Persönlich erlebter ältester Opernkünstler

  • Eine Meldung kommt heute aus New York, die ganz gut hier passt:


    Zitat

    Letzte Auftritte sind nicht immer so spektakulär: Wenn der Tenor Charles Anthony als Kaiser Altoum in Puccinis «Turandot» an der Met ein letztes Mal zu sehen sein wird, ist das bemerkenswert. Anthony zählt immerhin 80 Jahre.


    Charles Anthony hält den Rekord an Auftritten in der New Yorker Oper: 2927 Mal stand er dort auf der Bühne.


    Am zweitmeisten Auftritte verbuchte längere Zeit der russische Bariton George Cehanovsky, der es 2394 Mal vor Met-Publikum schaffte.


    Ähnliches habe ich an der Rheinoper erlebt: Der Tenor Ratko Delorko hat bis wenige Tage vor seinem Tod noch in der Rolle des alten Kaisers in "Turandot" auf der Düsseldorfer Bühne gestanden!


    LG


    :hello:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Bei der Beurteilung von Sängerleistungen im hohen Alter spielt natürlich eine große Rolle, ob der Sänger mit sogeannten Wurzen auf der Bühne bezw. im Aufnahmestudio stand, oder ob er auch im reifen Alter noch große Partien in bedeutenden Produktionen gestalten konnte.. Bei dieser Betrachtungsweise wäre Fricks Gurnemanz mit 66 Jahren in der von vielen Kritikern als Referenzaufnahme gewürdigten Gesamtaufnahme des Parsifal unter Georg Solti (1972) zu erwähnen. Der Sänger brillierte auch noch mit über 70 Jahren in Premieren als Falstaff in die "Lustiigen Weiber von Windsor" und Pimen im "Boris Godunow". Bejubelt wurde auch seine letzte Aufführungsserie, die er um das 70. Lebensjahr herum an der WSO hatte.
    Eine ebenfalls erstaunliche Alterskarriere mit Auftritten in großen Partien an führenden Opernhäusern hat der Bariton Wolfgang Schöne. Er feiert am 9. Februar dieses Jahres seinen 70. Geburtstag.
    Ein Beispiel für hervorragende stimmliche Verfassung im hohen Sängeralter ist eine hinreißende Aufnahme des "Flohlieds" von Mark Reisen, das dieser im 85. Lebensjahr aufgenommen hat. Allerdings war dies nur ein Lied und keine große kräftezehrende Partie.
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Lieber Operus!


    Wenn wir bei Alterskarrieren um die 70 sind, nicht vergessen:


    Franz Grundheber *1937


    und auch


    Placido Domingo *1941


    :hello: Gustav

  • Ja, den Grundheber habe ich vor Kurzem auch noch gesehen. Wie der sich hält. Und, lieber Harald, auch ich hatte das Vergnügen mit Frau Mödl als Golde, aber da war sie wohl gerade mal frische 80, wenn überhaupt schon.


    Der "alte" Sänger, der mich am stärksten beeindruckt hat, war Giuseppe Taddei. Ich sah ihn 1991 als Falstaff in Wien. Wie beweglich der war! Wie charmant! Und die Stimme war absolut in Ordnung. Sie funkelte geradezu. Eine Erinnerung fürs Leben. Ansonsten habe ich noch den unverwüstlichen Franz Mazura zu bieten, den ich vor nicht zu langer Zeit als - im doppelten Wortsinn - sagenhaften Titurel erleben durfte.

    Der Jugendtraum der Erde ist geträumt
    Grillparzer
    Macht nix!
    grillparzer

  • Ja fast eine Sünde, bei Alterskarrieren Franz Grundheber zu vergessen.
    Franz Mazura ist besonders als vitaler universeller Künslter zu beachten.
    Herzlichst
    Operus

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  • Eine hervorragende sängerische Leistung im reifen Sängeralter vollbrachte gerade der 73jäjrige Tenor René Kollo als Ägisth
    bei der Baden-Badener "Elektra"-Aufführung unter Christian Thielemann. Ich bastle gerade an einer Rezension über diese Aufführung.
    Herzlichst
    Operus

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  • In diesem Zusammenhang fällt mir der Auftritt Ernst Haefligers als Alter Hirte im Tristan anläßlich der Wiedereröffnung der Bühne des Prinzregententheaters ein:


    Sonntag, 10. November 1996, 17.00 Uhr


    Musikalische Leitung Lorin Maazel
    Inszenierung August Everding
    Bühne Hans Schavernoch
    Kostüme Tomio Mohri
    Chöre Michael Gläser
    Maske Rudolf Herbert
    Licht Hanns-Joachim Haas
    Tristan Jon Frederic West
    Isolde Hildegard Behrens
    König Marke Matti Salminen
    Kurwenal Alan Titus
    Brangäne Ann Murray
    Melot Volker Vogel
    Alter Hirt Ernst Haefliger
    Junger Seemann Kobie van Rensburg


    Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks


    Ernst Haefliger war damals 78 Jahre alt und erstaunlich präsent.Die Aufführung habe ich als TV-Übertragung erlebt.


    Viele Grüße
    Santoliquido

    M.B.

  • Schmach und Schande über mich - den weiter oben erwähnten Franz Grundheber kannte ich gar nicht - bis ich am Wochenende die DVD mit dem Konzert zum 50. Jahrestag der Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper ansah und wie elektrisiert war von Grundhebers Amonasro - er sang die Aida von Violeta Urmana glatt aus...Auf das Cover hat er es allerdings nicht geschafft.


    Die DVD ist übrigens für kleines Geld zu haben und bietet noch andere Veteranen auf, wie Domingo und Baltsa im 4. Akt Aida etc.



    Grüße!


    Honoria

    "...and suddenly everybody burst out singing"
    Busman's Honeymoon

  • Nur eine kleine Bemerkung zu Misha:
    Es muss ebenfalls in den 60er Jahren gewesen sein, da hörte und sah ich Frau Silja als beeindruckende Senta und es wurde nicht gekräht...

  • Man wird alt...
    In den 1950er Jahren habe ich tatsächlich noch Benjamino Gigli (1890-1957) auf der Konzrtbühne erlebt.
    1955 zog er sich von der Bühne zurück und starb mit 67 Jahren.
    Natürlich war ich von dem Konzert damals hell begeistert, kann aber keine "fachlich" fundierte Aussage darüber machen,welche Qualität die Stimme tatsächlich noch hatte.


    Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere konnte ich George London, Gustav Neidlinger, Otto von Rohr und Josef Traxel in Don Giovanni zusammen auf der Bühne genießen.


    Am gleichen Ort hörte ich einige Jahre später noch Helge Rosvaenge als Prinz Sou-Chong, aber dazu kann ich eine klare Aussage machen; die Stimme war natürlich nicht mehr der Rosvaenge, aber man konnte noch ahnen, dass es mal ein ganz Großer war.

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  • Hallo,
    vor 2 Jahren trat Franz Mazura, damals schon ein Mittachtziger, in Hannover als Sprecher in Hartmanns "Simplizissimus" aus. Die Bühnenpräsenz war schlichtweg gewaltig.
    Viele Jahre vorher habe ich Martha Mödl als "Mumie" und als Chorführerin in Reimanns Opern "Gespenstersonate" und "Troades" erlebt, auch hier fast nur noch als Sprecherin, aber mit immenser Ausstrahlung.
    ich besitze einige alte Giuseppe-di-Stefano-Aufnahmen aus den 50er Jahren. Wie schrecklich war eine Live-Begegnung, als dieser als abgesungener alter Mann den Prinzen Sou-Chong in einer Deutschlandtournee in den 70er Jahen gab!!!

  • Lieber hart,


    Helge Rosvaenge hörte ich 1957 im Staatstheater Schwerin als Radames in Aida. Bis auf die Sopranistin Hannelore Kuhse als Aida sang (und spielte!) er alles "an die Wand", er hat dazu beigetragen, dass ich mich fortan für Opern und Opernsänger interessierte.

  • Drei große Alte, die immer noch aktuell auf Spitzenniveau an führenden Bühnen singen, sind: Eike Wilm Schulte, Franz Grundheber und Franz Mazura, das allseits anerkannte Vorbild als universeller Künstler (Sänger, Schauspieler, Maler, Autor, Dichter, Rezitator, Redner und vor allem auch eine großartige, faszinierende Persönlichkeit).


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Mein persönlich auf der Bühne erlebter ältester Opernkünstler?


    Bis letzten Herbst war das Martha Mödl (*22.03.1912), die ich im Juni 2000 als Sprecherin in Max von Schillings "Hexenlied" (in der Deutschen Oper Berlin unter Thielemann, dazu noch eine Dussman-Gesprächsveranstaltung) und im Oktober als Mumie in Reimanns "Gespenstersonate" im Berliner Hebbel-Theater, dann auch noch im April und Mai 2001 mehrfach als Amme in "Boris Godunow" erlebt habe - da war sie 88 bzw. bei der Amme sogar schon 89.


    Im letzten Oktober wurde sie abgelöst durch den 91-jährigen Franz Mazura (*22.04.1924) als Hans Schwarz in den Berliner "Meistersingern". So fit, wie der nach Stolzings "Nicht Meister, nein, will ohne Meister selig sein" wütend die Treppen von der Podiumsbühne runterstapfte und sich eingeschnappt auf seinen Stuhl setzte, und das in Rekordzeit - so fit wäre ich gerne noch mit 60 (was noch einige Jahre hin ist) wie der mit 91!

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"