Mehr als Mephisto: Gustaf Gründgens - Schauspieler, Regisseur, Intendant, Problem

  • Angeregt durch die Debatte in einem anderen Bereich, soll sich dieser Thread mit einem der wichtigsten Theatermänner des zwanzigsten Jahrhunderts befassen: Gustaf Gründgens. Da er ein großer Musikliebhaber war, regelmäßig Oper inszenierte und sich auch ab und an als Sänger versuchte, sind wir bei ihm von der Klassik ja nicht weit entfernt. Ein Lebenslauf muß aus Zeitgründen noch etwas auf sich warten lassen ; vielleicht haben wir da noch einen Berufeneren als mich selbst. Hat der eine oder andere Forumsteilnehmer ihn noch selbst auf der Bühne erlebt?

  • Hier nun die versprochene kurze Biographie:
    Gustav Gründgens (zum "Gustaf" wurde er erst 1925) wurde am 22.12.1899 in Düsseldorf geboren. Bereits früh war ihm klar, daß sein Ziel die Bühne war. Die Schauspielschule besuchte er bei Louise Dumont-Lindemann in Düsseldorf, erste Engagements boten ihm Haöberstadt, Kiel und ab 1922 sein Mentor Erich Ziegel an den Hamburger Kammerspielen. 1928 gelang ihm der entscheidende Sprung ans Deutsche Theater in Berlin, wo er schnell zu einem der führenden deutschen Schauspieler aufstieg. 1926 heiratete er Erika Mann, mit der er nebst ihrem Bruder Klaus das Kabarett "Pfeffermühle" gründete, allerdings kam es bereits 1929 wieder zur Scheidung. Ab 1933 war er am Preußischen Staatstheater in Berlin tätig, zu dessen Intendanten Göring ihn 1934 ernannte. Seine Rolle im Dritten Reich ist heftig umstritten und schillernd: einerseits ein Günstling Görings, Staatsrat und Aushängeschild, andererseits durch seine Homosexualität immer gefährdet, Helfer vieler Verfgolgter und unabhängiger Geist. 1936 heiratete er Marianne Hoppe, der er als Hochzeitsgeschenk eine Verflimung von "Effi Briest" schenkte. Nach dem Ausrufen des "totalen Kriegs" 1943 meldete er sich freiwillig zur Wehrmacht, um nicht für Propagandazwecke ausgenutzt zu werden (er selbst nannte dies gern seine "Flucht zur Fahne"). Nach Kriegsende war er einige monate in sowjetischer Gefangenschaft interniert, kam aber bereits 1946 wieder frei und war zunächst am Deutschen Theater in Berlin tätig. Die sich zuspitzende Auseinandersetzung zwiaschen den Siegermächten bewog ihn jedoch, die Stadt zu verlassen und ab 1947 die Intendanz der Städtischen Bühnen in Düsseldorf zu übernehmen. In dieser Zeit war er auch Vorsitzender des Deutschen Bühnenvereins. 1955 übernahm er die Leitung des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, die er bis 1963 innehatte. Wenige Monate nach seinem Rücktritt starb er auf einer Weltreise in Manila.

  • Lieber Armin,


    ich hatte mich auch schon gefragt, ob man nicht, ganz unabhängig von dem Anlass für diesen Thread, einen über Gründgens aufmachen sollte, hätte dann aber eher zwischen dem Operetten- und dem Filmforum geschwankt, denn die Zeugnisse aus erster Hand, die wir heute noch von ihm besitzen, entstammen ausschließlich diesem Bereich.


    Zu Gründgens' Verstrickung in den 30er und 40er Jahren kann ich wenig hinzufügen. Tatsächlich scheint mir der fragwürdige Teil seiner Biographie in dem MEPHISTO-Roman von Klaus Mann und dessen hervorragender Verfilmung durch Istvan Szabo stark überzeichnet und durch Klaus Manns persönliche Enttäuschung von ihm übermäßig geprägt zu sein. Andererseits trifft er m. E. recht gut den Dominierungsanspruch, den Gründgens wohl zeitlebens an den Tag legte, allerdings auch immer wieder durch Leistung rechtfertigte.


