Mut zur Hässlichkeit: Patricia Petibon

  • Patricia Petibon (* 27. Februar 1970 in Montargis) gehört für mich zu den bedeutendsten zeitgenössischen Sängerinnen. Heutzutage, da viele andere Sängerinnen danach trachten, das Publikum mit Einheitsstimme und gleichförmiger Interpretation zu ermüden, ist sie ein leuchtender Stern am Himmel des klassischen Gesangs. Ihre eigenartige Stimme ist unverwechselbar timbriert, und ihre Interpretationen sind durchdacht und unerhört. Sie scheut sich nicht, mit Klangfarben zu experimentieren, Vokalfärbungen zu übertreiben (ähnlich Tito Gobbi), eigene Kadenzen zu komponieren und gesangsferne Elemente wie Gurgeln, Gähnen etc. in ihre Darbietungen aufzunehmen. Ihrer Stimme stehen unzählige Nuancen zur Verfügung - von kokett bis melancholisch, von Ironie oder gar Parodie bis zur ehrlichen Emotion - und immer lockt die Ablehnung des bloßen Schöngesangs, der Mut zur Hässlichkeit und eine kompromisslose Interpretation.


    Ein großartiges Spielfeld für ihre Kunst hat sie in der französischen Barockoper gefunden, die sie ausschweifend üppig und sinnenfroh gestaltet. Zahlreiche Aufnahmen, besonders unter William Christie, halten diese Facette ihres Schaffens fest. Daneben hat sie jedoch viele moderne Klassiker im Repertoire, etwa Soeur Constance in Poulencs "Dialogues des Carmélites" oder die vier aberwitzigen Kochrezeptvertonungen "La bonne cuisine" von Leonard Bernstein, die ihrem surrealen Humor wohl entgegenkommen, oder die mit sanfter, anmutiger Traurigkeit vorgetragenen "Mélodies passagères" Samuel Barbers (nach Rilke).



    Mit großem Erfolg hat sie sich dann die französische Oper und Operette zu Ende des 19. Jahrhunderts vorgenommen: Auch hier funktioniert eine "Affektausdeutung" nach barockem Vorbild. Ihre CD "French Touch" halte ich für das Beste, was in puncto französischer Spätromantik in den letzten Jahren auf den Markt gekommen ist und für ein gelungenes Revival des französischen Stils, dem weitere Aufnahmen folgen sollten.
    Besonders bemerkenswert ist wohl ihre Darstellung der Olympia, besonders bewegend ihre Manon-Arie "Adieu, notre petite table". Aber sie vermag auch in den Operettenpartien (Chabrier, Messager, Hahn) vollauf zu überzeugen.



    Restlos begeistert war ich auch von einem youtube-Video, in dem sie ein berührendes "Send in the clowns" aus dem Sondheim-Musical "A Little Night Music" aufführt, mit ihrer Leibpianistin Susan Manoff am Klavier - nicht gerade das Kernrepertoire lyrischer Koloratursopranistinnen, aber fabelhaft!
    Eine neue Solorecital-CD soll bei der Deutschen Grammophon im Herbst herauskommen und wird der Klassik im engeren Sinne (Mozart, Haydn, Gluck) gewidmet sein. Man darf gespannt sein.


    Liebe Grüße,
    Martin

  • Lieber Martin,


    herzlichen Dank für diese schöne Threaderöffnung um eine noch lange nicht ausreichend gewürdigte Sängerin. Mir ist sie bislang leider nur gelegentlich in meinem Lieblingsrepertoire begegnet (PLATÉE, Hérolds ZAMPA unter Christie, Offenbach und dank Dir nun auch Sondheim), aber da bin ich begeistert. Eigentlich bin ich kein Freund mehr von Arienplatten, aber ihre Youtube-Ausschnitte, die jeder einmal durchhören und -sehen sollte, haben mich veranlasst, die von Dir verlinkten Aufnahmen ganz oben an die Spitze meiner Kaufwünsche zu stellen.


    Gerne füge ich bei diesem Anlass auch eine Ergänzung zu diesem Thread an: Wenn die Mittsommernacht lächelt - Stephen Sondheims A LITTLE NIGHT MUSIC . Dort habe ich verschiedene Aufnahmen von Stephen Sondheims SEND IN THE CLOWNS verglichen. Patricia Petibon kannte ich damals noch nicht, so dass ich jetzt ausdrücklich betonen möchte, dass sie mindestens eine der allerbesten unter den voll ausgesungenen Versionen interpretiert.


    Gerne werde ich auf diesen Thread zurückkommen, wenn ich mehr und intensiver in ihre bisherigen Aufnahmen hinein gehört habe. In ihrer ganz eigenen Art finde ich sie nicht weniger aufregend und grandios als z. B. Nathalie Dessay, mit der sie Händels ARCADIAN DUETS eingesungen hat. Auch davon gibt es bei Youtube einen sehenswerten Ausschnitt.



    In dem Zusammenhang: ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen, dass es nach fast jahrzehntelanger Durststrecke auf einmal wieder nachgerade eine Fülle hervorragender franzöischer Sängerinnen gibt? Vielleicht - vor allem. wenn noch mehr Männer nachziehen sollten - gibt es ja wirklich berechtigte Hoffnung auf eine Renaissance der französischen Oper - auch nach dem Barock.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Lieber Jacques,


    besonders die "French Touch"-CD müsste dir gefallen! Anders als bei manch anderen Sängern (bei denen ich Arienplatten auch nicht besonders schätze) sind Patricia Petibons Recitals allerdings raffiniert zusammengestellt und in einer Weise dargeboten, wie es bei Gesamtaufnahmen vielleicht gar nicht möglich ist (jedenfalls ist sie dort meistens etwas zahmer) - mehr als nur eine beliebige Reihung von Bravourstücken.


    Was Gesamtaufnahmen betrifft, so sind das vor allem Barockopern, bei denen ich mich bislang noch nicht wirklich auskenne (ist aber ein "Langzeitprojekt" von mir :D ). Sie hat aber eine Werther-Sophie aufgenommen, und den Cupidon in Offenbachs "Orphée aux enfers" unter Minkowski mit Natalie Dessay als Euridice, eine Aufnahme, die auf meiner Wunschliste steht. (Die Arie des Cupidon daraus findet sich - nebst der Arie der Folie aus "Platée" und einigen weiteren Barockarien - auf "Les fantaisies de Patricia Petibon") In der großartigen "Lakmé" mit Natalie Dessay singt sie die winzige Rolle der Ellen. In diesem Bereich würde ich mir noch mehr Gesamtaufnahmen wünschen, etwa eine "Manon" oder vielleicht "L'amour masqué".


    Liebe Grüße,
    Martin

  • Lieber Philhellene, ich bin auch ein grosser Fan dieser Französin par excellence.
    Leider steht sie etwas im Schatten von Natalie Dessay, da sie zum gleichen Stimmfach und zur glecihen Generation gehört.


    Mich hat sie zuerst im Barockrepertoire begeistert und da exemplarisch in der "Air de la Folie" aus Rameaus Platee.
    Dort beweist sie genau den Mut zur "Hässlichkeit" den Du wahrscheinlch hier meinst, indem sie sehr originelle Klangfarben einsetzt und allein mit stimmlichen Mitteln schon grosse Komödie spielt.
    Da ich sie auch live erlebt habe, kann ich sagen, dass ihre schauspielerischen qualitäten denen von Madame Dessay kaum nachstehen und sie vor allem im komischen Fach so begabt ist, dass sie manchmal fast die Grenze zum Grotesk-Lächerlcihen zu überschreiten droht.
    Sie hat in Lille vor Jahren in der Oper ein Recital gegeben, in dem sie mit Wasserpistolen, aufblasbaren Fröschen, Perücken und Ähnlichem hantierte.....
    .Iihre Stimme ist im Laufe der Jahre viel lyrischer und auch grösser geworden, hat aber die Koloraturfähigkeit nciht verloren-also eine serh gesunde Entwicklung ,wie mir scheint.
    Da sie überdies eine ausserordentlich attraktive Frau ( eine Mischung aus Botticelli und Tizian, die in jungen Jahren auf den Covern etwas auf Barock- Femme-Fatale getrimmt wurde) ist, sollte einer weiteren grossen Büuhnenkarriere ncihts im Wege stehen.
    Ich höre sie serh gerne und frreu mcih über diesen Thread.


    Fairy Queen

  • Ja, das ist eine Sängerin... Genau solche sind es, die ich mag: Intelligent, man spürt ihren Humor - und eine grandiose Schauspielerin ist sie obendrein.
    Ich empfehle jedem, der sie sehen will, diese DVD:
    [jpc]3589359 [/jpc]
    Sie ist zwar nur in der letzten Entrée, "Les sauvages", dabei - aber allein dieser Auftritt ist zum Niederknien. Man glaubt, sie sei eigentlich Balletttänzerin. Spielt alle an die Wand - und singt einfach wunderbar!
    Einen kleinen Vorgeschmack gibt's hier: http://www.youtube.com/watch?v=PVs5FxXAHD0


    :hello:

  • Zitat

    Original von Theophilus
    Von Our Man in Elsass geflissentlich übersehen sind folgende Einspielungen:


    Hm. Ertapft. :D


    Liegt aber natürlich nicht an Mme. Petibon. Ich habe beide CDs dennoch entsorgt. Der Threadtitel passt natürlich insbesondere bei den von Dir gezeigten CDs.


    :hello:


    Ulli

  • Alles, was in Zürich in der Oper gespielt wird, kan man anschließend auf DVD bekommen, so auch Mozarts "Entführung" mit Particia Petibon als Blonde:



    Aufnahme: 2003, live, Zürich
    Dirigent: Christoph König
    Orchester des Opernhauses Zürich
    Chor des Opernhauses Zürich
    Chorleitung: Ernst Raffelsberger
    Inszenierung: Jonathan Miller


    Bassa Selim: Klaus Maria Brandauer
    Belmonte: Piotr Beczala
    Blonde: Patricia Petibon
    Konstanze: Malin Hartelius
    Osmin: Alfred Muff
    Pedrillo: Boguslav Bozinsky


    LG


    :hello:

  • Da fällt mir ein, als Blonde habe ich sie auch auf CD, ist schon etwas älter:



    Aufnahme: 1997, Studio
    Dirigent: William Christie
    Les Arts Florissants
    Choeur Les Arts Florissants


    Bassa Selim: Jürg Löw
    Belmonte: Ian Bostridge
    Blonde: Patricia Petibon
    Konstanze: Christine Schäfer
    Osmin: Alan Ewing
    Pedrillo: Iain Paton



    LG
    Harald :hello:

  • Patricia Petibons Stimme kenne ich natürlich hauptsächlich von der französischen Barockoper.



    Und ich teile die allgemeine Bewunderung für die Sängerin.
    Manchmal bin ich allerdings von den extravaganten Photos nochmehr fasziniert :D:jubel:



    eine CD die ihre Fähigkeiten gerade im Gebiet der Barockoper sehr schön zeigt ist zugleich auch ihr erstes Recital:




    Hier singt sie Airs aus
    Lullys "Armide"
    Charpentier "David et Jonathas"
    Rameau "Les Indes Galantes" / Les Fetes de l'Hymen et l'Amour" / "Platee"


    sowie eine Art Kantate von Grandval "Rien du tout"


    besonders schön ist sie aber auch in Mozarts C-Moll Messe anzuhören.





    was allerdings an ihrem Gesang oder ihrer Erscheinung hässlich sein sollte, leuchtet mir einfach nicht ein.


    ?(

  • Zitat

    Original von der Lullist


    was allerdings an ihrem Gesang oder ihrer Erscheinung hässlich sein sollte, leuchtet mir einfach nicht ein.


    ?(


    Ich denke, Martin meinte auch weder sie noch ihre Stimme, sondern ihren Mut, für einen intensiven Ausdruck auch einmal auf schöne Töne zu verzichten und hässliche zu riskieren.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Zitat

    Original von Jacques Rideamus


    Ich denke, Martin meinte auch weder sie noch ihre Stimme, sondern ihren Mut, für einen intensiven Ausdruck auch einmal auf schöne Töne zu verzichten und hässliche zu riskieren.


    Genau das habe ich gemeint. Das kommt vielleicht bei manchen Barock-Gesamtaufnahmen nicht so deutlich heraus, weil sie da, wohl um des homogenen Ensembles willen, ein bisschen zurückhaltender ist als auf ihren Recitals, aber etwa bei "French Touch" drängt sich meine Aussage wirklich auf. (Man höre die Olympia, "Les filles de Cadix", die Lazuli-Couplets oder die emotionsgeladene "Vocalise amoureuse pour soprano éperdue" von Isabelle Aboulker!)


    Ich zitiere aus dem Booklet: ...habe ich mich um eine Interpretation bemüht, die ebenso authentisch wie einfallsreich sein sollte. Die Färbungen der Stimme sind in jeder einzelnen Arie bewusst und bedachtsam gewählt, und, wie ich meine, völlig berechtigt. Sie dienen der Einfühlung in die Musik und der Ausdeutung des Textes, während ich mich gleichzeitig in einem Freiraum bewege, der für jedes schöpferische Wirken unabdingbar ist.


    Aber auch die französischen Barock-Arien auf ihrem ersten Recital, das Matthias gepostet hat, zeigen recht deutlich, dass es ihr um Expressivität und nicht um Gefälligkeit geht.


    Liebe Grüße,
    Martin

  • Die von Matthias empfohlene Barock-Cd besitze ich auch und habe sie in Tamino schon oft eindringlich empfohlen.
    Hier zeigt sich insbesondere in der Wahnsinnsarie aus Platee, was mit Häßlichkeit gemeint ist:


    Petibon greift hier zu regelrecht meckernden Tönen und allerlei "Schrillitäten", um die groteske und beissende Ironie darzustellen. Im langsamen, melodramatischen Mittelteil der Arie, der voll kühner Chromatik ist, weint sie ironisch, klagt und jammert,um dann wieder mit hellen strahlenden Koloraturen zu brillieren.
    Diese Cd hat meine Bewunderung für sie manifestiert.
    Ansonsten empfehle ich noch eine Händel Duett-Cd


    "Arcadian Duets" unter der Leitung von Emmanuelle Haim.
    Ich habe sie bereits ausführlich im Thread "Die besten Aufnahmen des 21Jh" " besprochen.



    Ansosnten ist weder ihre Stimme und schon gar nciht ihre Erscheinung häßlich.
    Sie gehört sogar zu der glücklichen Frauensorte, die mit den Jahren immer schöner werden.
    Die manchmal etwas seltsamen Cover geben das nciht adäquat wieder, finde ich... auch wenn unser Lullist das evtl anders sieht.... :D


    F.Q.

  • Nächsten Samstag bringt Deutschlandradio Kultur die Oper "Zampa" von Herold aus Paris unter William Christie (Rideamus hat sie weiter oben schon kurz erwähnt). Die weibliche Hauptrolle Camille wird von Patricia Petibon verkörpert. Hier die Einzelheiten:


    Samstag, 30. August 20098 - 19.05 Uhr
    Euroradio-Opernsaison 2007/08 im Deutschlandradio Kultur aus Berlin


    Opéra-Comique Paris (Aufzeichnung vom 14.3.2008 )


    Ferdinand Hérold
    "Zampa",

    Komische Oper in drei Akten
    Libretto: Duveyrier de Mélesville


    Richard Troxell - Zampa
    Bernard Richter - Alphonse de Monza
    Patricia Petitbon - Camille
    Léonard Pezzino - Daniel
    Doris Lamprecht - Ritta
    Vincent Ordonneau - Dandolo


    Les Arts Florissants
    Leitung: William Christie


    Also: anhören oder aufzeichnen!


    LG


    :hello:

  • Toller Tipp! Danke, Harald.


    Ich kann mich der Empfehlung zum Mitschneiden nur anschließen. Schon die von Christie mal fetzig, mal beschwingt genommene, bekannte Ouvertüre lohnt es, das Stück zu kennen.


    Danach geht es aber erst richtig los. Wer irgend eine Sympathie für die leichte(re) Oper und insbesondere für die französische hat, wird überrascht sein, wieviel ihr/ihm bislang entgangen ist.


    Ich höre das Werk gerade wieder, während ich das schreibe und kann nur sagen, dass es sich zudem von den drei Aufnahmen, die ich von dem Werk habe, um die deutlich beste handelt - nicht nur, aber auch wegen Patricia Petibon.


    Wenn ich noch einen begeisterten Tamino, nämlich Giselher HH zitieren darf, der die Oper auch im Radio mitbekommen hat:


    "Leider habe ich mich erst vor einer halben Stunde eingeschaltet, aber diese Oper ist wirklich fantastisch. Keine bedeutungsschwere Kost und das Libretto strotzt vor Unglaubwürdigkeit, aber was für eine verschwenderische Fülle eingängiger Melodien in bester französischer Tradition! Ich kannte bisher nur die Arie "Pourquoi trembler?" in einer italienischen Version mit Mattia Battistini, die mir sofort gefallen hat. Da es sich um eine Ausstrahlung im Rahmen der Eurovision handelt und die Aufführung erst etwa einen Monat zurückliegt, hoffe ich, dem Werk noch auf anderen Radiostationen zu begegnen. Es lohnt sich wirklich!"


    Eine ausführlichere Darstellung des Komponisten Ferdinand Hérold, von der aus man auch auf eine längere Inhaltsangabe umsteigen kann, gibt es hier auf englisch: http://en.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_H%C3%A9rold


    Wenn man die gut versteht, kann man aber genauso gut gleich das englische Libretto mitlesen, nämlich hier: [url=http://books.google.com/books?id=LpoQAAAAYAAJ&printsec=frontcover&dq=Zampa+H%C3%A9rold&lr=&as_brr=1&hl=fr#PPA3,M1]http://books.google.com/books?…r=&as_brr=1&hl=fr#PPA3,M1[/url]


    :hello: Jacques Rideamus



  • Wer die DVD, die im Handel erhältlich ist, noch nicht hat und auch das Geld dafür sparen will:


    Der Sender 3sat bringt diese Aufführung aus Zürich am 30. August 2008 um 20.15 Uhr!


    Also Video- oder Festplattenrecorder entsprechend programmieren!


    LG Harald

  • Die soeben zu Ende gegangene 3Sat-Übertragung der Züricher "Entführung" von 2003 auf hat eine glänzend aufgelegte Patricia Petibon als Blondchen gezeigt. Ich war hingerissen von ihrem Spielwitz und ihrer sängerischen Virtuosität. :jubel:

  • Das Cover der neuen CD kann man schon bewundern (:D), Erscheinungstermin ist laut Amazon der 24. Oktober 2008.



    Die darauf enthaltenen Arien:

    Franz Joseph Haydn (1732 - 1809)
    Il mondo della luna

    "Ragion nell'alma siede" [5:01]

    Wolfgang Amadeus Mozart (1756 - 1791)
    Vorrei spiegarvi, oh Dio, K.418
    [6:38]

    Die Zauberflöte, K.620
    "Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen" [3:09]

    Le nozze di Figaro, K.492
    "L'ho perduta... me meschina!" [2:00]
    "Deh vieni, non tardar" [2:59]

    Lucio Silla, K.135
    "Vanne. T'affretta ... Ah se il crudel periglio" [9:55]
    "Fra i pensier più funesti di morte" [2:56]

    Franz Joseph Haydn (1732 - 1809)
    Lo speziale

    Salamelica (Scene 4) [1:45]

    Christoph Willibald von Gluck (1714 - 1787)
    Armide

    "Venez, secondez mes désirs" [2:31]

    Franz Joseph Haydn (1732 - 1809)
    Armida

    "Odio, furor, dispetto" [2:05]

    L'Anima del Filosofo (Orfeo ed Euridice)
    "Dell mio core il voto estremo" [3:41]

    L'isola disabitata
    "Fra un dolce deliro" [4:26]

    Christoph Willibald von Gluck (1714 - 1787)
    Iphigénie en Tauride

    Récitatif. "Non, cet affreux devoir" [3:45]

    Armide
    "Ah! Si la liberté me doit être ravie" [4:11]

    Wolfgang Amadeus Mozart (1756 - 1791)
    Zaide, K.344

    "Tiger! wetze nur die Klauen" [5:15]

    Christoph Willibald von Gluck (1714 - 1787)
    Armide

    "Le perfide Renaud ... Quand le barbare" [6:52]



    :hello: Martin

  • Danke, das klingt ja superb!!!!
    Was für ein Programm!


    Ich glaube es kann kaum etwas Schwierigeres auf der Welt zu singen geben als KV 418.


    Live wagt das so gut wie Keine!
    ic hhabe mal eine Dame hier an der oper damit baden gehen sehn-auf höchsten Niveau aber das freischwebende, gehaltene e3 ist einfach die Hölle und schlimmer als jede Königin der Nacht.
    Da kann man nur staunen und Bravissima schreien!!!!! :jubel:


  • Seit heute besitze ich also diese schöne CD. Mit ihrem üblichen Engagement geht Patricia Petibon an die Marmorheroinen der Wiener Klassik heran und gibt ihnen ihre ursprüngliche bunte Bemalung zurück. ;) Besonders gelingt ihr das mit den Gluck- und Mozartarien, gegen die die Haydn-Arien meiner Meinung ja schon musikalisch abfallen. In KV 418 motiviert sie den Spitzenton durch ihre expressive Interpretation und setzt ihn wie einen Nadelstich in das seelische Universum der Arie. Ihre Königin der Nacht kocht wirklich und ist das hochdramatische Porträt einer Frau, die nur noch hassend lebt.
    Dagegen im scharfen Kontrast die wunderbare Barbarina-Arie, wo Patricia die selbe mädchenhafte Traurigkeit verströmt, die ich schon an ihrem "Adieu, notre petite table" bewundert und gerühmt habe. :jubel: Attacca, um die mögliche Entwicklung von Barbarinas Liebesleben anzudeuten, folgt das zärtliche "Deh vieni, non tardar". Ein weiteres phänomenales Highlight: "Tiger! Wetze nur die Klauen" aus Zaide. (übrigens auch stets perfektes Deutsch!)
    Und natürlich liegen ihr die Gluck-Arien: das verliebt-schwache "Venez, secondez mes désirs", und die seelischen Ausnahmezustände der Iphigenie "Non, cet affreux devoir... Je t'implore et je tremble", einem Musterbeispiel ihrer stimmlichen Nuancierungskunst, und der Armide in "Le perfide Renaud me fuit".
    Sie bemüht sich natürlich auch bei den Haydn-Arien redlich, kann aber für meine Ohren nicht allzu viel gegen deren einkomponierte Langeweile ausrichten. Diesbezüglich müsst ihr wohl auf ein objektiveres Urteil warten.


    Liebe Grüße,
    Martin

  • Lieber Martin, ich habe mal wieder geschlafen und deinen schönen Beitrag übersehen.... :untertauch:
    Vor einigen Tagen gab es eine Radiosendung mit P. Petibon, in der sie auch zu dieser Cd gefragt wurde. Bei deiser Gelegenheit konnte ichglech ienige ausschnitte geniessen und mir hat mächtig imponiert, wie sie die Barbarina mit der Susanna verbindet- sozusagen als zwei Facetten einer Person übergangslos und ohne das Susanna-rezitativ gesungen.


    So wie du sehe ich ihre Charakterisierung der Barbarina als herausragend, und dass sie überhaupt diese angebliche "Anfängernummer" einspielt, gewinnt ihr bei mir gleich doppelte Pluspunkte! :jubel:
    Ansonsten habe ich noch eine phantastische Gluck-Armida gehört - der sie ienen vollkommen anderen Charakter geben konnnte und zeigt, dass die Stimme nun auch einige dramatischere Charakteristika gewonnen hat, wenngleich sie im leichteren Fach anzusiedeln ist. Eine sehr nuancenreich singende, hochmusikalische und intelligente Stimme, die das Pech hat gleichaltrig udn mit demselben Repertoire im Schatten der grossen Dessay zu stehen.


    Ich freue mich schon sehr aufs Christkind, das mir hoffentlich diese Cd bringen wird.


    Um an den laufenden Thread über frz. Gesangskunst anzuknüpfen: hier ist sie à son sommet!


    F.Q.

  • Ja, sie hat wirklich dramatische Farben dazugewonnen, was besonders bei der Königin der Nacht, der Zaide-Arie und den Gluck-Arien (Iphigenie und Armide) herauskommt. Die Arie "Tiger wetze nur die Klauen" aus Zaide habe ich in den vergangenen Tagen deshalb sehr oft gedreht, denn sie ist einfach genial gesungen!; und auch die anderen genannten Arien halte ich für referenzmäßig, inklusive natürlich dieser Barbarina der Superlative. :jubel:
    (Von den Arien der Barbarina, der Königin der Nacht und der Zaide kann man übrigens auf Patricias Homepages etwas längere Hörschnipsel genießen - aber Achtung: das Anhören könnte zum zwanghaften Ankauf führen!)


    Mit dieser (relativ; es waren auf der letzten CD "French Touch" ja schon Ansätze dieser Entwicklung zu spüren) neuen Dramatik und ihrem unbedingten Ausdruckswillen (man beachte etwa den hasserfüllten rauen Ton bei "kocht in meinem Herzen"!!!), dazu noch ihrer Wandlungsfähigkeit, die es zulässt, dass sich ihr Repertoire bei gleichbleibend hoher Qualität vom Barock bis in die Moderne erstreckt, halte ich Patricia Petibon eigentlich für der Dessay überlegen - die ich in ihrem Kernbereich natürlich dennoch sehr schätze, deren Stimmmaterial sogar ein bisschen schöner ist und die ich jederzeit ohne zu zögern unter die besten drei aktiven Sängerinnen zählen würde.
    Beiden großen französischen Sängerinnen: :jubel: :jubel: :jubel:


    Zu den Haydn-Arien ist es mir ein Bedürfnis, einen Nachtrag zu machen: Ausdrücklich ausnehmen möchte ich von der oben konstatierten latenten musikalischen Fadesse die ironisch-orientalisierende Arie "Salamelica, Semprugna cara" aus "Lo speziale". Die gehört zum Schönsten, was ich bisher von Haydn gehört habe und macht mir fast Lust auf das restliche Stück. :)


    Liebe Grüße,
    Martin

  • Habe eben in die neue CD reingehört (und den Videotrailer gesehen): also das ist doch schon mal was! :yes:
    Tolle Stimme, engagierte Interpretationen :jubel:
    Einzig ihre deutsche Aussprache könnte einige Übungen vertragen :stumm: :angel:


    Fazit: Die CD klingt im Unterschied zum bösen Wort des Threadtitels nicht hässlich (und das Cover sieht dieses Mal endlich auch nicht so aus :D )!


    :hello:
    Stefan

  • Es versteht sich fast von selbst, daß ich mir die neue CD mit dieser leider in Gesamtaufnahmen fast nur in Nebenrollen präsenten Sängerin so schnell wie möglich besorgt habe. Ich hoffe, daß mit den Wechsel zur Deutschen Grammophon auch einmal eine zentrale Rolle für sie herausspringt.


    Allerdings habe ich mich bei Annäherung an dieses Recital als erste Rolle wieder eine Nebenrolle herausgepickt: die Barbarina. Dazu muß ich sagen, daß ich mittlerweile solche Aufnahmen, bei aller Neugier, nicht mehr in einem Rutsch durchhöre, sondern mir einzelne Arien vornehme und diese mit Interpretationen anderer Sängern konfrontiere. Die Barbarina in diesem Fall, da ich zufälligerweise in letzter Zeit den langsamen Satz des Klavierkonzertes B-Dur KV 456 vergleiche, in dem Mozart bekanntlich ein dem Barbarina-Thema verwandtes Material variiert. Dazu habe ich mir öfter ihre Kavatine angehört, die ja leider in Gegensatz zum Variationssatz des Konzerts sehr kurz geraten ist.


    Ich teile die Bewunderung für Petibons Leistung von Martin und Fairy Queen, die mit Recht hervorhebt, daß Patricia Petibon dieses wunderbare Stück überhaupt eingespielt hat. - Der Umstand, daß dies sonst keine andere Sängerin in einem Recital realisiert hat, machte den Vergleich über diverse Gesamtaufnahmen relativ mühselig. – Dennoch habe ich mit der Einspielung ein Problem, zugegeben ein Luxusproblem. Betrachtet man "L'ho perduta... me meschina!" nur für sich, sozusagen als einzelnes Bravourstück so demonstriert Petibon größte Kunstfertigkeit, stellt allerdings man diese Kunstfertigkeit in den textlichen Zusammenhang, so frage ich mich, ob nicht eine Überinterpretation vorliegt: Solch ein wunderbares Lamento um eine Nadel.


    Gut, diese Nadel hat es in sich, und wir wissen, daß Barbarina vielleicht mehr sucht als eine Nadel. Aber Barbarina versinkt bei Petibon in ihrer Traurigkeit, so daß das drängende Element des Suchens untergeht. Dazu trägt vor allem der Umstand bei, daß das Stück extrem langsam gespielt wird, die langsamste Fassung, die ich kenne. Natürlich kann man dann jede Phrase auskosten, obwohl sich die Streicher mit ziemlich mechanischen Schwelltönen allzu sehr in den Vordergrund drängen.


    Ein Gegenstück bildet Östman, der Nancy Argenta durch die Szene jagt, so daß ihr keine Chance irgendeiner Gestaltung bleibt. Umso bewundernswerter, wie es Graziella Sciutti schafft, trotz ähnlichem Tempos durch Previtali, dem Charakter des Stücks zwischen Suche und Klage gerecht zu werden. Viele siedeln das Tempo in die Nähe desjenigen von Klemperer an, der mit Margaret Price über die Traumbesetzung der Rolle verfügt. Sie ist und bleibt meine Traumbesetzung. Wie sie es schafft, in ein einziges Wort, nämlich „cugina“ einen persönlicheren, weicheren, unsicheren Ton einzubringen, und damit klar macht, daß es um ihre Cousine geht, das ist einmalig.


    Wie gesagt, ich habe ein Luxusproblem. Ich denke es ist legitim, in einem Recital, das aus der Musik rauszuholen, was Effekt macht und dem Sänger Geltung verschafft. Dennoch würde ich in einer Gesamtaufnahme, im Kontext der Szene, Einwände erheben. Zum Beispiel, Mozart bringt in gewisser Weise die Kavatine mit dem zweiten „cosa“ zum Höhepunkt, Petibon betont diesen mit einer Verzierung – meines Erachtens eine zwar effektvolle aber dennoch unangemessene Überbetonung. Das wirkt wie ein Abschluß, was nicht der Fall ist, denn Barbarina wird von Figaro nur unterbrochen.


    Aber wahrscheinlich übertreibe ich. :untertauch: Auf jeden Fall freue ich mich auf die anderen Arien.


    arimantas :hello:

  • Lieber arimantas,


    ich habe nicht aus Missachtung deines Beitrags so lange nicht geantwortet, sondern aus Zeitmangel. Zeit habe ich noch immer keine, aber derzeit keine Lust, das zu tun, was ich tun sollte... :rolleyes: Ich hoffe jedenfalls, dass du von der mangelnden Reaktion nicht entmutigt bist und weiterhin deine Erkenntnisse hier postest, wenn du weitere Arien angehört hast!


    Zitat

    Original von arimantas
    Ich teile die Bewunderung für Petibons Leistung von Martin und Fairy Queen, die mit Recht hervorhebt, daß Patricia Petibon dieses wunderbare Stück überhaupt eingespielt hat. - Der Umstand, daß dies sonst keine andere Sängerin in einem Recital realisiert hat, machte den Vergleich über diverse Gesamtaufnahmen relativ mühselig. – Dennoch habe ich mit der Einspielung ein Problem, zugegeben ein Luxusproblem. Betrachtet man "L'ho perduta... me meschina!" nur für sich, sozusagen als einzelnes Bravourstück so demonstriert Petibon größte Kunstfertigkeit, stellt allerdings man diese Kunstfertigkeit in den textlichen Zusammenhang, so frage ich mich, ob nicht eine Überinterpretation vorliegt: Solch ein wunderbares Lamento um eine Nadel.


    Gut, diese Nadel hat es in sich, und wir wissen, daß Barbarina vielleicht mehr sucht als eine Nadel. Aber Barbarina versinkt bei Petibon in ihrer Traurigkeit, so daß das drängende Element des Suchens untergeht. Dazu trägt vor allem der Umstand bei, daß das Stück extrem langsam gespielt wird, die langsamste Fassung, die ich kenne. Natürlich kann man dann jede Phrase auskosten, obwohl sich die Streicher mit ziemlich mechanischen Schwelltönen allzu sehr in den Vordergrund drängen.
    [...]
    Wie gesagt, ich habe ein Luxusproblem. Ich denke es ist legitim, in einem Recital, das aus der Musik rauszuholen, was Effekt macht und dem Sänger Geltung verschafft. Dennoch würde ich in einer Gesamtaufnahme, im Kontext der Szene, Einwände erheben. Zum Beispiel, Mozart bringt in gewisser Weise die Kavatine mit dem zweiten „cosa“ zum Höhepunkt, Petibon betont diesen mit einer Verzierung – meines Erachtens eine zwar effektvolle aber dennoch unangemessene Überbetonung. Das wirkt wie ein Abschluß, was nicht der Fall ist, denn Barbarina wird von Figaro nur unterbrochen.


    Ich spiele hier also einmal advocatus petibonis, obwohl deine Beobachtung nicht unrichtig ist:
    Zunächst geht es ja wirklich nicht nur um die Nadel. Um eine Nadel müsste man eigentlich gar kein Lamento machen. Barbarina könnte sich aus ihrem Handarbeitsköfferchen eine neue Nadel nehmen und die Susanna überbringen. Ich halte dieses musikalische Kleinod (:D) daher für dramaturgisch wesentlich beziehungsreicher: in ihm drückt sich nicht in erster Linie der Schmerz Barbarinas aus, sondern es hat mehr eine atmosphärische Bedeutung und führt die Arie der Gräfin "Dove sono i bei momenti" unmittelbar fort: und wo dort noble, stille Nostalgie und zarte Traurigkeit war, ist hier ungestüme Klage, wie sie die Contessa nach außen nicht mehr führt. Es ist ein wunderbares Lamento!


    Das zweite aber, was schwerer wiegt, ist, dass ich davon überzeugt bin, dass die Petibon sehr wohl wusste, dass sie hier ein Recital aufnimmt und keine Gesamtaufnahme (das wusste sie hörbar schon bei ihrem letzten Recital!) - dass sie bewusst nicht so gesungen hat, dass man das Ergebnis mühelos einer Gesamtaufnahme eingliedern hätte können - dass sie absichtlich die ganze Geschichte der Figur jeweils in die eine ausgewählte Arie packt, weil sie ja keine andere Gelegenheit hat, die Entwicklung, die sich sonst im Laufe der gesamten Oper abspielt, dem Hörer dieses Recitals vor Ohren zu führen - dass sie speziell bei dieser Arie auch versucht hat, sie zu einem autonom klingenden Ende zu führen, weil sie keinen Figaro hat, der sie unterbricht. Sie will den Abschluss in diesem Recital, damit die Arie nicht "unfertig" wirkt. Und ich bin auch überzeugt, und werde in dieser Überzeugung auch von Petibons bisherigen Gesamtaufnahmen bestärkt, dass sie in einer nämlichen die Arie ganz anders angelegt hätte, nämlich so, dass sie sich in die Aufnahme nahtlos einfügt, und wie du es gerne hättest.


    Liebe Grüße,
    Martin