Ersteindrücke bei Klassik-CDs - wie zuverlässig sind die?

  • Liebe Forianer,


    Wieder hat mich einer aus unseren Reihen zu einem neuen Thrad inspiriert. Und zwar habe ich mir die Frage gestellt, wie zuverlässig Höreindrücke sind, wenn man eine CD lediglich einmal gehört hat,
    oder (noch schlimmer) lediglich quergehört hat.
    Das "Querhören" (sehr beliebt bei Kritikern, und vielleicht sogar notwendig) sagt ja schon von vornherein aus, daß man sich gar nicht die Zeit nehmen will (oder kann ?) die Einspielung auf sich gebührend wirken zu lassen.
    Dann gibt es (zumindest bei mir) Einspielungen, die man unter dem Einfluß der Kaufreue erstmals abhört. (Kaufreue entsteht unter vielen Gegebenheiten, besonders aber dann, wenn man mit seinem Klassikbudget schon 3 Monate im voraus ist, das Konto hoch im Soll steht und man sich die Frage stellt, ob die soeben erfolgte Anschaffung der 27. "Jahreszeiten" von Vivaldi eine wirklich notwendige war :D)
    Nach zwei Monaten fällt die Kaufreue zumeist weg , und man hört entspannter.


    Dann gibt es Abhörbedingungen , wo "die gesamte Musikwelt " davor gewarnt hat, oder solche die von jedermann "Als Referenz" bezeichnet wurde. Auch das kann sich auf den Ersteindruck auswirken.
    Aber es gibt auch Tage, da klappt einfach alles (ich erinnere mich, das war 1976 :D ) und man legt die Neuerwerbung unkritisch und freudig auf. Dabei erscheint einem die Aufnahme in rosigstem (Laser-) Licht....


    Einige Tage- oder Wochen später (oft auch erst nach Jahren) ist der Eindruck ein völlig anderer.


    Aus diesem Grunde versuche ich auch immer, so meine Zeit es zulässt, auch mir seit langem bekannte CDs erneut abzuhören bevor ich sie hier empfehle oder ich ein vernichtendes Urteil abgebe.....


    Wie schaut das bei Euch aus ?



    Freundliche Grüße aus Wien



    Alfred

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Wie schaut das bei Euch aus ?


    Ähnlich wie bei Dir, allerdings gebe ich einer Aufnahme nur zwei Chancen - die dann aber auch nur drei bis vier Wochen auseinander liegen. Wenn es dann nicht gefällt, wandert es ins E-Bay oder zum 2nd Hand Shop.

  • Hi T.M.,


    offensichtlich bist du noch zu jung, um schon zu wissen, dass sich die persönliche Beurteilung in 15 bis 20 Jahren sehr stark verändern kann. ;)


    Dann stehst du da, du armer Tor,
    und kaufst die CDs wie Jahre zuvor...



    Ciao


  • Lass es mich so formulieren: Ich kaufe selten blind, sondern suche nach Meinungen von Menschen, deren Geschmack ich einschätzen zu können glaube. Das minimiert in der Regel die schlechten Käufe, so dass ein Besuch beim 2nd-Hand-Laden eher zur günstigen Anschaffung denn zum Abstoßen genutzt wird. Aber: Bei einer so langsam 5-stellige Dimensionen annehmenden Sammlung, gibt es früher oder später ein Platz- und Zeitproblem: Ich bin jung genug, um zu wissen, dass es genug Werke und Komponisten zu entdecken gibt :D Und bevor ich einer auch nach zweimaligem Hören langweiligen Einspielung Platz zum Verstauben gewähre, kaufe ich mir lieber etwas Neues, z. B.:


  • @Alfred,


    irgendwie kommt es mir so vor als wäre Dein Beitrag "zeitnah" zu meiner Äußerung bzgl. der Andsnes Aufnahme entstanden.


    Nun dann. Ziehe ich mir den Schuh einfach mal an. Er paßt ja :D


    Thorsten vorgehensweise finde ich nachvollziehbar und habe sie auch schon praktiziert. Tue dies aber nicht mehr.
    Die Andsnes Einspielung hat sich für mich z.B. heute ganz anders angehört als ich sie in Erinnerung hatte vom ersten Hören.
    Wahrscheinlich hatte ich eine bestimmte "Erwartunghaltung" durch die kurz zuvor eingetroffene Aufnahme der Haydn Konzerte von A. Staier.
    Daher bin ich wohl nicht unbedingt unvoreingenommen an das erste Hörerlebnis ran gegangen. Zudem war mein erster Eindruck seiner Aufnahme der Mozart-Klavierkonzerte auch nicht unbedingt positiv.


    So wie es hier war werde ich es in Zukunft auch wieder machen wenn mir der erste Eindruck nicht gefällt. Beiseite legen, verleihen, ruhen lassen und dann wieder einmal rauskramen.


    Sollte sie mir dann nicht gefallen ........ naja, mal sehen ........


    Jedenfalls kann ich nicht unbedingt nach dem ersten Hören immer eine ja/nein Bewertung abgeben.
    Dazu benötige ich mehrere "Hörgänge". Zumindestens bei Aufnahmen, die nicht gleich als unzumutbar angehen.
    Aus diesem Grund hat für mich das Hören beim Händler auch keine Bedeutung mehr! :stumm:

  • Zitat

    Original von Thorsten_Mueller


    Ähnlich wie bei Dir, allerdings gebe ich einer Aufnahme nur zwei Chancen - die dann aber auch nur drei bis vier Wochen auseinander liegen. Wenn es dann nicht gefällt, wandert es ins E-Bay oder zum 2nd Hand Shop.


    Genau so handhabe ich es auch. Als dritte Alternative habe ich noch meinen Bruder, dem ich die betreffenden Aufnahmen "abtrete". Er ist nicht ganz so kritisch wie ich ;) .


    Selbst zum durchaus berechtigten Einwand von Theophilus, nämlich daß sich Geschmäcker ändern können, habe ich im Prinzip das gleiche wie Thorsten zu entgegnen: Ich sammle um des Hörens-Willen, nicht um des Sammelns-Willen. Deswegen habe ich in meiner Sammlung nur Aufnahmen, die ich mir zumindest ab und an mal ganz gut anhören kann. "Flops" mag ich in meiner Sammliung nicht haben.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Hallo


    Ja natürlich hat mich die Aussage Richard inspiriert, verbunden mir einer EWntdeckung die ich erst vor einigen Monaten an mir gemacht habe:
    CDs, die ich am Montag ablehne, begeisstern mioch am Mittwoch und umgekehrt.
    Die verlangt natürlich auch, Urteile äusserst moderat zu formulieren.


    Es kommt nur ganz selten vor, daß ich CDs aussortiere, eigentlich kann ich mich kaum an sowas erinnern.


    Ich sammle nicht nur, wenn mir etwas gefällt, da wäre meine Sammlung viel kleiner, sondern auch weil mich der historische Zusammenhang interessiert. Muisik des 20. Jahrhunderts bereitet mir kein musikalische, gelegentlich aber ein intellektuelles Vergnügen.


    Das ist schwer zu beschreiben...



    Beste Grüße aus Wien


    Alfred

  • Ich höre Aufnahmen bisweilen sehr oft an, bis ich den Wert wirklich erkenne, das heißt, es passiert mir häufig, dass ich eine Aufnahme kaufe, die ich dann zwar nicht schlecht finde, aber auch nichts Besonderes, und erst, nachdem ich sie schon öfter gehört habe, entdecke ich die eigentliche Schönheit des Werkes, der Interpretation etc. Ich glaube, es hat auch ein bisschen mit Gewöhnung zu tun. Erst wenn man mit einer Aufnahme vertraut ist, kann sie wirklich ihre volle Schönheit entfalten.


    Ich habe z. B. auch ewig gebraucht, bis mir Schuberts Messen gefallen haben, über ein Jahr lang. Und bei der Missa solemnis von Beethoven ist das Aha-Erlebnis noch immer ausständig...

  • Ich würde hier unterscheiden:


    1) Ich kenne ein Werk schon sehr gut und bin von einer Interpretation, die ich mir neu zulegte, überhaupt nicht angetan. Dann höre ich sie noch 2-3 mal an; bleibt der negative Eindruck bestehen, verkaufe ich sie wieder. Diesen Fall gibt es sehr selten.


    2) Ich möchte ein Werk neu kennen lernen und bin nach mehrmaligem Hören einer neu gekauften Aufnahme überhaupt nicht begeistert. Dann lege ich sie beiseite und warte ab.
    Letztes Beispiel: Die Mahler-Solti-CD kaufte ich mir, um die Symphonie kennen zu lernen. Sowohl das Werk an sich als auch die Interpretation ließen mich komplett kalt. Zufällig geriet ich an eine andere Mahler-Symphonie, die mich begeisterte und hörte in dem Zuge auch erneut in die Solti-Aufnahme hinein. Bei diesem neuerlichen Versuch hörte ich sie plötzlich mit ganz anderen Ohren und war hingerissen.


    Gruß, Cosima

  • Neben meiner Anlage bilden sich mehrere Stapel.


    Auf dem ersten befinden sich CDs, die frisch erworben und noch gar nicht abgehört sind. Von diesem wandern die CDs nach dem ersten Mal meist auf Stapel 2, selten gleich nach Nummer 3.


    Der zweite enthält Aufnahmen, die ich schon einmal gehört habe, bei denen aber der Funken, aus welchen Gründen auch immer, noch nicht übergesprungen ist.


    Und auf dem dritten Stapel sammeln sich die, die mir besonders gut gefallen haben und die ich deswegen noch ein paar Mal hören möchte, um mich an der Schönheit der Musik zu ergötzen.


    Das Ganze bildet also eine Kette, von der mehrere Verbindungen ins Regal abgehen. Vom zweiten Stapel geht´s ins Regal, wenn die CD auch beim zweiten oder dritten Hören nicht voll überzeugt hat. Dann ruht sie dort, bis sie eines Tages wieder gebraucht wird, sei es zum Vergleichen oder zum Nachhören einer im Forum geschilderten Einschätzung etc.


    Den dritten Stapel verläßt eine CD schließlich irgendwann gen Regal, wenn a) der Stapel zu groß wird oder b) meine Frau über die Unordnung schimpft, meist wegen a) :D oder c) ich sie gut genug zu kennen meine, um Stücke und Interpretation im Kopf zu haben.


    Eine Aufnahme aussortieren und zu verkaufen bringe ich nicht über´s Herz, mag sie auch noch so grauslig sein. Dafür bin ich zusehr auch ein Sammler und nicht nur Musikgenießer. Man kann ja nie wissen, wozu man´s mal braucht, vielleicht... ;) Es kommt allerdings sehr selten vor, dass ich eine Aufnahme derart schlecht finde.


    Thomas

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -

  • Ich hatte das mal bei ner Schütz-CD (nb: mit dem Dresdner Kreuzchor); da dachte ich sofort: Hä, das soll Schütz sein? (also nach dem ersten Hören) und hab sie dann monatelang weggelegt. Und irgendwann,als mir zu Hause mal wieder langweilig war , hab ich einfach mal wieder "reingehört" , nur, um sie sozus. als "Erinnerungsmusik"zu benutzen, an dieZeit, wo ich die Musik das letzte MAl gehört habe (ich missbrauche dazu oft CDs; die habe ich "über", lege sie weg, und die dienen dann nur der "Erinnerungsmusik").. und ich fand die Stücke (doppelch. Motetten) super!!

  • Hallo zusammen,


    das ist doch ein ganz normaler Effekt. Als Kind mochte ich keinen Käse, heute könnte ich mich eine ganze Zeit lang nur von Käse ernähren (na gut, noch ein paar Brotsorten und Weine dazu ...). Alle sieben bis zehn Jahre ändert ein Mensch seine Maßstäbe und Wertvorstellungen.


    Meine erste Matthäus-Passion war die mit Peter Schreier am Pult und als Evangelist; ich fand es grandios. Klar gefallen mir heute die Aufnahmen mit Gardiner, Harnoncourt (3. Aufnahme) und Herreweghe (2. Aufnahme) besser, und Schreier reißt mich nicht mehr vom Hocker.


    Die Brandenburgischen Konzerte habe ich mich H. v. Karajan kennengelernt und fand auch das toll. Eine Zeit lang habe ich für Bernstein geschwärmt, heute bin ich in vielen Fällen (Brahms, Sibelius [DG]) bei diesem Musiker etwas distanzierter.


    Dito Brendel mit Beethoven-Sonaten (es gibt halt auch Gulda und Solomon), Gardiner mit Mozart-Opern (es gibt auch Jacobs), Tschaikowsky mit H. v. Karajan (es gibt auch Mrawinsky und Celibidache) usw. usw.


    Umgekehrt hatte ich jahrelang die Sibelius-Sinfonien mit Ashkenazy im Regal stehen, ohne sie wirklich zu mögen, bis irgendwann ... na ja. Tolle Musik ...


    Genauso Mahlers 9. mit Barbirolli, Schumann-Sinfonien mit Bernstein (DG), Verdi-Opern, Beethoven Streichquartette u. v. a. m. - alles Liebe auf den zweiten, dritten, vierten Lausch.


    Ich finde es toll, dass es so ist, und ich freue mich schon auf die CDs, die ich demnächst als die wahren Perlen meiner Sammlung erkennen werde. Dafür nehme ich hin, dass im Gegenzug die Begeisterung für andere CDs - mitunter recht deutlich - abnehmen wird.

  • Meine Lieben,


    Ob mir eine Aufnahme gefällt oder nicht, entscheidet sich bei mir in den meisten Fällen schon beim ersten Anhören (natütrlich bestätigen Ausnahmen die Regel). Jedes Neuhören fördert dann zusätzliche Erkenntnisse. Bei meinen Lieblingsopern etc. behalte ich auch problematische Beispiele aus Sammlerleidenschaft. Bei anderen Sparten gehe ich unterschiedlich vor. Wenn nicht zu schlecht, wird manches zur Hintergrundberieselung bei sonstigen Freizeitbeschäftigungen benützt bzw. zu Vergleichszwecken abgehört.
    Manches, was an sich nicht so schlecht scheint, mich aber absolut nicht anspricht, gebe ich weiter - da kann man sogar manchmal jemandem eine Freude machen. Manches behalte ich auch zurück, um es im geeigneten Moment wieder zu probieren. Denn man kann nie ganz ausschließen, daß etwas nur aus einer momentanen Stimmung heraus nicht so ankommt, wie man beim Kauf vermutet hat. Querhören kann einem zumindest das Gefühl geben, daß es auf jeden Fall Sinn macht, etwas zu erwerben - man muß ja nicht immer hundertprozentig zufrieden sein.
    Im allgemeinen kommt es nicht vor, daß frühere Lieblinge plötzlich nicht mehr zusagen. Umgekehrt ist das - auch dank Tamino - eher der Fall. Und dann segnet man das Schicksal, daß es einen aus eigenem Vorrat so bereichert.


    LG


    Waldi

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Die verlangt natürlich auch, Urteile äusserst moderat zu formulieren.


    Das ist auch meine Maxime - man könnte sich ja auch immer geirrt haben. Dazu kommt, dass die Klangqualität immer eine Rolle spielt; ich habe immer viel mehr Geld in Tonträger als in die Abspielgeräte investiert - High End ist außerhalb meiner Reichweite - und da gab es manchmal verblüffende Unterschiede nach Neuanschaffungen.


    Zwei, drei, oder auch mehr Chancen hat jede CD bei mir, je nachdem, wie sicher ich mir bin. Danach weichen sie aus Platzgründen, wenn sie durchgefallen sind.

  • Dass es in 4 Jahren hierzu nur 15 Beiträge gegeben hat, verwundert mich nun aber doch sehr. Es können im forum doch nicht nur Mitglieder sein, die schon von Anschauen der CD wissen, dass sie gut oder schlelcht ist. Querhören oder Schnipsel-hören reicht bei weitem nicht, es sei denn, es kommt auf einen bestimmten Sänger in einer bestimmten Parti (das kann man dann aber billiger haben und benötigt keine GA) oder ein bestimmtes Orchester mit einem bestimmten Stück. Seit September letzten Jahres habe ich mich beim Kauf von CDs auf den Rat in diesem forum verlassen und bin dabei sehr gut gefahren. Dass ich dennoch nicht alles was im forum gut geheißen wird sammle, ist eine andere Sache. Der Ersteindruck bei Tenören ist jedoch bei mir geblieben, die ich nicht mag, werden auch nicht besser wenn ich sie den ganzen Tag höre (das würde ich auch nicht überstehen).


    Ich kann nur den guten Ratschlag geben, erstmal hier im forum nachschauen. Das erspart mindestens eine Enttäuschung, gell.


    Liebe Grüße aus Burgdorf, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Ich bin ein ziemlich emotionaler Musikhörer.


    Der erste Eindruck ist mir sehr wichtig: wenn ich mich spontan in eine CD verliebe, können mir nicht mal schlechte Kritiken den Höreindruck vermiesen.


    Umgekehrt gibt es CDs, die mir auf Anhieb nicht so recht behagen, obwohl sie hoch gelobt werden, und denen ich dann noch mehrere Chancen gebe.


    Aber zumeist vergebens: besonders extrem gute oder schlechte erste Eindrücke kann ich nachher eigentlich emotional nicht mehr negieren...


    Allerdings gehe ich meistens schon im Vorfeld hin und studiere das Forum und betrachte die Meinungen des Plenums. Wenn man die Kritiken aufmerksam liest, kann man meistens für sich ein paar 'Kandidaten' für eine neue Aufnahme eingrenzen, und unter denen ist dann meistens die eine, die mir auf Anhieb zusagt...


    Das Problem mit der 25.Aufnahme eines Werkes stellt sich bei mir so nicht: ich sammel immer noch in die Breite. Zumeist suche ich mir die eine Aufnahme eines Werks, die mir in Gänze gefällt. Auch wenn es die perfekte Aufnahme nicht gibt, zählt für mich der Gesamteindruck, und der muss (für meine Seele) stimmen.

  • Ich habe erstmal überlegt, wie die Frage gemeint ist und was darauf zu antworten wäre.
    Der Kern des Themas ist wohl: Wie zuverlässig oder nachhaltig ist der Ersteindruck einer Aufnahme.
    Da bin ich eigentlich ziemlich bodenständig, was mir beim ersten Mal toll gefällt, tut das in der Regel auch beim 20. Mal. Ich habe Aufnahmen, da möchte ich eigentlich keine andere dazu besitzen, weil ich immer wieder begeistert bin (Brahms 2. Klavierkonzert Gilels/Reiner, Mahler 9. Karajan, Sibelius 2. Bernstein, Brahms 4. C.Kleiber, Schostakowitsch 10. Karajan). Dennoch versuche ich es auch mal mit Alternativen, die dann meist 2. Wahl bleiben, aber dennoch wegen irgendwelcher interessanter Stellen trotzdem ihre Chance haben. Was mir beim ersten Mal nicht gefällt, wird es meist auch später sein. Aussortiert habe ich bis jetzt ganz wenig, zumal ich die Erfahrung gemacht habe, dass das Anbieten bei ebay oder anderen second-hand-Anbietern finanziell nichts bringt. Es gibt auch Werke, da habe ich keinen Favoriten, sondern je nach Stimmung oder Zufallsgenerator höre ich mir mal diese oder jene Einspielung an. Beethoven, Brahms, Bruckner, Mahler, Tschaikowsky z.B. kann ich in unterschiedlichen Interpretationen genießen, was ich habe, ist eigentlich alles akzeptabel. Da wird mal dies oder mal das aufgelegt und wieder entdeckt man Neues. Was ist die perfekte Aufnahme? Ich glaube, die gibt es nicht. Aufnahmetechnisch kann man vielleicht Perfektion anstreben, aber das ist für mich nicht die Hauptsache, sondern der musikalische Eindruck und die Erwartung, ob bekannte Werke so wie man sie sich vorstellt, auch gespielt werden. Oder - wenn es etwas völlig Neues ist- was zugegebenermaßen selten vorkommt, ob mir die Musik etwas gibt.
    Da kommt es auch vor, dass man etwas erwirbt, was sich dann als überflüssig herausstellt. Es gibt eben auch Musik, die ich wirklich nicht brauche. Das sind dann die wenigen Ladenhüter, die man in Kauf nehmen muss.


    Mit besten Grüßen:hello:

  • Für mich sind mehrere Gründe maßgebend, eine Cd zu kaufen oder es auch zu lassen.


    Seit vielen Jahren (seit 1963) lese ich die Fono Forum und habe meine erste Aufnahme auf Grund einer Rezension des legendären Joseph Müller-Blattau
    gekauft. Er besprach damals die Neuaufnahme des Fidelio mit Lorin Maazel am Pult, Tom Krause als formidablem Don Pizarro, Kurt Böhme als grandiosem Rocco und die unvergessliche Birgit Nilsson als Leonore, dazu James Mc Cracken als Florestan, der vielleicht einzigen Schwachstelle der Aufnahme:



    Hinzu kam der damals für mich glückliche Umstand, dass es an meinem Schulort ein Elektrogeschäft mit einer gut sortierten Klassikabteilung und drei Hörkabinen gab, in denen man jede Aufnahme probehören konnte, ganz. Auf diese Art habe ich z. B. die erste Gesamtaufnahme der neun Sinfonien Beethovens unter Karajan 1963 und eben den Fidelio 1963 kennengelernt:



    Die Beethovenkassette kostete damals stolze 175 DM. Allerdings waren aus den geplanten 7 LPs stolze 8 geworden. Die 8. gab es gratis dazu.


    Heute gibt es zu den Rezensionen ja noch Hörbeispiele und was das wichtigste ist, es gab und gibt immer noch Musiker, deren Neuerscheinung man unbesehen kaufen kann. Ich denke da nur an meine beiden Lieblingsdirigent Günter Wand und Nikolaus Harnoncourt oder auch an Alfred Brendel.


    Liebe Grüße


    Willi

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Der erste Höreindruck einer Scheibe ist wichtig. Ist selbiger positiv, gefällt mir in der Regel auch die gesamte CD.


    Gleichzeitig habe ich aber auch die Beobachtung gemacht, dass manche Sachen, von denen ich vor knapp 25 Jahren begeistert war, mich jetzt kalt lassen, bzw. ich diese jetzt wesentlich kritischer höre. Umgekehrt ist es natürlich auch so, Sachen, die mir damals nicht so zugesagt haben, gefallen mir auf einmal.
    Als Beispiel möchte ich dafür die Beethoven-Zyklen von Norrington (mit den London Classical Players) und Hogwood (mit der Academy of Ancient Music) anführen. Geide Zyklen habe ich mir so Ende der 80er parallel zugelegt und war damaliger Zeit völlig für Norrington eingenommen, besonders die Aufnahmen der 2., 8. und 9. Sinfonie hatten es mir angetan. Hogwood dagegen hat mir damals nichts gesagt. Anfang der 90er bin ich von Beethoven ganz weggekommen und habe mich erst dieses Jahr wieder intensiv mit ihm befasst, wobei ich Norringtons Zyklus plötzlich als einen der schwächeren HIP-Zyklen wahrgenommen habe, Hogwood seinen dagegen als einen der besten.


    Ähnliche Erfahrungen habe ich auch mit Schuberts 9. in HIP unter Mackerras gemacht: So gut sie mir bei ihrer Erscheinung gefallen hat, so deutlich habe ich vor einigen Wochen auf einmal ihre himmlischen Längen wahrgenommen, weswegen ich mich wenigstens bei dieser Aufnahme Strawinskys Bonmot anschließen musste: "Was macht es schon, wenn ich hin und wieder eindöse, solange ich mich beim Aufwachen immer im Paradies wiederfinde?" :D


    Die Ursachen dafür liegen auf der Hand: tempora mutantur, nosque mutamur in illis - die Zeiten ändern sich und wir ändern uns mit.
    Auf jeden Fall werde ich jetzt, wenn ich nicht genau weiß, was ich mir anhören möchte, etwas ganz altes aus dem Regal rausziehen und mich überraschen lassen.


    Viele Grüße
    John Doe

  • Pressestimmen
    G. Kraus in FonoForum 11 / 64:"Lorin Maazels 'Fidelio' ist sehr aufregend und spannend in der Anlage. Schon die ersten Akkorde der Ouvertüre verraten das elektrisierende, hochgespannte Temperament des Dirigenten. Da sind Farben und instrumentale Effekte zu hören - die Wiener Philharmoniker bestätigen ihren Ruf, in jedem Fall das erste Opernorchester der Welt zu sein -,die man sonst nie zu hören vermeint, da wird das rein musikalische Geschehen verständlich wie selten sonst. Die Aufnahme ist klanglich unter der Leitung des berühmten Decca-'Wundermannes' Culshaw ausgezeichnet gelungen."




    Auch ich habe diese GA aufgrund oben stehender Kritik gekauft. WPO unter Maazel bestens, Nilsson, Böhme, Sciutti, Grobe, Krause, Prey, alles zum besten. Aber der Florestan ist anders als bei Vickers unter Klemperer auch nach mehrmaligem Höhren kaum zu ertragen. Decca standen doch zu damaliger Zeit ganz andere Heldentenöre zur Verfügung. Dass Maazel des mitgemacht hat.



    LG; Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Richtig, Bernward,


    das hatte ich ja in meinem obigen Beitrag auch angemerkt. Da hätte man sich als Florestan einen James King gewünscht, der wenige Jahre später zusammen mit Gwyneth Jones unter Karl Böhm an der Deutschen Oper den Florestan gesungen hat. Ihn habe ich natürlich auch mit dieser Fidelio-Einspielung in meiner Sammlung. Einer der besten Florestans, die ich kenne:



    Liebe Grüße


    Willi

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich finde so Ersteindrücke schon sehr wichtig, werfe aber nicht sofort die Flinte ins Korn, wenn ich auch mal mehrere Anläufe brauche um einem Werk etwas abzugewinnen (was ja auch eher Regel als Ausnahme ist). Muss dazu sagen, dass ich jede CD zuerst aber mindestens 2 Mal höre, ich ich sie "einteile".
    Neben meinem CD-Player gibt es vier Stapel :
    Stapel 1, hier liegen die Scheiben, die mir gleich auf Anhieb gefallen haben (ist nicht so hoch der Stapel)
    Stapel 2, habe ich schon sehr gut empfunden, interessant
    Stapel 3, naja indifferent, hat mich nicht umgehauen, aber auch nicht gernervt
    Stapel 4, absolut gar nicht gefallen
    Dabei gibt's natürlich noch feine Abstufungen, aber so in der Regel teil sich das nach zwei Mal hören auf. Im Laufe der Zeit können die CDs dann wandern, wobei es nur nach oben gehen kann, ich habe noch nie erlebt, dass etwas, was ich möchte, auf einmal unerträglich für mich wurde.
    Natürlich gibt es auch Werke, die eindeutig ihre Zeit brauchen, sei's, weil man sich erst mal richtig intensiv damit auseinandersetzen muss oder weil ich selbst vielleicht auch gerade in keiner passenden Stimmung war (passiert auch gelegentlich).
    Letztlich ist so ein Ersteindruck, aber doch schon hilfreich.
    Ich kann mich aber z.B. daran erinnern, dass ich "Tristan und Isolde" beim ersten und zweiten Mal hören unsäglich scheußlich und anstrengend fand, da gab es nichts, was mich irgendwie angesprochen hätte, ich war fast etwas von mir selbst enttäuscht. Nachdem ich mich aber einmal mit der Geschichte und ihren Quellen beschäftigt hatte und die Oper noch einmal hörte, war plötzlich die Begeisterung groß...so kann's auch gehen.

  • Ich grabe diesen seit 5 Jahren ruhenden Thread aus, weil das Thema immer noch hochaktuell ist - und vermutlich immer bleiben wird. Mir persönlich geht es oft so, daß CDs die ich vor etlichen Jahren abgelehnt habe, plötzlich mein Gefallen finden. Warum das so ist, ist im einzelnen verschieden, es könnt unter anderem sein, weil mich der Kontakt mit diesem Forum "abgehärtet" hat, aber es gibt natürlich auch andere Parameter.


    mfg aus Wien
    Alfred