Manon-Massenet, Puccini, Abbé Prévost usw

  • Liebe Manon-Fans, ich beginne einfach mal den vor einiger Zeit für nach Weihnachten gewünschten Thread zur Manon in ihren verschiedenen Erscheinungsformen.
    Zunächst und nur um den Thread anzustossen ,will ich mich über die eben gesehene/gehörte McVicar Inszenierung, die ja bereits sehr kontrovers "angedeutet" wurde (Severina,Emotione....) kurz äussern.
    Ich habe als Vergleiche zwei ebenfalls aktuelle Manons aus Wien und Berlin 2006 mit Netrebko/Vilazon bzw Netrebko/Alagna sowie zwei "alte" Manons mit Victoria de los Angeles bzw Beverly Sills zu bieten.
    Rein sängerisch und auch darstellerisch hat mich bisher ncihts so begeistert wie die Kombination Dessay /Villazon. Ein Operntraumpaar par excellence und dagegen wird mir noch einmal mehr deutlich, wie mittelmässig Anna Netrebko trotz äusserer Rollen- Vorzüge gegenüber der doch sehr koboldhaften und teilweise wirklch zu mageren Dessay wirkt.
    Letzere überzeugt jedoch sowohl sängerisch wie auch schauspielerisch auf allerhöchstem Niveau und besitzt m.E. die ideale Stimme für diese Rolle, die durch ihre Person eine ganz andere Dimension gewinnt. :jubel: :jubel: :jubel:
    Mir erscheint Manon mit Dessay viel weniger als die zu verurteilende rein oberflächliche Kokette, sondern viel mehr als die wirklich mit sich ringende zu junge und unerfahrene Verblendete, die aber echte Gefühle vermittelt und deshalb liebenswert bleibt.
    Die Szene in Saint Sulpice finde ich absolut gigantisch dargestellt-besser kann man es wirklch nciht machen. Villazon überzeugt mich hier genauso wie als Afredo: seine strahlende enthusiastische Stimme und die idealistisch-romantische und ein kleines bisschen "unbeholfene" Rollen-Darstellung sind anbetungwürdig. :jubel: :jubel: :jubel: Wie schal wirkt dagegen Alagna auf mich; vor allem stimmlich fällt er weit ab, aber auch als Person wirkt er viel weniger authentisch.


    Die McVicar Inszeneirung ist mir manchmal etwas zu überladen und zu stark bevölkert, obschon mir die wunderbare Ausstattung und die schauspielerische Freiheit der Protagonisten gut gefallen. Besonders gut gemacht finde ich den dritten Akt im "Cours de la Reine", die das Zeitkolorit insbesondere in der Figur des Morfontaine hervorragend einfängt.
    Enttäuschend fand ich leider Samuel Ramey als Vater des Grieux, dessen Vibrato mir entschieden zu ausgeprägt ist, um noch Schöngesang zu sein. :(
    Ich will abscihtlich erstmal nur ein paar Streiflichter einwerfen.
    Das Thema ist sehr umfassend und was nun interessant für die Taminos zu diskutieren ist, wird sich sicher noch herausstellen.


    Fairy Queen

  • Liebe Fairy,


    zu diesem auf meinen Wunsch auf Puccini erweiterten Manon-Thread melde ich gerne mein Interesse und meine Beteiligung an, zumal mir ein lieber Ersatzweihnachtsengel mit einer Aufnahme der DVD aus Barcelona aushelfen will, wofür ich sehr dankbar bin.


    Bislang habe ich nämlich von der Massenet-Manon "nur" drei Audio-Aufnahmen von Barenboim (Netrebko/Villazon), Pappano (Georghiu/Alagna), und Michel Plasson (Cotrubas/Kraus). Die Berliner Barenboim-Aufführung kann man ja demnächst mitschneiden. Solange möchte ich mich gerne einer vergleichenden Wertung enthalten.


    Bei den Puccini-Manons sieht es etwas besser aus, denn da habe ich schon Video- bzw. DVD-Aufzeichnungen von Levine (Scotto/Domingo), Sinopoli (TeKanawa/Domingo) und neuerdings die Wiener Aufführung unter Seiji Ozawa mit Havemann/Shicoff). Dazu kommen noch die Audioaufnahmen von Chailly (TeKanawa/Carreras) und Perlea (Albanese/Björling).


    Ich fühle mich also gewappnet, sobald ich mir die etwas mehr vergegenwärtigt habe, also irgendwann Anfang des neuen Jahres. Nur die Prevost-Novelle mag ich nicht mehr lesen. Es wäre also ganz hilfreich, wenn jemand mal etwas über die inhaltlichen Unterschiede der jeweiligen Werke im Verhältnis zur Vorlage schreiben will.


    :hello: Rideamus

  • Cher Rideamüs,
    den Abbé nehme ich mir die Tage vor-soweit ich mich entsinne, ist die Figur der Manon darinnen deutlich negativer und weniger verständniserregend dargestellt als in den Opern. Werde das aber verifizieren.
    Bei Puccini wird es natürlich eine Mords-Schmonzette, wogegen Massenet immerhin neben all den Klischees noch ein Stück frz. legereté und Charme drinnen lässt-die Cours de la Reine -Szene gleich vor der megaromantischen Hinschmelz-Kirchen-Verführung nimmt da wirklich ein Stück Kitsch raus.
    Ich bin kein Puccini-Fan, mir ist das fast immer ein bissel zu dick aufgetragen und die Handlungsstränge zu plakativ melodramatisch, daher beschränke ich mich auf Massenet.
    An Weihnachten habe ich z.B. die Bohème gesehen und gottseidank ganz gut und modern inszenert-sonst wäre ich wohl an Süsstoffvergiftung erstickt. Einige Arien höre ich für mein Leben gern aber eine ganze Puccini-Oper.......(Ausnahmen Tosca und Turandot)
    Freue mich aber wie immer über regen Austausch auch gerade über "Streitobjekte"! :D


    Fairy Queen

  • Na FQ,
    nun wollen wir aber Puccini nicht ganz schlecht machen.
    Er hat in seinen Opern wunderbare Musik verarbeitet.
    Ich liebe alle Opern von ihm,ausser der Butterfly.


    Zur Manon aus Barcelona, ich bin von der Dessay ganz begeistert.
    Auf Grund dieser Stimme habe ich mir heute die DVD bestellt.
    Dann diskutieren wir.

    Rita

  • Die Libretti der beiden Opern haben als Vorlage den Roman "L'Histoire du Chevalier des Grieux et de Manon Lescaut" von Antoine-Francois Prévost d'Exiles, genannt Abbé Prévost (1697-1763). Der Roman ist der 7. Band der "Memoires d'un homme de qualité" und wurde erstmals 1731 veröffentlicht, jedoch sofort von der Zensur verboten. Erst im Jahr 1753 erfolgte nach einer leicht überarbeiteten und moralisierten Neuauflage die Freigabe.


    Wenn man sich das wechselvolle Leben des Abbé Prévost vor Augen führt, (Studium bei den Jesuiten, Eintritt in Jesuitenorden, Verlassen des Ordens und Eintritt bei der Armee, Novize bei den Benediktinern, Flucht aus dem Kloster, Flucht nach England, um einer Verhaftung zu entgehen, Übertritt zum anglikanischen Glauben in London, Hauslehrer in London, verliebt sich in die Tochter des Hauses, Ausweisung aus England, Leben in Holland mit einer Edelkurtisane, wegen Überschuldung erneute Flucht nach England, wieder Ausweisung wegen Wechselbetrugs, diesmal zurück nach Frankreich, Wiederaufnahme bei den Benediktinern) komme ich nicht umhin, in dem Roman der Manon Lescaut autobiografische Züge zu vermuten.


    Zum Roman selbst folgt morgen eine kurze Inhaltsangabe.


    :hello:


    Emotione

  • Liebe Emotione, mich erinnert das Ganze auch ein bisschen an einen anderen Abbé, der hochberühmte Libretti schrieb...... :D
    Unser Manon-Abbé tut (verständlicherweise) Alles, um seine autobiographische Spur zu vertuschen und legt den Roman als einen Ohren/Augenzeugenbericht an. Er erzählt nciht seine eigene Geschcihte sondern die Geschichte eines jungen Mannes, der ihm zufällig mehrfach begegnet und (des Grieux) und dessen erschütterndes und mitleiderregendes Schicksal ihn so bewegt, das er ihm nciht nur mit Geldgeschenken hilft sondern sich auch so bewegen lässt, das er dessen ganze Lebensgeschichte erzählt.


    Ich habe es gestern leider nciht mehr geschafft, über das erste Kapitel hinauszukommen und da meine Erinnerung manchmal wegen Überfüllung Kapriolen schlägt , bin ich sehr froh, dass du nun viel schneller die Inhaltsangabe übernimmst!


    Ein wesentlicher Unterschied zwischen der Puccini-Manon und der Massent-Manon im Bezug auf den Roman ist z.B., dass bei Massenet Manon gar nicht mehr bis Amerika kommt, sondern bereits vorher auf dem Weg nach Le Havre stirbt.
    Was mich sehr interessiert, ist die Wertung der Manon als Frauengestalt in den unterschiedlcihen Versionen und interpretationen. Mir ist jetzt gerade bei Dessays Interpretation im direkten Vergleich mit Netrebko(beides habe ich auf DVD) aufgefallen, wie verschieden das Bild allein sein kann, wenn verschiedene Sängerinnen die Rolle interpretieren.
    Und auch der des Grieux eines Villazon oder eines Alagna ist (ganz abgesehen vom Gesang) ein himmelweiter Unterscheid für mich.


    Manon kann eine leichtfertige und ganz und gar oberflächliche Edelkurtisane sein, die mit des Grieux's Gefühlen herumspielt, ohne sich der Konsequenzen annähernd bewusst zu sein. Die also fast ncihts Anderes als Luxus und persönlcihe Eitelkeit im Kopf hat. Die Verführungsszene in Saint Sulpice wird dann zur im Nachhinein sarakstischen Aktion einer femme fatale, die gerade mal genug vom Luxusleben hat und sich mal wieder romantische Liebe pur "gönnen" muss um der Langeweile zu entgehen. So legt m.E. Anna Naetrebko die Rolle an.


    Manon kann aber auch einfach ein viel zu junges und viel zu schönes Mâdchen ohne Lebenserfahrung sein, das Freude an Schönheit und Vergnügen hat, mit einer nicht unbeträchtlichen Eitelkeit ausgestattet ist und von der Anbetung (zu) vieler Männern unbewusst in eine Richtung gedrängt wird, die in fataler Weise diesen Weg nach sich zieht. Ihre Reue und das Erkennen der wirklcihen Liebe von und auch zu des Grieux sind dann echt und so singt und spielt Natalie Dessay m.E; das Ganze.
    Bereits in der Szene "adieu notre petite table" spürt man den Unterscheid zwischen kurzlebiger Pseudo- Reue und echter innerer Zerrissenheit deutlcih. Ihre Liebeserklärung an des Grieux in Saint-Sulpice ist für mich auch keine Verführungsshow und Selbstbestätigung nach dem Motto: "mir kann sowieso keiner widerstehen und den krieg ich trotz Keuschheitsgelübde auch noch rum", sondern eine ehrliche Umkehr in dem Rahmen, in dem eine so junge Frau überhaupt dazu in der Lage sein kann.


    Die Ambivalenz der Manon-Figur finde ich faszinierend und bin neugierig, ob das in verschiedenen Puccini-Interpretationen auch so vermittelt wird.


    Fairy Queen

  • Der Roman "L'Histoire du Chevalier des Grieux et de Manon Lescaut"


    Beim ersten Kapitel handelt es sich um eine Mischung aus Erzähl- und Ichform, die restlichen Kapitel sind überwiegend in Ichform gechrieben.


    Eine kurze Inhaltsangabe:
    1. Teil
    Der Erzähler berichtet, dass er während einer Reise bei einem Zwischenhalt in Passy auf eine Gruppe Frauen traf, die aus einem Pariser Gefängnis nach Le Havre gebracht, um von dort nach Louisiana (damals noch eine französische Kolonie) deportiert zu werden. Er traf auf einen völlig mittellosen jungen Mann, der verzweifelt versuchte, einer der Gefangenen nahe zu sein. Um dies zu ermöglichen mussten Wärter bestochen werden. Dem Erzähler fiel der Liebreiz der jungen Frau auf. Er hatte Verständnis für den jungen Mann und half mit Geld aus, um ihm die Mitreise nach Le Havre zu ermöglichen. Dort hoffte der junge Mann Hilfe zu finden, um seine Geliebte zu befreien.


    Es vergingen 2 Jahre. Der Erzähler befand sich wieder auf Reisen. Dieses Mal in Calais, als ihm eine Person begegnete, die ihm bekannt vorkam. Er erkannte in ihr den jungen Mann, den er in Passy getroffen hatte. Nachdem der junge Mann erklärte, er sei gerade aus Amerika zurückgekommen, war die Neugierde des Erzählers erwacht. Er bat ihn in ein Wirtshaus, damit er ihm seine Geschichte erzähle.


    Die Erzählung des Chevalier des Grieux


    Des Grieux war siebzehn Jahre alt, hatte gerade sein Examen bestanden und wartete bei der Poststation in Amiens gemeinsam mit seinem Freund
    Tiberge auf den Wagen nach Paris. Des Grieux sollte ebenso wie sein Freund Priester werden und wollte die Zeit bis zur Aufnahme in den Orden der Malteser bei seiner Familie verbringen. Aus einer ankommenden Postkutsche entstieg ein junges Mädchen zusammen mit einem älteren Mann, der offenbar zu ihrem Schutz mitgereist war. Des Grieux, völlig unerfahren, war von der Schönheit des Mädchens überwältigt. Er musste sie nach ihrem Namen fragen. Sie heiße Manon Lescaut erfuhr er, sei sechzehn Jahre alt und ihre Eltern schickten sie wegen ihres Verlangens nach Vergnügungen in ein Kloster. Sie solle Nonne werden. Des Grieux war entsetzt. Diese Schönheit hinter Klostermauern. Für ihn, den der coup de foudre getroffen hatte, undenkbar. Er wollte ihr Beschützer sein und sie vor diesem Schicksal bewahren. Eltern und Priesterseminar waren vergessen, nur mit ihr wollte er zusammen sein, sein Herz gehöre auf ewig ihr. Er wolle mit ihr nach Paris und dort mit ihr leben. Für Manon war der Weg in die Freiheit durch ihn offen. Nach Paris!! Der Begleiter Manons wurde abgeschüttelt, der Freund Tiberge beschwindelt, die geringen Geldmittel, die beide besaßen, zusammengelegt, ein Wagen geordert und das Abenteuer konnte beginnen.


    Die Beiden mieteten eine kleine möblierte Wohnung, es vergingen zunächst einmal einige leidenschaftliche Wochen, bis des Grieux sich an seinen Vater erinnerte. Dieser sei bestimmt ebenso begeistert von Manon wie er, es sei eigentlich an der Zeit, den Vater um die Zustimmung zu einer Heirat zu bitten. Außerdem seien die geringen Mittel, die sie besaßen bald aufgebraucht. Dass Manon von diesem Vorschlag wenig begeistert war, erschien ihm nicht verwunderlich, sie wollte ihn ja nur vor dem Zorn des Vaters bewahren, auch Geldquellen könne sie schon erschließen. Sie habe schließlich Verwandte in der Provinz, denen sie schreiben könne, um Mittel zu erhalten. Da des Grieux die Verwaltung des Geldes Manon überließ, konnte er sich nur freuen, wie sie haushalten konnte. Man tafelte prächtig, es wurde teure Garderobe angeschafft, die Verwandtschaft musste sehr großzügig sein.


    Dass die Verwandtschaft aus einem gewissen Herrn de Bretigny bestand, einem Steuerpächter, der im Hause nebenan wohnte, ahnte des Grieux nicht, auch an sich eindeutige Beweise, dass Manon ihn betrog, wollte er in seiner Verblendung nicht erkennen. Die Erkenntnis traf ihn deshalb umso härter. Nach einem Abend voller Zärtlichkeit und tränenreichen Liebesbeteuerungen durch Manon, riss man ihn jäh aus seinen Träumen.
    Es klopfte an der Tür, des Grieux öffnete und wurde von Bedienten seines Vaters gewaltsam entführt zu einer Kutsche, in der sein Bruder saß und die ihn unter Bewachung in sein Elternhaus brachte. Er erfuhr, dass der Vater durch einen Brief des Herrn de Bretigny unterrichtet worden sei, wo er sich aufhalte. Er möge seinen Sohn zu sich holen, da Manon schon seit längerem mit ihm, Brétigny zusammen sei und des Grieux nur störe. Erst nach längerer Zeit der Verzweiflung und des Nichtwahrhabenwollens, dass Manon ihn betrogen habe und mit Unterstützung durch seinen treuen Freund Tiberge gelang es ihm, sich wieder auf sein Studium zu besinnen. Er beschloss, das Seminar in Saint-Sulpice zu beziehen und seine theologischen Studien beenden. Er wollte nicht mehr an die gefährlichen Freuden der Liebe denken und künftig ein weises, christliches Leben führen. Seine Studien machten vorzügliche Fortschritte. Schon nach einem Jahr stand des Priesterexamen an, da stürzte ihn ein einziger, unglückseliger Augenblick in den Abgrund, und der Fall war umso endgültiger, als er sich kaum daraus erhoben hatte.


    Fortsetzung folgt


    Emotione

  • Liebe Fairy,


    Tip zur Manon: Im Jänner gibt es eine ganze Reihe Manon-Aufführungen in Wien in der Inszenierung von letztem Jahr (meinen Geschmack hats voll getroffen).


    Besetzung Jänner 2008:


    MANON Norah Amsellem
    GRIEUX Rolando Villazon
    PAPA GRIEUX Dan Paul Dumitrescu



    Liebe Grüsse aus Wien,


    Louis

  • Lieber Louis, danke. Leider ist Wien mehr als 1000km von mir entfernt und de Januar schon so gut wie ausgebucht. :(
    Wer ist denn Norah Amsellem? Ich kenne sie leider noch nicht :untertauch:
    Die Aufführung steht und fällt ja nciht zuletzt mit der Protagonistin.


    Fairy Queen



    An Emotiones dankenswerter Inhaltsangabe wird schon jetzt deutlich, wie sich die Ansätze von Massenet und Puccini unterscheiden. Puccini macht des Grieux zur Hauptfigur und zum Sympathieträger und hält sich viel enger an die literarische Vorlage als Massenet.
    Bei Massenet wird Manon erst NACH der Trennung von des Grieux und durch massive unlautere "Einflüsterungen" Brétignys Geliebte und eine Art Edelkurtisane
    Bei Prévost ist sie das bereits vor der Begegnung mit des Grieux und bleibt bis zum Ende eine ausgehaltene "polygame" Frau .
    Bei Puccini wiederum reist Manon in Begleitung ihres Bruder und nicht als Geliebte reichen alten "Beschützers" an. Hier wird suggeriert, dass der eigene Bruder sie quasi als Zuhälter gewinnbringend in die Arme eines alten Wüstlings treibt und sich ihres Luxusbedürfnisses bedient
    Ich finde es serh interessant, wie die verschiedenen Versionen versuchen, die Figur der Manon "moralisch" in sehr unterschiedlicher Weise zu werten.

  • Liebe Fairy,


    es besteht zumindest die Hoffnung, dass der Radiosender Österreich 1, den es im Netz auch als Live-Steam gibt, in seiner Sendung


    Apropos Oper
    Das Wiener Staatsopernmagazin
    am 27.01.2008, 15:06 Uhr bis 16:30 Uhr


    Ausschnitte aus einer der Aufführungen sendet.


    LG, Elisabeth

  • Zitat


    Original von Fairy Queen
    Bei Prévost ist sie das bereits vor der Begegnung mit des Grieux und bleibt bis zum Ende eine ausgehaltene "polygame" Frau .


    Liebe Fairy,
    ich hatte geschrieben, Manon reist in Begleitung eines älteren Mannes an. Damit meinte ich, dass dieser nur ein von ihren Eltern zu ihrem Schutz als alleinreisendes Mädchen gedacht war. So steht es auch bei Prévost. Es ist auf keinen Fall Brétigny. Bis zur Saint-Sulpice Szene folgt die Handlung bei Massenet genau der Roman-Vorlage.


    Hier hatte ich mich eventuell missverständlich ausgedrückt.



    LG :hello:


    Emotione

  • Liebe Emotione, du hast dich richtig ausgedrückt-aber ich habe Puccini und Prévost durcheinander geworfen.
    M.E. hält sich Puccini nämlich weit mehr an den Roman als Massenet, aber in manch wichtigen Details unterscheiden sich auch diese Beiden eben gewaltig. Wie siehst Du denn persönlich die "moralische Wertung" der Manon in den drei Versionen?


    Liebe Elisabeth, danke für den Tipp, vielleicht findet sich eine Mithörmöglichkeit.


    Übrigens findet sich im hiesigen Opernführer noch nciht die Puccini-Manon.....
    Die Massenet Manon habe ich dort erläutert, von Puccini habe ich weder den Klavierauszug noch das Libretto und nehme deshalb davon lieber Abstand.
    F.Q.

  • Prévost: L'Histoire du Chevalier des Grieux et de Manon Lescaut


    Inhaltsangabe


    2. Teil


    Die Zeit sei gekommen, dass in der theologischen Fakultät ein öffentliches Examen anstand, das er mit glänzendem Ergebnis bestanden habe.


    Bei seiner Rückkehr nach Saint-Sulpice sei ihm mitgeteilt worden, dass eine Dame ihn zu sprechen wünsche. Im Sprechzimmer erwartete ihn Manon. Schöner, strahlender, reizvoller denn je mit ihren inzwischen achtzehn Jahren. Ihr Anblick habe ihn sprachlos gemacht.


    Unter Tränen bekannte sie ihm, dass ihre Untreue seinen Hass verdiene. Wenn er sie aber je geliebt habe, sei es sehr hart von ihm, dass er sich in den vergangenen zwei Jahren nie nach ihrem Schicksal erkundigt habe und jetzt sehr grausam, dass er kein Wort an sie richte.


    Endlich habe er sich soweit gefasst, dass er ihr ihre Treulosigkeit vorwerfen konnte. Sie antwortete, dass sie sterben wolle, wenn er ihr nicht sein Herz wieder geben würde. Sie könne ohne ihn nicht leben. Unter Tränen habe sie ihm ihre Reue beteuert und ihm Treue geschworen. Sie habe immer nur ihn geliebt, ob er denn nicht ihren Schmerz wahrgenommen habe, den sie am letzten Abend vor ihrer Trennung empfand. Sie habe sich nur seinetwegen de Brétigny hingegeben, um zu Geld zu kommen, das ihnen ein bequemes Leben bereiten sollte. Sie sei trotz des Luxus, den ihr de Brétigny bot, niemals glücklich gewesen. Nur ihn liebe sie. Sie wolle sterben, wenn er ihr nicht verzeihe.


    Manon hatte bereits gewonnen. Welcher Barbar hätte sich durch eine so aufrichtige und zärtliche Liebe nicht rühren lassen! Er habe in diesem Moment gefühlt, dass er für sie längst alles aufgegeben habe, Priestertum und kirchliche Karriere waren vergessen. Noch am selben Abend habe er heimlich Saint-Sulpice unter Zurücklassung all seiner Habe und aller moralischen Bedenken verlassen. Seine Zukunft war wieder Manon, die de Brétigny verlassen hatte, nicht ohne diesen um ein beträchtliches Vermögen an Geld und Schmuck gebracht zu haben. Hiervon könne künftig ein luxuriöses Leben geführt werden.



    Ab diesem Punkt, der meines Erachtens maßgeblich für die sich anbahnende Katastrophe ist, werde ich die Erzählung des Chevalier des Grieux, die ich in groben Zügen übernahm, verlassen und beschreibe die weiteren Ereignisse mit eigenen Worten:


    Man mietet ein Haus in Chaillot, dazu noch ein Zimmer in Paris und führt ein aufwändiges Leben, an dem auch jetzt noch der leichtlebige Bruder Manons teilnimmt, der sich bei ihnen einnistet und die beiden nach Kräften ausnutzt. Nach einem Brand im Haus in Chaillot, bei dem die gesamte Barschaft des Paares entwendet wird, muss wieder einmal der Freund Tiberge mit Geld aushelfen. Manon darf vorerst von dem Verlust der Barschaft nichts wissen, des Grieux befürchtet wohl nicht ganz unbegründet, Manon würde ihn sonst wieder verlassen.


    Das von Tiberge zur Verfügung gestellte Geld ist natürlich sehr bald aufgebraucht. Des Grieux muss eine neue Geldquelle erschließen, was liegt da näher als das Glücksspiel. Hier ist jetzt der Bruder Lescaut hilfreich, des Grieux erlernt von ihm das Falschspiel, das bald von ihm sehr erfolgreich betrieben wird. In kürzester Zeit ergaunert er sich so ein beträchtliches Vermögen.


    Ein Diebstahl des gesamten Geldes von Seiten der Dienerschaft veranlasst Lescaut und Manon einen neuen Plan zu schmieden. Ein alter reicher Herr Guillot-Morfontaine begehrt Manon schon seit längerer Zeit. Manon soll sich ihm gegen reiche Entlohnung hingeben. Der verzweifelte des Grieux willigt in den Plan ein, nachdem ihm versichert wurde, man wolle den Alten prellen. Des Grieux soll sich als Bruder Manons ausgeben und als solcher Guillot-Morfontaine vorgestellt werden. Doch dieser Plan misslingt. Der Alte bemerkt den Betrug und erscheint mit der Polizei. Während Manon ins Arbeitshaus gesteckt wird, kommt des Grieux ins Gefängnis Saint-Lazare.


    Nach mehreren Monaten gelingt es ihm aber, sich mit Hilfe Lescauts zu befreien, und auch Manon wird befreit. Auf der Flucht wird Lescaut von einem Unbekannten erstochen. Für des Grieux und Manon beginnt in einem Versteck nahe Paris eine friedliche Zeit. Wie es jedoch der Zufall will, verliebt sich der Sohn des alten Morfontaine in Manon und versucht sie des Grieux durch großartige Geschenke abspenstig zu machen. Manon, die nicht auf das Geld verzichten will und sich gleichzeitig bei dem Sohn für den Alten rächen will, überredet des Grieux, einem Plan zuzustimmen. Sie wolle sich nur aus Rache hingeben und nach erfolgter Entlohnung zu des Grieux zurückkehren. Mit dem Geld könne man dann wieder friedlich zusammen leben.


    Doch statt ihrer selbst nach vollbrachter Rachetat, schickt sie ein anderes junges Mädchen als "Ersatz" für sich. In seiner Verzweiflung besticht des Grieux ein paar Gardisten, seinen Rivalen einige Stunden lang festzuhalten, so dass er Zeit hat, seine Manon zu sehen. Sie redet ihm seine Eifersucht aus und will noch eine Nacht mit ihm in dem Haus bleiben, um danach zu verschwinden und den jungen Morfontaine ausnehmen. Doch auch dieser Plan misslingt, denn der alte Morfontaine hat wieder alles durchschaut und lässt Manon und de Grieux festnehmen.


    Durch Vermittlung seines Vaters wird des Grieux bald befreit, doch Manon soll zusammen mit einigen Dirnen nach Amerika in die französische Kolonie Louisiana deportiert werden. Alle Befreiungsversuche des Verliebten scheitern, und er folgt Manon nach Le Havre, wo er mit ihr zusammen das Schiff nach New Orleans besteigt.


    Dort vermutet man, sie seien ein verheiratetes Paar. Sie gewinnen die Achtung des Gouverneurs, der des Grieux eine Stellung verschafft. Sie leben in einem bescheidenen Haus und können sich sogar Dienerschaft leisten. Manon scheint zufrieden und geläutert von ihrer Untreue, ihr Verlangen nach Luxus und Vergnügungen scheint gestillt zu sein. Sie entschließen sich, nun wirklich zu heiraten. Da taucht erneut ein Rivale auf, Synnelet, der Neffe des Gouverneurs. Nachdem bekannt wurde, dass Manon und des Grieux nicht verheiratet sind, beansprucht der Gouverneur, der die Verfügungsgewalt über deportierte Frauen hat, seine Rechte. Manon soll seinen Neffen, der sich in Manon verliebt hat, heiraten.


    Es kommt zwischen des Grieux und Synnelet zum Duell, bei dem Synnelet verwundet wird. Des Grieux, der glaubt, ihn getötet zu haben, flieht mit Manon. Auf der Flucht jedoch erliegt Manon den Strapazen. Des Grieux, der nun auch selbst nicht mehr leben will, begräbt Manon in der Wüste und bleibt bei ihrem Grab liegen.


    Der nur leicht verwundete Synnelet veranlasst eine Suche nach den Flüchtlingen. Man findet des Grieux noch lebend am Grab. Zunächst vermutet man, er habe Manon aus Eifersucht getötet. Synnelet erweist sich jedoch edel und des Grieux hat im Prozeß, den man ihm macht, einen Fürsprecher. Nach kurzer Gefangenschaft und längerer Krankheit ist er wieder ein freier Mann. Er wartet auf das nächste Schiff, um nach Frankreich zurückzukehren. Dort will er künftig ein tugendsames und ordentliches Leben führen.


    Der Freund Tiberge, den des Grieux noch von Le Havre aus um Hilfe bat, kommt aus Frankreich, um mit ihm zusammen die Heimfahrt anzutreten.
    In Le Havre angekommen, schreibt des Grieux an seine Familie. Er erhält Anwort von seinem Bruder, dass sein Vater inzwischen verstorben sei. Des Grieux solle mit dem nächsten Schiff nach Calais fahren, dort werde ihn sein Bruder abholen.


    In die Zeit des Wartens auf den Bruder fällt die Begegnung mit dem Erzähler am Anfang des Romans.


    Ende


    Emotione

  • Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir erst bei der Recherche zum Jahreswechsel eine nicht ganz unbedeutende dritte und vierte Manon-Oper wieder ins Bewusstsein kamen, die man hier keinesfalls übergehen sollte. Die Rede ist natürlich von den Vertonungen der MANON LESCAUT von Daniel-Francois Esprit Auber und BOULEVARD SOLITUDE von Hans Werner Henze.


    Von Aubers opera comique gab es sogar (leider wieder mal nur sehr vorübergehend) kürzlich noch eine Neuauflage der Einspielung dieser Oper mit Mady Mesple in der Titelrolle in der Serie verdienstvoller, aber wohl leider total gefloppter Neuauflagen französischer Opern der EMI. Immerhin kann man sie noch zu einem habwegs vertretbaren Preis auf dem Markeplace und andernorts bekommen.



    Sie verhält sich zwar zu den beiden späteren Vertonungen ähnlich harmlos wie Aubers GUSTAVE III zu Verdis MASKENBALL, ist deswegen aber keinesfalls zu verachten. Tatsächlich ist sie sogar sehr reizvoll. Obwohl der Librettist Eugene Scribe von allen Bearbeitern des Stoffes vor Henze die kräftigsten Änderungen vornahm (im Gegensatz zu Puccini ist Des Grieux fast eine Nebenfigur und Manon ein rechtes Unschuldslamm), erreichten auch sein Libretto noch Ausläufer des Skandals um die einst verbotene Novelle.


    Da Massenets MANON bereits ihre eifrigen Kenner und Fürsprecher(innen) hat und Puccinis MANON nicht zu meinen Lieblingsstücken zählt, würde ich gerne diese Fassung Auberts in die Diskussion einbringen. Das braucht allerdings noch ein paar Tage, denn ich muss mich noch wieder mehr mit ihr vertraut machen.


    Da muss ich leider bei der anderen Vertonung passen, die auch in diese Diskussion gehört, nämlich Henzes Fassung des Stoffes unter dem Titel BOULEVARD SOLITUDE. Vielleicht findet sich aber noch ein Kenner und Liebhaber des Werkes (Alviano? Pbrixius?), der den Thread auch um Erkenntnise zu dieser Bearbeitung bereichern kann.


    Auch von dieser Oper gibt es übrigens eine DVD aus dem Liceu, bei der sich der Regisseur Nikolaus Lehnhoff ebenso wie der Komponist von Henri-Georges Clouzots MANON-Film mit Cecile Aubry inspirieren ließ:



    Die Grazer Inszenierung des Werkes von GH. H. Seebach gibt es übrigens am Samstag, den 2. Februar im ZDF-Theaterkanal. Hoffentlich schneidet da mit, wer immer kann, und berichtet.


    Übrigens: wer sich Puccinis MANON nähern möchte, sollte dies m.E. möglichst nicht über den Mitschnitt der Wiener Aufführung mit Neil Shicoff tun. Die darin versuchte Transponierung des Stoffes in eine Kreuzung aus Mailänder Mods und der grellen Farbigkeit (inklusive Gang-Rape) der WEST SIDE STORY geht nicht nur weit am Stück vorbei, auch wenn sich das im Weiteren mildert, Neil Shicoff ist auch eine viel zu alte Fehlbesetzung für den Des Grieux, der gerade in einer solchen Inszenierung so jung wie nur irgend möglich erscheinen muss. Aber mehr auch dazu erst bei der entsprechenden Gelegenheit.


    :hello: Rideamus

  • Lieber Rideamus, neben der Auber "Manon Lescaut" und" Boulevard Solitude" fiel mir bei der Recherche auch noch ein Manon-Ballett von Halévy ins Auge, das ich leider auch nicht kenne.
    Da es aber dort keinen Text gibt und das Werk hier sicher nciht "diskussionsfähig" ist, da vollkommen unbekannt, nenne ich es nur mal der Vollständigkeit halber.
    Ich bitte herzlich einen hiesigen Puccini-Liebhaber, sich um diese Version zu kümmern,(Einspielungen, allgemeine Besprechung) da ich selbst sie weder mag, noch als komplette Oper besitze.
    Ich bin aber im Gegensatz für alle Fragen zur Massenet Manon offen, habe Klavierauszug mit frz.Text, Aufnahmen, DVDs und kenne das Werk so ziemlich in und auswändig.
    ME. gelingt es Massenet am überzeugendsten, die Vielschichtigkeit der Manon-Gestalt und den frz. Esprit ihrer Zeit einzufangen, was nciht zuletzt auch mit seiner Nationalität zu tun haben dürfte. Die unterhaltsamen Aspekte und das Zeitkolorit des Ancien Regime kommen nciht zu kurz und tragen sehr zum inneren Verstehen der Geschcihte bei. Hier ist die Mc Vicar Inszenierung m.E. vorbildlich. In der Kartenspielszene zeigt er z.B. die gesamte Dekadenz einer Gesellschaft, in der auch ein de Sade gross wurde und in der ein des Grieux wie ein Anachronismus wirken musste (was ja schliesslcih seine emotionale Katastrophe mit bewirkt, denn Manon ist viel mehr Kind ihrer Zeit als er)
    Eine Unschuldslamm-Manon wie bei Auber oder gar ein des Grieux als Nebenfigur werden dem Roman überhaupt nicht mehr gerecht und schienen mir psychologisch platt und eindimensional .


    Ich übernehme gerne dann als nächsten Punkt die Vergleiche der beiden Opernlibretti untereinander und im im Hinblick auf den Roman(bis morgen habe ich ihn sicher fertig gelesen).


    Fairy Queen

  • Königliche Hoheit haben meine uneingeschränkte Zustimmung bei der Lobpreisung der Massenet-Version vor allen anderen - wobei ich allerdings einschränken muss, dass mir Henzes Oper bislang noch unbekannt ist.


    Mir ging es aber keineswegs um die auftrumpfende Nennung auch noch der abwegigsten MANON-Fassung. Man sollte nämlich die Fassung Aubers (und wohl auch die Henzes) nicht unterschätzen, denn auch er war natürlich noch ein Kind seiner Zeit, und die erinnerte sich noch recht gut an den Skandal um das Buch, das m. W. mindestens damals noch auf dem Index stand. Allein die Wahl des Stoffes zur Vertonung war also schon mutig. Aber mehr dazu zu gegebener Zeit.


    Jedenfalls verspricht das ein sehr spannender und vielseitiger Thread zu werden, denn wieviele Stoffe wurden sonst schon in so verschiedenen Zeiten und auf so verschiedene Weisen aufgegriffen (von den FAUST-Vertonungen und den zahlreichen Antik-Metastasien des Barock und später einmal abgesehen)? Und warum gerade dieses statt - etwa - der Kameliendame?


    Viel Stoff für anregende Diskussionen.


    :hello: Rideamus

  • Ich habe noch ein Drama zur Manon entdeckt:
    Carl Sternheim: Manon Lescaut


    Geschrieben 1921 und mit deutlich gesellschaftskritischen Tendenzen. Darin wird angeblich die grosse Liebe und Selbstverwirklichung den Zwängen der Gesellschaft, die diese Liebe zerstört entgegengesetzt. Klingt sehr spannend, ich hoffe, das Ganze irgendwie aufzutreiben, was von hier aus nciht so ganz leicht sein dürfte.


    Zunächst aber muss ich mir schnellstens eine Aufnahme der Puccini Manon zulegen und bitte um Tipps/Anti-Tipps:
    Ich hätte es gerne so leger wie möglich, denn je aufgeplusterter das Ganze wird, desto schlimmer finde ich Puccinis Melodramatik.


    Merci!
    Fairy Queen


    Cher Rideamus: das Thema ist superspannend und da Du gerade die Kameliendame ansprichst: beim Ansehen der Manon-DVD fiel mir ganz stark in den Szenen Vater des Grieux plus Sohn oder Vater des Grieux plus Manon die innere Verbindung zur Traviata Germont-Alfredo auf. Samuel Ramey hätte genausogut Germont sein können.(wobei das stimmlich wahrscheinlich..... :untertauch:)
    Ein Motiv-Vergleich" Sohn liebt Kurtisane, Vater mischt sich ein und will das Schlimmste verhindern" wäre also auch noch ein Nebenzweig unseres Themas.
    Ich hoffe, dass Severina bald wiederauftaucht und sich noch andere User für Manon erwärmen! Ich rühre fleissig die Werbetrommel :yes:

  • Zitat

    Original von Rideamus
    Mir ging es aber keineswegs um die auftrumpfende Nennung auch noch der abwegigsten MANON-Fassung.



    Nach einem kurzen Blick in Ulrich Schreibers Operngeschichte kann ich da auch noch mit zwei weiteren Variationen auftrumpfen: Die erste Manon-Oper stammt offenbar von Michael William Balfe - "The Maid of Artois", 1836 in London uraufgeführt, immerhin mit Maria Malibran in der Titelrolle. Außerdem wurde 1887 in Magdeburg die Oper "Manon Lescaut oder Schloss de Lorme" auf die Bühne gebracht - Komponist war der mir und dem Forum bisher gänzlich unbekannte Riccardo Kleinmichel (skandalös, dass dieser zweifellos hochbedeutende Mann von den Platzhirschen Massenet und Puccini so verdrängt wird :D).


    Sonst kann ich nicht besonders viel beitragen. Die Werke von Massenet, Puccini und Henze "kenne" ich - allerdings ziemlich flüchtig, habe sie sehr lange nicht mehr gehört, wenn auch alle drei mal auf der Bühne gesehen. Massenet schien mir gegenüber Puccini von der Konzeption her immer viel interessanter zu sein, vor allem weil ständig (auch musikalisch) über die Distanz zwischen den 1880er Jahren und dem 18. Jahrhundert reflektiert wird. Puccini konzentriert sich doch viel mehr auf die Paarbeziehung, was ja in diesem merkwürdigen, schwer melodramatischen Wüstenakt gipfelt. Massenets Musik ist bestimmt differenzierter als die Puccinis und sehr anhörenswert - ich muss aber peinlicherweise zugeben, dass sie mich rein gefühlsmäßig immer kalt gelassen hat, während ich ab und zu eine Puccini'sche Gefühlsdusche sehr gut vertrage :D. Vielleicht müsste ich's mal wieder ausprobieren (mit dem "Werther" kann ich mehr anfangen).


    Zu Henze fällt mir leider fast gar nichts mehr ein - ich weiß nur noch, dass mir die Frankfurter Aufführung (ca. 1998 ) ziemlich gut gefallen hat und dass das Stück überhaupt sehr süffig rüberkommt (es steht wohl nicht umsonst für eine nach 1950 entstandene Oper relativ oft auf den Spielplänen).



    Viele Grüße


    Bernd

  • Lieber Zwielicht , zum emotionalen Manon-Massenet-Anwärmen empfehle ich allerwärmstens: dritter Akt Szene in der Kirche Saint-Sulpice "N'est-ce pas ma main" Duett Manon-des Grieux. Und wenn Du mehr Zeit hast die gesamte Kirchenszene vorab. Das Motiv wird im letzten Akt bei Manons Sterben wieder aufgegriffen, aber ich finde diese Verführungsszene und des Grieux' Waffenstrecken rein emotional am ergreifendsten in Massenets Oper. Schöner kann man Männer kaum zur Strecke bringen. Dagegen sind die Dornenvögel gar ncihts.... :D. Ausserdem im zweiten Akt die Arie der Manon: "Adieu notre petite table"- hier geht es um IHRE innere Zerrissenheit, bevor sie sich ins Kurtisanenleben begibt.
    Ansonsten ist die Oper wirklich viel mehr charmant als rührselig und gerade das gefällt mir so gut daran!


    F.Q.


    Mich würde sehr interessieren, wie ein teutonischer Herr Kleinmichel eine französische Manon bewertet hat ?(

  • Zitat

    Original von Fairy Queen
    Ansonsten ist die Oper wirklich viel mehr charmant als rührselig und gerade das gefällt mir so gut daran!


    Liebe Fairy,


    letzteres kann ich absolut nachvollziehen, eigentlich mag ich Charme auch viel lieber als Rührseligkeit (aber wahrscheinlich bin ich einfach mehr rührselig als charmant :D). Wobei man Puccini nicht nur auf Rührseligkeit reduzieren sollte - der schürft durchaus tiefer.


    Ich werde aber demnächst mal meine alte Massenet-Manon (noch auf LP) zur Überprüfung hervorkramen.



    Zitat

    Mich würde sehr interessieren, wie ein teutonischer Herr Kleinmichel eine französische Manon bewertet hat ?(


    Ich befürchte, da ist auf die Schnelle nicht viel rauszukriegen - Herr Kleinmichel scheint derzeit ein ziemlich unbeschriebenes Blatt zu sein...



    Viele Grüße


    Bernd

  • Puccinis Manon Lescaut war eine meiner ersten erinnerten Opernaufführungen. Ich habe mich damals enorm gelangweilt, und das hat sich bis heute nur partiell geändert, obwohl ich es immer wieder versucht habe. Da sie deshalb nicht zu meinen Lieblingsstücken gehört, wie bereits erwähnt, habe ich mich mal in den diversen Fachbüchern umgesehen und in meine Aufnahmen hinein gehört:


    Dabei sticht eine Empfehlung heraus, die ich voll unterstützen kann, weil sie den (auch laut "Grammophone") "besten Des Grieux, der jemals aufgenommen wurde", anbietet: Jussi Björling. Licia Albanese ist für meinen Geschmack ein wenig zu schwer, singt aber ebenfalls sehr gut (Robert Merrill sowieso), und Jonel Perleas Dirigat kann sich auch heute noch hören lassen. Und das beste: Dieser Klassiker wurde gerade wieder von Naxos zu einem sehr günstigen Preis herausgebracht und klingt auch noch recht gut, wenn auch (was ich aber nur für die alte LP selbst beurteilen kann) nicht besonders transparent:



    Unter den neueren Aufnahmen halten sich zwei in etwa die Waage, wobei diese Aufnahme mit einer fantastischen Mirella Freni und einem Placido Domingo in Hochform für mich klar die Nase vorn hat, während sich an Giuseppe Sinopolis Dirigat die Geister scheiden. Es ist sehr energievoll und rhythmisch stark akzentuiert, aber schlank würde ich es nicht nennen. Immerhin gibt es auch diese Aufnahme, die lange als moderne Referenz galt (auch für das FonoForum) zu einem akzeptablen Sonderpreis:



    Zum selben Preis gibt es noch diese Aufnahme von einem m. E. sehr idiomatisch dirigierenden Riccardo Chailly mit einer Kiri Te Kanawa zum Dahinschmelzen. Leider wirkt Carreras kurz vor dem Ausbruch seiner Krankheit schon recht angestrengt. Trotzdem würde sie mir genügen, wenn ich sie schon hätte oder leicht bekommen könnte.



    Nur ein Notbehelf ist wegen der gewohnt sterilen Inszenierung für mich die MET-DVD mit Renata Scotto und Placido Domingo unter James Levine. Hier würde ich zu der Inszenierung von Götz Friedrich in Covent Garden greifen, in der sich Kiri Te Kanawa und Placido Domingo unter der Stabführung Sinopolis mehr als beachtlich schlagen, wenn sie auch über meine Vorstellung eines ideal jugendlichen Liebespaares schon merklich hinaus sind.



    Unter dem Aspekt scheint mir die mir unbekannte Muti-DVD mit Cura und Guleghina erwägenswert, obwohl auch diese Inszenierung kaum zu den besonders mitreißenden gehören dürfte. Das aber sollten Leute beurteilen und berichten, die die Aufnahme haben oder gut kennen. Außerdem gibt es natürlich noch jede Menge seinerzeit halblegaler Mitschnitte, zu deren technischer und künstlerischer Qualität ich aber aus eigener Anschauung (bzw. Anhörung) nichts sagen kann.


    :hello: Rideamus

  • Lieber Rideamus, herzlcihen Dank für diese prompte Vorstellung verschiedener Puccini-Manons! :jubel:
    Nach dem Motto":es kann nur eine geben und selbst wenn mir die Oper komplett so wenig wie bisher gefallen sollte, gefällt mir dann doch die Protagonistin", habe ich mich für La Divina entschieden.



    Callas und di Stefano unter Tullio Serafin waren für mich das kleinste Risiko, wobei ich beinahe noch eine DVD vom Glyndebourne -Festival genommen hätte : John Elliot Gardiner und lauter mir unbekannte Sänger. Da hatte ich den Eindruck einer gewissen Leichtigkeit und einer modernen Inszenierung, aber die Sache war recht uneindeutig und so habe ich es aus Preisgründen dann erstmal sein lassen. Kennt jemand diese DVD?


    Ich hoffe, den Puccin iheute abend noch durchhören zu können.



    Noch ein paar Manon-News:


    Massenet hat 1894 noch eine weitere Manon komponiert, auch er war offenscihtlich verfallen:
    Le portrait de Manon


    Ein Einakter, in dem der alternde des Grieux sich an seine unsterblcihe Vielgeliebte erinnert.
    Ob das wohl aufzutreiben ist? ?(


    Das ein Jahr nach der Uraufführung der Puccini-Manon in Turin, in der Caruso unter Toscanini den des Grieux sang.


    Dann gibt es tatsächlich eine Operrette zur Manon von niemand Anderem als meinem heissgeliebten Reynaldo Hahn, der ja Massenets Schüler am Pariser Conservatoire war. Sie heisst "Manon, fille galante" und ich werde natürlcih alles tun, sie aufzuspüren. Hilfe herzlichst willkommen :yes:


    Ausserdem ist laut eines Aufsatzes die Perichole von Offenbach ebenfalls mit dem Manon-Stoff gespeist und enthält wörtliche Passagen aus dem Roman. Das muss ich noch selbst verifizieren.


    Und das allerspannenste finde ich, nachdem ich schon die Parallelen zur Traviata heute mittag angedeutet habe:
    Ich habe nun herausgefunden dass im Roman von Dumas fils eine explizite Beziehung zwischen Manon und Marguerite(bei Verdi Violetta) hergestellt wird. In einem Buch , das man in Marguerites Nachlass findet, steht die Widmung: " Manon für Marguerite, in demütiger Verehrung"



    Mit diesem immer umfassender werdenden Thema werde zumindest ich nun hier die nächsten Tamino- Wochen ausgelastet sein und lege alles Andere vorläufig auf die Warteschelife.



    Fairy Queen, im Manon-Rausch

  • Zitat


    Original von Fairy Queen
    Ausserdem ist laut eines Aufsatzes die Perichole von Offenbach ebenfalls mit dem Manon-Stoff gespeist und enthält wörtliche Passagen aus dem Roman. Das muss ich noch selbst verifizieren.


    Das ist tatsächlich die Brief-Arie der Perichole im 1. Akt, die große Ähnlichkeit mit dem Brief hat, den laut Prévosts Manon mit dem "Ersatzmädchen" an des Grieux schickt.


    Zitat


    Original von Fairy Queen
    Und das allerspannenste finde ich, nachdem ich schon die Parallelen zur Traviata heute mittag angedeutet habe:


    Wie überhaupt der ganze Romanaufbau bei Dumas dem von Prévost ähnelt.
    Auch beim Inhalt gibt es einige frappierende Ähnlichkeiten, wenn auch auf anderem Niveau.


    :hello:


    Emotione

  • Fairy schreibt:
    Ich hoffe, dass Severina bald wiederauftaucht und sich noch andere User für Manon erwärmen! Ich rühre fleissig die Werbetrommel :yes:[/quote]


    Liebe Fairy, bin schon da! :lips:
    Und dieses Thema interessiert mich natürlich enorm, da ich die Massenet'sche "Manon" zu meinen Lieblingsopern zähle und mich schon riesig auf den 18., 21. und 25. Jänner freue, wo ich sie an der WSO live sehen werde. (Und dann wieder viermal im April!)
    Momentan muss ich mich nach zwei Wochen Abwesenheit aber auch mit ein paar anderen Dingen beschäftigen (Ja, es gibt ein Leben außerhalb von Tamino :D ) und vor allem viiiiiel nachlesen, weil ihr im Unterschied zu mir nicht pausiert habt.
    Nur so viel: Obwohl ich Puccini mag, ist seine "Manon Lescaut" auch nicht so wirklich mein Ding, ich finde auch das Libretto viel schlechter als das bei Massenet. Die Puccini-Manon ist mir irgendwie unsympathisch, sie tut mir eigentlich gar nicht Leid, im Unterschied zu ihrer Doppelgängerin bei Massenet, wo ich am Schluss jedesmal in Tränen aufgelöst bin. Nicht einmal die Puccini-Traumbesetzung Domingo-Freni, die ich an der WSO zu erleben das Glück hatte, vermochte diesen Effekt auszulösen.
    Zur McVicar-Produktion habe ich mich mit Emotione ja schon ausführlich "duelliert" ;) :D, das steht aber leider in einem anderen Thread.
    Ach ja: Bei der Matinee zu unserer "Manon" (2006) wurde eine Arie aus der von dir erwähnten "Fortsetzung" gebracht. Muss einmal in meine PR-Übertragung auf Ö1 hineinhören, ob das möglicherweise auch ein Pausenbeitrag war, den habe ich zu meiner Schande nämlich bisher immer vorgespielt. Diese Wiener "Manon" kommt übrigens im Jänner (Ich glaube, am 12.) auf 3SAT. Ich finde die Serban-Inszenierung wesentlich besser als die Berliner, obwohl sie sicher kein Geniestreich ist, aber er hat doch besonders im Transsylvanie-Akt eine zumindest für mich beklemmende Milieustudie geliefert. (Seine "Manon" spielt wie die Berliner im 20.Jhdt, allerdings in den 30er-Jahren, als "Tanz auf dem Vulkan" quasi. Ein interessanter Ansatz, leider ist ihm die Umsetzung nur partiell gelungen.) Aber vielleicht können wir ja darüber diskutieren, wenn sie möglichst viele Tamini gesehen haben!!
    lg Severina :hello:
    PS: Wenn ich wieder alles halbwegs auf die Reihe gekriegt habe, ist hoffentlich Essentielleres zu diesem Thema von mir zu lesen! :O

  • Ich beginne nun mit der synoptischen Gegenüberstellung von Puccinis und Massenets Manon und der Romanvorlage des Abbé Prévost. Da das Thema so komplex ist, habe ich verschiedene Unterpunkte geplant.
    Zunächst möchte ich auf den Handlungsablauf und die Szenenwahl eingehen und danach die Personen im Einzelnen beleuchten.
    Im dritten Teil versuche ich auch etwas zur Musik zu sagen, bitte dazu aber um Hilfe der Fachkundigeren-bei mir kann das leider keine musikwissenschaftliche Abhandlung werden.
    Natürlich sind Wiederholungen und Verdopplungen nciht auszuschliessen-im szenischen Verlauf spielen auch die Figuren eine grosse Rolle und umgekehrt , aber eine grobe Unterteilung scheint mir angesichts der Fülle unumgänglich.
    Zum Vergleich und Nachschlagen der Inhalte verweise ich auf Emotiones ausführliche Besprechung des Romans hier im Thread, sowie auf eine Inhaltsangabe der Massenet-Manon im hiesigen Opernführer. Die Puccini-Manon gibt es dort leider noch nicht, ich habe aber inzwischen das Libretto und werde damit paraphrasieren.


    Inhaltliche Synopsis der Manon-Versionen Puccinis und Massenets und Bezug zur Romanvorlage


    1.AKT


    Beide Opern beginnen mit der Ankunft der Manon in Amiens.
    Bei Puccini gibt es einen Vorspann, in dem sich des Grieux mit anderen Studenten über Sinn und Unsinn der Liebe auslässt. Ein Freund, Edmondo(Tenor) vertritt dabei die Postion der romantischen idealistischen Liebe, während des Grieux sich darüber lustig macht und vorgibt, Liebe nicht zu kennen und kein Interesse daran zu haben.


    Bei Massenet sehen wir vor Manons Ankunft das muntere Treiben in einem Gasthaus und ein galantes Diner der beiden späteren Bewerber um Manons Gunst(Bretigny und Morfontaine) mit drei Kokotten.. Auch Manons Cousin Lescaut wird sofort als lebenslustiger, gutmütiger aber etwas grobschlächtiger Kartenspieler und Soldat eingeführt.


    Bei Puccini kommt Manon in Begleitung ihres BRUDERS Lescaut mit der Kutsche an. Der Bruder tritt im Prévost-Roman erst in Erscheinung, als Manon bereits mit des Grieux in Paris lebt. In der Kutsche befindet sich auch bereits als Mitreisender ihr späterer reicher alter Liebhaber Geronte, während sie bei Massenet alleine reist und in Amiens von ihrem Cousin in Empfang genommen wird.


    Prévost dagegen lässt Manon nur von einem alten Dienstboten(ohne jede amouröse Absicht) begleiten.


    Manon soll auf Wunsch ihrer Eltern ins Kloster eintreten und ist darüber Alles andere als glücklich-darüber sind sich die drei Versionen einig. Sie ergibt sich aber scheinbar fatalistisch in ihr Schicksal.


    Sowohl bei Puccini als auch bei Massenet wird sie einen Augenblick unbeaufsichtigt gelassen und damit entscheidet sich ihr weiteres Schicksal. Bei Massenet verlieben sich sofort Bretigny und Morfantaine in das offenbar umwerfend schöne Mädchen und Morfontaine will sogleich mit ihr fliehen und bietet ihr seinen Wagen und Geld an. Auch Brétigny ist hingerissen, hält sich jedoch klug zurück. Des Grieux wird ihrer bei Massenet als Letzter gewahr und wird ebenso von einem coup de foudre umgeworfen wie die Anderen, nähert sich ihr jedoch mit soviel Einfühlungsvermögen und Delicatesse, dass Manon von ihm bezaubert ist.


    Puccinis italienische Manon ist zurückhaltender und weniger unbefangen als ihr frz. Alter Ego und zieht zwar auch die Blicke der anwesenden Studenten auf sich, wird jedoch nicht von künftigen Liebhabern persönlch bedrängt, sondern die „Vermittlung“ läuft über den gleich ihr an Wohlleben und Luxus interessierten Bruder, der seine Schwester aus welchen „altruistischen“Motiven auch immer dem Kloster entziehen will.


    Sowohl bei Masseent als auch Puccini und Prévost verliebt sich Manon ebenfalls in des Grieux . Ob daran sein romantisches Auftreten und die poetische Liebeserklärung oder sein Versprechen sie dem Klosterleben zu entreissen, ausschlaggebend sind, bleibt offen.


    Bei Prévost versucht ein frommer und wohlmeinender Freund sein Bestes, des Grieux von seinen Entführungsplänen und dieser fatalen Amor fou abzubringen.
    Bei Puccini schmiedet der Bruder ein Komplott mit dem reichen Geronte, dem er seine Schwester quasi „verkauft“ und das von des Grieux’ Freund Edmondo belauscht und an de Grieux verraten wird. Letzterer hat etwas Mûhe, Manon zur Flucht mit ihm zu bewegen, während die Massenet und Prévost-Manon nur sehr verhaltene oberflächliche Bedenken äussert und sich verliebt und kopflos und ausgelassen ins Abenteuer „Liebe in Paris“ zu stürzen bereit ist.


    Bei Puccini endet der Akt mit der Flucht der Liebenden in Gerontes Wagen und der zynischen Beschwichtigung des Bruders an den geprellten“Freier“-Manon werde es nciht lange mit enem armen Studenten aushalten und schnell in seinen vergoldeten Armen landen.


    Bei Massenet fliehen die Liebenden in der Kutsche des reichen geckenhaften Lebemanns Morfontaine, bevor Manons Cousin Lescaut vom Kartenspiel zurückkehrt um seine Cousine nach Hause zu bringen.


    Bei Prévost entführt des Grieux Manon, die aus freien Stücken aus ihrem Gasthaus geflohen ist und der Bewachung des Dieners entkommt. Er besorgt selbst eine Kutsche und muss sogar wehen Herzens seinen guten Freund Tiberge dafür hinters Licht führen.


    Wir sehen hier bereits die wesentlichen Grundstrukturen:
    Prévost erzählt eine Abenteuergeschichte. Seine Rahmenhandlung(des Grieux als Verzweifelter und Geläuterter) rechtfertigt das Ganze bereits "moralisch" so dass er den Roman als solches rein faktisch und wertneutral nacherzählen kann.
    Masseent legt ganz grossen Wert auf die Einbettung der Manon in ihre Zeit und die Gesellschaft des Rokoko. Die diversen Amouren, die Vergnügungssucht der Menschen und ihr Hineingeworfenwerden in diese hedonistische Welt weisen sofort den Weg ins Kommende.


    Puccini geht es in erster Linie um die leidenschaftliche und fatale Liebe des Chevalier des Grieux zur schönen Manon und er beginnt die Oper dementsprechend mit Reflektionen über die Liebe.


    Eine detailliertere Analyse folgt , wenn ich die Inhalsvergleiche beendet habe.



    Fairy Queen

  • 2.AKT


    Im zweiten Akt trennen sich die Wege von Puccini und Massenet deutlich.


    Puccini überspringt das Zusammenleben von Manon und des Grieux ganz und lässt nur in Rückblicken durchscheinen, dass es stattgefunden hat und Manon des Grieux verlassen hat, um mit dem alten reichen Geronte im goldenen Käfig als bezahlte Geliebte zu leben.
    Ihr Bruder Lescaut hat also recht behalten mit seiner Prophezeiung und hatte nciht unwesentlich seine Hände im Spiel und sich als „Zuhälter“ der eigenen Schwester betätigt, der ein Leben in Armut und romantischer Liebe nicht mehr genügen konnte.
    Wir finden Manon am Beginn des zweiten Aktes bei Puccini in Luxus, umgeben von Frisör, Tanzlehrer, Musikanten und allen Vergnügungen, die einer schönen jungen Frau nur anstehen können. Der Bruder spart nciht mit Komplimenten und ist offenbar serh zufrieden mit seinem Werk.(von dem er selbst nicht wenig profitieren wird...)


    Ganz anders die Situation bei Massenet: hier finden wir die beiden Liebenden ausgelassen und in verliebtester Laune in ihrem Stübchen in Paris. Des Grieux, der Manon nun mit Haut und Haaren verfallen ist, (er sagt : ich liebe dich nicht nur, ich bete dich an) hat beschlossen, sie zu einer ehrbaren Frau zu machen und sie zu heiraten und bittet seinen Vater um Erlaubnis, indem er einen ergreifenden Brief schreibt. Darin preist er die Vorzüge Manons in den höchsten Tönen-man glaubt, hier einen wahrhaftigen Troubadour vor sich zu haben.
    Manon ist entzückt und es besteht kein Zweifel, dass sie ihren enthusiastischen Romantiker ebenfalls auf ihre Weise liebt. Dennoch lässt sie sich in ihrer Eitelkeit und Lebenslust gerne von anderen Männern verehren, was ein Blumenstrauss des in der Nachbarschaft wohnenden Herrn de Brétigny beweist-aber es wird deutlich , dass Manon sich Selbigem (noch) nicht hingegeben hat.


    Bei Abbé Prévost hingegen hat Manon keine Skrupel, mit zwei Männern gleichzeitig in erotischen Beziehungen zu stehen und sich schon während des Zusammenlebens mit des Grieux an Brétigny zu verkaufen, um den Lebensunterhalt zu sichern bzw ihre Luxusbedürfnisse zu erfüllen.


    Die Skrupel , die Manon bei Puccini schliesslich überkommen, entspringen einer Langeweile des Überdrusses. Die grosse Arie „In quelle trine morbide“ gibt davon Zeugnis. Sie spürt Kälte um sich herum, fürchtet, dasss der Preis den sie für ihr Luxusleben zahlt, zu hoch ist, und bittet schliesslich ihren Bruder um Nachricht von des Grieux.
    Der Bruder lässt (anscheinend plagt ihn das schlechte Gewissen)des Grieux rufen und erzählt Manon, dass Jener alles versuche, um genug Geld zu beschaffen, seine Manon zurückzugewinnen und dafür zum erfolgreichen Spieler geworden sei.
    Die beiden Liebenden werden durch Vermittlung Lescauts unbemerkt alleine gelassen und nach anfänglichen Vorwürfen gelingt es Manon, den Geliebten zurückzuerobern.
    Geronte überrascht die Beiden im Liebesduett und Manon treibt die Sache noch zum Äussersten, indem sie ihren „Wohltäter“ im Angesciht des jungen Rivalen ob seines Alters verspottet. Er lässt tief verletzt die Gendarmen kommen und die geplante Flucht wird vereitelt, da sich Manon nicht schnell genug von ihren Juwelen trennen kann und versucht, soviel wie möglch davon mitzunehmen Der Akt endet mit der Gefangennahme Manons als Diebin.


    Massenets zweiter Akt endet ganz im Gegenteil mit des Grieux’ „Verhaftung“ durch Abgesandte des eigenen Vaters, der von Brétigny benachrichtigt wurde, um angeblich den Sohn vor der verhängnisvollen Manon zu retten.


    Zuvor hat Brétigny zusammen mit Lescaut das junge Paar „besucht“ und Lescauts Wunsch oder besser lästige Pflicht ,die Familienehre zu retten, für seine eigenen Zwecke benutzt. Während der Cousin mit des Grieux an der Eheeinwilligung des Vater des Grieux bastelt , erklärt Brétigny der angebeteten Manon im Nebenzimmer , dass des Grieux noch am selben Abend verhaftet werde und eine gemeinsame Zukunft mit ihm unmôglich sei. Er bietet ihr seinen „Schutz“ an und verspricht ihr ein sorgloses Leben. Nachdem des Grieux ihr seinen eigenen Traum vom einfachen zufriedenen Ehe-Leben in Bescheidenheit geschildert hat , sieht Manon keine Hoffnung mehr auf ein erfülltes Leben , das auch ihren Bedürfnissen Rechnung trägt und begräbt ihre romantische Liebe in der ergreifenden Arie „Adieu notre petite table. Der Akt endet mit der Verhaftung des Grieux’.


    Beide Opern bedienen sich verschiedener Roman- Episoden , denn bei Prévost lebt Manon sowohl mit Brétigny als auch mit Morfontaine(Vorbild für Geronte) . Wâhrend bei Puccini Brétigny gar keine Rolle spielt, hat sich Massenets beider Prévost-Liebhaber in unterschiedlicher Weise bedient. Brétigny ist der Herr von Welt, der in seiner Raffinesse geradewegs den „Liaisons dangereuses“ entsprungen sein könnte, während Morfontaine ein eitler Geck im Sinne einer Molière-Karikatur ist.


    Massenets Bezüge auf die frz. Gesellschaft werden auch darin ganz entschieden deutlich, während sich Puccini nur des Klischees eines reichen alten Liebhabers bedient, ohne diesen besonders zu charakterisieren.


    Fortsetzung folgt


    Fairy Queen

  • @Rideamus
    Ich habe die DVD der Manon mit Cura und Ghulegina.
    Die Manon habe ich sehr oft hier in der Oper gesehen,hatte aber immer Schwierigkeiten
    besonders mit dem letzten Akt. Fand es immer irgendwie merkwürdig,warum die Beiden
    plötzlich in Amerika waren.
    Erst diese DVD hat mir die Augen geöffnet,wie intensiv doch gerade der Schluss ist.
    Beide Sänger haben mir hier erstmals durch ihre grossartige Sängerdarstellung einen richtigen
    Zugang zu dieser Oper gemacht.


    Rita

  • Dank eines wunderbaren Neujahrsgeschenks kann ich mir jetzt auch die Liceu-Manon mit Dessay und Villazon ansehen. Bislang habe ich nur den ersten Akt gesehen, und ich gestehe, zur Abwechslung einmal nicht Severinas Urteil nachvollziehen zu können. Zugleich bekenne ich gleich jetzt, wohl wissend, dass ich mich damit zwischen alle Stühle setze, dass ich die Pappano-Aufnahme trotz Alagna, der mir darin auch nicht gefällt, beileibe nicht so unterirdisch finde wie hier angeklungen ist. Dazu aber ein andermal mehr.


    Ich fange also - dramaturgisch etwas ungeschickt - mit der besten Fassung des Stoffes, nämlich der von Massenet an. Zunächst finde ich, dass man hier unbedingt die Leistung seiner Librettisten Henri Meilhac (ja, der von Offenbachs BELLE HELENE, BLAUBART, GROSSHERZOGIN, PERICHOLE und VIE PARISIENNE auf der einen und Bizets CARMEN auf der anderen Seite) und Philippe Gille erwähnen muss. Sie sind die Einzigen, die anstreben, nicht nur eine Liebesgeschichte vor einem fast beliebigen Hintergrund abzuspulen, sondern diese dezidiert aus ihrem sozialen Umfeld heraus zu entwickeln und ihren weiteren Verlauf mit deren Eigenarten statt einfach mit Liebe und Vergnügungssucht zu begründen - mehr noch als selbst Prevost, wie mir scheint. Sollte ich da irren, wäre dies ein Sonderkompliment für McVicar. Dass sie das auch wunderbar geschafft haben, kann man nicht hoch genug würdigen, gerade an dieser Stelle, denn ein Regisseur, der das nicht zu nutzen versteht, sollte Berufsverbot bekommen.


    McVicar (noch spreche ich immer nur vom Ersten Akt) tut das gelegentlich exzessiv (ich finde das Theater im Theater überflüssig, da es mir nichts bringt, nur ablenkt - bis jetzt jedenfalls), aber seine Personenregie, gerade bei dem immer sehr schwierigen Chor, ist bis ins hinreißende Detail überzeugend. Keine Regie? Im Gegenteil: ich habe - von Visconti und wenigen anderen wie Ponnelle einmal abgesehen - selten so viel liebevolle Detailregie in einer Oper registriert. Ich fühlte mich sofort in diese dekadente Gesellschaft hineinversetzt, und da war es mir völlig egal, ob Goya oder Delacroix die Vorbilder waren oder hätten sein sollen. Es funktioniert! Sogar in der wegen ihrer leichten Selbstgefälligkeit ob der Virtuosität des Einfalls auf Anhieb etwas befremdlichen Bewegungsregie der "einfahrenden" Kutsche. Man spürt: hier haben wir es mit Menschen zu tun und nicht mit einem Haufen bewegter Kostüme und Dekorationen. Diesen Eindruck behielt ich den ganzen Akt hindurch.


    Natürlich darf man nicht übersehen, welch enorme Starthilfe die Librettisten und Massenet dabei gegeben haben, denn in dieser Oper findet etwas für mich ganz Seltenes statt, das mir kaum jemals so bewusst wurde wie in dieser Umsetzung. Hier entstehen Dialoge aus einer überzeugenden Geschichte mit grosso modo glaubhaften Charakteren und aus dieser wiederum - im doppelten Wortsinn - erhellende Musik - also genau das Umgekehrte wie bei Puccini oder Adam, bei denen die melodischen Einfälle stets im Vordergrund prunken und die Charaktere ihnen zu folgen haben. Natürlich hört man auch bei Massenet die unverkennbare Sprache dieses Komponisten, aber eben durch den Mund lebendiger Menschen. Mag der Des Grieux des ersten Aktes noch mit dem Werther austauschbar sein. Manon ist es keinesfalls mit Charlotte. Nie wurde mir derart bewusst wie bei dieser Aufführung, wie präzise und doch melodisch einfallsreich, ganz zu schweigen von musikalisch anspruchsvoll, Massenet an den Dialogen entlang arbeitet und sie zu Musik formt.


    Dass dies so deutlich, bei Dessay manchmal schon fast zu deutlich, wird, ist wiederum eindeutig das Verdienst der großartigen Stars der Aufnahme, denn der durchaus achtbare Perez kommt leider nur selten über die Leistung einer - immerhin sehr anständigen - Begleitung hinaus. Er folgt seinen Protagnisten. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Jedenfalls habe ich diesen Eindruck. Hier punktet Pappano, der für mich besser dem Atem der Musik folgt - allerdings auf Kosten der Charakterisierung. Vielleicht ist das aber eine unausweichliche Alternative, wo man sich nur für das eine oder andere als Primat entscheiden kann. Nathalie Dessay und Rolando Villazon machen ihre Charaktere als solche lebendig und haben dennoch ihre Kunst dermaßen im Griff, dass sie sie zu diesem Zweck rückhaltlos einzusetzen wissen. Ich hoffe und glaube, dass sie ebenso viel Freude daran hatten wie ihr Publikum. Für mich sind sie derzeit das ideale Paar in diesen Rollen, trotz des schön singenden, aber schauspielerisch begrenzten Domingo und des bislang für mich überzeugendsten Alfredo Kraus, den ich in dieser Rolle allerdings erst in etwas zu fortgeschrittenen Jahren erlebt habe.


    Da ist es mir dann auch ziemlich egal, ob Frau Dessay die Figur eines Pinup Girls hat oder nicht. Gemessen daran, wäre auch die Callas in den meisten ihrer Rollen eine Fehlbesetzung gewesen, aber sie hat das überspielen können. Nathalie Dessay gelingt das ebenfalls überzeugend. Um so stärker ihre Leistung, die ohne den Bonus des glamourösen Aussehens einer Netrebko auskommen muss. Übrigens: so schlimm wie Fairy finde ich ihr Aussehen gar nicht - auch nicht bei ihrem ersten Auftritt. Und nachdem ich sie eine Weile gehört und gesehen habe, sowieso nicht mehr. Dann glaube ich ihr sogar das junge Mädchen.


    Dazu möchte ich mich aber erst im Detail äußern, wenn ich die Leistung Anna Netrebkos - demnächst hoffentlich nach dem Mitschnitt der TV-Aufzeichnung - auf einer ähnlichen, d.h. auch visuellen Grundlage beurteilen kann. Bislang habe ich ja nur den Tonmitschnitt der Barenboim-Aufführung, und den muss ich auch noch einmal mit mehr Aufmerksamkeit hören.


    Soviel für's Erste. Noch nichts Endgültiges, aber schon ein ziermlich klarer Trend, wenn ich bedenke, dass Ihr Euch im Lob der letzte Akte ziemlich einig seid.


    Fest steht für mch dagegen, dass von den mir bekannten Vertonungen des Stoffes (also noch ohne Henze) die von Massenet für mich mit Abstand die subtilste, differenzierte und überzeugendste ist und keinesfalls weniger großartige Musik enthält. Im Gegenteil. Natürlich braucht Massenet für seinen Ansatz und den seiner Librettisten mehr Zeit. Bezeichnenderweise wirkt seine MANON auf mich dennoch so, als sei sie die kürzeste und sowieso spannendste.


    :hello: Rideamus

  • Nun meine Meinung zur Manon mit Alvarez und Flemming:
    Ich finde Beide nicht überzeugend.Flemming ist mir zu kalt,wir Berliner sagen sie singt nur,ist aber nicht Manon.
    Alvarez ist sowiso kein gute Sängerdarsteller,stimmlich wirkt er mir zu blass.


    Die Regie von Defloh überzeugt mich nicht.


    Am Samstag werde ich die Barcelona Dvd mir ansehen,dann kommt mein Kommentar.


    Rita

  • Lieber Rideamus!
    Vorerst liegen wir noch gar nicht sooo weit auseinander (was aber auch kein Unglück wäre :D ), denn das 1. Bild fand ich auch noch ganz OK, erst das 2. beschleunigte dann meinen Pulsschlag in negativer Hinsicht, denn da zerstörten die vielen überflüsssigen Regiemätzchen in meinen Augen die wunderbare Intimität dieser Szene, die ich so sehr liebe, und das prächtige Barockmöbel als "petite table" ist überhaupt völlig daneben. In der bewussten Arie geht es doch darum, dass Manon von der ärmlichen Idylle mit Des Grieux Abschied nimmt. Dass jemand, der sich einen solchen Tisch leisten kann, nur ein Trinkglas besitzen soll, aus dem beide trinken, ist doch ziemlich lächerlich. Mag sein, dass McVicar das Milieu im 1. Bild treffend gezeichnet hat - Ich ziehe auch da die Ponnelle-Version vor - im 2. Bild verfehlt er es zumindest für mich eklatant. Bin neugierig, wie du das siehst! :]
    lg Severina :hello: