Helge Rosvaenge

  • In der Frühzeit meiner Opernbesuche, aber auch schon als Sängerknabe, hatte ich einen besonderen Lieblingstenor, der neben Carla Martinis besonders in Verdi- und Puccini Opern glänzte, sowie auch in der Carmen den Don José sang, hier mit Jean Madeira, das Publikum hin- und mitriss.


    In der "Tosca" war ich der Hirtenknabe und er der Cavaradossi: Helge Rosvaenge.


    Helge Rosvaenge war ein Däne, geboren am 29.8.1897 in Kopenhagen und er hatte, und das gab er immer auch zu, an der Technischen Hochschule in Kopenhagen studiert und seinen Ingenieur gemacht.


    Dafür sagte man, in den Zeiten des Theaters an der Wien, der "Ton-Ingenieur-Tenor".



    Aber auch in den Mozartpartien, die für ihn einen Schwerpunkt wurden, war er nach Richard Tauber, der nach England emigrieren musste, dessen Nachfolger, aber er war schon Mozart-Tenor 1932 in Salzburg, bei den Festspielen, auch war Helge Rosvaenge, ab 1930 schon Mitglied der Wiener Staatsoper, wo er, alternativ, mit Richard Tauber Mozart Partien sang, nicht also in Konkurrenz, wie den Tamino, den Don Ottavio usw.


    Bei den letzten österreichischen Salzburger Festspielen vor dem Anschluss Österreichs an Deutschland, 1937, sang er den Tamino.


    Seine politischen "Eigenheiten" will ich hier nicht besprechen, weder in Deutschland, nach 1933 bis 1945, als nach dem Krieg in der DDR.


    Auch sang er in Glyndebourne den Tamino und in einer älteren Einspielung der "Zauberflöte" mit Erna Berger als Königin der Nacht.



    Jedoch waren, wie schon oben geschrieben die Verdi und Puccini Partien, die im Theater an der Wien von ihm gesungen wurden.



    Seine sicheren C aber auch D bezauberten und erstaunten immer wieder.



    Doch auch im Konzertsaal konnte er seine Stimme unter Beweis stellen, sowie in der leichten Muse.



    Die Tatsache, dass bei und nach Herbert von Karajan die Opern in den Originalsprachen gesungen werden sollten, war für ihm der Grund nicht mehr die Partien zu singen, die er vorher sang, da er nicht umlernen wollte.


    Eine besonders gute Einspielung ist für mich eine Aufnahme der



    Hier wird die "Dreigroschenoper" als Oper behandelt.


    Auch Helge Rosvange sang dann Operette, auch an der Volksoper und er zog sich langsam von der Bühne zurück.


    Es folgten noch Fernseh- und Rundfunkauftritte, er war Gesangslehrer
    und er lebte bis zu seinem Tod, am 19.6.1972, in München.

  • Liebe Forianer,
    eine durchaus lesenswerte Autobiographie von Helge Rosvaenge unter dem Titel "Mach es besser, mein Sohn" erschien im Verlag Koehler & Amelang Leipzig 1962.
    Rosvaenge hatte sein erstes Engagement in meinem Heimatland Mecklenburg im Theater Neustrelitz. Seine Verbundenheit mit den "Brettern", auf denen er die ersten Schritte machte äußerte sich in Mecklenburg-Gastspielen vor allem im Staatstheater Schwerin. Dort erlebte ich ihn in "Aida" und "Macht des Schicksals" als Partner der später in Leipzig (nicht nur) das Wagnerfach vertretenden Hannelore Kuhse. Er war schon großartig!
    Gruß
    Lohengrin :yes:

  • Liebe Taminos,


    Helge Rosvaenge war in seiner Zeit einer der absoluten Publikumslieblinge im tenoralen Fach. Die Stimme des Dänen zeichnete sich durch enorme Strahlkraft und eine fabelhafte Höhe aus. Legendär ist vor allem sein Vortrag der gefürchteten Stretta aus Verdis Troubadour, die er mit höchster sängerischer Attacke, gekrönt von zwei fabelhaften hohen Cs so effektvoll gestaltete, dass er sie oft zweimal vor dem Vorhang wiederholen musste, also insgesamt dreimal sang, ohne dabei zu ermüden. Weitere Partien in denen er brillierte sind Radames, Don Jose, Cavaradossi, Des Grieux, viele Mozart-Rollen, ja selbst Florestan, also das gesamte sogenannte Zwischenfach. Rosvaenges Markenzeichen war Intensität und explosive Stimm- und Gefühlausbrüche. Erstaunlich, dass dieser ausgezeichnete Tenor an posthumer Bedeutung verloren hat.
    Vielleicht befremdet uns heute sein oft zu "gefühliges Singen".
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Lieber Operus!


    Helge Rosvaenge hatte ja auch ein D, das er auch einsetzte und so konnte er als Manrico das gefürchtete C blendend abstützen.


    Wie ich geschrieben habe, ein perfekter Tenor-Ton-Ingenieur.


    Liebe Grüße Peter aus dem eiskalten Wien. :hello: :hello: :hello:

  • Zitat

    Original von operus
    Erstaunlich, dass dieser ausgezeichnete Tenor an posthumer Bedeutung verloren hat.
    Vielleicht befremdet uns heute sein oft zu "gefühliges Singen".
    Herzlichst
    Operus


    Lieber Operus,


    ich denke, es gibt einige Gründe dafür, das Rosvaenge (leider) fast in Vergessenheit geraten ist. Seine Stimme ist zwar ein expressives Organ, das Timbre dürfte aber nicht jedermanns Sache sein. Der vielgerühmte (und gefragte!) Schmelz war seine Sache nicht. Die Stimme wirkt nicht nur brilliant sondern oft grell - schneidet dafür aber wie ein Schneidbrenner durch jede Orchestrierung!. Dazu hat er die große Zeit der Opernproduktionen verpasst bzw. nicht an den internationalen Opernaufnahmen der späten Monoära mitgewirkt, sondern "nur" viele Rundfunkmitschnitte, zumal in deutscher Sprache hinterlassen. Diese interessieren aber meist nicht die breite Masse der jüngeren Opernliebhaber, sondern eher schon die speziellen Gesangsfetischisten.


    Dennoch: Rosvaenge war ein Phänomen, meist sogar phänomenal - und ich halte Ihn auch für unterschätzt.


    Über seine Ausbildung finden sich unterschiedliche Angaben. Vom plattenhörenden Autodidakten bis hin zum quasi "Hobby-Gesangsstudium" neben seinem eigentlich Studium als Chemieingenieur. (Was steht dazu in seiner Autobiographie ? Würde mich brennend interessieren !?!)
    Jedenfalls: Er scheint keine wirklich professionelle Ausbildung genossen zu haben. Aber, was ist das Ergebnis dieses merkwürdigen Lebenslaufes: Ein Sänger, dessen Stimme immer korrekt gestützt, mit ausgeglichener Skala bis zum D reichte. Mit derart phänomenal strahlenden Spitzentönen, die immer korrekt platziert sind und in Squillo, Kraft und Sicherheit höchstens von Lauri-Volpi erreicht wurden. Rosvaenge-Absagen waren in etwa so häufig, wie die blaue Mauritius. Angeblich sang er in seinen besten Zeiten über 200 Auftritte im Jahr, Repertoireauswahl immer nach dem Motto: "Höher, Schneller, Weiter". Mit 65 Jahren noch als Manrico aktiv, auf seiner Abschiedstournee mit dem Repertoire eines Mitte Dreißigers.


    Wen kann man da als Maßstab dagegen setzen ?


    Und er konnte noch mehr, nämlich wirklich bezaubern mezza voce singen. In einer frühen Aufnahme der Radames-Romanze singt er ein hohes B im Piano, zwar falsettgeprägt, aber doch sicher gestützt. Er hat sowohl die Kraft zum Esultate, als auch die Zärtlichkeit fürs Liebesduett als Otello. Und dann der Klangreichtum der Stimme: Man höre mal nur mal "Ewig muß ich dein gedenken, und kann dann über den musikalischen Gehalt diskutieren, aber nicht über die Fülle an Klangmassen, die Roswaenge da entfesselt.


    Richtig ist: Es gibt, vor allem auch im italienischen Repertoire, zu viele internationale Alternativen, die mit mehr klanglicher Bindung, Legato, überhaupt Noblesse des Singens und viel besserer Linienbildung überzeugen können. Aber Rosvaenge ist dennoch, wegen der genannten Vorzüge, unbedingt hörenswert. Und er hat innerhalb eines rhetorisch-dramatischen Gesangsstils mehr erreicht, als andere.
    Insofern finden sich sogar bei den gestrengen Hörrn Gesangsconnaisseures immer die selben Hinweise auf seine eindrucksvollsten Aufnahmen: Den Feuerreiter von Hugo Wolf, die große Florestan-Arie, Huons "Von Jugend auf in dem Kampfgefild" sowie einige Hochseilnummern wie Sobinins Arie aus Glinkas "Leben für den Zaren" und der "Postillion von Lonjumeau".


    Selbst, wer den flammenden, wenig kantablen Stil der deutschen Vorkriegszeit nicht mag, sollte Rosvaenge eine Chance geben.


    Gruß
    Sascha

  • Lieber Sascha,
    danke für Deinen ausführlichen Beitrag. Jedes Wort kann ich mit Nachdruck unterstützen. Deckt sich ja auch weitgehend mit meinem Statement. Vielleicht führt unsere Diskussion dazu, dass einige Opernfreunde sich mit diesen überaus interessanten Tenor näher
    beschäftigen. Verdient hätte er es aus vielerlei Gründen.
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Lieber Sascha!


    Helge Rosvaenge und Carla Martinis waren das Traum-Paar der Staatsoper im Theater an der Wien, in den Jahren 1945 - 1955,


    wobei Helge Rosvaenge erst gegen 1946 nach Wien kam.


    Die Wiedergabe von Verdi- und Puccini-Partien der beiden war einmalig und unvergesslich.


    Liebe Grüße, und herzlichen Dank für Deine ausführliche Beschreibung, sendet Dir Peter aus Wien. :hello: :hello:

  • Lieber Sascha,


    wie schön, dass Du mit Deinen fundierten Beiträgen wieder häufiger im Forum erscheinst.
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Meine meistgeschätzte Helge-Rosvaenge-Aufnahme ist der unglaublich spannende "Andrea Chenier", nur in Auszügen veröffentlicht- aber dafür mit Käthe Heidersbach und Willi Domgraf-Fassbaender unter Robert Heger 1942 (!!!!!) in Berlin. Leider ist es mir bisher nicht gelungen, die genauen Umstände der Aufführung bzw. Aufnahme zu erfahren - sollte da mal ausnahmsweise keiner das Libretto gelesen haben? Anders ist es kaum nachzuvollziehen, warum die Nazis Rosvaenge den -überdies noch von Max Kalbeck, also auch keinem Wohlgelittenen zu braunen Zeiten, übersetzten- Ausbruch gegen das "Land, in dem man die Dichter mordet" haben singen lassen.
    Der Hörer erhält zusätzlich zu einem unmittelbaren Erleben des hohen Niveaus, auf ddm Singen an der Berliner Staatsoper dann doch noch möglich war, außerdem auch noch den Eindruck, wie textverständlich man singen könnte, wenn man sich ein wenig Mühe gäbe....Und Rosvange ist auch dort phänomenal

  • Auf dieser Doppel-CD der Oper mit Rosvaenge ist als zusätzlicher Bonus auch der oben von Honoria genannte Querschnitt von 1942 enthalten!



    Umberto Giordano (1867-1948 )
    Andre Chenier


    Helge Rosvaenge, Charles Gerard, Theo Bayle, Elisabeth Höngen, Hilde Zadek,
    Orchester der Wiener Staatsoper,
    Dirigent: Rudolf Moralt

    +Auszüge aus "Andre Chenier" mit Rosvaenge, Heidersbach,
    Domgraf-Fassbaender,
    Reichsrundfunkgesellschaft Berlin,
    Dirigent: Robert Heger / 1942


    2 CDs
    Erscheinungstermin: 1.2.2008
    Label: Relief , ADD/m, 1955 (1942)


    Hörproben gibt es bei jpc.


    LG


    :hello:

  • Die rührige kleine Plattenfirma ars Production aus Ratingen hat eine Recital-CD mit neu gemasterten Titeln von Helge Rosvaenge herausgebracht, die ich hier kurz vorstellen möchte:






    "Legenden des Gesanges, Vol. 8 | Helge Roswaenge"
    :jubel:
    Komponist: Adolphe Adam, Michail Glinka, Charles Gounod, Ruggiero Leoncavallo, Giacomo Meyerbeer, Modest Mussorgski, Peter Tschaikowski, Giuseppe Verdi, Carl Maria von Weber


    Interpret(en): Helge Roswaenge, Heinrich Schlusnus, Margarethe Teschemacher, Wilhelm Strienz, Tiana Lemnitz, Friedel Beckmann


    Aufnahme: 1932 bis 1941


    Zitat

    "In meiner Sängerlaufbahn bin ich weit herumgekommen, konnte zahlreiche Erfahrungen sammeln, habe Erfolge und Niederlagen erlebt, brauchte mich aber nach selbstkritischer Prüfung niemals zu jenen Menschen zu zählen, die das Streben nach Vollkommenheit gar so unbeliebt macht. Im Gegenteil – ich glaube, durch meine Kunst den Menschen viele schöne Stunden geschenkt zu haben und bei ihnen in guter Erinnerung zu stehen. Dafür habe ich genügend Beweise empfangen."
    Helge Roswaenge


