Was mich an Tschaikowsky fasziniert .....

  • Fast getraut man sich nicht diesen Titel zu schreiben, weil man sich fragen muß: Wen fasziniert heutzutage Tschaikowsky überhaupt noch ?


    Vor über dreißig Jahren wurde sein Klavierkonzert Nr 1 als Lockvogel verwendet, um potentiell interessierte Musikfreunde zum Umstieg auf Stereo zu "überreden"


    Seine Sinfonien waren eiserner Bestandteil ders Konzertlebens und der Aufnahmepolitik von Schallplattenkonzernen, seine Ballette waren bekannt und beliebt..


    Heute fristet P.I.T zumindest bei uns im Forum ein Schattendasein, sein Werk wird selten erwähnt. Aber vielleicht glühen die Taminoianer im Stillen für Tschaikowsky - und wir wissen es nur nicht ?


    mfg
    aus Wien


    Alfred

  • Neben der farbreichen Instrumentierung natürlich vor allem die starken Themen. Eine Melodie alleine kann bei Tschaikowsky teilweise ein ganzes Werk tragen. Das hätten Beethoven oder Brahms (ja das sage ich!) erst einmal schaffen müssen ;)
    (welch unvergleichbare Schönheit hat z. B. das Durthema im 3. Satz des 1. Klavierkonzertes??)

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • ... vieles fasziniert mich an Pjotr Iljitsch Tschaikowsky.
    Seine Sinfonien etwa zählen zu meinen allerliebsten, das unvergessliche Klavierkonzert No. 1, auch die 1812-Ouvertüre natürlich.
    Für mich einer der größten romantischen Komponisten überhaupt.

  • Was mich an Tschaikowski fasziniert sind die Steigerungen und Höhepunkte mit denen er seine Werke versah. Ein Finale war bei ihm auch stehts ein solches. Hier sind vor allem die Symphonien 2-5 zu nennen. Grandios wie er die Raserei am Schluss der Dritten oder der Vierten bis zum Exzess anfacht.
    Und daneben immer wieder Themen von unglaublicher Schönheit und Lyrik wie der 1. Satz der 1. Symphonie (einer der großartigsten Sätze Tschaikowskis überhaupt :jubel: ) oder der Kopfsatz des Violinkonzerts.


    Alles in allem liebe ich Tschaikowski vor allem als fantasiereichen, gefühlbetonten Symphoniker, dessen frühen Symphonien IMO unterschätzt werden.

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Natürlich die Eingängigkeit seiner Melodien. Auch für kindliche Gemüter fassbar. Das sage ich bewusst so, denn für mich - in einer amusischen Familie aufgewachsen - war das 1. Klavierkonzert von Tschaikowsky eine der drei Schallplatten, die mir als Jugendlichem das Tor zur klassischen Musik aufgestoßen haben. (Die anderen beiden übrigens waren "Carmen" und "Rhapsodie in Blue").


    Alfons

  • Zitat

    Wenn fasziniert heutzutage Tschaikowsky überhaupt noch ?


    Hier!
    Was mich fasziniert ist wohl sein unglaublicher Melodienreichtum und die Klarheit seiner Musik.


    Zitat

    Original von georgius1988
    Was mich an Tschaikowski fasziniert sind die Steigerungen und Höhepunkte mit denen er seine Werke versah. Ein Finale war bei ihm auch stehts ein solches.


    Hoho, oh ja!


    Von der Kammermusik kenne ich noch zu wenig, aber ansonsten vermag er mich wahrlich zu fesseln.
    Bei seiner vierten und fünften Symphonie bekomme ich an manchen Stellen immer noch Gänsehaut, nach mindestens ein dutzend mal hören.
    Auch seinen frühen Symphonien kann ich viel abgewinnen, außer der Dritten :X.
    Das Klavier und Violinkonzert sind einfach spitze, egal ob oft gespielt, oder als Lockvogel verwendet, da kann doch die Komposition an sich nichts dafür.
    Ein komplettes Balett würde ich mir eher nicht antun, aber die Suiten, vorallem Schwanensee und Nussknacker, beleben das Herz.
    Bei der Klaviermusik habe ich auch schon ein bisschen reingeschnuppert, naja, die klotzige Sonate ist wohl nichts für mich, aber die Six Morceaux Op.51 sind wunderbar, fehlen noch die Jahreszeiten, die ich mir demnächst besorgen werde.

  • Zitat

    Original von georgius1988
    Ein Finale war bei ihm auch stehts ein solches. Hier sind vor allem die Symphonien 2-5 zu nennen.


    Richtig, kann ich nur unterstreichen!
    Das Finale der 5. Sinfonie ist mit das Beste, was er je komponierte - m.E. :hello:

  • .... sein Klaviertrio, (nicht nur) für mich eine der Perlen der Kammermusik.


    ... das Hornsolo im zweiten Satz der 5. Sinfonie.


    ... die Rokoko Variationen.


    Seine Musik ist für mich der Inbegriff von Romantik, die pure Schönheit seiner Melodien unerreicht.

  • ...heute ehrlich gesagt fast nichts :O
    ...auch meine beiden Tschaikowsky-CD`s - die Streichquartette mit dem Keller-Quartett u. die Stücke op.72 mit Pletnev - wandern nur sehr selten in den Player...........


    Aber in meiner Jugend hatte ich ganze 2 Opern-Gesamtaufnahmen in meiner LP-Sammlung (beides Aufnahmen von ca.70-72):
    ...den "Holländer" LIVE unter Böhm
    ...u. den ONEGIN mit Rostropovich u. Vishnevskaya


    ...u. letzterer lag mir auf Dauer mehr !!


    Dass letztendlich (so ca. ab meinem 20.Lebensjahr) die OPER so ein (denke doch lebenslanges) Faszinosum für mich wurde, wird also zum nicht geringen Teil Pjotr Iljitsch ausgelöst haben
    - wofür ich ihm eigentlich mal meinen Dank abstatten könnte...
    - was hiermit geschehen sei :jubel: :jubel:


    CIAO aus Franken
    piet alias micha

  • Tschaikowsky ist sicherlich nicht mein Lieblingskomponist, aber trotzdem fasziniert mich an seinen besten Werken das ungeheuer Emotionale und damit explizit Menschliche sehr. Aus der 5. oder 6. Sinfonie spricht zunächst nicht der Architekt (obwohl Tschaikowsky die Form ausgezeichnet meistert), sondern ganz unmittelbar der leidenschaftliche, in all seinen extremen Gefühlsschwankungen sicherlich auch immer sehr angreifbare und verletzliche Mensch. Dieser Mut zur ungeschminkten, aber nur selten platt und formlos wirkenden Emotion nötigt mir große Bewunderung ab (vielleicht zielte Strawinsky mit seiner Bemerkung "Er war der russischste von uns allen" auch gerade auf diesen überbordenden Reichtum an Emotionen).


    Hinzu kommt die große Begabung Tschaikowskys als Melodiker. Er konnte unzweifelhaft immer wieder Themen komponieren, die in ihrer melodischen Prägnanz jeden für Musik empfänglichen Menschen ganz unmittelbar mitreißen.


    Bei der 5. Sinfonie konnte ich mal auf einem Orchesterkurs in Weikersheim selber mitspielen, und das war ein aufwühlendes Erlebnis.


    Trotzdem ist mein bevorzugtes Werk aus Tschaikowskys Feder das Klaviertrio Op. 50 - im kammermusikalischen Rahmen, ohne das Gedröhne und den Bombast eines großen Orchesters, wirkt das "apassionato" der Musik dieses Komponisten noch unverstellter auf mich.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zunächst muss ich einmal loswerden, dass ich keinesfalls mit Alfred konform bin, welcher meinte, dass Tschaikowskij hier im Forum eher selten Erwähnung findet.
    Mir kommt es eher so vor, als würde er nicht so durchdringend erwähnt werden, aber irgendwo in unseren Weiten schwirrt sein Name in einem Zusammenhang immer herum...


    Und bei mir ist er in jedem Fall eine feste Größe.


    Die einschlägigsten Begründungen gab es in diesem Thread schon zu lesen...herrlich wundervolle Melodien, die unglaublichen Steigerungsbögen hin zum ekstatischen Ausbruch über ein stetiges Gefühl des erregten Durchschüttelns des Körpers in diesen Momenten.
    Er schafft es mich als Hörer zu fesseln und die Gänsehaut gemächlich den Nacken erklimmen zu lassen - er ist einfach mitreißend.



    Kammermusikalisch liegen mir sein 1.Streichquartett und auch (mit kleineren Zugangsschwierigkeiten) sein Streichsextett.
    Aber mein Schwerpunkt liegt klar bei seinem Orchesterschaffen: Symphonie, ob 1 oder 2, ob die Dritte oder gar die Vierte...eine Manfred Symphonie oder die Dichtung 'Der Sturm'.
    Schwanensee lerne ich mit jedem weiteren Hören etwas mehr kennen und es macht Spaß, wenn es gerade bei diesem Werk anstrengend ist.


    Und auch zum Schlachtross muss ich etwas sagen.
    Nachdem es mir kurzzeitig auf die nerven ging, eroberte es erneut mein Ohr - aber nicht unbedingt und ausschließlich mit dem ersten Satz, sondern vielmehr mit dem herrlichen 2.


    Genug, um auch weiter an diesem Menschen festzuhalten - denn es gibt auch bei ihm noch einiges kennen zu lernen.


    Maik

  • Also Tschaikowsky war wohl nicht nur bei mir einer der viel gehörten Komponisten der ersten Stunde.


    Auch heute schätze ich insbesondere seine fünfte und sechste Symphonie sehr. Auch die anderen vier Symphonien finden bei mir immer noch Beachtung.


    Bei der fünften fällt mir sofort das tupfige Scherzo und der gigantische Finalsatz ein. Bei der sechsten die bis zum Zerreissen gespannte Verzweiflung, insbesondere im Finalsatz und - natürlich - der weltberühmte Dreibeinwalzer.


    Aber auch auf dem Sektor der Balettmusik (Nussknacker) lege ich ihn mir gerne mal auf. Auch seine symphonischen Dichtungen (Capriccio Italien, Romeo und Julia, sowie die 1812) gefallen mir immer wieder gut.


    Nein, ohne seiner Musik wäre die Welt um einiges an Leidenschaft ärmer.

  • Tschaikowsky hat nicht nur große Sinfonien komponiert, sondern auch andere große Musik.
    Leider gelingt es selten die 4. und die 5. Sinfonie sinnvoll wiederzugeben
    Bei der 4. gibt bisher nur 2 Mitschnitte, die ich als gelungen erachte:
    10.12.74 unter Koizumi mit dem L’Orchestre philharmonique de l’ORTF
    und einen TV-Mitschnitt mit Lenny + den New York Philharmonic


    Ähnlich ist es bei der 5. Sinfonie, auch nur 2 Mitschnitte: 28.04.06 mit Bychkov und dem Sinfonieorchester Köln, sowie barenboim mit dem Divan-Orchester.
    Bei der 6. Sinfonie ist die Situation wesentlich besser (außer es wird der Seitensatz zu schmalzig wiedergegeben, wie es Mengelberg machte): Gielen (Studio) , Muti, Morlot, später Lenny und Levine haben sehr schöne Wiedergaben gestaltet.
    Der späte Lenny lässt in der Reprise des ersten Satzes das Seitensatzthema förmlich einfrieren (so etwa wie es S. Richter mit den Schubertthemen macht) . Das ist eine faszinierende Lesart. (die Reprise wird ja vom Seitensatz dominiert)


    Beim Eugen Onegin ist die Situation ähnlich schwierig: Ich kann orchestral bisher nur mit der Wiedergabe unter Jurowski am 23.02.02 etwas anfangen. Pique Dame (z.B. Ozawa in Wien) oder Mazeppa sind einfacher zu realisieren. Eugen Onegin ist noch eine orchestrale Herausforderung für das Opernrepertoire


    Die 6. Sinfonie war Modell für die Konzeption von Mahlers 9. Sinfonie und der bekannte 3. Satz daraus hat nicht nur Anregung für die Rondo-Burlesque von Mahlers 9. Sinfonie , sondern auch für den 3. Satz von Schönbergs großartigen Violinkonzert gegeben. Aber das allein ist nicht der Grund für meine Wertschätzung der 6. Sinfonie.


    Dem Klaviertrio bin ich in letzter Zeit etwas distanzierter. Das bekannte 1. Klavierkonzert habe ich erst durch folgenden Mitschnitt für mich entdeckt: 27.09.07 Maazel; Klavier: Trpceski + New York Philharmonic
    in NYC. wahrscheinlich wird dieses konzert oft zu routiniert wiedergegeben.


    Sicherlich gibt es noch eine ganze Reihe anderer Werke von Tschaikowsky , die es zu entdecken lohnt...


    :hello:

  • Guten Abend Amfortas,
    seit ich -wie der Großteil des Publikums- bei einer 5. von Tschaikowski im Konservatorium in Moskau unter dem Dirigat von Kurt Masur einmal Rotz und Wasser geheult habe, finde ich seine Deutung sehr überzeugend - so. z.B. auf dieser CD:

    Die Russen haben im übrigen ein zwiespältiges Verhältnis zu Tschaikowski; manchen erscheint er zu "westlich". Wahrscheinlich, weil er es versäumt hat, der "slawischen Seele" offziell, etwa durch eine Oper, zu huldigen - der "Slawische Marsch" ist ein von ihm sehr ungeliebtes Auftragswerk gewesen...
    Karajan hat diesen sehr hörbar auf einer Aufnahme mit dem anderen Tribut an russische Geschichte, nämlich der Ouvertüre 1812 (mit Don Kosaken!!!) vorgestellt:


    Beste Grüße
    Honoria

  • Hallo Honaria


    Interessant mit dem "westlich".
    Für mich ist Tschaiikowsky nämlich genauso wenig russisch, wie z.B. Mahler oder Schönberg für mich nach Österreich klingt. Obwohl solche Elemente bei allen Dreien zu genug finden sind. Aber das ist mir nicht das wichtigste bei den Dreien.
    Ich glaube in Tschaikowskys Musik ist Ausdruck, Gestaltung - wie bei allen großen Komponisten sei von Bach bis z.B. Nono - der Spannungen, der Grundfragen, des Ungelösten des menschlichen Lebens; klingt leider etwas pauschal auf die Schnelle.
    Bei der 6. Sinfonie gefällt es mir besonders, das das Werk sich nicht falscherm Jubel oder in scheinhafter Harmonie auflöst, sondern unversöhnt endet.... (wie auch in Schostakowitschs 15. Sinfonie und 15. Streichquartett oder seiner Bratschensonate..)


    :hello:

  • Liebe Honoria ,


    lieber Amfortas !



    Live - Eindrücke sind auch für mich sehr prägend .


    Man sie meist nur sehr schlecht mit anderen Musikfreunden teilen .


    Die 4te Symphonie mit Leonard Bernstein und dem New York Philharmonic Orchestra ist für mich bis heute trotz der veieln Aufnahmen dieser Symphonie unerreicht ( CBS / Sony ) .


    Die 5te Symphonie mit Mrawinsky und den Lengrader Philharmonikern ( DG / Universal ) . Zurückhaltender in der Expressivität : Giulini ( EMI ) und Markevitch ( Philips ) .


    Die berühmte "Pathétique" absolut für mich in den beiden mir bekannten Aufnahmen mit Carlo Maria Giulini ( EMi und als Livemitschnitt bei BBC Legends ) .


    Romeo & Julia - Ouverture : Claudio Abbado .


    Die Ballette : Antal Dorati .


    Die Opern : Hier muss man schon vorab klären , ob in Russisch oder in einer übersetzten Landessprache .


    Vielleicht wird das b-Moll-Klavierkonzert zu oft als "reisser" gespielt ( 1. Satz ! ) . Müsste ich mich entscheiden für eione Aufnahme , dann für die mit Martha Argerich und Kirill Kondrashin und Horowitz .


    Das Violinkonzert mit Chritian Ferras ( beide Aufnahmen ) und David Oistrach ( Konwitschny ) .


    Viele Grüsse ,


    Frank

  • Lieber Amfortas,


    Deine Bemerkungen zur 6. finde ich zutreffend; sie gelten eigentlich auch für Tschaikowskis Opern, in denen sich die meisten Figuren doch arg mit dem Leben plagen - Tschikowskis eigenes Leben war ja nun auch hochkompliziert, wie wir zahlreichen Biographien in unterschiedlicher Analyse entnehmen können. Ich denke, er ist in der 6. Symphonie in dieser Beziehung am wahrhaftigsten, wie vielleicht sonst nur in den Liedern, die immer verschattet klingen und dem Schicksal richtiggehend abgetrotzt...


    Die Lieder mag ich nur in der Originalsprache und von Muttersprachlern gesunden (Olga Borodina z.B.). Opernübersetzungen sind meist gelungener, so daß man sich das auch ohne Bauchgrimmen anhören kann - nicht jeder Sänger kann oder möchte sich eine Partie in russischer Sprache erschließen. Ich meine mich zu erinnern, einen Eugen Onegin auf Englisch gehört zu haben (mit Thomas Hampson); das war nicht gar so fürchterlich.


    Und abschließend zu Klavierkonzert Nr. 1 b-moll: das arme Teil kann ja nichts dafür, daß es so häufig abgenudelt wird. Ich gönne es mir (Sviatoslav Richter) alle sieben Pfingsten einmal als Konserve - dann finde ich es auch noch schön.


    Beste Grüße! :hello:

  • Ja, was wären wir ohne Tatjanans Briefszene (eingebettet in das wunderbare Zwiegespräch mit dem alten Kindermädchen) - das ist von einer so aus dem Alltag gewonnenen, liebevollen Zeichnung und Poesie; eine Mondscheinszene irgendwo in der russischen Provinz, mit einem ganz ernst genommenen Mädchenherzen voller Mut und Todesmut, und gerade deshalb mit einem ungreifbaren Augenzwinkern darüber, das alle Schwere wunderbar leicht nimmt ... Und wo fände sich ein Gegenstück zur Architektur der Pathétique, 1. Satz, dessen Durchführungsteil, in seiner unerbittlichen Logik und Schwärze, in seiner Abgründigkeit und tödlichen Konsequenz vorbildlos dasteht in der symphonischen Literatur des 19. Jh. Das ist bis heute eine Herausforderung für den Dirigenten, von Mitropoulos bis Giulini, von Karajan, Martinon, Mrawinskij oder Kletzki bis zu den Maestri unserer Tage. Empfehlungen erwünscht!

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

    Einmal editiert, zuletzt von farinelli ()

  • Die Ansicht, gerade die Orchesterwerke(anders die Opern)Tschaikowskys würdem heute - im Gegensatz zu früher - ein Schattendasein fristen, vermag ich nicht zu teilen.
    Gerade junge Menschen, die sonst mit klassischer Musik nicht oder noch nicht so viel beschäftigt haben, haben oft eine starke Affinität gerade zu den Orchesterwerken Tschaikowskys, wobei auch heute noch das KLavierkonzert Nr.1 an der Spitze stehen dürfte.
    Ich hatte das Glück, am 30.8.2009 auf dem Bebelplatz neben der Staatsoper ein open-air-Konzert der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim erlebt zu haben, dass neben der etwas verhalten dargebrachten Konzertouvertüre "Romeo und Julia" eine furiose Aufführung der 5.Sinfonie von Tschaikowsky beinhaltete.
    Das Publikum bestand zu einem großen Teil aus jungen, wenn nicht sehr jungen Zuhörern, die sich zum Schluß zu wahren Beifallstürmen hinreiißen ließen.
    Ich glaube, dass die Melodik, der Kontrast von lyrischen Teilen und beinahe wilden Ausdrücken in der russischen Musik - und Tschaikosky gehört trotz westlichen Beeinflußung unstrittig dazu -junge Menschen ,die dem Emotionellen vielleicht mehr zugeneigt sind als die Älteren, an Anziehungskraft bis heute nicht verloren hat.

  • Hallo,


    Tschaikowski ist für mich einer der größten Komponisten überhaupt, seine Werke (Symphonien, Ballette, Klavierkonzert, Violinkonzert, Rokoko-Variationen) sind fabelhaft :yes:


    Man muss Tschaikowski doch einfach nur bewundern, denn er war ein fantastischer Melodiker.


    Leonard Bernstein beschrieb seinen Kollegen Gershwin übrigens so: "Seit TSCHAIKOWSKI hat es wohl keinen so begnadeten Melodiker gegeben"...


    :hello:


    lg Helge


    PS: Bitte den Themen-Block "Buch über Muzio Clementi" besuchen.

  • Seine Musik dringt mir direkt in die Seele. Ich liebe Russische Musik im Allgemeinen, und Tschaikowski ist m.E. einer der Größten!


    Am besten kenne ich seine Symphonien und Konzerte, dann seine Ballette (nebst zugehörigen Suiten) und seit Neuestem auch seine Orchestersuiten.


    Ganz unbekannt sind mir bisher seine Kammermusikalischen und Klavierwerke. Aber das werde ich noch ändern.


    Und ziemlich weit oben auf meinem 'zu lesen'-Stapel liegt immer noch der Klaus Mann:


  • Im Rahmen des derzeit laufenden Projekts über russische Sinfonik habe ich heute diesen Thread nach langer Pause ausgegraben - denn er ist augenblicklich aktiuell. (Später wird eventuall auch Klaviermusik, Kammermusik und Orchesterwerke, bzw Konzerte dazukommen - aber das ist noch Zukunftsmusik- Und ob diese Zukunft überhaupt stattfindet, das wird natürlich vorrangig davon abhängen wie die Beteiligung an der ersten Staffel ist.
    Die Belegschaft des Forums ist weitgehend anders zusammengesetzt als zu Threadstart. die "sinfonische Welt" ist eine andere geworden. Was bedeutet euch Tschaikowsky (Schwerpunkt Sinfonien), bzw welchen Stellenwert hat er heut in Bezug auf andere russische Komponisten ?


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Meine erste Begegnung mit klassischer Musik verdanke ich Peter Tschaikowsky. Ich gestehe, ich bin befangen, denn er hat in mir die Liebe zu dieser mein Leben bestimmenden Leidenschaft geweckt.


    Als Kind hörte ich nachts trotz elterlichem Verbot unter der Bettdecke das Radio-Wunschkonzert, das jeweils montags ausgestrahlt wurde. Die Sendung folgte immer dem gleichen Aufbau. Nach Volksmusik, Schlager und Pop folgte die Klassik. Leider, denn ich musste bis zum letzten Drittel ausharren. Ich hatte einen Stöpsel-Kopfhörer im Ohr und lauschte den Tönen, die das kleine Toshiba-Transistorradio mir ermöglichte. Es erklang eine Musik, die mich sofort in Bann zog. Es waren einzelne Stücke, die zusammen gehören, den sie waren nicht durch die Stimme des Sprechers unterbrochen. Den Namen der Komponisten und des Stückes, den der Ansager am Ende bekannt gab, konnte ich mir nicht merken. Jahre später kaufte ich mir vom Taschengeld eine Schallplatte im Sonderangebot. Es war die Suite aus dem Ballett der Nussknacker. Als der Tonabnehmer sich auf die Rille setzte, erkannte ich nach zwei drei Stücken, dass es jene Musik war. Meine Neugierde nach mehr war geweckt. Das vollständige Nussknacker-Ballett, das erste Klavierkonzert, die Sinfonien, die Oper Eugen Onegin, die Streichquartette, die Klaviermusik folgten bald. Mit der Zeit erfuhr ich auch mehr aus dem Leben des Komponisten beim Lesen der Tschaikowsky-Biografie von Alja Rachmanowa.


    Was fasziniert mich an Tschaikowskys Musik? Vieles, was anderen ein Graus ist. In Klammern führe ich Beispiele an.


    Die Kunst der Orchestrierung, mit Tönen Bilder und Stimmungen zu vermitteln (Nussknacker),
    die Kompromisslosigkeit der musikalischen Aussage, die gängigen Regeln widerspricht (6. Sinfonie),
    die Gabe Melodien zu schreiben, die in der Erinnerung bleiben (Jahreszeiten),
    das Führen der Gegenstimmen, wovon Tschaikowsky als Kompositionslehrer des Konservatoriums etwas verstand (Streicherserenade),
    die Kunst mit einfachsten Mitteln viel musikalische Wirkung zu erzielen (die 6. Sinfonie beruht auf Tonleitersequenzen)
    das Aufbauen von Spannung und Dramatik (Finalsätze in der 4. und 5. Sinfonie, 3. Orchestersuite),
    das Experimentieren mit althergebrachten Formen (Orchestersuiten)
    bei aller Oberflächlichkeit ist auch musikalische Tiefe enthalten (Sinfonien, Klavierstücke),
    das Bekenntnis zu Emotionen (für mich der Beweggrund Tschaikowskys Musik zu komponieren)
    das Einfühlen in die Psyche einer Gestalt mit den Mitteln der Musik (Eugen Onegin),
    das Verweben von Persönlichem und Erlittenem mit musikalischen Strukturen (letzte drei Sinfonien).


    Vor einigen Tagen am 25. April jul./ 7. Mai 1840greg. hatte Tschaikowsky seinen 175. Geburtstag. Maiglöckchen waren übrigens seine Lieblingsblumen. Deshalb sei hier noch als Zeichen der Dankbarkeit ein Sträusschen gesetzt.



    .

    Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer


    Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
    .

  • Peter Iljitsch Tschaikowski wurde am 7. Mai 1840 geboren. Zu diesem Anlass habe ich aus meiner Sammlung diese CD ausgesucht:



    Günter Wand konnte nicht nur Schubert, den ich eben gehört und gesehen habe, sondern auch Tschaikowski.


    Heute ist Peter Tschaikowskis 175. Geburtstag.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber William B.A.


    Danke für die Erwähnung des Geburtstages von Peter Ilitsch Tschaikowsky. Ich muss deine Aussage noch relativieren.


    Da in Mitteleuropa der Julianische Kalender gilt, war der Geburtstag jedoch bereits am 25. April. Nach Gregorianischem Kalender ist es der 7. Mai.


    Ich danke für dein tägliches Nachführen der Ehren- und Erinnerungstag. Das muss auch einmal im Forum gewürdigt werden.


    lg moderato
    .

    Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer


    Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
    .

  • Für mich gehört Tschaikowski neben Bach, Mozart, Beethoven, Schubert, Wagner, Verdi, Brahms, Dvorak und Mahler zu den zehn wichtigsten und unverzichtbarsten Komponisten meines Lebens. (Knapp dahinter Komponisten wie Händel, Haydn, Mendelssohn, Schumann, Meyerbeer, Rossini, Bizet, Mussorgski, Puccini, Sibelius, Eisler, Weill u.a.)


    Was ist für mich das Besondere bzw. das besonders Faszinierende an Tschaikowskis Musik?
    Bei keinem anderen Komponisten höre ich so viel subjektive Emotionalität, die Musik scheint mir ihm als emotionales Ventil zum Ausruck seiner inneren Zerrissenheit (die inzwischen ja sehr gut biographisch dokumentiert ist und natürlich mit seinem zwiespältigen Verhältnis zu seiner eigenen, offiziell verbotenen Homosexualität zu tun hat) gedient zu haben und sie beeindruckt mich in dieser Ehrlichkeit zutiefst.
    Seine letzte Sinfonie, die Sechste in h-moll ist für mich ein emotionales Wechselbad wie sonst nur Mahlers II. und ist mir nach dieser die zweitwichtigste Sinfonie überhaupt. Sie ist für mich auch ein eindrucksvolles Bekenntniswerk wie Bachs "Matthäus-Passion", nur eben nicht zu Gott oder zum eigenen Glauben, sondern ein Bekenntnis zum eigenen Ich - mit aller Subjektivität und emotionalen Zerrissenheit, die bei ihm dazugehörte und mit der ich mich als Mensch identifizieren kann.


    Auch die Fünfte, Vierte und Erste Sinfonie ergreifen mich, gehen mich an. Seine Oper "Eugen Onegin" ist ein Meisterwerk der Opernliteratur mit einer ganz eigenen, intimen Klangfarbe, unvergleichlich - und für mich ebenso unvergänglich wie seine Ballettmusiken, die eben auch nicht nur gefällig zum Tanz begleiten, sondern viel mehr sind, die jene Gattung emotional revolutioniert haben. Viele weitere Werke wären zu nennen, "Romeo und Julia" und natürlich das erste Klavierkonzert mit dem vielleicht gewaltigsten aller je komponierten musikalischen Orgasmen (eine gewaltige Steigerung, Anspannung bis zur Unerträglichkeit und dann eine gewaltige Entladung).


    Soweit mein Bekenntnis zur Musik Tschaikowskis, ihrer Großartigkeit und Einzigartigkeit. :rolleyes:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

  • @ moderato


    Lieber moderato, dank für deine Worte. Das tut mir gut. Was nun die verschiedenen Kalender betrifft, so habe ich mich vor einer Weile entschlossen, Musiker aus Osteuropa dann zu ehren, wenn ihr Ehrentag nach dem gregoriaischen Kalender anliegt, der ja für uns maßgebend ist.


    Zitat

    Wikipedia: Der julianische Kalender wurde von Julius Caesar eingeführt und war in manchen Teilen der Welt noch weit bis ins 20. Jahrhundert gültig, im kirchlichen Bereich teilweise noch bis heute. Er wird heute in der Wissenschaft rückwirkend auch für die Jahre vor dem Wirken Caesars verwendet. Er wurde seit dem 16. Jahrhundert schrittweise durch den gregorianischen Kalender abgelöst.
    Seit 1900 (und noch bis 2099) besteht zwischen beiden Kalendern eine Differenz von 13 Tagen, um die der julianische dem gregorianischen Kalender nachläuft. Wenn zum Beispiel laut dem gregorianischen Kalender der 7. Januar ist, dann hat man laut dem julianischen erst den 25. Dezember (orthodoxes Weihnachtsfest).


    Zitat

    Stimmenliebhaber: Für mich gehört Tschaikowsky neben Bach....

    Ich kann dir in deiner Auswahl nur zustimmen, lieber Stimmenliebhaber, auch in der Begründung. Sehr berührt hat mich auch, was du über "Eugen Onegin" gesagt hast. Diese Oper gehörte zu den ersten (neben dem Barbier von Sevilla), die ich in den frühern sechziger Jahren kennengelernt habe, weil sie zur Gänze im Fernsehen gezeigt wurde. Der Hauptgrund, warum sie mir so in der Erinnerung haftengeblieben ist, sind die beiden Hauptpersonen, die Freunde Fritz Wunderlich und Hermann Prey (in beiden Opern). Besonders hatte es mir dies angetan:



    Jedoch haben mich nicht nur die Haauptwerke Tschaikowskis fasziniert, sondern auch seine sinfonischen Dichtungen, u. a. die Ouvertüre 1812, aber auch das entzückende "Capriccio italien" op. 45, das noch heute zu meinen Lieblingen gehört, auch wenn die Melodien auf italienische Volksmusik zurückzuführen sind.
    Im Ganzen ist m. E. Peter Tschaikowski sicherlich als bedeutendster russischer Komponist anzusehen und gehört zu Recht zu den bedeutendsten Komponisten der Musikgeschichte.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Für mich gehört Tschaikowski neben Bach, Mozart, Beethoven, Schubert, Wagner, Verdi, Brahms, Dvorak und Mahler zu den zehn wichtigsten und unverzichtbarsten Komponisten meines Lebens. (Knapp dahinter Komponisten wie Händel, Haydn, Mendelssohn, Schumann, Meyerbeer, Rossini, Bizet, Mussorgski, Puccini, Sibelius, Eisler, Weill u.a.)

    Der Hauptaussage kann ich voll sekundieren: Auch bei meiner Wertung schafft es unser heutiger russischer Jubilar - vergessen wir darüber bitte nicht unseren "heiligen Johannes" - locker unter die ersten Zehn, dessen Geburtstag man übrigens auch in seinem Heimatland am 7. Mai feiert, was ich unlängst mit einem Verweis auf das Kliner Museum und das dortige jährliche Geburtstagskonzert einmal erwähnte - insofern läuft die Aussage und Argumentation mit dem Jul. Kalender von moderato hierzu völlig ins Leere.
    Bei mir rangieren freilich Mendelssohn wie Schumann mit spürbarem, klarem Vorsprung vor Wagner und Verdi, aber das hat wohl mit unserer differierenden Haltung zur Vokalmusik zu tun.



    Seine letzte Sinfonie, die Sechste in h-moll ist für mich ein emotionales Wechselbad wie sonst nur Mahlers II. und ist mir nach dieser die zweitwichtigste Sinfonie überhaupt. Sie ist für mich auch ein eindrucksvolles Bekenntniswerk wie Bachs "Matthäus-Passion", nur eben nicht zu Gott oder zum eigenen Glauben, sondern ein Bekenntnis zum eigenen Ich - mit aller Subjektivität und emotionalen Zerrissenheit, die bei ihm dazugehörte und mit der ich mich als Mensch identifizieren kann.

    Aus dem ersten Satz wäre zu schließen, dass eine Symphonie für Dich nur dann ganz vorne in der persönlichen Bedeutungsskala rangiert, wenn sie eine sozusagen existenziell-transzendentale Botschaft vermittelt. Jedenfalls dann, wenn man wie viele Forscher zu der Ansicht neigt, dass Tschaikowskij in seiner sechsten und letzten Symphonie sich eine Art Requiem schreiben wollte, und das Finalende das langsame Erschlaffen des Atems ausdrücken soll.
    Allerdings widerspricht diese Deutung dem heutigen Erkenntnisstand, dass sich der Komponist, sei es wegen eines drohenden Ehrengerichtsverfahrens nach dem angeblichen Techtelmechtel mit einem jungen Rechtsschüler, sei es aus allgemeiner Lebensmüdigkeit, gerade nicht das Leben nehmen wollte, sondern dass das Trinken des Cholera-verseuchten Wassers auf Leichtsinn bzw. Gedankenlosigkeit beruhte. Deshalb sollten wir mit einer "autobiographischen" Interpretation der Pathetique äußerst zurückhaltend sein und unser Augenmerk auf die vielen genialen Einfälle richten, von denen ihr Schöpfer, im Gegensatz zur Fünften e-moll op.64, die ihn zunehmend weniger mit Stolz erfüllte, überzeugt war, dass sie sein gelungenstes symphonisches Werk überhaupt darstellten.
    Wie beispielsweise der 5/4-Takt im zweiten Satz. Es haben nicht viele Komponisten in diesem ungeraden und für westliche Ohren ungewohnten Takt, einem Charakteristikum der russischen Volksmusik, ihre Musik zu Papier gebracht, meines Wissens von sämtlichen deutschsprachigen Kollegen kein einziger in einem großen symphonischen Werk, allenfalls mag es ein paar "westliche" Klavierstücke im 5/4-Takt geben. Und im anschließenden "Scherzo", zwar Allegro molto vivace überschrieben, zieht Tschaikowskij wirklich alle Register seiner (nicht-lyrischen) Satzkunst: Ein Phantastikum an Esprit quer durch alle Lagen, bei dem man in der Klavierbearbeitung seine liebe Not bekommt.



    Auch die Fünfte, Vierte und Erste Sinfonie ergreifen mich, gehen mich an. Seine Oper "Eugen Onegin" ist ein Meisterwerk der Opernliteratur mit einer ganz eigenen, intimen Klangfarbe, unvergleichlich - und für mich ebenso unvergänglich wie seine Ballettmusiken, die eben auch nicht nur gefällig zum Tanz begleiten, sondern viel mehr sind, die jene Gattung emotional revolutioniert haben. Viele weitere Werke wären zu nennen, "Romeo und Julia" und natürlich das erste Klavierkonzert mit dem vielleicht gewaltigsten aller je komponierten musikalischen Orgasmen (eine gewaltige Steigerung, Anspannung bis zur Unerträglichkeit und dann eine gewaltige Entladung).

    Die Erste, "Winterträume" ist ein lyrisches Juwel, v.a. im Kopfsatz, und hat m.E. immer noch nicht den ihr zustehenden Platz im Konzertsaal zugesprochen bekommen.
    Zu "Eugen Onegin" haben wir es mittlerweile dahin gebracht, dass Rundfunk-Moderatoren das zwingend notwendige "J" zwischen "On" und "egin" mitunter weglassen, weil sie von der angloamerikanischen Schreibung, die bei uns idiotischerweise immer mehr um sich greift, in die Irre geführt werden. Meine Ohren bezeugen diesen Mißstand.
    [Am Nachmittag, im Rahmen der Tschaikowskij-Reverenz in der Reihe Panorama, schaffte es der deutsche Vorreiter im Klassik-Hörfunk, BR-Klassik, doch tatsächlich, wegen der Nachrichten, die nichts Besonderes enthielten, etwa eine halbe Minute vorzeitig aus der 5. Symphonie e-moll mit dem Chicago S.O. unter Solti auszublenden, weil die Moderatorin (Susanne Eid) zu lange gequasselt hatte.]


    Die Sache mit dem O. im 1. Klavierkonzert macht mich ziemlich ratlos und schüchtern. :love: Galt nicht "The photographer" von Philip Glass als die angeblich beste Vertonung?
    Jedenfalls wage ich die Behauptung, dass die alte Pianistengarde der um 1900-1930 Geborenen eine derartige Deutung entrüstet zurückweisen würde / zurückgewiesen hätte - wie ehrlich auch immer.

  • Aus dem ersten Satz wäre zu schließen, dass eine Symphonie für Dich nur dann ganz vorne in der persönlichen Bedeutungsskala rangiert, wenn sie eine sozusagen existenziell-transzendentale Botschaft vermittelt. Jedenfalls dann, wenn man wie viele Forscher zu der Ansicht neigt, dass Tschaikowskij in seiner sechsten und letzten Symphonie sich eine Art Requiem schreiben wollte, und das Finalende das langsame Erschlaffen des Atems ausdrücken sollen.
    Allerdings widerspricht diese Deutung dem heutigen Erkenntnisstand, dass sich der Komponist, sei es wegen eines drohenden Ehrengerichtsverfahrens nach dem angeblichen Techtelmechtel mit einem jungen Rechtsschüler, sei es aus allgemeiner Lebensmüdigkeit, gerade nicht das Leben nehmen wollte, sondern dass das Trinken des Cholera-verseuchten Wassers auf Leichtsinn bzw. Gedankenlosigkeit beruhte. Deshalb sollten wir mit einer "autobiographischen" Interpretation der Pathetique äußerst zurückhaltend sein


    Lieber PianoForte29, dass es kein Ehrengericht gegeben haben kann, ist mir völlig klar - auch, dass er am Trinken von choleraverseuchtem Wasser bzw. an dessen Spätfolgen (Urämie als Folge der Choleraerkrankung) starb - ob er das Wasser wirklich aus Leichtsinn oder Gedankenlosigkeit (Spuren einer solchen höre ich zumindest in seiner Musik nie) tank oder doch absichtlich oder quasi fatalistisch Russisch-Roulette spielte, wird Spekulation bleiben und sich nie völlig aufklären lassen.
    Aber eines ist mir völlig klar: nach diesem Schlussatz der Sechsten konnte keine Musik mehr folgen! Was hätte da noch kommen sollen? Dieser Finalsatz der "Pathetique" ist so unglaublich trost- und hoffnungslos und verendet in so abgrundtief düsterem Moll, wie die ganze Sinfonie begonnen hatte, nur noch depressiver - das ist außergewöhnlich, denn die allermeisten Moll-Sinfonien enden ja doch in Dur (siehe Beethovens Fünfte, Neunte, Brahms' Erste u.v.a.)


    Ich habe viele Briefe und Tagebücher Tschaikowskis gelesen, auch die Sekundärliteratur von Alexander Poznansky u.a. - ich weiß, dass es sehr wiedersprüchliche Briefzeugnisse aus Tschaikowskis letzten Tagen gibt - und dennoch ist diese Sinfonie nach meinem Dafürhalten Vollendung im doppelten Sinne - und in der Tat ein bewegendes musikalisches Testament eines zerrissenen Menschen.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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