    Ich möchte aber die Gelegenheit nutzen, auf einen weniger beachteten Aspekt seines Schaffens hinzuweisen, nämlich das als Kleinkunstsänger und Chansonnier. Aus grauer Vorzeit ist mit noch seine Interpretation des Titelliedes von KAPRIOLEN (1937) und immer wieder natürlich sein mitreißender Vortrag von Theo Mackebens Evergreen "Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da" aus dem nicht unproblematischen Film TANZ AUF DEM VULKAN von 1938 in bester Erinnerung, mit dem er sich allen ein kleines Denkmal verdiente:



    Seinen letzten Filmauftritt als "Sänger" hatte er meines Wissens 1960 in Helmut Käutners Scribe-"Musical" DAS GLAS WASSER mit der Musik von Bernhard Eichhorn und Roland Sonder-Mahnken. Leider ist dieser gelungene Film nie auf Video oder DVD erschienen, aber der eine oder andere wird vielleicht noch die EP besitzen oder ergattern können, in der seine vier Songs sowie die Lieder von Liselotte Pulver, Sabine Sinjen und Hilde Krahl aufgelegt wurden.


    Aber auch als Mephisto und in anderen Theateraufführungen betätigte er sich als Sänger, wie man in seinem FAUST-Film sehen kann. Sogar an einer Operette wie Eduard Künnekes LISELOTT versuchte er sich. Eine ganze Reihe dieser Auftritte sind auf dieser interessanten cd versammelt:



    Dieser fraglos großartige, wenn auch in Teilen fragwürdige Künstler war eben wirklich weit mehr als ein diabolischer Mephisto, und das zeitlebens.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Zitat

    Original von Jacques Rideamus
    Lieber Armin,


    ich hatte mich auch schon gefragt, ob man nicht, ganz unabhängig von dem Anlass für diesen Thread, einen über Gründgens aufmachen sollte, hätte dann aber eher zwischen dem Operetten- und dem Filmforum geschwankt,


    Eiine Möglichkeit wäre auch der Opernbereich gewesen: er hat seit den späten zwanziger Jahren regelmäßig Oper inszeniert und dabei unter anderem mit Callas, Karajan und Klemperer zusammengearbeitet.
    Der "Mephisto" Klaus Manns ist in der Tat ein heikler Fall, ebenso der Film. Es spielt viel enttäuschte Liebe mit, auch wußte Mann im Exil natürlich nichts von Gründgens' komplexer Situation. Auch so ist das Buch nicht unbedings Manns bestes...

  • Welche Rolle Gründgens in der Zeit des Nationalsozialismus gespielt hat, ist durch Klaus Manns Schlüsselroman "Mephisto" und dessen Verfilmung durch István Szabo künstlerisch aufgearbeitet worden.
    Man muß hier sehr vorsichtig sein: Anders als Musiker sind Schauspieler an die Sprache gebunden. Dadurch war die Emigration die allerletzte Option - und wurde praktisch nur von jenen wahrgenommen, die keine andere Chance hatten, am Leben zu bleiben. In Amerika mußten sie dann, aufgrund ihres Akzents, zumeist Schurkenrollen übernehmen.


    Es ist auch ein himmelhoher Unterschied zwischen einem Gründgens und regimebegeisterten wie etwa Paula Wessely. Gründgens gelang es, weitgehend sauber herauszukommen. Offenbar nahm er Görings Protektion an, um sich selbst zu schützen - von einem Nazi kann nicht die Rede sein, von einem Nazi-Karrieristen wohl nur, wenn man ein "wider Willen" hinzufügt.


    Interessant mag außerdem sein, daß Gründgens am Beginn eines der bedeutendsten Roman-Werke der Literaturgeschichte steht. In Planung war ein Film mit einem kafkaesken Sujet, der auf einem Schiff spielen sollte. Gründgens war die Rolle des Frachtoffiziers zugedacht. Den Handlungsentwurf sollte ein gewisser Hanns Henny Jahnn schreiben.


    Aus dem Film wurde nichts, aus dem Handlungsentwurf jedoch entwickelte Jahnn den Roman "Das Holzschiff", der zum ersten Teil der (unvollendeten) Trilogie "Fluß ohne Ufer" wurde, einem Roman, der inhaltlich und vor allem sprachlich zur absoluten Spitze der Weltliteratur gehört, vergleichbar allenfalls mit Rabelais, Cervantes, Proust, Faulkner und Joyce.


    :hello:

    ...

  • Hinweis auf Literatur zum Thema


    Hallo zusammen,


    zum Thema des Threads gibt es (so im Untertitel ausgedrückt)


    "einen dokumentarischen Bericht aus Deutschland und dem Exil 1925 - 1981":


    Eberhard Spangenberg:
    Karriere eines Romans - Mephisto, Klaus Mann und Gustaf Gründgens

    Edition Spangenberg im Ellermann-Verlag (erschienen 1982)


    Gegenstand des Buchs ist die "Biographie" des Romans Mephisto von der Entstehung bis zur (bis heute formal illegalen!!) Veröffentlichung in Deutschland im Jahre 1981. Natürlich sind, dem Thema entsprechend, auch die Biographien von Gustaf Gründgens und Klaus Mann dokumentiert, wobei "dokumentiert" bedeutet, dass versucht wird, alle bekannten Fakten durch Dokumente zu belegen. Darüber hinaus beinhaltet das Buch einen ausführlichen Quellennachweis.


    In Hinsicht auf Gustaf Gründgens Verhalten während des Nationalsozialismus gibt es in diesem Zusammenhang zwei Fakten, die, wie man sie auch immer bewerten mag, zur Kenntnis nehmen muss:


    - Zum Ersten muss man um seine Homosexuailität wissen, welche für ihn in jener Zeit zweifellos eine besondere Gefahr darstellte.
    - Zum Zweiten muss man aber auch zur Kenntnis nehmen, dass er in der Zeit nicht nur als Theatermann Karriere gemacht hatte, sondern durchaus auch eine politische. Gustaf Gründgens war Mitglied des preussischen Staatsrats (wie übrigens auch Wilhelm Furtwängler), und auch wenn die politische Führung sich sicher nicht von diesem Gremium das Gesetz des Handelns vorschreiben ließ, sondern, im Gegenteil, dieses eine Marionette Hermann Görings war: diese Institution war von ihren Statuten her eine politische, zur Beratung der Regierung, wenn auch vorwiegend in wissenschaftlichen und kulturellen Fragen. Zwar behauptete Gründgens später: "[...1936 war] der Titel eines Staatsrats noch bedeutungsloser als [...] 1933. ... In der Zeit, in der ich den Titel bekam, ist diese Körperschaft nie und in keiner Weise in Erscheinung getreten."; geführt hatte er ihn aber der "Bedeutungslosigkeit" zum Trotz und durchaus mit Stolz, hatte das Amt doch zur Folge, dass er sich bei politischen Anlässen wie Staatsbesuchen ausländischer Gäste präsentieren konnte.


    Selbst wenn man Künstlern wie Furtwängler oder Gründgens noch glauben mag, dass sie, wollten sie in Deutschland verbleiben, wo sie zum Einen als Künstler etabliert waren, zum anderen aber auch ihre Wurzeln hatten (was bei einem Schauspieler sicher schon rein sprachlich eine große Rolle spielen musste), so fragt sich doch, ob die Mitgliedschaft in der politischen Instanz des Staatsrats sich damit auch erklären lässt. (Ich habe nirgends explizit gefunden, dass jemand zur Mitgliedschaft genötigt worden sei - möglich wäre dies aber natürlich schon.)
    Letztlich wäre das Motivgewirr aus Angst, aus Anspruch, Opportunismus, teilweisem Mitläufertum und mangelnder Zivilcourage jeweils im Einzelfall zu klären - ich bin persönlich überzeugt, dass im Falle Gründgens' dies Alles eine Rolle spielte; welches Motiv mit welchem Gewicht, das wird sich aber wohl nie mehr klären lassen.


    Gruß
    Pylades

  • Hallo Pylades,

    Zitat

    so fragt sich doch, ob die Mitgliedschaft in der politischen Instanz des Staatsrats sich damit auch erklären lässt. (Ich habe nirgends explizit gefunden, dass jemand zur Mitgliedschaft genötigt worden sei - möglich wäre dies aber natürlich schon.)


    Es kann die pure Existenzangst gewesen sein - wie Du ja selbst anklingen läßt. Bedenke: Gründgens war homosexuell, und es war öffentlich bekannt. Wenn man ihm ein Amt anträgt (um ihn als Aushängeschild zu benützen), dann wird wohl zuviel Angst im Spiel gewesen sein, das Leben zu verlieren, wenn er dieses Amt ablehnt. Auch Schostakowitsch trat der KPdSU bei, als er darum gebeten wurde.
    Das spricht Gründgens nicht frei. Aber man kommt nicht umhin festzustellen: Während sich Böhm, Karajan, Kattnig, Egk etc. etc. den Nationalsozialisten andienten, war es bei Gründgens genau umgekehrt: Die Nationalsozialisten versuchten, ihn für sich zu gewinnen.
    :hello:

    ...

  • Hallo Edwin,


    das sehe ich grundsätzlich auch so. Sicher versuchten die Nationalsozialisten ganz besonders bei zwei Künstlern, diese im Lande zu halten: bei Gründgens und bei Furtwängler. Und beide wussten darum und schafften es bei allem Beugen unter das Joch, ein Minimum an innerer Distanz zu wahren - allerdings bin ich überzeugt, dass beide (aber insbesondere Furtwängler) auch deshalb geblieben sind, weil sie in Deutschland in ihrem Fach unangefochten "Primus" waren, und zwar nicht "inter pares". Beide hatten schon ein sehr hohes Selbstwertgefühl - ganz zweifellos ging es nicht nur um den "Dienst an der Kunst". Im Ausland hätten beide ihre herausgehobene Sonderstellung so nicht gehabt.


    Nun haben wir es heute leicht, Zivilcourage zu zeigen - und tun wir es? - Also: wer wirft den ersten Stein? - ich möchte das nicht sein, und deswegen bin ich auch nicht an einem "Bashing der Großen" interessiert, sondern eher daran zu wissen, was denn historisch wirklich passiert ist. Denn auch, wenn ich nicht eigentlich glaube, dass Menschen aus Geschichte lernen, wenn sie sie nicht selbt erlebt haben: vielleicht ist ja doch was dran...


    Problematisch an Gründgens' Verhalten finde ich aber schon, wie er sich in der Zeit nach dem Kriege zu diesen Problemen gestellt - oder eher nicht gestellt - hat. Das Vermeiden jeder öffentlichen Erörterung des Themas hatte er natürlich mit der damaligen Gesellschaft gemein - insofern war er hier wieder einmal der Repräsentant. Im oben von mir empfohlenen Buch kann man nachlesen, wie jeder Versuch Erika Manns zur Veröffentlichung des Mephisto, dessen Rechte sie nach Klaus Manns Tod im Jahre 1949 inne hatte, von Gründgens torpediert wurde. Gründgens nutzte dazu alle Beziehungen, die er hatte. Und als hoch angesehener Intendant presste er den an der Veröffentlichung interessierten Verlagen Blanvalet, Europäische Verlagsanstalt, Bärmeier und Nikel, Film- und Publizistik GmbH Frankfurt, ab, dass sie auf eine Veröffentlichung verzichteten, wahrscheinlich bis hin zur Drohung, dass Werke aus einem Hause, welches Mephisto veröffentlichen würde, auf keiner einflussreichen Bühne mehr aufgeführt würden (dies ist jedenfalls die Darstellung Erika Manns in einem Briefverkehr). Man kann dieses Verhalten sehr wohl als Missbrauch von Amtsbefugnissen sehen.
    An dem Verbotsprozess gegen Mephisto nach seinem Tod war Gustaf Gründgens aber nicht mehr beteiligt, da er bereits vor dessen Einleitung verstorben war.


    Gruß
    Pylades


    P.S.:
    Lieber Edwin,
    nebenbei: wenn ich oben schrieb:" Das sehe ich auch so" - dann bezieht sich das explizit nur auf dieses Thema, nicht auf deine Argumentation im "Brahms"-Thread - da teile ich deine Meinung ganz entschieden gar nicht.


  • Hierbei sollte man allerdings eines wissen: der Staatsrat trat zwischen 1933 und 1945 exakt einmal (!) zusammen und wurde am 7. Oktober 1933 in seiner bisherigen Funktion aufgelöst. Die Ernennung Gründgens' erfolgte im Rahmen einer komplexen Aktion, bei der er kurz vor der Emigration stand und sich bereits in der Schweiz befand. Entscheidend für ihn war dabei eines: Mitglieder des Staatsrats durften nur mit Genehmigung des preußischen Ministerpräsidenten, also Görings, verhaftet werden.


  • Was Gründgens' Azuseinandersetzung mit seiner Biographie angeht, so habe ich gerade mein Exemplar seiner Briefausgabe herausgekramt. Da findet sich doch allerhand zu dem Thema ; er wollte übrigens auch ein Buch schreiben "Der Künstler und die Macht", das er allerdings wegen seines Todes unvollendet lassen mußte. Zum Mephisto eine Briefstelle an seinen langjährigen Lebensgefährten Erich Langhans von 1952:
    "Inzwischen schlage ich mich mit den Manen Klaus Mann's herum, die allerdings eine handfeste Gestalt in Erika angenommen haben, die nun bei Banvalet versucht, den "Mephisto" herauszubringen, nachdem selbst Bermann-Fischer es abgelehnt hat. Auch hier kämpfen die jüdischen Organisationen in vorderster Front für mich. Ich selber bin unentschlossen, aber nach einem Votum, das der Verlag sich von einem Oberstaatsanwalt hat geben lassen, würde ich jeden Prozeß, den ich führen will, mühelos gewinnen. Aber ich habe eigentlich für den Rest meines Lebens friedlichere Pläne. Kannst Du nicht einen persönlichen Referenten brauchen?"

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  • Zitat

    Original von Pylades
    ...
    Beide hatten schon ein sehr hohes Selbstwertgefühl - ganz zweifellos ging es nicht nur um den "Dienst an der Kunst". Im Ausland hätten beide ihre herausgehobene Sonderstellung so nicht gehabt.
    ...


    Furtwängler schon. Man darf nicht vergessen, dass er sich absetzen wollte. Er hatte ja schon einen Vertrag und sollte 1936 als Nachfolger Toscaninis die New Yorker Philharmoniker übernehmen. Das wurde durch eine Intrige torpediert und Furtwängler konnte diesen Posten letztlich nicht antreten.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


  • Hallo Theophilus,


    Zitat

    Original von Theophilus:


    Furtwängler [hätte] schon [eine herausgehobene Sonderstellung gehabt].


    ja, er hätte eine herausgehobene Sonderstellung gehabt, die er aber sicher mit Arturo Toscanini und evt. Bruno Walter hätte teilen müssen. Und es wäre nicht die Sonderstellung einer "quasi-religösen" nationalen Ikone gewesen, sondern "nur" die eines Ausnahmemusikers. Die ganz jungfräulich-reine politische Unschuld und Unwissenheit kann ich eigentlich bei niemandem uneingeschränkt glauben, der sich so sehr in Repräsentationsaufgaben für das nationalsozialistische System hat einbinden lassen und gleichzeitig die politischen Größen seiner Zeit, allesamt Schwerverbrecher, so gut persönlich kannte. Das macht niemanden selbst zum Nationalsozialisten und erst recht nicht zum Verbrecher, aber dass bei der Abwägung zwischen Befriedigung der persönlichen Eitelkeit und einem moralischen "Hier-stehe-ich", einer Zivilcourage, wie sie z.B. Fritz Busch demonstriert hatte, die Eitelkeit bei Furtwängler und Gründgens das höhere Gewicht hatte - na ja, sagen wir: vom Gegenteil hat mich bislang noch kein Argument wirklich überzeugt.


    Gruß
    Pylades


    Gruß
    Pylades

  • Lieber Pylades,


    die entsetzliche Gewissensfrage und Entscheidung in dieser Zeit unter dem gleichmacherischem, die künslerische Individualität erstickenden, System heißt knapp und scharf formuliert : Anpassen oder Karriere-Nachteile, wenn nicht sogar Repressalien in Kauf nehmen. Wir, die wir nicht in dieser Zeit lebten, oder sie nur noch am Rande mitbekamen, können das Verhalten von Wilhelm Furtwängler, Dr. Karl Böhm und Herbert von Karajan nur aus unserer distanzierten, heutigen Sicht beurteilen oder verurteilen. Eines können und sollten wir jedoch tun, uns mit den Persönlichkeiten, ihren Verhaltensweisen, den Hintergründen und den Auswirkungen kritisch auseinandersetzen. Dadurch wird dem Vergessen, Verharmlosen und Verdrängen entgegengewirkt. Dies sollte eine Zielsetzung unserer Diskussionen hier im Tamino-Forum sein. Um Nachdenklichkeit und Einsicht zu erreichen müssen wir unsere Debatte aber in einem toleranten, wertschätzenden Diskussionstil ohne persönliche Polemik führen. Im Gegensatz zu den Diskussionen im geschlossenen Thread über Wilhelm Rohde gelingt uns im Gründgens Thread die sachlich, analytische Betrachtung und Argumentation bereits weit besser.
    Herzlichst
    Operus
    .

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Zitat

    Original von Pylades
    ja, er hätte eine herausgehobene Sonderstellung gehabt, die er aber sicher mit Arturo Toscanini und evt. Bruno Walter hätte teilen müssen. Und es wäre nicht die Sonderstellung einer "quasi-religösen" nationalen Ikone gewesen, sondern "nur" die eines Ausnahmemusikers. Die ganz jungfräulich-reine politische Unschuld und Unwissenheit kann ich eigentlich bei niemandem uneingeschränkt glauben, der sich so sehr in Repräsentationsaufgaben für das nationalsozialistische System hat einbinden lassen und gleichzeitig die politischen Größen seiner Zeit, allesamt Schwerverbrecher, so gut persönlich kannte. Das macht niemanden selbst zum Nationalsozialisten und erst recht nicht zum Verbrecher, aber dass bei der Abwägung zwischen Befriedigung der persönlichen Eitelkeit und einem moralischen "Hier-stehe-ich", einer Zivilcourage, wie sie z.B. Fritz Busch demonstriert hatte, die Eitelkeit bei Furtwängler und Gründgens das höhere Gewicht hatte - na ja, sagen wir: vom Gegenteil hat mich bislang noch kein Argument wirklich überzeugt.


    Da will ich dir auch gar nicht widersprechen. Aber es ist sicher eine wichtige Facette im Bilde Furtwänglers, dass er weg wollte und auch fast schon weg war. Dass er das in seiner gewünschten Form nicht konnte und anders dann doch nicht wollte, ist eine andere Frage. Und was wissen wir schon darüber, was sich da im Hintergrund abspielte und welchen Zwängen die Betroffenen damals unterworfen waren...


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


  • Heute vor 50 Jahren auf der Philippinen während einer privaten Weltreise gestorben:



    Gustaf Gründgens (* 22. Dezember 1899 in Düsseldorf als Gustav Heinrich Arnold Gründgens; † 7. Oktober 1963 in Manila) war ein bedeutender deutscher Schauspieler, Regisseur und Intendant. Seinen Künstlernamen Gustaf Gründgens benutzte er nachweislich erstmals 1921.


    LG

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Gustaf Gründgens war ein Regisseur, dem als versiertem Theatermann der Spagat zwischen Neudeutung des Werkes und Erhalt der Werktreue oft gelungen sein soll. Sieht man z. B. die Bilder seiner Berliner-Zauberflöteninszenierung, die in der Gottlob-Frick-Gedächtnisstätte in Ölbronn ausgestellt sind, dann sieht das sehr naturalistisch und märchenhaft aus, soll nach Aussagen von Mitwirkenden jedoch eine sehr analytisch tiefgehende Inszenierung mit neuen Sichtweisen gewesen sein. Der Bariton Heinz Imdahl schwärmte immer vom Regisseur Gründgens, von dem er letztlich als Schauspieler geprägt worden sei.
    Wenn aus Anlass des 50jährigen Todestages Gustaf Gründgens gedacht wird, dann sollte der Regisseur keinesfalls vergessen werden. Welch ein universelles Theatergenie war dieser Mann. Wo gibt es eine solche Vielseitigkeit heute noch?


    Herzlichst
    Operus

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