Wagner: Das Liebesmahl der Apostel

  • Ein wenig bekanntes Werk Richard Wagners ist sicherlich Das Liebesmahl der Apostel. Eine biblische Szene für Männerstimmen und großes Orchester, 1843 in Dresden uraufgeführt.



    Bis heute liegen bedauerlicherweise nur relativ wenige Aufnahmen vor:





    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Lieber Joseph,
    buddelst Du jetzt den ganzen unbekannten Wagner aus?
    Recht so!


    Also "Das Liebesmahl": Ein kurioses Werk. Zuerst Männerchor a cappella, dann ein bisserl Orchester - und aus.
    Aber wenn Pierre Boulez so etwas dirigiert, muß was dran sein, denn Boulez führt nur Werke auf, die seiner Meinung nach von musikhistorischer Bedeutung sind. Das "Liebesmahl" hat er dirigiert.


    Wenn man das Werk (vor allem in der Boulez-Einspielung) hört, begreift man, warum: Wagner gewinnt dem Männerchor verblüffende Wirkungen ab. Altertümelnde Polyphonie verästelt sich, verwandelt sich zu romantischem Wohllaut, dann wieder ist der Klang flächig und statisch. Immer wieder ein neues Klangexperiment mit Farbe und Dichte. Wenn dann das Orchester einsetzt, wird's konventioneller und klingt stark nach "Tannhäuser", während der erste Teil auf "Parsifal" und eventuell sogar darüber hinausweist.


    Was die Aufnahmen betrifft: Sowohl Boulez als auch Plasson sind empfehlenswert: Boulez kühler, sehr genau ausgehört und durchsichtig, eine Idealaufführung des Werks. Plasson ist wärmer, aber auch konventioneller im interpretatorischen Ansatz.
    Spannend sind die Kombinationen: Boulez ist hier am konventionellsten, Plasson bietet eine erfreuliche Palette an Wagner-Raritäten, die er glänzend aufführt. Wyn Morris legt eine glänzend einstudierte und emotional wunderbar ausbalancierte Aufführung hin - mit dem Vorteil, als Ergänzung die meiner Meinung nach beste "Helgoland"-Einspielung zu bieten.


    :hello:

  • Hallo Edwin,


    Zitat

    Lieber Joseph,
    buddelst Du jetzt den ganzen unbekannten Wagner aus?
    Recht so!


    danke, ja, ich versuche es zumindest. :D


    Es sind also die drei älteren Einspielungen allesamt zu empfehlen? Schön zu hören - dumm nur, daß sie derzeit schwer erhältlich sind.


    Ich las gerade zu der Neueinspielung von Bosch, daß der nur ein Chor von ca. 10% der Uraufführung (1.200 Sänger) einsetzt.
    Weißt Du, wie es sich bei den anderen drei Aufnahmen verhält?


    :hello:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Mir sagt die Aufnahme unter Morris ganz besonders zu, nicht zuletzt schon deshalb, weil hier zwei nicht unumstrittene Werke in maßstabsetzenden
    Interpretationen gereicht werden, wie man sie sonst für dieses "Randrepetroire" gemeinhin nicht erwartet. Es grenzt wirklich an das "Un-Erhörte" was Wagner hier dem sonst eher Liedertafeln
    assoziierendendem Männerchor an irisierenden Klangfarben abgewinnt, aber auch das 2. Werk dieser beachtlichen Scheibe, Bruckners vielgeschmähtes "Helgoland" auf einen Text, bei dem sich mir, zugegeben, ob seiner Inferiorität, die Fußnägel kringeln, ist alles andere als ein Leichtgewicht, komponiert von einem Anton Bruckner, der sich ebenso wie der Dichter Grillparzer als Deutscher empfand, und bei dem das "Österreicher-Sein" auf verbale und emotionale Ablehnung stiess.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)


  • Ich kann mich den positiven Kommentaren zu dieser Aufnahme nur anschließen. Die stetige Steigerung bis hin zum feierlichen Finale ist atemberaubend. :jubel:


    Zitat

    Am 6. Juli 1843 wurde das Werk in der Frauenkirche in Dresden unter Mitwirkung von 1200 Sängern und 100 Orchestermitgliedern uraufgeführt.


    Das Wagner-Jahr 2013 wäre doch eine ideale Gelegenheit, dieses pompöse Werk in der wiederaufgebauten Frauenkirche in voller Pracht erklingen zu lassen, wie zuletzt 2008:


    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Michel Plassons schön dirigirte Aufnahme leidet unter der mangelnden Transparenz und Durchhörbarkeit des Chores, der nun einmal hauptsächlicher Träger des musikalischen Geschehens ist und dieser Mangel stuft die Einspielung leider herunter.


