Leo Nucci - expressiv, aber undifferenziert?

  • Liebe Taminos,


    heute hörte ich zufällig aus Verdis "Ernani" die Cabaletta des Carlo, in der er Elvira ein glückliches Leben an seiner Seite verspricht. Den Sänger konnte ich zunächst nicht einordnen: ein etwas rauer, „körniger“ Bariton und sicherlich ein Singen ohne die Finessen der alten Belcantoschule, aber doch eine Stimme und ein Ausdruck im Singen, die mir gefielen: ein leicht elegischer und verschatteter Tonfall, der mich in diesem Stück eigenwilligerweise ein wenig an die Tenöre Jan Peerce und Richard Tucker erinnerte, und ein gestisches und expressives Singen, bei dem man die Figur gut vor sich sehen kann, auch wenn man den Darsteller nicht sieht.


    In der Absage erfuhr ich dann, dass es der Bariton Leo Nucci war, den ich bisher zwar dem Namen nach kannte und von dem ich vielleicht auch im Rundfunk schon die eine oder andere Aufnahme gehört habe, von dem ich jedoch noch keine größeren Rollenporträts kenne - bei dem Bekanntheitsgrad dieses Sängers sicherlich eine Bildungslücke ( :O), die ich gern schließen würde.


    Von einigen Kritikern wird er ja als eher rau und undifferenziert im Singen dargestellt. Ich halte mich lieber an die Meinungen der Taminos, und eine erste Suche ergab hier deutlich positivere Beurteilungen, z.B. in einigen TMOO-Threads, aber auch heftige Kritiken in anderen Rollen.


    Von diesem Sänger würde ich gern mehr hören und mich über Anregungen, Tipps und Stellungnahmen zu seinen Aufnahmen und Live-Auftritten freuen.


    Liebe Grüße
    Petra

  • Liebe Petra,
    da Leo Nucci seit Jahrzehnten Stammgast an der WSO ist, habe ich ihn natürlich unzählige Male live gehört, Tonträger besitze ich kaum mit ihm, was auch dran liegt, dass er zu den Sängern gehört, die mich nur von der Stimme her nicht so sehr faszinieren. Das heißt jetzt nicht, dass ich ihn schlecht fände, aber als "Gesamtpaket" auf der Bühne beeindruckt er mich mehr.
    Das war nicht immer so, in seinen jüngeren Jahren schätzte ich Leo Nucci auch als Sänger nicht sonderlich, weil er da in meinen Ohren zu penetrante Kraftmeierei betrieb, zu sehr darauf aus war, die mir so verhassten Shows zu bieten ("Hört mal, wie lange ich den Ton halten kann!") und für mein Empfinden einfach immer zu laut war. (Du weißt ja inzwischen, welche sängerischen Untugenden mich auf die Palme bringen ;) :D ) So mochte ich ihn z.B. als Conte di Luna überhaupt nicht. Mit zunehmendem Alter singt er allerdings differenzierter, manchmal sogar beinahe subtil, und bis ich die akustische Bekanntschaft mit Zeljko Lucic schloss, war er unangefochten "mein" Rigoletto (Natürlich erst, nachdem Piero Cappuccilli diese Rolle abgelegt hatte) Dabei ist es aber auch nicht primär die Stimme, aber er zeichnet einfach ein erschütterndes Rollenporträt, sein "Cortigiani, vil razza....." löst jedes Mal minutenlangen Jubel aus (An der WSO, wie es anderswo ist, weiß ich nicht), was natürlich kein objektiver Maßstab ist, aber auch ich finde es immer wieder ergreifend, und am Schluss ist er absolut glaubhaft als verzweifelter Vater, da findet er wirklich herzergreifende Töne. Das war vor 20 Jahren noch anders, da konnte/wollte er seine Stimme nicht so zurücknehmen, da klang für mich alles immer irgendwie gleich. Bestes Beispiel z.B. sein Renato, den ich früher nicht sonderlich goutierte, vor drei Jahren in Zürich aber sang er das "Eri tu" wirklich ganz toll und vor allem mit enorm viel Ausdruck.
    Eine Paraderolle in Wien ist auch der eitle Gockel Belcore im "L'Elisir".
    Ein wenig skeptisch blicke ich allerdings seinem ersten Wiener Simon Boccanegra jetzt im Herbst entgegen, da kann ich mir Leo Nucci nicht gut vorstellen, lasse mich aber gerne überraschen. So kultiviert wie Renato Bruson oder Thomas Hampson wird er wohl nicht singen, aber das berühmte Gesamtpaket Stimme+Schauspiel könnte funktionieren.
    Tja, vielleicht kannst du damit etwas anfangen!
    lg Severina :hello:

  • Liebe Petra,


    herzlichen Dank für diesen (überfälligen) thread!


    Im Gegensatz zu severina hatte ich bislang nur einmal das Glück, Leo Nucci live auf der Bühne zu erleben, das war als Conte di Luna am 4.6.85 in Wien. Ursprünglich wollte ich damals nur zwei Tage später in die Premiere Cavalleria/ Bajazzo gehen, bekam dann aber kurz zuvor noch den Geheimtipp, dass da ein sehr guter jüngerer Bariton singe, den ich mir unbedingt anhören solle.


    Ich war sofort begeistert, die von severina beschriebene Kraftmeierei fiel mir nicht so auf, aber wie sie schätze und schätze ich das "Gesamtpaket", denn Nucci hat eine großartige Bühnenpräsenz.


    Zwei DVD aus jüngerer Zeit geben einen sehr guten Endruck hiervon.


    Zum einen das berühmte "Elisir" aus Wien, wo Nucci als Belcore beweist, dass er auch über eine gehörige Portion Selbstironie verfügt:




    Zum andern dieser Rigoletto aus Zürich - eine sehr eindringliche Rollengestaltung, und dazu ein Sängerfest mit Elena Mosuc, Piotr Beczala, Laszlo Polgar unter Nello Santi:





    Zitat


    rau und undifferenziert im Singen


    ist Leo Nucci m.E nicht, allerdings ordnet er des öfteren den schönen Ton der Darstellung unter.



    Leo Nucci dürfte der Bariton sein, der in meiner Sammlung mit am häufigsten vertreten ist (sogar häufiger als George London, was daran liegt, dass es von Nucci mehr Einspielungen gibt) - Fortsetzung folgt!



    LG, Elisabeth

  • Liebe Severina und liebe Elisabeth,


    danke für Eure Anregungen, mit denen ich garantiert etwas anfangen kann! Das scheint ja endlich einmal ein Sänger zu sein, der mit zunehmendem Alter besser und differenzierter wird (oft wird ja eher das Gegenteil beklagt).


    Ich habe mich tatsächlich zuerst an der Stimme festgehakt, die vielleicht nicht "schön" im Sinne von "rund", "sonor" oder "warm" zu nennen ist, aber in meinen Ohren einen ganz eigenartigen gebrochen-traurigen Ton hat (was sicherlich auch von Rolle zu Rolle variiert) und im Singen sehr suggestiv wirkt. Ich habe dabei auch sofort an den Rigoletto gedacht, und wenn Ihr beide diesen als eine seiner großen Rollenporträts nennt, werde ich wohl damit anfangen.


    In einem Verzeichnis über Gesamtaufnahmen habe ich eine Aufnahme aus den 80er Jahren gefunden, aber was Elisabeth hier aufgezeigt hat, ist schon von den Namen her ein Sängerfest für mich: auch Mosuc, Beczala und Polgár sind Sänger, die ich allesamt gern höre (besonders Polgár).


    Das "Elisier" hatte ich mir schon wegen Villazón und Netrebko vorgemerkt, das wäre dann ja auch eine Gelegenheit, Nucci im Buffofach zu erleben.


    Liebe Grüße
    :hello: Petra

  • Liebe Petra,
    ich kann mich Elisabeths Empfehlung nur anschließen: Der Züricher "Rigoletto" war eine ganz tolle Produktion, was die Sänger betrifft, die Inszenierung stört nicht sehr, ist aber leider nicht auf dem in Zürich üblichen Niveau :(
    lg Severina :hello:

  • Einen Scarpia von sehr subtiler Dämonie zeichnet Leo Nucci in dieser Aufnahme:


    Giacomo Puccini (1858-1924)
    Tosca


    Kanawa, Nucci, Aragall,
    National PO, Solti
    Label: Decca , DDD, 85




    Er nimmt die Stimme in der Lautstärke zurück und ist damit nicht auf die erste Begegnung gefährlich, vielmehr kommt die Bosheit dieses Scarpia in den Zwischentönen zum tragen.


    LG, Elisabeth

  • Ja, von mir. Ich kann ihn hier nicht undifferenziert finden - im Gegenteil. Von den Amonasros, die ich gehört habe, gefällt er mir am besten, stimmlich, wie vom Ausdruck. Aber so wahnsinnig tiefschürfende Charaktere bietet die Aida natürlich nicht und sonst kenne ich, glaube ich, nichts von ihm, wenn ich mich jetzt richtig erinnere. Insofern bin ich neugierig, was ihr hier noch anschleppt.


    :hello: Matthias

  • Mich kann Leo Nucci in keiner Aufnahme, die ich mit ihm besitze, sonderlich überzeugen.


    Als Gérard



    kennt er nur eine Lautstärke, nämlich forte, und so wundert es kaum, daß er in seiner Arie "Nemico della Patria" keine Steigerungsmöglichkeiten mehr hat. Man höre sich zum Vergleich einmal Ettore Bastianini, Mario Sereni oder Sherill Milnes an, um zu erfahren, daß es mehr als eine Lautstärke in der Partie gibt...



    Ähnliches gilt für den Belcore



    Da ich die Aufnahme (abgesehen von Kathleen Battle) ohnehin höchst durchschnittlich finde, fällt Nucci weder besonders auf oder ab; ein Ingvar Wixell indes z.B. brauchte nicht durch "Kraftmeierei" oberflächlich zu beeindrucken, er schaffte es durch stimmliche Differenzierung. Ein Stilmittel, das imo Nucci vollkommen abging.


    Seinen Jago ("Otello", in der Aufnahme mit Solti und Pavarotti) und seinen Renato ("Maskenball" mit Karajan und Domingo) habe ich in gleicher Erinnerung. Aber diese Aufnahmen besitze ich längst nicht mehr (nicht nur wegen Nucci... ;) ).

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Lieber Norbert,
    genauso habe ich den jüngeren Leo Nucci immer empfunden: Produzent eines nervigen Dauerforte ohne jeden Willen zu subtiler Gestaltung, aber mit zunehmendem Alter fehlte ihm offensichtlich die Kraft zum Brüllen ;) , und ich erinnere mich noch sehr gut an meine Verblüffung, als ich eines Abends feststellte, dass er eigentlich eine schöne Stimme hat, wenn er nicht forciert, sondern sie einfach weich strömen lässt.
    Und jetzt, quasi am Abend seiner Karriere, höre ich Leo Nucci sehr gerne, als Rigoletto finde ich ihn momentan konkurrenzlos (Lucic habe ich ja erst im TV gehört, noch nie live) Würde ich ihn allerdings nur von Tonträgern her kennen, fiele mein Urteil wahrscheinlich negativer aus...
    lg Severina :hello:

  • Liebe Severina,


    Zitat

    Original von severina:
    ... und ich erinnere mich noch sehr gut an meine Verblüffung, als ich eines Abends feststellte, dass er eigentlich eine schöne Stimme hat, wenn er nicht forciert, sondern sie einfach weich strömen lässt.


    genau das war auch mein erster Eindruck, und ich war deshalb genauso verblüfft, dass das der Sänger sein sollte, dessen vokale Darstellungen immer als laut und ungefügt kritisiert wurden.


    Aber da scheint es ja wirklich " 2 Nuccis" und eine positive Entwicklung zu geben; ich höre mir dann lieber erst einmal die späteren Aufnahmen an (und den Amonasro, denn auf den bin ich auch neugierig, weil ich in dieser Rolle bisher noch keinen ausgesprochenen Favoriten habe, außerdem mag ich das Timbre von Katia Ricciarelli).


    Liebe Grüße an alle, mit Dank für alle Rückmeldungen
    :hello: Petra

  • Zitat

    Original von severina
    Lieber Norbert,
    genauso habe ich den jüngeren Leo Nucci immer empfunden: Produzent eines nervigen Dauerfortes ohne jeden Willen zu subtiler Gestaltung, aber mit zunehmendem Alter fehlte ihm offensichtlich die Kraft zum Brüllen ;) , und ich erinnere mich noch sehr gut an meine Verblüffung, als ich eines Abends feststellte, dass er eigentlich eine schöne Stimme hat, wenn er nicht forciert, sondern sie einfach weich strömen lässt.
    Und jetzt, quasi am Abend seiner Karriere, höre ich Leo Nucci sehr gerne, als Rigoletto finde ich ihn momentan konkurrenzlos (Lucic habe ich ja erst im TV gehört, noch nie live) Würde ich ihn allerdings nur von Tonträgern her kennen, fiele mein Urteil wahrscheinlich negativer aus...
    lg Severina :hello:


    Liebe severina,


    das mit der Kraft hatte ich auch gedacht, aber dann lieber doch nicht geschrieben... ;)


    Leo Nucci ist 66, da wird's allmählich Zeit mit der Stimme hauszuhalten.


    Die von Elisabeth erwähnte DVD hatte ich letztes Jahr zeitweise als Fernseh-Aufzeichnung gesehen. Nuccis Bühnenpräsenz war tatsächlich positiv wahrnehmbar, stimmlich hatte ich nicht sonderlich auf ihn geachtet.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler


  • Diese Beobachtungen liegen aus meiner Sicht daran, das Nucci kein genuiner italienischer Heldenbariton ist, sondern von der Natur ein lyrisches Stimmaterial geschenkt bekam. Wenn so jemand nun aber beispielsweise schwere Partien wie den Jago singen will, bekommt er unweigerlich Probleme, die er lösen muss. Thomas Hampson beispielsweise, ebenfalls ein lyrischer Bariton, hat zwar meines Wissens nach die Hände vom Jago gelassen, aber sich durchaus mit dem Simone und Amfortas an schwerere Kaliber gewagt - und zwar durch kluge Rollendisposition und Betonung der lyrischen Elemente, um seine stimmlichen Mittel nicht zu überziehen - da kann man nun verbliebene Defizite herausstellen, oder aber die Resultate dennoch bewundern.


    Nucci hingegen hat die Lösung offenbar eine zeitlang durch ein - auf mich enervierend wirkendes - Forcieren der Stimme gelöst, das nicht nur sein Timbre entstellt, sondern auch seine durchaus vorhandenen musikalischen und singschauspielerischen Möglichkeiten eingeebnet hat. Mit dem Resultat eines nicht gut fokussierten Dauerforte.
    Insofern sind auch eigentlich alle Aufnahmen, die ich von Ihm kenne (zumeist die älteren), innerhalb der Diskographie verzichtbar, weil ich immer problemlos andere Sänger finde, die ohne stimmliche Grenzübertritte deutlich bessere Ergebnisse liefern.


    Wie es auf der Bühne ausschaut - das Thema hab ich schon des Öfteren mit Severina diskutiert - , ist natürlich eine etwas andere Sache. Aber entzieht sich meiner Beurteilung, ich hab Ihn nie live erlebt - das er Bühnenwirksam ist, kann ich mir gut vorstellen.


    Gruß
    Sascha

  • Nucci war in meiner Wahrnehmung der Bariton, der in der Nachfolge Merrills und Milnes' für fast jede Aufnahme italienischer Opern rekrutiert wurde und in dieser Zeit anscheinend auch so ziemlich alles annahm, was ihm angeboten wurde. Da kann es kaum verwundern, wenn seine Rollenportraits sich alle in der Weise und aus dem Grund ähneln, den Anthracis sehr gut beschrieben hat.


    Den späten Nucci kenne ich noch zu wenig um mir ein gültiges Urteil zu erlauben, aber etwa ab der TRAVIATA unter Solti Mitte der 90er lassen sich tatsächlich zunehmende gestalterische Ambitionen verzeichnen. Insofern teile ich Severinas Beobachtung, wobei allerdings die Phase, in der die Abnutzung seiner Stimme diese Vorteile wieder reduzierte, eher kurz gewesen sein dürfte. Seinen RIGOLETTO kenne ich leider noch nicht.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Den Rigoletto würde ich unbedingt kaufen Rideamus!
    Er ist in dieser Rolle zur Zeit konkurrenzlos.
    Ich habe noch eine DVD der Wiener Staatsoper,wo er
    sehr komödiantisch in Gianni Scicci ist.
    Diese Aufführung müsste Severina kennen und mein Urtel evtl. bestätigen-



    Rita

  • Auch ich habe Leo Nucci nicht live erlebt. Ich kann daher nicht beurteilen, ob sich sein Gesang in den letzten Jahren zum Besseren gewandelt hat, auch wenn ich mir das eigentlich nicht vorstellen kann. Die Gesamtaufnahmen aus den 1980er und 1990er Jahren, die ich kenne, haben mir aber kein allzu positives Bild von diesem Sänger vermittelt.


    Mich stören bei Nucci nicht nur gestalterische Defizite sondern auch stimmliche und, soweit ich das beurteilen kann, auch technische. Vor allem höre ich in seinen Aufnahmen einen deutlichen Registerbruch, der mir nicht gefällt. Die Höhe hat regelmäßig, vermutlich aufgrund des ständigen Forcierens in der künstlich hochgezogenen Bruststimme, eine andere Klangfarbe als die Mittellage. Sie klingt fahl, starr und hat einen nasalen Beiklang. Nuccis Registerwechsel kann man übrigens sogar sehen, wenn man seine Oberlippe beobachtet.


    Den dritten Akt der Abbado-Aida habe ich mir heute noch mal angehört. Nachdem Katia Ricciarelli eine passable, wenn auch in der Höhe angestrengte Nilarie abgeliefert hat (In der ersten Arie hat sie nach meiner Erinnerung größere Probleme), kommt der Auftritt von Nucci als Amonasro. Hier ist er wirklich recht gut, die Stimme ist noch intakt. Auch gestaltet er den Text suggestiv, das ist tatsächlich ein lebendiger Amonasro. Undifferenziert ist er hier jedenfalls nicht. Dennoch fehlt es der Stimme viel zu oft an Durchschlagskraft (z.B. "Non sei mia figlia!"), er forciert. Nicht dass Nucci hier schlecht wäre, aber dieser Amonasro liegt nach meiner ganz persönlichen Meinung nicht deutlich über dem diskografischen Mittelmaß. Da darf man natürlich anderer Meinung sein, aber mich haben zum Beispiel Gobbi und Merrill mehr überzeugt.


    Wo Nuccis Probleme liegen, ist meines Erachtens in anderen, späteren Aufnahmen deutlicher erkennbar. Sein Iago ist ein ebenbürtiger Partner für Pavarottis Otello. Gar nicht gefällt mir auch sein Renato im Ballo unter Karajan und unter Solti. Schon da klingt er für meine Begriffe abgesungen, verfügt weder über eine sichere Tiefe noch über eine ansprechende Höhe und brüllt drauflos, was die Kehle noch hergibt – es ist nicht mehr viel. Schon hier (1989!) war Nucci offensichtlich nicht mehr in der Lage, ein gestütztes Piano zu singen.


    Dass hier der spätere Nucci höher geschätzt wird, überrascht mich daher etwas. Ich hätte eher erwartet, dass bei ihm inzwischen stimmlich nicht mehr allzu viel geht.


    Nichts für ungut, aber aus meiner Aufnahmen-Perspektive ist das nicht mein Lieblingsbariton.

  • Lieber Zauberton,
    mein Lieblingsbariton ist Nucci ganz bestimmt auch nicht, ich würde mir auch nie eine CD wegen ihm kaufen, aber live schätze ich ihn in einigen Partien doch sehr, besonders als Rigoletto, wo ich in den letzten Jahren keinen besseren erlebt habe. Natürlich ist er kein Cappuccilli, aber er berührt mich durch seine Darstellung immer so, dass ich das gerne in Kauf nehme.
    lg Severina :hello:

  • Also mir gefällt seine Stimme nicht sehr. Sie wirkt etwas rauh und unpersönlich auf mich. Live habe ich ihn zum ersten mal im Jahr 2006 gesehen, doch weder in der Sizilianischen Vesper als in Nabucco hat er mich gesanglich überzeugen können. Seine Stimme klingt schon etwas abgesungen auf mich. Wenn ich mir seinen Germont aus London von 1995 anhöre (mit La Gheorghiu) habe ich das gleiche Empfinden. Ein sehr fahler Klang vermittelt sich mir da.
    Als Rigoletto habe ich ihn bis jetzt nicht gesehen. Gerade in dieser Rolle ist eine gewisse Wärme in der Stimme wichtig für mich. Diese kann ich bei ihm einfach nicht erkennen.


    Die nächste Gelegenheit ihn live in Wien zu sehen gibt es im September 2008 als Simon Boccanegra. Hampson hat zuletzt einen schönen Boccanegra gesungen. Bruson ist ja auch ein berühmter Rollenvertreter. Was Nucci angeht habe ich da also so meine Skepsis.


    Gregor

  • Liebe Rita, liebe Severina,


    ich habe mir jetzt mal testweise Ausschnitte seines Rigoletto aus dem Teatro Colon von 1997 angehört, wo er mit Marcelo Alvarez und Sumi Jo sang.


    Selbst wenn ich die nötigen Abstriche für einen schwachen Dirigenten und eine miserable Tonqualität mache, von dieser Live-Aufnahme her bin ich nicht überzeugt.


    Zwar kann man manchen Brüller mit der Rolle und ihrer jeweiligen Situation erklären und entschuldigen, aber auch in den Duetten mit Gilda und dem Schlussquartett ist er weit rauer als nötig. Vielleicht muss man ihn auch spielen sehen um ihn angemessen zu würdigen, aber ein Lucic, ganz zu schweigen von dem seinerzeit im Vergleich zu ihm massiv unterschätzten Kostas Paskalis, spielt da jetzt schon (noch?) in einer anderen Liga.


    Ein Nucci-Fan werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr werden, auch wenn ich seine späte Wandlung zum singenden Schauspieler interessant finde.


    :hello: Jacques Rideamus

  • @rideamus
    Du solltest Dir seine Rigoletto aus Zürich ansehen.Da ist er perfeckt,auch inder Rolleninterpretation.
    In anderer Sache gebe ich den Kritikern Recht,nicht umsonnst stand und steht er im Schatten von Bruson.


    L. G. Rita

  • Ich habe Nucci in den letzten 25 Jahren sehr oft an der WSO gehört - quer durchs Repertoire. Anfangs mit leichter Abneigung wegen seines Hangs zum Dauerforte und seiner charakteristischen Art Töne hochzuziehen. Und jetzt liebe ich ihn sehr, er ist wie guter Rotwein, mit zunehmendem Alter immer besser. Ob es sein berührender Rigoletto ist oder er sich durch den Barbiere blödelt dass er vor Lachen kaum noch sinden kann - immer eine perfekte Einheit von phantastischer Stimme und enormer Bühnenpräsenz. Piu lo vedo che piu mi piace (frei nach Elisir..)
    :jubel:


    LG
    Isis

  • Im Wien wurde im Mai konzertant die selten gespielte Verdi-Oper "I due Foscari" aufgeführt.
    Kritiken hierüber habe ich keine gesehen.
    Nächste Woche wird die Radio-Aufzeichnung im Deutschlandradio Berlin gesendet. Interessant scheint es für mich zu sein, wie sich Leo Nucci hier als Francesco Foscari geschlagen hat:


    DLR Berlin, 23. August 2008 - 19:05 Uhr

    Euroradio-Opernsaison 2007/08
    Konzerthaus Wien
    Aufzeichnung vom 19.5.08



    Giuseppe Verdi
    "I due Foscari",

    Tragedia lirica in drei Akten
    Libretto: Francesco Maria Piave

    Leo Nucci - Francesco Foscari

    Francisco Casanova - Jacopo Foscari
    Manon Feubel - Lucrezia Contarini
    Dan Paul Dumitrescu - Jacopo Loredano
    Jörg Schneider - Barbarigo
    Nina Bernsteiner - Pisana
    Eugen Gaal - Diener des Dogen


    Slowakischer Philharmonischer Chor
    Radio-Symphonieorchester Wien
    Leitung: Bertrand de Billy


    LG


    :hello:

  • Hi Severina!


    Zitat

    Original von severina
    Liebe Petra,
    ...
    Ein wenig skeptisch blicke ich allerdings seinem ersten Wiener Simon Boccanegra jetzt im Herbst entgegen, da kann ich mir Leo Nucci nicht gut vorstellen, lasse mich aber gerne überraschen. So kultiviert wie Renato Bruson oder Thomas Hampson wird er wohl nicht singen, aber das berühmte Gesamtpaket Stimme+Schauspiel könnte funktionieren.
    Tja, vielleicht kannst du damit etwas anfangen!
    lg Severina :hello:


    Er ist sein erster Simone Boccanegra in dieser Inszenierung, aber er hat diese Rolle bereits Ende 1980er-Jahre/Anfang der 1990er-Jahre an der Wiener Staatsoper gesungen (noch in der Strehler-Inszenierung).


    Was meine Erinnerungen betrifft, er ist mir nicht negativ aufgefallen, aber zu sehr beeindruckt hat er mich damals sicher nicht.


    Herzliche Grüße
    Waltrada

    Il mare, il mare! Quale in rimirarlo
    Di glorie e di sublimi rapimenti
    Mi si affaccian ricordi! Il mare, il mare!
    Percè in suo grembo non trovai la tomba?

    Einmal editiert, zuletzt von Waltrada ()

  • Leo Nucci ist ein Bariton, dessen Stimme mir besonders gut gefällt. Für mich ist er ein echter Verdibariton und ich durfte ihn am Opernhaus Zürich zwei Mal erleben. Ich empfinde seine Stimme als sehr warm. Natürlich gibt es Baritonstimmen, die kultivierter klingen.


    Das erste Mal war es die Oper Attila. Der Attila wurde übrigens von Ruggero Raimondi verkörpert und Nucci sang die Paradearie des Ezio einfach wundervoll. Das Haus stand Kopf. :jubel: :jubel:


    Die zweite Begegnung mit ihm war die Oper I due Foscari.



    Es handelt sich hierbei um die Zürcher Produktion, allerdings aufgeführt in Neapel.
    Nicht vergessen sollte man seine Paraderollen Rigoletto.


    Liebe Grüße
    :hello:
    Jolanthe

  • Ich hatte das Glück, Nucci im Jahr 1989 in Wien als Rigoletto zu erleben, und ich war damals von Stimmcharakter, Musikalität und Bühnenpräsenz mehr als beeindruckt und richtiggehend berührt- das war übrigens ein großer Abend, Araiza als Duca, Nucci als Rigoletto und eine Pamela Irgendwas als Gilda.


    Dann habe ich Nucci noch einmal, das muß Mitte der 90er gewesen sein, in Solothurn beim Festival gehört - in einem Divertissement mit jungen Sängern. Stimmlich schon etwas weniger gut, aber immer noch eindrucksvoll.


    Ich glaube, daß er wie einige andere mit Gewinn nur auf der Bühne erlebt werden kann; es gehört da halt alles zusammen, Erscheinung und Stimme. Wo er nur zu hören ist, und sei es bei relativ Seichtem, kann er einem wegen des Einerlei der Gestaltung bisweilen sogar leicht auf die Nerven gehen, so in einer Aufnahme mit Tosti-Romanzen, die wohl nicht ganz zu Unrecht nicht mehr im Handel zu sein scheint, ich habe das Cover jedenfalls nicht mehr gefunden.

  • Heute wird er 70:



    Leo Nucci (* 16. April 1942 in Castiglione dei Pepoli bei Bologna),
    italienischer Opernsänger (Bariton). Ehrenbürger der Stadt Parma.
    Er ist verheiratet mit der italienischen Sopranistin Adriana Anelli und hat mit ihr eine Tochter namens Cinzia.


    :jubel::jubel::jubel:

  • Dienstag, 24. April 2012 - 15:05 Uhr - ORF - Ö1
    Apropos Musik - mit Gottfried Cervenka
    Leo Nucci - zum 70. Geburtstag


    Zitat

    Der klassische italienische Bariton zählt heute zu einer besonders raren Spezies, vor allem wenn man bedenkt, wie viele erstklassige Vertreter dieser Stimmgattung es beispielsweise in den 50er Jahren gegeben hat: Von Gobbi, Taddei, Bastianini, Protti, bis zu den "amerikanischen Italienern" Warren, Merrill, McNeil usw.
    Heute steht der am 16. dieses Monats 70 Jahre alt gewordene Leo Nucci wie ein Fels in der Brandung und überzeugt nach wie vor durch große Intensität und federnde Spitzentöne.


    Titelliste hier: http://oe1.orf.at/programm/301082


    LG

  • Auch ich empfand und empfinde Nucci immer hervorragend. Trotz des fortgeschrittenen Alters ist die Stimme in bester Verfassung. Auch das Urteil er hätte gestalterische Schwächen kann ich nicht nachvollziehen. Mich hat sein Rigoletto immer sehr berührt.
    Ich habe Nucci allerdings fast nur auf der Bühne live erlebt. Gerade reift mein Entschluss, mir eine der im Forum empfohlenen Aufnahmen zuzulegen.
    Danke, liebe Taminos.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Nucci hatte stets und hat noch immer eine eingeschworene Fan-Gemeinde. Ich habe nie dazu gehört. Als ich ihn das letzte Mal in Wien im Maskenball vor ein paar Monaten gehört habe klang er mit wenigen altersbedingten Abstrichen (die er mit enormer Routine wettmacht) genauso wie vor 20 Jahren. Er muss Stimmbänder aus Stahl haben, dass die diese Art zu singen über die Jahrzehnte ausgehalten haben. Ob das allerdings für den jungen Nucci ein Kompliment ist...... Ich kann immer noch nicht meinen Augen trauen, wenn jemand seinen Gesang mit dem Attribut "nobel" versieht. Ich habe ihn immer als an der Grenze zum Grölen empfunden, seine Grimassen-Schneiderei hat mich auch gestört - für mich absolut kein "feinsinniger" Sänger, aber alles ist relativ: gegen Hvorostovsky ist er geradezu ein Belcantist........... :rolleyes: