Günter Wand - sein später Weltruhm

  • Hallo Taminoianer,


    Bekannt war Wand ja zeitlebens, allerdings eher regional. Achtundzwanzig Jahre lang von 1946-1976, war er mir dem zwar angesehenen aber dennoch nicht weltbekannten Gürzenich Orchester verbunden, dem er sich fast ausschließlich widmete. Mir persönlich sind aus dieser Zeit auch keine Schallplattenaufnahmen bekannt.



    Die machte er dann mit dem NDR Sinfonieorchester und begründet so seinen Weltruhm. Aufnahmen mit anderen Orchestern folgten, u.a. auch mit den Berliner Philharmonikern. Er gilt als Bruckner - Brahms- und Beethovenspezialist.


    Ich selbst habe ihn erst 1996 rein zufällig für mich entdeckt. Es war ein Ausschnitt einer Direktübertragung der 5.Beethoven (oder war es die 6. ?) Jedenfalls fand ich Wands Dirigat interessant und so landeten einge CDs mit ihm in meinem Archiv.


    Interessant ist, daß er im Moment einer der wenigen "großen alten Männer" ist, die noch weitgehend bejubelt werden, und nicht als verzopft eitel oder akademisch eingestuft wird.


    Gruß aus Wien


    Alfred

  • Tag,


    Herr Wand erklomm die höheren Stufen des Ruhmes mit Schubert im Bunde. Die Schubert-Aufnahmen, WDR-Sinfonieorchester, markierten den Aufschwung. Allerdings begab sich Günter Wand mit Haydn, ja mit Haydn, auf den höchsten Punkt: Haydn, Sinfonie Nr. 76, zweimal dargeboten, zuerst in Hamburg, dann noch ein Mal in London - Wand wußte, was die Londoner hören mögen. Die Sinfonie Nr. 76, im zweiten Satz ein Täuschungsmanöver des Herrn Komponisten, nach einer ausgedehnt langsamen Partie ein 'verrücktes Staccato' (so Roy Goodman) - und nun kommt's: Es swingt, der Dirigent, die Musik! ein nie wieder gesehenes Bild. Wand geduckt, wiegt sich hin und her, mit den Armen schlenkernd á la Duke Ellington. Ja, das ist es gewesen. Dieses verrückte Stakkato, Dorati bringt's nicht, nicht Ivan Fischer, auch Roy Goodman nicht, der aber davon weiß - Wand hat es getan.


    Das Hamburger Publikum war hingerissen, das Londoner Publikum sprang von den Sitzen. Das war Musik in vortrefflicher Manier.


    Dann kamen die mehrfachen Bruckner, die Brahms, die Beethoven, auch Schubert, selten Mozart, die Probenarbeit stellte Wand häufiger nicht zufrieden - und immer wieder Bruckner, Brahms, Beethoven, Schubert. ... Wand, Günter - ein Herr.


    Ein bißchen wie der Celibidache, von dem es hieß, er könne auch nur ... .



    MfG
    Albus

  • Ich hatte das Glück, Günter Wand etliche Male live erleben zu dürfen.


    Darunter eines seiner letzten Konzerte vom 08.-10.April 2001. Auf dem Programm standen die Posthornserenade von Mozart und Beethovens 4. Sinfonie (auch erhältlich auf CD BMG 74321 89717 2).


    Da meiner Begleitung und mir unvermittelt von einem Musiker des NDR-Sinfonieorchesters zwei Karten geschenkt wurden für die dritte Reihe in der Musikhalle (und wir dadurch unsere ursprünglichen Karten zum halben Preis verkaufen "mußten" ;) ), hatte ich einen idealen Blick auf den Dirigenten, der, zu dem Zeitpunkt 89-jährig, zwar körperlich sehr anfällig war, aber geistig noch voll auf der Höhe erschien.


    Es war eine ganz besondere Atmosphäre in der Musikhalle. Das Publikum hat Wand geliebt und ließ ihm das während des Auftrittsapplauses und noch deutlicher während des Schlußapplauses sehr stark spüren. Günter Wand war wegen der Ovationen sichtlich gerührt.


    Ich denke, beiden Seiten hatten damals geahnt, daß es einer der letzten gemeinsamen Begegnungen sein würde, denn ein Jahr später, kurz nach seinem 90. Geburtstag verstarb er.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Ich habe leider nur ein einziges Konzert mit Wand erlebt, aber das ist mir unvergessen geblieben. Bruckners Achte Sinfonie stand in Berlin auf dem Programm und ich fragte mir ernsthaft, ob seine Zeit nicht schon vorrüber sei, als er langsam und gebeugt zum Podium schlich. Was dann folgte, war ein ergreifendes - auf CD leider mit klanglichen Abstrichen festgehaltenes - Konzert, dass zu den wenigen ganz großen Highlights meiner Besucher-Karriere - zählt. Ich erinnere mich jetzt noch gerne an den fantastischen Tubenchoral, an das großartige Finale und vor allem die tolle Gesamtarchitektur, die er aus diesem riesigen Werk herausarbeitete.