    Mark Minkowski, der Barockspezialist, geht das Werk so an, wie es von Wagner gedacht ist: fulminant zwar aber geprägt von den sächsischen Chortraditionen aus Leipzig und Dresden, in die Wagner dank seines Lehrers Weinlig hineinwuchs . Eine Veröffentlichung des Konzertes hätte die Chance, die Morris-Aufnahme , die noch immer 1. Wahl ist, abzulösen.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Angeregt durch diesen Thread, der nicht mit Empfehlungen geizt (z.B. "Es grenzt wirklich an das "Un-Erhörte" was Wagner hier dem sonst eher Liedertafeln assoziierendendem Männerchor an irisierenden Klangfarben abgewinnt" oder "der erste Teil auf "Parsifal" und eventuell sogar darüber hinausweist") habe ich mir das "Liebesmahl der Apostel" in folgender CD-Box zugelegt:


    Als ich mir das Werk anhörte staunte ich nicht schlecht! Das ist reinster Mendelssohn. Sowohl Melodie- als auch Stimmführung, und vor allem Harmonik (!!), sind praktisch 1:1 aus Mendelssohns "Antigone" Op. 55, einem damals sehr bekannten Werk, übernommen. Das Liebesmahl weist also nicht auf die Zeit nach "Parsifal" voraus, sondern eher zwei Jahre auf die "Antigone" zurück (1843 vs. 1841). Es verwundert daher überhaupt nicht, dass sich Wagner später von dem Werk distanzierte (er schimpfte später übrigens auch auf Mendelssohns "Antigone", was auch nicht eben verwunderlich ist bei Wagners Charakter). Wenn das "Fliegende Holländer"-Orchester im letzten Drittel einsetzt, wird's natürlich richtig wagnerisch (auch wenn das Ende wieder auf die Schlussfuge aus Mendelssohns Psalm 42, Op. 42, zurückgreift - dabei allerdings homophon bleibt).

  • Die Einspielung in der 3 CD Box ist jene mit Michel Plasson, die mir auch am besten gefällt!


    Die Bosch Aufnahme ist neu aufgelegt, mit neuem Cover!



    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)


  • Auch Christian Thielemann hat sich des Werkes angenommen. Wagner hatte es 1843 komponiert. "Rienzi" und "Der fliegende Holländer" waren uraufgeführt, "Tannhäuser" noch in Arbeit. Es war ein Auftragswerk für ein Gesangsfest der Dresdener Liedertafel, bei dem alle sächsischen Männerchöre mitwirken sollten. Die Uraufführung fand am 6. Juli desselben Jahres in der Frauenkirche statt. Alle Einzelheiten wurde hier schon genannt. Während das Publikum damals begeistert war, ging Wagner selbst auf Distanz zu seinem Opus. Er selbst und noch mehr seine späteren Gralshüter haben das Frühwerk gering geschätzt. Es sollte der Eindruck gepflegt werden, als habe er nur unverwechselbare Meisterwerke geschaffen. Die Nähe zu "Rienzi" und "Holländer" sind unverkennbar, und zu Beginn des dritten Chores der Jünger klingt schon das Halleluja der Pilger aus dem dritten "Tannhäuser"-Aufzug an. Thielemann kehrte an den Ort der Uraufführung zurück und betont solche Zusammenhänge, die auch schon auf den "Parsifal" verweisen. Wagner hatte die Klangerfahrung mit dem großen Chor, der in der nach oben ansteigenden Kuppel der Frauenkirche gestaffelt positioniert gewesen ist, in seinem letzten Werk wieder aufgenommen. Das Orchester tritt erst zum Schluss in einer großen Steigerung ganz nach Wagnerscher Art hinzu, wenn nämlich der Heilige Geist erscheint. Der weitaus größte Teil das Werkes wird a cappella gesungen. In seinem Konzert hat Thielemann den Chor auf zweihundert Stimmen reduziert, wodurch der Vorgriff auf Parsifal, den Schlusspunkt von Wagners Schaffen, womöglich noch deutlicher wird als bei einer gigantischen Besetzung wie bei der Uraufführung.



    Das Wagner-Jahr 2013 wäre doch eine ideale Gelegenheit, dieses pompöse Werk in der wiederaufgebauten Frauenkirche in voller Pracht erklingen zu lassen, wie zuletzt 2008 ...

    Mit Thielemanns Aufführung im Hinblick auf das Jubiläum hat sich die Hoffnung von Joseph II. erfüllt. :)

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Vor bald zehn Jahren eröffnete ich diesen Thread. Kurz darauf habe ich mir seinerzeit die Einspielung von Plasson zugelegt. Ohne Vergleich ist die schon nicht übel, aber die Aufnahme von Wyn Morris erreicht sie keinesfalls (wurde ja auch schon weiter oben festgestellt). Seit ich die von Morris habe, suchte ich auch gar nicht weiter nach Alternativen, denn da stimmt alles.


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    Was mir an der Einspielung besonders zusagt, ist, dass sich Morris Zeit nimmt und den Spannungsaufbau meisterhaft hinbekommt. 33:25 dauert das Werk bei ihm. Thielemann kommt auf 29:47, Plasson und Boulez gar nur auf 26:19 bzw. 26:11. Das ist mir zu gehetzt.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid