Darmstadt, Wagner, Meistersinger, Premiere war am 12.10.2008, Aufführung vom 18.01.2009

  • Hallo, liebes Forum,


    hier nun mal wieder ein echter Beitrag von mir.


    Letzten Sonntag, also am 18.01.2009, waren Emotione, "die pfuetzin" und ich in
    Darmstadt im Großen Haus in Wagner's Die Meistersinger von Nürnberg.


    Die anderen Aufführungen dieser Spielzeit gibt es am 1. März, 22. März und am
    21. Juni, jeweils um 16:00, Ende ist immer gegen 22:00.


    Erstmal die Rahmeninfos:


    In der Aufführung am Sonntag spielten und sangen:


    Musikalische Leitung: Martin Lukas Meister
    Inszenierung: John Dew
    Bühne: Heinz Balthes
    Kostüme: José-Manuel Vázquez
    Choreinstudierung: André Weiss


    Hans Sachs, Schuster: Ralf Lukas
    Veit Pogner, Goldschmied: Andreas Daum
    Kunz Vogelgesang, Kürschner: Markus Durst
    Konrad Nachtigall, Spengler: Randal Turner
    Sixtus Beckmesser, Stadtschreiber: Gerd Vogel
    Fritz Kothner, Bäcker: Thomas Mehnert
    Balthasar Zorn, Zinngiesser: Sven Ehrke
    Ulrich Eisslinger. Würzkrämer: Andreas Wagner
    Augustin Moser, Schneider: Lucian Krasznec
    Hermann Ortel, Seifensieder: David Pichlmaier
    Hans Schwarz, Strumpfwirker: Hans-Joachim Porcher
    Hans Foltz, Kupferschmied: Hans Griepentrog
    Walther von Stolzing, junger Ritter aus Franken: Herbert Lippert
    David, Sachsens Lehrbube: Jeffrey Treganza
    Eva, Pogners Tochter: Anja Vincken
    Magdalene, ihre Amme: Niina Keitel
    Ein Nachtwächter: Oleksandr Prytolyuk
    Lehrbuben: Florence Bonnefont, Martina Buchholz, Anne Gerbert, Anke Haas, Juri Lavrentiev, Tobias Rathgeber, Sören Richter, Klaus Riedelsheimer, Stefan Steinbauer, Gaku Sumida, Lucas Vanzelli, Xu Zheng


    Chor und Extrachor des Staatstheathers Darmstadt
    Staatsorchester Darmstadt


    Kurze Zusammenfasssung: Wir haben es genossen, es hat Spaß gemacht, es gab
    keine Buhrufe, aber es ist auch keine "Regieli"-Inszenierung.


    Das Staatstheater Darmstadt hält eine Sammlung von Pressestimmen unter:


    http://www.staatstheater-darmstadt.de/content/view/1234/585/


    bereit.


    Szenenbilder gibt es unter:


    http://www.staatstheater-darmstadt.de/content/view/1224/374/


    Mehr im Detail:


    Der Bühnenraum wird ringsum mit schwarzem Stoff mit Partiturasuzügen
    begrenzt. Davor finden sich dann je nach Situation knappe Bühnenelemente. Im
    ersten Akt stehen so eine Kirchenkanzel und zwei Kirchensäulen auf der
    Bühne. Der Umbau zur Gildensitzung erfolgt durch einen Zwischenvorhang, und
    anschliessend haben wir den Chor der Kirche, in dem die Gildensitzung
    stattfindet (kann man auf den Szenenbildern sehen (z.B. auf Bild 1 des
    Staatstheaters sichtbar)).


    Im zweiten Akt haben wir dann Lampen auf der Bühne (kann man dann auf Bild 9
    des Staatstheaters sehen), und links am Rande räumt Sachs seine Utensilien
    auf die Straße (Bilder 2, 5, 6). Die Prügelszene geht so ziemlich ohne echte
    Prügelei über die Bühne, was aber der Unterhaltsamkeit keinen Abbruch tut.


    Im dritten Akt haben wir dann auf der Drehbühne im ersten Teil das Wohn- und
    Eßzimmer von Sachsens Wohnung im Vordergrund, und die Werkstatt im
    Hintergrund, durch Schuhkartons voneinander abgetrennt, im zweiten Teil nach
    einem Zwischenvorhang finden wir dann die Werkstatt vorne, und das Wohn- und
    Eßzimmer im hinteren Bereich (vgl. Bild 13 des Staatstheaters).


    Nach einem weiteren Zwischenvorhang finden wir dann die Festwiese, mit einem
    Pavillion zum Singen in der Mitte (siehe übrige Bilder des
    Staatstheaters). Um den Pavillion herum sitzen das Volk und die Meister mit
    Ihren Lehrbuben auf Bierbänken an Biertischen.


    Der Knalleffekt der Oper ist der letzte Moment, wo es um die Meister geht
    (Verachtet mir die Meister nicht!). Hier wird ein Fotograf auf der Bühne zum
    "Aktionsgeber" und bei seinem Blitz fällt im Hintergrund ein Vorhang herunter,
    und wir sehen den Mount Rushmore, diesmal aber nicht mit den ersten vier US
    Präsidenten, sondern mit Wagner, Beethoven, Goethe und Schiller. Mag etwas
    übertrieben sein, paßt aber in die Inszenierung, die die Meistersinger in ein
    Nürnberg des späten 19. Jahrhunderts plaziert, also in die Zeit der
    Uraufführung.


    Die ganze Inszenierung versucht, sämtliche Deutung zu vermeiden, was ihr gut
    gelingt, und sich auf den "Inhalt" zu konzentrieren, ohne Teile davon zu stark
    zu betonen, damit keine Überhöhungen auftreten. So wird Beckmesser hier nicht
    ausgeschlossen, sondern am Ende mit einem Schulterklaps wieder angenommen.


    Schön ist auch der Einzug der Bürger vor der Prügelszene, sie kommen fast alle
    in Nachthemden durch den Zuschauerraum auf die Bühne. Ähnliches passiert dann
    beim Einzug der Meister vor der Festwiese.


    Auch musikalisch machte es Spaß, besonders gut haben mit gefallen: Ralf Lukas
    als Sachs, Gerd Vogel als Beckmesser und auch Jeffrey Treganza als David. Das
    Orchester könnte gelegentlich mehr zu seinem Dirigenten schauen, damit es mehr
    zusammenspielt, evtl. liegt das aber daran, daß das Orchester sich mehr an
    Wagners Anweisung hält, es alles in einem Tempo zu spielen (Stefan Mickisch
    meint: 178 für die Achtel) und hier Martin Lukas Meister doch zu viele
    Tempowandlungen unterbringen wollte. Dennoch: Insgesamt macht es viel Spaß,
    auch wenn es die längste Oper Wagners ist, aber, dafür ist sich auch die
    kurzweiligste, und am wenigsten bedeutungsschwanger überladene.


    Die Reduktion auf den Inhalt bekommt ihr in Darmstadt sehr gut!


    Liebe Grüße,


    Matthias

  • Ob eine Meistersinger-Inszenierung, die fast gänzlich auf eine Deutung verzichtet, so das ist, was ich mir wünsche, weiß ich nicht so recht. Immerhin macht Dein detaillierter und aussagekräftiger Bericht mich neugierig. Vielen Dank dafür!


    Nach einer Kritik, die ich über eine kürzliche Neuinszenierung der Oper in Mannheim gelesen habe, scheint die Darmstädter Aufführung musikalisch überlegen und besser zu sein; mal sehn, ob ich es schaffe hinzugehen.


  • Dem ist mitnichten so! Am Mount Rushmore National Memorial sind George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln in den Felsen gemeißelt. Diese vier galten bei Beginn der (langen) Arbeiten als die bis dato bedeutendsten US-Präsidenten!


    :hello:

  • Zitat

    Original von Theophilus


    Dem ist mitnichten so! Am Mount Rushmore National Memorial sind George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln in den Felsen gemeißelt. Diese vier galten bei Beginn der (langen) Arbeiten als die bis dato bedeutendsten US-Präsidenten!


    :hello:


    Danke für den Hinweis!


    Matthias

  • Zitat

    Original von Gurnemanz
    Ob eine Meistersinger-Inszenierung, die fast gänzlich auf eine Deutung verzichtet, so das ist, was ich mir wünsche, weiß ich nicht so recht. Immerhin macht Dein detaillierter und aussagekräftiger Bericht mich neugierig. Vielen Dank dafür!


    Nach einer Kritik, die ich über eine kürzliche Neuinszenierung der Oper in Mannheim gelesen habe, scheint die Darmstädter Aufführung musikalisch überlegen und besser zu sein; mal sehn, ob ich es schaffe hinzugehen.


    Lieber Gurnemanz,


    an anderer Stelle läßt sich schon nachlesen, daß auch hier eine Deutung vorgenommen wird, insbesonderer die Szenen zwischen Eva und Sachs als auch Sachs und Stolzing lassen Deutung zu. Und auch das "Nicht-Verdammen" von Beckmesser ist ja sicherlich eine Deutung.


    Es ist aber eben keine "krasse Neudeutung", was ja auch mal bei einer Oper, die schon so genug "Entertainment" bietet, nicht schaden muß. Ich will damit nun aber nicht ins "Staubi"-Fach abdriften, der Transport ins späte 19. Jahrhundert ist ja auch schon eine Deutung, und der Bezug zum Mount Rushmore, und den vier deutschen Meistern (warum hier Bach nicht dabei ist?)) läßt auch Deutung zu...


    Matthias

  • Zitat

    Original von pfuetz
    [...] an anderer Stelle läßt sich schon nachlesen, daß auch hier eine Deutung vorgenommen wird, insbesonderer die Szenen zwischen Eva und Sachs als auch Sachs und Stolzing lassen Deutung zu. Und auch das "Nicht-Verdammen" von Beckmesser ist ja sicherlich eine Deutung.


    [...] der Transport ins späte 19. Jahrhundert ist ja auch schon eine Deutung, und der Bezug zum Mount Rushmore [...] läßt auch Deutung zu...


    Lieber Matthias,


    da stimme ich Dir gern zu. Ich hatte mich darauf bezogen:


    Zitat

    Die ganze Inszenierung versucht, sämtliche Deutung zu vermeiden, was ihr gut gelingt, und sich auf den "Inhalt" zu konzentrieren, ohne Teile davon zu stark zu betonen, damit keine Überhöhungen auftreten.


    Auch eine solche Inszenierung deutet, interpretiert, selbst wenn sie sich darauf beschränken würde, die Regieanweisungen 1:1 umzusetzen, ohne etwas dazuzutun. Ich könnte mir vorstellen, daß wir uns da einig sind.


    Die Meistersinger von Darmstadt würde ich allerdings erst bewerten wollen, wenn ich sie selbst erlebt habe.


  • Ja, da sind wir uns einig!


    Was ich meinte mit der "Vermeidung" der Deutung ist: Es wird hier nicht plakativ einseitig Stellung bezogen, und daraus ergibt sich die Möglichkeit, sich der Oper "neutraler" zu nähern, als wenn hier schon sofort und offensichtlich "Stellung" bezogen und "interpretiert" wird.


    Gruß,


    Matthias

  • Wenn auch sehr spät, möchte ich doch zu dieser Inszenierung noch meine Eindrücke kurz schildern.


    Den Bericht von Matthias kann ich nur 1:1 bestätigen. Sicher, es war eine konventionelle Inszenierung, jedoch waren es für mich die kurzweiligsten Meistersinger, die ich in meinem langen Leben gehört und gesehen habe. Da musste nun erst ein Kubaner Regie führen, um mir einmal die Meistersinger als das zu präsentieren, was deren Schöpfer damit bezwecken wollte, nämlich als "komische Oper". Da war keine Langatmigkeit im ersten Akt mit den endlosen Regelerklärungen, keine Schwüle in der Johannisnacht, die im übrigen mit elektrischer Straßenbeleuchtung (auch so ein Regieeinfall, denn Nürnberg erhielt sie 1882 als erste Stadt in Deutschland) ziemlich hell war. Der dritte Akt mit der berührenden Szene zwischen Sachs, Walther und Evchen und das anschließende wunderbare Quintett gingen unter die Haut, um dann in den Jubel des Volksfestes zu münden. Da war kein statischer Einzug der Zünfte. Die Meister kamen in lockerer Folge durch das Parkett zusammen mit den Fürther Mädchen, autogramme- und brezelverteilend zur Festwiese, wo die Lehrbuben im Takt des Ländlers einen Schuhplattler tantzten. Jede Deutschtümelei wurde vermieden, auch der Schlussmonolog von Sachs erhielt durch das ironisiernde Prospekt à la Mount Rushmore eine neue Bedeutung. Wunderbar auch für mich die Einbeziehung von Beckmesser zum Schluss. Nicht - wie sonst üblich - verschwindet er verlacht und gedemütigt in der Menge. Er bleibt - ziemich verzweifelt - auf einer Bank sitzen, Sachs bietet ihm die Hand, quasi als Entschuldigung, die Beckmesser zunächst zögerlich ergreift, um dann von Sachs in einer Umarmung in den Kreis der Meister zum Gruppenfoto einbezogen zu werden.


    Emotione

  • Zitat

    Original von pfuetz
    Die ganze Inszenierung versucht, sämtliche Deutung zu vermeiden, was ihr gut gelingt, und sich auf den "Inhalt" zu konzentrieren, ohne Teile davon zu stark zu betonen, damit keine Überhöhungen auftreten.


    Zitat

    Original von Emotione
    Sicher, es war eine konventionelle Inszenierung, jedoch waren es für mich die kurzweiligsten Meistersinger, die ich in meinem langen Leben gehört und gesehen habe.


    Das werde ich in ein paar Wochen, am 21.6., selbst überprüfen. Gerade habe ich Karten für die Vorstellung erworben. Ich freu' mich schon drauf und werde gern berichten.