    Seitdem habe ich vieles von Wand gehört und halte Ihn für einen der ganz großen für Bruckner, aber auch Beethoven, Brahms und Schubert.


    Gruß
    Anti

  • Jedesmal wenn Wand in Wuppertal oder Köln gastierte oder ich in Hamburg weilte, habe ich versucht, seine Konzerte zu besuchen - es waren durchweg großartige und unvergeßliche Abende, ganz besonders, wenn Bruckner auf dem Programm stand.


    Schon zu Gürzenich-Zeiten hat Wand ein breites Spektrum an Repertoire für die LP aufgezeichnet, die jedoch - aufgrund der enormen Mitgliederzahlen - überwiegend in Buchclubs vertrieben wurden.
    Heute stehen glücklicherweise einige dieser Aufnahmen auch auf CD zur Verfügung. (siehe Label Testament


    Wand war - was vielen vielleicht nicht bekannt sein dürfte, auch ein Verfechter der zeitgenössischen Musik. Ein Beispiel aus dem Jahre 1956 soll zusätzlich seine Kompromisslosigkeit aufzeigen (entnommen aus: GÜNTER WAND, Gürzenichkapellmeister 1947 - 1974; mit einem Portrait von Friedrich Berger)


    "...Der dünne Beifall für das Eröffnungsstück, den sinfonischen Satz des einheimischen Komponisten, war pure Höflichkeit und verebbte schnell. Aber da hatte der schlanke, hochgewachsene Mann vorn am Dirigentenpult auch schon kehrtgemacht, daß die Frackschöße flogen: Das Stück, so argumentierte er lächelnd in den besetzten Saal hin ein, erschließe sich eben nicht leicht nach einmaligem Hören, also schlage er vor, es gleich ein zweites Mal aufzuführen. Doch nur ein Teil des Auditoriums stimmte dem Vor schlag zu. Der Dirigent nahm ungerührt den Teil für das Ganze und war schon wieder taktierend am Werk, als noch die letzten derer, die es partout nicht mehr hören wollten, unter Protest durch knallende Türen den Saal verließen, entschlossen, im kühlen Treppenhaus den Beginn der angenehmeren Gaben des Abends abzuwarten..."


    Komplett nachzulesen als .rtf-Datei unter Guenter_Wand


    Gruß,
    Jürgen

    Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen. [frei nach George Orwell]

  • Die Idee, Bruckner-Sinfonien, mit Haydn, Mozart, Schubert zu kontrastieren, ist für mich eine Erfindung Günter Wands. Der Erfolg war immer, daß die gewichtigen, wuchtigen Sinfonien viel klarer, transparenter und leichter daherkamen, was natürlich an der Interpretation Wands lag. Allerdings waren die Sinfonien Haydns und Schuberts der Türöffner für die Ohren, das auch ganz sicher mitzukriegen.
    Eine wirklich wundervolle Entdeckung. Seitdem weiß ich besser, auf was ich bei Bruckner-Interpretationen zu achten habe.
    Gerade gibt's bei arte eine Aufnahme von Bruckners Fünfter mit den Münchner Philharmonikern und Christian Thielemann von diesem Jahr. Da fiel mir Günter Wand ein.


    Schöen Gruß
    yarpel

  • Günter Wand machte eine Alterskarriere wie seinerzeit Carl Schuricht, der einen Großteil seines Berufslebens in Wiesbaden verbrachte. Es ist immer etwas kurios, wenn Dirigenten nach jahrzehntelanger Erfahrung von der internationalen Musikwelt erst im Alter "entdeckt" werden. Ich habe Wand vor allem mit Bruckner live erlebt - eine Erfahrung, die sich mir fest eingeprägt hat. Vielleicht stimmt das Wort von Bruno Walter wirklich, der einmal sagte, einen wirklichen Zugang zu Bruckner finde ein Dirigent meist erst in fortgeschrittenem Alter.
    Zur Frage der Schallplatten. Wand hat in den 50er und frühen 60er Jahren etliches eingespielt (Bartok, Beethoven, Brahms, Fortner, Haydn, Mozart, Schönberg, Schumann, Schubert, Strawinsky, Webern). Alle Aufnahmen wurden ursprünglich für den "Club Francais du Disque" produziert und wurden, wenn ich mich recht erinnere, dann auch in einem deutschen Schallplattenclub vertrieben. Später übernahm die EMI einiges. Im Regelfall war das Gürzenich-Orchester Wands Partner.


    Florian

  • Nachdem ich mich gestern nacht genötigt hatte, mich intensiv mit Wands Aufnahmen der fünften Symphonie von Bruckner zu beschäftigen, und da der Brucknerthread so gut läuft, möchte ich diesem Thread auch wieder ein bisschen Leben einhauchen.
    Ich hatte Wand im Jahre 2001 live in Frankfurt auf seiner letzten NDR-Orchester-Tournee mit Schubert 5 und Bruckner 4 gehört und werde dieses Konzert immer als etwas ganz besonderes in Erinnerung behalten. Ich hatte noch nie ein so aufmerksames und gebanntes Publikum erlebt, von der musikalischen Qualität kann ich nur sagen: So und nicht anders! Dieses letzte Programm ist auch auf der Memoriam-CD nachvollziehbar, angereichert mit einem Bonusinterview im Gespräch mit Wolfgang Seifert (was eher einen recht seltsamen Eindruck hinterlässt - dennoch würde ich die Wand-Biographie Seiferts kaufen, wenn sie mir einst preiswert begegnen sollte.)



    Als Interpret der Fünften von Schubert in der oben abgebildeten Aufnahme und als Interpret der Achten und Neunten in der Kölner oder Berliner Aufnahme ist Wand für mich ziemlich unangefochten.
    Der Hamburger Beethoven Zyklus wurde von Gramophone zum besten Stereozyklus ausgerufen!!!
    Wands Bruckner hat nicht nur Befürworter, obwohl Wand ja am ehesten mir Bruckner assoziiert wird. Für mich ist Wand ein wichtigerer Brucknerinterpret als Jochum und andere. Sein Kölner Zyklus unterscheidet sich ja auch deutlich von seinen späten Berliner Aufnahmen. Die Hamburger Aufnahmen stehen so ziemlich genau zwischen den Kölner und Berliner Aufnahmen.
    Die Kölner Aufnahmen sind meist eher spröde, schnell, sachlich und doch mit viel elan. Ganz anders die späten Berliner Aufnahmen.
    Die Berliner Aufnahmen wurden ja damals von der Kritik (Rondo, Fonoforum, Gramophone) meist begeistert und mit Höchstwertungen aufgenommen. Dies mag aus der Euphorie heraus geschehen sein, nun endlich auch einen Wand-Bruckner mit einem Weltspitzenorchester zu haben. Spieltechnisch sind die Berliner natürlich hörbar zuverlässiger und klanglich ist das eine andere Welt - aber es stellt sich natürlich ein Effekt ein, den manche als "altersweise" bezeichnen, ich würde die Berliner Aufnahmen als eher weichgefärbt bezeichnen, die im Vergleich zu den Hamburger Aufnahmen an herorischem Zugriff eingebüßt haben, auch finde ich, daß ds Hamburger Orchester, trotz spieltechnischer Einbußen, besser auf Wand reagiert, dynamische Kontraste in Hamburg größer sind, gewisse Phrasen deutlicher geformt sind.
    Aber selbstverständlich gibt es in den Berliner Aufnahmen auch hinreissend schöne und gut funktionierende "Kunststücke" wie lebendige Tempofreiheiten.
    Ich bin froh, daß es die Kölner, Hamburger und Berliner Aufnahmen gibt, daß der Berliner Zyklus unvollständig blieb, ist für mich angesichts dessen, daß ich den Hamburger/Lübecker Zyklus zupackender finde nicht ganz so schlimm.
    Gruß, markus

  • Und da ist natürlich noch Wand als Brahms-Dirigent.
    Ich habe die Hamburger Studioeinspielungen, die Hamburger Livemitschnitte sind wahrscheinlich noch besser.


    Eine besondere Rarität:
    Brahms: Erste Symphonie, Chicago Symphony Orchestra, Günter Wand, live, 1989.



    Würden Wand-Verächter im Blindtest sicher nicht als Wand identifizieren.
    Klingt vielleicht leicht dumpf, auch nicht besonders "zugespitzt". Ich weiß nicht, ob diese Aufnahme besser ist als die Hamburger Live-Aufnahme, eine besondere Rarität für Wandliebhaber ist sie auf jeden Fall. Wand lässt das Chicago Symphony Orchestra voll "aus dem Häuschen" - allein schon wie die Pauke zu Beginn knallen darf, das erwartet man eigentlich nicht von Wand...


    Nachtrag: Was einem da im Schlußsatz aus den lautsprechern entgegenfönt und donnert, das ist schon ein Wahnsinnsvergnügen.
    Bei amazon muß man den Suchbegriff "brahms monteux" eingeben, damit man diese schön gekoppelte Doppel-CD (14,99) findet.

  • Hallo zusammen,


    nach längerem Probehören und genauem Abwägen habe ich die Beethoven Symphonien in der Einspielung von Günter Wand und dem NDR Symphonieorchester gekauft.Und diese Entscheidung war richtig.
    Die Wand'sche Interpretation trifft überwiegend meinen Geschmack.
    Wäre das Sängerquartett der 9. von höherer Qualität,dann wäre ich total zufrieden.Aber das Adagio cantabile entschädigt dafür außerordentlich.


    Ich werde mich mit diesem großen Dirigenten ab sofort mehr beschäftigen.Die nächste Station wird wohl Johannes Brahms sein.


