Triumph des Quacksalbers - Gaetano Donizetti: L´Elisir d´Amore

  • Liebe Forianer,


    nach ungebührlich langer Pause wieder einmal ein Opernthread, und eine Premiere noch dazu, die erste Oper von Donizetti, die wir besprechen: L Elisir di Amore, Uraufführung 12. Mai 1832 in Mailand
    (mit riesigem Erfolg)


    Ich gestehe es ganz offen, daß mir dieses sonnige Werk Donizettis besonders liegt, vielleicht gerade wegen ihrer Klarheit, schinbaren Einfachheit der Geschichte und ihrer betörenden Musik, nicht zuletzt wegen ihres Humors, auch wegen einiger sprachlicher Spitzfindigkeitein, die ich sehr liebe


    Sogar die "Story" (von Felice Romani) ist mehr als eine simple , unglaubwürdige Opernklamotte: Schließlich muß man sich am Ende die Frage stellen ob der Quacksalber Dulcamara (benannt nach der Gift- und Heilpflanze "Solanum dulcamara" (Bittersüss) die ein Nachtschattengewächs ist, das Halluzinationen hervorrufenen kann-Besser konnte der Name nicht gewählt werden :D für Menschen, die gerne mit der Sprche jonglieren, ein Genuss) nur Schaden verursacht, oder, aber, wie viele "Scharlatane" auch das Glück einiger (zumeist dummer) Menschen bewirken kann, eine Frage die in der heutigen Zeit nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat.
    Bordeux als Heilmittel und Mittel das das Selbstwergefühl hebt ? Warum nicht ? Jedenfalls werde ich diesem Gerücht glauben, solange bis wissenschaftlich das Gegenteil erwiesen ist (notfalls auch noch nachher) und etwas für meine körperliche und seelische Gesundheit tun :D :P



    Wer hier mit dem Text nicht mehr zu Rande kommt, sollte jetz schnell zu einem Openführer greifen, und den Inhalt der Oper nachlesen :D
    (kann aber IMO nur einem Mitleser ausserhalb des Forums passieren :stumm: )


    Donizetti, selbst ausgebildeter Bassbuffo hat seinem Dulacamara eine Arie auf den Leib geschrieben, die zu meinen Lieblingen zählt:
    Wo er den "Liebestrank" anbietet (das dumme Volk steht staunend herum) und erklärt was dieses "Universalmittel" alles bewirkt.
    Man fühlt sich auf die Medizin-Werbeseiten heutiger Zeitschriften versetzt. :D:stumm:



    Kommen wir aber nun zum Kern des Threads:


    Wer von Euch mag diese Oper, mag Belcanto im Allgemeinen ?
    Welches ist Eure Lieblingseinspielung ?
    Tja man könnte sogar nach der Lieblingsfigur fragen.


    Meine Lieblingsfigur ist wider Erwarten weder der dumme Nemorino, noch die unzuverlässige Adina, die relativ leicht ihre Meinung in Liebessachen ändert, nein der gefinkelte, schillerne Dulcamara ist es , der mich fasziniert, schon der Auftritt (im goldenen Wagen mit Fanfaren angekündigt) zwischen erhaben und urkomisch ist ein Erlebnis für sich .


    Genug geschwärmt


    Dabei wurde über Donizettis wunderbare Musik noch kein Wort gesagt, aber das geht auch nicht: Sie ist unbeschreiblich schön !!!


    Beste Grüße aus Wien


    Alfred

  • Zwar ist "der Liebestrank" nicht meine liebste Oper von Donizetti (die lautet nämlich "Maria Stuarda", gefolgt von "Don Pasquale"), aber wenn ich Lust auf beschwingte, unbeschwerte Musik habe, dann lege ich mir sehr gerne diese Oper in den CD-Spieler.


    Große Namen, aber wenig herausragendes liefert



    Kathleen Battle und Luciano Pavarotti singen immerhin noch recht ansprechend, Leo Nucci hätte die Aufnahme vielleicht zehn Jahre früher aufnehmen sollen, Enzo Dara wohl eher 20 oder 30.


    Zum Zeitpunkt der Aufnahme (1990) verfügte Nucci nicht mehr über genug Belcanto, und Enzo Dara nur noch über Stimmfragmente, wobei seine "schauspielrische Leistung", so weit auf CD hörbar, recht überzeugt.


    "Gut und günstig" (bei JPC für 12,99 € erhältlich) ist



    Zwar dirigiert Wallberg zu wenig beschwingt, aber die jugendlich-leichten Stimmen von Lucia Popp und Peter Dvorsky (aufgenommen 1982) entschädigen für das "ernsthafte Dirigat".
    Bernd Weikl und Evgeny Nesterenko schlagen ihre Kontrahenten ebenfalls um Längen.


    Wallberg hat übrigens mit der Popp, mit Weikl und Nesterenko schon 1979 den "Don Pasquale" aufgenommen. Hinzu kam noch Francisco Araiza. Für die Aufnahme gilt das gleiche: "Ernsthaftes Dirigat", aber sehr gute Stimmen.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Hallo Alfred,


    Ist mit " wir" wir gemeint oder ist ein pluralis majestatis?


    Lucia die Lammermoor ist auch von Donizetti. Auch wenn dieser thread nicht viel bedient wird, ist bereits eine Oper von Donizetti im Klassikforum.


    Zum Liebestrank kenne ich eine Aufnahme mit dem Ehepaar Gheorgiu und Alagna. Eine ganz nette Inscenierung aus Lyon. Die Gheorgiu sieht hinreißend aus und singt ebenso. M.W. gibt es auch eine CD davon.


    Schöne Grüße


    Sagitt

  • Hallo Taminos


    Wie ich sehe habe ich noch keine Vorschläge gemacht


    Zunächst diese Aufnahme mit José Carreras und Katia Ricciarelli aus dem Jahre 1985. Carreas damals noch mit intakter Stimme ist der eigentliche Höhepunkt dieser Aufnahme.



    Die Aufnahme ist nun als Double-Philips wiederveröffentlicht und daher recht günstig


    Persönlich schätze ich auch eine Aufnahme in Folgender Besetzung, aber die dürfte derzeit gestrichen sein:


    Freni- Gedda-Serenmi-Capecchi-Arena
    Orchestra e Coro del Teatro dell´Opera di Roma
    Francesco Molinari-Pradelli
    EMI



    Freundliche Grüße aus Wien
    Alfred

  • Original von Alfred_Schmidt


    Ich gestehe es ganz offen, daß mir dieses sonnige Werk Donizettis besonders liegt, vielleicht gerade wegen ihrer Klarheit, schinbaren Einfachheit der Geschichte und ihrer betörenden Musik, nicht zuletzt wegen ihres Humors, auch wegen einiger sprachlicher Spitzfindigkeitein, die ich sehr liebe


    Was soll man zu dieser exzellenten Charakterisierung dieser Oper noch hinzufügen, außer daß man der gleichen Meinung ist.
    Ich könnte noch "originell" werden und behaupten, daß dieses Werk der "italienische Anti-Tristan" ist und ich beide Werke sehr liebe (Tristan und Isolde etwas mehr).


    Meine Lieblingsfigur ist Nemorino. Die Wandlungen des schüchternen Burschen dank des Lieblingstrankes zum "Draufgänger", die Szene, in der sich fürchtet, doch wieder alles zu verlieren (wird er da nüchtern?).
    Der Dulcamara ist köstlich, aber mir etwas zu schlitzohrig. Adina ist so das eingebildete Ganserl.


    Zu den Aufnahmen:
    Die bereits erwähnte Pavarotti-Aufnahme gefällt mir sehr.
    Weiters habe ich eine Aufnahme mit Domingo (traumhaft, nur glaubt man ihm den Schüchti nicht sehr).
    Von der Carreras-Aufnahme, die ich nicht kenne, höre ich nur Großartiges. Na, vielleicht schlage ich zu einem Vorteilspreis einmal zu.

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • Hallo


    Als Studioaufnahme empfehle ich


    Hilde Güden
    Giuseppe di Stefano
    Fernando Corena
    Renato Capecchi
    Francesco Molinari-Pradelli




    Wenn man sich jedoch mit einem Live-Mitschnitt 'zufrieden' geben kann, dann folgenden eigentlich nicht überbietbaren:


    Maggio Musicale Fiorentino 1967 (live)
    Renata Scotto
    Carlo Bergonzi
    Carlo Cava
    Giuseppe Taddei
    Gianandrea Gavazzeni




    Ein Wort noch zur Alagna/Gheorghiu-Aufnahme. Die CD-Ausgabe ist nicht identisch mit der DVD!
    Es soll damals in Lyon eine Aufführungsserie der Oper gegeben haben, die auch fürs Video mitgeschnitten wurde und danach ist die ganze Truppe ins Tonstudio, um eine echte Studio-Aufnahme zu produzieren. An sich eine sehr löbliche Vorgehensweise.


    Rienzi :


    Zitat

    Adina ist so das eingebildete Ganserl.


    Das kann man zwar so sehen, es geht aber auch anders. Sie ist alleine, Großgrundbesitzerin und erfolgreiche Landwirtschaftsunternehmerin (eine Seltenheit damals!), also eine selbstbewusste, unabhängige, junge (und zum Überfluss angeblich sogar auch noch schöne) Frau, die sich ihren Zukünftigen selbst aussuchen kann (noch viel seltener damals!).
    Die Auswahl in der näheren Umgebung dürfte nicht so groß sein, aber Nemorino gefiele ihr schon und sie hat offensichtlich ein Auge auf ihn geworfen. Aber wie jede Frau will sie ordentlich umworben werden, und da hamma das Problem, denn das ist nun gar nicht die starke Seite unseres Schüchtis. So lässt sie ihn nun zappeln, um ihm ein wenig auf die Sprünge zu helfen.
    Als er ihr aber in seiner Weinlaune zu verstehen gibt, dass es für ihn vielleicht auch noch Alternativen geben könnte, merkt sie an ihrer eifersüchtigen Reaktion, dass das Getändel für sie selbst schon ziemlich ernst geworden ist. Um ihn zur Räson zu bringen, verwendet sie eine bei Frauen von altersher bewährte Methode und bringt selbst ein zweites As ins Spiel. Jetzt ist Nemorino plötzlich in einer schlimmen Situation und wählt einen verzweifelten Ausweg. Glücklicherweise behält unsere Heldin die Übersicht, durchschlägt den gordischen Knoten, bekommt was sie haben will, ohne groß das Gesicht zu verlieren, und wir haben eine der heitersten und liebenswertesten Opern erlebt....


    Ciao

  • Leider nur als Querschnitt ist diese Aufnahme erhältlich



    Insbesondere die jugendlich-beschwingte Barbara Bonney hätte es verdient, sich in der Gesamtaufnahme präsentieren zu dürfen, aber auch Gösta Winbergh weiß stimmlich zu überzeugen.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Hallo Norbert,


    Diese, soeben von Dir empfohlene Einspielung schein ein ungeliebtes Kind der Deutschen Grammophon zu sein.
    Ich besitze sie als Gesamtaufnahme auf 2 CD, schaut aus wie die Sreie Resonance , ist es aber nicht.
    Die Aufnahme ist digital und entstand 1986 in Florenz.


    Beste Grüße aus Wien


    Alfred

  • Hallo Alfred,


    ich besaß die Gesamtaufnahme auch einmal, habe sie dann aber, warum auch immer, wieder abgegeben.


    Ich denke, daß die DG die mit zugkräftigeren Namen bestückte Aufnahme mit Battle-Pavarotti protegiert und deswegen die imo bessere "Konkurrenz" nicht als GA neu auflegt.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • um noch eine Stellungnahme zum Belcanto abzugeben: ich halte die Stimmvirtuosität keineswegs für überholt oder unsinnig.
    Für mich ist es eine Entsprechung zur virtuosen Intrumentalmusik.


    Grundsätzlich gilt - nicht Tempo ist Trumpf, sondern Klarheit.

    Nur, wenn ich wirklich alle Töne verstehe, auch die kleinen schnellen Noten...dann ist es gut gesungen. Viele haben ein Problem damit, die Musik zu begleiten, weil man eben die Singstimme genau kennen muß - bzw. der Sänger muß den Begleiter gut führen (oft die Klarinette) mit Metronomtempo geht da nix, das finde ich so schön daran.


    Außerdem gewinnt die Stimme an Schönheit, wenn man statt an Lautstärke zu denken, die schöne Verbindung aller Töne zum Ziel hat. Jeder Lauf, jede Kadenz muß schön musiziert werden - keine schnelle Abfertigung, weils halt dasteht...


    wenn man alle Freiheiten dieser Musik ausnützt, entsteht ein wunderbares Muster, wie man mit der menschlichen Stimme umgehen kann...


    Ciao,
    Wolfgang

    Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
    (frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

  • Zitat

    Original von Norbert
    Leider nur als Querschnitt ist diese Aufnahme erhältlich



    Insbesondere die jugendlich-beschwingte Barbara Bonney hätte es verdient, sich in der Gesamtaufnahme präsentieren zu dürfen, aber auch Gösta Winbergh weiß stimmlich zu überzeugen.


    Und da ist die Aufnahme wieder frisch auf dem Markt:



    Das Konzept der neuen Reihe scheint mir einigermaßen ansprechend zu sein. Schöne Aufnahme, teils sehr gute Stimmen, guter Klang (Produzent: Cord Garben), klingt aber halt nach Studio ohne Schickschnackeffekte. Bonney ist eine meiner größten Lieblinge, sie singt mir aber hier vielleicht ein bisschen zu engelhaft.... (Dulcamara klingt in seiner Auftrittsarie eher wie der Großinquisitor aus Don Carlos oder der Komtur statt wie ein lächerlicher, verlogener Scharlatan.)


    Eine empfehlenswerte Aufnahme, ich finde meinen Naxos uralt-Mitschnitt aus New York mit der göttlichen, kecken, schnippischen Bidu Sayao jedoch immer noch charmanter, zackiger, lebendiger

  • Hallo Taminoianer,


    Das ist wahres Belcantoverständis:



    Gratulation an Wolfgang!



    Meine Preferenz zu "Elisir d'Amore" hab ich anderswo schon mehrmals erwähnt (es ist die Aufnahme mit Bergonzi, Scotto, Taddei. Cava). Auch als DVD erhältlich.



    Meine bisher einzige "Elisir-Inszenierung", die ich gesehen habe, hat sich vor vielen Jahren an einem kleinen Festival des St. Galler Stadttheaters abgespielt. Nebst der normalen Standartbesetzung wurde der alte Grossmeister Rolando Panerai als Dulcamara eingeladen, zum Leidwesen aller anderen Beteiligter. Ein verschmitztes Lächeln von ihm und er hatte das gesamte Publikum auf seiner Seite! Eine Darbietung vom Feinsten. Drum sag ich auch, dass Buffopartien eigentlich nur von den alten Opernfüchsen richtig in Szene gesetzt werden können, denn die haben so viel Erfahrung, die brauchen das jugendliche Gehabe nicht mehr.



    Gruss
    Christoph

  • Hallo Klassikliebhaber,


    was muss man denn bei der "Elisir d'Amore" kürzen?


    Eine Oper ist kein Hollywoodstreifen, wo nach Lust und Laune gekürzt, gestrichen oder geändert wird.



    Gruss
    Christoph

  • Christoph :


    Was fragst du mich das? - Frag den Pido! :beatnik:
    Ich such die Stelle morgen raus; auf jeden Fall ist es die Stelle wo
    die Gheorghiu dem Alagna rät (Duett), dass er eine andere lieben soll bla bla...
    und er singt dann: No, No, no und sie dann hinterher Si,si,si.
    Auf der DVD ist die Stelle mit dem Orchester gekürzt.
    Auf der CD Aufnahme aber nicht!


    Aber habe mich ehrlich gesagt auch sehr gewundert, dass gekürzt worden ist. Aber mich hat das nicht ernsthaft gestört.

  • @Alfred


    im ORF wurde die Aufführung des Elisir d'amore aus der Wiener Staatsoper in der Inszenierung von Otto Schenk ausgestrahlt, die ich aufgenommen habe: eine bessere Aufführung des Werkes kenne ich persönlich nicht, besonders gut fand ich den Nemorino: jung, irre ausdrucksstark, und mit einem Bel Canto, wie ich ihn selten so schön erlebt habe. Der Link ist noch einsichtbar


    LIEBESTRANK
    DER SENSATIONSERFOLG AUS DER WIENER STAATSOPER

    Die russische Starsopranistin Anna Netrebko und der mexikanische Shooting Star Rolando Villazón begeistern in Gaetano Donizettis "L'elisir d'amore".


    Cordialmente Mike

  • Hallo!!


    Donizettis Liebestrank ist für mich einer der Höhepunkte der komischen Belcanto-Oper. Die Arie des Dulcamara, sein Duett mit Nemorino im ersten Akt, der Auftakt des zweiten Aktes (Cantiamo) uva, gehören zu meinen (derzeitigen) absoluten Lieblingsstellen von Donizetti und der italienischen Oper überhaupt.
    Die Figuren sind alle "sympathisch", ausser Adina zu Beginn, weil sie gar so hochnasert ist.


    Zur Inszenierung an der Staatsoper: Tolle Inszenierung, tolle Sänger, nur der Nemorino hat mir stimmlich weniger gefallen, das Quanto e bella, quanto e cara, hab ich schon oft viel besser gehört.


    Mfg Joschi

  • Wenn ich schlechte Laune habe oder es draußen graues Regenwetter ist, dann höre ich regelmäßig den Liebestrank - das ist für mich wie ein Kurzurlaub in Italien! Aus dieser Musik scheint wirklich die Sonne und sie macht einfach gute Laune - ich weiß nicht, wie Donizetti das hingekriegt hat, aber ich bewundere ihn dafür! Diese Oper ist meine absolute Lieblingsoper von ihm und neben "Figaros Hochzeit" und dem "Barbier von Sevilla" für mich DIE italienische Opera buffa schlechthin!


    Meine absolute Lieblingsaufnahme ist auch die bereits erwähnte mit Gösta Winbergh und Barbara Bonney, die ich noch in ihrer "Ursprungsgestalt" (Premium-Version mit Booklet und Papp-Schuber und etwas naiven Fotos der Sänger in pittoresken Kostümen) vom Ende der 80er Jahre habe - zwischenzeitlich ist sie ja bereits zum 2. Mal bei der DGG als "MidPrice"-Ausgabe erschienen. Und der Querschnitt dieser Einspielung in der Reihe "Eloquence" wurde auch schon erwähnt.
    Ich glaube auch, dass die Theorie stimmt, dass diese Aufnahme Anfang der 90er Jahre für mehrere Jahre aus dem Katalog gestrichen wurde, weil die DGG mit der Einspielung mit Pavarotti und Battle einfach die prominenteren Namen auffahren konnte und von einer im Vergleich zur "Zauberflöte" oder "Lohengrin" doch etwas unbekannteren Oper nicht unbedingt zwei hochpreisige Aufnahmen neueren Datums im Katalog haben wollte.
    Gut, dass die Einspielung dann aber doch wieder aufgelegt wurde, denn sie hat ein frisches Tempo, gute Sänger (besonders Gösta Winbergh hat es mir angetan - sein Nemorino klingt wirklich nach schüchternem Bauernburschen und nicht wie ein auftrumpfender Heldentenor, wie das bei Pavarotti der Fall ist), die transparent und deutlich singen und sie enthält keine der oben erwähnten Kürzungen!


    Die Aufnahme mit Carreras fand ich persönlich eine große Enttäuschung - aus einem einzigen Grund: Das Tempo der ganzen Einspielung ist mir einfach zu langsam, es schleppt unheimlich - da kommt bei mir kein spritziges Opera-buffa-Feeling auf :(


    Noch ein Wort zu den Mutmaßungen über eventuelle Kürzungen in der Partitur - ich glaube, ich weiß, was gemeint ist. Beim Anhören der älteren Einspielung mit Hilde Gueden und Giuseppe di Stefano ist mir das erstmalig aufgefallen: In den Ensembles -vor allem den Duetten zwischen den verschiedenen Hauptpersonen- gibt es gegen Ende immer einen ersten Höhepunkt und dann wird nochmal kurz "zurückgesteuert", so, als ob eine Wiederholung einiger Takte zuvor einsetzen würde. Dann steigert sich das Ganze zu einem neuerlichen, dem ersten nicht unähnlichen Höhepunkt, der dann in den krönenden Abschluss des Stückes mündet - kann mir noch jemand folgen? :D
    Die erwähnten "Kürzungen" lassen die ersten Durchgänge immer weg und der erste angestrebte Höhepunkt führt dann immer direkt auch gleich zum Abschluss des Stückes - was sehr schade ist, denn dadurch gerät die Symmetrie der Musiknummer aus dem Gleichgewicht und man hat den (berechtigten) Eindruck, dass das Ende so plötzlich kommt. Keine Ahnung, warum man hier Kürzungen angebracht hat, aber es scheint ja -vor allem live im Theater- durchaus üblich zu sein.


    Aus diesen Gründen habe ich mich auch wieder von der Carreras- wie der di Stefano-Aufnahme getrennt.


    Vielleicht zum Abschluss noch eine kleine inszenatorische Idee, die ich bei meinem ersten "Liebestrank" ca. 1986 in Bonn gesehen habe - und die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist: In dieser damaligen "quietschbunten" Inszenierung (die Soldaten um Belcore kamen z. B. mit Steckenpferdchen hereingeritten...) traf Doktor Dulcamara nicht per vergoldetem Karren im Dorf ein, nein: Er schwebte mit einem Fesselballon von oben herab auf die Bühne und in der letzten Szene auch wieder davon - Giannetta nahm er übrigens mit, denn die hatte sich in dieser Inszenierung in den Doktor -diesmal ein eleganter "Mann in den besten Jahren" und kein kauziger Opa- verguckt..... es war einfach nur schön!

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • Hallo zusammen,


    gestern abend sendete 3Sat eine Aufführung des Liebestranks aus der Staatsoper Wien vom April dieses Jahres.Das Protagonistenpaar Adina/Nemorino waren mit Anna Netrebko und Rolando Villazón besetzt,Leo Nucci sang den Belfiore,Ildebrando d'Arcangelo den Quacksalber Dulcamare.Die Schenck-Inszenierung aus den 80er Jahren hat noch immer ihren Charme und zeichnet sich durch gefällige Detailschmankerl aus,wie z.B.die Verabreichung einer Flasche "Elisir" in den Souffleurkasten hinab.Das hat aber nicht von der glänzend disponierten Sängermannschaft (einschl.Chor) abgelenkt,sondern in idealer Weise zu Kurzweil und guter Stimmung beigetragen,so daß die zweieinhalb Stunden wie im Fluge vergingen,wobei alle Darsteller außer stimmlicher Brillanz auch noch über sehr gute darstellerische Qualitäten verfügten.Nemorino durfte dank seines unübertrefflichen Minenspiels seine berühmte Romanze im 2.Akt gleich zweimal zum Besten geben,wobei ich einige forte gesungene Passagen gerne eher im piano gehört hätte.Doch insgesamt habe ich den Abend sehr genossen. Die Zweifler und Kritiker konnten sich überzeugen,daß Anna Netrebko eine wirklich sehr gute Sängerin ist,die auch im darstellerischen Bereich voll überzeugte.Das derzeitige Traumpaar der Opernbühne hat einmal mehr gezeigt,wozu es fähig ist.Das macht süchtig nach mehr.

  • Zitat

    Original von Siegfried
    Nemorino durfte dank seines unübertrefflichen Minenspiels seine berühmte Romanze im 2.Akt gleich zweimal zum Besten geben.


    Hallo,


    ich hoffe doch, daß Villazón die Romanze nicht nur wegen seines Minenspiels wiederholen mußte!


    Das Dacapo dieser Arie gehörte früher zum Ritual eines Pavarotti-Nemorinos, denn da viele im Publikum wußten, daß dieser gerne ein Encore geben würde, wurde halt so lange applaudiert, bis er dem Dirigenten das schon erwartete Zeichen gab. Damit sich beim Lesen dieser Zeilen kein falscher Zungenschlag einstellt : Pavarotti war m.E. in seiner Zeit ein fantastischer Nemorino, und ich hatte das Glück, ihn in dieser Partie einige Male zu erleben, ob in Hamburg oder Berlin.


    Die Hamburger Ponnelle-Produktion wird mir ewig unvergessen bleiben; leider ist sie nie im Fernsehen zu sehen gewesen, dabei hat sie gegenüber dem Schenk'schen Liebestrank IMO den Vorteil eines gewissen Augenzwinkerns. Die damalige Premiere war ein Höhepunkt : Mirella Freni als Adina, also in einer Rolle, die mehr als koloratöses Gezwitscher erfordert (daher empfand ich solche Sängerinnen wie Freni, Cotrubas, McLaughlin und heute Netrebko auch als geeigneter als z.B. solche "Leichtgewichte" wie Bonney (bei all ihren Qualitäten) oder die von Pavarotti oftmals herausgestellte Mazzucato. Bernd Weikl als gockelhafter Belcore (nicht Belfiore, pardon Siegfried, ich weiß, Du wolltest nur überprüfen, ob ich mich nicht nur bei russischen Opern auskenne) und der schon bejahrtere, aber trotzdem noch erstaunlich agile Giuseppe Taddei bildeten neben Pavarotti ein Traumquartett.


    Für die heutige Zeit sehe ich die Konstellation Netrebko - Villazón als ebensolchen Glücksfall an.


    Sune

  • Hallo Siegfried,


    ich war so frei und habe Deinen Beitrag in den schon existierenden Thread verschoben.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Sagitt meint:


    Der eigentliche Gewinn ist Villazon. Ein Natur-Komiker. Wenn dagegen den recht hölzern agierenden Alagna sieht, möchte man: Villazon. Natürlich sieht Netrebko hinreissend aus, das Kokette glaubt man ihr sofort, und sie singt sehr überzeugend ( mehr als in der Traviata). Aber die Gheorgiu sah auch sehr gut aus und sang auch sehr überzeugend. Der Herr Ildebrando gibt einer großartigen Gockel, und wenn es wäre, seinen hohen Töne als Bariton " auszustellen".

  • Donizetti ist nicht so mein Fall, aber dank der sehr schönen, einer Komödie adäquaten Inszenierung habe ich mich sehr (!) gut unterhalten. Meine im Traviata thread ggü. Villazon und Netrebko geäußerten Vorbehalte fand ich nicht bestätigt. Sowohl stimmlich als auch darstellerisch waren beide exzellent, da sie wohl in ihrem jew. Fach gesungen haben.

  • Zitat

    Original von sune_manninen
    Für die heutige Zeit sehe ich die Konstellation Netrebko - Villazón als ebensolchen Glücksfall an.


    Ich habe ja leider keine Ahnung wie das in früheren Zeiten ausschaute, aber mir gefiel die ganze Inszenierung so richtig gut! An einigen Stellen musste ich laut auflachen, so herrlich verkörperte Villazón den verliebten Tölpel. Rundum gelungen, so meine unmaßgebliche Einschätzung!


    Gruß, Cosima

  • Ich bin neu hier im Forum, beste Gruesse also vorab.


    Mit den neueren Aufnahmen des Liebestranks, vor allem den im Star-Rummel entstandenen, kann ich nicht viel anfangen. Wenn ich Mister Bean sehen will, schaue ich mir seine Original-Sketche an und nicht die Kopie von dem mir durchaus sympatischen Rolando Villazon. Und warum muss Nemorino eigentlich komisch gespielt werden ?
    Was die musikalisch Seite (ohne Bild) angeht, finde ich daher die oben diskutierte Ferro-Einspielung garnicht so schlecht.
    Die Schluesselfigur der Oper ist meiner Ansicht nach Dulcamara, und gerade diese Rolle wird im Netrebko/Villazon oder Gheorghiu/Alagna-Fieber total vernachlaessigt.
    Man muss so einige Jahrzehnte zurueckgehen, um hier ein Gleichgewicht zwischen den Buffo-Rollen und dem Liebespaar zu finden: Zum Beispiel die oben angesprochenen Aufnahmen mit Scotto/Bergonzi/Taddei/Cava, Gueden/di Stefano/Capecchi/Corena, aber eben auch Carteri/Alva/Panerai/Taddei.
    Kuerzlich habe ich zwei alte Fernsehproduktionen der italienischen RAI entdeckt, die bei Belcantosociety zu haben sind, eine von 1947 (!) und eine aus den 50er Jahren. Beide, in unterschiedlicher Weise, finde ich sehr ueberzeugend. Zwar ist da alles ziemlich altmodisch (aber warum nicht ...), doch die Saenger spielen ihre Rollen hervorragend und stehen, obwohl so manche Namen heute nur noch wenigen etwas sagen werden, den Stars nicht nach.


    1947: Sinimberghi als Nemorino (schlicht und rollendeckend), Gobbi als Belcore (welche Persoenlichkeit), Tajo als Dulcamara (kuehl berechnend, guter Schauspieler und vokal ideal besetzt). In diesem Film ist die Musik ziemlich gekuerzt, aber trotzdem sehr empfehlenswert, obgleich der eher diskutablen Bild-und Tonqualitaet.


    1954: Alda Noni als Adina (etwas spitz, aber ideal besetzt), Valetti als Nemorino (genau die richtige Stimme fuer diese Rolle, und zudem ueberzeugend gespielt), Capecchi als Belcore (der tut dem guten ein wenig zuviel, zumal, wenn man Gobbi zuvor in der selben Rolle gesehen hat), und welch ein Dulcamara: Giuseppe Taddei (ein Filou, allein sein Auftritt und das Duett mit Nemorino verbessern im nu die Laune, es gibt einen Ausschnitt davon unter "www.youtube.com )
    Die Aufnahme hat die ueblichen Kuerzungen, wie die meisten Studio-Einspielungen
    (wer die vollstaendigen Aufnahmen nicht kennte, wird eh nichts vermissen). Die Bildqualitaet ist ok, eventuell zu sehr geglaettet durch Ueberspielungen. Absolut empfehlenswert.


    Beste Gruesse,
    Stefan

  • Hallo stefan,


    ich kenne einige der von dir genannten historischen Liebestrank-Aufnahmen. Diese kommen mir für das Genre "Komische Oper" durchweg steriler vor als die Neuproduktionen,welche dein Missfallen ausgelöst haben. So frage ich einfach zurück: Warum darf Nemorino eigentlich nicht komisch gespielt werden? ;)

  • Hallo Siegfried,
    nach meiner Ansicht gibt es auf diese Frage eine einfache Antwort: In einer komischen Oper gibt es nicht nur komische Charaktaere. Was Nemorino komisch macht, ist seine Toelpelhaftigkeit (die z.B. Cesare Valetti durchaus zu vermitteln versteht), aber er muss deswegen keine Grimassen schneiden oder herumbloedeln.
    Mal abgesehen von den alten Video-Aufnahmen, die zugegeben z. T. ziemlich altmodisch sind, in den 'alten' Aufnahmen auf Platten kommt die sogenannte 'vis comica' bei vielen Saengern (aber nicht allen) besser heraus als bei den meisten heutigen Saengern, denen es oft an individuellem Stimmklang fehlt.
    Nehmen wir mal die ganze Reige italienischer (Bass-)Baritone der 50/60er Jahre:
    Taddei, Bruscantini, Tajo, Panerai, Capecchi, Gobbi, usw. : die waren alle dazu faehig ihre Stimme dem Charakter anzupassen. Das war ja auch die grosse Kunst der Callas;
    wer sie nur als Norma, Tosca oder Lady Macbeth kennt, wuerde kaum meinen, dass sie eine so gute Fiorilla im Turco in Italia singen konnte. Kann das auch die Netrebko ?
    Beste Gruesse,
    Stefan

  • Hallo stefan,


    AN hat diese Rolle meines Wissens noch nicht gesungen. Bleibt also abzuwarten, ob und wie deine Frage später mal beantwortet werden kann.
    Zurück zum L'elisir d'amore: Übertriebenes Gealber lehne ich natürlich auch ab, doch im Falle der Rollengestaltung durch Rolando Villazòn konnte ich das nicht feststellen. Da weichen unsere Auffassungen doch voneinander ab, was der schönen Musik in dieser Oper jedoch keinen Abbruch tut.
    PS: Auch ich traure manchen verblichenen Sängerpersönlichkeiten nach, doch die heutige Generation verdient auch ihre gerechte Würdigung wenn es auch manchmal schwerfällt.