Ein impressionistischer Komet - Emmanuel Chabrier 1841 - 1894

  • Wie versprochen, möchte ich nunmehr mit dem hier überfälligen Thread über einen der faszinierendsten und dennoch höchstens mit ein, zwei Werken breiter bekannten Komponisten beginnen. Nicht unähnlich dem vor ihm geborenen Edouard Lalo, bildet Chabrier eine Brücke von Wagner, dessen Werk ihn stets faszinierte, jedoch nur wenige seiner eigenen Werke erkennbar prägte, zu Debussy, dem er mit seiner starken Affinität zum Impressionismus den Weg ebnete. Er war mit den meisten der großen französischen Künstlern seiner Zeit befreundet, darunter Baudelaire und vor allem Paul Verlaine, der ihm zwei Operettenlibretti schrieb, die Chabrier jedoch nur unvollständig vertonen konnte, und mehreren großen Malern, darunter Edouard Manet, der sogar das bekannteste Portrait von ihm malte.


    Chabrier, der zwar auch eine formelle Musikausbildung erhielt, das meiste (auch Klavierspielen) jedoch von seiner sehr musikalischen Mutter lernte und als Autodidakt weiter entwickelte, studierte getreu der Familientradition Jura und verdiente, nicht unähnlich dem gut 30 Jahre jüngeren und in seiner Musik noch radikaleren Versicherungsmakler Charles Ives, lange Zeit sein Geld als Anwalt und Angestellter der französischen Regierung, bis er diese Stellung nach 20 Jahren aufgab um sich ganz der Musik zu widmen. Dies ermöglichte es ihm, trotz beständig mangelnden Erfolges mit großer Könnerschaft und eigensinniger Originalität seinen eigenen Weg zu verfolgen. Noch Gustav Mahler erkannte in seinem populärsten Werk, der Rhapsodie ESPANA "die Wurzel aller modernen Musik", und Maurice Ravel bekannte, von keinem anderen Komponisten so sehr beeinflusst worden zu sein wie von Chabrier.


    Ist Chabrier deshalb ein früher "Neutöner"? Mitnichten. Er entzog sich lediglich allen gängigen Konventionen zugunsten eines virtuosen Einsatzes der Klangfarben, mit denen er ähnlich umging wie seine malenden Freunde mit den richtigen. Das wurde auch von den meisten seiner komponierenden Zeitgenossen neidlos anerkannt. Sie konnten es sich leisten, weil sie bei diesem heiteren musikalischen van Gogh nie in Gefahr waren, nach den Maßstäben des Publikumserfolges von ihm überschattet zu werden. Anders als die impressionistischen Maler, ist aber der Klangimpressionist Chabrier bis heute unpopulär geblieben und steht tief im Schatten seines - eigentlich viel "schwierigeren" - Nachfolgers Debussy, der jedem sofort einfällt, wenn von musikalischem Impressionismus die Rede ist.


    Vermutlich hätte sich das auch nicht geändert, wenn seine letzten Jahre nicht durch eine fortschreitende Lähmung, die ihm große Schmerzen bereitete und, bereits drei Jahre vor seinem frühen Tod in einer Heilanstalt, die Vollendung seiner letzten Oper BRISEIS verhinderte. Dennoch gibt es wenige Komponisten, die - nicht nur in Anbetracht seiner Lebensumstände - das Prädikat eines fröhlichen "Optimisten" so uneingeschränkt verdient hätten wie er, und wie es seine Werke bis heute glücklicherweise zum Ausdruck bringen, ohne das man ihnen jemals den Vorwurf der populistischen Plattheit machen könnte.


    Ich beginne nicht ganz chronologisch mit seinen nichtdramatischen Werken für Orchester, von denen einige, etwa der JOYEUSE MARCHE, von ihm selbst orchestrierte Klavierkompositionen sind. Sein gesamtes Oeuvre in dem Bereich passt, einschließlich diverser Auszüge aus seinen Opern, gerade mal auf zwei cd, die von Michel Plasson und dem Orchestre du Capitole de Toulouse vorbildlich eingespielt wurden:



    Noch besser und mit allen Höhepunkten von Chabriers orchestralem Schaffen bestückt ist diese Aufnahme von John Eliot Gardiner und den Wiener Philharmonikern:




    Wer also nicht so viel Wert auf Vollständigkeit legt, ist damit bestens bedient, geht allerdings das nicht unerhebliche Risiko ein, dass er irgendwann auf die fehlenden Werke hören möchte, die es kaum sonst gibt. :no:


    Soviel für's Erste. Bevor ich dann auf die Werke selbst eingehe, darunter natürlich seine großartigen Operetten und Opern, würde mich aber interessieren, was Ihr von Chabrier kennt (auch an Aufnahmen) und wie Ihr zu ihm steht.


    Bis demnächst also in diesem Thread


    :hello: Rideamus

  • Hallo Rideamus, bisher kenne und schätze ich die von dir genannte CD mit den Wiener Philharmonikern unter J. E. Gardiner:



    Im Oktober konnte ich die "Fete Polonaise" aus der Oper "Le Roi malgré lui" live in Leipzig mit dem MDR-Sinfonieorchester in einer sehr schönen Interpretation unter Hans Graf hören.

  • Lieber Rideamus, ich kenne BISHER nur rein zufällig ein paar amüsante Lieder :untertauch: und ausserdem hatte ich letzten Sommer den Auftrag fûr eine amerikanische Professorin einen dort schwer zu beschaffenden Klavierauszug eines Werkes "L'education manquée" zu suchen und bei dieser Gelegenheit habe ich mir das Opus mal näher angesehen. Schien sehr amûsant zu sein und wenn ich mich recht erinnere gab es nur drei Personen darinnen?
    Wie gesagt, mehr oder weniger unbeackertes Gebiet........selbst für eine in Frankreich Lebende. :O


    Fairy Queen

  • Zitat

    Original von Fairy Queen
    Lieber Rideamus, ich kenne BISHER nur rein zufällig ein paar amüsante Lieder :untertauch: und ... "L'education manqué" zu suchen und bei dieser Gelegenheit habe ich mir das Opus mal näher angesehen. Schien sehr amûsant zu sein und wenn ich mich recht erinnere gab es nur drei Personen darinnen?
    Wie gesagt, mehr oder weniger unbeackertes Gebiet........selbst für eine in Frankreich Lebende. :O


    Fairy Queen


    Liebe Fairy,


    gut, dass Du das BISHER gesperrt geschrieben hast, denn ich bin sicher, dass Du das schleunigst wirst ändern wollen, liegt doch Chabriers Werk, oder wenigstens das meiste davon, voll auf Deiner Linie.


    L'EDUCATION MANQUEE ist tatsächlich ein ganz bezauberndes Dreipersonenstück, auf das ich noch näher zurückkommen werde.


    Einstweilen finden ganz Neugierige noch etwas mehr zu Chabrier in diesem Thread:
    Im Schatten der Italiener ? - Die französische Oper


    Dort findet Ihr übrigens auch den dankenswerten Hinweis, dass es in Paris ab nächste Woche eine ganze Reihe von Aufführungen von und Veranstaltungen um Chabriers bezaubernder opera comique (eigentlich eine Operette) L'ETOILE gibt, in deren Rahmen auch L'EDUCATION MANQUEE - leider nur einmal - aufgeführt wird.


    Wolltest Du nicht sowieso gleich wieder nach Paris? :pfeif:


    :hello: Rideamus

  • Lieber Rideamus, wolltest du mich einladen????? :]
    Nach diesem Wochenende hier ist mein Paris-Budget leider mindestens ein Vierteljahr erschöpft...... :(
    Ich habe nämlich auch noch Noten gekauft........ und an den Mode-Boutiquen kann frau leider auch nciht immer unverrichteter Dinge vorbei gehen :faint:


    Aber wenn Du meinst, Monsieur Chabrier läge voll auf meiner Linie, werde ich mit Freude weitere Beiträge dazu durcharbeiten!


    Fairy Queen

  • die orchester und vokalwerke sind recht hübsch; seine meisterleistung hat er m.e. ivor allem in den opern wie gwendoline bzw. briséis (leider nur fragment geblieben) vollbracht: herrlichste musik!! :jubel: :jubel:

  • Zitat

    Original von Fairy Queen
    Lieber Rideamus, wolltest du mich einladen????? :]


    Wollen gerne, wie so viel zu vieles andere, aber ich kann ja nicht mal selbst hin. X(


    Zürück zu Chabrier und seinem populärsten Werk, das natürlich nicht "Rhapsodie Espagnole" heißt, wie ich vor der schließlich doch gelungenen Korrektur in meinem einleitenden Text behauptet habe, Chabriers Werk mit mit der "Symphonie espagnole" von Lalo kreuzend, sondern einfach:


    ESPANA - Rhapsodie pour orchestre


    Dieses nur rund sechsminütige Werk war auf Anhieb Chabriers populärstes Werk, das er viele Male wiederaufführen musste/konnte. In dem anderen Thread habe ich es als ein für Chabrier untypisches Werk bezeichnet - nicht weil es schlechter wäre als seine anderen Orchesterwerke - ganz im Gegenteil - sondern weil es, wie auch seine HABANERA, von einem Spanienurlaub geprägt wurde, den er mit seiner Frau verbracht hatte und eines von ganz wenigen ist, die sehr stark von Lokalkolorit und fremden Musiktraditionen geprägt wurde. Nach der Aussage im Programm der Uraufführung von 1883 wollte Chabrier darin "die kraftvollen Rhythmen der Jota mit den freien, träumerischen Phrasen der Malaguena" verbinden. Beides sind spanische Tanzrhythmen, die der Liebhaber der zeitgleich sich ausformenden Zarzuela gut bekannt sind.


    Chabrier verwendete in diesem mitreißend polyrhythmischen Werk keine der Melodien, die er sich bei seinem Spanienreise notiert hatte. Dennoch gelingt es ihm, die Farben und Rhythmen sowie den besonderen Charakter seiner Musik einzufangen und dennoch zu etws ganz Eigenem zu machen - ähnlich wie Tschaikowsky in seinem berühmten "Capriccio italien", das alerdings gefundene Motive zitiert und weniger originell ist.


    Typisch für Chabrier ist allerdings der humorvolle Ton, der das Ganze durchdringt - vor allem wenn im Finale die Motive einander hetzen.


    Ein orchestrales Prachtstück, das nicht von ungefähr zu den bewährtesten Schlachtrössern großer und weniger großer Orchester und Dirigenten zählt. Chabrier wird übrigens auf dessen rauschaften Charakter in seiner, vier Jahre später uraufgeführten, Oper LE ROI MALGRE LUI, diesmal mit einem polnischen Setting, wieder zurückgreifen.


    :hello: Rideamus


    EDIT: @ klingsor:


    Ich stimme Dir vollkommen zu, was die Meisterleistungen betrifft. Allerdings ist mindestens die ESPANA viel mehr als nur hübsch (s. o. das Mahlerzitat), und ich persönlich würde LE ROI MALGRE LUI und L'ETOILE den etwas schwereren Werken GWENDOLINE und BRISEIS, von der er ja nur den ersten Akt selbst vollenden konnte, vorziehen. Dazu aber ein andermal mehr.


    @ Fairy: bitte nicht nur "durcharbeiten". ANHÖREN!

  • Zitat

    Original von Rideamus


    Typisch für Chabrier ist allerdings der humorvolle Ton, der das Ganze durchdringt - vor allem wenn im Finale die Motive einander hetzen.


    Ein orchestrales Prachtstück, das nicht von ungefähr zu den bewährtesten Schlachtrössern großer und weniger großer Orchester und Dirigenten zählt. Chabrier wird übrigens auf dessen rauschaften Charakter in seiner, vier Jahre später uraufgeführten, Oper LE ROI MALGRE LUI, diesmal mit einem polnischen Setting, wieder zurückgreifen.


    Ich habe die Espana gestern das erste Mal gehört und die kachelt - um mal die Worte eines nicht ganz so berühmten Comichelden zu verwenden.


    Zum von Rideamus angemerkten humorvollen Ton will ich Euch nicht meinen Eindruck über die Bläsereinsätze vorenthalten: Mir drängte sich sofort das Bild auf, dass die Bläser jedes Mal an der falschen Stelle einsetzen und vom Dirigenten sofort wieder abgewunken werden - nach dem Motto "Nein, jetzt noch nicht"....


    LG
    Rosenkavalier

  • Zitat

    Original von andythr
    Kennt denn jemand die folgenden Einspielungen von Orchesterwerken Chabriers?



    Kurzkritik am Beispiel der Espana:


    Orchestre National de France, Armin Jordan:
    zu plakativ. Plasson macht das in der Dynamik viel besser, und Gardiner mit den Wiener Philharmonikern sowieso. Eine abwechslungsreiche Dynamik und sorgfältige Abschichtung der divergierenden Elemente des Stückes ist aber essenziell um es aus der Gefahr des pauschalen Kurkonzertcharakters zu lösen, der vor allem beim Reinhören der nächsten Aufnahme irritiert.


    Monte-Carlo PO, Hervé Niquet:
    Die Aufnahme kenne ich nicht, aber die Soundschnipsel bei jpc ermutigen nicht. Viel zu pauschal.


    Lamoureux Orchestre, Yutaka Sado:
    Auch diese intelligente Kombination von Chabrier und Ravel ist mir neu. Mir kommt Sado, von dem ich eine sehr schöne Satie-Einspielung, ebenfalls mit dem Orchestre Lamoureux habe, hier recht schleppend vor (auch sein Satie ist langsam; da passt's aber besser), aber die ganze Platte könnte als erster Eindruck und Gegenüberstellung von "Lehrer und Meisterschüler" nicht uninteressant sein, wenn man die Ravel-Teile nicht schon hat.


    Trotzdem: hör mal zum Vergleich bei Gardiner rein.


    Detroit SO, Paul Paray:


    Hier kann ich Theophilus nur voll zustimmen. Eine fetzigere Aufnahme dieser Stücke wird schwer zu finden sein. Wenn der Preis eine wichtige Rolle spielt (ist allerdings "nur € 5 von Gardiner weg), würde ich zum Reinschnuppern zu der Aufnahme greifen - und das restliche Geld für eine Chabrier-Oper aufheben. :D


    :hello: Rideamus

  • Cher cousin chabreux,


    zu Chabrier kann ich leider - noch - überhaupt nichts sagen, obwohl mich persönlich diese spanische Geschichte sehr interessiert, weshalb ich auch Besserung gelobe.


    Dafür steuere ich noch ein Bild bei - mit Glimmstengel.





    adieu,



    audieux

  • Joyeuse marche


    Der "fröhliche Marsch wurde ursprünglich als "Rondo für Klavier zu vier Händen" geschrieben und später von Chabrier für ein Konzert orchestriert, das er 1889 selbst dirigerte. Hierin scheint er den Wunsch seines Freundes Baudelaire verwirklicht zu haben, komische Dinge bombastisch zu erzählen". Am besten wird es durch eine zeitgenössische Kritik charakterisiert: "Chabriers Stücke waren das Vergnügen des Abends. Noch mehr Schwung, Fröhlichkeit und Lebenskraft scheinen unmöglich... (Der Joyeuse marche) mit seinen überraschenden Klängen, deren Übersteigerung als solche schon komische Effekte erzielt hat, erntete stürmischen Beifall. Wer bei diesem Konzert dabei war, wird nie mehr behaupten, man langweile sich dort."
    Debussy stellte fest: "Der Marche joyeuse ist ein Meisterwerk von ausgeprägter Fantasie, wie es nur der Musik möglich ist."


    Prelude pastoral, Suite pastorale, La Bourree fantasque


    Diese Stücke zeigen die lyrisch-poetische Seite dieses meist fröhlichen, aber wahrlich nicht nur burlesken Komponisten. In ihnen, vor allem in der "Bourree fantasque", deren Instrumentation, nachdem Chabrier sie nur beginnen konnte, von dem Dirigenten Felix Mottl fertiggestellt und 1898 uraufgeführt wurde, ist vielleicht am deutlichsten zu erkennen, warum Debussy und Ravel Chabrier dermaßen schätzten. Sie alle basieren auf Klavierpiecen Chabriers, entfalten ihre volle Wirkung erst in der luziden Instrumentation, die eine entsprechend kompetente Aufführung verlangt.


    Über die SUITE PASTORALE, deren einzelne Titel nicht unbedingt von Chabrier selbst stammen und mehr durch ihre Grundstimmung als durch musikalische Bezüge zusammen gehören, schrieb Cesar Franck: " Wir haben etwas Außergewöhnliches gehört. Diese Musik verbindet unsere Zeit mit der von Couperin und Rameau."


    Die BOURREE FANTASQUE, sein letztes vollendetes Werk, charakterisierte Chabrier mit seiner humorigen Ironie selbst, als er dem Pianisten Edouard Risler, dem sie gewidmet war, schrieb: "Ich habe für Sie ein kleines Klavierstück fertig, das ich ganz amüsant finde und worin ich 113 verschiedene Klänge gezählt habe." Um das sehr gute Booklet der Plasson-Aufnahme zu zitieren: "Auf diesen wenigen Seiten... finden wir gehäuft alle charakteristischen Merkmale seines Stils: eine außergewöhnliche Vielfalt an Klangfarben in frei gestalteter Rhythmik, eine reiche harmonische Struktur, innerhalb derer sich auf tonaler Grundlage Modalität... und an Aonalität anklingende Chromatik ineinander verschachteln. All diese Elemente sind mit einer Unerbittlichkeit ineinander verwoben, die man aber schnell vergisst, weil diese BOURREE FANTASQUE den Anschein erweckt, als sei sie eine geniale Improvisation."


    Wieviel Lob braucht man noch um zu vermeiden, dass man im alten Harenberg Konzertführer nur eine Seite verdient und im neuesten gar nicht mehr erwähnt wird - wie überigens in dem meisten Konzertführern?


    Demnächst folgen dann Chabriers Werke für das Musiktheater. Wenn sich einstweilen jemand berufen fühlt, etwas über Chabriers Lieder und Klavierkompositionen zu schreiben, möge er/sie sich herzlich eingeladen fühlen, das hier zu tun, denn in dem Repertoire fühle ich mich noch nicht ganz kompetent.


    :hello: Rideamus

  • Ich gebe jedem, der Lieder mag und sich mit Chabrier befassen will, den Tipp, diese (leider nicht ganz billige) CD anzuschaffen:

    Die Interpretationen sind makellos, und das Begleitheft ist unbedingt lesenswert.


    Chabriers Lieder lassen einem Mund und Augen staunend offenstehen. Einige sind noch typisch französische "Mélodies", also eine schöne, aber etwas salonhafte Melodie mit stützender Begleitung. Viele aber sind ausgefeilte Kunstwerke von größter Delikatesse - da ist Chabrier ein sehr persönlicher Melodiker, und seine harmonische Sprache ist von größtem Raffinement. Und dann gibt es einige Lieder, meist heiteren Inhalts, in denen Chabrier die Art Poulencs vorwegzunehmen scheint: Frech, witzig, ein Hauch delikates Parfum - und unendlich viel Intelligenz. Womit die meisten dieser Lieder echte Juwelen sind!


    :hello:

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Ich gebe jedem, der Lieder mag und sich mit Chabrier befassen will, den Tipp, diese (leider nicht ganz billige) CD anzuschaffen:


    Danke, Edwin, für den Tipp. Mein Wunschzettel ist schon wieder länger geworden, denn ich wusste zwar von der Box, fand sie aber auch etwas heftig im Preis. Aber wenn sie so gut ist... =)


    Freut mich jedenfalls, dass Dir Chabrier auch nicht nur etwas sagt, was zu erwarten war, sondern auch zusagt.


    :hello: Rideamus

  • Lieber Rideamus,


    ein dreifaches :jubel: für die Eröffnung dieses threads.
    Wahrlich, in Chabrier scheinen wir einen dieser sonderbaren "Komponisten für Komponisten" zu haben: jene (tragische) Gestalten, deren Wirken sich - von ein, zwei Ausnahmen abgesehen - der breiten Öffentlichkeit entzieht, dafür aber von vielen nachfolgenden Komponisten umsomehr geschätzt wurde. Allerdings bin ich auch der Auffassung, daß heutzutage viel mehr als nur dieEspana oder der Joyeuse Marche zum festen Konzertrepertoire werden könnten.


    Was die Espana anbelangt: hier besitze ich noch eine sehr hörenswerte Aufnahme mit dem London Symphonic Orchestra unter dem viel zu früh verstorbenen Ataulfo Argenta.


    Eine ebenfalls recht ordentliche Einspielung des Werkes liegt unter Riccardo Muti vor.



    Was die Gardiner-Aufnahme anbelangt: die ist wirklich hervorragend. Ob sie allerdings besser ist als die mit Plasson?? ;)


    Wie auch immer: eine nähere Beschäftigung mit Chabrier lohnt sich allemal.
    Und wo ich mich so langsam mit dem Genre Lied anfreunde, werde ich Chabrier im Auge behalten.


    :hello:
    Wulf

  • Zitat

    Original von Wulf


    Was die Gardiner-Aufnahme anbelangt: die ist wirklich hervorragend. Ob sie allerdings besser ist als die mit Plasson?? ;)


    Natürlich ist das Ansichtssache, und man braucht die eine nicht wirklich, wenn man die andere hat - es sei denn, weil man auch Stücke hören will, die bei der anderen fehlen - was eindeutig für Plasson spricht.


    Ich finde bei Gardiner einfach die Orchesterkultur des Wiener PO noch besser, und weniger idiomatisch als Plasson ist er auch nicht, wie seine in Kürze von mir besprochene Aufnahme von L'ETOILE belegt.


    Was das gängige Orchesterrepertoire anbelang, so ist das ja, zumal bei uns, in Richtung Frankreich extrem unbeweglich, aber ich denke, mindestens die BOURREE FANTASTIQUE und die SUITE PASTORALE sollten unbedingt öfter zu hören sein, ganz zu schweigen von dem rauschenden FETE POLONAISE aus LE ROI MALGRE LUI, auf das ich auch noch kommen werde.


    Einstweilen aber vielen Dank für diese Bestätigung, dass die beschäftigung mit Chabrier sich lohnt.


    :hello: Rideamus

  • Die Musik von Emanuel Chabrier ist wahrhaftig ein Ohrenschmaus!


    Ich möchte allen folgende CD empfehlen:


    Werke für Soli, Chor und Orchester


    Barbara Hendricks, Susan Mentzer, Pierre del Vescovo
    Choeurs de Toulouse Midi-Pyrénées
    Orchestre du Capitole de Toulouse
    Michel Plasson


    EMI



    Vor allem das herrliche "La sulamite - Scène lyrique (1884)" gehört zu den großen Momenten dieser CD.


    Davidoff

  • Ich sag's nur ganz leise, weil ich Eure Geldbörsen nicht über Gebühr belasten will, aber dieser Chabrier war auch ein verdammt guter Opernkomponist. Am Anfang schrieb er zwei köstliche Operetten in Offenbach'scher Manier: "L'étoile" (u.U. aufzutreiben in einer etwas temperamentgebremsten Aufnahme unter Gardiner) und die nicht abendfüllende, prickelnd amüsante "Une éducation manquée", die auch schon hie und da eine Vorschau auf den heiteren Poulenc ist (derzeit nicht zu bekommen).


    Dann wagnert Chabrier - aber nicht in einem Ausmaß, daß es epigonenhaft wäre:

    Diese "Gwendoline" hat einen etwas doofen Text, der im Wikinger-Milieu spielt, aber Chabriers Musik rettet alles: Interessant ist für mich vor allem, wie er alles Wabern von Wagner wegbläst. Man merkt, woher Harmonik und Melodik kommen, aber es gibt keine Schwere bei Chabrier, alles ist klar, überhitzt nicht, wird geschmackvoll ausgeführt und glänzend instrumentiert. (Die - gute, aber nicht überragende - CD-Aufnahme ist derzeit leider nicht zu bekommen.)


    Und dann kommt der Knüller:

    Diese grandiose Aufnahme ist derzeit ebenfalls nur "antiquarisch" für ein Schweinegeld zu bekommen. Und sie ist jeden Cent wert! "Le Roi malgré lui" ist eine Komische Oper mit einer Überfülle an eleganter, witziger und glänzend formulierter melodik - aber was Chabrier damit harmonisch macht, ist atemberaubend: Da gibt es Stellen wie bei Ravel, Poulenc oder gar Honegger. Das Werk war ein Kultwerk der "Groupe des Six" - man merkt, weshalb. Alterierte Septimen- und Nonenakkorde in einem freien Wechselspiel, aber durch die Instrumentierung sind die Konturen schärfer als bei Debussy. Dieser "Roi" gehört für mich zu den außerordentlichsten Werken des 19. Jahrhunderts - weil er in seiner ganzen Haltung ganz klar in das 20. blickt.


    Leider hat Chabrier "Briseis" nicht fertigstellen können - aber der erste Akt zeigt, welch hervorragendes Werk es hätte werden können:

    Der Wagner-Einfluß ist vorhanden, aber völlig eingeschmolzen in Chabriers eigene Sprache. Abermals ist eine gewisse pathosfreie Leichtigkeit zu bemerken, die aber keineswegs ausdrucksarm ist. Im Gegenteil: Chabrier ist ein typischer Vertreter des "objektiven Ausdrucks", wie ihn die französischen Komponisten gerade im ausgehenden 19. Jahrhundert und im 20. zum Ideal erheben - fast könnte man meinen, Chabrier habe diese Objektivität erfunden. Ein Meister in ihr ist er auf jeden Fall!


    :hello:

  • Hallo Edwin,


    ständig bin ich von Formeln, Zahlen und Gleichungen umringt. Daher liebe ich so erfrischende Maßeinheiten wie "Schweinegeld" - leider sind die Händler beim Kauf nicht flexibel und lassen 10 EUR nicht als "Schweinegeld" durchgehen (verdammte Meute!). Daher meine Frage: Wie ist der Wechselkurs Schweinegeld - Euro momentan? Sprich: how much is the fish, wieviel muß ich für die Scheibe (Le Roi malgre lui) auf die hohe Kante legen??


    Herzlichst
    Wulf

  • Lieber Wulf, wenn ich Edwin das abnehmen darf, weil er mir gerade eine Menge Arbeit erspart hat:


    Beim Amazon Marketplace verlangt der billigste Anbieter schlappe € 87,93 plus Versand.


    Beim Amazon US gibt es einen, der für $ 40 plus Versand anbietet, was beim gegenwärtigen Dollarkurs reell ist. Ein anderer verlangt aber schon 90 plus Versand für eine gute Box, deren Cover "worn" ist !!! Die wissen, was sie haben. :boese2:


    Ob das nicht mal ein Signal in Richtung Erato oder Zweitauswerter sein könnte?


    Immerhin habe ich auch eine gute Nachricht für diejenigen, die sich für Davidoffs Empfehlung erwärmen wollen: Die von ihm zu Recht angepriesene cd ist Bestandteil des von mir ganz zu Anfang genannten Doppelpacks von Plasson-Aufnahmen.


    :hello: Rideamus


    PS @ Edwin: alles, was Du schreibst, kann ich gerne unterschreiben, nur könnte es auf manche den Eindruck machen, die Werke seien sperriger als sie tatsächlich sind. Das trifft für mich aber sogar noch eher auf seine "Schüler" Debussy und Ravel zu, auf die er in der Tat voraus weist. Jeder, der mit Berlioz oder dem späteren Verdi etwas anfangen kann, sollte aber mit Chabrier keinerlei Schwierigkeiten haben, auch wenn er sehr anders klingt. Er war halt zu intelligent um sich dem Schmelz und der Sentimentalität eines Gounod oder Puccini anheim zu geben, aber wenn er wollte, konnte er auch das. Mir ist schleierhaft, warum er noch immer nicht in großem Stil wiederentdeckt und von einem großen Publikum vereinnahmt wurde.

  • Wer Verbindungen zu einem OperaShare-Mitglied hat, kann sich alle Bühnenwerke Chabriers von Rapidshare herunter laden. Von LE ROI MALGRE LUI und L'EDUCATION SENTIMENTALE allerdings nur zwei etwas schwächere Aufnahmen des ORTF, die aber immerhin einen passablen Eindruck vermitteln.


    Leider darf ich die Links nicht veröffentlichen, weil ich meine Mitgliedschaft nicht verlieren will.


    Viel Glück und danke für das wachsende Interesse.


    :hello: Rideamus

  • Lieber Rideamus,

    Zitat

    nur könnte es auf manche den Eindruck machen, die Werke seien sperriger als sie tatsächlich sind


    Na, dem wollen wir doch entschieden entgegentreten. Sperrig sind die Werke ganz und gar nicht! Sie sind, ganz im Gegenteil, ausgesprochen "süffig". Mich hat's schon in den Fingern gejuckt, Verdis "Otello" und "Falstaff" als nahe Verwandte auszugeben. Aber das wäre ein Irrtum, denn die motivische Arbeit Chabriers kommt eben doch von Wagner. Und die Eleganz der Melodik ist nicht italienisches Brio, sondern typisch französisch: Nobel und mit ungeheurem Geschmack veredelt.


    Weshalb ein Meisterwerk wie der "Roi" heute nicht gespielt wird, hängt mit der prinzipiellen Aversion einiger Enggeister gegen französische Musik zusammen. Man traut französischen Komponisten einfach keine Erfolgsoper zu, weil man sich darauf geeinigt hat, daß Debussys "Pelléas" in Wirklichkeit langweilig ist, und da das die französische Oper par excellence ist und "Carmen", "Faust" und "Werther" nur als Ausnahmen verstanden werden, spielt kaum jemand bis niemand Berlioz' "Trojens", Chabriers "Roi", Charpentiers "Louise", Chaussons "Roi Arthus", Rabauds "Marouf" usw. bis herauf zu Milhauds "Christophe Colombe" und Poulencs "Dialogues", von den zeitgenössischen Franzosen gar nicht zu reden.


    Welche Schätze sich die Bühnen dabei entgehen lassen, zumal gerade Chabriers "Roi" eine der wenigen wirklich gelungenen Musikkomödien ist, deren Musik sich nicht in Platitüden verliert, ist wirklich unglaublich.


    :hello:

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Weshalb ein Meisterwerk wie der "Roi" heute nicht gespielt wird, hängt mit der prinzipiellen Aversion einiger Enggeister gegen französische Musik zusammen. Man traut französischen Komponisten einfach keine Erfolgsoper zu, weil man sich darauf geeinigt hat, daß Debussys "Pelléas" in Wirklichkeit langweilig ist, und da das die französische Oper par excellence ist und "Carmen", "Faust" und "Werther" nur als Ausnahmen verstanden werden, spielt kaum jemand bis niemand Berlioz' "Trojens", Chabriers "Roi", Cherpentiers "Louise", Chaussons "Roi Arthus", Rabauds "Marouf" usw. bis herauf zu Milhauds "Christophe Colombe" und Poulencs "Dialogues", von den zeitgenössischen Franzosen gar nicht zu reden.



    Was sicherlich richtig und sehr bedauerlich ist. Trotzdem finde ich es noch viel erstaunlicher, wie schmählich die französische Oper oft von den französischen Opernbühnen vernachlässigt wird: Man schaue sich mal etwa bei Operabase an, wie oft die von Edwin genannten Komponisten und Kompositionen in französischen Opernhäusern gespielt werden - selbst wenn man in Rechnung stellt, dass es in Frankreich viel weniger Bühnen gibt als in Deutschland, ist das Ergebnis ziemlich kümmerlich. Und es wäre noch viel kümmerlicher, wenn Mortier an der Opéra national nicht in den letzten Jahren immer mal wieder zentrale Werke der französischen Operngeschichte auf die Bühne gestellt hätte (Berlioz, Charpentier, Dukas, Messiaen). Auf die bis heute ziemlich traurige Geschichte der Berlioz-Rezeption in Frankreich muss ich nicht extra hinweisen. Nur bei der französischen Barockoper (und evtl. bei Offenbach und verwandtem Repertoire) verhält es sich anders, aber das würde endgültig zu weit weg vom Thema führen. Sorry für das OT.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Dann wagnert Chabrier - aber nicht in einem Ausmaß, daß es epigonenhaft wäre:
    Diese "Gwendoline" hat einen etwas doofen Text, der im Wikinger-Milieu spielt, aber Chabriers Musik rettet alles: Interessant ist für mich vor allem, wie er alles Wabern von Wagner wegbläst. Man merkt, woher Harmonik und Melodik kommen, aber es gibt keine Schwere bei Chabrier, alles ist klar, überhitzt nicht, wird geschmackvoll ausgeführt und glänzend instrumentiert. (Die - gute, aber nicht überragende - CD-Aufnahme ist derzeit leider nicht zu bekommen.)


    Volle Zustimmung auch, was die Aufnahme unter Jean-Paul Penin mit Kräften der Slowakischen Oper betrifft. Immerhin ist sie eine gute Annäherung, und dass man von dem Libretto von Catulle Mendez so gut wie nichts versteht, ist in der Tat nicht unbedingt ein Verlust.


    Zu Chabrier und Wagner: Chabrier hat nach dem ersten Hören der Oper die gesamte Partitur des TANNHÄUSER eigenhändig abgeschrieben und studiert, so sehr bewunderte er ihn. Dennoch ist völlig richtig, was Du sagst: Die Oper mag manchmal nach Wagner in der Sprache von Berlioz klingen - man könnte sie sogar in dem anderen Thread als Einstiegsdroge in Wagners Werk benennen -, ist aber dennoch etwas ganz Eigenes. Für einen Epigonen oder gar Plagiator war Chabrier viel zu gut und selbständig, um nicht zu sagen eigensinnig.


    Ich werde mich mit dem Werk noch ausführlicher beschäftigen, möchte aber noch etwas vertrauter damit werden und daher möglichst schon morgen erst einmal mit seinen Operetten beginnen.


    :hello: Rideamus

  • Zitat

    Original von Rideamus
    Wer Verbindungen zu einem OperaShare-Mitglied hat, kann sich alle Bühnenwerke Chabriers von Rapidshare herunter laden. ...


    Mach uns nicht ständig den Mund wässrig! Da ist ja kein Hineinkommen! :D