Zwischentöne

  • Im Deutschlandfunk gibt es sonntags (wie jetzt gerade) immer die Sendung "Zwischentöne".


    "http://www.dradio.de/dlf/playlist/dlf_zwischentoene/"


    In dieser fast 90-minütigen Sendung wird immer ein Gespräch mit einer eingeladenen Person geführt. Inhalt des Gesprächs ist meist Leben und "Werk" der Person selbst. Ein wichtiges Feature der Sendung ist, dass zwischendurch Musikstücke gespielt werden, die sich der Gast gewünscht hat. Meist ist es so ein halbes Dutzend Stücke, die (je nach Länge) meist auch nur angespielt werden.


    Stellt euch vor, ihr würdet zu der Sendung eingeladen. Welche Stücke (sagen wir 6) würdert ihr aussuchen? Nach welchem Kriterium würde ihr dabei vorgehen?


    maticus


    P.S. Nein, ich bin nicht zu der Sendung eingeladen worden...

  • Hallo, Meister maticus!


    Eine hübsche Idee! :yes:


    Es gibt bzw. gab auch etwa auf B 4 solche Formate, und da hätte ich schon gerne mal mitgemacht.


    Üblicherweise gehen die gewünschten Werke vor allem mit der eigenen Hörsozialisation - wenn nicht Biographie schlechthin - einher, sollen wohl überdies Spektrum wie Schwerpunktsetzungen erkennen lassen.


    Von daher meine gewünschten sechs Programmpunkte (... 150 wären natürlich auch kein Problem ... :])


    Als Oberstufenschüler habe ich einst Beethovens Klaviersonaten als - so würde man heute wohl sagen - Präsentation geboten, also Zitate, Informationen, Wertungen, dazu Beispiele, selber geklimpert am verstimmten zweiten Schulklavier oder per LP bzw (!) Magnettonband. Auf dem Programm stünde daher Beethoven, op. 109, sagen wir mit Gulda (damals war es jemand anderer, weiß aber nicht mehr, wer.)


    Scriabines fünfte Klaviersonate würde ich mit Glemser einblenden. Seit ein, zwei Jahren höre ich diesen Komponisten ausgesprochen gerne mit seinem Klavierschaffen.


    (Einer) Mein(er) Lieblingskomponist(en) ist seit Jahrzehnten Francis Poulenc. Wählen würde ich das "Gloria", weil es besonders typisch ist für den clownesken Mönch - andere seiner Kompositionen hielte ich für bedeutender, und das würde ich auch sagen.


    Zu meiner musikalischen Frühprägung gehören die "Planeten" von Gustav Holst - heute höre ich das Werk kaum mehr. Vorspielen würde ich die Aufnahme mit William Steinberg.


    Der reifere Hörer WZ hat Holst quasi durch Allan Pettersson ersetzt - die Gründe dafür reichen bis bin in die private physiologische Befindlichkeit :pfeif:.
    Ich würde die 6. Sinfonie in der Aufnahme mit Manfred Trojahn heranziehen.


    Was fehlt noch? Vielleicht ein Ausschnitt aus der "Music for eighteen musicians" von Steve Reich - sozusagen als Gegenstück bezüglich der charakteristischen pscho-physiologischen Befindlichkeiten.


    Besten Gruß, Wolfgang

  • Eine sehr hübsche Threadidee, deren enger Rahmen mich schon auf Anhieb in die Verzweiflung treibt. Sei's drum.


    Meine Kriterien wären:


    - natürlich nur Lieblingskomponisten und -werke, denn es soll ja ein kleines Selbstportrait entstehen


    - nur Bühnenwerke, weil jeder Versuch eines repräsentativen Querschnitts durch die gesamte mir besonders liebe Musikliteratur, also auch Orchesterwerke und Kammermusik, nur Krautsalat produzieren würde


    - einen Reflex meiner Wunschvorstellung von mir selbst zu geben


    Unter diesern Prämissen wäre meine heutige Nominierung, die schon morgen mindestens in Teilen wieder ganz anders aussehen würde:


    Leonard Bernsteins Ouvertüre zu CANDIDE (natürlich dirigiert von ihm selbst)


    Antonin Dvoraks "Lied an den Mond" aus RUSALKA in der Aufnahme mit Renée Fleming unter Charles Mackerras. Vielleicht aber auch, wenn es nicht der Ensembles zuviel werden, das Schlussterzett aus DER ROSENKAVALIER von Richard Strauss in der Aufnahme mit Renée Fleming, Susan Graham und Barbara Bonney unter Christoph Eschenbach


    Als astronomisches Pendant zum Mondlied "L'Étoile" aus der gleichnamigen Operette von Emanuel Chabrier mit Colette Alliot-Lugaz in der Einspielung unter John Eliot Gardiner. Das, neben seiner nur vermeintlich schlichten Schönheit, vor allem deshalb, weil ich mich nicht für ein einzelnes Offenbach-Stück entscheiden kann. Vielleicht würde ich statt dessen aus lauter Verzweiflung auch einen Ausblick auf meine klassikkompatiblen Pop-Vorlieben geben, nämlich Art Garfunkels "As Long as the Moon Can Shine" oder sogar Roger Daltrey's "The Pig Must Die" nebst den von Sir John Gielgud gelesenen ersten Versen Lewis Carrolls aus Mike Batts herrlichem Musical THE HUNTING OF THE SNARK, dessen beste und leider einzige Aufnahme leider nicht mehr verfügbar ist. Wer sie zufällig irgendwo sieht und intelligenten Orchesterrock zu schätzen weiß, sollte unbedingt zugreifen:


    Dieses einzigartige Werk habe ich hier schon länger mal unterbringen wollen, aber entweder den richtigen Ort nicht gefunden oder nicht daran gedacht.


    Dann der denkbar krasseste Gegensatz: "Mais banissons ces tristes souvenirs" aus den TROYENS von Hector Berlioz, eines der großartigsten Ensemblestücke aller Zeiten, in der Aufnahme mit der ich es kennen lernte, nämlich der ersten unter Colin Davis mit Jon Vickers.


    Danach bleibe ich bei meiner Lieblingsgattung, den Ensemblestücken, mit dem Finale des dritten Akts aus Mozarts LE NOZZE DI FIGARO, natürlich ab dem mich jedesmal ergreifenden "Contessa perdono". Hier fällt mir die Wahl der Aufnahme besonders schwer, aber gerade dieses Finale gefällt mir besonders gut unter Erich Kleiber mit Hilde Güden, Lisa della Casa und Cesare Siepi.


    Und zum runden Abschluss das ultimative Finale Ultiomo mit einer besonders tiefsinnigen Botschaft: "Tutto nel mondo e burla" aus meiner Lieblingsoper FALSTAFF von Giuseppe Verdi und mindestens einem der besten aller Librettisten, Arrigo Boito.


    Danach werde ich mich reumütig vor mir selbst verstecken um mir nicht meine eigenen Vorwürfe anhören zu müssen, wen und was ich alles nicht berücksichtigt habe.


    Ist Euch eigentlich bewusst, dass solch radikale Auswahlvorgaben an Psychofolter grenzen?


    :hello: Jacques Rideamus

  • Zitat

    Original von Jacques Rideamus
    ...nebst den von Sir John Gielgud gelesenen ersten Versen Lewis Carrolls aus Mike Batts herrlichem Musical THE HUNTING OF THE SNARK, dessen beste und leider einzige Aufnahme leider nicht mehr verfügbar ist. Wer sie zufällig irgendwo sieht und intelligenten Orchesterrock zu schätzen weiß, sollte unbedingt zugreifen:


    Dieses einzigartige Werk habe ich hier schon länger mal unterbringen wollen, aber entweder den richtigen Ort nicht gefunden oder nicht daran gedacht.


    Ja Wahnsinn! Es gibt noch jemanden, der dieses Stück kennt? Ewig ist es her, bei Freunden in Waldeck/ Nordhessen, gehört. Und das Wortspiel "the Baker kneads the dough" ist mir bis heute präsent - warum auch immer. Wunderbar! Zufälle gibt's...
    Das musste ich nur mal loswerden.


    Wenn's einer auf CD entdeckt: ich nehme auch eine!!! :D


    Beste Grüße
    Accuphan

  • Zitat

    Original von Accuphan


    Ja Wahnsinn! Es gibt noch jemanden, der dieses Stück kennt? Ewig ist es her, bei Freunden in Waldeck/ Nordhessen, gehört. Und das Wortspiel "the Baker kneads the dough" ist mir bis heute präsent - warum auch


    "Knetet den Teig - braucht die Knete (needs the dough)" oder wie ist das zu verstehen? :D


    Ich kenne so ähnliche Radiosendungen. Das Dumme ist u.a., daß die Stücke alle sehr kurz sein müssen. Man muß also etwas wählen, was Ausschnitte zuläßt, oder eh kurz ist. Kommt mir nicht gerade entgegen...


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Zitat von Johannes Roehl
    Das Dumme ist u.a., daß die Stücke alle sehr kurz sein müssen. Man muß also etwas wählen, was Ausschnitte zuläßt, oder eh kurz ist.


    Müssen nicht unbedingt kurze Stücke sein. Es sind in der Sendung immer viele Klassik-Stücke vertreten (meinem Eindruck nach die Mehrheit, ohne gezählt zu haben), nicht selten (Sätze aus) Sinfonien. Fast kein Stück ist so kurz, um ganz gespielt zu werden. Darum geht es auch nicht. Ich denke, es geht eher um den symbolischen Charakter. Da reicht z. B. oftmals schon das Hauptthema eines Satzes einer Sinfonie. Oft werden die Gäste auch gefragt, warum sie dieses Musikstück gewählt haben.


    maticus

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    "Knetet den Teig - braucht die Knete (needs the dough)" oder wie ist das zu verstehen? :D


    Ich kenne so ähnliche Radiosendungen. Das Dumme ist u.a., daß die Stücke alle sehr kurz sein müssen. Man muß also etwas wählen, was Ausschnitte zuläßt, oder eh kurz ist. Kommt mir nicht gerade entgegen...


    JR


    Das Wortspiel hast Du genau richtig verstanden. Ich habe den Lewis Carroll-Text jetzt nicht greifbar, könnte mir aber vorstellen, dass das Wortspiel von ihm stammt, denn er liebte ja dergleichen.


    Schön dass dieser Hinweis hier so gut ankommt. Ich werde mir die Platte demnächst mal anhören uind was dazu schreiben, denn es ist m. E. eines der gelungensten Crossover-Stücke überhaupt.


    Zu den kurzen Teilen: die haben mir natürlich auch weh getan, aber ich habe mnich mal dem fiktiven Radioformat angepasst und gind davon aus, dass ich in der Tat etwas dazu erläutern könnte, warum ich eigentlich das ganze Stück (also im Extremfall die ganzen TROYENS) meine, aber eben nur einen Höhepunkt vorstelle, der dann wenigstens ausgespielt werden kann. Mit möglöichen Ausnahme des FIGARO-Finales, das man notfalls ausblenden muss, ist deshalb auch keines meiner Stücke mehr als vier Minuten lang.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Die Zwischentöne höre ich auch immer wieder mal ganz gerne.
    Ich würde einen Querschnitt durch meine Musik-Sozialisation präsentieren, so dass auch Nicht-Klassik vertreten wäre:


    - Santa Maria, gesungen von Roland Kaiser


    - Da da da von Trio


    - 1. Satz von Schuberts Sonate a-moll D 784


    - Fuge es-moll aus dem 1. Teil des Wohltemperierten Klaviers von J.S. Bach


    - On Green Dolphin Street (Kaper / Washington) mit Milt Jackson (vb), Oscar Peterson (p), Ray Brown (b), Ed Thigpen (d), aufgenommen im Dezember 1961 in New York


    - Nacht aus dem Pierrot lunaire von Schönberg


    Wenn man will, dass die Stücke ganz gespielt werden, ist man mit Expressionismus klar im Vorteil.


    Viele Grüße


    :hello:

  • Meine Wahl sähe so aus:


    Aus dem Messias von Händel:
    Pastoralsinfonie


    (Loewe-Balladen)
    Die Uhr


    Der Sänger


    Odins Meeresritt


    Schubert - Winterrreise
    Fremd bin ich eingezogen


    Richard Strauss
    Zuneigung


    Mit lieben Grüßen,


    diotima.

  • Auch bei mir wäre es eine musikalische Biografie


    Mozart: Die kleine Nachtmusik (Böhm) - 1. Satz - Exposition


    Mahler: Lieder eines fahrenden Gesellen
    Ich hab ein glühend Messer in meiner Brust (Furtwängler/FiDi)


    Karl Amadeus Hartmann: Concerto funebre - 4. Satz


    Bernd Alois Zimmermann: Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne (die letzten Minuten unter Gielen)


    Christoph Willibald Gluck: Iphigénie en Tauride
    O Malheureuse Iphigénie


    Mozart: Il rè pastore
    L'amerò, sarò costante


    Mit lieben Grüßen


    Peter

  • Tja, das ist sehr interessant und ganz und gar nicht einfach, weil man so Vieles auslassen muss- eine musikalische Biographie aus sechs kurzen Stücken.


    Ob ihr's glaubt oder nicht, bei mir fing es mit Wagner an:



    Arie der Senta aus R. Wagner: "Der fliegende Holländer" "Traft ihr das Schiff am Meeresrand" mit etwa 11Jahren



    The Rolling Stones " Lady Jane" mit etwa 15 Jahren


    J.S.Bach: Johannespassion Schlusschor "Ach Herr, lass dein lieb Engelein" zwischen 20 und 30 Jahren



    John Dowland "If my complaints could passions move" um die 30


    Jacques Brel "Ne me quitte pas" mit 35


    Vincenzo Bellini: "O rendetemi la speme... qui la voce... vien diletto" right now




    Die Nummer 4 könnte ich alternativ ersetzen mit:



    Alban Berg: Violinkonzert "Dem Andenken eines Engels"



    F.Q.