  • Vollkommen d'accord. Ich hatte das Glück, das letzte Konzert von Günter Wand in München vor seinem Tod mitzuerleben. Auf dem Programm stand eine der großen Bruckner-Sinfonien; leider bring ich nicht mehr zusammen welche es war. Ich möchte mich auch nicht über die musikalischen Qualitäten äußern, sondern über seinen Auftritt; den Auftritt eines beeindruckenden alten Menschen. Es war für mich als eines um einiges jüngeren Menschen faszinierend, wie dieser alte, gezeichnete Mann aufrecht und würdevoll auf die Bühne kam, mit sparsamen Gesten sein ihm gern folgendes Orchester „dirigierte“ , das Publikum in seinen Bann zog und für mich ein Musterbeispiel an Grandezza und Würde darstellte. Der Frack schon leicht schlappernd zu groß, der Kragen viel zu weit um den altersbedingt schmalen Hals stand dieser Mann wie eine Eiche auf dem Podest und verströmte eine Aura, wie es wenige Menschen vermögen.
    Wie grausam war dagegen der letzte Auftritt Sergiu Celibidaches (vielleicht ein Jahr vorher), der alt und krank auf das Podest getragen und fast festgebunden werde musste, damit er nicht wieder runterfiel. Ein entwürdigendes Beispiel eines Exzentrikers … Wie wohltuend dann eben Günter Wand. Ein Beispiel an Größe. Möge er mir ein Beispiel sein……
    In diesem Sinne….

  • Zitat

    Ich denke, beiden Seiten hatten damals geahnt, daß es einer der letzten gemeinsamen Begegnungen sein würde, denn ein Jahr später, kurz nach seinem 90. Geburtstag verstarb er.


    Mit diesem Bewusstsein ist man eigentlich die ganzen letzten Jahre in seine Konzerte gegangen, er wirkte ja meistens auch sehr zerbrechlich. Ein Eindruck, der sich dann aber sofort gab, wenn die Musik erklang.
    Ich hatte das große Glück, ihn in den letzten 10 - 12 Jahren in allen Konzerten in Hamburg erleben zu dürfen und es waren jedesmal Sternstunden. Jenseits der Interpretationen war für mich das entscheidende Moment die Demut, mit der Wand an die Werke heranging. Hier stand ein gänzlich uneitler Maestro auf dem Pult (und dabei sich seines Wertes durchaus bewusst), dem es immer darum ging, dem Werk zu dienen und es in seiner ganzen Größe erklingen zu lassen. Ich habe immer diese Haltung (und tue es immer noch) ob ihrer Menschlichkeit und auch ob ihrer Verweigerungshaltung allen vordergründigen und oberflächlichen Effekte gegenüber sehr bewundert.
    Gleichzeitg waren es natürlich auch musikalische Sternstunden. Gerade BrucKners 8., die ich auch noch mehrfach erleben durfte, ist dafür ein Beispiel. Große, himmelanwärts stürnmende Architektur baute sich vor einem auf. Jedes Detail in dieser beinahe Kathedrale erkennbar und in einen Zusammenhang mit dem Ganzen gebracht. Wuchtige, äußerst wuchtige Entladungen, die einen quasi emportrugen, dabei niemals Krach, wie so oft, nie unangenehmer Lärm, immer genau das richtige Maß, eine Klangballung, in die man sich eingebettet fühlte, mitgenommen in andere Regionen.
    Schuberts Unvollendete und Große Sinfonie, Beethovens 3., der ganze Brahms, aber auch Tschaikowskij, mit wieviel Gefühl und nicht dem Hauch von Sentimentalität. Und wer hat die Chuzpe nur Bruckner 4. auf's Programm zu setzen und dem Publikum zu vermitteln: Damit haben Sie genug zu tun.
    Wir vermissen ihn sehr.
    Grüße
    Gustav

  • Zitat


    Original von Alfred Schmidt
    Interessant ist, daß er im Moment einer der wenigen "großen alten Männer" ist, die noch weitgehend bejubelt werden, und nicht als verzopft eitel oder akademisch eingestuft wird.


    Lieber Alfred,


    vielleicht liegt es auch daran, dass die Interpretationen dieses Dirigenten m.E. ziemlich oft im Gegensatz zu seiner äusseren Erscheinung stehen/standen:


    Obwohl man einen "alten Mann" ( positiv gemeint!) auf dem Podium sieht/sah. hört(e) man eine sehr oft ziemlich jugendlich frisch klingende Musik.
    Besonders gut finde ich, dass diese anspringende Jugendlichkeit mit der Reife und der Berufserfahrung des hochbetagten Dirigenten einherging.
    Wand hat in seiner Person und in seinen Interpretationen diese scheinbaren Gegensätze meisterlich vereinbaren können.
    Auch heute noch klingen seine Interpretationen für mich frisch, neu und interessant.
    Ich habe in diesem Forum schon mehrfach erwähnt, dass ich schon viele 6. Symphonien Beethovens gehört und verglichen habe.
    Wands Fassung ist und bleibt für mich einfach die beste. :jubel: :jubel: :jubel:


    Er vermochte es auch, seine eigenen Person zurückzustellen und sich mit einer grossen Unbedingtheit an die genaue Umsetzung des Komponistenwillens - so wie er ihn verstand- zu machen.
    Auch dadurch können viele seiner Interpretationen als "Klassiker "gelten.
    Wenn etwas so gut ist, dass es die Zeiten übersteht, dann ist es in der Tat "klassisch", selbst wenn es nicht so gemeint war, denn Beethoven hatte ja beim Komponieren auch nicht vor, "Klassiker" zu schreiben.


    Schade, dass Günter Wand nicht mehr mit den Berliner Philharmonikern arbeiten konnte.
    Über die Gründe hierfür würde ich gerne einmal mehr erfahren.


    Wenn Wands Interpretationen also auch im Jahre 2009 nicht als verzopft, eitel oder akademisch gelten, dann liegt das m.E. vor allem daran, dass sie nach allem Möglichen klingen, bloss genau danach eben nicht.


    Gruss :hello:
    Glockenton

  • Hallo,


    auch ich war 4 oder 5mal in der Musikhalle, als sie noch so hieß. Wegen Wand. Einzigartig, überwältigend, faszinierend. Brahms, Bruckner, Schubert. Im letzten Jahr, kurz vor seinem Tod,
    Schubert und Bruckner. Unvergesslich und unvergleichbar. Besserwisser wird es immer geben. Was soll's.


    Grüße aus Burgdorf


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Ich glaube, dass man das Thema dieses Threads so nicht ganz stehen lassen kann. Zumindest was Europa betraf, war Wand längst bekannt und hochgeschätzt, als die meisten Deutschen noch Wand lediglich für den Teil eines Bauwerkes hielten.
    Wand konzertierte als erster deutscher Dirigent nach dem zweiten Weltkrieg in der Schweiz, in Frankreich, in England, Spanien und Italien und wurde ebenso vom Publikum wie von der Kritik gefeiert.
    Sein erstes Konzert war im Januar 1948 in Lausanne mit dem dortigen Kammerorchester. Interessant war das Programm mit Strawinskys "Dumbarton Oaks", einer Konzertarie von Mozart, der großen Arie der Zerbinetta aus "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss und Mozarts "Linzer" Sinfonie. Das Publikum war begeistert und er wurde gleich wieder eingeladen für das nächste Jahr, wo es dann eine Uraufführung gab, das Concertino "Odi et amo", komponiert von Wand selbst und gesungen von der großartigen Sopranistin Anita Westhoff, der späteren zweiten Frau Wands.
    Große Triumphe feierte Wand auch in Paris, wo er 1950 "aus heiterem Himmel" hin eingeladen wurde, und zwar vom berühmten Orchester der Gesellschaft der Pariser Konservatoriums-Konzerte.
    Damals entstanden auch die ersten Kontakte zu Wands erster Schallplattenfirma, dem "Club Francais du Disque". Er bekam ein Programm vorgegeben, Beethovens III. Leonoren-Ouvertüre, Rachmaninovs c-moll-Klavierkonzert, das ein junger Pianist namens Alexis Weißenberg brilliant vortrug und zum Schluss die erste Symphonie von Brahms. Wie sich am Ende des Konzertes herausstellte, war das Arrangement dieses Konzertes und der Kontakt zum französischen Schallplattenklub von einem ehemaligen französischen Kulturoffizier eingefädelt worden, den Wand 1946 in Baden-Baden kennenglernt hatte. In den nächsten Jahren konzertierte er immer wieder mit seinem Gürzenich-Orchester, aber auch mit seinem riesigen Chor in Frankreich, mehrfach auch auf dem Festival in Montreux.
    1957 wurde er als erster westdeutscher Dirigent nach Russland eingeladen und konzertierte daraufhin im Januar/Februar 1958 in Moskau, Leningrad und Kiew.
    Welchen großen Eindruck er in Russland hinterlassen hatte, wird auch aus einer Kritik deutlich, die sich auf ein Moskauer Konzert im Dezember 1958 bezog:
    "Im Künstlertum Günter Wands verbinden sich die Tiefe des Gedankens mit unfehlbarer Genauigkeit der Berechnung und höchster technischer Meisterschaft. Seine betont strenge, auf jeden äußeren Effekt, jede für die Umwelt bestimmte Geste und Pose völlig verzichtende Art des Umgangs mit Orchester ud Zuhörerschaft ist dem Ernst der inneren Aufgabenstellung völlig untergeordnet. Dem Dirigenten ist ein bemerkenswertes Gespür für die Proportionen und zugleich das Gefühl für Bewegung und Zeit und Bewegung in der Zeit eigen. Und das erlaubt ihm, die Form frei und klar herauszuarbeiten , das Werk in seiner einheitlichen Ganzheit, im wunderbaren Gleichgewicht seiner Sätze darzubieten". (zitiert nach "Interpretenporträt Günter Wand" (von WS), 15. 1. 1972, WDR 3.
    Auch kulturpolitisch waren die Auslandsreisen Wands mit seinem Orchester und Chor, aber auch als Gastdirigent, von sehr großer Bedeutung.
    So hat Günter Wand im europäischen Ausland also schon in den 50er Jahren ein großes künstlerisches Ansehen erworben.


    Liebe Grüße


    Willi

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Die Stadt Köln hat einen Platz in der Innenstadt nach dem langjährigen Dirigenten des Gürzenich-Orchesters Günter Wand benannt. Der Dirigent, der vor acht Jahren starb, prägte nach Angaben der Stadt mehr als drei Jahrzehnte lang das musikalische Leben Kölns. Zwischen 1939 und 1974 war er Kapellmeister der Oper, später Leiter und Generalmusikdirektor des Gürzenich-Orchesters. Unter seiner Leitung machte sich das Orchester einen Namen für seine Aufführungen klassischer und romantischer Musik sowie zeitgenössischer Kompositionen. (Quelle: WDR)

  • In meinem Regal stehen 50 verschiedene Aufnahmen mit Günter Wand.
    Vieles mehrmals, weil er es mit verschiedenen Orchestern eingespielt
    hat. Gürzenich, RSO, Stuttgart, Münchner Philharmoniker, Chicago, NDR-SO
    Studio-Aufnahmen und live aus Lübeck. Bruckner 4,5,7,9 mit den Berlinern.


    Seine Stationen sind auch wunderbar nachzulesen in seiner Biografie,
    So und nicht anders.


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)



  • Ich habe selten einen so informativen, detailreichen und zutreffenden Tamino-Beitrag gelesen wie diesen hier - den ich leider erst heute "entdeckt" habe. Volle Zustimmung, lieber Willi! Der Uraufführungsdirigent zahlreicher Werke des 20. Jahrhunderts sollte endlich von diesem Etikett "erst im hohen Alter aus der Versenkung aufgetaucht" loskommen. Wand war einer der bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts - und das bereits in den 50er Jahren. In welcher Weise er sich um die zeitgenössische Musik verdient gemacht hat und welche enorme Bandbreite sein Repertoire aufwies, dokumentiert sehr schön die Günter Wand-Edition der Firma Hänssler, aber auch die eine oder andere bei RCA erschienene CD. Hier ein paar Beispiele für Werke des 20. Jahrhunderts in der Interpretation Wands:

  • Danke für die Blumen, Swjatoslaw. Mit einigen modernen Komponisten tue ich mich ja schwer, aber Hindemith, Strawinsky und Messiaen interessieren mich natürlich, zumal ich schon einige Aufnahmen von Strawinsky und auch von Messiaen habe, von letzterem hauptsächlich Orgelwerke von unserem ausgezeichneten Coesfelder Organisten Rudolf Innig, der ja als einer der besten Messiaen-Interpreten gilt und auch mit ihm befreundet war.


    Liebe Grüße


    Willi :rolleyes:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Günter Wand zu loben wäre wie Eulen nach Athen zu tragen. Trotzdem hat sich mir dieser Dirigent erst recht spät erschlossen. Was ich an Wand schätze, ist die extrem gute Durchhörbarkeit und das Detailreichtum der Aufnahmen. Da geht kein Instrument unter. Wunderbar die Blechbläser, die Pauken und auch die Streicher. Da hört man oft Dinge, die man zuvor nie wahrgenommen hat, sogar in hochberühmten Werken wie den Bruckner- oder Brahms-Symphonien.



    Oben wurde eine 4. Beethoven von 2001 erwähnt. Ist diese Aufnahme der älteren Studio-Einspielung vorzuziehen? Ich persönlich habe da ja einen neuen eigenen Favoriten: Die Aufnahme mit dem DSO von 1996, die ich der alten NDR-Aufnahme vorziehe.



    Und noch eine 4. würde mich interessieren: Die 4. Bruckner aus dem allerletzten Konzert. Bisher habe ich dieses Werk unter Wand besonders mit den Münchner Philharmonikern von September 2001 (kurz nach den Anschlägen) bevorzugt. Könnte jemand evtl. die Spielzeiten des "Last Recording" angeben? Hier die Daten zur genannten Münchner Aufnahme: 13., 14., 15. Sept. 2001, Gasteig, München; I. 20:18 II. 16:36 III. 12:02 IV. 23:49.


    P.S.: Für 2,50 EUR wage ich es mal und bestelle mir die RCA-Beethoven-CD von 2001. ;)

  • 1. - 20.26
    2. - 16.56
    3. - 11.58
    4. - 23.41


    zusätzlich Schubert Nr. 5 (Doppel-CD)


    1. - 7.11
    2. - 10.20
    3. - 5.12
    4. - 6.43


    Hingegeben der Musik dienen - Gespräch Wand mit W. Seifert (Autor der Biografie) 35.21


    the last recording - the last interview



    Sehr, sehr zu empfehlen.


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Danke, lieber Bernward!


    Das zeigt mal wieder, daß Wand seiner "inneren Uhr" stets vertrauen konnte. Der 1. und 2. Satz sind marginal länger, der 3. und 4. marginal kürzer.


    Von wann sind diese Aufnahmen denn genau? Offenbar nach dem 15. September 2001, wenn es die allerletzten sind.


    LG
    Joseph
    :hello:

  • Ja,


    28. - 30.10.2001, Hamburg, Musikhalle.


    Es handelt sich um einen Live-Mitschnitt. Er war immer 3 Tage in Hamburg. Ob es nun ein kompletter Mitschnitt einer Aufführung war oder ob das Beste von allen dreien zusammengefügt wurde, weiß ich leider nicht. An einem Tag war ich dabei.


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Merci für die schnelle Aufklärung!


    Thomas Pape hat einen ganz späten Mitschnitt der 9. Bruckner mal erwähnt, der wohl nie offiziell auf CD erschien. Vielleicht könnte er sich hier nochmal äußern, von wann dieser ist.


    Es ist wohl so, daß man das Beste zusammengeschnitten hat, daher werden die drei Tage vermutlich auch genannt (wie bei der Münchner Aufnahme).


    Wenn ich mir diese Daten so durchlese, erinnert mich das daran, daß das jetzt fast haargenau ein Jahrzehnt her ist. Wand würde Anfang 2012 100 werden und sein 10. Todestag wird sich kurz darauf auch zum 10. Mal jähren. Ein weiterer Grund, sich wieder mit ihm zu beschäftigen.

  • Es handelt sich sicherlich um den Mitschnitt seines letzten Konzertes in Luebeck von Mitte Juli 2001, bei dem ich Gottseidank persoenlich anwesend war. Er dirigierte vor der Pause Schuberts Unvollendete und nach der Pause Bruckners Unvollendete. (Leider kann ich an diesem PC keine Anfuehrungszeichen setzen sowie auch keine Umlaute, kein scharfes s und kein Fragezeichen).
    Der Kritiker von den Luebecker Nachrichten sprach hinterher von Musik von einem anderen Stern (Auch hier musst du dier die Anfuehrungszeichen denken, lieber Joseph. Da auch der Link zu den Anbietern hier momentan nicht funktioniert, kann ich dir nur soviel sagen, dass das Konzert auf DVD von TDK erschienen ist, sicherlich bei JPC noch zu haben, ob bei Amazon, weiss ich nicht.


    Liebe Gruesse


    Willi :thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber Joseph,


    über die meisten Aufnahmen muss ich nicht viel reden, da ich in Berlin bei den meisten Konzerten anwesend war. Die Begeisterung war immer riesengroß. Ich bin so gar im Besitz einer langbegehrten Extrapressung von Schuberts Großer C-dur-Sinfonie mit dem DSOB.


    Ja, ich habe Wand noch oft live erleben können!


    :hello: LT

  • Das habe ich neulich gefunden, will es euch nicht vorenthalten. Es liest sich einfach köstlich:


    FOCUS Magazin | Nr. 40 (1999)
    Kultur
    „Alles Mümmelgreise“
    Montag, 04.10.1999, 00:00 · von Alexandra Lautenbacher


    Pultsenior Günter Wand bricht den Taktstock über Arroganz und Kommerz im modernen Konzertbetrieb und fordert größere Bescheidenheit


    FOCUS: Was halten Sie von der Anrede „Maestro“?


    Wand: Ich heiße Günter Wand. Mach bloß kein Gedöns.


    FOCUS: Immerhin gelten Sie als einziger Dirigent vom alten Schlag wie Toscanini, Klemperer oder Furtwängler.


    Wand: Musikalisch besteht gerade zu Furtwängler ein großer Unterschied.


    FOCUS: Wer ist Ihr Vorbild?


    Wand: Otto Klemperer, wegen seiner Klarheit. Mehr noch als Toscanini. Ein Tyrann wie er bin ich nicht. Der hat herumgetobt und sogar mal seine Uhr auf das Orchester geworfen.


    FOCUS: Was halten Sie von Sergiu Celibidache?


    Wand: Bitte nicht.


    FOCUS: Warum haben Sie das Leben eines Jet-Set-Dirigenten mit lukrativen Plattenverträgen abgelehnt?


    Wand: Mit denen möchte ich nicht verwechselt werden. Ich gönne es ihnen ja, aber ich bin anders.


    FOCUS: Was missfällt Ihnen an den Pultstars von heute?


    Wand: Ich verachte sie nicht einmal, ich bedaure sie nur: jämmerlich. Man kann doch nur bescheiden werden, wenn man eine Bruckner-Sinfonie dirigiert. Da gehen sie mit viel Respekt ran und bitten um Hilfe von oben.


    FOCUS: Sie bitten beim Dirigieren um die Gnade von oben?


    Wand: Ja, ohne das geht es nicht. Aber das sagt man heute nicht in der Öffentlichkeit.


    FOCUS: Warum nicht?


    Wand: Es wird belächelt, aber es ist nicht zum Lachen.


    FOCUS: Sind Sie ein religiöser Mensch?


    Wand: Das glaube ich schon. Ich bin katholisch getauft. Mein Vater war katholisch, die Mutter protestantisch. Ich erinnere mich, wie der Pfarrer, als ich zwölf Jahre alt war, im Schulgottesdienst über das furchtbare Verhängnis der Mischehen predigte. Die Ehepartner könnten nicht gleichzeitig in den Himmel kommen. Die Vorstellung, meine geliebte Mutter soll nicht in den Himmel kommen, hat mich schwer verletzt und empört mich heute noch. Eine solche Vergiftung eines Kinderherzens von der Kanzel herunter ist eine große Sünde. Das hat mich auch von der Institution Kirche entfernt.


    FOCUS: Sie haben einmal gesagt, je älter Sie werden, umso stärker werde Ihre Sehnsucht nach Reinheit.


    Wand: Denken Sie an die zweite Sinfonie von Schubert, den zweiten Satz. Es ist eine einfache Musik, aber sie ist so unschuldig, sie will nichts. Sie will nicht wirken, nichts darstellen. Darf man das heute überhaupt noch sagen: Reinheit? Auch ein Begriff, der belächelt wird.


    FOCUS: Wie empfinden Sie mit 87 Jahren den grassierenden Jugendkult?


    Wand: Viele Jugendliche kommen mir älter vor als ich selbst – im Vergleich zu mir alles Mümmelgreise.


    FOCUS: Der Star des jungen Publikums, Sir Simon Rattle, preist Sie als sein großes Vorbild. Er sagt, er stehle von Ihnen, was er nur könne.


    Wand: Als ich in England die Neunte von Bruckner probte, saß hinten ein Lockenkopf im Saal. Ich erkannte Rattle, der extra gekommen war, um zuzuhören. Er fragte, darf ich mich auch mal ins Orchester setzen? Ich will Sie auch von vorne sehen. Mehrere jüngere Kollegen sind mir sehr zugetan. Das freut mich ganz außerordentlich.


    FOCUS: Wie sieht Ihre monatelange Partiturarbeit aus?


    Wand: Ich sitze jeden Nachmittag ab fünf Uhr drei Stunden in meinem kleinen Studierzimmerchen mit Flügel und Schreibtisch über der Partitur. Das sind die schönen Stunden. Danach kommt meine Frau mit Pellkartoffeln und Butter. Sie kocht phantastisch. Am besten ist ihre Bouillon mit Rindfleisch und Markklößchen. Dazu trinke ich einen Bordeaux und rauche dann eine Zigarre.


    FOCUS: Was ist Ihnen außer der Musik das Wichtigste im Leben?


    Wand: Das Leben in der Natur in unserem kleinen Dorf. Ich freue mich an den Bäumen, die ich gepflanzt habe, und an den Blumen, die abends ihre Köpfchen zumachen und morgens wieder öffnen. Ulmiz ist ein kleines Nest mit 300 Einwohnern am Murtensee im Berner Seenland. Die Berglandschaft ist ein Traum. Von zu Hause sehe ich auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Das alles teile ich mit meiner Frau.


    FOCUS: Mit der Sie seit 1957 glücklich verheiratet sind.


    Wand: Wir halten uns Tag und Nacht an der Hand. Ich mache nichts ohne sie und sie nichts ohne mich. Sie ist völlig selbstlos und uneitel. Mir zuliebe hat sie auf ihre Laufbahn als Sängerin verzichtet.


    FOCUS: Sie sind zusammengewachsen wie Philemon und Baucis?


    Wand: Das kann man so sagen. Da ist nur die Angst, die der eine um den anderen hat, wenn etwas mit der Gesundheit nicht stimmt.


    FOCUS: Beschäftigen Sie sich viel mit dem Tod?


    Wand: Täglich, zur Zeit lese ich sehr viele Biografien.


    FOCUS: Sie brauchen Hilfe, um ans Pult zu gehen, dirigieren aber frei stehend ganze Bruckner-Sinfonien. Haben Sie dabei Schmerzen?


    Wand: Ich hatte vor zehn Jahren das Standbein gebrochen. Die Schrauben sind noch im Knochen. Kürzlich im letzten Satz eines Konzerts in Lübeck hat es schon sehr wehgetan.


    FOCUS: Wie sehen Ihre musikalischen Pläne aus?


    Wand: Ich habe früher viel moderne Musik dirigiert. Ligeti, Zimmermann – da sind die Leute noch fluchend aus dem Saal gelaufen. Heute fragen sie mich immer: Warum dirigieren Sie das nicht mehr? Den alten Klemperer hat das sein Sohn auch einmal gefragt. „Bin jetzt alt. Muss Beethoven lernen“, lautete seine Antwort. Sehr gut, man lernt nicht aus.


    Vita GÜNTER WAND


    Sein Leben


    Geboren am 7. Januar 1912 in Elberfeld


    Seine Musik


    Ab 1945 Generalmusikdirektor in Köln. Ab 1982 leitet er das NDR-Sinfonieorchester. Wurde jedoch im Ausland wenig bekannt, weil er fast nur im deutschsprachigen Raum auftritt.


    Harter Arbeiter
    Den Orchestern verlangt er einiges ab. Mindestens sieben Proben sind für ihn Bedingung, ein Engagement zu akzeptieren – eine Seltenheit im Musikbetrieb.