Diskussion Regietheater kontra traditioneller Aufführungsstil

  • Am 28. Juni erscheint in der Beilage "extra" der "Wiener Zeitung" ein Artikel zur Diskussion Regietheater kontra traditionellem Aufführungsstil. Ich habe keine Ahnung, in welche Richtung der Text geht, Grundlage ist, sagt der Kollege, ein Inszenierungsvergleich - allerdings im Bereich Schauspiel.


    :hello:

  • Also, ich weiß nicht: Irgendwie passt die Bezeichnung "Staubi" viel besser auf die Anhänger des Regietheaters. Habe jetzt mehrere Wiederaufnahmen von derartigen Inszenierungen gesehen und festgestellt, wie veraltet die Kisten wirkten.


    Die taugen überhaupt nicht für Repertoiretheater, sie rufen bei der Premiere kurzfristig Kontroversen hervor und dann werden sie abgespielt und können eigentlich in der Mottenkiste verschwinden. Doch da kein Geld dafür da ist alle zwei Jahren eine neue Carmen, Bohème, Traviata oder eine andere Repertoirestütze zu präsentieren, holt sich der Opernbesucher über zig Spielzeiten eine Staublunge bei den ewig gleichen political correct-Botschaften der "modernen" Regisseure. LANGWEILIG!!!!!

  • Zitat

    Original von Knusperhexe
    [...] holt sich der Opernbesucher über zig Spielzeiten eine Staublunge bei den ewig gleichen political correct-Botschaften der "modernen" Regisseure. LANGWEILIG!!!!!


    Zustimmung!


    :hello:

  • Es ist sicher vollkommen richtig, daß viele aktuelle Regietheaterinszenierungen unglaublich schnell veralten bzw. sowieso absolut überflüssig sind (ein besonders drastisches Beispiel dafür ist der aktuelle Leoni/Puccini-Doppelabend an der Oper Frankfurt in der Regie von Sandra Leupold - eine Unverschämtheit ersten Ranges!), aber es gibt eben auch die Ausnahmen.


    Und eine solche ist die Inszenierung der "Frau ohne Schatten" von Christof Nel an der Oper Frankfurt. Die Premiere fand bereits 2003 statt, es gab bereits mehrere Wiederaufnahmen und momentan läuft die definitiv letzte Serie überhaupt, dann wird diese Jahrhundertinszenierung abgesetzt.
    Hier erlebt man den seltenen Fall, daß eine Inszenierung über die Jahre reift und an Tiefe gewinnt, ohne modifiziert zu werden. Silvana Dussmann als Kaiserin und Terje Stensvold als Barak waren schon 2003 dabei und sind mittlerweile mit ihren Rollen "verwachsen". Sebastian Weigle, der für sein Dirigat 2003 "Dirigent des Jahres" wurde, hat mittlerweile zu einer noch stärkeren Intensität und Ernsthaftigkeit gefunden und führt das Opernorchester zu einer absolut grandiosen Leistung, die mir persönlich als nicht mehr überbietbar vorkommt. Hier hat jedes Detail dieser irrsinnig komplexen Partitur seinen natürlichen Platz, jede Phrase wird ernstgenommen, jeder Akt erfährt eine gewaltige Steigerung - es ist wahrhaft atemberaubend (und ich sage so etwas nur sehr selten).
    Die gestrige Vorstellung bildete den vorläufigen Höhepunkt. Die Intensität war mit Händen greifbar, das Publikum merkbar konzentriert, ergriffen, begeistert. Silvana Dussmann identifizierte sich im 3. Akt derart mit ihrer Rolle, daß sie kurzzeitig im Text stolperte (im Melodram, dem emotionalen Höhepunkt), obwohl sie die Rolle in- und auswendig kennt. Solche Momente zeigen mir, daß hier keine Routine geboten wird, sondern absolut packendes Musiktheater.
    Das Bühnenbild mit seiner imaginierten kargen Schattenwelt, seiner alptraumhaften Bedrohlichkeit und seinen plötzlichen Wandlungen (durch einen genialen Drehbühneneinsatz) kann nur als kongenial bezeichnet werden. In den Orchesterzwischenspielen imaginiert die Drehbühne die Verwandlungen einfach nur perfekt.
    Am kommenden Sonntag gibts nun die endgültig letzte Vorstellung.

  • Was ich bezeichnend finde: Die Opernhäuser spielen immer mehr vor leeren Rängen. Bei den von mir in den letzten Wochen besuchten del Monacos, Krämers, Deckers und Hilsdorfs waren die Beucherreihen arg gelichtet. Nächste Woche habe ich mir todesmutig mal wieder den Krämer`schen Hoffmann in Köln vorgenommen - mitsamt Müllkippe, Straßenbahn und Hochsee-Yacht. Wobei man mich aufmerksam machte, dass das, woraus Antonias Mama raschelnd und knisternd hervorkriecht, keine Müllkippe sondern ein vergammelter Lady Di-ähnlicher Präsentberg sein soll... Knistern tut es trotzdem und letztendlich ist es ja dennoch Müll.

  • Hallo, Knusperhexe!


    So etwas tust Du Dir an? Dafür wäre mir meine Zeit zu schade . Noch nicht einmal 100 Euro vom Regisseur auf meine Hand könnten mich nicht locken. Bei soviel Schwachsinn steigt mein Blutdruck ins Unermessliche! Nein, danke!



    Gruß Wolfgang

  • Ich könnte mir denken, dass ich mir eine Inszenierung der "Frau ohne Schatten", so wie sie Agon schildert, durchaus ansehen würde. So habe ich auch in einem Beitrag mal "Tristan und Isolde" von Patrice Chereau in Mailand, dessen "Jahrhundertring" ich nichts abgewinnen konnte, als durchaus sehenswert geschildert. Aber das sind leider Ausnahmen. Viele der angesprochenen sogenannten "Regisseurtheaterinszenierungen" konnte ich bisher leider nur als vöölig verunstaltet ansehen. Inszenierungen wie Knusperhexe sie erwähnt hat, würde ich mir nicht antun


    Liebe Grüße und gute Nacht
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Zitat

    Nächste Woche habe ich mir todesmutig mal wieder den Krämer`schen Hoffmann in Köln vorgenommen - mitsamt Müllkippe, Straßenbahn und Hochsee-Yacht. Wobei man mich aufmerksam machte, dass das, woraus Antonias Mama raschelnd und knisternd hervorkriecht, keine Müllkippe sondern ein vergammelter Lady Di-ähnlicher Präsentberg sein soll... Knistern tut es trotzdem und letztendlich ist es ja dennoch Müll.


    Hallo, Knusperhexe! Das meinte ich!



    Gruß Wolfgang

  • Hätte man die Freikarten nicht im Blindeninstitut verteilen können? Die wären dankbare Abnehmer, vermute ich.


    Grüße aus den Müllhalden in Wiens Staatsoper
    von Fritz

  • Vorausschicken möchte ich, dass ich weder Gegner noch Befürworter "moderner" Inszenierungen bin; mir persönlich ist wichtig, dass die in der Partitur vorhandenen Hinweise eingehalten werden, und der Regisseur das Werk nicht entstellt, indem beispielsweise der Text nicht mehr zur Aktion auf der Bühne passt.


    Als Fan der Oper "Salome" beispielsweise habe ich nichts dagegen, wenn eine "moderne" Inszenierung keinen Palast von vor 2000 Jahren zeigt, dafür eher abstrakte Kulissen, die stimmungs- und kunstvoll ausgeleuchtet sind. Solche Inszenierungen habe ich schon gesehen, und es gab auch sehr kreative Einfälle, etwa beim Schleiertanz - Einfälle, die einem eine neue Sichtweise etwa auf die Musik ermöglichen.


    Wenn es dann aber zu krasse Dinge sind (wenn aus Herodes plötzlich Karl Lagerfeld wird, oder zum 1000. Mal Salome als Missbrauchsopfer von Herodes gesehen wird, was sie definitiv nicht ist), dann schalte ich ebenfalls ab.


    Umgekehrt habe ich aber auch keinen Spaß an "altmodischen" Inszenierungen, wobei ich hier "altmodisch" im negativen Sinne meine. Beim "Figaro" erlebe ich das ständig: die Oper, und noch mehr das Theaterstück von Beaumarchais, sind Satiren gegen den Adel, der sich zu dieser Zeit wirklich entsetzlich aufgeführt hat. Da gibt es echt scheußliche Berichte über Folter, Vergewaltigungen, Ausbeutung der Leibeigenen, dem Dreck und den Epidemien, usw. usw.
    Natürlich ist die Oper (auch wegen der Zensur von damals) nicht mehr sonderlich politisch, aber dennoch: wenn ich sehe, wie aus diesem Stück nur eine nette kleine Slapstickkomödie wird, wo alles sauber und hübsch ist, dann muss ich das ebenfalls kritisieren.


    Das wollte ich vorausschicken, damit klar ist, wie meine Haltung zu Opernaufführungen ist.


    Was mich aber immer wundert ist, wenn Leute sich über Modernisierungen auf der Bühne aufregen, aber überhaupt kein Problem damit haben, dass das, was im Orchestergraben passiert, ebenfalls werkentstellend ist, durch die Verwendung "moderner" Instrumente! Im Graben finden weitaus größere Modernisierungen statt, gegen die ein paar Männer mit Krawatte auf der Bühne gar nichts sind.


    Wenn wir bei Mozart bleiben: seine Musik damals war wesentlich rauher und härter als wir es heute kennen: die Naturhörner und Trompeten klangen schon bei niedrigeren Lautstärken sehr rauh, die Pauken wurden mit Holzschlägeln angeschlagen, was zusammen mit dem Blech sehr hart klingt.
    Aber auch solche Dinge wie die Tonartencharakteristik, die Mozart so kunstvoll eingesetzt hat, gibt es nicht mehr; ein schönes Beispiel ist die Flöte. Zu Mozarts Zeit war die noch aus Holz und klang in D-Dur am besten. Je weiter weg sie sich von D-Dur bewegte, desto "unschöner" klang ihr Ton, Tonarten mit vielen Vorzeichen mussten mit Gabelgriffen bewältigt werden. Mozart wusste das natürlich und hat diese Klangeffekte der Flöte (und aller anderen Instrumente) gezielt eingesetzt, um gewisse Stimmungen zu erzeugen. Wollte er etwa eine sehr düsteren, unheimliche Stimmung, hat er der Flöte eine Tonart gegeben, in der sie dumpfer und fahler klang.


    Generell gab es zu seiner Zeit noch eine riesige Vielfalt an Instrumenten und Orchester! Jedes Orchester hatte einen anderen Stimmton, andere Instrumente. Reiste man von einem Land ins andere, konnte man ganz neue Klänge hören! Instrumente wurden damals noch von Meistern gefertigt, heute sind sie seit der Industrialisierung vereinheitlichte Massenware.


    Und was ist heute? Heute klingt jedes Orchester genau gleich, die Vielfalt wurde ausgemerzt.


    Heute verwenden die Orchester Ventilhörner und -trompeten, die erst viel später rauh klingen - statt dem rauhen, brutalen Klang, den Mozart wollte, hören wir stattdessen weiche, unauffällige Klänge. Da das Ventilhorn jeden Ton offen intonieren kann, gibt es auch nicht mehr die feinen Schattierungen, die gestopfte Töne erzeugen.
    Im "Freischütz" etwa notiert Weber in der Wolfsschluchtszene für das Horn ein notiertes B, unterhalb des eingestrichenen C. Dieser Ton klingt auf dem Horn sehr dumpf und unschön, und ist auch schwer zu intonieren. Weber hat diesen Ton hier absichtlich verwendet, um eine entsprechende Stimmung zu malen. Doch die Ventilhörner, die man heute verwendet in der Oper, spielen diesen Ton sauber und rein - werkentstellend. Dabei ist von Weber sogar bekannt, dass er Ventilhörner ablehnte, und trotzdem verwendet man sie heute, und regt sich meist darüber auf, dass auf der Bühne nicht die von Weber gewünschten Wälder zu sehen sind :(


    Pauken werden mit Filzschlägel angeschlagen und klingen weicher. Die Stimmung wurde erhöht. Statt der Holzflöte haben wir heute Metallflöten, die in jeder Tonart genau gleich klingen! Das ist perfekt für Stücke, die dafür geschrieben wurden (wie die "Salome" z.B.), aber nicht für Mozarts Musik! Seine ganzen musikalischen Klangfarben, die vielen Schattierungen gibt es nicht mehr.


    Das sind jetzt nur ganz grobe Beispiele, es gibt noch MASSENWEISE andere Dinge, die zerstört werden. Was da im Graben zu hören ist, hat mit Mozart nichts mehr zu tun, aber darüber regen sich leider (noch) zu wenig Leute auf.




    LG,
    Hosenrolle1


  • Gestern entdeckt, steht bald bei mir auf dem Programm. Erste Eindrücke - dafür würde ich bis nach China fahren. Mal sehen, ob die ersten Eindrücke bleiben.


    So wünsche ich mir ein Rheingold inszeniert, da verblasst selbst Karajans berühmte Fernsehinszenierung - aber das hier ist live!!!!. Und bitte, liebe RT-Befürworter, enthaltet euch eurer diskriminierender Kommentare. Ich will das so sehen, ihr sicher nicht, das weiß ich.


    Zu den musikalischen Leistungen kann ich noch nichts sagen. Auch die Götterdeämmerung aus Peking ist eingestellt, nach Walküre und Siegfried muß ich noch suchen.


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Lieber La Roche - das ist mit Sicherheit eine sehr schöne "Rheingold"-Inszenierung, nach der sich hier so mancher Opernbesucher sehnen wird - aaaaaaaaaaaaaber es gibt doch eine Sache, an der ich mich etwas störe: Wagner klingt auf Chinesisch nicht ganz so überzeugend... (Mit der deutschen Sprache hat das, was die Sänger da zum Großteil von sich geben, leider nicht mehr viel zu tun.) ;-)

  • Lieber LaRoche,


    an dieser Inszenierung sieht man, dass es in China noch echte Regisseure gibt und die Seuche, die bei uns herrscht, dort wohl noch nicht so stark - wenn überhaupt - grassiert. Die Aussprache stört mich eigentlich weniger als Cartman. Ich hatte von einiger Zeit auf youtube auch neben diesem "Rheingold" schon die Teile aus der "Götterdämmerung" von der Nationaloper von China entdeckt. Beim längeren Betrachten störten mich allerdings die großen chinesischen Untertitel, aber vielleicht werden die anderen Teile auch noch einmal, so wie "Rheingold" ohne die Untertitel in youtube gesetzt. Wirklich lohnenswert.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • an dieser Inszenierung sieht man, dass es in China noch echte Regisseure gibt und die Seuche, die bei uns herrscht, dort wohl noch nicht so stark - wenn überhaupt - grassiert.


    In China grassieren ganz andere "Seuchen". Amnesty geht davon aus, dass die Hälfte aller Todesurteile, die weltweit gefällt, in China vollstreckt werden. Niemand weiß, wieviele Menschen in Gefängnissen und Lagern verroten. Regimegeger werden gnadenlos verfolgt und verschleppt. Es ist lebengefährlich, in China seine Meinung - wenn sie denn von der offiziellen Linie abweicht - zu äußern. Auch Minderheiten werden erbarmungslos verfolgt und unterdrückt. Es gibt eine der schärfsten Zensuren. Insofern, lieber Gerhard, finde ich Deinen Beitrag unerträglich zynisch und deplaziert. Ich habe lange überlegt, ob ich darauf reagieren soll. Ich tue es, weil ich mir nicht vorwerfen möchte, angesichts solcher Entgleisungen geschwiegen zu haben.

  • Lieber Rheingold,


    du vermengst hier Dinge miteinander, die nichts mit dem Thema zu tun haben. Wir sprechen hier nur über Regisseurstheater. Wer also ist hier entgleist? Deine Argumente sind daher für mich in diesem Zusammenhang weder interessant und ausschlaggebend.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Auch, wenn es hier hauptsächlich um pro oder contra Regietheater geht, lieber Gerhard, und nach dem Gründungsdatum dieses Threads geht es ja schon über neun Jahre alleine hier darum, muss man doch respektieren, wenn Rheingold die diktatorischen und menschenunwürdigen Bedingungen, die in China herrschen, angeprangert hat, und für sich irgendein Lob irgend einer Angelegenheit in China ausschließt, solange dort solche Zustände herrschen.


    Ich habe mal in die Übertragung hineingesehen und vergeblich nach dem Namen des Regisseurs gesucht. In dem Zusammenhang habe ich mal gelesen, ich glaube, es war sogar hier im Forum, dass ein namhafter deutscher Opernregisseur die gleiche Oper, die er hier nach Regietheatermethode inszeniert hat, in China traditionell inszenierte.
    Ich frage mich auch, warum er da überhaupt inszeniert hat. Wahrscheinlich gab es eine Menge Geld dafür. Warum gingen sonst Fußballspieler wie Patrick Aubameyang nach China, um dort Fußball zu spielen?


    So gerne ich traditionelle Operninszenierungen sehe, würde ich eher den Zustand tolerieren, wenn es hierzulande nur noch Regietheater gäbe, als wenn die Gestapo hier wieder aufmarschieren würde.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • In China grassieren ganz andere "Seuchen". Amnesty geht davon aus, dass die Hälfte aller Todesurteile, die weltweit gefällt, in China vollstreckt werden. Niemand weiß, wieviele Menschen in Gefängnissen und Lagern verroten. Regimegeger werden gnadenlos verfolgt und verschleppt. Es ist lebengefährlich, in China seine Meinung - wenn sie denn von der offiziellen Linie abweicht - zu äußern. Auch Minderheiten werden erbarmungslos verfolgt und unterdrückt. Es gibt eine der schärfsten Zensuren. Insofern, lieber Gerhard, finde ich Deinen Beitrag unerträglich zynisch und deplaziert. Ich habe lange überlegt, ob ich darauf reagieren soll. Ich tue es, weil ich mir nicht vorwerfen möchte, angesichts solcher Entgleisungen geschwiegen zu haben.

    Lieber Rheingold,


    als ich meinen Beitrag eingestellt hatte, habe ich mich nur und ausschließlich auf die Inszenierung des Rheingold bezogen. Politische Probleme lasse ich außen vor, denn da müßten wir alle Länder einbeziehen, die nicht so denken, wie es uns täglich eingeimpft wird, von China über Rußland und Polen bis nach Ungarn, von Tschechien über die Slowakei weiter inden nahen Osten mit Türkei, Palästina und Israel bis Syrien, die Araber und weiter über den Atlantik bis zu den USA. Das sind nur Teile der Länder, die sich nicht nach unserem Vorbild richten, auch Österreich gehört dazu. Und selbst bei uns ist vieles aus dem Ruder gelaufen und wir sollten schön still sein, ehe wir mit Steinen auf andere werfen.


    Deshalb sollte hier eine politische Beurteilung nicht stattfinden, dazu gibt es andere Foren. Und von Entgleisung zu sprechen, wenn Gerhard auf einen Opernbeitrag fachlich-sachlich antwortet, das ist einfach ohne Sinne. Oder darf er seine fachliche Meinung nur dann sagen, wenn er eine politische Unbedenklichkeitserklärung abgibt?


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Lieber La Roche, ich möchte dieses Thema nicht vertiefen. Was ich sagen musste, habe ich gesagt. In das von Dir gelobte "Reinhold" aus China habe ich hineingesehen und -gehört. Ich persönlich finde es - gelinde gesagt - unterirdisch. Dennoch respektiere ich Deine Sicht auf dieser Darbietung, die Du sogar Karajans Film vorzuziehen scheinst, voll und ganz.

  • Lieber Willi,


    die politischen Zustände in China, die grundsätzlich nichts in einem Musikforum zu suchen haben, soweit sie nicht direkt das Thema betreffen, und die ich ebenso wie Rheingold verurteile, haben aber wohl nichts mit der reinen Feststellung zu tun, dass das Regisseurstheater in China noch nicht in der Form ausgebrochen ist wie hier im westeuropäischen Raum.
    Ich amüsiere mich nur immer wieder, wie entlegene Dinge, die nicht unmittelbar mit dem Thema zu tun haben, hier als Argumente gegen die Gegner der Entstellung von Meisterwerken und sogar als persönliche Maßregelung gegen diejenigen, die anderer Meinung sind, an den Haaren herbeigezogen werden.
    Im übrigen ist es natürlich bezeichnend, dass ein deutscher Regisseur, der hier meist entstellende Inszenierungen liefert, in China vernünftige Inszenierungen zustande bringt.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • die politischen Zustände in China, [...] haben aber wohl nichts mit der reinen Feststellung zu tun, dass das Regisseurstheater in China noch nicht in der Form ausgebrochen ist wie hier im westeuropäischen Raum. [...] Im übrigen ist es natürlich bezeichnend, dass ein deutscher Regisseur, der hier meist entstellende Inszenierungen liefert, in China vernünftige Inszenierungen zustande bringt.

    Wenn es denn so einfach wäre ... Ist es nicht auch denkbar, dass ein chinesischer (Oper-)Regisseur garnicht anders inszenieren kann bzw. darf, da er sonst Repressalien zu befürchten hätte!? Und an dieser Stelle haben Kunst und Politik eben leider sehr, sehr viel miteinander zu tun, auch wenn immer wieder gerne versucht wird, diese Zusammenhänge (ebenso, wie die von Sport und Politik) weg-zu-ignorieren.

  • Auszugsweise:

    "Das Rheingold", 2016 China National Opera...
    Gestern entdeckt. Erste Eindrücke - So wünsche ich mir ein Rheingold inszeniert. Ich will das so sehen...

    Lieber La Roche
    Das freut mich für Dich und ich wünsche Dir, daß es auch insgesamt ein beglückendes Erlebnis sein wird.
    Ich habe schon mehrmals im TV eine überaus aufwendige großartig inszenierte Turandot gesehen, ebenfalls von einem chin. Regisseur.
    Allerdings hatte ich da keinerlei Gedanken an die gegenwärtigen polit. Verhältnisse und Mißstände in China.


    Die nachfolgenden Beiträge lassen mich diesbezüglich dann allerdings auch etwas konsterniert und ratlos zurück.
    Ich verstehe nicht, wie man von einer begeistert geschilderten Inszenierung, den Bogen zu polit. Mißständen in China schlagen kann.
    Als ich unlängst begeistert über Premieren und Aufführung des "Rigoletto" in Liberec /Reichenberg berichtete, hatte ich ganz sicher
    keinerlei Assoziationen zu irgendwelchen polit. Geschehnissen und Zuständen. Im Gegenteil, es ist gut, wenn man wenigstens in der Oper
    mal abschalten kann von den täglichen Horror - und Schreckensmeldungen und da muß man nicht nur so weit bis nach China schauen!!!


    Herzlichst
    CHRISSY

  • Im Gegenteil, es ist gut, wenn man wenigstens in der Oper
    mal abschalten kann von den täglichen Horror - und Schreckensmeldungen und da muß man nicht nur so weit bis nach China schauen!!!

    Lieber Chrissy, und damit stehe ich voll auf Deiner Seite. Die Fernsehnachrichten bringen täglich aus fast jedem Land der Erde, D eingeschlossen, die schlimmsten Nachrichten. Man muß froh sein, schon ein gewisses Alter erreicht zu haben, denn so wie heute nach allen Seiten und von allen Seiten gehetzt wird, so haben schon oft Kriege angefangen. Wenigstens brauchen wir beide wohl keine Waffe mehr in die Hand zu nehmen. Aber nun sollten wir wirklich aufhören, hier im Forum politisch zu diskutieren.


    Ich möchte bei uns auch keine Nazis wieder aufmarschieren sehen, lieber William B.A., nicht in Natura, aber auch nicht auf der Bühne


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Ich möchte bei uns auch keine Nazis wieder aufmarschieren sehen, lieber William B.A., nicht in Natura, aber auch nicht auf der Bühne


    Herzlichst La Roche


    Jau, kann man so unterschreiben.


    Ich mache mir unabhängig davon auch keinen Kopp, was nun alles an "Unkorrektheiten" durch meine Verhaltensweisen ausgelöst werden KÖNNTE. Unterstütze ich Erdogan, wenn ich einen Döner essen gehe? Muslimbrüderschaften, wenn ich mit der Aida durch den Suez-Kanal fahre? Die Aufrechterhaltung von Guantanamo, wenn ich den Yosemite-Park besuche? Kinderarbeit, wenn ich mir das Taj Mahal angucke?


    Ob ein chinesischer Regisseur Freiheiten hat oder nicht, darüber kann man wohlfeil spekulieren. Oder es lassen.