Schade! - Operninszenierungen, die uns fehlen

  • Hallo zusammen,


    in diesem Thread können wir uns noch mal gemeinsam der werktreuen Inszenierungen erinnern, die leider vom Spielplan verschwunden sind. Vielleicht können wir ja gemeinsam Erinnerungen auffrischen. Und: Vielleicht hat ja der ein oder andere Intendant ein Einsehen und setzt diese Inszenierungen noch mal auf den Spielplan.


    Eugen Onegin
    Die Inszenierung am Moskauer Bolschoi war jahrzehntelang im Repertoire. Letztes Jahr hieß es dann leider Abschied nehmen. Auch wenn sich die schlimmsten Erwartungen nicht erfüllt haben - angeblich wurden in Moskau Wetten abgeschlossen, ob Tatjana ihren verhängnisvollen Brief jetzt in ein Handy eintippt - so ist die durchgehende Dreiwandoptik doch arg schnarchig im Vergleich zur Farbenpracht und -glut der alten Inszenierung.


    Das 1. Bild offenbarte links das säulengeschmückte Landhaus, davor ein riesiger Kastanienbaum, im Hintergrund eine Spätsommerlandschaft.


    Tatjanas Zimmer war recht dunkel gehalten und gab den Blick frei auf eine mondbeschienene Waldlandschaft. Was ich als besonders schön empfunden habe, war der Rhythmus, in dem Tatjana ihren Brief schrieb. Beim musikalischen Wiederholungsmotiv hat sie es stets geschafft, die Feder einzutauchen und abzutupfen. Das grenzte schon Stechuhreinstudierung. Ganz toll!



    Die Aussprache mit Onegin fand in einem Birkenhain statt. Im Hintergrund gewahrte man einen kristallklaren See.



    Zu Tatjana Namenstag wurde der orange, rötliche Festsaal mitsamt Galerie und Kronleuchter geöffnet. Berauschend war der Anblick, wenn der Vorhang aufging und die Paare bereits am Tanzen waren.


    Die Winterlandschaft mit Mühle war bei meinem Besuch leider nur zur Hälfte sichtbar. Einige der Bäume waren in Reparatur. Dennoch hat sich mir diese Bild auf Grund seiner baluen Farbspiele sehr eingeprägt.


    Der Festsaal in St. Petersburg: Na, der war echt prachtvoll. Klassizismus, mit Marmorsäulen und blau, goldenen Malereien. Dazu die Kostüme: Allesamt in weiß gehalten. Da gab's Szenenapplaus, sobald sich der Vorhang teilte.


    Zimmer in Tatjanas Haus: Eine optische Spielerei. Esbestand aus einem einzigen gemalten Prospekt, doch der war perspektivisch so konstruiert, dass man meinte eine ganze Raumflucht zu erblicken. Hier herrschten wieder blaue Farbtöne vor.


    Welchen werktreuen Inszenierungen trauert Ihr nach?

  • Ja das ist auch an derStaatsoper in Wien so - wo ist denn der vorbildliche Maskenball hin,


    vom Anfang an richtig inszeniert und beim Ball in der Oper dachte man wirklich bei einem Ball zu sein, so weit hat man da "bis zum Hotel Sacher fast",
    die Bühne vergrößert.


    Leider gibt es diesen Maskenball auch nicht auf DVD und damals hatte ich noch keinen Videorecorder.


    Und noch so viele Inszenierungen, die durch Betonklötze, Alukonstruktionen und allerlei Schnick-Schnack, ersetzt wurden.


    Daphne wird eine jonische Säule, wo doch Daphne auf griechisch Lorbeer heißt.


    Liebe Grüße Peter aus Wien.

  • Hamburgische Staatsoper:


    Mir gefiel die alte Tosca von Everding besser als die jetzige. Allein zu sehen, wie beim Te Deum im Bildhintergrund ein großes Lichkreuz an die Wand projiziert wurde, das sich dann zu einer Guillotine veränderte, die am Ende hinabsauste, war grandios!


    Nachtrag: Oh, oh, ich bin ja völlig falsch. Mit traditionell/nicht traditionell hat meine Äußerung gar nichts zu tun.

  • Ich vermisse die "Walküre" von Filippo Sanjust an der Wiener Staatsoper. Ich habe in der Oper selten so lachen können.
    Außerdem geht mir Otto Schenks zur Komödie umfunktionierter "Tannhäuser" am gleichen Haus schmerzlich ab.
    Aber am schmerzlichsten vermisse ich eine Inszenierung aus dem Schauspielbereich: Otto Schenks "Peer Gynt"! Das in den Wogen wackelnde Schiff mit dem hilflos outrierenden Lohner - das war so gegen das Werk inszeniert, daß boshaftere Gemüter als ich glatt von Ottis Versuch in Sachen Regietheater sprechen würden.
    :hello:

  • @ knusperhexe
    Was bedeutet eigentlich WERKTREU ?
    Ich bin fest davon überzeugt, dass beispielsweise Verdi oder Wagner mit den heutigen bühnentechnischen Möglichkeiten andere Regieanweisungen (Hinweise ?, Tipps ?) gegeben hätten. Ganz abgesehen davon, dass bei zB. Verdi die Zensur manche Ideen schon zu seiner Zeit verhindert hat und Wagner oft mit Symbolen gearbeitet hat.
    Ein Transfer oder eine Interpretation sind schon aus diesen Gründen nicht per se gegen die Idee gerichtet - aber nicht immer und unbedingt gut gelungen.


    zum eigentlichen Thema "Operninszenierungen, die uns fehlen"
    An den drei wesentlichen Häusern in Wien (Staatsoper, Volksoper, Theater an der Wien) fehlen mir zahllose Werke/Inszenierungen.
    - in der Staatsoper zB die komplette Grande Opera
    - in derVolksoper zB die französische und spanische Operette
    - im Theater an der Wien die "kleine" italienische Oper zwischen Barock und Verdi


    Michael 2

  • Zitat

    Original von brunello
    Was bedeutet eigentlich WERKTREU ?


    Dieser Begriff ist genauso unspezifisch wie der der "Tradition", aber da will ja ein gestandener Opernfreund konservativen Zuschnitts nicht drüber diskutieren.

  • muss wohl mal wieder die Ehre des 20.Jahrhunderts retten wa
    ------ gibt spannendere Threads hier aber bitte sehr 8)



    Eine "Hollywood-Inszenierung", so berührend wie ich`s mir nicht hatte vorstellen können
    ... war Kurt Horres`Umsetzung von Giselher Klebes "Jacobowsky und der Oberst" (Rheinoper) :jubel:


    Dann in 2.Linie - auch beides, im positiven Sinne, unvergessen -
    ...Adolf Dresen`s Essener "Peter Grimes"
    ...und Kurt Horres`"Der jüngste Tag" (ebenfalls G.Klebe, ebenfalls Rheinoper)
    - beides nicht ohne abstrahierende Bühne, aber doch für mich noch als "wie a.d. Reclam-Heftchen" durchgehend ;)


    Ich erinnere mich noch dunkel (weit über 10 Jahre isses her jeweils - u. auch Mr Google kann sich nicht mehr erinnern)
    ... an eine Krefelder Produktion von Gerd Kühr`s "Stallerhof" (nach F.X.Kroetz)
    ... an eine Essener Produktion von Antonio Bibalos "Fräulein Julie"
    - beides würd`ich ma so aus der Erinnerung an den obigen Absatz mit ranklatschen wollen...



    Ja SOLCHE Arbeiten nach 3 Jahren mal wiedersehen können und nach 7 Jahren nochmal und nach 10 Jahren nochmal
    DAS WÄR SCHON WAS .......................


    "Doch die Verhältnisse / sie sind nicht so"
    Dergleichen ist halt diversen Tristhäusers, Zauberios und Toscolettos vorbehalten......
    Kannze nix machn :wacky:


    - n`kleener pieter.grimes kann allenfalls ab und an büschen Flaschenpost schreiben
    ... so wie hier :P


    :hello:
    micha

  • Zitat

    Original von pieter.grimes
    an eine Krefelder Produktion von Gerd Kühr`s "Stallerhof" (nach F.X.Kroetz)


    Du erinnerst Dich auch nicht mehr daran, wer die weibliche Hauptrolle in Krefeld gesungen hat? Die Uraufführung fand in Wiesbaden statt, ich habe die Produktion mehrfach gesehen und es war vor allem Raphaela Weill als Beppi, die umwerfend war. Wie sie mit dicker Brille und gänzlich nackt und hilflos vor der Mutter steht, die die Abtreibung dann doch nicht vornehmen kann, war eine grandiose, darstellerische Leistung der Sopranistin: zitternd stand sie da, nicht begreifend, was geschieht, ausgeliefert...

  • ...nee SORRY Du muss ich passen :wacky:
    - präsent ist mir noch wer seinerzeit Mutter und Vater waren.........


    Elisabeth Lachmann (gebürtige Wienerin, seit `67 schon in D´mund engagiert
    - dort bis 2003 in 139 Rollen (!) zu hören, in M`gladbach / Krefeld wohl nur sporadisch zu erleben...)
    UND Wolfgang Vater, der einen herrlich hilflosen Vater auf die Bühne stellte
    und der mir HIER - Jahre später - in einem Premierenbericht (von Mituserin Rosenkavalier) aus Wiesbaden ("Vetter aus Dingsda") wiederbegenet ist........


    NostalgieModus AUS
    Licht AUS


    :hello:

  • Zitat

    Ich bin fest davon überzeugt, dass beispielsweise Verdi oder Wagner mit den heutigen bühnentechnischen Möglichkeiten andere Regieanweisungen (Hinweise ?, Tipps ?) gegeben hätten


    Ganz sicher.


    Aber sie hätten die bühnentechnischen Möglichkeitn sicher dazu genutzt das irreale realer erscheinen zu lassen - also an Stelle der oft dilletantisch gemachten "Schlange" in Mozarts Zauberflöte eine Laserprojektion so realistisch, daß das Publikum vor Entsetzen aufkreischt, wenn es sie sieht


    Aber Wagner hätte sicher seine Werke nicht in spartanischer Aussatttung spielen lassen, er hatte eine Neigung zum Bombastischen - und das sollte man respektieren.


    SELBSTVERSTÄNDLICH sollte man alle zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen - um jene Illusionen zu erzeugen, die viele Librettisten zwar angedacht hatten, sie aber mangels Mitteln nicht realisieren konnten.


    Filme wie "Der Herr der Ringe" zeigen WIE soe etwas inszeniert gehört:
    Farbenprächtig, eindrucksvoll, märchenhaft und gespenstisch.....


    In der Anfangszeit des Computerspiels gab es Strategiespiele, wo lediglich verschiedenfarbige Symbole zur Verfügung standen
    HEUTE lockt man damit keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor: Auch die Strategiespieler wollen realitätsnahe Bilder


    Nur in der Oper sollte es umgekehrt sein ?


    mfg aus Wien


    Alfred



  • Es gibt ja seit einiger Zeit Theaterformen (auch in der Oper), die technische, insbesondere digitale Möglichkeiten ausreizen, um überwältigende Bildeffekte auf der Bühne zu erzielen. Ich denke da in erster Linie an die katalanische Gruppe La fura dels baus, deren Inszenierung von Berlioz' "La damnation de Faust" (1999 bei den Salzburger Festspielen) auch auf DVD erhältlich ist. Hier konnte man faszinierende dreidimensionale Projektionen erleben (live besonders eindrucksvoll). Auch die Inszenierung der "Zauberflöte" bei der Ruhrtriennale ging in diese Richtung und - dem Vernehmen nach - ebenso "Rheingold" und "Walküre" in Valencia.


    Das waren, soweit ich sie kenne, überhaupt keine Inszenierungen, die mit diesen Mitteln "Realismus" hätten erzeugen wollen oder die man im weitesten Sinn als "konservativ" bezeichnen könnte. Ganz im Gegenteil - da ließen sich zum Teil recht abgedrehte Bilderwelten besichtigen. Aber es sind doch Theaterformen, die weniger auf intellektuelle, dramaturgisch ausgeklügelte Konzepte setzen wie viele (nicht alle) Ausprägungen des "Regietheaters", sondern auf die suggestive und assoziative Kraft von Bildern - teilweise auch auf Kosten der handelnden Personen auf der Bühne.


    Wenn ich einen vagen, unverbindlichen Tip abgeben sollte, wohin sich das Theater (und damit auch die Opernregie) der Zukunft entwickeln wird, würde ich sagen: in Richtung eines Bildertheaters, allerdings keinesfalls traditioneller Art.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Lieber Alfred,

    Zitat

    Aber Wagner hätte sicher seine Werke nicht in spartanischer Aussatttung spielen lassen, er hatte eine Neigung zum Bombastischen - und das sollte man respektieren.


    Diese Spekulationen "was wäre, wenn Wagner heute lebte" sind natürlich Nonsens. Wenn Wagner heute lebte, wäre sein soziales Umfeld ein anderes, seine Geschmacksprägung wäre anders verlaufen, seine Musik wäre eine andere.
    Mich würde aber eine Sache sehr interessieren: Warum ist es nicht ok, wenn man das Werk von der Person seines Autors löst und sich mit der im Werk aufgefundenen Realität auseinandersetzt? Wagners "Ring" etwa ist eindeutig vom griechischen Drama geprägt - und zwar nicht von den Einzelteilen, sondern auch im Gesamtkonzept der zyklischen Aufführung, bei der ein Werk ein Satyrspiel ist (bei den Griechen kam's am Schluß, bei Wagner halt zu Beginn). Warum sollte eine karge Ausstattung also dem Geist des wagnerschen Werkes zuwiderlaufen? Nur, weil der Meister Plüsch, Plunder und Parfum liebte? Ebenso kann man auch andere Bedeutungsschichten auffinden - und zwar in allen bedeutenden Bühnenwerken.


    Ich behaupte also, daß alle Inszenierungen, die das Werk interpretieren, werkgerecht sind, und zwar unabhängig davon, ob sie einem modernen oder einen konservativen Deutungsansatz folgen.


    :hello: