Horowitz - der erste und größte aller Blender?

  • Hallo


    gerne wird der Name Horowitz bei den heutigen sog. "Tasten-Virtuosen" ins Feld geführt.


    Aber warum taucht sein Name eigentlich immer nur im Zusammenhang mit virtuoser Klaviermusik auf, ausschließlich bei den sog. Show-Stücken ?


    Würde ein Horowitz in unserer heutigen Zeit auch noch so unangefochten sein, wie er es damals ohne Zweifel war ?


    Wie würde ein echter heutiger Vergleich (lebender)z.B. mit Lang Lang aussehen ? Oder ist sein Glück einfach die schöne, gute und natürlich bessere Vergangenheit ?


    Viele Fragen, aber was ist nun wirklich dran an Horowitz Klavierspiel und sollte man sich wirklich etwas von ihm zulegen ???

  • Hallo Tobey,


    Zunächst einmal ist die Frage nicht zu beantworten.
    Ich will es trotzdem mal versuchen, und ich hab eine wenig nachgeschlagen.


    In der Tat waren Virtousenstücke eine Spezialität von Horowitz. Man muß sich aber hier vor Augen halten, daß in vergangenen Zeiten Vituosentum anders, meist positiver bewertet wurde als heute, ja ich würde sagen, das gesamte Bewertungssystem hat sich geändert, es unterliegt dem, was ich unter "Musikalische Moden" in einem anderen Thread bereits angerissen habe.


    Ich möcht auch (nur zum Beweis, wie subjektiv solche Urteile sein können) sagen, daß ich Lang-Lang für ein gepushtes Künstleridol halte, dessen Hauptvorteil für Plattenfirmen darin besteht, daß er aus einem Billigland kommt, und von dem nicht zu erwarten ist, daß er je solche Gagenforderungen stellen wird wie beispielsweise ein Alfred Brendel, Gulda etc.


    Horowitz hingegen ist für mich ein Stück Interpretationsgeschichte des 20 Jahrhunderts, unauslöschlich und unverzichtbar.
    Ein Vorteil vergangener Pianisten war ja der, daß sie ihre Eigenarten einbrachten, ihre Techniken und Ihre "Unarten". Das ist heute weder erwünscht, noch toleriert.


    Es ist aber eine Illusion, wenn man davon ausgeht, daß die Pianisten der gegenwärtigen Generation "besser" spielen würden als jene der Vergangenheit, nein sie spielen nur für "Ihr" Publikum, das etwas anderes erwartete als ein heutiges.


    Ohne Horowitz ist eine Tonträgersammlung unkomplett, ohne Lang-Lang ist sie das nicht.
    (Das könnte dereinst anders sein, die Zeit wird es zeigen.....)


    Freundliche Grüße aus Wien
    Alfred.

  • Hallo Tobey,


    einige Horowitz-Aufnahmen sollte man schon kennen, nicht nur, um nachvollziehen zu können, wie sich das Klavierspiel in den letzten Jahrzehnten verändert hat (und immer noch verändert), sondern weil es einige Einspielungen gibt, die zum "eisernen Bestand" einer Klassik-Sammlung, wenn es denn so etws gibt, gehören:
    Die Kreisleriana von 1969...




    ...sowie das das 1.Tschaikowsky-Konzert mit Toscanini von 1943.



    (Keine Angst vor dem alten Aufnahmedatum: man kann alles gut hören.)


    Gruß
    Uwe

  • Virtuosentum ist nicht das schlechteste Hilfsmittel, um dem Publikum eine Komposition nahe zu bringen. Insbesonders geschätzt waren die "Virtuosen" ja im 19. Jahrhundert; ich erinnere u.a. an Paganini oder den berühmten 'Wettstreit' zwischen Liszt und Thalberg.


    Horowitz' Virtuosität sehe ich jedoch mehr bedenklich, da er - zumindest zeitweilig - die Stücke nur zur Schau stellte. Sicherlich mit großartiger Fertigkeit aber ohne sich um eine gleichbleibende bzw. weiterentwickelnde Interpretation zu kümmern. Er konnte ein und dasselbe Stück heute so und morgen wieder ganz anders spielen - das verstehe ich nicht unter einem Interpreten.
    Nicht desto trotz hat er vielen Werken auch Gutes angetan und sie im Konzertsaal etabliert; man denke an Scriabin und andere 'Russen', die nicht gerade zum 'gewünschten' Publikumsrepertoire zählten oder seinen Einsatz für Clementi.


    In der heutigen Zeit dürfte er wohl nicht lange existieren, da das Publikum der reinen Virtuosen schnell überdrüssig wird.
    Der Vergleich von Lang Lang zu Horowitz ist für mich ein echter Horror-Witz :happy: Vielmehr kann man eine Verbindung zu Arcadi Volodos ziehen, der jedoch nicht den Fehler begeht, nur um der reinen Virtuosität wegen die Stücke zu präsentieren sondern über diesen Weg das Publikum auch mit tiefer Interpretation beeindruckt und erreicht.


    Von Horowitz selbst sollte man zumindest eine Auswahl aus der Zeit bis ca. 1950/60 gehört haben, evt. ergänzt um seine Liszt-CD mit der Sonaten-Einspielung von 1977. Beim 3. Rachmaninov empfehle ich eher die klanglich schlechtere Aufnahme von 1929 ?? unter Coates.


    Gruß,
    Jürgen

    Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen. [frei nach George Orwell]

  • Hallo


    @Alfred
    Nur weil LangLang aus China kommt, wird er wohl kaum weniger Gage verlangen als andere, schon gar nicht wenn die Amis so verrückt nach ihm sind.


    jpsa
    Ein Musiker ist doch nicht auf eine einzige Interpretation festgelegt. Wo würde denn da die künstlerische Freiheit bleiben ? Es ist doch toll, wenn ein Künstler zwei verschiedene Versionen spielt und mit beiden zu faszinieren vermag !



    Natürlich sollte in einer guten CD-Sammlung auch einige Aufnahmen mit Horowitz sein.


    Das Tschaikowsky-Konzert mit seinem Schwiegervater Toscanini am Pult ist sicherlich so eine Aufnahme, zumal die Künstler 1943 auf ihre Gage verzichteten und man statt Eintrittskarten Kriegsanleihe-Aktien kaufen musste.(Das Konzert brachte angeblich 11 Millionen Dollar für die Kriegsanleihe)


    Nennen würde ich noch die Live-Konzerte in der Carnegie-Hall :



    und das bekannte TV-Konzert 1968 :




    Grüße TW



    [Dieser Beitrag wurde am 16.08.2004 - 09:45 von TobeyWilson aktualisiert]



    Anmerkung der Moderation:


    Die Bilder können nicht funktionieren, du muß sie auf einem Server haben !!!


    Gruß Alfred, Moderator

  • (besserwissermodus) Arturo Toscanini war nicht der Stiefvater (wenn ich das aus Deinem "Siefvater" ablesen kann), sondern der Schwiegervater von Horowitz. (/besserwissermodus)


    Es gibt über die genannten "frühen" Einspielungen auch einige interessante (oder eher: erhellende?) Aufnahmen des späten Horowitz aus den 80er Jahren, zum grossen Teil bei DG erschienen (aktuell, glaube ich, in einer Sammelbox), die letzte Aufnahme (und meiner Ansicht nach die "Beste" der digitalen Aufnahmen) bei Sony.


    Horowitz spielt dadrauf im Wesentlichen seinen persönlichen Stil, aber mit einer gewissen Altersabgeklärtheit. Sein Scarlatti ist vielleicht nicht mehr zeitgemäss, sein Mozart ist m.A. unter aller Kanone, aber Scriabin und Rachmaninov bekommen schon eine gewisse mystische Komponente.


    Ob das "gut oder schlecht" ist, habe ich nicht die Vermessenheit zu beurteilen.


