Musik der Renaissance

  • Anscheinend auch ein Gebiet das hier noch eher wenig vertreten ist.
    Dennoch sollte man mal das Wagnis eingehen und diese faszinierende Musik kennenlernen.
    Gemeint ist die musikalische Epoche von 1400-1600.
    Also vom späten Mittelalter bis zum Barock.
    Hier tauchen schon die ersten großen Namen der Musikgeschichte auf, wie Guillaume Dufay, Orlando di Lasso, Tomas Luis de Victoria, Tielman Susato, Giovanni Perluigi da Palestrina und Johannes Ockeghem um nur mal ein paar zu nennen.
    Man kann hier so viel endecken, großartige Chorwerke die langsam die Formen der Gregorianik verlassen um regelrechte musikalische Architekturen zu werden.
    Rhytmische Tänze und Lieder, verspielte Lautenwerke und hochkomplizierte Musik für Tasteninstrumente.
    Das 16. Jahrhundert, die Hochrenaissance, hat so viele Kunstschätze hervorgebracht, man denke nur an die frz. Schlösser Fontainebleau mit der Galerie Francois I. und dem Traumschloss Chambord.
    Dann die großen Herscher Henry VIII. und Carlos V. die dem Zeitalter ihren Stempel aufdrückten.
    Mittlerweile ist das Angebot mit Musik der Renaissance recht gut auf dem Markt vertreten, sie lassen diese Epoche von Luther, Columbus und da Vinci wieder lebendig werden - hier meine Lieblings CD's:


    Renaissance Masterpieces
    geistliche Musik der Renaissance
    Oxford Camerata / Summerly
    Naxos


    Tomás Luis de Victoria - Cantica Beatae Virginis
    La Chapella Reial de Catalunya - Hesperion XX / Savall
    Astrée


    Pierre Attaingnant - Chansons Nouvelles et Danceries
    Tänze und Lieder aus der Zeit Francois I.
    Ensemble Doulce Mémoire
    Astrée


    Tielmann Susato - Dansereye 1551
    eine der schönsten Sammlungen von Tänzen der Renaissance
    New London Consort - Pickett
    L'Oiseau - Lyre


    Henry VIII - All goodly Sports
    Kompositionen des wohl berühmtesten Renaissance Fürsten
    Ensemble Sirinu
    Chaconne / Chandos


    Carlos V
    ein musikalisches Portrait des Kaisers in dessen Reich die Sonne nie unterging
    La Chapella Reial de Catalunya / Hesperion XXI
    Alia Vox


    Musique de Ioye
    frz. Renaissance Tänze
    Hesperion XX - Savall
    Astrée


    Juan del Enzina - Romances & Villancicos
    Spanische Musik aus der Zeit von Columbus
    Hesperion XX - Savall


    Le Ballet Comique de la Royne 1581
    Das erste frz. Hofballett
    Ensemble Elyma - Garrido


    Jordi Savall ist einer der wichtigsten Interpreten alter Musik, mit Aufnahmen von ihm kann man eigentlich nie etwas falsch machen, sein Verdienst ist die Wiederendeckung der spanischen Musik des goldenen Zeitalters (natürlich hat er auch im gleichen Maße frz. Musik des 17. Jh. wieder zur Aufführung gebracht.) :jubel:
    Sein eigenes Label "Alia Vox" enthält einige der größten musikalischen Schätze, ich kann nur allen Interessierten raten sich diese Aufnahmen zu sichern (Repetoire vom Mittelalter bis zum Barock).

  • Salut,


    Danke Lullist für Deinen Beitrag, der sehr interessant ist. Schade, dass sich niemand dazu äußert, denn ich bin sehr begierig auf weitere Informationen, da ich mich mit dem Thema fast noch garnicht auseinandergesetzt habe...


    Viele Grüße
    Ulli

  • Hallo Ich werde wieder mal den "volkstümlichen " Teil dieser Epoche behandeln, oder sollte man vielleicht eher sagen die Werke mit "Ohrwurmcharakter" :D



    Michael Praetorius:
    Terpsichore Musarum (1612)Ricercar Consoert (La Bande des Violins) Dir F.Fernandez
    Ricercar Consort (Le Consort de Violes) Philippe Pierlot
    RICERCAR


    Entgegen ersten Befürchtungen scheint es diese CD doch noch bei Amazon zu geben.....


    Für jene, die interessiert sind, aber nicht unbedingt Vollpreis investieren wollen empfiehlt sich diese Naxos-Einspielung:



    Tänze aus Terpsichore
    Westra Aros Pipare/Bertil Färnlöf
    NAXOS


    Ein paar Infos zum Komponisten
    Michael Praetoris (1571-1621)


    Praetorius ist die latinisierte Form von Schultheiss, so war sein wirklicher Name.
    Er war unter anderem ein bedeutender Kirchenmusiker und Musiktheoritiker.


    Ohbwohl ihn heute nur wenige kennen, ist eines seiner Werke, ein Weinachtslied doch weltbekannt.


    "Es ist ein Ros entsprungen", haben wohl die meisten schon einmal gesungen. Der Komponist ist Michaeal Praetorius..


    Hier befassen wir uns aber mit weltlichen Dingen, mit Tanz.


    Praetorius komponierte 312 kürzere mehrstimmige Tanzstücke die er zu einer Sammlung zusammenfasste.


    Auf den von mir empfohlenen CDs befindet sich jeweils lediglich eine Auswahl, sodaß sich Überschneidungen in Grenzen halten werden.
    Dazu kommt noch, daß die Besetzung ja nicht vorgeschrieben war, was wiederum dazu führt, daß jedes Ensemble sie idividuell gestalten kann,
    ein durchaus reitvoller Aspekt. Auf diese Weise gibt es hunderte verschiedene Interpretationsmöglichkeitn. Urfassung ?
    Was ist das ? :D



    Terpsichore ist (lt Praetorius) eine Ableitung
    aus dem Griechischen und besteht aus den Wörten
    "erfreuen" und Tänze.
    Zudem kennen wir unter diesem Namen natürlich auch die Muse des Tanzes



    Beste Grüße


    aus Wien


    Alfred

  • Kleine Eränzung zu Terpsichore: (Muss leider sein :D )
    Was ich einfach nicht wirklich begreifen kann, wieso wird die Musik aus Terpsichore mit immer wieder mit Volkstümlichkeit in Verbindung gebracht?
    Die CD habe ich unter anderen auch,aber das Titelbild ist meiner Meinung nach vollkommen daneben.


    Diese Sammlung entstand in Zusammenarbeit mit dem frz. Geiger und Komponisten Francois Caroubel. Es sollte ein Gesamtwerk enstehen welche sowohl instrumentale als auch vocale Musik (weltliche sowei geistliche) umfassen sollte, doch fertig wurden nur die Tänze. Hiermit wollten die beiden Männer eine umfassende Edition an Musik ihrer Zeit verfassen, man beachte auch die Stiche die beigefügt wurden, auf denen alle üblichen Instrumente abgebildet waren.
    Diese Tänze sind aber zum größten Teil dem frz. Repetoire der Hofkapelle zur Zeit Heinrich IV. entlehnt. (Vieles davon war sogar noch bis zur Zeit Louis XIII und Louis XIV im Repetoire.)


