Was ist eine PASTORALE?

  • Liebe Musikfreunde,


    soeben lese ich in Katrin Bartels "Das Streichquintett im 19. Jahrhundert" bezüglich Brahms op. 88, dass der erste Satz (Allegro) dem Typ der Pastorale nachempfunden sei; dies wird besonders durch das sehr liedhafte, fast hymnische, breit und ruhig fließende und von einem Bordunbass begleitete Thema begründet.


    Ich kenne den Verlauf des F-Dur-Quintetts ziemlich gut, weiß aber nicht, was „pastoral“ ist. Deshalb meine Frage an Euch:


    Was ist eine „Pastorale“, was sind pastorale Charaktereigenschaften?


    Welche weitere Musikwerke bzw. Musikpassagen sind pastoralen Charakters und wie zeigt sich dies?


    Vielen Dank und Gruß,


    Uwe

  • Hallo,


    bereits die Tonart ist "pastoral" - jedenfalls wird [spätestens seit Beethovens 6ter Sinfonie] diese Tonart als "pastorale" Tonart angesehen.


    Leider kenne ich das Brahmswerk nicht, um weitere Bezüge nennen zu können.


    :hello:


    Ulli

  • Pastoral heisst für mich "Hirten(lied) mässig/artig". Abgeleitet von Pastor (lat. Hirte). Oft wird darin das Landleben verklärt/beschrieben, d.h.ein Stück idyllischen Charakters. Gerne werden dann Inrtrumente verwendet, die an Hirtenmusik erinnern, z.B. Obeo =Schalmei.Oft finden sich solche Sätze auch in weihnachtlicher Musik (Und es waren Hirten auf dem Felde...)


    Über den Begriff gab es schonmal eine Diskussion (d-h- Meinungsverschiedenheit) zwischen Maik und mir im Zusammenhang mit Dvoraks 5. Sinfonie (Pastorale). Nachzulesen:


    Dvoraks 5.Sinfonie


    weiteres Beispiel: Beethoven Sinfonie Nr.6


    Gruß pt_concours

    Hören, hören und nochmals hören: sich vertraut machen, lieben, schätzen.
    Keine Gefahr der Langeweile, im Gegensatz zu dem, was viele glauben, sondern vielmehr Seelenfrieden.
    Das ist mein bescheidener Rat. (S. Richter, 1978)

  • Hallo,


    Eine Pastorale ist (wie der Name schon verrät) eine Hirtenmusik.
    Das Vorhandensein von Bordunbässen scheint ein äußerst "pastorales" Merkmal zu sein. (vgl. Beethovens 6.)


    Weitere Pastoralen:


    Der 1. Satz von Dvoraks "Tschechischer Suite, Op.39" ist überschrieben mit "Preluidio - Pastorale" Auch hier finen sich ausgeprägte, ostinate Bordunbässe.


    Glasunows 7. Symphonie in F-Dur hat den beinamen "Pastorale" - Gewisse Parallelen zu Beethovens Werk sind nicht zu verkennen.


    Die 2. Symphonie in A-Dur von Alexander Gretschaninoff trägt ebenfalls den Beinamen "Pastorale"


    Ich kenen noch mindestens zwei Dutzend weitere (weniger bekannte) Werke mit "Pastorale" in Beinamen oder Satzbezeichnung.
    Bezeichnend ist in der Regel eine unbeschwerter, musikantscher (aber nicht zwingend derber) ton. Die angepsrochenen Bodunbässe sind jedoch nicht überall gleich stark ausgeprägt.


    LG
    Raphael

  • Ach so,


    es handelt sich hier also weniger um einen musiktechnischen als vielmehr um einen gemütsbeschreibenden Begriff, wenn ich das recht verstehe.


    Aber wieso wird wohl bei pastoraler Musik meist F-, G- oder C-Dur verwendet? Ob es daran liegt, dass mit der "gemeinen Hirtenflöte" wegen fehlender moderner Klappenmechanik Tonarten mit möglichst wenigen Vorzeichen gespielt wurden und dies dann traditionell auch in der klassischen Musik so beibehalten wurde? Die meisten Hirten werden ja auch wohl Musiklaien (gewesen) sein und sich mit H- oder Ges-Dur nicht so gut auskennen.


    Die hier gegebenen Beschreibungen würden auf den ersten Satz des ersten Streichquintetts von Brahms in etwa passen. Weiterhin könnte dies dann womöglich auch für Debussys "prelude a l´apres-midi...(mit Flöte)" sowie "Kodalys "Sommerabend (mit Englischhorn)" gelten, oder?


    Übrigens: Seit wann wird der Begriff "pastoral" denn in der Musik bereits verwendet? Wahrscheinlich schon weit vor Beethoven?


    Danke und Gruß,


    Uwe

  • Guten Abend


    Zitat

    Original von Uwe Schoof
    Übrigens: Seit wann wird der Begriff "pastoral" denn in der Musik bereits verwendet? Wahrscheinlich schon weit vor Beethoven?


    Danke und Gruß,


    Uwe


    Auf dieser



    CD mit "Concerti 'per l'orchestra di Dresda" ist eine Pastorale A-Dur von Joh. Heinr. Heinichen mit der Musica antiqua Köln herrlich eingespielt.


    Gruß :hello:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Zitat

    Original von Uwe Schoof


    Was ist eine „Pastorale“, was sind pastorale Charaktereigenschaften?


    Welche weitere Musikwerke bzw. Musikpassagen sind pastoralen Charakters und wie zeigt sich dies?


    In der ersten Hälfte des 18. Jh. bezieht sich die instrumentale Pastorale auf die Tradition der Landbevölkerung aus der Umgebung Roms, zu Weihnachten in der Stadt zu spielen. Das lässt sich an etlichen Weihnachtskonzerten und vielen anderen Stücken nachvollziehen, in denen eben solche Musik zitiert oder nachempfunden wird.
    Ein besonderes Kennzeichen ist dabei der Bordunbass.
    Eine "gemeine Hirtenflöte" ist dabei übrigens weniger im Spiel als eben Borduninstrumente, sprich Dudelsack und Drehleier.


    Die musikalische Pastorale danach – ab der zweiten Hälfte des 18. Jh. – hat mit Weihnachten nichts mehr zu tun. Da steht das allgemein Ländliche eher romantischer Prägung im Vordergrund. Typisch ist das Unwetter, das die vorherrschende Idylle unterbricht. :D
    Bordunbässe sind hier lediglich ein Zeichen für das Ländliche in der Musik.


    Außerdem kann man sich noch mit der Pastorale in der Vokalmusik beschäftigen. Da kommt dann wieder etwas anderes heraus. Aber darum geht es hier nicht.

  • Was vielleicht noch erwähnt werden sollte, ist, dass die barocke Pastorale nicht unbedingt immer etwas mit Weihnachten zu tun haben muss.


    Das ganze bezieht sich eigentlich immer auf die Mythologie.
    Und die musikalische Pastorale (vor allem Bühnenwerke) haben den gleichen philosophischen Ursprung wie der Barockgarten oder später der englische Landschaftsgarten:


    die Sehnsucht nach den arkadischen Gefilden.
    Ein Reich das von Zephyren, Dryaden und Schäfern bevölkert ist, von Zentauren und Halböttern wie Pan. Bacchus ist der Herr dieser Welt.


    Diese Phantasiewelt liegen diese ganzen Musikwerke, Gärten, Skulpturen und Gemälde zugrunde.


    Pastoralen findet man also nicht nur in der Musik, aber dort eben in mehreren Erscheinungsformen:


    Ballett
    Oper
    Kantaten
    Lied / Air de Cour
    Instrumentalmusiken


    Meist geht es um einen Schäfer und eine Schäferin die sich lieben und in Arkadien angesiedelt sind. Diese Personen tragen oft die Namen Tircis, Cloris o.ä.


    Solche Schäferspiele gibt es nicht nur im 18. Jahrhundert (da aber verstärkt) auch im 17. jahrhundert sind Pastoralen häufig zu finden. Man kann davon ausgehen, dass der Begriff der Pastorale mit der Entstehung der Oper zusammenhängt, da man ab da solche Sujets eben musikalisch verarbeitete.
    Hier einige Beispiele von Bühnenwerken aus dem 17. Jahrhundert, die als Pastoralen bezeichnet wurden:


    Lully: Les Fêtes de l'Amour de Bacchus 1672
    Lully: Acis et Galatée 1686


    Lorenzani: Nicandro e Fileno 1681


    Desmarest: La Diane de Fontainebleau 1686


    Cambert: Pomone 1671


    usw.


    die meisten Komponisten dieser Zeit, die Bühnenwerke verfassten, schrieben auch Pastoralen.
    Aber an erster Stelle muss man da wohl Rameau nennen, denn seine Werke beziehen sich fast ausschließlich auf diese Gengre. Und vor allem war es Frankreich wo man dieses Gengre bis zum Erbrechen bemühte....




    Am Hof von Versailles ging das sogar soweit, dass man die Idee der Pastorale in die Wirklichkeit holte.
    Rousseau forderte ja "zurück zur Natur"
    am Hof sah man als Möglichkeit der Umsetzung dieser Forderung ein sehr idealisierte Schäferleben - eine nachempfundene Pastorale. Marie Antoinette ließ daraufhin ja den Hameau errichten, eben eine echte Pastorale, wo sie mit ihren engsten Freunden das Landleben spielte, als Schäfer und Schäferinnen verkleidet. Die Kühe und Schafe standen in Ställen, die mit Marmor ausgelegt waren und man führte die Tiere an seidenen Bändern auf die Wiesen...


    Man findet optische Umsetzungen dieser Pastoralen auch häufig bei den damaligen Malern, vor allem Watteau und Boucher.
    Die akustische Entsprechung dieser Bilder sind dann bei Rameau und Mondonville zu finden.


    Musikalisch ging man dann auch soweit die Instrumente der Landbevölkerung auch wirklich zu verwenden, nicht nur zu imitieren.
    Man verwendete die Musette, eine Art Dudelsack, die Drehleier (Vielle) und auch die Hirtenflöten.

  • Zitat

    Original von der Lullist
    Was vielleicht noch erwähnt werden sollte, ist, dass die barocke Pastorale nicht unbedingt immer etwas mit Weihnachten zu tun haben muss.


    Das ganze bezieht sich eigentlich immer auf die Mythologie.


    Es gibt die Pastorale auch in einem durchaus realistischen Bezug, wie etwa in Keisers "Croesus" (die musikalischen Mittel sind analog)


    Liebe Grüße Peter