Komponistsein - eine Männerdomäne?

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    Ich sehe da keinen Unterschied zu den Komponisten. Oder will jemand behaupten, dass Clara Schumanns Klaviertrio schlecht ist?
    :boese2:


    Ich will behaupten, dass kein Werk Clara Schumanns nur annähernd gleich wichtig oder bedeutend (ganz zu schweigen von fortschrittlich) ist wie Emily Brontes Roman "Wuthering Heights" und ebenso kein Werk Clara Schumanns eine solche Rezeptionsgeschichte wie dieser Roman erfahren oder so viel Einfluss auf die deutsche Musik wie dieser Roman auf die britische Literatur ausgeübt hat. Und ähnliches könnte man auch über Charlotte Brontes "Jane Eyre" sagen.


    Welchen Herrn würdest du stattdessen als Nr. 20 servieren?


    :hello: Martin

  • Sehr schöner Thread!


    Wer sich ein wenig über das Leben weiblicher Komponistinnen informieren will kann zum Buch "Komponistinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart" von Eva Weissweiler erschienen bei dtv greifen, ebnso zu einem gleichnahmigen Buch aus dem Insel - Verlag (welches ich grad nicht finde - Mist!). Auch Charles Burney hat in seiner musikalische Reise etwas über Marianna Martinez geschrieben, eine wirklich emanziperte Frau, die, was das erstaunliche ist, auch als völlig den Männer gleichgestellt geachtet wurde. Auch Laura Lombardia Sirmen undMaria Theresia von Paradis verdienen aus der Zeit der wiener Klassik Erwähnung.
    Marianna Martinez hat eine sehr bezaubernde kleine Sinfonie in C geschrieben (1770), so weit ich weiß die einzige "weibliche" Sinfonie des 18. Jhd, daz Oratorien, geitsliche Werke und Klaviersonaten. Rund 50 Werke von ihr sind bekannt. Laura Lombardia Sirmen hat immerhin fünf Violonkonzerte geschrieben.
    Wer diese Musik auch mal hören will, dem seien die beiden CD Sampler "Baroquen Treasures" und "The Women's Philharmonic" von der Bay Women's Philharmonic unter JoAnn Falletta zu empfehlen (erstere auf Newport Classic NCD 60102, mit Marianna Martinez - Sinfonia in C, Camilla de Rossi - Sinfonia zu "Il Sacrifizio di Abramo", Mlle. Duval - Ballet "Les Genies", Sirmen - Konz. für Violine nO. 5 in B, Elisabeth Jacquet de la Guerre - Cantata No. 4 "Jonas" / letztere auf Koch 3-7169-2H1, mit Fanny Mendeslsohn - Ouvertüre (1830) - wundervoll! - Clara Schumann - Piano Concert Op. 7 in a moll, Germaine Tailleferre - Concertino für Harfe und Orch., Lili Boulanger - 2 Stücke von 1918).
    Darüber hinaus hat vor kurzem Hungaroton eine Doppel CD mit sämtlichen Violinkonzerten der Sirmen veröffentlicht. Auch von Anna Amalia gibt es eine Ouvertüre und einen Entre'acte zu "Ermine" zu hören und zwar auf der CD Meister der Goethe Zeit (Capriccio).
    Der Böhlau Verlag bringt in lockerer Folge die Reihe "Europäische Komponistinnen" heraus, bisher sieben Bände (Hildegard von Bingen, Wilhelmine von Bayreuth, Clara Schumann, Maria Theresia Paradis, Myriam Marbe, Fanny Hensel (Mendelssohn) und Johanna Kinkel).


    Auf jeden Fall lohnt sich die Entdeckungsreise, alleine schon aus kulturgeschichtlicher Hinsicht.


    Grüße aus Nußdorf (seit langem mal wieder)

  • Der Psychologe Geoffrey Miller würde die Threatfrage wohl mit ja beantworten
    und auch noch eine Begründung liefern. Aus: http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument
    /26/65/dokument.html?titel=D%C3%A4monen+der+Begierde&id=16215662&
    top=SPIEGEL&suchbegriff=&quellen=&qcrubrik=



    "Alle Individuen, die ihre Fitness nicht durch ihr Balzverhalten zeigen konnten, wurden
    auch nicht als Sexualpartner erwählt", glaubt Miller. "Ihre kleinen, effizienten,
    gepanzerten, risikoscheuen, mutationssicheren Gehirne starben mit ihnen aus. An ihrer
    Stelle entstand unsere Art von Gehirn: riesig, kostspielig, verletzlich, offenherzig."


    Folgt man Millers Logik, dann ist der Verstand des Mannes das Gegenstück zum
    Pfauenschwanz. Mit der farbenprächtigen Federschleppe signalisiert der Hahn, dass er
    gesund ist und über gutes Erbmaterial verfügt. Solch eine Funktion als Fitnessindikator
    schreibt Psychologe Miller nun auch dem männlichen Denkorgan zu. Wer in Gegenwart
    von Frauen Witz und Verstand spielen lässt, zeige, wie gut seine Gene funktionieren.
    Denn fast jedes zweite Gen arbeitet auch für das Gehirn.



    Seine kühne These untermauert Miller unter anderem damit, dass Männer 90 Prozent aller
    Werke in Kunst, Musik und Literatur geschaffen haben. Sich selbst nimmt er nicht aus:
    Er habe seiner heutigen Frau den Kopf verdreht, als er vor einigen Jahren einen Vortrag
    in London hielt.


    "


    Ist da was dran oder ist es eurer Meinung nach völliger Quatsch (auf Antworten
    von Musikern/Musikerinnen bin ich besonders gespannt). :D

  • Das ist nur halber Quatsch, sage ich mal.
    Richtige Hälfte: männliche Intelligenz und Kreativität gepaart mit Witz, Phantasie und Eifühlungsvermögen(sprich emotionale Intelligenz) sind für mich ein weit wirksameres Aphrodisiakum als durchtrainierter Body und Don Giovanni-Blick
    Mit Gedichten, Bildern und Kompositionen könnte und konnte Mister xy jedenfalls leichter landen als mit Gardemassen.
    Beides zusammen wäre natürlich dann Doppel- Wolke 7, aber das Erste allein reicht schon fast aus.
    Falsche Hälfte:
    warum soll das bei Frauen nciht genauso sein??????
    Warum wirken nicht auch Frauen durch Esprit und künstlerische Sensibilität sexy?
    Auf mich tun sie das durchaus und ich kenne etliche Männer, denen es genauso geht.
    So hab ich zumindest dann auch noch Chancen auf dem Balzmarkt gehabt.... :D :angel:
    F.Q.

  • Zitat

    Zitat: Original von SMOB Folgt man Millers Logik, dann ist der Verstand des
    Mannes das Gegenstück zum Pfauenschwanz. Und was wäre dann der Verstand der Frau? (Vorsicht: Glatteis!)


    Na ja, in dem Artikel wird argumentiert, dass den Frauen schon ihre Schönheit
    reicht, um den Männern zu gefallen (ist nicht meine Meinung!): Sie berufen sich
    auf ein Experiment, bei dem "attraktiv aussehende"(ok, ist subjektiv) Frauen und Männer
    an einer Universität ausgewählt wurden, die dann Personen des anderen Geschlechtes
    Sex anbieten sollten. 0 % der Frauen und 75 % der Männer willigten ein...


    "Überall wird Sex als etwas verstanden, was die Frauen besitzen und die Männer von ihnen haben wollen", kommentiert ein Forscher.

  • Zitat

    Original von Fairy Queen
    ?( ?( ?(
    Das halte ich nun wirklich für totalen Quatsch!


    F.Q.


    Eine solche Untersuchung kann ich auch nicht Ernst nehmen. Da frage ich mich erst mal, wer die Untersuchung bezahlt hat und wozu sie angefertigt wurde. Wenn "attraktive Männer" nicht "angenommen" wurden, dann hat man eben in dem Experiment keine attraktiven Männer ausgesucht. Um das zu werten, muss man die Versuchbedingungen, die Voraussetzungen u.ä. genau kennen. So ist das nur eine intellektuelle Seifenblase, die mehr über die sagt, die sich in ihr spiegeln ...


    Liebe Grüße Peter

  • Von der Studie hab ich auch erzählt bekommen.
    Glaube nicht, dass es Quatsch ist.
    So wie man mir es gesagt hat, sind die Männer/Frauen auf Alleinstehende anderen Geschlechts zugegangen und haben ihnen eine von drei Fragen gestellt: a) Lust auf Sex? b) Lust auf nen Kaffee? c) Sollen wir unsere Handynummern austauschen? (so ähnlich)


    a) ist wie erwähnt ausgefallen, b) ungefähr bei beiden gleich, c) ca. wie a) umgekehrt.


    Ich glaube die Versuchspersonen waren Studenten.

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Ich hoffe ja, dass ich hier irre, aber eine starke Betonung der biologischen Natur des Menschen und ein damit verbundener einseitiger Rückgriff auf die Evolution als Erklärungsmodell für menschliche Verhaltensweisen scheinen mir in den letzten Jahren oft ein willkommener Anlass zu sein, Frauen wieder verstärkt in die „natürlich-pragmatisch-und-sexy“-Ecke zu stellen, während bei Männern Geist, Logik, Spiel und Kreativität betont werden.


    Ein schönes Beispiel bietet in dieser Woche ein bekanntes Nachrichtenmagazin aus Hamburg, das seine Serie „200 Jahre Darwin“ und den Titelbericht „Das Geheimnis der Gestalt. Wie Evolution funktioniert“ mit einem Fabeltier schmückt, das als Mixtur aus diversen Tierarten mit Vorderläufen ausgestattet ist, die in High Heels und Leggings mit Leopardenmuster stecken. Der Leser mag auf den ersten Blick noch an einen Zufall glauben (nach dem Motto: „Der Mensch musste mit hinein und wir haben da ja nur zwei Möglichkeiten“), ein Blick in die Bebilderung des entsprechenden Berichtes zielt jedoch leider in dieselbe Richtung:


    In der „Grammatik des Lebens“ wird die „Welt des Sehens“ durch einen Nachtaffen, eine Blaumeise, einen Hund und einen Menschen verdeutlicht. Letzterer ist weiblich, mit grünen "Katzen"augen und Schmollmund versehen und fügt sich im Hinblick auf die Bildgestaltung ganz prima in die Tierreihe ein.
    Der Entwicklungsbiologe, der auf der nächsten Seite abgebildet ist, soll das Ganze wahrscheinlich erklären, während die folgenden Seiten wieder die Evolutionsreihe vom Tier zum Menschen bebildern: In der Bildreihe „Design der Bewegung“ stehen der Schildkrötenflosse, dem Froschbein und anderen tierischen Extremitäten feinnervige, Harfe spielende Menschenhände gegenüber, die auf dem Bild zwar nicht eindeutig einem bestimmten Geschlecht zugeordnet werden können (da der Körper nicht zu sehen ist), aber dennoch eher mit Männerhänden assoziiert werden.


    Diese subtile Beeinflussung durch Bilder passt meiner Meinung nach sehr gut zu der oben erwähnten Studie.


    :hello: Petra

  • Zitat

    Original von rappy
    Von der Studie hab ich auch erzählt bekommen.
    Glaube nicht, dass es Quatsch ist.
    So wie man mir es gesagt hat, sind die Männer/Frauen auf Alleinstehende anderen Geschlechts zugegangen und haben ihnen eine von drei Fragen gestellt: a) Lust auf Sex? b) Lust auf nen Kaffee? c) Sollen wir unsere Handynummern austauschen? (so ähnlich)


    a) ist wie erwähnt ausgefallen, b) ungefähr bei beiden gleich, c) ca. wie a) umgekehrt.


    Ich glaube die Versuchspersonen waren Studenten.


    Nun ja, aber diese Untersuchung lässt sich ja durchaus auf verschiedene Weise deuten. So spricht es meines Erachtens doch für die Intelligenz der beteiligten Frauen, dass sie nicht gleich über die Männer herfallen, sondern erst mal prüfen wollen, was die sonst noch so drauf haben. Männer sind also jetzt nachgewiesener Maßen triebgesteuerter.


    Die Umfrage mag' schon stimmen, was sie besagt muss aber gedeutet werden - und hier scheint mir fast alles möglich :D


    Viele grüße,


    Melanie

  • Ich messe solchen Studien überhaupt keine als publicity-wirksame Bedeutung zu.
    Allein die zu stellenden Fragen sind schon so jenseits normaler Umgansformen, dass das nur eine Posse werden kann.


    Derartige "Prol-Anmache" findet man nur an ganz bestimmten Orten und ist sind keinesfalls repräsentativ .


    Ich möchte mal wissen, wer von den hiesigen Lesern/Schreibern schon einen wildfremden Mann oder eine wildfremde Frau irgendwo(ausser im Bordell, auf "ungefährlichen" Internetseiten oder im Vollrausch ) angesprochen hat "Lust auf Sex?"
    Und wer auf eine solche Frage von wildfremder Seite ausser im Swingerclub mit "Aber klar doch -wie hätten Sie's denn gerne ?" antworten würde?
    Ausser Provokationswert hat das für mich jedenfalls keinen Anderen.
    Und was das mit Komponistinnen zu tun haben soll, erschliesst sich mir schon gar nicht. ?(


    F.Q.

  • Zitat

    Original von Fairy Queen
    Und was das mit Komponistinnen zu tun haben soll, erschliesst sich mir schon gar nicht. ?(


    Das frage ich mich allerdings auch

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Keine Ahnung, die Studie hatte jemand anders erwähnt.


    Die Fragen sind natürlich unrealistisch, aber die Antworten vielleicht nicht ;)

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Zitat

    Original von Mela
    Die Umfrage mag' schon stimmen, was sie besagt muss aber gedeutet werden - und hier scheint mir fast alles möglich :D


    Genau! Eben deswegen hat, wer eine solche Versuchsanordnung aufbaut und sich davon derart weitgehende Schlußfolgerungen erhofft und diese auch, trotz aller realen Mehrdeutigkeit, zu ziehen können glaubt, von seriöser empirischer Sozialforschung nicht den blassesten Hauch einer Ahnung.
    Nebenbei bemerkt, diese dauerndernden, bei Psychologen dieser Art und in den Medien so beliebten naturalistischen Fehlschlüsse sind logisch so falsch wie 2+2=5.
    Meine Lehrer in Epistemologie und Wissenschaftstheorie lehrten, dass Psychologie keine Wissenschaft sei. Ein Vorgehen, dass auf krudeste Weise grob verallgemeinerte, naturalistisch "begründete" Thesen, plattesten Empirismus und den völlig unkontrollierten eigenen ideologischen Tunnelblick zusammenbindet, vergibt sich schon vom Ansatz her die Möglichkeit, dass sie es je werden wird.


    Wir sollten lieber wieder dazu übergehen, die Werke der Komponistinnen anzuschauen und die sozialen Bedingungen unter die Lupe nehmen, um zu verstehen lernen, wann welche Frauen Komponistinnen und als solche erfolgreich werden konnten und was wann dem entgegenstand und immer noch entgegensteht.


    Dass es erstklassige Komponistinnen gegeben hat und im zeitgenössischen Bereich vermehrt gibt, sollten die vielen Beispiele in diesem und vor allem dem Schwester-Thread doch nun wirklich gezeigt haben!


    Interessant finde ich hier die Beobachtung von Helge Faller:


    Zitat

    Auch Charles Burney hat in seiner musikalische Reise etwas über Marianna Martinez geschrieben, eine wirklich emanziperte Frau, die, was das erstaunliche ist, auch als völlig den Männer gleichgestellt geachtet wurde.


    Nun, war das nicht die Zeit, in der die vornehme Gesellschaft vermehrt Interesse am "Exotischen" zeigte? Die wenigen Frauen, die damals sich privat die nötigen Fertigkeiten aneignen konnten, Komponistin zu werden, waren doch noch so wenige, dass sie außerdem keine ernsthaft gefährliche Konkurrenz für ihre männlichen Kollegen darstellten.
    Anders wahrscheinlich die Befürchtungen der männlichen Kollegen im 19.Jahrhundert. Jetzt wurde nicht mehr vor allem für die höfische Gesellschaft produziert, sondern für den Markt der bürgerlichen Gesellschaft. Damit spielt weniger die persönliche Beziehung zu Auftraggebern eine Rolle, als die Durchsetzung am anonymen Markt. Auch wenn es zunächst naheliegenderweise nur sehr wenige sind, die es real versuchen, und Studienmöglichkeiten Frauen erst ganz gegen Ende des 19. Jahrh., formal an zunächst nur ganz wenigen Instituten offenstehen, der Kreis derer, die potentiell die Möglichkeit gehabt hätten, sich Fertigkeiten anzueignen, wird größer. Eine Clara Schumann wird für Frauen wie Johanna Kinkel Role Model und eine Fanny Hensel-Mendelssohn beginnt, dieses Vorbild vor Augen, sich über die Widerstände hinwegzusetzen, aus dem privaten Salonkonzert herauszutreten und ihre Kompositionen zu veröffentlichen.
    Gleichzeitig wird aber auch der Kreis der Männer, die Hoffnungen hegen, sich als Komponist durchzusetzen, schneller größer, als der Markt wächst. Die immer wieder verstärkt eintretende und tendenziell wachsende Überproduktion künstlerischer und intellektueller Fertigkeiten und - damit verbunden - häufig enttäuschter Berufshoffnungen können wir allgemein im 19. und 20. Jahrh. als Tendenz beobachten. Gleichzeitig die Erweiterung von Möglichkeiten und Zunahmen von Ansprüchen von Frauen. Kein Wunder, dass die Widerstände der Männer in der Musikwelt der bürgerlichen Gesellschaft erst einmal zunehmen. Da aber Komponistin-Sein abhängiger von von Männern beherrschten institutionellen Bedingungen ist, z.B. Aufführungen zu erreichen, als z.B. Schriftstellerin zu werden, trauen sich die wenigsten Frauen real zu, trotz wachsender Möglichkeiten, sich die Fertigkeiten anzueignen, es als Komponistin auch wirklich zu versuchen und wenn, dann meist eher in den kleinen Formen, Kunstlied, Kammermusik, die aber auch weniger dazu geeignet sind, breitere Aufmerksamkeit, Ansehen und besser dotierte Aufträge zu erlangen. Dass wirkt ja bis heute und bis in die Diskussion in diesen Thread, wenn Clara Schumann und Fanny Hensel-Mendelssohn m. E. von vielen etwas unterschätzt werden, weil ihre gelungensten Werke, Kunstlieder, Soloklavierstücke, aber eher keine großen Sonaten, und Trios sind.


    Dies wirkt wohl bis heute noch, wenn immer noch deutlich weniger Frauen als Männer Komposition studieren, obwohl in vielen Instrumentalfächern heute die Studentinnen überwiegen. Hier spielen zusätzlich wahrscheinlich auch Bedingungen weiblicher Sozialisation eine Rolle, nach denen Frauen tendenziell eher zu pragmatischeren, vorsichtigeren Entscheidungen erzogen werden, weniger zum jugendlichen Größenwahn, der wohl nötig ist, um heute zu sagen: Hey, ich werde bedeutende Komponistin!


    Das wird sich wohl tendenziell nur sehr langsam ändern, in dem es mehr weibliche Rollenvorbilder gibt und mehr Dirigentinnen, Star-Instrumentalistinnen, Musikproduzentinnen usw. und so der institutionelle Kontext weniger Männer-dominiert wird.


    Das gesellschaftliche Abseits, in dem sich zeitgenössische Komposition befindet, im Zusammenspiel mit den sich nur sehr langsam verändernden Formen weiblicher Sozialisation erschweren und verlangsamen diesen Prozess aber nach wie vor.


    :hello: Matthias

  • Ein interessanter Punkt ist mir gerade aufgefallen: Gibt es eigentlich Komponistinnen, die ihr Frausein bewusst verschleiert haben und unter männlichem Pseudonym veröffentlicht haben? Davon ist mir nämlich nichts bekannt, während die Zahl der unter männlichem Pseudonym veröffentlichenden Schriftstellerinnen besonders im 19. Jh. nicht die geringste ist. (George Eliot, Georges Sand, Emily Bronte, Charlotte Bronte, Anne Bronte fallen mir gerade ein)


    :hello: Martin

  • Hallo Martin,


    das ist wirklich eine interessante Frage. Gerade auch, weil sie etwas an meinen obigen Thesen rüttelt. Mir ist jedenfalls kein Beispiel bekannt.


    Waren Frauen schon von vornherein zu eingeschüchtert, um es auf diese Weise zu versuchen? Aber einige Frauen studierten verkleidet andere Fächer, als ihnen das anders noch nicht möglich war, ja es gab immer mal wieder Beispiele von Frauen, die verkleidet sogar Soldaten, Militär- oder Schiffsärzte wurden. Und dafür die Fähigkeiten zu erwerben und den Mut zu fassen, dürfte schwieriger gewesen sein, als lediglich unter einem Männernamen zu publizieren.


    Waren die institutionellen Bedingungen in der Musikwelt so andere als im Literaturbetrieb? Wird vielleicht vom Komponisten eher erwartet, öffentlich aufzutreten als Dirigent, Pianist oder sonstiger Solist oder anwesender Berater vor oder bei Uraufführungen und ganz ohne dies, keine Musikveröffentlichungen?


    War dies im Literaturbetrieb eigentlich möglich, ohne eingeweihte männliche "Komplizen"?


    Falls nein, waren diese auf dem musikalischen Feld weniger zu finden und, wenn das so gewesen sein sollte, warum?


    :hello: Matthias

  • "Meine Frau". Widmung:



    ;)

  • Zitat

    Original von Matthias Oberg


    Genau! Eben deswegen hat, wer eine solche Versuchsanordnung aufbaut und sich davon derart weitgehende Schlußfolgerungen erhofft und diese auch, trotz aller realen Mehrdeutigkeit, zu ziehen können glaubt, von seriöser empirischer Sozialforschung nicht den blassesten Hauch einer Ahnung.


    Ich weiß auch gar nicht was die Umfrage, auch wenn sie stimmt, mit Komponistinnen zu tun hat. Hab sie nur präzisiert, weil sie jemand vorher erwähnt hat, und ich würde daraus auch keine weiteren Schlussfolgerungen ziehen, das Ergebnis spricht schon für sich alleine und mehr ist da auch nicht drin.
    Es gibt in der Tat heute in Kompositionsklassen fast so viele Frauen und Männer und ich habe noch keinen Qualitätsunterschied feststellen können (wenn ich denn überhaupt in der Lage dazu bin?), im Gegenteil...
    Aber komisch, die großen Namen (Ferneyhough, Rihm, Lachenmann, Boulez etc.) sind trotzdem alle männlich.

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Zitat

    Original von Matthias Oberg
    Waren die institutionellen Bedingungen in der Musikwelt so andere als im Literaturbetrieb? Wird vielleicht vom Komponisten eher erwartet, öffentlich aufzutreten als Dirigent, Pianist oder sonstiger Solist oder anwesender Berater vor oder bei Uraufführungen und ganz ohne dies, keine Musikveröffentlichungen?


    War dies im Literaturbetrieb eigentlich möglich, ohne eingeweihte männliche "Komplizen"?


    Falls nein, waren diese auf dem musikalischen Feld weniger zu finden und, wenn das so gewesen sein sollte, warum?


    Lieber Matthias,


    eben das, dass im Musikbetrieb öffentliches Auftreten wohl eine größere Rolle gespielt hat, habe ich mir auch schon als Erklärung überlegt. Und es ist früher nicht gleich alles verlegt worden, sondern oft erst Jahre nach der Uraufführung gedruckt worden.
    Dennoch, zumindest bei kleinerbesetzten Stücken, die sich vielleicht auch als Hausmusik eignen, glaube ich nicht, dass der Verlag nachfragt, wie oft und wann das schon gespielt worden ist, zumal wenn es ein außerordentlich gutes Stück ist. Es wäre aber immerhin eine Erklärung, weswegen es lange so wenige großbesetzte Kompositionen von Frauen gibt - weil sie in wesentlich geringerem Maße die Möglichkeit hatten, sie aufzuführen.


    Im Literaturbetrieb war es ohne Komplizen möglich. Bei den Schwestern Bronte gab es etwa keinen Mitwisser. Charlotte als "Managerin" der drei schickte die Manuskripte reihum an Verlage, mit dem Absender Currer Bell Esq. (ihrem Pseudonym) und ihrer Adresse versehen. Da sie gewöhnlich die Post entgegennahm, konnte - und sollte! - nicht einmal der Vater von ihren literarischen Ambitionen wissen.
    Charlotte Bronte hat wohl genau gewusst, dass die Männer in ihrer Umgebung einem solchen Unterfangen ablehnend gegenüber stehen würden, weil das nicht frauengerecht sei, und sie hat es schon einige Jahre zuvor erfahren, als sie eine Kurzgeschichte unter ihrem richtigen Namen an einen einflussreichen Kritiker mit der Bitte um Beurteilung sandte. Die Antwort fiel sinngemäß so aus, dass sie zwar nicht schlecht schreibe, aber ja wohl heiraten werde und dann eh keine Zeit mehr habe, sich um etwas anderes als den Haushalt, den Ehemann und die Kinder zu kümmern. Sie solle sich lieber in den Fertigkeiten üben, die sie dafür brauchen werde, als sich unnützen Schriftstellereien hinzugeben.


    Liebe Grüße,
    Martin

  • Ich glaube, es spielt(e) eine grosse Rolle, dass der Beruf des Komponisten sehr häufig mit dem des Kapellmeister, Dirigenten und ähnlichen leitenden Positionen im Musikbetrieb verbunden war (ist?).
    Und deise Position war serh eng und nciht selten existentiell mit dem Möglichkeiten die kompnierten Werke auch aufzuführen, verbunden.
    Diese Fûhrungs-Positionen im öffentlichen Musikbetrieb waren aber für Frauen nciht vorgesehen und quasi nicht zu erreichen.
    Sie sind es ja heute noch nicht so ganz einfach.


    Es hilft dann auch natürlich gar nichts (um auf Philhellennes Frage zu kommen), sich als Mann auszugeben, denn wenn man vor einem Orchester steht, und sich das Frackhemd verdächtig an passender Stelle wölbt und die Tessitura der Stimme nciht zum Namen passt.. :D


    Wer am Schreibtisch sitzt und sene Werke an Verlage schickt und nur dem Namen nach anonymen Lesern bekannt ist, hat es da ungleich leichter sich George statt Aurora zu nennen.


    Frauen waren jahrhundertelang nur als Interpreten akzeptiert, und das auch noch relativ eingeschränkt auf den vokalen und pianistischen Bereich.
    Das hat m.E. fast überwiegend soziologische Gründe .


    F.Q.

  • Gestern habe ich mit der Oper "La Esmeralda" der französischen Komponistin Louise Bertin (1805-1877) Radiobekanntschaft gemacht. Louise Bertin war von Geburt an gelähmt und versuchte vielleicht, dieses Handicap mit besonderer Hinwendung an die Kunst zu kompensieren. Sie nahm Kompositionsstunden bei Francois-Joseph Fétis, es wird aber erzählt, dass sie eine sehr ungeduldige Schülerin gewesen sei und der Theorie und insbesondere dem Kontrapunkt nicht sehr zugetan gewesen sein soll. Ihre Familie (ihr Vater war Herausgeber des "Journal des débats") stand voll hinter ihrer musikalische Begabung und Begeisterung.


    Die Oper "La Esmeralda" wurde 1836 uraufgeführt. Das Libretto schrieb Victor Hugo nach seinem Roman "Notre-Dame de Paris", das einzige Opernlibretto, das er jemals verfasste. Die Einstudierung übernahm Hector Berlioz, weil die Komponistin (aufgrund ihrer körperlichen Behinderung oder aufgrund ihres Geschlechts???) nicht dazu in der Lage war; den Klavierauszug fertigte Franz Liszt an. Obwohl die musikalische Seite der Uraufführungsserie sicherlich einwandfrei war (Die umjubelte Starsopranistin Marie-Cornélie Falcon übernahm die Titelrolle) und sich Größen des französischen Musiktheaters wie Giacomo Meyerbeer und Jacques-François-Fromental-Élie Halévy begeistert über die Oper der jungen Komponistin äußerten, hatte das Werk keinen Erfolg. Das Publikum brüllte während der Aufführung verschiedene, auch widersprüchliche Anschuldigungen gegen die Komponistin, die Presse tat ein übriges, um die Oper zugrunde zu richten: Bertin verstünde das Kompositionshandwerk nicht, könne nicht instrumentieren, schreibe zu viele Dissonanzen, die Oper nur durch die Kontakte ihres Vaters zur Aufführung gelangt (das könnte sogar stimmen!), die Oper (und besonders der "Hit", das Glöcknerlied des Quasimodo) sei in Wahrheit von Berlioz komponiert worden oder zumindest instrumentiert worden (Berlioz dementierte das mehrmals energisch, aber erfolglos!)...
    Louise Bertin zog sich nach diesem wohl auch demütigenden Misserfolg mit ihren Kompositionen wieder in den privaten bzw. halböffentlichen Bereich zurück und komponierte Klavierstücke, Lieder und Kammermusik. Sie veröffentlichte auch Gedichte.


    Ich habe gestern auf Ö1 in der soliden Aufführung aus Montpellier 2008 - die erste Aufführung seit der nach sieben Vorstellungen abgesetzten Uraufführungsserie 1836 weltweit! - kein Meisterwerk gehört, aber eine schöne Oper, die sicherlich nicht schlechter ist als etwa eine beliebige Gounod-Oper, allenfalls origineller. Ich meine, ein Faible der Komponistin für Repetitionen und Oktavparallellen herausgehört zu haben, das dem Werk das stoffgerechte mittelalterlich-exotische Kolorit verleiht. Höhepunkt ist für mich der vierte Akt mit einer Romanze der gefangenen Esmeralda, während der eine obstinate Solovioline ein Eigenleben führt, weder begleitend, noch ein Duett mit der Sopranistin anstrebend, sondern eigenständig kommentierend; dann dem schon angesprochenen fetzigen ;) Glöcknerlied des Quasimodo, das als einziger Teil der Oper in der Zwischenzeit bisweilen aufgeführt worden ist; und einigen düsteren Chorszenen.
    Eine Oper, die man sich durchaus anhören sollte, wenn man die Gelegenheit dazu hat!


    Liebe Grüße,
    Martin


  • In der SWR2-Musikstunde wurde eben folgende CD vorgestellt:



    Johann Blanchard hat die Kompositionen in alten Kartons seines Vaters gefunden und auf einem alten Steinway, den er eigens dafür restaurieren ließ eingespielt.

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Hallo lutgra!


    Bei der vorgestellten CD handelt es sich ausschließlich um Klavierwerke der Komponistin.


    Gruß
    WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Bei mir läuft gerade eine CD mit zwei Orchesterstücken von Elfride Andrée, einer schwedischen Komponistin, die ich bis gestern nicht kannte und allen Freunden romantischer Symphonik empfehlen möchte.



    Elfrida Andrée wurde am 19. Februar 1841 in Visby in eine angesehene Arztfamilie geboren, ihr Vater war eine Person mit radikalen politischen Ansichten, die er offensichtlich auch in seine zwei Töchter implantierte; jedenfalls wurde Elfride eine Vertreterin der Frauenbewegung, als 16-Jährige qualifizierte sie sich als Organistin und erreichte später, dass Frauen professionelle Organistinnen werden durften. Sie erhielt auch eine Ausbildung als Telegrafistin, ein Beruf, der bis dahin auch nur von Männern ausgeübt werden durfte. Elfrides ältere Schwester Fredrike Stenhammar wurde eine der berühmtesten schwedischen Opersängerinnen und Wagnerinterpretinnen.


    Elfrida Andrée studierte Komposition bei Ludvig Norman und für kurze Zeit bei Niels Wilhelm Gade. Ab 1861 wirkte sie in Stockholm und wurde 1867 Organistin an der Kathedrale von Göteborg. Für ihre Verdienste wurde sie zum Mitglied der Schwedischen Musikakademie gewählt.


    Andrée komponierte über 100 Werke, ihre Orgelsinfonien werden bis in die Gegenwart aufgeführt. Sie komponierte außerdem die Oper Fritiofs saga (auf einen Text von Selma Lagerlöf, 1899), mehrere Orchesterwerke, ein Klavierquartett (1870) und ein Klaviertrio (1887), Violin- und Klavierstücke, eine Schwedische Messe und Lieder.


    Sie starb hochbetagt am 11. Januar 1929.


    Die in den 1870ern entstandene 2. Symphonie ist in der Nachfolge Mendelssohn's zu sehen. Die 30 Jahre später entstandene Fritiof Suite zeigt Einflüsse von Wagner. Hörenswert sind beide.