Richard Tauber - Star einer Epoche

  • Für mich war Richard Tauber ein großartiger Operntenor, der sein Geld aber ab ca. Mitte der 1920er Jahre vor allem mit der Operette, speziell denen von Franz Lehár, verdient hat.


    Unzählige Aufnahmen aus der Bereich der Oper zeugen von Taubers überragenden Qualitäten. Ich nenne vor allem die Auszüge aus Wagners "Meistersingern", "Die tote Stadt" von Korngold oder "Ha wie in meiner Seele" aus Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen", das ich von keinem Tenor so leuchtend, in so himmlisch verklärtem Ton gehört habe.


    Volle Übereinstimmung, lieber Nemorino. Deine Beispiele sind gut gewählt. Den Kleinzack würde ich unbedingt noch hinzufügen. Die verschiedenen Ebenen zwischen Traum und Wirklichkeit in dieser Szene und ihr Ineinandergehen hat nach meiner Beobachtung kein andere Sänger - auch nicht aus dem originalsprachigen Raum - so hinbekommen wie Tauber, der sein künstlerisches Leben mit mit Oper begonnen und mit Oper beendet hat. Allein an der Wiener Staatsoper ist er zwischen 1924 und 1938 in achtundzwanzig Partien aufgetreten, darunter in nur drei Operettenrollen (Alfred und Eisenstein in der "Fledermaus" und Sou-Chon in "Land des Lächelns"). Sein Repertoire war noch viel größer. Einmal, nämlich bei einer konzertanten Aufführung 1918 in Riga, ist er sogar als Parsifal in Erscheinung getreten. Auf der wegen ihrer Akustik sagenumwobenen Zoppoter Waldbühne sang er den Max im "Freischütz".


    Die Tauber-Literatur ist ziemlich umfänglich. Viele statistische Angaben finden sich in diesem Buch:


  • Den Kleinzack würde ich unbedingt noch hinzufügen.


    Lieber Rüdiger,


    ja, gut, daß Du ihn erwähnst, der gehört unbedingt dazu. Es gibt noch eine ganze Reihe bemerkenswerter Opernaufnahmen Taubers. Sie alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. Hier ist noch ein 2 CD-Album des Labels VERONA, da sind seltene Stücke dabei:

    u.a. eine Gralserzählung (!) von 1938, die beiden Meistersinger-Arien, "Winterstürme" aus "Walküre", der Prolog aus "Bajazzo" (eigentlich für Bariton) und die schwierige Sänger-Arie "Di rigori armato" aus dem "Rosenkavalier". Es sind nicht, wie fälschlicherweise auf dem Cover steht, nur Live-Aufnahmen, sondern auch Studioproduktionen. Leider ist das Album z.Zt. total überteuert. Ich habe es vor Jahren mal für ein paar Mark (!) gekauft.


    Tauber wird heute von den meisten vorrangig als Operettentenor angesehen; das hat er natürlich durch seinen Dauereinsatz für Lehár selbst verschuldet. Andererseits singt er manchen Lehár so schön, daß man meinen könnte, er sänge Mozart :D ! Wer von seinen zahlreichen Nachfolgern, von Gedda und Wunderlich einmal abgesehen, hat es ihm da gleichtun können?


    Schönen Abend noch und
    LG, Nemorino :hello:

  • Zitat

    Nemorino: Es gibt noch unzählige andere Opernaufnahmen, die ich empfehlen könnte.

    Ich habe fast Alles von Tauber, auch viele Schellacks.


    Zitat

    Nemorino: Wer von seinen zahlreichen Nachfolgern, von Gedda und Wunderlich einmal abgesehen, hat es ihm da gleichtun können?

    Sie hatten auf jeden Fall die schönere Stimme! Etwa zeitgleich sangen auch Peter Anders, Marcel Wittrich und Herbert Ernst Groh.


    Liebe Freunde! Ich habe nur versucht zu erklären, dass ich bei Richard Tauber hin- und hergerissen bin. (Ähnlich ergeht es mir bei Julius Patzak). Einerseits gefällt er mir als Mozarttenor und in Operetten. Andererseits ist er keinesfalls ein Tenor für Verdi, Donizetti u. A.. Seine Gesangstechnik und seine fehlenden Spitzentöne (Falsett) lassen keine andere Bewertung zu.

  • Liebe Freunde! Ich habe nur versucht zu erklären, dass ich bei Richard Tauber hin- und hergerissen bin. (Ähnlich ergeht es mir bei Julius Patzak). Einerseits gefällt er mir als Mozarttenor und in Operetten. Andererseits ist er keinesfalls ein Tenor für Verdi, Donizetti u. A.. Seine Gesangstechnik und seine fehlenden Spitzentöne (Falsett) lassen keine andere Bewertung zu.


    Lieber Wolfgang, das ist aus meiner Sicht doch eine sehr pragmatischer Standpunkt. Gewiss gibt es für die Beurteilung von Sängern konkrete und auch objektive Kriterien. Doch was nützt es, wenn jemand exakt und mit der richtigen Technik singt, wenn er inhaltlich nichts rüberbringt. Mit sind allemal die Sänger lieber, die mir etwas mitzuteilen haben, die mich aufwühlen. Die können durchaus auch riskant und mal daneben singen, Töne verfehlen oder was sonst noch. Tauber halte auch ich nicht für den allerbesten Techniker. Was er aber mit seiner individuellen Stimme macht, wirkt sich auf mich oft atemberaubend aus. Deshalb fremdle ich mit vielen aktuellen jüngeren Stimmen, obwohl sie meist sehr genau sind, technisch gar perfekt. Sie haben mir aber zu wenig zu sagen. Sie erreichen mich nicht. Oder nur in Ausnahmefällen. Können sie mit den Inhalten und der Sprache der Stücke und Lieder, die sie transportieren müssen, zu wenig anfangen? Die Praxis, alles in der Originalsprache singen zu müssen, hat sich gewiss nicht nur positiv ausgewirkt. Sänger wissen oft nur in groben Zügen, was sie vorzutragen haben. Sie pauken sich die Partien phonetisch ein. Das Wissen um die Begrifflichkeit der Handlungen geht verloren. Wagner, der rauf und runter gespielt wird, steckt voller sprachlicher Tücken, Wendungen und Wörter, die heutzutage immer weniger verstanden werden, auch, weil sie immer schon Kunstprodukte waren. Neulich hörte ich eine "Schöne Magelone", für die Martin Walser den Text von Thieck, in den die Lieder eingebettet sind, neu erzählte, damit er auch verstanden würde. Das sagt viel. Aber es ist auch realistisch. Im Sprechtheater werden originale Texte umgemodelt und heutigen Verhältnissen angepasst. Der Oper wäre dies auch längst geschehen, wenn nicht die Musik dagegen stünde. Deshalb versucht die Regie, durch ungewöhnliche Lösungen diesen Widerspruch aufzulösen.

  • Mit sind allemal die Sänger lieber, die mir etwas mitzuteilen haben, die mich aufwühlen. Die können durchaus auch riskant und mal daneben singen, Töne verfehlen oder was sonst noch. Tauber halte auch ich nicht für den allerbesten Techniker. Was er aber mit seiner individuellen Stimme macht, wirkt sich auf mich oft atemberaubend aus. Deshalb fremdle ich mit vielen aktuellen jüngeren Stimmen, obwohl sie meist sehr genau sind, technisch gar perfekt. Sie haben mir aber zu wenig zu sagen. Sie erreichen mich nicht. Oder nur in Ausnahmefällen.


    Lieber Rheingold,


    jedes Deiner Worte ( j e d e s ) möchte ich nachdrücklich unterschreiben.
    Ich habe diesen Thread über Richard Tauber sehr aufmerksam verfolgt. Etwas dazu sagen wollte ich nicht, weil ich mich - auch hier im Forum - oft und ausführlich genug zu diesem Ausnahmesänger geäußert habe. Aber diesen grundsätzlichen Bemerkungen, die eigentlich so etwas wie ein Credo für Melomanen sind, wollte ich ausdrücklich zustimmen.


    Zu dem Ausgangspunkt der jüngsten Diskussion will ich lediglich bemerken, dass Richard Tauber für mich in erster immer Linie Opernsänger war und ist. Zwar höre ich auch gerne mal seine Operettenaufnahmen. Aber was sind sie gegen seine Opernaufnahmen????? An verschiedenen Stellen, an denen der ideale Interpret einer Arie oder Partie gesucht wurde, habe ich hier im Forum immer wieder deutlich gemacht, was mir seine Aufnahmen bedeuten - ob es nun um Mozart oder Korngold, Smetana oder Offenbach, Puccini, Verdi oder Wagner, Thomas oder Richard Strauss ging! Er war nicht nur der "Star einer Epoche". Er war einer der ganz bedeutenden Sänger, der Maßstäbe gesetzt hat, die nicht allein in der einen oder anderen Epoche gelten.


    Liebe Grüße
    Caruso41

  • Ich kann die Beiträge von Rheingold (Nr. 69) und Caruso (Nr. 70) nur unterstreichen, mit einer kleinen Einschränkung: Als Verdi-Sänger hat mich Tauber weniger überzeugt (hat er überhaupt etwas von Donizetti gesungen?), und das kurze Stück aus Rossinis "Barbier" läßt wenig Schlüsse auf seinen Umgang mit dieser Musik zu. Hingegen war er ein ganz großartiger Puccini-Interpret. Das gilt gleicherweise für die bei Arien aus "Tosca" wie auch aus "Turandot"! Das berühmte (leider überstrapazierte) "Keiner schlafe" singt er sogar, im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen, am Schluß streng nach Puccinis Vorgabe: das hohe C wird nur angetippt! (Manche haben es darauf zurückgeführt, daß Tauber ja nur das "b", sein Kollege Curt Taucher (heute kaum noch bekannt) dagegen das "c" und das "h" gehabt habe :D ).


    Ich bin übrigens mit Taubers Aufnahmen großgeworden. Für mich war, ist und bleibt er ein ganz außergewöhnlicher Sänger, der die Herzen rührt. Kleine technische Unzulänglichkeiten spielen da überhaupt keine Rolle. Es kommt nicht auf das Material an sich an, sondern darauf, was ein Sänger daraus macht, und da war Richard Tauber ein Künstler der Extraklasse, der auch heute noch vielen Musikfreunden bekannt und geläufig ist, obwohl er schon über 70 Jahre tot ist. Seine Popularität ist ungebrochen, das beweisen die immer wieder neuen Auflagen seiner Aufnahmen. Zumindest im deutschen Sprachraum ist er ähnlich berühmt wie Caruso, und das zu Recht. Auch für mich ist Tauber in der Hauptsache Opernsänger, viele seiner Aufnahmen aus diesem Genre sind bis heute beispielhaft, sogar unerreicht. Wäre nicht die unselige Nazizeit über Deutschland hereingebrochen, so würde sein Wirken heute noch nachhaltiger sein. Er konnte zwar in England weiter singen, manchmal sogar dirigieren (vor allem das London Philharmonic Orchestra), doch seines eigentlichen Wirkungskreises war er weitgehend beraubt. Auch er benötigte, wie viele andere Künstler auch, die deutsche Kultur, aber leider musste er aufgrund seiner jüdischen Herkunft zuerst Deutschland, 1938 auch Österreich verlassen.


    LG, Nemorino

  • Liebe Taminofreunde!


    Ich akzeptiere natürlich Eure Meinungen und diese sind selbstverständlich nicht aus der Luft gegriffen. In einigen Opernrollen finde ich, wie oben schon angedeutet, ihn auch gut. Aber für seine Stimme, die mir immer zugeknöpft klingt und keine große Höhe aufweist (nur bis b´), kann ich mich nur bedingt begeistern. Wenn ich hier die oben aufgeführte Stretta nehme, da sind mir Sänger wie Hopf, Kozub, Kmennt oder Anders doch lieber. Aber das wird immer Ansichts- oder Geschmacksache bleiben.


    Liebe Grüße
    Wolfgang

  • Wenn ich hier die oben aufgeführte Stretta nehme

    ….. dann gibt es für mich nur einen, und der kam aus Schweden: Jussi Björling!


    Lieber Wolfgang,


    selbstverständlich entscheidet auch hier, wie in vielen Dingen, der persönliche Geschmack. Und natürlich spielt auch immer der erste Eindruck eine Rolle, d.h. mit welchem Künstler ich ein Musikstück erstmals gehört habe, prägt oft fürs ganze Leben. Das gilt nicht nur für Gesangsaufnahmen.


    LG Nemorino

  • Zwei Tauber-Biographien stehen in meinem Bücherschrank:


    "Gern hab' ich die Frau'n geküßt" von Michael Jürgs erschien erstmals im List-Verlag 2002, "Richard Tauber, ein Leben - eine Stimme" von Otto Schneidereit wurde 1976 vom VEB Musikverlag Berlin herausgegeben. Beide Bücher sind empfehlenswert, doch zur Ergänzung sollte man die von Rheingold im Beitrag 62 genannte umfangreiche Dokumentation von Martin Sollfrank in Betracht ziehen. Sie berücksichtigt die neuesten Erkenntnisse über den Sänger.


    LG, Nemorino

  • Zitat

    ….. dann gibt es für mich nur einen, und der kam aus Schweden: Jussi Björling!


    Wie Du siehst, habe ich nur deutsch-singende Tenöre aufgeführt. Sonst würden hier noch viele andere Tenöre stehen. :) So, jetzt muss ich mich hier ausklinken, denn ich habe heute noch ein großes Programm.

  • Wie Du siehst, habe ich nur deutsch-singende Tenöre aufgeführt.

    Das hatte ich heute früh in der Eile übersehen, in die Reihe gehört Björling natürlich nicht.


    Wenn ich hier die oben aufgeführte Stretta nehme, da sind mir Sänger wie Hopf, Kozub, Kmennt oder Anders doch lieber.


    Von Peter Anders habe ich insgesamt 5 Opern-Recitals auf CD, die Stretta ist da nicht dabei. Ich kenne sie auch nicht, aber Anders hätte keine Bange davor haben müssen! Kozub und Kmentt sind bei mir auch nicht mit der Stretta vertreten, Hans Hopf singt sie in der deutsche GA unter Fricsay (Köln, 1953). Ehrlich gesagt, er gefällt mir nicht; er singt höhensicher, aber grob und ungeschlacht. So empfinde ich es.
    Die Stretta auf deutsch gefällt mir am besten mit Helge Rosvaenge, auf dieser CD (Track 6):


    LG Nemorino


  • wie auch aus "Turandot"! Das berühmte (leider überstrapazierte) "Keiner schlafe" singt er sogar, im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen, am Schluß streng nach Puccinis Vorgabe:
    das hohe C wird nur angetippt! (Manche haben es darauf zurückgeführt, daß Tauber ja nur das "b", sein Kollege Curt Taucher (heute kaum noch bekannt) dagegen das "c" und das "h" gehabt habe :D ).


    Lieber Nemorino
    Entschuldige bitte, wenn ich Dich hier korrigiere. Mir liegt zwar keine Partitur vor, aber so weit ich weiß, ist der Ton auf "Vinceeero" kein hohes C,
    sondern ein hohes H, ein Halbton unter dem hohen C.
    Und mir ist auch nicht bekannt, daß Puccini vorgegeben hat, diesen Ton nur kurz, bzw. angetippt zu singen.
    Ich kann mir das auch nicht vorstellen, denn es würde nach m. M. der Aussage widersprechen.
    Denn es geht hier um "Siegen"!!! Und warum sollte das nicht kraftvoll und heldisch ausgedrückt gesungen werden?
    (Ich wüßte da einen Tenor, der das beispielhaft hervorragend und unübertroffen gesungen hat, aber das ist ein anderes Thema, gehört hier nicht her).
    Herzliche Grüße
    CHRISSY