    Gruss,


    Hendrik

  • Ich hatte Gelegenheit, Horowitz 1986 in Berlin zu hören und diese eine gute Stunde Klavierspiel werde ich niemals vergessen. Der ganz persönliche Charme des Künstlers ließ vergessen, daß er mehr als einmal "neben" die Tasten griff. Ich nahm das hin, wie ich auf Glen Goulds Einspielungen den "Gesang" hinnehmen muss, der nun einmal zum Ganzen dazugehört.
    Jewgeni Kissin sagte einmal, daß es völlig gleichgültig sei, wie oft Horowitz sich verspiele, denn seine ausgeprägte Personalität und die reiche Facette an Klangfarben für das Klavier, über die er in dieser Weise nur ganz allein verfügte, machten ihn und sein Spiel über jeden Zweifel erhaben. Diesen Satz kannn ich gerne unterschreiben. Ein Blender ist für mich jemand, der mehr versucht zu scheinen, als er wirklich ist. Das kann man von Horowitz wirklich nicht behaupten! Von seinen Aufnahmen schätze ich besonders die Scarlatti-Sonaten aus den 60gern und die Aufnahmen der 80ger DGG/Sony, die sich weitgehend mit dem Programm deckten, das ich damals hörte.
    Wenig später erlebte ich übrigens zum ersten Mal Alfred Bredel live in Concert. Himmel, was ein Unterschied. Der heitere, quirlige Horowitz, dem man anmerken konnte, daß ihm das Musikmachen unbändig Freude bereitete und dann der mit Blicken das Publikum abstrafende Brendel, der sich wie ein verwundeter Amfortas an den Steinway schleppte, (mit pflasterverklebten Fingerkuppen!) und bei jedem Griff in die Tasten ein Gesicht machte, als würde er während des Spieles sterben wollen... Brendel ist sicher ein großartiger Künstler, sein Schubert ist anbetungswürdig, aber ZUSEHEN kann man da nicht, zumindest würde ich es keinem empfehlen....

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Tag,


    Vladimir Horowitz, also die 'Kreisleriana', schon gesagt. Horowitz, also auch 'Life in der Carnegie Hall', RCA-LP, ca. 1958, 'Bilder einer Ausstellung' mit eigenen virtuosen Ornamenten. - Vladimir Horowitz bedeutet mir eine enorme Spannweite des Kunstwollens. Höchster Ernst bis zum Jux (die letzten Geld-Konzerte, angestachelt von der überlebenden Ehefrau und dem Management des Konzertbetriebes) - ein Phänomen der Vielschichtigkeit.


    MfG
    Albus


    NS: RCA LM-2357-E, 1959.

  • was mozart interpretationen anbelangt war horowitz fast wie ein Gott.
    aber einen besseren mozart interpreten (Sonaten) kenne ich nicht.
    Horowitz war eine Maschine.
    Da bei Mozart alles perfekt klingen muss und ein einziger schlechter Tastenanschlag schon folgenreiche auswirkungen haben kann (deshalb ist ja mozart so schwer), scheitern viele Pianisten an verschiedensten Stellen.
    Horowitz aber spielt jede Klaviersonate von Mozart perfekt.
    Man höre nur KV 333 es dur. Die Läufe am Anfang...das sagt schon alles.
    Alles ist gleichmässig.

  • Hallo


    Zitat

    Horowitz aber spielt jede Klaviersonate von Mozart perfekt.


    Ich würde eher sagen, hier mogelt sich jemand so gut es geht aus der Affaire. Dass hier jeder Ton perfekt sitzt, muss man wohl mehr als nur euphemistisch bezeichnen.


    Ich habe bei ihm eher das beklemmende Gefühl:
    Hoffentlich geht alles gut!


    P.S.: Ich beziehe mich hier auf die DGG Einspielung von 1987.


    Grüße TW

  • Hallo "Streithähne" :yes:


    Ehrich gesagt ich bin froh, wenn sich in unserem Forum, was hier eher selten ist, gegensätzliche Meinungen bilden, weil sie machen ja (in gewissem Rahmen) den Reiz einer solchen Diskussion aus.


    Der "Konflikt" ist leicht erklärt, weil er lediglich darauf basiert, daß Realität von verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet und bewertet werden kann.


    Ich erinnere mich gut, daß ein Pianist, der in meiner Jugend zu meinem Bekanntenkreis zählte, sich darüber ärgerte, daß die "Alten" deren Finger längst nicht mehr so geschmeidig wären wie die der Nachwuchskünstler immer so bejubelt würden, und das bei (wie er es sah) eher mäßigen Leistungen und falschen Noten.


    Sachlich mag er recht gehabt haben. Er hat aber übersehen, daß jeder Pianist eine "Aura" hat, die unverwechselbar ist.
    Ist diese Aura durch das Medium CD übertragbar? An sich nicht, wohl aber, wenn man den Künstler schon ein oder meherer Male live erlebt hat.


    Das ist sehr gut am Beispiel HvKs zu demonstrieren.
    Als der Maestro noch lebte, und von vielen Hörern live erlebt wurde, gab keine Vorwürfe wegen "Breitwandklanges" (der IMO ein Problem der Tontechnik und nicht jener Karajans ist). Die Menschen benutzten die Tonaufnahmen lediglich zur Gedächtnisauffrischung ihrer Livekonzerterlebnisse. Heute, da den jüngeren lediglich die Tonkonserven zur Verfügung stehen, ist die Betrachtungsweise eine andere, das Urteil kritischer.


    Bei Klavieraufnahmen, und das ist meine Meinung, ist der Sachverhalt noch schwieriger. Zwar ist die heutige Aufnahmetechnik angeblich relativ hoch entwickelt, sobald man jedoch eine Klavieraufnahme gegen einen Konzertflügel live vergleicht möchte man an dieser Aussage zweifeln. Kaum eine Aufnahme bringt das "Blühen " eines Flügels herüber, oder die Unterscheide Bösendorfer/Steinway. Und wenn, dann die Wirklichkeit verfälschend: Der Bösendorfer, der in Wahrheit subtilster Klangfarben fähig ist, klingt auf Aufnahmen eher "neutral".
    So ist es auch mit der Bewertung von Pianisten:
    Tonaufnahmen bringen nur eine Seite Ihres Könnens "herüber", so etwa das Strukturelle, aber etliches geht unter. Daher verzerrt die CD
    das Bild, das man sich von einem Künster macht enorm.


    Zudem ist die Erwartungshaltung jedes Einzelnen verschieden.


    Ich kann mir gut vorstellen, daß wenn Mozart heute auferstehen würde und (anonym und unerkannt) heute seine Klaviersonaten spielte, ein nicht geringer Anteil der Hörer sagen würde, daß sein Vortrag langweilig und antiquiert wirke ,-)


    Gruß
    aus Wien


    Alfred

  • Horowitz war meiner Meinung nach das größte Phänomen der Klavierwelt. Auf einer Stufe mit ihm siedele ich nur noch Friedrich Gulda und Glenn Gould an. Mit Einschränkungen gehört auch Michelangeli in diese höchste Kategorie. Alle anderen von Rubinstein über Arrau, Kempff, bis hin zu den Barenboim, Pollinis und Ashekazys, selbst die hervorragenden Schiff und Perahia sind ihm nicht ebenbürtig.


    Das liegt daran das Horowitz neben seiner gigantischen Karriere im Musikalischen auch ein biografisch überwältigendes Leben hatte. Bei ihm schließt sich ein Kreis und wird ein Traum war. Das ist vergleichbar mit Leuten wie Lady Di oder Mozart, die bleiben auch Phänomene, Lichtgestalten eben.


    Wenn man Horowitz' Biografen, Harold C. Schonberg, dem Chefkritiker der NY-Times, glauben schenken darf, kam der Pianist aus dem schmutzigsten Kaff nahe Kiew - Berditschew. Ich zitiere: "Die herablassende Bezeichnung "ein Jude aus Berditschew" bedeutete im Russischen einen Juden der letzten Kategorie. Kein Jude, der von dort herauskam, wollte je an seinen Geburtsort erinner werden." Horowitz selbst verleugnete ihn. Er gab Kiew als Geburtsort an. Ich räume ein hier für alle Zweifler, die es sicher wieder geben wird: Die Sache ist nicht abschließend geklärt...


    Er geht bereits als Kind zum Konservatorium. Er studiert in Kiew. 1920 - mit 17 also - gibt er sein 1. öffentliches Konzert. Er lernt Nathan Milstein kennen. Kommt nach St. Petersburg... feiert Erfolge. Er emigriert nach Deutschland. Feiert Erfolge in Berlin + Hamburg (nachdem er Einspringt). Erobert Deutschland im Sturm. Geht nach Paris, das gleiche. Erobert Europa. Danach Amerika, wieder ein tolles Debut mit Thomas Beecham. Sagenumwoben.


    Dann der 1.Rückzug. Comeback. 2. Rückzug Comeback Und dann das Alter. Rückkehr nach Russland. Es ist irgendwie ein Märchen, deshalb ist er so beliebt. Sein Spiel ist manchmal nicht 100% ig, aber man verzeiht es ihm. Brendel würde man es nicht verzeihen. Seine Mine, die einer meiner Vorredner entdeckt haben will, kann ich nur bestätigen. Wenn er falsch spielt, wird er nicht mehr eingeladen werden. Punkt. Horowitz legte mit seiner "Last Recording" -Aufnahme ein Vermächtnis vor...


    Herzliche Grüße aus dem verschneiten Süden Deutschlands!

  • Hallo fuchsbuhl!


    Zwei Anmerkungen möchte ich mir erlauben.


    Zitat

    Original von fuchsbuhl
    Das ist vergleichbar mit Leuten wie Lady Di oder Mozart <...>


    Ich glaube, dich richtig verstanden zu haben: Lady Die steht höher als Mozart, neben Horowitz. Das ist eine gute Idee! Ich bitte um Erlaubnis dies zu zitieren. :-)


    Zitat


    Rückkehr nach Russland.


    Meinst du seinen Konzert in der Sowjetunion 1986? Das war kein Rückkehr, sondern ein Gastspiel.


    Gruß

  • Zitat

    Original von jpsa



    In der heutigen Zeit dürfte er wohl nicht lange existieren, da das Publikum der reinen Virtuosen schnell überdrüssig wird.
    Der Vergleich von Lang Lang zu Horowitz ist für mich ein echter Horror-Witz :happy: Vielmehr kann man eine Verbindung zu Arcadi Volodos ziehen, der jedoch nicht den Fehler begeht, nur um der reinen Virtuosität wegen die Stücke zu präsentieren sondern über diesen Weg das Publikum auch mit tiefer Interpretation beeindruckt und erreicht.


    Vladimir Horowitz in die Kategorie des "reinen" Virtuosen einzusortieren wird diesem Ausnahmepianisten sicher nicht gerecht. Sicher hatte Horowitz großes Vergnügen daran mit seiner Technik zu brillieren- andererseits ist er acuh ein unwahrscheinlich ernsthafter Musiker gewesen- was man an seiner Auseinandersetzung mit den Sonaten Beethovens sehr gut verfolgen- einer Herausforderung die Horowitz immer wieder gesucht hat. Mein Eindruck ist, dass Horowitz so gut wie nie Selbstzweck ist. Eine Aufnahme von Horowitz möchte ich hier noch nennen:



    Herzliche Grüße,


    Christian

  • Zur Eingangsfrage von mir ein klares Ja!


    Trotzdem ist mir H. in seiner Kokettiererei ähnlich sympathisch wie Rubinstein. Vielleicht musste er mit DER Frau an seiner Seite so sein. Welche Gegensätze bei diesem Paar!


    H.s letzte Konzerte (z.B. Moskau) sind für mich ein Phänomen:
    Welcher Pianist hat je einen derart monströsen Mozart abgeliefert und so ungeniert und gründlich daneben gehauen (Skrijabin-Etüde) wie Horowitz, und das Volk tobt und schreit und klatscht wie besessen.....

  • Ich halte ihn für einen überschätzten Pianisten, der Noten lesen, aber nicht spielen konnte, er konnte höchstens, wie sein Landsmann Strawinskij über andere Musiker herziehen.
    Ich habe alle Aufnahmen dieses Verbrechers an der Musik, die man mir übereignete, verschenkt. :kotz:

  • Zitat von heldenbariton

    Ich halte ihn für einen überschätzten Pianisten, der Noten lesen, aber nicht spielen konnte, er konnte höchstens, wie sein Landsmann Strawinskij über andere Musiker herziehen.


    Lieber Guido,


    finde ich ein wenig zu absolut. Wieso ist Horowitz überschätzt? Denn irgendwelche Schwächen - oder sagen wir mal Komponisten die einem Pianisten weniger "liegen" gibt es ja immer.


    Herzliche Grüße, :hello: :hello:


    Christian

  • Ohne mich mit Horowitz allzusehr beschäftigt zu haben:


    Sooo glänzend, wie uns heutige Musiklexika die Karriere des Vladimir Horowitz glaubhaft machen möchte, verlief sie keineswegs.


    Da wäre beispielsweise sein Debütkonzert in den USA bestritt:
    Am 28. Jänner 1928 sollte er , mit Sir Thomas Beecham am Pult, Tschaikowskis Klavierkonzert Nr 1 spielen.
    Über die zu verwendenden Tempi herrschten offensichtlich grundsätzliche Auffassungsunterschiede. Das führte dazu, daß Horowitz - ohne Rücksicht auf Verluste - Dirigent und Orchester hinter sich ließ und sein eigenes Tempo spielte. Normalerweise sollte solch eine Disziplinlosigkeit das Ende der Karriere des damals 23jährigen bedeutet haben - Aber nein - schließlich war der Schauplatz ja Amerika. Man bejubelte den "entfesselten Tornado auf der Steppe" - und sein Ruhm wurde noch gesteigert. Zweimal in seiner Karriere fühlte der Meister sich "überfordert" - das hysterische Publikum machte ihn nervös - genauso wie das andauernde Reisen, das schlechte Essen - zuwenig Schlaf - und er pausierte jeweils jahrelang.


    Jene Kritiker, die ihm nicht besonders gewogen waren, bezeichneten ihn als hervorragenden Techniker, der jedoch keinen tieferen Zugang zu den Werken habe.


    Ich erinnere mich lediglich an eine Aufzeichnung, wo er, wie einst Albert Einstein - dem Publikum die Zunge gezeigt hat. Der Moderator (damals sagte man noch Kommentator) meinte damals galant, es wäre dies "Alltherrencharme" - Das halte ich für eine sehr beschönigende Formulierung.....


    Freundliche Grüße
    aus Wien
    Alfred

  • Sagitt meint:


    Horowitz war mir immer unsympathisch, nicht nur als Mensch, das kommt ja öfters vor, sondern durch diese alberne Art. Es gibt ja einen Film über ihn, u.a. die Vorbereitungen zum A-Dur Konzert mit Guilini. Schon peinlich, wie ein Pianist mit Weltruf um die Kritiker buhlt, vor ihnen Angst hat? Ich finde seine Mozart-Interpretationen albern, seine Beethoven-Interpretationen banal.
    Aber spielen konnte er. Wer je die Hatz im b-moll Konzert mit Schwiegervater Toscanini gehört hat, wird dies nie wieder vergessen.
    Im Moskau-Konzert zeigt er höchst differenzierte Anschlagskunst und wenn Russen, die vom Klavierspiel sicher mehr verstehen als die meisten von uns (mich eingeschlossen) im Saal sitzen und weinen, sollte man diesem Mann seinen Respekt nicht versagen (auch wenn man ihn nicht schätzt).

  • Es gibt in einem Fernsehinterview eine wie ich finde schreckliche Szene.


    Und zwar werden Horowitz und Wanda gefragt, ob sie Kinder haben.


    Horowitz antwortet sogleich mit "Nein" worauf ihn Wanda erstaunt anschaut und sagt "Aber wir hatten doch eine Tochter!"


    Dies hatte er anscheinend völlig vergessen.
    Diese Tochter ist auch recht früh verstorben - eventuell Suizid, aber ich weiß es nicht genauer.


    Davon abgesehen, daß Horowitz ein ungemein wichtiger Pianist war, hat mich seine anscheinend durch völlige Hingabe an das Klavier hervorgerufene Unreife immer angewidert.


    Er war als Pianist m.e. wirklich genial (ok, nicht mehr am Ende seines Lebens, diese Aufnahmen finde ich furchtbar), aber den Menschen Horowitz, so wie man ihn in vielen Fernsehdokus kennengelernt hat, finde ich abstoßend, dies trifft für mich auch auf seine Frau zu.


    Dies müssen sehr einsame Menschen gewesen sein.


    Dies ist natürlich nur meine private Meinung.


    Der Pianist Horowitz war schon ein Ereignis.
    Man sollte sich mal seine Einspielung der Liszt-Sonate von 1928 anhören, dann versteht man, warum er damals einen derartigen Eindruck hinterließ.


    LG,


    Michael

  • Sagitt meint:


    Was mich interessiert ist,ob es einen Zusammenhang zwischen dem Charakter und der Interpretation gibt ? Bei irgendeiner virtuosen Etüde fällt nicht auf, wenn einer keinen " Kern"- Charakter- hat. Aber bei Mozart oder Beethoven ? Über die Person Horovitz scheint ja eine relative Einigkeit zu bestehen. Liest man die Erinnerungen von Janis ( Horovitz einziger Schüler) verdunkelt sich das Persönlichkeitsbild noch.
    Aber: kann man das hören ? Ich habe das Vorurteil vor allem bei seiner Mozart-interpretation zB KV 330. Aber stimmt es ?


    Ich würde es gerne diskutieren, denn ich kenne auch Gegenbeispiele. Der Mensch tritt hinter dem Künstler zurück und wird in der Kunst nicht erkennbar.

  • Zitat

    Original von sagitt
    Was mich interessiert ist,ob es einen Zusammenhang zwischen dem Charakter und der Interpretation gibt ?.


    Ich glaube, es gibt einen solchen Zusammenhang. Ich glaube persönlich nicht, dass man die Interpretation vom Charakter des Interpreten trennen kann, denn jeder Interpretation wohnt per se ein gewisses Maß an Subjektivität inne.


    Umgekehrt muss ein Künstler nicht automatisch im landläufigen Sinne "sympathisch" sein, es gibt genügend Beispiele, dass Künstler alles andere als angenehm im Umgang waren, beispielsweise Horowitz.


    Übrigens anbei (zur weiteren Diskussion) noch ein Zitat des Pianisten:


    »Ohne Verstand bist du ein Fiasko, ohne technische Mittel bist du ein Amateur. Ohne Herz bist du eine Maschine.«
    Herzliche Grüße, :hello: :hello:


    Christian

  • Zitat

    Und zwar werden Horowitz und Wanda gefragt, ob sie Kinder haben.


    Horowitz antwortet sogleich mit "Nein" worauf ihn Wanda erstaunt anschaut und sagt "Aber wir hatten doch eine Tochter!"


    Dies hatte er anscheinend völlig vergessen.
    Diese Tochter ist auch recht früh verstorben- eventuell Suizid, aber ich weiß es nicht genauer.


    Ich würde meinen, das beweist vor allem, wie unterschiedlich der Verlust verarbeitet wurde.

  • Hallo Theophilus,


    soweit ich mich erinnere, wurde diese Tochter von Anfang an in Internaten geparkt, da sie zuhause nur gestört hätte.


    Ich fürchte, daß von einer Verarbeitung nicht ausgegangen werden kann, da alles, was Horowitz vom Klavierspielen ablenkte, von ihm ferngehalten wurde.

  • Aha. Ich muss gestehen, dass ich überhaupt nichts Näheres über die Tochter der Horowitzs weiß. Ich kann mich jetzt auch nicht an die Szene erinnern, ist ja auch schon fast 20 Jahre her, dass die Horowitz-Dokumentationen im Fernsehen liefen. Aber so leicht vergisst man ein Kind eigentlich nicht...