    Wenn man es also genau betrachtet handelt es sich hier um eine Sammlung von frz. Standarttänzen des Hofes. Und schon damals begeisterte man sich für die frz. Hofhaltung nicht erst seit Louis XIV.
    Gerade bei der Einspielung mit dem Ricercar Consort wird dies deutlich.
    Obwohl ich diese Sammlung eher schon zur Barockmusik zähle:


    Die Aufnahme mit dem New London Consort / Pickett kann ich ebenfalls noch empfehlen.
    Es gibt auch noch eine ziemlich alte Aufnahme im Rahmen der Billig Serie bei DG - Tanzmusik um 1600, obwohl ur-alt immer noch hörenswert.

  • unbedingt empfehlenswert für Musik aus diesem Zeitraum sind die Aufnahmen des Huelgas Ensembles.


    Als herrausragende Einspielung sehe ich die die Hochzeitsmusik für die Verbindung von Ferdinando de' Medici und Christine de Lorraine 1589 an, Titel: La Pellegrina. Dieses Fest ist in historischen Quellen bis ins kleinste Detail, angefangen von Berichten von Augenzeugen, die beredtes Zeugnis des Spektakels geben, bis hin zu Rechnungen für irgendwelche Bedienstete, dokumentiert worden. Die Musik stammt von vielen Großen der damaligen Zeit: Cristofano Malvezzi, der die Hauptarbeit hatte, Emilio de' Cavalieri (vielleicht bekannt duch sein Rappresentatione di Anima, manchmal als erste Oper tituliert), Luca Marenzio, Jacopo Peri, Giulio Caccini und anderen. Wer mehr dazu lesen möchte, klickt hier.


    Eine andere, sehr lohnenswerte Scheibe dieses Ensembles, ist eine namens Utopia triumphans mit vielstimmigen Werken, man muß eigentlich sagen massenstimmigen Werken. Highlight ist sicherlich das 40 stimmige Spem in alium von Thomas Tallis, dass auf dem ebenfalls 40 stimmigen Ecce beatam lucem von Alessandro Striggio basiert. Mehr dazu liest der Interessierte hier.


    Thomas

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -

  • Da habe ich noch eine besondere CD endeckt und mir direkt zugelegt:


    Henry VIII and his Six Wives - David Munrow


    Dabei handelt es sich zwar um einen "Soundtrack" (der Film ist von 1972 glaube ich), aber ich finde das ist eine der besten Aufnahmen die ich bisher gehört habe.


    David Munrow wird vielleicht der eine oder andere Musikliebhaber kennen. Er war einer der Vorreiter der "Alten Musik" er arbeitet viel mit Hogwood zusammen und Pickett studierte bei ihm. Er beging dann noch in jungen Jahren Selbstmord.


    Bei dem Label "Testament" erscheinen einige seiner Einspielungen, damals natürlich für die LP.


    Für Henry VIII (mit Keith Mitchel in der Hauptrolle) entschied man sich zum ersten Mal Musik der Epoche zu verwenden und sie auch auf alten Instrumenten zu spielen. Bei bisherigen Kostümfilmen war dies nie gemacht worden.


    Um es kurz zu machen, hier sind einige bekannte Renaissance Tänze vertreten von Susato und Gervaise, sowie von Munrow selbst komponierte Musik, ebenfalls auf Renaissanceinstrumentarium.
    Zusätzlich gibt es noch Musik aus der Zeit des frühen 17. Jahrhunderts mit Dowland und Byrd etc. Greensleeves fehlt natürlich auch nicht.


    Die Aufnahme ist natürlich betagt und vielleicht nicht mehr up-to-date was die Interpretation anbelangt, aber die Spielfreude und die Begeisterung sind so spürbar, dass Aufnahmen z.B. von Pickett daneben zu akademisch wirken.


    Ich kann die CD nur empfehlen (den Film übrigens auch).

  • Eine CD, die ich kürzlich für mich entdeckt habe, und die sagenhaft gut ist, möchte ich hier anfügen.
    Der Titel der CD lautet Musica Vaticana. Es singt das Ensemble Pomerium unter der Leitung von Alexander Blachly. Das ist Chormusik vom Feinsten, absolut vergleichbar mit dem Huelgas Ensemble. Einen solch homogenen Chorklang hört man sehr selten. Und auch die Interpretation von Werken von Desprez, Festa, Genet, Mouton, Silva und Willaert läßt keine Wünsche offen. Es ist alles stimmig. Ich bin total begeistert!



    Thomas

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -

  • Also bei mir hat es kurz gesagt noch nicht gefunkt.


    Natürlich Dowlandlieder und Lautenstücke höre ich gerne, Monterverdi auch ( wenn man ihn zur Renaissance rechnen darf). Einfache Lautenstücke, wie manches aus der Attaingantsammlung, spiele ich auch gerne selber auf der Gitarre.


    Wo es aber bei mir hapert ist die sakrale Renaissancepolyphonie. Ich weiß, daß diese Musik von vielen hoch geschätzt wird. Immerhin habe ich eine CD mit Palestrinamessen, dann noch zwei Naxosscheiben ( Lamentationes und die von Lullist empfohlenen Masterpieces).


    Richtig gefunkt hat es bei mir wiegesagt noch nicht, obwohl ich gerade den Palestrina unbedingt noch mal hören möchte, weil er mir glaube ich doch gefiel.


    Ich werde mich -selbstverständlich - hüten, diese Musik abzubügeln, nur weil sie mir noch nicht so gefallen will. Wenn ich meinen Eindruck schildern sollte, wäre er ungefähr so: Na ja, ganz nett, das wird im schönen Fluß gehalten, aber irgendwie ist das eine Musik so ganz ohne Biß, alles harmonisch, vor allem ohne für mich erkennbare Melodik, langweilig und öde und irgendwie klingt ein Stück wie das andere.


    Interessant fand ich dann wieder ältere Sachen aus der Musika Novazeit, von der ich allerdings noch nicht viel gehört habe. Da gibt es dann glaube ich wieder Sachen, die richtig schön schrill klingen. Aber ich glaube die Renaissance ( und vielleicht auch das späte Mittelalter) ist sowieso ein riesiger musikalischer Kontinent.


    Mir ist schlicht noch nicht aufgegangen, worin der Reiz dieser Musik bestehen soll. Ich sollte auf jeden Fall den Palestrina noch mal hören, vielleicht kann ich mich ja sozusagen rückwärts, von der Spätrenaissance angefangen, an diese Musik herantasten. Für mich beginnt jedenfalls mit der Renaissancemusik wirklich die alte Musik, obwohl, wie ich das sehe, Renaissance und Barockmusik unter derm Überbegriff "alte Musik" subsumiert werden, ist für mich der Einschnitt zwischen Renaissancemusik und Barockmusik ein musikalisch viel gravierender, als der zwischen Barock und KLassik/Romantik. Barockmusik ist heute doch schon fast populär, was man von Josquin Deprez nun nicht behaupten kann.


    Die Sache ist natürlich auch die, daß ich Musik auch sehr nach dem Lustprinzip höre. So wird dann auch manches als "langweilig" in die Ecke gelegt. Ich höre in meine CDs noch mal rein.


    Gruß Martin

  • Ich habe diese Musik nicht über die geistlichen Werke endeckt, sondern über die höfische Musik dieser Zeit.
    Ganz oben habe ich ja einige CD's angesprochen, denn da geht es ganz anders zu als in den Werken von Palestrina und Victoria.


    Versuche mal folgende CD's - man kann ja auch erstmal im Plattenladen reinhören:



    Carlos V
    La Capella Reial de Catalunya / Hesperion XXI / Savall
    Eine der besten Renaissance CD's die ich kenne, Das Programm ist gemischt es reicht von Tänzen, Liedern und Fantasien bis hin zu sakralen Chorwerken.
    Auf dieser CD wird das Leben Carlos V. musikalisch nacherzählt.
    Da kommt garantiert keine Langeweile auf.



    Pierre Attaingnant - Chansons nouvelles et Danceries
    Ensemble Doulce Memoire
    Wie der Titel schon verrät sind hier Lieder und Tänze der frz. Renaissance vertreten.
    Die Interpretation ist außergewöhnlich schwungvoll und gehört zu den wichtigsten Aufnahmen mit diesem Repertoire.


    Die Tänze und die Lieder der Renaissance bestechen durch eine starke Rhythmik und da sind dann auch eine menge schöner Melodien dabei.

  • Hier einige von meinen Favoriten für diese Periode:




    Das Requiem kennt man ja, aber diese Aufnahme:



    Und meine neueste Endeckung, zufällig gefunden, wenn man dem Klappentext glauben darf "eine Weltersteinspielung" .... ich liebe diese Superlative... aber schön ist die Aufnahme trotzdem, unbekannte Stücke aus der toledaner Zeit von Morales:




    Herzliche Grüße, :hello: :hello:


    Christian

  • Mir ging es genau andersherum wie dem Lullisten: hab den Zugang über die geistliche Musik bekommen, die höfische Musik kenne ich nicht gut. Die Empfehlungen von Thomas zu " Musica Vaticana" und " Utopia triumphans" ( Lieblingstück: Josquins 24stimmiges " Qui habitat") kann ich nur nachdrücklich unterstützen - tolle Musik!!


    Heute nur noch eine andere Empfehlung : die lutherische Weihnachtsmette die McCreesh aus Werken von Michael Prätorius zusammengestellt hat. Gerade bei weihnachtlicher Chormusik ist Prätorius für mich stets erste Wahl!



    Ein andermal mehr!


    Gruß
    Stefan

  • Hallo Stefan,


    mir scheint, wir beide haben einen ganz ähnlichen Geschmack.


    Ein sehr beeindruckendes Stück ist das letzte auf dieser CD. Ein 5-chöriges In dulci jubilo von Michael Praetorius, ein sehr beeindruckendes prachtvolles Stück. Entnommen ist es aus der Sammlung Polyhymnia Caduceatrix et Panegyrica. Diese Sammlung ist im selben Jahr im Druck erschienen, wie das berühmte musikwissenschaftliche Werk Syntagma musicum, nämlich 1619. Den einzelnen Stücken der Polyhymnia hat Praetorius Anweisungen zur Aufführungspraxis beigefügt. Da heißt es z.B. bei einem Stück:


    In diesem hab ich die Capellam Fidiciniam durch und durch mit 4 Stimmen darzu gesetzet / nicht daß es also durch und durch mit vier Violen oder Geigen (welches auch wohl geschehen kann/) gemacht werden sollte; sondern daß man mit Lautten und Geigen / welches mit den beiden Buchstaben V. und L. sonderlich in dem Baß sub Num. 8 allzeit drunter gezeichnet / umwechseln könne. Wie ich dann dieserwegen einen absonderlichen Baß vor die Lauten / Theorben und Pandoren herauser gezogen / und in Nono oder Nona Parte zu finden ist.


    Werke aus der Polyhymnia gibt es auf einer Doppel-CD mit der Musica fiata Köln und der Capella ducale unter Roland Wilson. Hier ist auch wieder das prächtige In dulci jubilo enthalten, nicht so wuchtig wie bei McCreesh, dafür differenzierter und nicht weniger schön.


    Thomas

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -

  • Lieber Lullist,


    vielen Dank für Deine Tips. Wie ich es überhaupt für verdienstvoll halte, wenn hier Tips zur Renaissancemusik gegeben werden ( ich halte dieses Forum überhaupt für sehr verdienstvoll, weil dies sozusagen eine Quelle musikalischen Sachverstands ist).


    In den Palestrina habe ich gestern wieder reingehört. Der Anfang der Missa Papai Marcelli, das Kyrie, ist wirklich wunderschön, aber dann wirds wirklich zusehens langweilig. Ich kann an geistlicher Musik nicht diesen Bestandteil übersehen, daß es sich in den Dienst des rituell Sakralen stellt. Es fehlt mir da an Freiheit, Temperament und Indvidualität des Ausdrucks. Wurde nicht die geistliche Musik gerade in früheren Zeiten doch sehr von der katholischen Kirche gegängelt, oder sehe ich das falsch? Ich denke, ich werde mich bei der Renaissancemusik doch eher an die weltliche Musik halten.


    Wieweit die Gängelung durch die Kirche in früheren Zeiten des im Dienste der Kirche stehenden Künstler ging, wäre ohnehin ein Thema, das mich interessieren würde. Als Anregung zu einem Thread sozusagen, zu dem ich selber nicht viel beizutragen hätte. Ich habe halt nur den Klappentext zu meiner Palestrina CD gelesen, wo dann solche Dinge drin standen, daß gewisse Extrmisten auf Kirchenkonzilen sogar die Homphonie wieder einführen wollten, daß es dem Kirchenkomponisten auf jeden Fall verboten war, weltliche Musik in seinen Werken zu benutzen und daß Kirchenmusik nicht "die Sinne reizen sollte" und dergleichen und dann wohl in erster Linie dazu gedacht war, zur frommen Andacht beizutragen.


    Herzliche Grüße
    Martin

  • Um es mal ganz kurz und knapp zu formulieren. In der Periode der Ars Nova, also Spätmittelalter und frühe Renaissance wurde der gregorianische Choral durch die neuen komplizierten polyphonien der franko flämischen Schule überwuchert. Es entstanden solche musikalischen Architekturen wie das "Qui habitat" von Desprez, wundervolle Werke voller Komplexität.
    Aber die Kirche sah diese Entwicklung mit großen Argwohn entgegen, man verstand nicht mehr das Wort Gottes, also wurde ein Konzil einberufen um diesen Auswüchsen Einhalt zu gebieten.


    Palestrina soll der Legende nach mit der Missa Papeli Marcelli das Konzil davon überzeugt haben, dass es möglich ist, kunstvoll zu komponieren und die Verständlichkeit zu garantieren. Das Konzil wollte eigentlich wieder zu den Ursprünglichen gregorianischen Chorälen zurückkehren, doch der Stil Palestrinas setzte sich durch.

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Gerne möchten wir angeregt durch eine interessante Radioausstrahlung von DLF über italienische Madrigali des 16. Jahrhunderts den italienischen Komponisten


    Luca Marenzio * 1553 oder 1554; † 1599 in Rom vorstellen.


    Marenzio erhielt seine Ausbildung als Chorknabe durch den Kirchenkapellmeister G Contino in Brescia; er trat schon 1580 mit einer zu Venedig erschienenen Sammlung von Madrigalen als Komponist an die Öffentlichkeit, weilte um dieselbe Zeit am Hof des Königs von Polen, kehrte jedoch 1581 wieder nach Italien zurück und fand in Rom, zuerst in Privatkapellen, ab 1595 aber in der päpstlichen Kapelle, seinen Wirkungskreis. Er starb am 22. August 1599.
    Marenzio erhielt seine Ausbildung als Chorknabe durch den Kirchenkapellmeister G. Contino in Brescia. Er trat schon 1580 mit einer in Venedig erschienenen Sammlung von Madrigalen als Komponist an die Öffentlichkeit, weilte um dieselbe Zeit am Hof des Königs von Polen, kehrte jedoch 1581 wieder nach Italien zurück und fand in Rom, zuerst in Privatkapellen, ab 1595 aber in der päpstlichen Kapelle, seinen Wirkungskreis.
    Marenzio ist namentlich durch seine Madrigale bekannt geworden, welche ihm den Beinamen des "piu dolce cigno d'Italla" einbrachten, hat sich jedoch auch als Kirchenkomponist glänzend bewährt. Durch die Kühnheit seiner Modulation und den freien Gebrauch der Chromatik erscheint er als Vorläufer der bald nach seinem Tod zur Herrschaft gelangten dramatischen Musik, wiewohl ein 1585 aufgeführtes, von ihm komponiertes Festspiel (intérmedio): "Il combattimento d'Apolline col serpente", noch ganz im herkömmlichen Madrigalstil gehalten ist. Er kann als Vorgänger Claudio Monteverdis gelten.
    Ein Vokalensemble das sich sehr für die Musik Marenzios einsetzt ist das Ensemble "La Venexiana" aus Florenz.
    Benannt nach dem Titel eines Commedia-dell'Arte-Stücks stellt sich das Ensemble in diese "theatralische" Tradition: Es gibt sich heiter und hintergründig, spontan und nachdenklich, musikantisch und sorgfältig und vereint dabei perfekte Intonationssicherheit, vokale Klangschönheit und subtile Sprachbehandlung. Madrigalkunst in höchster Vollendung soviel wir wissen immer ohne instrumentale Begleitung.


    Als Beispiel ihrer zahlreichen Aufnahmen möchten wir folgende Aufnahme erwähnen;



    Herzliche Grüsse


    romeo&julia

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Eine Aufnahme die wir kürzlich erworben haben stammt von dem uns bis anhin unbekannten italienischen Komponisten
    Salvatore Sacco



    bei carus erschienen.


    Von dem mutmaßlichen Palestrina-Schüler Salvatore Sacco ist lediglich eine Sammlung geistlicher Musik aus dem Jahr 1607 überliefert. Die vorliegende Aufnahme stellt erstmals den überwiegenden Teil dieser Kompositionen vor, und zwar im Rahmen der Rekonstruktion eines Marienfestes. Die Rekonstruktion erfolgte auf der Grundlage intensiver musikalischer und liturgischer Studien und stellt die Werke Saccos zurück in ihren historischen Kontext – eine Zeit, in der die Mehrchörigkeit der römischen Schule ihren Höhepunkt erreichte. Eine lohnende Begegnung mit dem zu Unrecht noch unbekannten Meister der römischen Vokalpolyphonie.
    Eine klangvoll-warme Interpretation des italienischen Ensembles Templum Musicae unter der Leitung von Vincenzo Di Donato.


    Herzliche Grüsse


    romeo&julia

  • Zitat

    Original von Martin
    Ich kann an geistlicher Musik nicht diesen Bestandteil übersehen, daß es sich in den Dienst des rituell Sakralen stellt. Es fehlt mir da an Freiheit, Temperament und Indvidualität des Ausdrucks. Wurde nicht die geistliche Musik gerade in früheren Zeiten doch sehr von der katholischen Kirche gegängelt, oder sehe ich das falsch?


    Siehst du, so können sich Geschmäcker unterscheiden! Ich schätze an der geistlichen Musik der Renaissance gerade ihre große Spiritualität, das wahrhaft kultische und rituelle, das schon bei Bach bröckelt und in der Kirchenmusik der Klassik und Romantik vollständig zu Gunsten effektvoller Musik aufgegeben wird...

  • Als Tirolerin kann ich dazu auch etwas berichten. Am Hofe Kaiser Maximilians wurde die Musik hoch geschätzt. Es war denkwürdig, als 1503 Maximilians Sohn Philip auf der Durchreise Station in Innsbruck machte. In der Innsbrucker Pfarrkirche St. Jakob trafen sich die besten Sänger und Instrumentalisten jener Epoche, die kaiserliche Kapelle traf auf die burgundische Kapelle, die Musiker des Vaters mit denen des Sohnes Philipps des Schönen. Werke der Komponistenelite standen auf dem Programm: ein Requiem von Pierre de la Rue und eine Messe von Heinrich Isaac. An der Orgel saß der damalige "König" dieses Instruments, der europaweit bekannte Paul Hofhaimer.
    Maximilians Reise ins Burgund zu seiner Braut veränderte sein ganzes Leben, er eiferte dem dortigen musikalischen Standard nach. Er engagierte den in den Diensten der Medici stehenden Heinrich Isaac. 1496 trat auch ein Knabe in den Dienst der Kapelle ein, Ludwig Senfl aus Basel, Hofheimer, Isaac und Senfl ein geniales Dreiergespann.
    Paul Hofhaimer folgte dem Kaiser drei Jahrzehnte im Sattel, damit er "ihm zu kuniglichen Tagen im Raich oder sunst" mit seiner Kunst gewärtig sein konnte. Nach diesen strapazreichen Jahren war Meister Paulus froh, dass er dann nicht mehr "wye ayn zigeyner" herumreisen musste, und kümmerte sich auf Reichstagen und im Rahmen öffentlicher Zeremonien um die Belange der kaiserlichen Musikuntermalung. Er fungierte auch als Lehrer (seine Schüler nannten sich Paulomimen) und wurde von Dürer und Cranach portraitiert. Maximilian verlieh ihm den Adelstitel und erteilte ihm den Ritterschlag, somit erklomm er eine Hierarchie, die bei einem Musiker äussert selten zu finden war. Paracelsus: Was Dürer für die Malerei, bedeutet Hofhaimer für die Musik.
    Heinrich Isaac wurde am Hof in Innsbruck angestellt, somit war er der erste österreichische Hofkomponist. Er beherrschte sämtliche Stile vom italienischen Lied bis zur niederländischen und burgundischen Kirchenmusik. Seine Werke, u. a. der Choralis Constantinus waren weit um bekannt. Noch heute wird das Lied "Innsbruck, ich muss dich lassen" gesungen, welches nicht von ihm stammt, jedoch durch seine Bearbeitung der Nachwelt (uns) übermittelt wurde. Isaac war überall in Europa gefragt, am Hof in Ferrara wollte man ihn fest anstellen, entschied sich jedoch für Josquin des Prez, der ähnlich hohes Ansehen genoss.
    Isaacs berühmtester Schüler war Ludwig Senfl, Altist in der Hofkapelle, Notenschreiber und Nachfolger als Hofkomponist. Er schrieb 16 Chorbücher für den Kaiser, hunderte Lieder und Motetten, auch Messen. Mit der Liedersammlung Liber selectarum cantionum, Augsburg 1520) huldigte er dem Kaiser als einem großen Mäzen. Dieser wiederum nutzte die Musik nicht nur um sein Image zu pflegen, obwohl diese Funktion der wichtigste Faktor war, wie etwa ein Aufzug zu Wien im Jahr 1515 mit 45 Trompetern und sechs Paukenschlägern ritt Maximilian den Königen von Ungarn und Polen entgegen. Ob er selber musizierte weiss man nicht, er beabsichtigte jedoch ein MUSICA-PUECH zu schreiben.
    1492 kam mit Pierre de la Rue, der sich selber als "Cantor Romanorum Regis" bezeichnete, einer der berühmtesten zeitgenössischen Komponisten an Maximilians Hof. Im Jahr 1498 verkündete die "Römisch Kunigliche Majestät" dass sie "zu Wien ain Capellen auffzurichten furgenommen hat".
    Die Hofkapelle war ein Teil des Hofstaates und bestand aus Sängern, dem Organisten und dem Notenschreiber. Geleitet wurde sie vom "Obrist Caplan und Cantor", später Capellenmeister genannt. Die Sängergruppe gestaltete vorwiegend die Messen, sang aber auch zur Unterhaltung französische und italienische Lieder oder Motetten.
    Bei den Instrumentalisten erhöhte Maximilian deutlich die sonst übliche Zahl auf 15 Trompeter, vier "Geigern" (Violen), weiters vier Posaunisten, zwei Pauker, ein oder zwei Trommler, zwei bis drei Lautenspieler und eine Anzahl von "Pfeifern" (Schalmeien und andere Holzblasinstrumente). Im kleinen Rahmen erklangen Gamben, Fideln, Zimmerorgeln und Harfe.
    Trotz Maximilians Liebe zur Musik konnte es passieren, dass Musiker aufgrund dauernder Geldknappheit nicht entlohnt werden konnten, und mal sie mit holländischem Tuch anstatt mit Bargeld abzufertigen versuchte. Im Jahr 1495 begleiteten die Hoftrompeter Maximilian auf den Reichstag nach Worms. Nach Beendigung desselben konnten sie jedoch nicht abreisen, da sie nicht imstande waren, die Kosten des Gasthauses zu begleichen. Selbst ein Jahr später hielten sich die Trompeter noch in Worms auf! Maximilian befand sich inzwischen auf einem Kriegszug in der Lombardei und benötigte seine Musiker "dann wir tanzen hie stetige an = ohne ain Pfeifer und auf ainer Stelzen" So bekam der Hofmeister den Befehl nach Worms abzurücken und die Trompeter "gen Meyland" zu schicken.
    Ein besonderes Kuriosum jener Zeit sind die Moreskentänzer. Jeder Besucher Innsbrucks kennt das Wahrzeichen der Stadt, das Goldene Dachl, den von Maximilian an der Südfassade des "Neuhofes" angebrachten Prunkerker, dessen Name sich von den 2657 vergoldeten Kupferschindeln ableitet. Betrachtet man den Balkon des Erkers genauer, erkennt man zahlreiche Relieffiguren, die um die Brüstung angebracht sind, die sich als Akrobaten oder Tänzer entpuppen. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen sind den Ursprüngen und der Bedeutung der 'Moreskentänzer' näher gekommen, ohne jedoch eine schlüssige Erklärung zu finden, es schaut aus, als ob die exotisch wirkenden Künstler ihr Geheimnis nicht ganz preisgeben wollen. Anfangs war man der Annahme, der Name stamme von einem slawischen Volkstanz ab, bis hin zum polnischen Nationaltanz "mazurka". An dieser These hielten Kunsthistoriker im 19. Jahrhundert fest. Fraglich ist auch die nachfolgende These, der Moreskentanz habe spanische Wurzeln. Die muslimische Bevölkerung der Iberischen Halbinsel nannte man "moriscas", welche nach dem Fall von Granada (1492) im Zuge der Reconquista zwangsgetauft wurden und zumindestens vertraglich der christlichen Bevölkerung gleichgestellt waren. Diese "moriscas" hätten einen Tanz entwickelt, der im 15. Jahrhundert in ganz Europa Verbreitung fand. Ebenso die Meinung, die Tanzform solle die Glaubenskämpfe zwischen Christen und Mauren darstellen, ist fragwürdig. Wahrscheinlich ist, dass der Begriff "moresken" durchaus vom spanischen "moriscas" abgeleitet wurde, und man damit etwas Exotisches undFremdländisches beschreiben wollte. Neue Untersuchungen haben ergeben, dass jedoch diesselbe Tanzform bereits am Hofe von Neapel um 1400 von Künstlern dargebracht wurde. Neapel, Schmelztiegel vieler Kulturen (Griechen, Afrikaner, Muslime, Normannen, Juden) scheint demnach als Entstehungsort der Tanzform am wahrscheinlichsten. In Burgund gab es einen Sprungtanz "á la moresca", der auch in einer Variation als Gruppentanz gegeben wurde. Diese Tanzform scheint sich grosser Beliebtheit erfreut zu haben, sodass sie auch im Englang des späten 15. Jahrhunderts als "morris-dance" nachweisbar ist. Bei den Tänzern selbst handelte es sich um fahrende Künstler, vergleichbar mit späteren Zirkusartisten, meist aus Südeuropa stammend. Die Tänzer trugen bunte und eng anliegende Gewänder und ausgefeilte Kopfbedeckungen. Die am Knie, an den Armen und Gelenken angebrachten Schellen hatten den Takt zu unterstreichen und den Rhythmus zu verstärken. Es ist schwierig zu sagen, nach welcher Musik die Moresken sich zu bewegen hatten, Darstellungen ergeben einen 2/4 Takt, nach dem sich die Künstler durch Hüpfen und Stampfen orientierten.
    Weniger bekannt sind die Schnitzereien von Moresken am Chorgestühl der Pfarrkirche in Kappenberg (Hessen), sowie am Marienaltar des Krakauer Domes.

    WHEN MUSIC FAILS TO AGREE TO THE EAR;
    TO SOOTHE THE EAR AND THE HEART AND SENSES;
    THEN IT HAS MISSED ITS POINT
    (Maria Callas)

  • Hallo Nala


    Danke für Deinen interessanten Beitrag.


    Hallo liebe TaminoanerInnen


    Wir möchten hier den Einfluss von Geld und dem Buchdruck auf die Musik in der Renaissance beleuchten.


    Die Musik und der Buchdruck der Renaissance im deutschsprachigen Europa „Ein Geschäft“


    (Der Einfluss des Geldes auf die Musik)



    Ohne Geld hätten so hochbegehrte Fremde wie Heinrich Isaac und Orlando di Lasso vermutlich nie einen Fuss in deutsche Lande gesetzt. Ohne Geld hätten Drucker wie Petreius, Gardano und Petrucci vermutlich nie ein einziges Musikstück gedruckt. Ohne Geld, Kapitalismus, Handel und Banken hätte Musik an Höfen und in Kirchen, in Universitäten und Tanzhäusern, in Privathäusern und Bankettsälen vermutlich nicht existiert.
    In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts hatten Menschen aus dem deutschen Sprachraum einen immensen Einfluss auf den Druck von Kirchenmelodien mit Hilfe des Holzstocks. Etwas später, in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, spielten sie auch eine wichtige Rolle in der Entwicklung des Druckes von Mensuralmusik mit Metalltypen. Als zwischen 1501 und 1503 der venezianische Drucker Petrucci seine alphabetische Reihe mehrstimmiger Lieder herausbrachte, veröffentlichte der Ausgburger Drucker Erhard Oeglin mehrstimmige Vertonungen der Oden des Horaz und der Basler Drucker Georg Mewes vier Messen von Jacob Obrecht. Und während in der zweiten Dekade des Jahrhunderts „frottole“ und „strambotti“ von den italienischen Pressen rollten, publizierten die Verlage Oeglin, Schoeffer und Arnt von Aich die ebenso bedeutenden Sammlungen deutscher Tenorlieder – nicht für den gebrauch am Hof, sondern auch für die gebildeten Bürger der deutschsprachigen Gesellschaft Zentraleuropas.
    Vergleicht man den Output deutscher Musikdrucker mit demjenigen zeitgenössischer französischer, italienischer oder flämischer Drucker, so zeichnen sich zwei Aspekte ab, die als charakteristisch gelten können. Zum einen veröffentlichten Musikdrucker im deutschsprachigen Raum ein sehr internationales Repertoir und zum anderen gaben sie zahlreiche pädagogische Bücher heraus, die den Schülern der örtlichen Lateinschulen – oder generell jedem, der Latein lesen konnte – die Kunst des Singens beibringen sollten.
    Der Verlag von Johannes Petreius in Nürnberg veröffentlichte von 1536 bis zu seinem Tod im Jahr 1550 21 Musiktitel. Weniger als zwei Dutzend innerhalb von 14 Jahren – das klingt zunächst nicht sehr eindrucksvoll, besonders wenn man es mit dem Output von Tilman Susato vergleicht, der im gleichen Zeitraum fast doppelte Anzahl umfasst, oder mit dem des königlichen franzöischen Musikdruckers Pierre Attaingnant, der fast fünfmal so viel gedruckt hat. Andererseits: Wenn man in Erwägung zieht, dass Petreius, anders als Attaingnant oder Susato, 750 weitere Bücher veröffentlichte, von denen kein einziges mit Musik zusammenhing, so bilden die von Petreius veröffentlichten 21 Musikeditionen ein eindrucksvolles Zeugnis seines geschäftlichen Scharfsinnes.
    Petreius und viele seiner Kollegen produzierten Musikeditionen als Zugabe zu ihrem täglichen Brot. Petreius veröffentlichte insgesamt gut 1000 Musikstücke, darunter Tenorlieder, Chansons, Madrigale, Psalmenvertonungen, Messen, Motetten, Hymnen, Magnificat-Sätze, Sequenzen, Antiphonen, Oden, Instrumentalsätze und Intavolierungen sowie eine grosse Zahl von Ausschnitten aus unterschiedlichsten Stücken, die als Beispiele zu theoretischen Diskussionen gedruckt wurden. Der Verschiedenartigkeit der Musik entspricht die Mannigfaltigkeit der Komponisten, von denen nur ungefähr ein Drittel aus deutschsprachigen Gebieten stammte; die Mehrheit kam aus Frankreich und aus den Niederlanden, und zu ihnen gehörten so gefeierte Grössen wie Ockeghem, Obrecht, Josquin, Brumel, Sermisy, Jannequin, Gombert und Willaert. Die Karrieren all dieser Komponisten umspannen fast ein Jahrhundert der wesentlichen Musikgeschichte; französische, italienische und flämische Drucker neigten dagegen dazu, ihre Aufmerksamkeit auf die zeitgenössische Musik zu richten, die von ihren Landsleuten komponiert wurde.
    Es ist auszuschliessen, dass ein Drucker wie Petreius Musik veröffentlichte, die fast ein Jahrhundert alt war, wenn es nicht einen Markt dafür gab. Tatsächlich wissen wir, dass zwei Motetten des 15. Jahrhunderts, gesetzt von den kaiserlichen Hofkomponisten Johannes Brassart und Johannes De Sarto, in Basel einstudiert und wohl auch aufgeführt wurden, und dies möglicherweise noch im Jahr 1547. Gleichzeitig wissen wir, dass die meisten musiktheoretischen Schriften, die von deutschen Druckern im 16. Jahrhundert veröffentlicht wurden, minuziös die Notation erklärten, die in der Musik des 15. Jahrhunderts üblich war. Dennoch verwendete praktisch kein Komponist im 16. Jahrhundert diese alte musikalische Notation. Das könnte bedeuten, dass die Lagerbeständigkeit der Musik des 15. Jahrhunderts die Lebenszeit ihrer Komponisten überstieg und dass einige Drucker eine gebildete Öffentlichkeit mit den entsprechenden Handbüchern versorgte.
    Orlando di Lasso komponierte unglaublich viel in unglaublich vielen verschiedenen Stilen. Er deckte jeden vorstellbaren Bedarf am Musik in seiner Gesellschaft ab, schrieb in praktisch jeder bekannten Gattung seiner Zeit und wenn er die Gelegenheit sah, neue Msuik für einen neuen Absatzmarkt zu komponieren, tat er es. Wenn Lasso eine Hitsammlung von Chansons hatte, wurden die Texte ins Deutsche übersetzt und die Musik neu gedruckt; dadurch gelang es ihm, mehr von seinen Waren zu verkaufen.
    Dienlich war diesen Komponisten ein ganz eigenartiges Hilfsmitel. Es war die „cartella“, eine löschbare Tafel, auf welcher der musikalische Satz ausgearbeitet wurde. Mit Hilfe der „cartella“ konnte die Musik ausgeschrieben und auf ihre Qualität geprüft weren, bevor sie auf das kostspielige Papier übertragen wurde. Die „cartella“ war also eine Art Föderband, ein Platz zum Zusammenbauen der einzelnen Klumpen von Musik, und sie konnte wieder und wieder verwendet werden.
    Dass die Komponisten produktiver sein mussten, um mit der Nachfrage Schritt zu halten, kann der demographischen Entwicklung zugeschrieben werden, gemäss der sich die Bevölkerung in Westeuropa zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert fast verdoppelte.
    Unter der Führung von Jacob dem Reichen war die Dynastie der Fugger für die unglaubliche musikalische Blüte des 16. Jahrhunderts verantwortlich. Ob wir von der Musik am Hof Kaiser Maximilians oder von derjenigen an der Augsburger St.-Anna-Kirche sprechen: Es war das Geld der Fugger, das sie geschehen liess, dass Orlando di Lasso in München eine bemerkenswerte Karriere sicherte. Viele von Fugger bezahlten Musikhandschriften und Musikdrucke sind nun in der Bayerischen Staatsbibliothek München aufbewahrt. Und über die routinemässige Bereitstellung von Darlehen für Maximilian I., Sigismund von Tirol, Karl V., König Ferdinand und Philip II. war es das Geld der Fugger, das die Musikproduktion an vielen Höfen und Kapellen Europas massgeblich unterstützte, bevor die Familie als Folge einiger schlechter Geschäfte mit Spanien 1590 unterging.


    Herzliche Grüsse


    romeo&julia

  • Guten Tag


    hab in meinem Plattenschrank gestöbert und einige Musikschätze der Renaissance hervorgekramt:



    Das Ensemble "Les Flamboyantes" spielt gekonnt Instrumentalmusik von Alexander Agricola, Petrus Bourdon, Antonie Busnoys, Hayne van Ghizehem, Heinrich Isaac, Jean Japart, Jacob Obrecht, Josquin Despres und Johannes de Stocken; reinste Renaissancekomponisten.


    Ein musikalischer Hochgenuß :jubel: :jubel:


    Gruß aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Guten Abend


    eine neue CD mit Musik der Renaissance



    über


    Das Lochamer Liederbuch - Gesänge aus Deutschland (15.Jh.)




    erscheint in diesen Tagen.
    Das Lochamer Liederbuch beinhaltet eine Sammlung von Liedern um die Mitte des 15. Jhs. und wurde von einem wohlhabenden und gebildeten Bürger aus dem Nürnberger Raum zusammengetragen. Es enthält 41 Gesangsstücke, später wurden der Sammlung noch ein Instrumentalteil mit 32 Bearbeitungen hinzugefügt. Die Vokal- und Instrumentalsammlung entstand vermutlich im Umfeld des blinden Organisten und Lautenspieler Conrad Paumann.


    Gruß :hello:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard


    (hab diese CD heute bestellt)

  • Hallo,


    am 29.03. fand in der Egidienkirche Nürnberg ein Konzert unter der Überschrift „Musik für Kaiser Karl V.“ statt. Hauptsächlich ging es dabei um Musik, die in den Sammlungen von Petrus Alamire zu finden sind.
    http://www.ardmediathek.de/rad…=19028574&bcastId=5963256


    Ein Großteil dieser Noten befindet sich in Wien, Nationalbibl. – Jena, Uni-Bibl. - Brüssel, Bibliotheque royale


    Die Ausführenden (nur die Instrumente):
    „TASTO SOLO“ – Clavisibalum, Orgelportativ, Gotische Harfe, Truhenorgel
    Leitung Guillermo Perez
    https://www.youtube.com/watch?v=ZqMIBJGQ8WU Dieses Stück dient nur als Hörbeispiel.


    https://www.youtube.com/watch?v=ApdpruCCGU0 Hörbeispiel
    http://www.google.de/imgres?im…YgK&sqi=2&ved=0CCkQ9QEwAQ



    “schola cantorum nürnberg” – SSATB
    Gesamtleitung Pia Prätorius
    Die „schola…“ erledigte ihre Aufgabe mit Bravour, dennoch musizierte „TASTO SOLO“ in einer anderen Klasse.


    Leider fand ich bei YouTube nur wenige Aufnahmen von Stücken des Konzerts; das mag daran liegen, dass es m. E. oft nur Teile (die zwar benannt waren) aus größerer Komposition (die nicht genannt waren) zu hören gab, sodass meine Chancen bei YouTube gering sind.
    https://www.youtube.com/watch?…SV1XlgG2OpVb-dEX0geZb5MN6
    https://www.youtube.com/watch?…OpVb-dEX0geZb5MN6&index=1 Agnus Dei ab 41:06


    Hier sollte noch die Missa virgo parens Christi von Jacobus Barbireau als YouTube-Link kommen, dieser ist aber nun gesperrt.


    Nicht gefunden habe ich spezielle Stücke von Alexander Agricola, Pierre de la Rue, Josqiun des Prez, Loyset Compere, Jean Richafort.


    Der musikalische Hochgenuss wurde ergänzt durch z. T. bewegte Dia-Projektionen (auf einer großen Leinwand) von kunstvoll gestalteten Noten-Handschriften aus den Sammlungen von Petrus Alamire.


    Viele Grüße
    zweiterbass (11203)

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • (Im Booklet finden sich alle Texte zu den Liedern und Chören.)


    Hallo,
    bei der Renaissance-Musik aus Nürnberger Handschriften handelt es sich um Werke aus den 450 Werken umfassenden 23 Chorbüchern zwischen 1573 und 1597 der Egidienkirche, Nürnberg (aufbewahrt in der Staatsbibliothek Berlin, dem Landeskirchlichen Archiv der ev. Kirche, Bayern und dem Germanischen Nationalmuseum, beide in Nürnberg). Gesammelt, ausgewählt und herausgegeben vom Egidier Kantor Friedrich Lindner, im Auftrag des Rates der „Freien Reichsstadt Nürnberg“. Lindner griff nicht nur auf vorhandene Werke zurück, es wurden ihm auch von vielen Komponisten Werke zur Herausgabe überlassen, sodass sich unter den Werken auch etliche Unikate befinden, die nur in den 23 Chorbüchern überliefert sind. Erleichtert wurde diese Arbeit durch das damals bedeutende Notendruckzentrum in Nürnberg.




    Ausführende:
    Egidienchor Nürnberg (10 Soprane, 7 Altistinnen, 7 Tenöre und 7 Bässe) - der bedeutendste Kammerchor Frankens.
    Schola Cantorum Nürnberg (2 Soprane, 1 Altistin, 3 Tenöre und 3 Bässe), welche überwiegend die Solopartien übernahmen.
    Ensemble „I Fideli“ – Zink, Tenorzink, stiller Zink – 3 Dulziane in 2 Stimmlagen, Pommer,
    Blockflöte – 3 Posaunen in 2 Stimmlagen – Orgel-Regal
    Lauten-Consort – 4 Knickhalslauten, SATB
    Gamben-Consort – 4 Gamben, SATB und Violone


    Gesamtleitung Pia Praetorius


    Komponisten:
    L. Lechner, Stephano Felis, Silvio Marazzi, A. Gabrieli, Philipp de Monte, Marc‘ Antonio Ingegneri, H. L. Hassler, O. di Lasso, Annibale Stabile, Claudio Merulo


    Einige Bemerkungen:
    Nr. 1 L. Lechner – Resurrexit – nach der Andeutung einer Antiphon erfolgt eine polyphone Vertonung – nur das erste „Halleluja“ hört sich, weil einstimmig gesungen, homophon an. Die Harmonik incl. der Instrumentalbegleitung lässt jede Freude über die Auferstehung (nach unseren heutigen Hörgewohnheiten) vermissen.
    Nr. 3 Stephano Felis – Gloria aus der Missa super voces musicales – das festliche, hymnische Gepräge durch Posaunen und Pommer verstärkt der Sopranzink noch wesentlich – durchgehend polyphon.
    Nr. 4 Silvio Marazzi – Dum transisset Sabbatum, Maria Magdalena… (Namensgeberin für die CD; Auferstehung ist das Konzept der Werkauswahl für die CD). Kanonartig beginnend, polyphon und homophon, Sänger/innen und Instrumente wechselnd, auf einem Oktavakkord homophon endend; Sopranzink und Lauten in adäquatem Zusammenklang.
    Nr. 9 Stephano Felis – Sanctus aus der Missa… - der Chor hat hier mehr Klanganteile als im Gloria, was bei ähnlicher Instrumentalbesetzung einen mehr feierlichen Klangcharakter erzeugt.
    Nr. 13 di Lasso – Ego sum qui sum - im Teil 1 spricht Gottes Gesetz – homophon; im Teil 2 lobt der Gläubige (die Gläubigen) den Schutz des Herrn – polyphon.
    Nr. 15 Annibale Stabile – Mane nobiscum Domine – so wurde „Herr bleibe bei uns, denn der Tag…“ im 16. Jh. vertont – wahrscheinlich mit einem anderen Textverständnis (der Satz endet mit einem „Alleluja“).



    Manches Werk ist nicht sofort zugänglich – mehrmaliges Zuhören ändert dies.



    Bei YouTube ist unter „Schola Cantorum Nürnberg“ nur 1 Werk von Hassler zu hören, die weiteren 15 Werke sind (wie lange?) gesperrt – folglich CD kaufen, es lohnt sich.


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Hallo,


    im Rahmen der Konzertreihe „Fränkischer Sommer“ gab es in der ca. 600 Jahre alten Kirche „St. Nickolaus und St. Ulrich“, Nürnberg (leider kein Wikipedia Beitrag) ein Konzert mit:


    Nuria Rial, Sopran
    Ensemble „Les Cornets Noirs“:
    Gebhard David, krummer Zink
    Bork-Frithjof Smith, krummer Zink
    Patrick Sepec, Cello
    Matthias Spaeter, Theorbe
    Johannes Strobl, Truhenorgel


    Es gab 15 „ Madrigale“ in unterschiedlicher Besetzung zu hören, Entstehungszeitraum 1525 – 1690; die Komponisten einzeln zu benennen scheint mir entbehrlich, darunter Gabrielli, Palestrina, Monteverdi, Grandi, Castello, Piccinini….



    Der Zink gilt sowohl vom Blasansatz, als auch von der Intonation, als schwierigst zu spielendes Blasinstrument. Zwei krumme Zinken in dieser technischen Perfektion geblasen habe ich noch nie gehört (Intonation tadellos, Einsatztöne immer ohne „Wackler“). Wenn dann noch eine Interpretation ohne Makel und die in den Noten nicht verzeichneten, aber stets passenden Verzierungen hinzukommen (auch Echoeffekte, wenn der 2. Zinkenist in der Sakristei ohne Sichtkontakt zum 1. Zinkenisten spielt und das bei rhythmisch schwierigen und sehr schnellen Passagen), ergibt das ein Musikerlebnis der Superlative.


    Es erscheint nicht vorstellbar, wenn Nuria Rial zu dem Instrumentalensemble stößt und es krönt, dass es sich dann noch zu einem fast überirdischen Musikerlebnis steigern kann. Absolut intonationsrein kann sie ihre Stimme äußerst beweglich einsetzen; Probleme die in den Noten geforderte Höhe schwerelos zu erreichen kennt sie nicht - egal ob f oder pp. Ihre modulationsfähige, klare aber nie harte Stimme ist ohne Vibrato, aber sie kann es feinst (nie über-) dosiert einsetzen, wenn es die Interpretation erforderlich macht. Ihre erworbenen technischen und die ihr natürlich gegebenen Fähigkeiten sind in ihrem Vortrag nie Selbstzweck, sondern werden einzig und allein zu einer der Musik dienenden, perfekten Interpretation eingesetzt (auch Verzierungen, Agogik, sicher und fein abgestimmte Dynamik…) – und das mit einer selbstverständlichen Natürlichkeit, auch fern jeder aufgesetzten Gestik. Wenn Nuria Rial und die sie begleitenden Instrumentalisten Musik machen, gleitet das wie eine end- und schwerelose Tonwoge zu und über die wie gefesselt lauschenden Zuhörer/innen.



    Ich bedaure Jede/n, die/der Nuria Rial bislang nicht live erleben konnte.



    Es gibt CDs und YouTube-Einspielungen von Nuria Rial und Les Cornets Noirs, aber leider nicht gemeinsam und aus der Musikepoche des Konzerts – schade!


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Lieber zweiterbass, danke für diesen Bericht. Ich kenne Nuria Rial zwar nicht live, sondern nur von CDs. Von daher verstehe ich deine Lobeshymne trotzdem vollständig. Ihr gleichwertig ist Hana Blazikova. Ich habe eine kombinierte CD/DVD von L´Arpeggiata, wo beide zusammen ein Cavalli-Programm singen (man sollte die Luxusausgabe wählen, nämlich die Cavalli-CD mit der DVD, die die Geschichte von L´Arpeggiata erzählt). Alles, was ich von Nuria Rial und von Hana Blazikova kenne, ist von höchster Qualität.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)