    Titelliste findet ihr hier (auch einzeln zum downloaden)


    LG


    :hello:

    Die Moderation hat den Link in einen zu jpc umgewandelt, somit kann man auch in die eintelene Tracks hineinhören MOD 001 Alfred

  • Liebe Honoria,


    die Aufnahme des "Chenier" von 1942 hatte den Hintergrund, dass Robert Heger die "oberen" darauf aufmerksam machte, dass das "Erste Opernhaus Deutschlands", wenn es den gebührenden Rang behalten soll, auch Werke spielen muss, welche ein ideologisches Problem (in dieser Zeit) darstellen...Willi Domgraf-Fassbaender (PG) musste sich nach der Premiere für die Zeile:"..nicht hier, wo man die Dichter mordet.." vor der Gestapo rechtfertigen.
    Das die Premiere und auch die folgenden Vorstellungen ausverkauft waren, spricht nicht nur für die hervorragende Besetzung, sondern auch für den Mut wider die Zeit.


    LG, Heldenbariton :hello:

  • Natürlich habe ich in meiner Sammlung einige schöne Opernaufnahmen von Helge Rosvaenge, das gehört eigentlich fast ganz normal zu einem Bestand. Wenn ich jedoch eine Stimme wirklich ganz kennen lernen möchte, muss ich auch den Liedsänger gehört haben.


    Bei den bisher hier vorgestellten Aufnahmen fehlt die CD:
    Helge Rosvaenge singt ausgewählte Lieder 1936-1944


    Der Schwerpunkt liegt auf Hugo Wolf Liedern, aber meine ganz persönlichen Lieblingsstücke auf dieser CD sind zwei Lieder von Edvard Grieg:


    "Am schönen Sommerabend"
    und
    "Ein Schwan"


    Aufnahmen mit Michael Raucheisen / Reichsrundfunk 1944


    Immer wieder verwunderlich, dass in dieser unseligen Zeit noch die Möglichkeit bestand, solche Aufnahmen zu machen.

  • RE: Helge Roswaenge


    Meine erste Vinylplatte nach unzähligen Schellacks war eine 45er mit Arien gesungen von Helge Roswaenge. Die bekam ich von meinem Vater zum Geburtstag. es waren das Postillonlied aus dem Postillon von Lonjumeau und die Arie des Lorenzo aus "Fra Diavolo" darauf. Ferner zwei Arien aus "Bajazzo". Die Partie des Lorenzo hat ihm kaum einer so perfekt nachgesungen, vielleicht später noch Anton de Ridder.
    Gruß Wolfgang

  • Heute vor 115 Jahren geboren:


    Roswaenge (Rosvaenge), Helge (Helge Rosenvinge Hansen), dänischer Tenor, * 29.8.1897 Kopenhagen, † 17.6.1972 München.

    Nach seiner Ausbildung in Kopenhagen und Berlin begann er 1921 als Don José in Neustrelitz.
    Über Altenburg, Basel und Köln kam er 1929 an die Berliner Staatsoper, zu deren Stars er bis 1945 gehörte.
    Gleichzeitig gastierte er ab 1930 in Wien, München, Hamburg, Dresden. 1933–39 sang er in Salzburg Hüon unter Walter, Tamino unter Toscanini und Florestan unter Knappertsbusch. Parsifal war er 1934–36 in Bayreuth, Florestan 1938 in London.
    Nach dem 2. Weltkrieg sang er vornehmlich in Wien (Cavaradossi, Herzog von Mantua, Turiddu, Alvaro, Manrico) und hatte große Erfolge an der Volksoper als Operettentenor.
    1962 trat er ein einziges Mal in Amerika auf, allerdings auf dem Konzertpodium.
    Helge Rosvaenge war ein jugendlicher Heldentenor mit einer warmen Stimme und einer brillanten, glänzenden Höhe; er gehörte ab den 30er-Jahren zu den populärsten Opernsängern Deutschlands.


    LG


    :hello:

  • Lieber Harald,


    schön, daß Du an ihn erinnert hast. Rosvaenge war mein erster "Star", den ich erleben konnte, live, und das in 4 verschiedenen Rollen, und das in Gera von 1957 bis 1961. Als Manrico, Herzog, Canio und als Richard im Maskenball.


    Nie werde ich die Erinnerung daran verlieren, wie ich im Dezember 1957 mit Gipshand (ich hatte beim Fußballspielen den kleinen Finger der rechten Hand gebrochen) im 2. Rang in der vorletzte Reihe des ausverkauften Geraer Theaters saß (damals hatte das Haus noch rund 1200 Plätze). Die Karten hatte mein Opa besorgt, der dafür stundenlang anstehen mußte, bei Schnee und Kälte. Meine Mutter hatte mir ihr altes, halb blindes Opernglas gegeben. Und ich war aufgeregt. Rosvaenge war mein absoluter Radioliebling, ich hatte alle Programmzeitschriften studiert, um ja nicht zu verpassen, wenn er sang. Gerade die Stretta aus dem Trubadour war meine Lieblingsarie - und nun sang dieser Rosvaenge diese Oper in Gera!! Ich kenn heute noch die Namen aller anderen Sänger, aber die kennt niemand mehr.


    Mit nassen Händen wartete ich, daß Ferrando endlich fertig ist, und auch die Arie der Leonore nahm kein Ende. Doch dann aus dem Hintergrund "Einsam steh ich, und verlassen" - er, Rosvaenge!


    Dann kam er raus, ein kleines, zierliches Männchen, aber mit einer gewaltigen Ausstrahlung. Riesenapplaus zur Begrüßung. Im Azucena-Akt war er dann voll da, es wurde mir eiskalt auf dem Rücken, da auch die Zigeunerin (Gertrud Magnus hieß sie) hervorragend war. Die ganze Vorstellung war prickelnd, voller Spannung. Dann kam der Höhepunkt. "Daß nur für Dich mein Herz erbebt" und danach die Stretta "Lodern zum Himmel". Der ganze Saal sprang danach auf, Bravos wie im Opernfilm. Er mußte Da capo singen, und auch danach hörte das Publikum erst auf zu jubeln, als der eiserne Vorhang heruntergelassen wurde. Ich war schweißnaß, habe gewünscht, der Abend solle nie zu Ende gehen. Ging er aber doch. Ich lief in der Kälte 3 km nach Hause, und ich fror nicht, mir war heiß.


    So etwas habe ich nie wieder erlebt (auch nicht in den nachfolgenden Rosvaenge-Gastspielen). Bis heute nicht, und das wird auch nie wieder kommen. Schade. Nur die Erinnerung bleibt.


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Lieber La Roche,


    wie schön ist die Begeisterung, die aus Deinem Beitrag klingt. Bewahre Dir diese Erinnerung als kostbares Geschenk. Sei aber offen für Neues - vielleicht passiert ähnliches wieder. Ich habe es allerdings nicht in dieser Intensität erlebt, als ich den jungen Star der Wiener Volksoper, Vincent Schirrmacher, in diesem Jahr in einem Open-Air-Konzert hörte - und wieder war es die Stretta, die vom Stuhl riß. Wie in der Liebe könnnen auch wir alten Knaben noch neue Höhepunkte erleben, wenn wir uns sensible Empfänglichkeit als kostbares Gut erhalten.


    Herzlichst
    der oft zu begeisterungsfähige
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Aufbauend auf Beitrag Nr. 18 in diesem Thread wage ich es, meine Erinnerungen an Helge Rosvaenge, erlebt Ende der 1950-er Jahre im Provinztheater Gera weiter zu formulieren. Genau wie unser Chrissy, den die persönlichen Erlebnisse mit Ruggiero Orofino geformt haben, ist es bei mir der kleine Däne, zumal er genau wie ich Chemie studiert hat (wenn auch nicht so lange).


    Nach dem Trubadour 1957 kam im Herbst 1958 Rigoletto auf die Geraer Bühne. Hier mußte ich ja nicht so lange warten, bis er kam. Sein "Freundlich blick ich auf diese und jene" ist ja praktisch die Eröffnung der Oper. Und wieder sag ich - er kam, er sah, er siegte. Die Bühne gehörte ihm! Im 2. Bild hat ja der Rigoletto seine großen Auftritte, in "Gleich sind wir beide" und den Duetten mit Gilda. Wir hatten einen extrem guten Bariton, den Ungarn Sandor (Alexander) Toth. Er leiß kurz den Herzog vergessen, aber als dieser der Gilda ins Wort fiel bei ".....ich liebe Dich", da klopfte das Herz wieder. Vielleicht auch, weil ich 16 Jahre alt war und wir damals romantischer veranlagt waren als die 16-jährigen heute. Es darf ruhig gelächelt werden! Im 3. Akt dann wieder ein großer Auftritt "Sie wurde mir entrissen" bis zum parademäßig sitzenden hohen C beim Abgang. Naja, jeder kennt`s , dann wieder Sandor Toth mit seinem "Lala,Lala.." und im Duett mit dem Töchterchen bis zum Racheschwur, da war Rosvaenge durch die Macht der Musik etwas weg.


    Aber dann der letzte Akt. Im Quartett "Als Tänzerin erschienst Du mir.." , da glänzte er wieder, und auf sein "Oh wie so trügerisch" haben alle gewartet. Er sprang trotz seiner damals 61 Jahre auf den Tisch, zückte seine Spielkarten und machte Kartentricks, sicher 1000mal gemacht, aber im Gedächtnis unverrückbar. Der Jubel war unbeschreiblich, natürlich mit da Capo. Der Rigoletto ist natürlich zuerst eine Baritonoper, der Schluß am Mincio-Fluß war zum Weinen traurig. Am Ende wieder stehende Ovationen. Unvergeßlich.


    Wie ärgerlich war dagegen der Rigoletto vor Jahren in der Semperoper (es gibt dazu einen eigenen Thread) mit einem guten Zelko Lucic, einer hervorragenden Diana Damrau und einem schlechten Juan Diego Florez bei einem Krawalldirigat von Fabio Luisi und einem saumäßigen Bühnenbild. Trotz der extrem namhaften Besetzung keine Atmosphäre, lahmer Beifall zum Schluß (ich war in der 2. Premiere). Es war aus, man ist nach Hause gefahren, das war`s. Aber bei Erinnerungen an die vielen Rigolettos meiner Opernzeit (ich schätz 8x) bleibt Rosvaenge 1958 in Gera absoluter Favorit!!


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Wieder ein Jahr später, im Herbst 1959. Helge Rosvaenge als Canio. Voran natürich die Cavalleria, die ich jetzt bei guter Besetzung dem Bajazzo vorziehe. Leider war damals in Gera die Besetzung beim Mascagni nicht so toll, ich habe kein Programm mehr, kenne aber noch immer die Namen (Friedrich Peleikis, Kammersänger Erhard Groß als Alfio, Eva Haßbecker als Santuzza und Gertrud Magnus als Mutter, Peleikis war der Schwachpunkt). Alles wartete auf die Pause, eigentlich dumm.


    Der Prolog, wieder gesungen von Sandor Toth, einem Bariton mit einem Timbre, erinnernd an Walter Berry (seine Fans mögen mir verzeihen), brachte die Masse wieder zum Toben. "Das Spiel kann beginnen", und der Applaus dröhnteso laut, daß Rosvaenge hinter der Bühnen gedacht ahben mag - heute mußt Du Dich besonders anstrengen! Und das tat er dann. Schon sein "Scherzet immer" ging ins Blut. Das Vogellied der Nedda (Annelies Schubert-Neuhaus) - toll. Der Auftritt des sexuell erregten Tonio - ein Gedicht. Das Liebesduett mit Silvio (Georg Schulz) - herrlich. Eine Steigerung war kaum möglcih. Denkste - Rosvaenge kam unsd zerstreute alle Zweifel, wer der Chef ist. Nach seinem "Lache Bajazzo" taten einem die Hände weh vom Klatschen. Und nach seiner letzten Arie und Tonios "Geht ruhig heim, das Spiel ist aus" kam der Applaus wie 2 Jahre zuvor im Trubadour erst nach dem eisernen Vorhang zum Stehen.


    Es war, ist und bleibt mein bisher bester Bajazzo. Vielleicht ein bißchen verklärt in der Erinnerung, aber vor allem in den letzten Jahren habe ich nie wieder erleben können, wie die eigenen Vorstellungen von Bühnengeschehen, von Musik, von Kostümen und Bühnenbild mit dem Gesang übereingestimmt haben zu einem auch nach 52 Jahren unvergessenen Opernerlebnis. Wie hätte ich mir sonst die Namen der eigentlich unbekannten Sänger merken sollen. Dirigent war übrigens GMB Ernst Albrecht Reinhard.


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Nun ist es das letzte mals, das ich Euch mit meinen kindlich-jugendlichen Erinnerungen traktiere. 1961 im Januar kam Rosvaenge zum letzten Mals nach Gera, diesmal als Richard im Maskenball. Eigentlich war und ist das nicht meine Lieblingsoper, aber der Name meines Lieblingssängers hat elektrisiert. Wieder mußte der Opa anstehen, ich war ja in der Schule, jetzt in der 12. Klasse, kurz vor dem Abitur. Vom Maskenball kannte ich nicht so viel. Die beiden Baritonarien, favorisiert mit Metternich, aber vor allem das Liebesduett, im Radio oft zu hören mit Rosvaenge und Hilde Scheppan. Ich habe mich manchmal dabei ertappt, daß ich vor dem Schlafengehen vor mich hingesungen habe "Ach wie die süßen Worte mit Wonne mich durchbeben" oder "ach wie hab ich gekämpft und gerungen". Ich glaube, vom Liebesduett (wie auch bei vielen Arien aus Trubadour, Rigoletto oder Bajazzo) kann ich den kompletten Text auf deutsch noch auswendig. Deshalb bin ich auch durchaus dafür, wieder einmal eine italienische Oper in deutsch zu hören, aber nicht mit den Felsenstein-Texten.


    Kurz und gut, wieder den guten Anzug angezogen - das machte man damals und ich mache es auch heute noch - und bei Kälte ins Theater gelaufen. Natürlich volles Haus. Rosvaenge näherte sich dem 64. Geburtstag, und ich merkte, daß die Stimme zwar noch klar und kräftig, aber doch dunkler geworden war. Ein Schicksal aller Tenöre. Die Baritonarien brachte wieder unser Ungar Sandor Toth, und das Haus war hin. Das Liebesduett wurde zum letzten Höhepunkt meiner Erlebnisse mit Rosvaenge. Es war nicht nur sein letztes Gastspiel in Gera, er trat auch auf anderen Bühnen kürzer. Natürlich gab es Jubel, das Publikum war dankbar, daß ein für heutige Begriffe "Weltstar" in Gera gesungen hat. Aber von allen 4 Gastspielen ist mir der Maskenball am wenigsten im Gedächtnis geblieben.


    Natürlich waren es überall klassische, teilweise bombastische Bühnenbilder, waren es tolle Kostüme, hatte der Geraer Chor noch ca. 50 Sänger (heute 21), sodaß die 4 Chorfinales gewaltig toll ausfielen. Eine Ära ging für mich zu Ende, die mich geprägt hat, mein Interesse an der Oper nicht nur geweckt hat, sondern vertieft. Und es hat Erwartungshaltungen bei mir erzeugt, die in den letzten 20 Jahren immer mehr enttäuscht wurden. Fazit - ich gehe kaum noch in die Oper, sondern bevorzuge jetzt Konzert. Dabei würde ich liebend gern wieder einmal eine italienische Oper sehen, so wie ich es in den 50-er Jahren erleben durfte. Wer denkt nicht ab und zu mal an seine erste Liebe! Aber das ist vorbei. Rosvaenge ist tot, aber seine Platten und CD sind geblieben. Er war für mich immer meine Nummer 1!!!


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Lieber Wolfgang,


    nein - Vincent Schirrmacher hat mit Ursula Schirrmacher nichts zu tun. Rein zufällige Namensgleicheit. Von Geburt aus ist Vincent Chinese, der in England erzogen wurde. Ein Herr Schirrmacher hat ihn adoptiert. Interessant ist dabei, dass ein deutsch klingender Name für Bewerbungen im Opernbereich günstiger ist. Der Markt sei mit guten Koreanern, Chinesen und anderen Asiaten restlos überschwemmt.
    Doch m. E. sind Namen höchstens zum Einstieg wichtig, dann sind sie Schall und (Wahn, kleines Späßle) Rauch, später kommt es nur noch auf Talent, Weiterentwicklung, Durchhaltevermögen, sängerische Klugheit und Seriosität an.
    Vincent hat einen ziemlich kuriose Entwicklung. Wenn Du willst erzähle ich sie Dir beim baldigen persönlichen Treffen.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Lieber Antracis,


    Du fragtest, was in Rosvaenges Autobiographie über seine Ausbildung steht. Ich zitiere: "Mein Lehrer war Arzt, der selbst einmal Gesang studiert hatte - sogar bei keinem Geringeren als dem großen Jean de Reszke in Paris-, um die Laufbahn eines Heldentenors einzuschlagen..." "Wöchentlich eine Stunde machte mein damaliges Gesangsstudium aus - nur zum Vergnügen, um ab und zu ein paar dänische und französische Chansons im Freundeskreis zum besten zu geben"......1920 " lernte ich bei meinem Hausherrn, einem Charakterschauspieler des Schweriner Landestheaters den phonetisch richtigen Ausdruck der deutschen Sprache..." Dr. Hans Winkelmann, der Schweriner Wagnertenor sprach anlässlich eines Gastspiels in Neustrelitz "mit dem dortigen Direktor über mich und veranlaßte, daß ich zu einem Probesingen eingeladen wurde." ...."Als ich mich beim Intendanten des respektablen Hoftheaters vorstellte, begrüßte er mich mit den Worten: 'Also Sie sind der junge dänische Sänger, von dem mir mein Freund Winkelmann erzählt hat. Sagen Sie mal, haben Sie den Don Jose studiert?' Das war zufällig die einzige Partie, die ich aus Privatvergnügen mit einem Korrepetitor in Schwerin einstudiert hatte.... "Natürlich erwiderte ich leicht hingeworfen....den Don Jose habe ich auch studiert". "So bekam ich ... einen richtigen Bühnenvertrag als erster lyrischer Tenor des Landestheater in Neustrelitz". Es folgten Engagements in Altenburg/Thüringen, Basel, Köln und schließlich an der Staatsoper Berlin. ..." In Berlin wurde ich eigentlich erst richtig 'erzogen'. Mein Haupterzieher war Leo Blech, der prachtvolle Operndirigent. Ich möchte ihn meinen 'musikalischen Vater' nennen. Was ich an Präzision und Disziplin gelernt habe, verdanke ich in erster Linie ihm."
    Also kurz und gut: Learning by doing.


    Gruß
    Lohengrin

  • "So bekam ich ... einen richtigen Bühnenvertrag als erster lyrischer Tenor des Landestheater in Neustrelitz". Es folgten Engagements in Altenburg/Thüringen, Basel, Köln und schließlich an der Staatsoper Berlin. ..." In Berlin wurde ich eigentlich erst richtig 'erzogen'. Mein Haupterzieher war Leo Blech, der prachtvolle Operndirigent. Ich möchte ihn meinen 'musikalischen Vater' nennen. Was ich an Präzision und Disziplin gelernt habe, verdanke ich in erster Linie ihm."
    Also kurz und gut: Learning by doing.
    Gruß
    Lohengrin

    Ja so war das früher einmal - über die "Lehrjahre" in der Provinz an ein großes Haus und dort einen wohlmeinenden Förderer finden. - und Leo Blech war wohl nicht unbedingt der Schlechteste............

  • Erst kürzlich fand ich einen großen Satz Fotos von Rosvaenge aus seiner Kölner Zeit. Übrigens ist das Cover-Bild der CD, das Harald am 6.6. 2009 gepostet hat, aus Köln. Es zeigt Rosvaenge als Don Josè. In derselben Produktion sang die Ranzcak die Carmen. Kurz darauf wechselte sie nach Berlin. Rosvaenge blieb noch etwas länger in Köln. Er sang dort beinahe jeden Abend. Auch viel Mozart.


    Ranzcak und Rosvaenge kann man übrigens zusammen erleben in der Tosca, die es als Gesamtaufnahme gibt. Unentbehrlich sage ich Euch!
    http://www.amazon.de/product-r…?ie=UTF8&showViewpoints=1

  • Bestimmt ist in einem Beitrag schon mal darauf hingewiesen worden und ich habe es nicht gelesen oder überlesen. Deshalb im Vornherein Entschuldigung, falls ich mich hier wiederhole.
    Es gab in DDR- Zeiten mal ein Buch von und über Helge Rosvaenge mit vielen Abbildungen. Ein älterer Freund von mir, der ein totaler Rosvaenge- Fan war, hatte es. Titel "Mach es besser, mein Sohn". Vielleicht läßt sich über einschlägige Buchgeschäfte da noch etwas bestellen. Ich habe mal bei Amazon recherchiert, da werden 11 Gebrauchte angeboten.


    Evtl. Interessenten viel Erfolg und herzliche Grüße
    CHRISSY

  • Tja, mein lieber Chrissy, vielleicht kann ich jetzt bei Amazon das Rosvaenge-Buch wieder erstehen, welches ich etwa 1965 als Student gekauft und natürlich verschlungen habe. Ziemlich abwegig damals, daß ein Chemierstudent die Autobiographie eines Tenors las! Aber immer hatte ich die Antwort, daß Rosvaenge auch Chemiker war!


    Leider habe ich das Büchlein verliehen, und nie wiederbekommen. Deshalb der Gedanke, daß ich evtl. ein mir gehörendes Buch wieder kaufen könnte, sogar mit Notizen von mir!


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.