Bach, J. S.: Die vier Orchestersuiten [Ouvertüren] BWV 1066-1069

  • Salut,


    ich habe nach einem entsprechenden Thread gesucht, aber keinen gefunden. Und da es offenbar keine Bachexperten oder -fans bisher getan haben, eröffne ich eben einen diesbezüglichen Thread.


    Gilles Cantagrel meint im Booklet zu der unten gezeigten Einspielung, man habe im 18. Jahrhundert weniger den Begriff Suiten als Ouvertüren für derartige Kompilationen verwendet. Wie dem auch sei, im heutigen Sinne handelt es sich tatsächlich um Suiten, wie der Aufbau der Werke deutlich zeigt: Jede Ouvertüre [Suite] beginnt mit einer mehr oder minder pompösen Ouvertüre, auf die jeweils eine unterschiedliche Anzahl von Sätzen folgt, die "in einer Tanzfolge angeordnet waren" und auch entsprechende Satzbezeichunngen tragen:


    Ouvertüre [Suite] Nr. 1 C-Dur BWV 1066

      (Ouvertüre)
      Courante
      Gavotte I - alternativement -. Gavotte II
      Forlane
      Menuett I - alternativement - Menuett II
      Bourée I - alternativement - Bourée II
      Passepied I - Passepied II


    Ouvertüre [Suite] Nr. 2 h-moll BWV 1067

      (Ouvertüre)
      Rondeau
      Sarabande
      Bourée I - alternativement - Bourée II
      Polonaise; Double
      Menuett
      Badinerie


    Ouvertüre [Suite] Nr. 3 D-Dur BWV 1068

      (Ouvertüre)
      Air
      Gavotte I - Gavotte II
      Bourée
      Gigue


    Ouvertüre [Suite] Nr. 4 D-Dur BWV 1069

      (Ouvertüre)
      Bourée I - Bourée II
      Gavotte
      Menuett I - alternativement - Menuett II
      Réjouissance


    Am bekanntesten ist wohl der mit Air bezeichnete 2. Satz der Suite D-Dur BWV 1068. Mir persönlich gefällt der Satz auch von allen Suiten am besten, gleich gefolgt von der Gavotte aus dem selben Œuvre. Überhaupt hat hier in BWV 1068 die Ouvertüre meiner Meinung nach eine starke Ähnlichkeit zum Brandenburgischen Concert Nr. 3 G-Dur BWV 1048. Ansonsten geben mir diese Werke ansich nichts - sie sind schön anzuhören, nerven mich aber nach einer Weile schon... wie gesagt: die Fans oder Experten hätten den Thread eröffnen sollen. :wacky:


    Auffallend ist, dass die jeweiligen Ouvertüren der Ouvertüren jeweils etwa ein gutes Drittel des entsprechenden Werkes einnehmen, es meiner Meinung nach damit überlagern; es folgen dann die relativ kurzen Tanzsätze bzw. Air [1068] oder Rondeau [1067]. Auch ist die Instrumentbesetzung der vier Suiten nicht ganz identisch: bei der h-moll-Suite beispielsweise spielen nur Streicher, Continuo und Flöte, während die C-Dur-Suite zusätzlich zweier Oboen und eines Fagotts bedarf. Pompös kommen beide D-Dur-Suiten daher - passend zur Tonart mit glänzenden Trompeten, gleich drei an der Zahl, sowie Pauken und eine dritte Oboe bei BWV 1069.


    Die Suiten haben mich noch nie so richtig vom Hocker gerissen [vielleicht fehlt mir zu dieser "Anlassmusik" nur der richtige Anlass?], aber diese Einspielung mußte ich dann doch haben - allein wegen des Orchesterklanges:



    Jean Sebastién Bach
    Les Quatre Ouvertures


    Suite Nr. 3 in D BWV 1068
    Suite Nr. 1 in C BWV 1066
    Suite Nr. 2 in h BWV 1067
    Suite Nr. 4 in D BWV 1069


    Le Concert des Nations
    La Capella Reial de Catalunya


    Jordi Savall


    Herzliche Grüße
    Ulli


    Thema verschoben. Die Einrichtung des Barockforums rächt sich mal wieder...
    JR

  • Guten Abend


    die Bachschen Overtüren habe ich in etlichen Einspielungen (komplet u. in Teilen) vorliegen. Meine Referenzaufnahme ist immer noch diese Einspielung



    mit der Musica antiqua Köln


    Flotte Tempi und bei BWV 1066, 1068 + 1069 nimmt Goebel noch ein 2. Cembalo zum Continuo hinzu; weiterhin ist in diesem Album die Overtüre BWV 1070 g-moll ( die nicht vom Vater Bach stammt ) mit aufgenommen.



    Interessant auch die Einspielung von frühen Fassungen der Overtüren



    mit Siegbert Rampe.
    ( siehe hierzu auch Früfassungen der Overtüren J.S. Bachs.)



    Weitere Favoriten meinerseits sind diese



    Aufnahmen von 1993 mit dem Concentus musicus Wien.


    Gruß :hello:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Salut, Ulli,


    schönen Dank für diese Einleitung. Ich war bei diesen Suiten immer hin und hergerissen. Einerseits sagt mir diese Aneinanderreihung von Tanzsätzen nicht zu: das ist mir nicht "abstrakt" genug, hat so etwas "Leichtfüssiges" an sich, was meinem Naturell zu widerstreben scheint. Andererseits sind diese Eingangssätze, die Ouvertüren, ganz klanggewaltige Stücke, festlich, großartig, wirklich ergreifend: Deine Beschreibung, sie würden die nachfolgenden Sätze überlagern, trifft es schon, sie sind so überwältigend. Die nächsten Tanz"sätzchen" müssen dem schon einiges entgegensetzen, um daneben zu bestehen - und diesen Job tun sie ganz erfolgreich, finde ich: Die Air ist ein Stück ganz eigener Art, das sich sehr wohl behauptet nach der dritten Ouvertüre; die leichten Tänze in der h-moll-Suite tun es auf ihre Art genauso, durch ihren ganz spezifischen, höchst grazilen, höfisch-galanten Charakter.


    Nachdem ich lange Jahre mit Trevor Pinnock und The English Concert sehr zufrieden war, habe ich vor einiger Zeit die Aufnahme mit dem Bach Collegium Japan unter Masaaki Suzuki kennen gelernt:

    Die Damen und Herren gehen mit einem Feuer und einer Überzeugungskraft an die Suiten heran, schweben in den schnelleren Sätzen leichten Fusses über das Parkett, pflegen in den getrageneren Tänzen die höfliche Eleganz und Grazie, verleihen jedem Tanzsatz den ihm eigenen individuellen Charakter, treffen die Tempi jeweils so, dass sie sogleich zu überzeugen wissen, die Ouvertüren strahlen festlich und großartig - es passt alles so wohl, dass es mit auch gar nichts mehr ausmacht, dass dies Tanzsuiten sind :D .


    Liebe Grüße, Ulrich

  • Im Gegensatz zu den Brandenburgischen Konzerten, deren Faszination mich seit meiner Jugend nicht mehr losließ, musste ich mir den Zugang zu den Orchestersuiten (Ouvertüren) erst erarbeiten. Ich empfand sie als getragen, oft pathetisch und manchmal sogar langweilig - bis ich die folgende Aufnahme fand, sie hat mich seit ich sie besitze nicht mehr losgelassen:



    Ein leider vergriffener Titel der 'Boston Early Music Soloists' unter William Malloch. Der Verve der Aufnahme ist umwerfend, dies verwundert nicht wurde doch sogar eine Tanzgruppe installiert, um die musikologische Forschung Praxistests zu unterziehen. Die Interpretation basiert auf einigen für mein Barock- und Bachverständnis wichtigen Erkenntnissen:


    + Es wurde das Colasse/Lully-Maß für die Tempi-Wahl zugrunde gelegt
    + Lullys Tänze gelten als Vorbild
    + Jede Stimme wird einfach besetzt (und folgt so den Forschungen Rifkins und Parrotts)
    + Es werden die Erkenntnis der HIP umgesetzt


    Die Einspielung vermittelt mir eine Freude, eine Lebendigkeit wie wenige Bach- oder sogar Barockaufnahmen von Orchestermusik. Für mich eine der Bach CDs für die einsame Insel. Zudem die Aufnahmequalität bestens überzeugt. Keine andere Aufnahme konnte mich nur annähernd so fesseln oder auch nur überzeugen. Weder Koopman, noch Suzuki oder andere.

    BECK ohne MESSER
    "Jeder Mensch ist eine Melodie. Lieben heißt: sie innehaben." (Franz Werfel)

  • Mallochs Aufnahme habe ich auch - so viel schneller als z.B. Goebels Tempi sind die gar nicht. Daß auf Bachs Suiten tatsächlich getanzt wurde, wage ich zu bezweifeln, daß die von ihm gewählten Tempi näher an der alten Tanztradition waren als die mancher Dirigenten des 20. Jahrhunderts, scheint mir plausibel.
    Ich muß mir die Herren aus Boston wieder mal anhören.


    Es gibt noch eine Aufnahme mit einem ganz bewußt tänzerischen Ansatz, die ich allerdings noch nicht gehört habe:


  • Guten Tag


    Zitat

    Original von miguel54
    Daß auf Bachs Suiten tatsächlich getanzt wurde, wage ich zu bezweifeln, daß die von ihm gewählten Tempi näher an der alten Tanztradition waren als die mancher Dirigenten des 20. Jahrhunderts, scheint mir plausibel.


    Ob auf Bachs Suiten tatsächlich auch getanzt wurfde wird sich wohl nicht mehr feststellen lassen, dazu ist auch ihre Entstehungsgeschichte/Datierung zu verworren.
    Denkbar wäre aber durchaus eine Aufführung anläßlich eines Ballettes oder Maskenball schon.
    Bachs "Tänze" sind jedenfalls für eine Gemüthsergötzung geeignet :D



    Zitat

    Es gibt noch eine Aufnahme mit einem ganz bewußt tänzerischen Ansatz,


    Der Tanzcharakter kommt auch in dieser



    Aufnahme mit dem Brandenburg Consort sehr gut
    zum Ausdruck.
    (Hier musiziert auch eine Laute mit, kommt besonders in BWV 1067 gut zur Geltung).


    Gruß :hello:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Zitat

    Original von Bernhard
    Bachs "Tänze" sind jedenfalls für eine Gemüthsergötzung geeignet :D


    ... und wenn tatsächlich drauf getanzt würde, auch für eine Leibesergötzung :P


    p.s. im Zimmermann'schen Coffee-Hause mal Mäuschen spielen können, das wärs doch, oder? :hello:

  • Zitat

    Am bekanntesten ist wohl der mit Air bezeichnete 2. Satz der Suite D-Dur BWV 1068. Mir persönlich gefällt der Satz auch von allen Suiten am besten, gleich gefolgt von der Gavotte aus dem selben Œuvre. Überhaupt hat hier in BWV 1068 die Ouvertüre meiner Meinung nach eine starke Ähnlichkeit zum Brandenburgischen Concert Nr. 3 G-Dur BWV 1048. Ansonsten geben mir diese Werke ansich nichts - sie sind schön anzuhören, nerven mich aber nach einer Weile schon... wie gesagt: die Fans oder Experten hätten den Thread eröffnen sollen. :wacky:



    vielleicht genügt ja auch schon ein verweis auf das allgemeine Thema:


    Die barocke Orchestersuite


    Zitat


    Auffallend ist, dass die jeweiligen Ouvertüren der Ouvertüren jeweils etwa ein gutes Drittel des entsprechenden Werkes einnehmen, es meiner Meinung nach damit überlagern; es folgen dann die relativ kurzen Tanzsätze bzw. Air [1068] oder Rondeau [1067].



    Das war eine Neuerung, die wahrscheinlich von der Riege Telemann, Fasch, Graupner eingeführt wurde.
    Frühere Orchestersuiten (Erlebach / Fischer / Kusser) haben Ouvertüren die nicht länger sind als die französischen Vorbilder.



    Zitat

    Auch ist die Instrumentbesetzung der vier Suiten nicht ganz identisch: bei der h-moll-Suite beispielsweise spielen nur Streicher, Continuo und Flöte,


    ebenfalls eine wichtige Neuerung.
    Die Suiten gehen ja auf Instrumentalstücken aus frz. Opern zurück, daher war das gesamte Orchester involviert.
    Aber in den 1720er Jahren gab es in Frankreich die Mode Suiten für Traversflöte zu schreiben.
    Couperins "Les Nations" gehen in diese Richtung.


    Von Telemann gibt es eine ähnliche Suite in a-moll, allerdings für Blockflöte.
    Der Sinn hinter dieser Aktion war nichts anderes als "Le Goût reunis" - der vermischte Geschmack - eine Synthese aus frz. Suite und italienischem Solokonzert.


    Besonders in den Suiten von Fasch, Graupner und Telemann wird man immer wieder auf extravagante Instrumente stoßen.


    In der konservativen Suite der deutschen Lullisten (wie bei Muffat, Erlebach oder Fischer) findet man nur das frz. Trio, also Fagott und zwei Oboen, neben dem Orchester.


    Dieses "Concertino" falls man es so nennen kann, wurde dann eben weitergesponnen.
    Ich kenne z.B. eine Suite von Telemann für ein Hornquartett.



    Bachs zweite Suite ist daher die modernste der vier Werke, weil er damit der brandneuen französischen Mode folgt.


    Die älteste Suite ist wahrscheinlich jene mit dem "Air" - das hat übrigens nichts mit Luft etc. zu tun :D
    In alten Orchestersuiten wurde jeder Satz "Air" genannt, im französischen bedeutete das einfach "Stück" oder "Melodie"
    Bei Erlebach z.B. steht immer "Air-Courante" "Air-Gavotte" etc.


    Airs nennt man auch die gesungenen Passagen in frz. Opern - wenn man so will, die frz. Form der Arie, auch wenn das so nicht ganz stimmt.


    Zitat

    während die C-Dur-Suite zusätzlich zweier Oboen und eines Fagotts bedarf. Pompös kommen beide D-Dur-Suiten daher - passend zur Tonart mit glänzenden Trompeten, gleich drei an der Zahl, sowie Pauken und eine dritte Oboe bei BWV 1069.


    das schon angesprochene frz. Trio, sowie die Courante weisen darauf hin, dass dies ebenfalls eine ältere Suite ist.
    Die Courante kam ab 1715 gänzlich aus der Mode.
    Sie war bis zum Tode des Sonnenkönigs un dessen Herrschergeneration einer der wichtigsten Hoftänze (wurde neben der Branle als Eröffnungstanz bei Hofbällen getanzt)


    die Ouverture von 1069 ist übrigens ein direktes Zitat des "Premier Caprice" von Michel Richard Delalande - eine Art freies Stück aus der 7. Suite seiner "Symphonies pour les Soupers du Roi"
    Diese Suiten waren ebenso in Europa verbreitet, wie die Orchesterstücke Lullys und Campras.



    Ich stehe auch auf dem Standpunkt, dass man diese Suiten tänzerisch zu spielen hat, darauf legte man besonderen Wert, dass die Tänze eben auch tanzbar waren - warum sollte das gerade bei Bach anders sein?



    Allerdings muss ich sagen, dass mir Suiten anderer Komponisten deutlich besser gefallen. Wenn ich da an Suiten von Steffani, Kusser, Pez oder eben Telemann denke, da würde ich den ollen Bach jederzeit stehen lassen :D




    Aber auch ich habe ein Lieblingsstück aus den vier Suiten:
    Es ist die Courante aus der Suite No.1

  • Danke für die kenntnisreichen Ausführungen.


    Delalandes Suiten habe ich von Reyne, gefallen mir sehr gut. Telemann selbstverständlich auch.


    Den französischen Barock entdecke ich erst nach und nach für mich, besonders Lully.


    Danke für die weiteren Namen, kannte ich Kusser und Pez nicht, werde ich mich dran machen.

    BECK ohne MESSER
    "Jeder Mensch ist eine Melodie. Lieben heißt: sie innehaben." (Franz Werfel)

  • Guten Abend


    Zitat

    Original von der Lullist


    Bachs zweite Suite ist daher die modernste der vier Werke, weil er damit der brandneuen französischen Mode folgt.


    Die älteste Suite ist wahrscheinlich jene mit dem "Air" - das hat übrigens nichts mit Luft etc. zu tun :D


    Bachs Suiten gelten oft als festliche, repräsentative Eingangsstücke, sie entstanden aber zunächst als Kammermusik.
    Pauken und Trompeten, bei der h-moll Suite die Traversflöte, wurden erst später zugefügt.
    Als Datierung der Frühfassungen nimmt man bei der Overtüre D-Dur BWV 1069 Weimar um 1716,
    der Overtüre D-Dur BWV 1068 Köthen um 1718,
    bei der Overtüre D-Dur BWV 1066 Köthen um 1719/20
    und bei der h-moll Suite BWV 1067 Köthen vor 1722 an.


    Gruß :hello:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Kaum zu glauben ... eine der populärsten Werkgruppen der barocken Musik, und nur so wenige Beiträge im Thread ... die Ouvertüren bzw. Orchestersuiten beinhalten zwei der größten Schlager der Barockmusik: Die Badinerie am Schluss der zweiten Suite, bekannt von unzähligen Handys - meistens viel zu schnell gespielt, "Badinerie" heißt "Tändelei" und nicht "Wettrennen" - und das (oder die) berühmte "Air" aus der dritten Suite.


    Ich habe nur wenige Einspielungen. Eine mit Sir Neville Marriner und seiner Academy von 1978 bei Philips. Eine Doppel-CD, die zusätzlich das Konzert für zwei Violinen d-moll BWV 1043 (Szeryng/Hasson) sowie das Konzert für Violine und Oboe (Kremer/Holliger) bietet. Momentan offenbar vergriffen. - Für non-HIP eine sehr gute Aufnahme ohne Mätzchen. Wahrscheinlich ist die momentan erhältliche Decca-Einspielung mit Marriner nicht schlechter.


    Meine zweite Einspielung ist mit Ton Koopman und dem Amsterdam Baroque Orchestra von 1988 (dhm) und offenbar nicht mit der bei Erato erhältlichen Koopman-Aufnahme dieser Werke identisch (z. T. deutlich abweichende Trackzeiten). Rhythmisch straff, klein besetzt, flotte Tempi - gut zu hören!


    Meine dritte Einspielung ist mit Trevor Pinnock und The English Concert von 1978. Die gab es vor ca. zwanzig Jahren in einer Box zusammen mit den "Brandenburgischen" in einer 3-CD-Box bei 2001 für kleines Geld. Die Orchestersuiten haben keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, das will aber nichts heißen.



    Ich glaube, ich könnte mal eine aktuelle Einspielung gebrauchen ... wer hat einen guten Vorschlag?

  • [quote]Original von Ulli
    Und da es offenbar keine Bachexperten oder -fans bisher getan haben, eröffne ich eben einen diesbezüglichen Thread.



    Am bekanntesten ist wohl der mit Air bezeichnete 2. Satz der Suite D-Dur BWV 1068. Mir persönlich gefällt der Satz auch von allen Suiten am besten, gleich gefolgt von der Gavotte aus dem selben Œuvre.
    Die Suiten haben mich noch nie so richtig vom Hocker gerissen [vielleicht fehlt mir zu dieser "Anlassmusik" nur der richtige Anlass?], aber diese Einspielung mußte ich dann doch haben - allein wegen des Orchesterklanges:



    Jean Sebastién Bach
    Les Quatre Ouvertures


    Suite Nr. 3 in D BWV 1068
    Suite Nr. 1 in C BWV 1066
    Suite Nr. 2 in h BWV 1067
    Suite Nr. 4 in D BWV 1069


    Le Concert des Nations
    La Capella Reial de Catalunya
    Jordi Savall



    Hallo und DANKE, Ulli
    für diesen THREAD und die interessanten Ausführungen.
    Mir liegen zwei Aufnahmen sehr am Herzen.


    Es ist einmal der SCHERCHEN, der Hans Dampf in allen Gassen, mit dem Vienna State Orchestra auf MCA Classics. Er tritt aus meiner Sicht den Beweis dafür an, dass einige der früheren Interpretationen, auch nach der "großen Wende" durch die historisierende Aufführungspraxis, UNVERÄNDERT einen wichtigen Stellenwert in der Interpretationsgeschichte der Bach'schen Orchesterwerke haben.
    Ich schätze seine Klarheit und Rhytmik. Bei Scherchens Bach gibt es ein Stück unverstellte, fast ideologiefreie Reinheit.
    Die Alternative ist --in wesentlich kleinerer Besetzung- die EMI Classics References-Aufnahme der "Adolf Busch Chamber Players" vom Oktober 1936. Der kammermusikalische Charakter ist hier ein wesentliches Moment. Es gibt im Vergleich zu Aufnahmen von Bernstein (2+4 Suite), Klemperer, Furtwängler, Knappertsbusch, Günter Kehr, Friedrich Tilegant, Karl Münchinger und Günter Wich und Bruno Walter, aber keine "romantisierenden" Tendenzen, bzw Tradition und Ausrichtung dieser Interpretationspraxis früherer Dekaden.


    Beide Interpretationen gehören m.E. zu den wichtigsten Einspielungen der Bach-Suiten.


    P.S. Ich mag die Suiten unter Karl Richter auch, finde sie aber nicht ganz so überzeugend wie die beiden genannten.
    Mit den "vollblütigen" Aufnahmen Helmut Rillings kann ich nicht so viel anfangen.


    Gruß................"Titan"

  • Allein Nr. 2 aus Nr. III (Air) wäre mal nen thread wert. Marriner (bei Philips) überzieht das Tempo zu einem unerträglichen Schmachtfetzen. Café Zimmermann bietet quasi nur eine contradictio - flott, allem Gesanglichen und Elegischem ausweichend, irgendwie nichtssagend.


    Mein Favorit bleibt bislang das Collegium aureum, so um 1965 bei harmonia mundi. Mittelmäßiger Sound, aber eine perfekt ausbalancierte, ätherische Version irgendwo zwischen heiter und nicht von dieser Welt. Und ohne Vibrato ...


    :hello:


  • hallo,


    ich habe gerade die hörbeispiele angehört - die muss ich haben :


    gruss


    kalli

  • Bei aller Vorliebe für HIP-Aufnahmen von J. S. BACH's Orchestersuiten, so sollte man sich als hochinteressanten Kontrast einmal die Aufnahmen der Suiten Nr. 3 und Nr. 4 duch OTTO KLEMPRER und dem hervorragend spielenden PHILHARONIA ORCHESTRA unvereingenommen anhören. Es soll ja immer noch Klassikliebhaber geben, die mit den Orchestersuiten von BACH nicht viel anfangen können. Vielleicht liegt dies z. T. auch an einigen doch extrem "dünnen" HIP-Aufnahmen, bei denen dann auch schon einmal so etwas wie Langeweile aufkommen kann. Auch wenn die Spielweise KLEMPERERs gegenüber der heutigen Aufführungspraxis diametral entgegen erscheint, so können vielleicht doch seine fabelhaften, kraftvollen Einspielungen vor allem der 3. und 4. Suite dem einen oder anderen diese herrliche Musik BACHs näherbringen.


    Wem diese Spielweise als allzu überholt gilt, sich aber auch nicht mit zu überzogenen HIP-Auffrührungspraktiken anfreunden kann, dem sei die sehr lebendige, und vor allem von den Geigen her (alle Geiger des Ensembles sind aus den Meisterkursen WOlFGANG SCHNEIDERHANS hervorgeganagen!) hochklassige Einspielung insbesondere der 2. und 4. Suite durch die FESTIVAL STRINGS LUCERNE unter RUDOLF BAUMGARTNER sehr empfohlen! Dieses Ensemble hatte sich bereits ausgiebig mit der der Aufführungspraxis früher Musik befaßt und die gewonnenen Erkenntnisse in ihren Einspielungen bereits berücksichtigt. Erstaunlicherweise nimmt man sich dabei z. B. für die berühmte "Air" in der 3. Suite etwa 45 Sekunden mehr Zeit als der besonders in langsamen Sätzen für breite Tempi schon fast berüchtigte OTTO KLEMPERER!!



    Zwei sehr interessante Interpretationen der BACH-Suiten, die durchaus auch noch heute für sich einnehmen!


    Viele Grüße


    wok

  • Hallo,


    so unterschiedlich die 4 Orchestersuiten im Charakter und der Instrumentierung (ausgenommen 3 und 4) auch sind, 3 Eigenschaften haben sie gemeinsam:


    1. Die Ouvertüre ist der bestimmende/tonangebende Kern jeder Suite, dabei gilt im eigentlichen Wortsinn die Ouvertüre als Einleitung; hier kann sie höchstens als "Einleitung" zu den „Anhängseln“ der unterschiedlichen Tänze gelten. Die Ouvertüren haben stets mehrere Themen (z. T. so eingängig und einprägsam, dass sie zum Ohrwurm geworden sind/werden können), variiert werden und dabei auch Rhythmus und Tempo wechseln.
    2. Für die anschließenden Tänze fungieren die Ouvertüren quasi als Themenfundus, den der überwiegende Teil der Tänzethemen wird aus den Ouvertüren gespeist, auch variiert, insbesondere natürlich in dem den Tänzen anpassten Tanzrhythmus.
    3. Die Tänze werden sehr kontrastierend unmittelbar gegenübergestellt.


    Es handelt sich also um sehr abwechslungsreiche Themen, Rhythmen, Tempi, Orchestrierungen und damit unterhaltsame Suiten. Wer aber zu sehr auf die Unterhaltung „reinfällt“, kann die kunstvolle Struktur einzelner Sätze überhören.


    Die ausführenden Künstler garantieren einen originalen Bachklang.


    Die von „wok“ ins Spiel gebrachte Interpretation (Klemperer) ist halt nicht mehr Bach, aber sie hat einen gewissen Reiz; die Suiten sind bekannt und sie dann in einem ganz neuen Klang zu hören mag interessant sein; ohne einen direkten Vergleich zu ziehen: Die Bearbeitungen Bachscher Werke (Orgel!) von L Stokowski sind klanglich ungemein reizvoll, aber eben kein Bach mehr.


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Selten haben mich Bachs Orchestersuiren sio begewuistert wie heutre morgen beim Abhören dieser Aufnahme. Dem kommt natürlich entgegen, daß "The English Concert" unter Trevor Pinnock eines meiner Lieblingsorchester in Sachen "historische Interpretation auf Originalinstrumenten" ist, oder besser gesagt war.
    Ichhabe bewusst das Wort HIP vermieden, den das Orchester vermeidet so ziemlich alles was heute unter HIP gehandelt wird, Es klingt indes angenehm, spritzig, silbrig durchsichtig, vermag zu schmeicheln und aufzutrumpfen. Das ist mie heutre einmal mehr beim Abhören dieser Aufnahme aufgefallen. Inspiriert wurde ich durch James Rhodes, der trotz seiner oft schockierenden Sprache in seinem Buch eine sehr zarte Seele hat, und der mir irgendwie seine Begeisterung für Bach vermitteln konnte. Er setzt ihn als Antidepessivum ein, eine Idee auf die ich nie gekommen wäre, aber auch Glenn Gould (den Rhodes offenbar sehr schätzt) dürfte hier einen ähnlichen Zugang gehabt haben. Ich hatte heute morgen das Bedürfnis Bach zu hören und habe die hier gezeigte CD ausgewählt. Ob es die Aufnahme an sich oder meine innere Bereitschaft war, das vermag ich nicht zu sagen, ich habe heute die Orchestersuiten genossen wie eigentlich noch nie. Natürlich gab es ein paar Ohrwürmer, die mich immer schon begeistert haben , vor allem der Finalsatz der Suite Nr 2 BWV 1057, die Badinerie. Aber heut habe ich die Vielfalt unbd den Abwechslungsreichtum, das festliche, das tänzerische beschwingte, wie das "swingende" dieser Werke genossen....


    mit freundlichen Grpßen aus Wien
    Alfred


    PS: Diese ehemalige Archiv-Produktion Aufnahme ist derzeit um 7.99 zu haben
    und Reinhören ist überhaupt gratis.....


  • Oft stellt man sich die Frage, warum man von einem Werk begeistert ist, vorzugsweise dann, wenn dies einst nicht der Fall war. Ist es nun das Werk oder die Interpretation - oder beides. Diese Frage kann natürlich nie ganz eindeutig beantwortet werden, aber man kann sich der Antwort wenigstens nähern.
    Im konkreten Fall habe ich mir heute die Orchestersuiten Nr 1 und 2 (BWV 1066 und 1067) von Johann Sebastina Bach angehört, und zwar in einer anderen Aufnahme wie gestern, und zwar mit den "Neuen Bachischen Collegium Musicum Leipzig" unter Max Pommer. Eigentlch ein oft gelobtes Orchester und ein Dirigent mit viel Erfahrung und wissenschaftlchem Background. Vor 30 Jahren hat mich die Aufnahme so gelangweilt, daß ich die 2. damals existierende CD mit den Ouvertüren 3 und 4 erst gar nicht kaufte. Ich war also gespannt wie ich das heute erleben würde:
    Es hat sich nichts geändert, Ich empfand die Aufnahme als leb- und lustlos, weder erhaben, majestätixsch, prunkvoll, strehlend, noch als wirklich tänzerisch oder gar spritzig. Eine gewise akademische Neutralität lag über dem Klangbild, wobei der Anspruch angeblich war, auch modernen Instrumenten dem historischen Geist der Werke näherzukommen, also eigentlich das was heute so gerne als HIP bezeichnet wird, mich aber nicht in geringster Hinsicht daran erinnert.....


    Es wäre interessant, ob andere Mitglieder vielleicht zufällig diese Aufnahme kennen und meine Meinung teilen oder ihr Paroli bieten.....


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Es wäre interessant, ob andere Mitglieder vielleicht zufällig diese Aufnahme kennen und meine Meinung teilen oder ihr Paroli bieten.....

    Kurz und schmerzlos geantwortet: Ich kannte diese Einspielung(en), weil ich sie selber mal besaß (lang ist's her, so lange, dass ich nicht mehr genau weiß, wann es war!). Auch ich konnte mich mit Pommers Interpretation nicht anfreunden, auch ich empfand sie als wenig inspiriert. Irgendwer hat mal gesagt oder geschrieben: Bei dieser Musik sehe ich im Geiste Barock-Menschen aus dem festlich erleuchteten Schloss eine geschwungene Treppe hinabkommen und in den illuminierten Schlossgarten gehen. Dieses Gefühl hat sich bei mir nicht eingestellt, allenfalls habe ich Schlosspersonal mit dem Staubwedel durch die Räume wuseln sehen. Nein, diese Einspielung habe ich entsorgt...
    :hello:

  • Es wäre interessant, ob andere Mitglieder vielleicht zufällig diese Aufnahme kennen und meine Meinung teilen oder ihr Paroli bieten.....


    mfg aus Wien
    Alfred

    Die Aufnahme habe ich auch mal besessen, sie aber schleunigst weitergegeben. Leider steckt sie in der Bach-Ausgabe von Brilliant. Ansonsten sind mir die alten Aufnahmen noch vielzu vertraut, als dass ich große Lust verspüren würde, durch huetige Auffassungen durchzuhören. Good old Klemp ist mir bei Bach immer eine Haúsnummer, besonders natürlich Karl Münchinger



    Münchinger hat die Werke mehrfach aufgenommen. Er startete in der mono-Ära, später nah er die Werke noch einmal in stereo auf. Die mono-Aufnahmen haben indes den größern Charme. Reinhold Barchet sitzt da noch am Pult des Primgeigers und prägt einen ungemein intimen Orchsterklang. Aber die stereo-Aufnahmen für DECCA sind auch fein. Bei den späteren Aufnahmen für Intercord muss man Abstriche machen, da wird's teilweise hallig und etwas dick aufgetragen.


    Hörenswert sind auch die sehr klaren Bach-Aufnahmen von Ernest Ansermet. Fein, dass auch die mittlerweile als CD verfügbar sind.



    Ich bin durchaus der Auffassung, dass man die historisch ionformierte Aufführungspraxis nicht wie ein religiöses Dogma behandeln sollte. Letztlich geht es ums Musizieren und das verstanden die drei genannten Herren.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.