  • Lieber Chrissy,


    Nemorino und Mme. Cortese haben absolut Recht. Es hat sich allerdings früh eingebürgert, das 'H' lang zu halten.
    Wie Miguel Fleta, der Tenor die Uraufführung das gesungen hat, wissen wir leider nicht, da er leider keine Aufnahme hinterlassen hat. In einigen der Aufnahmen, die zu der Zeit gemacht wurden, wird der Ton aber schon mit Nachdruck attackiert und länger gehalten. Die Unsitte, ihn schier endlos auszudehnen, scheint mir allerdings erst eingerissen zu sein, als diese wunderschöne und sehr poetische Arie zur Fußball-Weltmeisterschaft in Italien von den "Drei Tenören" gekapert und ihr ein neuer Zusammenhang und Sinn aufgezwungen wurde.


    Beste Grüße


    Caruso41

  • Danke, liebe Mme Cortese, für den "lebendigen Beweis".


    In einem hast Du aber recht, lieber chrissy: es ist das H, nicht das C, aber das mit dem Antippen des hohen H habe ich bereits an zwei Stellen gelesen. Eine davon kann ich sogar zitieren (ich mußte die Stelle erst finden): " ….. in Dresden übernahm Tauber 1926 bei der deutschen Premiere von TURANDOT den Kalaf. Den ariosen Gesang an Liù hat er kantabel und eloquent vorgetragen, in >Nessun dorma< tippt er das hohe H nur eben an - wie es Puccini vorgeschrieben hat" (Jürgen Kesting: DIE GROSSEN SÄNGER, Kapitel "Finessen und Sentiment: Richard Tauber").
    Kesting ist ja nicht unfehlbar, aber ich hätte mir nicht denken können, daß er sich das einfach nur ausgedacht hat. Nun haben wir ja sogar den Beweis schwarz auf weiß, dank Mme. Cortese.


    LG, Nemorino

  • Wie Miguel Fleta, der Tenor die Uraufführung das gesungen hat, wissen wir leider nicht, da er leider keine Aufnahme hinterlassen hat.


    Ich gehe mal davon aus, dass er es zumindest bei der Premiere "come scritto" gesungen hat, da ihn Toscanini sonst vermutlich erwürgt hätte.


    Inzwischen habe ich mir eine ganze Reihe von älteren Aufnahmen angehört; der einzige, der den vorletzten Ton nicht endlos hält, ist Antonio Cortis:


  • Inzwischen habe ich mir eine ganze Reihe von älteren Aufnahmen angehört; der einzige, der den vorletzten Ton nicht endlos hält, ist Antonio Cortis:


    Liebe Mme. Cortese!


    Wenn man eine so unglaublich schöne Stimme hat wie Antonio Cortis, muss man das auch wirklich nicht!


    Beste Grüße


    Carsuo41

  • Da hier ja momentan eine Diskussion um Richard Tauber als Opernsänger stattfindet, will ich hier noch ein paar Kernsätze aus Jürgen Kestings DIE GROSSEN SÄNGER zitieren. Ich hatte den Band zur Hand genommen, um nach dem hohen H in "Nessun dorma" (Keiner schlafe) zu sehen (Beitrag 80).


    Kesting, er gilt - wenn auch nicht ganz unumstritten - als der "deutsche Stimmen-Papst", schreibt über den Opernsänger Richard Tauber u.a.: "Daß er kein effektvoller Manrico war, versteht sich …. von selbst: Die Stretta überfordert sein Rüstzeug, aber das Duett mit Azucena (Sabine Kalter) zeigt sein schönes Legato …… die beiden Arien des Cavaradossi sind Dokumente überlegter Musikalität und überlegener Ausdruckskraft. "Wie sich die Bilder gleichen" ist bei ihm ein lebendiger, pulsierender und emphatischer Liebesgesang, die Sternen-Arie ein verhangener innerer Monolog - gebärdenhaftes Singen par excellence." Zum Lied des Kleinzack aus "Hoffmanns Erzählungen" schreibt Kesting: " …. die Stimme tanzt durch die Musik, schillert in vielen Farben und koloriert die sprachlichen Nuancierungen. Die elegische Moll-Episode, als Hoffmann von der Erinnerung an die verlorenen Lieben eingeholt wird, gibt dem Sänger die Gelegenheit zu expansiver und glühender Phrasierung. Der gleiche Zauber in "Ha, wie in meiner Seele", lyrisches Singen ohne den leisesten Anflug von Gefühligkeit". Und zu den beiden Meistersinger-Arien heißt es: " ….. (sie) kommen Offenbarungen gleich. Die erste Arie beginnt er mit entrückter Mezzavoce, auf 'hell' bildet er eine anmutige Schleife, und der Triller bereitet ihm nicht die geringste Mühe. In das Preislied gießt er die träumerische Erregung, von der Sachs gesprochen hat - keine andere Aufnahme hat diese Glut und verinnerlichte Spannung." Schließlich noch Kestings Urteil zur Arie des Max aus "Freischütz:" " 'Durch die Wälder, durch die Auen' zeugt von einer Kunst, die Kunst verbirgt. Bei der tiefen Tessitura singt Tauber mit einer Fülle und Resonanz wie kein anderer" (Aufnahme von 1946). Anschließend kommt Kesting zu Taubers Mozart-Aufnahmen und gerät nun vollends ins Schwärmen.


    Von wegen Operettentenor, der auch ein bisschen Oper konnte! Es ist wahr, er hat manchen Ausflug, zu viele, wie mir scheint, ins Operettenfach unternommen und auch vieles, zu vieles aus dem Bereich leichter, ja seichter Unterhaltungsmusik gesungen, aber was er sang, das veredelte Tauber mit seiner herrlichen Stimme und seiner ganz unprätentiösen Vortragsweise. Und er sang, im Unterschied zu Rudolf Schock, dieses "Leichte" nicht aus Verlegenheit, weil es für Besseres nicht mehr reichte, sondern er blieb bis in seine letzten, schon von tödlicher Krankheit überschatteten Lebenswochen ein Opernsänger von einzigartiger Kultur und erlesenem Geschmack.


    LG, Nemorino

  • Lieber Chrissy,


    Nemorino und Mme. Cortese haben absolut Recht. Es hat sich allerdings früh eingebürgert, das 'H' lang zu halten.


    Hallo, lieber Caruso
    Womit haben denn Mme Cortese und Nemorino "absolut Recht"? Ich muß gestehen, so richtig komme ich mit Euren Antworten nicht klar, verstehe sie nicht ganz.
    Ich bin auch etwas erstaunt - denn von einem hohen C in dieser Arie, war mir bisher nichts bekannt.
    Es hat mir keine Ruhe gelassen und ich habe jetzt mal im I - Net recherchiert und habe da im "Opernführer" folgendes gefunden,


    Zitat: Das hohe H
    Die bekannteste Arie aus «Turandot» ist zweifellos «Nessun dorma». Eine Arie, in der Prinz Calaf einen Befehl Turandots wiederholt:
    Niemand in ganz Peking soll schlafen, bis Turandot den Namen des ihr unbekannten Prinzen herausgefunden hat.
    Die Worte «Vincerò! Vincerò!» («Ich werde siegen») enden übrigens nicht auf dem berühmten hohen C der Tenöre, sondern einen Halbton tiefer: auf einem H.


    Das Musikbeispiel und Eure Meinungen würde ich gern kommentieren, aber hier geht es um Tauber und da möchte ich das Thema nicht zerstören.


    Herzliche Grüße
    CHRISSY

  • muß gestehen, so richtig komme ich mit Euren Antworten nicht klar, verstehe sie nicht ganz.


