht eher die Gelegenheit hatte, diese herrliche und ausgesprochen virtuose Kantate für eine Sopranistin (oder vielleicht wahrscheinlicher für einen Sopran-Kastraten) zu komponieren? Eventuell war ein(e) Solist(in) gerade auf der Durchreise in Leipzig und stand für einen solchen musikalischen Einsatz spontan zur Verfügung?


    Da der Bezug zum Evangelium des heutigen Sonntags – obwohl vorhanden - nicht so besonders eng ist (siehe hierzu auch den Kommentar zur Kantate BWV 138), hat Bach die Komposition mit dem Zusatz “et In ogni Tempo“ versehen – sie konnte also „zu jeder Zeit“ im Kirchenjahr dargeboten werden.
    Wann ergab sich schließlich schon mal die Gelegenheit, einen virtuosen Solo-Sopran kombiniert mit einem nicht minder anspruchsvollen Solo-Trompetenpart zur Verfügung zu haben?
    Der Text der Kantate ist ja tatsächlich ein zu allen Zeiten passendes Loblied auf Gottes Güte und Herrlichkeit!


    Als Solo-Trompeter stand Bach übrigens wohl wieder einmal der bewährte und versierte Leipziger Ratsmusiker und „Stadtpfeifer“ Johann Gottfried Reiche zur Verfügung, der schon so manchen virtuosen Trompetenpart in Bachkantaten aufgeführt hatte.



    Bei vergleichbar virtuosen geistlichen Werken (ich denke z. B. an das “Et incarnatus est“ in Mozarts großer c-moll-Messe) liest man in Rezensionen oft etwas von einer zur Schau gestellten Virtuosität, die offenbar mehr dem Ruhme des Solisten als dem Ruhme Gottes zu dienen scheint... :rolleyes:


    Gerade in der Eingangsarie dieser Kantate ist Bach diesem Vorwurf meiner Meinung nach jedoch überhaupt nicht ausgesetzt – schließlich hält er sich eng an die Textvorgabe: Wie anders sollte er das „in allen Landen“ erfolgende „Jauchzen“ zum Lobe Gottes sonst vertonen, als mit geradezu überschäumenden Jubelrufen der Sopranstimme (und natürlich der mit ihr duettierenden Trompetenstimme)?
    Ein fantastischer Satz, der geradezu vor Glück und Freude leichtfüßig angehüpft zu kommen scheint! :jubel::angel::jubel:


    In diesem Zusammenhang sei auf eine Bearbeitung dieser Kantate hingewiesen, die Bachs ältester Sohn Wilhelm Friedemann Bach (1710-84) vorgenommen hat. Er fügte eine weitere Trompetenstimme und Pauken zum Orchestersatz hinzu. Meiner Meinung nach verfälscht dies den heiteren und leichtfüßigen Charakter der Kantate aber erheblich, indem das Ganze plötzlich einen pompös-herrschaftlichen Charakter bekommt, was zwar festlich klingen mag, aber der erwähnten leichtfüßig-fröhlichen Musik nicht mehr gerecht wird...


    In den meisten Solokantaten Bachs taucht keine Choralstrophe auf (die ja eigentlich ein unverzichtbarer Teil der „klassischen“ Bachkantate ist!) – die hier besprochene Kantate hingegen enthält sogar einen recht umfangreichen Choral:
    Der Solo-Sopran trägt die Choralweise vor und wird dabei von den 1. und 2. Violinen (in Kombination mit dem Continuo) umspielt. Ich habe keinen Hinweis finden können, ob diese Violinstimmen nun solistisch oder chorisch zu besetzen sind, so dass sich vermutlich jeder Interpret hierfür seine eigene Version wählen dürfte.


    Dem Choral folgt noch ein kurzes, jubelndes Alleluja!, in dem Sopran und Trompete noch einmal alles geben dürfen – auf einen derartigen Schlusspunkt wollte Bach wahrscheinlich ungern verzichten bei so einer Besetzung (und das kann ich gut verstehen)!

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • Zitat

    Original von MarcCologne
    BWV 51: Jauchzet Gott in allen Landen


    Es scheint fast unglaublich, dass der Sopransolist zu Bachs Zeiten ein ungefähr zwölf- oder dreizehnjähriger Thomaner gewesen sein soll. Ob Bach nicht eher die Gelegenheit hatte, diese herrliche und ausgesprochen virtuose Kantate für eine Sopranistin (oder vielleicht wahrscheinlicher für einen Sopran-Kastraten) zu komponieren? Eventuell war ein(e) Solist(in) gerade auf der Durchreise in Leipzig und stand für einen solchen musikalischen Einsatz spontan zur Verfügung?


    Ob die Solisten damals wirklich erst 12 oder 13 Jahre alt waren ?
    Knabensoprane waren zu Bachs Zeiten gern schon 15 oder 16 Jahre alt und verfügten oftmals über eine 7-8 jährige Chorpraxis.
    In wie weit hätte wohl in protestantischen Leipzig eine Frau oder gar ein Kastrat in der Kirche singen dürfen ?



    Zitat

    In diesem Zusammenhang sei auf eine Bearbeitung dieser Kantate hingewiesen, die Bachs ältester Sohn Wilhelm Friedemann Bach (1710-84) vorgenommen hat. Er fügte eine weitere Trompetenstimme und Pauken zum Orchestersatz hinzu. Meiner Meinung nach verfälscht dies den heiteren und leichtfüßigen Charakter der Kantate aber erheblich, indem das Ganze plötzlich einen pompös-herrschaftlichen Charakter bekommt, was zwar festlich klingen mag, aber der erwähnten leichtfüßig-fröhlichen Musik nicht mehr gerecht wird...



    Eine Einspielung von BWV 51 mit den Bearbeitungen von W.F. Bach beinhaltet diese



    CD.


    Gruß aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Gestern abend wurde auf HR2 das Konzert von Christine Schäfer mit dem HR-Sinfonieorchester unter Emmanuelle Haïm, u.a. mit der hier besprochenen Kantate live ausgestrahlt (Wiederholung des Konzerts wiederum auf HR2 am 25.9.2007, 20:00).


    Frau Schäfer äusserte im Pauseninterview ihre Zweifel, ob ein Knabe überhaupt in der Lage gewesen sein könnte, diese hochvirtuose Solostimme bewältigen zu können...

  • Guten Abend


    Zitat

    Original von wimmus
    Gestern abend wurde auf HR2 das Konzert von Christine Schäfer mit dem HR-Sinfonieorchester unter Emmanuelle Haïm, u.a. mit der hier besprochenen Kantate live ausgestrahlt (Wiederholung des Konzerts wiederum auf HR2 am 25.9.2007, 20:00).


    Frau Schäfer äusserte im Pauseninterview ihre Zweifel, ob ein Knabe überhaupt in der Lage gewesen sein könnte, diese hochvirtuose Solostimme bewältigen zu können...


    Wäre interessant zu wissen, wie man am 17.09.1730 das mit dem Solisten löste ? Ob in konservativen Leipzig wirklich eine Sängerin auftreten durfte oder ob Bach an diesem Tag ein durchaus fähiger Spopranist zur Verfügung stand, Bach hat ja einigen Studenten und Schülern Zeugnisse ausgestellt, in denen er ihre gesanglichen Leistungen hervorhub. Wiir werden es leider nicht erfahren.


    Gruß aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Guten Abend


    Zitat

    Original von wimmus


    Frau Schäfer äusserte im Pauseninterview ihre Zweifel, ob ein Knabe überhaupt in der Lage gewesen sein könnte, diese hochvirtuose Solostimme bewältigen zu können...


    In der Gesamtaufnahme der Bach´schen Kantaten durch N. Harnoncourt und G. Leonhardt wurde die Kantate 51 schon damals (1976), entgegen der bei diesen Einspielungen geübten Praxis die Sopranpartien durch Knaben singen zu lassen, bei der Einspielung -mit G. Leonhardt mit seinem Consort- die Sopranistin Marianne Kweksilber mit dieser Partie betraut. Eine heute durchaus noch hörenswerte Einspielung.


    Gruß aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Zitat

    Original von wimmus
    Gestern abend wurde auf HR2 das Konzert von Christine Schäfer mit dem HR-Sinfonieorchester unter Emmanuelle Haïm, u.a. mit der hier besprochenen Kantate live ausgestrahlt (Wiederholung des Konzerts wiederum auf HR2 am 25.9.2007, 20:00).


    Wie war denn der Eindruck am Radiogerät? Ich habe das Konzert live im Funkhaus gehört und bei "Jauchzet Gott in allen Landen" bleiben doch zwiespältige Gefühle zurück.


    Bei den virtuosen Stellen hat mich Christine Schäfer nicht überzeugt. Die Stimme wirkte unfrei und belegt, die Koloraturen wurden sehr vorsichtig, nicht souverän präsentiert.


    Vom Ausruck her aber aber sehr berührend: "Höchster, mache deine Güte". Schäfer verlässt hier nie eine mittlere Lautstärke, das wirkt sehr verinnerlicht und ist sehr wortgenau, das fand ich ganz toll.

  • nun, ich fand schäfers beitrag, sowohl den gesang, als auch das, was sie zur kantate von sich gab, nicht sonderlich berauschend. ich habe sowieso noch nie den großen schäfer-hype verstanden. alles ganz nett ...aber ... ?(


    erschwerend komt hinzu, daß bwv 51 eine der wenigen kantaten ist, die ich NICHT oder nur sehr schwer ertragen kann ...gerade den ersten 'jodel'-satz finde ich schrecklich .. wie 'exsultate, jubilate' von mozart ... ich kann mit dem ganzen melismatischen hyper-hokuspokus nichts anfangen .. (ist jedoch nur eine ganz pers. meinung; die meisterschaft bestreite ich nicht)


    und zu den knaben-solisten in der damaligen zeit sollte man bedenken, daß die knaben damals erst viel später in den stimmbruch kamen und somit eine wesentlich 'stärkere' stimme hatten als dies heutzutage bei den knaben der fall ist. evtl.waren auch leistungsbereitschaft und können 'besser' ausgeprägt als heute ... und dies bezieht sich nicht nur auf die sänger ..wenn man von den damaligen 'wundertaten' der sänger und instrumentalisten liest ...


    :hello:

  • Guten Morgen Alviano,


    mein Eindruck, äh:
    sie war perfekt, die Koloraturen enorm virtous, hochpräzise. Und doch - zumindest am Radio - eine gewisse Kühle und Glätte, zu wenig Emphase für mein Gefühl.


    Wenn ich Text und Zusammenhang betrachte, den MarcCologne so verdienstvoll hier dargestellt habe, dann kann ich nicht wirklich sagen, dass die "Botschaft" dieser Kantate mich erreicht hat.


    (Maarten t'Haart schreibt in seinem Bachbuch übrigens, dass diese Kantate einen Sopran ausserordentlichen Formats erfordert, jemanden wie Elly Ameling - wobei ich nicht weiss, ob sie dieses Werk je gesungen hat).

  • Sagitt meint:


    Tempo-spitzenmässig die arme Emma Kirkby,gejagt von Herrn Gardiner.
    Für die Fähigkeit, mit ihrer Stimme so umstandlos virtuos umzugehen, allerdings bestaunbar. Ob man das mag, ist eine ganz andere Frage.


    Mich würde auch interessieren, ob es eine Aufnahme mit Ameling gibt ?
    Erste Recherchen gaben kein Ergebnis.

  • Guten Morgen Sagitt,


    eine Aufnahme von BWV 51 mit Elly Ameling gibt es, Trompete Maurice Andre. Auch wenn die Aufnahme natürlich gar nicht dem ehrenwerten HIP- Kodex entspricht - man setzt klar auf Klangpracht- ist diese Aufnahme mein Favorit für " Jauchzet Gott in allen Landen"


    Elly Ameling sei Dank!!! :jubel::jubel::jubel:


    Hier kommt die Scheibe



    Leider derzeit nur für unverschämtes Geld beim Marketplace des Dschungelflusses!


    Gruß
    Stefan

  • Es gibt 2 Aufnahmen von BWV 51 mit Elisabeth Schwarzkopf, Harold Jackson Trompete. Sie outperformed ganz klar einige der Vorgenannten.


    Jauchzet Gott in allen Landen, BWV 51: no 1, Jauchzet Gott in allen Landen
    Conductor Peter Gellhorn
    Performer Elisabeth Schwarzkopf (Soprano)
    Harold Jackson (Trumpet)
    Ensemble Philharmonia Orchestra


    Gruss allegro_assai

  • Zitat

    Original von Alviano


    Wie war denn der Eindruck am Radiogerät? Ich habe das Konzert live im Funkhaus gehört und bei "Jauchzet Gott in allen Landen" bleiben doch zwiespältige Gefühle zurück.


    Bei den virtuosen Stellen hat mich Christine Schäfer nicht überzeugt. Die Stimme wirkte unfrei und belegt, die Koloraturen wurden sehr vorsichtig, nicht souverän präsentiert.


    Ich konnte Christine Schäfer am Nachmittag vor der CD-Aufnahme mit Reinhard Goebel und der Musica Antiqua Köln im Deutschlandfunk-Saal live erleben - das Ensemble hat mich voll überzeugt, klang locker und präzise, die Sängerin machte einen überforderten Eindruck. In der Pause konnte man im Foyer Expertenmeinungen überhören, die ihr eine für die Barockmusik unpassende Atemtechnik attestierten - ich fand sie nicht frei und souverän, und das nicht nur wegen der flotten, aber nicht gehetzten Tempi.
    Goebel vertritt in seinem CD-Text die These, Bachs zweite Frau habe diese Stücke gesungen, sozusagen als Antwort auf Hasse und Gattin in Dresden, und wie oft wenig Rücksicht auf spezifische Grenzen der Stimme genommen - konkret hatte ich hier den Eindruck, das Frau Schäfer nicht Goebels Wahl war, sondern ihm von der Plattenfirma "nahegelegt" wurde .....

  • Aus Goebels Booklet-Text:


    Zitat

    Geht man fehl, wenn man dem Engagement des Künstler-Ehepaares Johann Adolf Hasse / Faustina Bordoni auch Folgen für Leipzig unterstellt, in der Vermutung, daß auch Johann Sebastian Bach nach 1733 (dem Jahr von Hasses Einstellung als Hofkapellmeister in Dresden, für welches Amt sich auch Bach beworben hatte - Anm. von mir) seine singende Gattin vermehrt ins Spiel brachte? Wie auch ist der Befund zu deuten, das Bach nur weltliche Solokantaten für Sopran (und eine für Baß), nicht aber für Alt und Tenor komponierte? Übersteigen doch gerade in diesen Kantaten kompositorisch-künstlerische Qualität und Anforderungen an vokale Fähigkeiten alles bisher Gewesene!


    Im weiteren Zusammenhang (man lese den ganzen Text) finde ich diese Spekulationen durchaus plausibel.

  • Zitat

    Original von miguel54
    Aus Goebels Booklet-Text:



    Im weiteren Zusammenhang (man lese den ganzen Text) finde ich diese Spekulationen durchaus plausibel.


    Besten Dank für die Auskunft. :jubel:
    Aber mehr als ein netter, wenn auch plausibler Gedanke wird es wohl kaum werden. Und es verträgt sich nicht mit dem Gesangsverbot für Frauen in der Kirche. Dass "Bachs singende Gattin" bei der sonntäglichen kirchlichen Aufführung in Erscheinung getreten ist, wäre doch sicher überliefert worden.

  • Guten Abend


    Zitat

    Original von Hildebrandt


    Aber mehr als ein netter, wenn auch plausibler Gedanke wird es wohl kaum werden. Und es verträgt sich nicht mit dem Gesangsverbot für Frauen in der Kirche. Dass "Bachs singende Gattin" bei der sonntäglichen kirchlichen Aufführung in Erscheinung getreten ist, wäre doch sicher überliefert worden.


    Ein weiterer netter, auch plausibler, aber wirklich rein spekulativer Gedanke wäre irgend eine Verbindung zu knüpfen mit Bachs 2. Schwiegervater, den Hoftrompeter Casper Wilke, seiner als Sopran am Köthner Hof tätigen Ehefrau Anna Magdalena und Bach selbst als Komponist.
    Wie und was könnten die alle zusammen Musiziert haben :hahahaha: :pfeif::untertauch:


    Gruß aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Zitat

    Original von Hildebrandt


    Besten Dank für die Auskunft. :jubel:
    Aber mehr als ein netter, wenn auch plausibler Gedanke wird es wohl kaum werden. Und es verträgt sich nicht mit dem Gesangsverbot für Frauen in der Kirche. Dass "Bachs singende Gattin" bei der sonntäglichen kirchlichen Aufführung in Erscheinung getreten ist, wäre doch sicher überliefert worden.


    Gibt es da nicht eine Geschichte, dass Bach von seinen Vorgesetzten (Stadtrat? Kirchenleitung?) ausdrücklich verwarnt worden ist, weil er eine Frau in der Kirche hat singen lassen? Ich weiß leider nicht mehr, wo ich das gelesen habe. Vielleicht fällt es mir aber noch ein.


    Mit Gruß von Carola

  • Zitat

    Original von Carola



    Gibt es da nicht eine Geschichte, dass Bach von seinen Vorgesetzten (Stadtrat? Kirchenleitung?) ausdrücklich verwarnt worden ist, weil er eine Frau in der Kirche hat singen lassen? Ich weiß leider nicht mehr, wo ich das gelesen habe. Vielleicht fällt es mir aber noch ein.


    Die "frembde Jungfer, die er (1707?) hat auf den Chor bieten lassen", war seine erste Frau, Maria Barabara.
    Allerdings ist BWV 51 ja erst 1730 aufgeführt worden.

  • Zitat

    Original von Hildebrandt


    Besten Dank für die Auskunft. :jubel:
    Aber mehr als ein netter, wenn auch plausibler Gedanke wird es wohl kaum werden. Und es verträgt sich nicht mit dem Gesangsverbot für Frauen in der Kirche. Dass "Bachs singende Gattin" bei der sonntäglichen kirchlichen Aufführung in Erscheinung getreten ist, wäre doch sicher überliefert worden.


    Wohlgemerkt, es geht hier um weltliche Kantaten!

  • Guten Abend


    Zitat

    Original von Hildebrandt


    Die "frembde Jungfer, die er (1707?) hat auf den Chor bieten lassen", war seine erste Frau, Maria Barabara.


    So bewiesen ist das nicht, ebenso könnte es auch deren ältere Schwester Barbara Catharina gewesen sein. Und da die beiden Damen in Arnstadt wohnhaft und auch bekannt waren, könnte es sich auch um eine wirklich frembde Jungfer, sprich eine in Arnstadt bisher nicht bekannte, sonstige Weibsperson gehandelt haben.
    Der junge Bach hat seinen Arnstädter Vorgesetzten manch Kummer bereitet, Bildungsurlaubüberzug, Geyersbachaffäre, "wunderliche variationes" in den Chorälen, Weinkellerbesuch während der Predigt, ....,... :baeh01:


    Gruß aus der Kurpfalz


    Bernhard


    Gruß aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Zitat

    Original von miguel54
    Wohlgemerkt, es geht hier um weltliche Kantaten!


    Stimmt, ich war immer noch bei BWV 51 hängengeblieben. Dafür käme dann recht eigentlich nur ein "Knabensopran", also ein vielleicht 17jähriger Thomaner in Frage.


    Für die weltlichen Kantaten klingt Goebels These einleuchtend, vor allem wenn man an den "gar sauberen Soprano" denkt, den Bach seiner Frau attestiert. Aber ob er dafür den bewussten Gegensatz zu Hasse/Bordoni gebraucht hat?

  • Zitat

    Original von Bernhard
    Guten Abend



    So bewiesen ist das nicht, ebenso könnte es auch deren ältere Schwester Barbara Catharina gewesen sein. Und da die beiden Damen in Arnstadt wohnhaft und auch bekannt waren, könnte es sich auch um eine wirklich frembde Jungfer, sprich eine in Arnstadt bisher nicht bekannte, sonstige Weibsperson gehandelt haben.


    Stimmt ebenfalls. :jubel:
    Auch ich bin ein Spitta-Opfer, denn der hat diese Lesart in die Welt gesetzt.
    Wolff vermutet eine auswärtige Sängerin, die am Arnstädter Hof auftrat.

  • Zitat

    Original von Hildebrandt
    Aber ob er dafür den bewussten Gegensatz zu Hasse/Bordoni gebraucht hat?


    Das ist Goebels - wie ich finde, reizvolle - Spekulation. Da Bach die "Dresdner Liedchen" durchaus gerne gehört hat ...

  • Guten Tag


    Zitat

    Original von Hildebrandt


    Stimmt ebenfalls. :jubel:
    Auch ich bin ein Spitta-Opfer, denn der hat diese Lesart in die Welt gesetzt.
    Wolff vermutet eine auswärtige Sängerin, die am Arnstädter Hof auftrat.


    Wäre das auch einen Thread wert:
    "Bach Frauen" (oder "Bachs Weibergeschichten" :untertauch: ) ?


    Es wurde schon mal die These aufgestellt, dass J.S. Bach 2. Ehefrau Anna Magdalena eine Mätresse des Fürsten Leopold zu Anhalt-Köthen gewesen sein könnte.


    Gruß aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Zwischenzeitlich habe ich die Aufnahmen von Agnes Giebel und Elly Ameling (beide mit Maurice André) gehört. Beide Sopranistinnen sind nicht perfekt - aber: das ist bei einer Kantate dieser Schwierigkeitsstufe auch kein Wunder. Dennoch bewältigen sie gerade die virtuosen Stücke deutlich souveräner, als Christine Schäfer. Insgesamt sind Giebel und Ameling auch "leichter", das klingt alles selbstverständlicher.


    Bei Schäfer bleibt eine hohe Wortausdeutungskunst, bei etwas abgedeckten Höhen, unfreier Stimme und nicht gut bewältigten Koloraturen.


    Auch die Dirigentin E. Haim versuchte an einigen Stelle, direkten Kontakt mit ihrer Solistin aufzunehmen, die ihr in einer Pause bedeutete, die Höhe mache ihr Probleme.

  • Ich bin ein großer Freund der Solokantaten, auch von BWV 51. Dass ich aber von diesem Werk sechs Einspielungen besitze, hätte ich dann auch nicht gedacht – sie ist halt bei jeder Sammlung mit dabei. Der erste Satz ist für mich jedes Mal aufs Neue ein viel zu früh endendes Fest. Er ist mir der wichtigste der Kantate. Wenn er mich nicht anspricht, kann der Rest noch so gut gespielt sein, der Daumen zeigt nach unten. Ein kurzer Überblick:


    Gardiner, Kirkby, Steele-Perkins (Trompete)(1983):
    [am] B000051YD4[/am]


    Oben ist die Aufnahme bereits genannt worden. Gardiner spielt die Ecksätze in einem Wahnsinnstempo (1. Satz: 4:04). Mir ist das viel zu schnell. Sänger und Trompeter sprinten derart durch das Stück, dass nichts strahlend-schönes mehr bleibt. Gerade die Trompete verliert in dieser Interpretation jeden Reiz. Höchst beachtlich in technischer Hinsicht ist allerdings, dass und wie Kirkby es gelingt, dieses Tempo sängerisch umzusetzen.



    Leonhardt, Giebel, André (1966):


    Hell, strahlend, freudvoll, so soll es sein! Giebel singt durchaus nicht perfekt, da gebe ich Alviano Recht, wirkt an manchen Stellen etwas eng. Tempo, Tonfall und Stimmung dieser Aufnahme empfinde ich jedoch als absolut stimmig. Eine wundervolle Einspielung, meine absolute Lieblingsaufnahme dieser Kantate (1. Satz: 4:53).



    Richter, Stader, Bauer (1972)
    [am] B000024ZAZ[/am]


    Mir gefällt die Aufnahme nicht, was im Wesentlichen an der Solistin liegt. Stader findet nicht in die Jauchzet-Stimmung hinein. Sie klingt nicht freudig, sondern angestrengt. Die Stimme ist dünn, teilweise spricht sie nicht an. Die Koloraturen drücken keinen Überschwang aus, sondern wirken geleiert. Das Tempo ist bei Richter gar nicht so langsam, wie ich es erwartet hätte (1. Satz: 4: 41).



    Pommer, Frimmer, Güttler (1984)
    [am] B000028DFA[/am]
    (Die Kantaten-CD ist Teil der abgebildeten, empfehlenswerten 11-CD-Box)


    Güttlers Trompete ist superb. Kerniger, fokussierter als Andrés, trotzdem strahlend. Das Tempo ist zügig (1. Satz: 4:32), wirkt aber nie gehetzt. Frimmer hat nicht die Stimmqualität wie die erste Rieger ihrer Fachkolleginnen, singt aber sehr beachtlich, wenn auch insbesondere die Koloraturen nicht so sauber gesungen werden wie z. B. von Kirkby. Insgesamt aber ist die Aufnahme sehr erfreulich.



    Leusink, Holton, Williams (?)

    (Die Kantate ist auf CD IV-12 der abgebildeten Box enthalten - meine ist schwarz)


    Diese Aufnahme ist orchestral deutlich am schlechtesten. Das Orchester ist wackelig. Die Trompete hat hörbare Probleme. Holton kommt durch, das ist noch das Beste, was ich über diese Aufnahme zu sagen weiß (1. Satz: 4:26).



    Rifkin, Baird, ? (1986)
    [am] B0000042HM[/am]


    Deutlich am langsamsten geht Rifkin die Sache an (1. Satz: 5:07), mir zu langsam. So schleppend gespielt, klingt die Kantate fast schon langweilig. Baird muss man nicht gehört haben. Sie singt hauchig, mit einem leichten englischen Akzent, der zu einer leichten Wortundeutlichkeit führt. Rifkins Aufnahmen erzeugen ihre Spannung durch die solistische Besetzung. In einer Solokantate fällt dieses Moment weg, und nichts bleibt. Nein, Freude kommt hier nicht auf.



    Fazit: Die Aufnahme von Giebel unter Leonhardt ist mir die Liebste. Mit Gewinn höre ich zudem die Aufnahme unter Pommer wegen Güttler. Die vier anderen Aufnahmen sind deutlich abgeschlagen, Leusinks ist mit Abstand die schlechteste.


    Viele Grüße
    Thomas

  • Guten Tag


    J.S. Bach hat den Deckel des Umschlages der Aufführungsmaterialien für BWV 51 mit dem Zusatz mit der Angabe: "Dominica 15 post Trinitatis et In orgi Tempo", also "Zum 15. Sonntag nach Trinitatis und für jede Zeit" versehen. Durchaus könnte er diese Kantate auch für eine herausgehobene Festlichkeit des kirchlichen, öffentlichen oder höfischen Lebens komponiert haben. Denkbar wäre eine Aufführung am sächisch-weißenfelsischen Hof, wo der Typus der Solokantate für Sopran und Trompete beliebt war; hier käme wieder Bachs singende Ehefrau (samt seinen Trompetespielenden Schwiegervater) ins Spiel. Immerhin feierte Herzog Christian von Sachsen-Weißenfels im Februar 1729 seinen Geburtstag, Bach war eingeleden und brachte den Titel als Sachsen-weißenfelsischer Hofkapellmeister mit nach Hause.


    Gruß :hello:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Zitat

    Original von Bernhard
    Ein weiterer netter, auch plausibler, aber wirklich rein spekulativer Gedanke wäre irgend eine Verbindung zu knüpfen mit Bachs 2. Schwiegervater, den Hoftrompeter Casper Wilke, seiner als Sopran am Köthner Hof tätigen Ehefrau Anna Magdalena und Bach selbst als Komponist.
    Bernhard


    Ich spinne den Faden mal fort:


    Nach Dürr ist diese Kantate nach dem dritten Kantatenjahrgang und somit nach 1726 entstanden, als Datum der Leipziger Erstaufführung nimmt er den 17. September 1730 an. "Auffällig ist, daß der Text kaum mit den Lesungen des Tages in Zusammenhang gebracht werden kann, weshalb Bach auch den Titel auf dem Umschlag des Aufführungsmaterials mit dem Zusatz "et ogni Tempo" versehen hat. Gab es etwa an jenem Tage 1730 einen besonderen Anlaß zu feiern?"...


    Einen solchen Anlaß gab es mit dem weißenfelder Gastspiel tatsächlich. Im Februar 1730 war Bach mehrere Tage, anläßlich des Geburtstages des Fürsten in Weißenfels. Zu den Gastmusikern zählten nach Chr. Wolff neben Bach selbst auch Anna Magdalena Bach, ihre Schwester Christina, ebenfalls eine Sängerin, sowie deren Mann, der Zeitzer Hoftrompeter Johannes Andreas Krebs, der Altist Carl Gotthelf Gerlach sowie drei weitere Musiker.


    Mir scheint das auch gut möglich, dass diese Kantate bei dieser Gelegenheit aufgeführt wurde, entweder mit Anna Barbara oder Christine als Sängerin. Beide waren hier ja bekannt, sie haben an diesem Hof vor ihrer Verehelichung als "Singejungfern" gedient, und ein virtuoser Trompeter war auch zur Stelle. Also, so spekulativ finde ich das nun auch wieder nicht. Eher halte ich das für plausibel


    Beste Grüße


    Manuel García

  • Guten Abend,


    Könnte ich mir eine Lieblingskantate BWV51 basteln, dann wäre die Solistin auf jeden Fall Emma Kirkby, aber nicht, wie bei Gardiner, in diesem Affenzahn gesungen. Ich finde Gardiner hat hier die Möglichkeit verschenkt, eine Referenzaufnahme zu schaffen. Emma Kirkby ist m.E. unerreicht, da kommt keine andere Solistin mit! trotz des hohen Tempos: Ihr gelingt es, das "Jauchzen" zu vermitteln und mit welcher Souveränität und Sauberkeit sie die Koloraturen bewältigt! :jubel:
    Wie schon erwähnt: Leider hat man bei Gardiner das Gefühl, er müßte den letzten Zug noch bekommen...Schade!


    LG
    Juli