Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 9

  • Es ist ein sehr klarer, strukturalistische Blick auf diese Symphonie - aber wie es Boulez schafft, gerade damit so aussdurcksstark - das sehe ich wie Du - zu sein, ist mir ein Rätsel.

    Das hast Du glaube ich treffend beschrieben, lieber Christian. Für solche Subtilitäten muss ich mich allerdings vor meine Boxen "kleben" :D . Vielleicht nachher. Jetzt bei der Hausarbeit höre ich das Lied von der Erde mit Walter, Ferrier und Patzak. Das ist auch wirklich toll! :hello:


    Herzlich grüßend
    Holger

  • Vaclav Neumann war von 1964-68 Chefdirigent des Leipziger Gewandhausorchesters. Aus Protest gegen den Einmarsch in sein Heimatland trat er 1968 von diesem Amt zurück. Neumann hat in den vier Jahren meines Wissens 4 Symphonien von Gustav Mahler in Leipzig eingespielt: 5., 6. 7. und 9. 5+6 erschienen auch irgendwann während der Vinylära als 3er-Kassette auf Philips und wurden sehr positiv besprochen, die beiden anderen wohl nur bei Eterna. Deshalb sind diese Aufnahmen auch relativ unbekannt. Ich habe gerade den ersten Satz der 9. Symphonie in der Einspielung von 1967 gehört und schon nach wenigen Takten dort alles gefunden, was ich in der letzten gehörten Aufnahme vermisst habe: Charakter und Leidenschaft, Emotion. Die Tempi auch deutlich zügiger. Und die 50 Jahre alte Aufnahme klingt verdammt gut. Nur mein Exemplar knistert etwas. Die CD habe ich gerade bestellt, das letzte erschwingliche Exemplar.



  • Lieber Willi,


    ich empfinde diese Aufnahme ebenso. Wenn man dann unmittelbar das fis-moll Adagio der unvollendeten 10. folgen lässt, merkt man, dass der Schlussatz der 9. nicht erstirbt sondern entschwebt.


    LG Siamak

  • Zugegeben, ich kenne Bernsteins frühe Aufnahme aus New York nicht und weiß sehr wohl, dass er in jüngeren Jahren stellenweise "anders" interpretierte als in seinen späteren.


    In seinen späteren DGG-Aufnahmen aus Berlin und Amsterdam empfinde ich das Schluss-Adagio als unerträglich sentimental, weil viel zu larmoyant. Gegen eine emotionale Auslegung des letzten Satzes habe ich nichts, aber Bernstein überschreitet für mich in beiden oben genannten Aufnahmen die Grenzen meines guten Geschmacks.


    Deswegen die Frage: Wie emotional agiert Bernstein 1965 im Vergleich zu den späteren Jahren? Immerhin entdeckt Willi dort nichts weinerliches... ;)

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Lieber Norbert,


    außer der o. a. Gesamtaufnahme aus New York habe ich von Bernstein die Neunte noch in folgenden beiden Aufnahmen:



    Wiener Philharmoniker, 3/1971, Berliner Philharmonie, live



    Berliner Philharmoniker, 10/1979, Berliner Philharmonie, ilve auf dem Berliner Musikfest
    (meines Wissens war dies die einzige Aufnahme überhaupt, die Bernstein in der Ägide Karajan mit den Berliner Philharmonikern gemacht hat.


    Wenn ich heute noch dazu komme, werde ich die DVD noch einmal durchhören und -sehen, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass er sie wesentlich anders interpretiert hat als die 6 Jahre vorher entstandene New Yorker Aufnahme. Doch zunächst werde ich mich Schubert widmen und dem dritten Satz seiner B-dur-Sonate aus dem Jahre 2012, gespielt von Rudolf Buchbinder.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • außer der o. a. Gesamtaufnahme aus New York habe ich von Bernstein die Neunte noch in folgenden beiden Aufnahmen:

    Lieber Willi,


    es gibt auch noch eine (DGG) mit dem Concertgebouw-Orkest - die wirklich exemplarischer Bernstein ist finde ich. Die ist in der Bernstein-Box der Symphonien der DGG:



    Die alten CBS-Aufnahmen habe ich leider nicht. Vielleicht muss ich sie mir doch noch einmal auch kaufen?


    Liebe Grüße
    Holger

  • Lieber Norbert,


    ich bin primär pianophil. Meine musikalische Basis sind die großen B (Bach, Beethoven, Brahms). Mit den Mahler-Sinfonien befasse ich mich vielleicht seit 1 Jahr. Die obige Aufnahme Bernsteins mit dem NYP ist sehr transparent und dynamisch mit einem weiten Spektrum. IMO ist hier nichts sentimental sondern sorgfältigst formuliert einschließlich der Sprengung tonaler Grenzen.


    LG Siamak

  • Zitat

    Dr. Holger Kaletha: es gibt auch noch eine (DGG) mit dem Concertgebouw-Orkest - die wirklich exemplarischer Bernstein ist finde ich. Die ist in der Bernstein-Box der Symphonien der DGG:


    In dieser Box, lieber Holger, sind die späten Aufnahmen Bernsteins mit dem New York Philharmonic, den Wiener Philharmonikern und dem Royal Concertgebouw Orkest versammelt. Aus dieser Box habe ich die Erste mit dem Concertgebouw Orkest (10/1987), die Zweite mit dem New York Philharmonic (4/1987) und die Fünfte mit den Wiener Philharmonikern (9/1987).
    Die von mir in Beitrag 219 geposteten Aufnahmen stammen dagegen von 1971 und 1979 und sind beiden in Berlin aufgenommen worden.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Die von mir in Beitrag 219 geposteten Aufnahmen stammen dagegen von 1971 und 1979 und sind beiden in Berlin aufgenommen worden.

    Lieber Willi,


    hast Du die CBS-Aufnahmen aus New York? Mich interessiert da eigentlich nur die 2. wegen des "Urlichts" mit Janet Baker, die ich da exemplarisch finde. Dummerweise habe ich die Aufnahme nicht - und auch gebraucht finde ich die Einzel-CD zu teuer.


    Liebe Grüße
    Holger

  • Lieber Norbert,


    ich bin primär pianophil. Meine musikalische Basis sind die großen B (Bach, Beethoven, Brahms). Mit den Mahler-Sinfonien befasse ich mich vielleicht seit 1 Jahr. Die obige Aufnahme Bernsteins mit dem NYP ist sehr transparent und dynamisch mit einem weiten Spektrum. IMO ist hier nichts sentimental sondern sorgfältigst formuliert einschließlich der Sprengung tonaler Grenzen.


    LG Siamak


    Lieber Siamak,


    vielleicht packt dich irgendwann die Lust und du beginnst, einzelne Interpretationen der 9. Sinfonie zu vergleichen. Leonard Bernstein benötigt in seiner Aufnahme aus Berlin 26:11 für das Schluss-Adagio. Das ist ein vergleichsweise langsames Tempo, aber sie entspricht der Satzbezeichnung "sehr langsam und noch zurückhaltend".


    Auf der einen Seite braucht Michael Gielen in seiner ersten Aufnahme ca. fünf, in seiner zweiten ca. vier Minuten weniger als Bernstein (beide Aufnahmen mit dem SO des Südwestfunks Baden-Baden), von Bruno Walter in seiner Aufnahme von 1938 ganz zu schweigen, der damals den Satz in 18:20 spielen ließ. Auf der anderen Seite zelebrierte James Levine mit den Münchner Philharmonikern den Schluss-Satz in 32:27.


    Mein Favorit beim Adagio ist Michael Gielen in seiner ersten Aufnahme von 1990, aber auch auf Levine lasse ich mich gerne ab und zu ein.


    Ich schätze Bernstein durchaus als Mahler Dirigenten. Bloß ist mir persönlich zu viel "Tränendrüse" im letzten Satz der 9. Sinfonie vorhanden. Aber diesen Eindruck erhalte ich primär, weil ich mit vielen anderen Aufnahmen vergleichen kann. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, welchen Eindruck ich hätte, wenn ich nur die Bernstein Aufnahme(n) kennen würde.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler


  • Lieber Willi,


    ich bin gespannt... :)

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Ich schätze Bernstein durchaus als Mahler Dirigenten. Bloß ist mir persönlich zu viel "Tränendrüse" im letzten Satz der 9. Sinfonie vorhanden.

    Womit wir wieder beim Kitsch-Thema wären, lieber Norbert. :D Wenn man allerdings an den letzten Satz der 3. denkt, der mit dem der 9. ja eine unverkennbare Verwandtschaft hat, dann sagt Mahler zu diesem, dass dort das "Ixionsrad der Erscheinung" (also Werden, Bewegung) "stillgestellt" sei und sich alles in "Ruhe und Sein" aufgelöst habe. In dieser Hinsicht macht Bernstein nun nichts falsch, sondern nimmt Mahlers Programmatik geradezu wörtlich. Vertretbar jedenfalls ist das also, was Bernstein macht. :hello:


    Schöne Grüße
    Holger

  • Wenn du diese meinst, lieber Holger:



    die habe ich dummerweise auch nicht. Die von Acom in Beitrag 217 abgebildete GA ist aus der Carnegie Hall und in der 2. singt Jennie Tourell das Urlicht, und die Sopranpartie im singt Lee Venora.


    Aber diese habe ich in der DVD-GA:

    Sie ist im September 1973 in der vollbesetzten Kathedrale von Ely aufgenommen worden, und in ihr singt Janet Baker, die ich persönlich für eine der größten Mahler-Sängerinnen halte, das Urlicht, und Sheila Armstrong singt die Sopranpartie. Und ich darf dir versichern, im Verein mit der London Symphony und dem Edinburgh Festival Chorus ist das eine gigantische Aufnahme in jeder Beziehung, woran Dame Janet natürlich einen sehr großen Anteil hat. Aber es ist eine DVD, die nicht kopierbar ist.
    Wenn du jedoch 20,33 € erübrigen kannst, schickt sie ZOverstockDE, und du erhältst drei herausragende Aufnahmen der 1., 2. und 3. Symphonie. Für den dreifachen Preis erhältst du alle Neune samt Lied von der Erde, Lieder eines fahrenden Gesellen, Rückert-Liedern, Kindertoternliedern und Wunderhornliedern mit der wunderbaren Lucia Popp, die im Wechsel mit Walton Groenroos die Wunderhornlieder singt und der große Thoma Hampson singt die Lieder eines fahrenden Gesellen , die Rückertlieder und die Kindertotenlieder, alles zusammen auf insgesamt 9 DVD's.
    Das Lied von der Erde singt Christa Ludwig im Verein mit Rene Kollo in einer Aufnahme von 1972. Ich kann nur sagen, die Anschaffung lohnt sich m. E. Es ist diese Box:


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber Norbert,


    Mahlers 9. habe ich auch noch mit Solti/Chicago SO (Decca) und Chailly/Royal Concertgebouw Orkest (Decca). Mir erscheint der Ansatz des frühen Bernstein aus New York deutlich plastischer in den verschiedenen Instrumentengruppen als Chailly in Amsterdam. Solti werde ich demnächst hören.



    LG Siamak

  • Ich habe vorhin die Aufnahme Bernsteins aus Berlin vom März 1971 gehört und gesehen, die dieser im Alter von 52 Jahren dirigierte. Er wurde mit starkem Beifall begrüßt, und leider war das das Einzige, das man hören konnte. Den Schlussbeifall (-jubel) hat man leider ausgeblendet (ob Maestro Karajan da seine Hände im Spiel hatte ?(:D:D )
    Soviel vorab: als larmoyant habe ich Bernstein auch hier in keinster Weise empfunden, die Aufnahme entstand gerade mal 3 Jahre nach der New Yorker Aufnahme. Was schnell klar wurde, war ein Lenny, wie wir in alle kennen: motiviert bis in die Haarspitzen, sich emotional voll auf die Musik einlassend, ich würde sogar soweit gehen zu sagen: voll in ihr aufgehend. Aber das hat m. E. mit Larmoyanz nichts zu tun. Und wie andere Dirigenten auch dehnte sich bei Bernstein der Kopfsatz temporal etwas mehr aus als das Schlussadagio.Allerdings ist es bei Chailly umgekehrt. Das wird deutlich, wenn ich gleich Bernsteins Satzzeiten dieser Aufnahme mit denen zweier großer Mahlerdirigenten unserer Tage, Riccardo Chailly und Paavo Järvi, vergleiche.
    Im Kopfsatz: Andante comodo, wurde schnell klar, dass Bernstein nicht nur die lyrischen Stellen wunderbar musizieren ließ, sondern auch die Musiker antrieb, die reichlich vorhandenen dissonanten Stellen, die vielen Reibungen, so klar wie möglich herauszustellen. Auf diese Weise wurde ein, wenn man das so sagen kann, moderner, ja auch nüchtern-dramarischer Mahler deutlich.
    Dies wurde auch in den intensiven Steigerungen des "Ländlers" deutlich, der dann ganz gewiss keiner mehr war. Und der 3. Satz, diese seltsame Rondo-Burleske, kam so entfesselt rüber, wie ich sie mitreißender noch nie gehört habe. Bei Chailly und Järvi ist es ähnlich intensiv, aber keineswegs mitreißender.
    Und kommen wir nun zum Adagio, das Mahler ja sehr langsam gespielt haben will. Ich denke, dass Bernstein hier den Komponistenwillen eins zu eins umsetzt, auch wenn ich keine Partitur habe, aber ich meine, dass er hier mit seinem Orchester vollkommen in den Kern der Musik vorgedrungen ist, dass man so mit seinem Kollegen Günter Wand sagen könnte: So, und nicht anders. Aber das ist nur meine Meinung, jedoch meine ich, dass er ja auch als Komponist denkt, dass er das nicht vollkommen ausblenden kann und so vielleicht es einfacher hat, sich in Mahler hineinzuversetzen. Und nun zum Schluss die Vergleichszahlen:


    Bernstein 1971: 27:39-16:20-11:43-26:09 --- 81:51 min.;
    Järvi 2009:........29:15-16:45-12:57-25:44 --- 84:41 min.;
    Chailly 2013: .....26:17-14:05-12:47-29:38 --- 82:47 min.;


    Wenn ich mich recht entsinne, (ich konnte natürlich nicht alle drei Aufnahmen anhören und -sehen, war zumindest die Zeit des Schlusssatzes bei Chailly brutto (also mit Schlussbeifall. Wie dem auch sei, es gab Ähnlichkeiten, z. B. bei Bernstein und Järvi im 2. Satz und bei Järvi und Chailly im Rondo, wo sie doch etwas langsamer waren als Bernstein, und Bernstein war in keinem Satz der Langsamste.
    Und noch ein Aspekt: Bei der Aufnahme war Bernstein 52, Järvi 46 und Chailly 60.


    Liebe Grüße


    Willi :)


    P.S. Das Frontvover der Chailly-Aufnahme ist von Neo Rauch.

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich habe Mahlers Neunte über die New Yorker Bernstein-Aufnahme kennengelernt, die legendäre CBS LP-Box mit allen Symphonien war meine erste größere Investition im Klassikbereich überhaupt. Ich halte seine New Yorker Aufnahimen nach wie vor in den meisten Fällen für interpretatorisch die besten. Beim Schlusssatz der Neunten fällt schon allein die deutlich kürzere Spielzeit gegenüber den späteren auf, er bleibt hier unter 23 min.


    Die Box enthält auch die 2. Symphonie aus London mit Janet Baker ! In den Neuauflagen auf CD und Vinyl ist immer die noch frühere Aufnahmen mit Tourel enthalten.



  • Dann wollen wir mal abwarten, ob, und wenn ja, was sich am nächsten Samstag (25. 8.) tut, wenn Bernsteins 100. Geburtstag ist. ?(


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich habe Mahlers Neunte über die New Yorker Bernstein-Aufnahme kennengelernt, die legendäre CBS LP-Box mit allen Symphonien war meine erste größere Investition im Klassikbereich überhaupt. Ich halte seine New Yorker Aufnahimen nach wie vor in den meisten Fällen für interpretatorisch die besten. Beim Schlusssatz der Neunten fällt schon allein die deutlich kürzere Spielzeit gegenüber den späteren auf, er bleibt hier unter 23 min.


    Lieber lutgra,


    das ist eine interessante Aussage, die natürlich noch keinen Rückschluss auf die Interpretation zulässt, aber mich immerhin verleitet hat, die 9. Sinfonie (zusammen mit der 7. und dem Adagio der 10.) für einen Appel und ein Ei (2,49 €) zu bestellen. Ich kann mir also demnächst mein eigenes Bild machen...

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Es gab Mahler 2 mit Baker mal auf CD und auch auf Video/Laserdisc. Bloß nie in einer der Boxen der Mahlersinfonien



    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Womit wir wieder beim Kitsch-Thema wären, lieber Norbert. :D Wenn man allerdings an den letzten Satz der 3. denkt, der mit dem der 9. ja eine unverkennbare Verwandtschaft hat, dann sagt Mahler zu diesem, dass dort das "Ixionsrad der Erscheinung" (also Werden, Bewegung) "stillgestellt" sei und sich alles in "Ruhe und Sein" aufgelöst habe. In dieser Hinsicht macht Bernstein nun nichts falsch, sondern nimmt Mahlers Programmatik geradezu wörtlich. Vertretbar jedenfalls ist das also, was Bernstein macht. :hello:


    Schöne Grüße
    Holger


    Lieber Holger,


    wo interpretiert wird, gibt es selten ein objektives "falsch" oder "richtig". ;)


    Gerade der "späte(re) Bernstein" polarisiert mit seiner "subjektiven Sicht der Dinge" mit zum Teil extrem langsamen Tempi so sehr wie kaum ein anderer Dirigent. Damit hat er mir z.B. den Weg zu Schumanns oftmals als problematisch empfundener 2. Sinfonie geebnet, mich aber bei z.B. Sibelius, Tschaikowskys 6., bei Dvoraks 9. und eben auch beim Schluss-Adagio von Mahlers 9. zu heftigem Kopfschütteln veranlasst.


    Bei Sibelius, fällt mir gerade ein, liebe ich seine früheren Aufnahmen aus New York, kann mit den späteren aus Wien aber gar nichts anfangen. Vielleicht ergeht mir ja ähnlich mit Mahlers 9...

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Zitat

    Johannes Roehl: Es gab Mahler 2 mit Baker mal auf CD und auch auf Video/Laserdisc. Bloß nie in einer der Boxen der Mahlersinfonien


    Da irrst du dich, lieber Johannes, wie ich glaube, in Beitrag 227 hinlänglich bewiesen zu haben:
    Die Zweite, die im September 1973 in der Kathedrale von Ely, einer Stadt im Osten der Grafschaft Cambridgeshire in East Anglia, England, aufgenommen wurde, war und ist zweifellos Inhalt dieser Box:



    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich zitiere Ausschnitte aus meinem Beitrag Nr. 204 in diesem Thread:
    "denn ich war auch 2013 im Gewandhaus zur Mahler 9. Ich kann Deine
    Einstellung voll und ganz bestätigen. Diese wunderbare Sinfonie, die in
    meinen Augen stellenweise (besonders im "ersterbenden" 4. Satz) pure
    Verzweiflung ausdrückt (durchaus in ähnlicher Grundstimmung wie im 3.
    Satz der 9. Bruckner), gehört zum Ergreifendsten, was je aus der Feder
    eines Komponisten gekommen ist. Und ich stehe voll dazu, in diesem
    Konzert an die psychischen Grenzen dessen gekommen zu sein, was Musik
    bewirken kann. Du wirst Dich dann auch noch erinnern, daß der Applaus
    erst mit großer Verzögerung verhalten einsetzte, um sich zur Ovation zu
    steigern. Ein unvergeßliches Erlebnis. Sein Weggang aus Leipzig konnte
    bisher durch Nelsons noch nicht kompensiert werden, aber er hat ja noch
    Zeit.

    Meine erste Begegnung mit Mahler 9 hatte ich zum Mahlerfest
    2011, als die Wiener unter Gatti in Leipzig gastierten. Die Eindrücke
    waren ähnlich wie später mit dem GWO. Ich hätte nicht geglaubt, daß
    diese Aufführung getoppt werden kann. Sicher auch ein Verklärung an den
    Mythos "Wiener Philharmoniker", die ich damals zum ersten und bisher
    einzigen Male erleben durfte. Aber Chailly hat mit den Leipzigern 2013
    bestätigt, daß es Momente gibt, wo er und sein GWO sich selbst hinter
    den Wienern nicht zu verstecken braucht. "


    Wie kann man diesen extrem traurigen Satz, der die Todesahnung eines Musikgenies beschreibt, der dazu Textnotizen auf seiner handschriftlichen Partitur hinterlassen hat, der Verzweiflung, Enttäuschungen, Krankheit, den Tod eines Kindes zu verarbeiten hat auch nur ansatzweise in die Nähe von Kitsch verschieben?? Für meinen Geschmack ist der Finalsatz der 9. (ähnlich, aber mit anderem Ausgang wie der erwähnte Finalsatz der 3.) nur zu verstehen im Kontext mit seiner Biographie. Wer nicht weiß oder wissen will, wie Mahler sich bei der Komposition gefühlt hat, kann auch das langsame und leiseste Verhauchen seiner 9. emotional nicht verstehen. Um diese Sinfonie zu hören, bedarf ich einer dazugehörigen Stimmung. Ich könnte es mir niemals aus reinen Vergleichszwecken antun, diesen 4. Satz mehrfach hintereinander in verschiedenen Interpretationen anzuhören. Dann würde ich vielleicht auch das Emotionale vergessen und nur das Rationale erleben wollen. Aber das will ich bei dieser Sinfonie nicht (übrigens auch nicht bei Mahler 10 oder Bruckner 9). Dazu ist sie mir zu ergreifend.
    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Zitat

    La Roche: Um diese Sinfonie zu hören, bedarf ich einer dazugehörigen Stimmung. Ich könnte es mir niemals aus reinen Vergleichszwecken antun, diesen 4. Satz mehrfach hintereinander in verschiedenen Interpretationen anzuhören. Dann würde ich vielleicht auch das Emotionale vergessen und nur das Rationale erleben wollen. Aber das will ich bei dieser Sinfonie nicht (übrigens auch nicht bei Mahler 10 oder Bruckner 9). Dazu ist sie mir zu ergreifend.


    Lieber La Roche,
    ich behaupte sogar, dass man nur über die Emotion die Kernaussage dieser Musik erfahren kann. Und das habe ich auch heute Nacht wieder gemerkt, als ich die Bernstein-Aufnahme wieder hörte und sah. Diesen solchen Geheimnissen des Lebens kann man allein mit dem Verstand nicht beikommen. Sicher, er hilft, uns im konkreten Fall eine zutreffende Einheit von Tempo, Dynamik und Rhathmus festzustellen, in der diese Gefühle geweckt werden können. Und zu allererst fühlt dies der Komponist, wenn er von einem bestimmten Ausgangspunkt aus beginnt, in Noten niederzuschreiben, was er fühlt.
    Schon Goethe erkannte dies, als er seinen Faust zu Wagner sagen ließ: "Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nie erjagen..."


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Wenn du diese meinst, lieber Holger:

    Ja, lieber Willi. Die habe ich auch gesehen - und ist mir zu teuer. Mal sehen, vielleicht kommt ja zu Bernsteins 100. noch etwas raus, dass ich an die Aufnahme komme. Nach dem Urlaub werde ich mich umschauen! :)

    Damit hat er mir z.B. den Weg zu Schumanns oftmals als problematisch empfundener 2. Sinfonie geebnet, mich aber bei z.B. Sibelius, Tschaikowskys 6., bei Dvoraks 9. und eben auch beim Schluss-Adagio von Mahlers 9. zu heftigem Kopfschütteln veranlasst.

    Ich erinnere mich auch an Bernsteins 6. Tschaikowsky, lieber Norbert - und das zerdehnte Finale hat bei mir auch nur "heftiges Kopfschütteln" vervorgerufen. :D

    Diese wunderbare Sinfonie, die in meinen Augen stellenweise (besonders im "ersterbenden" 4. Satz) pure Verzweiflung ausdrückt (durchaus in ähnlicher Grundstimmung wie im 3. Satz der 9. Bruckner), gehört zum Ergreifendsten, was je aus der Feder eines Komponisten gekommen ist.

    Dieser Satz - und der 1. Satz der 10. ist wirklich radikal, finde ich, was in der Musikliteratur seinesgleichen sucht. Mahler hat da das Sterben auskomponiert, die Musik "stirbt", löst sich auf, verstummt mehr und mehr bis zum völligen "Aufhören". Das ist wahrlich sehr berührend!


    Schöne Grüße
    Holger

  • Nur kurz zu Chaillys Amsterdamer Mahler. Ich habe vor einem halben Jahr die die komplette Aufnahme (Einzel-CDs mit dem interessanten Zusatzprogramm) von meinem alten holländischen Freund übernommen, ein großer Mahler-Liebhaber, der sie aus seiner Sammlung aussortiert hat. Zwischenfazit: Bislang ist der Chailly-Mahler für mich eine wirklich totale Enttäuschung! Die 7. ist interpretatorisch schwach, die 1. nicht berauschend, die von der Kritik so in den Himmel gelobte 4. habe ich gerade gehört, sie schwankt zwischen gähnender Langeweile und aufgesetzten Gesten, mit einer fürchterlich opernhaften, affektierten Barbara Bonney im Wunderhorn-Lied am Schluss. Das ist ein völliger Fehlgriff im Ton. Dies ist die mit Abstand langweiligste Aufnahme der 4. in meiner Sammlung! Dagegen den spätromantischen Berg auf der CD, das kann Chailly wirklich! Ich verstehe jetzt die kritischen Töne aus Holland, wo man schon länger sagte, Chailly sei einfach kein Mahler-Dirigent. Ich bin mal auf die 9. gespannt - die habe ich noch nicht gehört!


    Schöne Grüße
    Holger

  • Ich habe Mahlers Neunte über die New Yorker Bernstein-Aufnahme kennengelernt, die legendäre CBS LP-Box mit allen Symphonien war meine erste größere Investition im Klassikbereich überhaupt. Ich halte seine New Yorker Aufnahimen nach wie vor in den meisten Fällen für interpretatorisch die besten. Beim Schlusssatz der Neunten fällt schon allein die deutlich kürzere Spielzeit gegenüber den späteren auf, er bleibt hier unter 23 min.


    Die Box enthält auch die 2. Symphonie aus London mit Janet Baker ! In den Neuauflagen auf CD und Vinyl ist immer die noch frühere Aufnahmen mit Tourel enthalten.





    In dieser LP-Ausgabe steckt auch die Tourel-Aufnahme. Der Zyklus verteilte sich ursprücnglich auf drei LP-Boxen, die große Box mit allen Sinfoniien kam erst später. Da ich mit der zweiten dieser Boxen angefangen hatte (Sinf. 1, 3 und 4) kam die große Kiste für mich nicht in Frage.Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.