    Lieber chrissy,


    ehrlich gestanden, ich verstehe nicht ganz, was Du nicht verstehst ?(


    Das mit dem hohen C war ein Fehler von mir, es ist, wie ja auch aus den anderen Antworten hervorgeht, ein H. Das wäre doch damit hinreichend geklärt.
    Jetzt geht es m.E. doch nur darum, ob dieses H am Schluß der Kalaf-Arie lang gehalten oder nur angetippt werden soll. Kesting schreibt, daß der Komponist "antippen" vorgeschrieben hat, was Mme. Cortese mit ihrem Notenbeispiel belegt.
    Natürlich hat es sich längst eingebürgert, daß praktisch jeder Tenor dieses H auf dem zweiten "Vincerò" dehnt, es ist eben für den Sänger quasi zur Pflicht geworden, weil das Publikum, das ja in seiner großen Mehrheit keine Noten liest, es einfach erwartet, genauso wie bei der "Holden Aida" das B ganz am Ende in Forte statt in Piano, wie Verdi es gewollt hat.


    Tauber hat in seiner Studio-Aufnahme vom 5.11.1926 (Odeon XXB 7509) das hohe H nur leicht angetippt. Wie er es auf der Bühne gehandhabt hat, weiß man nicht. Ich vermute stark, daß er es ebenfalls gedehnt hat, des Effektes wegen. Sonst wären seine zahllosen Verehrer bestimmt enttäuscht nach Hause gegangen.


    LG Nemorino

  • Na, da ist doch jetzt auch bei mir alles klar. Ich dachte, es geht noch, oder überhaupt um das C, bzw. das H.


    Und das auf dem Ton e bei Vincero keine Fermate gezeichnet ist, war mir wiederum nicht bekannt und erstaunt mich etwas.
    Diese hat sich aber inzwischen manifestiert und gibt dieser wunderschönen Arie erst den nötigen Effekt und die Aussage.
    Aber das ist meine Meinung und mein Geschmack!


    CHRISSY

  • In seiner Repertoire-Liste ist zumindest der Tonio in der "Regimentstochter" aufgeführt.


    Ja, lieber Rüdiger, das habe ich heute nachmittag auch in Jürgen Kestings Artikel gelesen (vielleicht auch früher schon mal, hatte es aber vergessen).
    Kesting schreibt, daß er die Rolle des Tonio bereits in Dresden, also um 1920 herum, gesungen hat und fügt die Frage an: wie hat er die nur mit seiner kurzen Höhe bewältigt? - Das werden wir wohl nicht mehr erfahren. Aufnahmen gibt es, soweit ich das überschauen kann, keine.


    LG Nemorino

  • gibt dieser wunderschönen Arie erst den nötigen Effekt und die Aussage.


    Lieber Chrissy!


    Da kann man allerdings auch wirklich anderer Meinung sein.
    Das endlos gehaltene Brüllen des Spitzentones bringt meiner Meinung nach die Arie um ihre poetische Wahrheit. Da überzeugt mich weit eher Antonio Cortis, den Mme. Cortese eingestellt hat. Kalaf tut ja nicht gerade gut daran, nächstens ganz Peking zusammenzubrüllen. Und er muss auch keine Fußball-Mannschaft zum Sieg antreiben!


    Aber wenn man sich Taubers Aufnahme mal wirklich unvoreingenommen anhört mit all ihrer Notturno-Poesie, den feinen musikalischen Phrasierungen und sublimen Farbwechseln, muss man doch zugeben, dass einem das laute und lang gehaltene 'h' eigentlich überhaupt nicht fehlt.


    Beste Grüße
    Caruso41

  • Dir fehlt es nicht, lieber Caruso, mir schon. Da sind und gehen wir in unseren Ansichten und unserer Betrachtungsweise völlig konträr.
    Aber, wie Du richtig bemerkst - man kann auch wirklich anderer Meinung sein. Ich sehe und definiere das nämlich absolut anders.
    Aber das finde ich in Akzeptanz im gegenseitigen Respekt und Achtung völlig normal und i. O.


    Herzliche Grüße
    CHRISSY