Die Bayreuther Festspiele - Musikalisches Heiligtum oder SchickiMicki-Schau ?

  • Lieber Peter,


    auch wenn es Schicki-Micki-Publikum ist in Bayreuth. Seis drum, wenn nicht in den Schlusstakt hineingeklatscht wird. Leben und leben lassen !Das Problem hatten viele Komponisten seit eh und je.
    In Berlin habe ich in einigen Vorstellungen erlebt, das sich kennerschaft mit Rechthaberei und Ignoranz verbündeten,so dass Solisten schmählich ausgebuht wurde. Das find ich noch schlimmer. Aber das führt jetzt von Bayreuth weg. Meine Erwartung an Bayreuth ist, dass orchestral die Wiedergaben endlich interessanter werden ( Marc Albrecht und Gatti haben gezeigt, dass das möglich ist), egal, ob mit Schicki-Micki-besuchern oder nicht....


    :hello:


    Amfortas 08

  • Bernd Löbe (Opernindendant) über das Orchester in Bayreuth (was mein Unbehagen über das überwiegend orchestrale Mittelmaß des Bayreuths der letzten Jahre bestätigt (mit Ausnahme des Gatti-Parsifals und des Marc Albrecht Holländers (habe ich zufällig gefunden) :


    "Proben, proben, proben
    Die Bayreuther „Atmosphäre“ stellt sich von allein ein, es braucht keine hemdsärmelige Kumpanei. Dirigenten brauchen mehr Proben. Auch wenn das sogenannte Festspielorchester der Meinung sein sollte, der da vorne muss ohnehin nur koordinieren, den Rest machen wir von allein – es geht um individuelle Interpretation, um gleichsam Authentisches, und hierfür muss man proben, proben, proben. Gustav Kuhn könnte womöglich Tipps geben, wie man Probenpläne mit Arbeitswütigen aufstellt. "
    FAZ 13.08.08


    Außerdem bezweifle ich, das viele Wagneropern für den verdeckten Orchestergraben überhaupt geeignet sind. Also warum dann kein konzerter Tristan oder konzertante Meistersinger ?


    :hello:
    Amfortas08

  • Hallo.


    Neues vom Gerangel um die Führung auf dem grünen Hügel. Wer sich fragte, ob Nike Wagner nach ihrer Ausbootung (ihre Stiefschwester Eva Wagner-Pasquier hatte eine gemeinsame Bewerbung zugunsten einer Bewerbung mit Katharina Wagner zurückgezogen) klein beigeben wird, hat nun die Antwort.


    Im Videotext las ich vorhin, dass die FAZ in ihrer morgigen Ausgabe darüber berichten wird, dass sich Nike Wagner nun gemeinsam mit Gerard Mortier um die Leitung der Festspiele bemühen will.


    Mortier leitete bereits die Salzburger Festspiele und die Pariser Oper; ab kommendem Jahr soll er General Manager der New York City Opera sein. Nike Wagner ist nicht allein Ur-Enkelin Richard Wagners, sie leitet das Weimarer Kunstfest.


    In meine Augen ist das ein Coup. Deutete zuletzt doch vieles auf die Eva-Katharina-Lösung hin, dürfte das Rennen nun wieder offen(er) sein.


    Gruß, Ekkehard.

    "Jein".

    Fettes Brot

  • Gerard Mortier und Nike Wagner - ich hab's auch im Videotext gelesen - wären sicher spannende Garanten für eine hohe Qualität der zukünftigen Bayreuther Festspiele. Der Dirigent Sylvain Cambreling wäre ebenfalls eine Bereicherung auf dem Festspielhügel.

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Mit Cambreling würde Bayreuth möglicherweise endlich aus jahrelangen orchestralen Öde (Ausnahme waren Albrecht, Davis + Gatti) entkommen. Es könnte endlich wieder musikalische Qualität geschaffen werden Dazu müssten aber auch heilige Kühe geschlachtet werden : „Wie erhellend wirken in diesem Zusammenhang die Aufführungen der Werke von Berlioz durch John Eliot Gardiner und Roger Norrington. In Bayreuth undenkbar! Da müsste man ja die heilige Kuh der Orchestergrabenabdeckung als Erstes schlachten. By the way: Richard Wagner hatte diese nur für den „Parsifal“ vorgesehen.“ Zitat Zagrosek in der FAZ. Und Zagrosek gestaltete in Stuttgart orchestral eine exemplarisch gute Walküre und Götterhämmerung; beim Siegfried sind mir Haenchen (Amsterdam), Levine (2004, NYC), Goodall (ENO) und Janowski (konzertant in Berlin näher) . Nike Wagner hätte das Format Kühe zu schlachten
    Warum klingt Knas Götterhämmerung in München (01.09.55) orchestral spannender + faszinierender als er sie je in Bayreuth dirigierte ? Warum gelingt Fischers Götterhämmerung orchestral transparent und spannend in Budapest, aber nie in Bayreuth ?
    Sicherlich ist folgende Überlegung von Zagrosek etwas überzeichnet, verweist vermutlich in die richtige Richtung:
    Stellen wir uns vor: Es gäbe keine Harnoncourts, Minkowskis, Gardiners, Norringtons, aber noch die Salzburger Festspiele. Wie würde Mozart dort heute klingen? Wer die Salzburger Festspiele in den sechziger Jahren erlebt hat, kennt die Antwort. Durch die historisch informierte Erarbeitung der Alten Musik entstand ein völlig neues Mozart-Bild, wurde gar zum Maßstab der Mozart-Rezeption schlechthin – nicht nur in Salzburg. (Dieser Prozess hat zwar nicht originär in Salzburg begonnen, aber immerhin mittlerweile Salzburg erreicht und verändert.)Ein ähnlicher Paradigmenwechsel fand in Bayreuth nie statt. Während man Furtwänglers – auf seine Art großartige – Salzburger „Don Giovanni“-Produktion als eine historische begreift, feiert man in Bayreuth ebendiese Interpretationshaltung, als wäre die Zeit im Jahr 1950 stehen geblieben. Thielemann, der durchaus Furtwänglersche Faszination zu verbreiten versteht, ist in Bayreuth ohne Alternative.
    Es gab ja immerhin Carlos Kleiber und James Levine, die orchestrale Qualität und neue Lesarten garantierten (ist aber lange her) und Thielemann vermag in Bayreuth nur bedingt den Hörer zu faszinieren. Seine Meistersinger und der größte Teil des Ringes klangen unter ihm bisher (auch 2008) langweilig, zäh + dröge, von Transparenz kaum eine Spur. Der Parsifal scheint ihm etwas besser zu liegen.
    Auch ist Bernd Loebe ist vermutlich auch zuzustimmen, wenn er für Bayreuth fordert:
    Die Bayreuther „Atmosphäre“ stellt sich von allein ein, es braucht keine hemdsärmelige Kumpanei. Dirigenten brauchen mehr Proben. Auch wenn das sogenannte Festspielorchester der Meinung sein sollte, der da vorne muss ohnehin nur koordinieren, den Rest machen wir von allein – es geht um individuelle Interpretation, um gleichsam Authentisches, und hierfür muss man proben, proben, proben. FAZ
    Das würde mir die seit Jahren vorherrschende orchestrale Öde (Ausnahme bleiben Marc Albrecht, Colin Davis + Daniele Gatti) auch erklären.
    Zum Schluss + als Fazit:
    Viele musikalisch interessante Ringaufführungen der letzten Jahrzehnte fanden – mit Ausnahme von Levine in den Neunzigern - nicht in Bayreuth statt. Ich denke z.B. an Gielen in Frankfurt, Goodall in London (ENO), Zagrosek in Stuttgart, Paternostro in Kassel, Haenchen in Amsterdam.


    :hello:
    Amfortas 08

  • Zitat

    Original von lohengrins
    Hallo.
    ...Wer sich fragte, ob Nike Wagner nach ihrer Ausbootung (ihre Stiefschwester Eva Wagner-Pasquier hatte eine gemeinsame Bewerbung zugunsten einer Bewerbung mit Katharina Wagner zurückgezogen) klein beigeben wird, hat nun die Antwort.
    Gruß, Ekkehard.


    Zur Klarstellung: Nike Wagner ist die Tochter Wieland Wagners und somit die Cousine von Eva W.-P. und Katharina W. , die Töchter von Wolfgang Wagner, welche durch 2 verschiedene Mütter Stiefgeschwister sind.
    :hello:

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Gestattet mir bitte eine kurze Zwischenfrage zur Prozedur der Kartenbestellung.


    Gestern landete der Flyer für die Bayreuther Festspiele 2009 in meinem Briefkasten und damit auch das Bestellformular. Seit 2001 bestelle ich bereits Karten ohne Erfolg.
    Allerdings weiß ich schon jetzt sehr sicher, dass ich im kommenden Sommer nicht nach Bayreuth fahren könnte, soweit ich diesmal mit den Karten Glück hätte (Murphy's Law grüßt).


    Wenn ich nun also nicht bestellen würde, hätte dies zur Konsequenz, dass ich mich wieder hinten in der Warteschlange einreihen müsste? Oder gibt es da Möglichkeiten, einmal auszusetzen?


    Viele Grüße
    Frank

  • Zitat

    Original von Frank Pronath


    Wenn ich nun also nicht bestellen würde, hätte dies zur Konsequenz, dass ich mich wieder hinten in der Warteschlange einreihen müsste?



    Lieber Frank,


    Meines Wissens genau das.


    Und soweit ich weiß, sind die Wartezeiten derzeit deutlich länger als zehn Jahre...



    LG, Elisabeth

  • Oder man wird halt Mitglied bei der "Gesellschaft der Freunde Bayreuths", spendet den Mindestbetrag und dann verkürzt sich die Wartezeit auf gar wundersame Weise...

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Morgen abend sendet 3SAT live aus Bayreuth eine Diskussionsrunde zum Intendantenwechsel in Bayreuth. Hier die Ankündigung des Senders:



    Könnte sich lohnen.


    :hello: Jacwues Rideamus

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  • Eine Wahl, die mich hocherfreut (oder hätte man sich ernsthaft die verkopfte Nike wünschen sollen?).


    Alles Gute für Katharina Wagner und Eva Wagner Pasquier.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • ob die Wahl gut war, muss sich erst erweisen. Musikalisch (d.h. orchestral) hatte Bayreuth in der Vergangenheit zu einer neuen Wagner-Lesart kaum bzw. nicht beigetragen. Da waren z.B. Stuttgart (Zagrosek), Kassel (Paternostro) oder z.B. Frankfurt (Gielen) viel fortschrittlicher als die z.Tl. mumienhaft-petrefizierten orchestralen Wagnerdarbietungen der letzten Jahre aus Bayreuth. Vielleicht wären die intellektuelle (ich habe nichts gegen Verkopfung, denn für die Kunst kann man getrost das Gehirn bemühen = Gielenzitat)) Nike W. + Mortier die bessere Alternative gewesen. Aber das bleibt jetzt spekulativ. Nächstes Jahr erwartet uns zunächst die gleiche orchestrale Langeweile, wie seit den vorherigen Jahren. Einziger Lichtblick dürfte der Gatti-Parsifal sein.


    :hello:


    Amfortas 08

  • Zitat

    Original von Amfortas08
    ob die Wahl gut war, muss sich erst erweisen. Musikalisch (d.h. orchestral) hatte Bayreuth in der Vergangenheit zu einer neuen Wagner-Lesart kaum bzw. nicht beigetragen. Da waren z.B. Stuttgart (Zagrosek), Kassel (Paternostro) oder z.B. Frankfurt (Gielen) viel fortschrittlicher als die z.Tl. mumienhaft-petrefizierten orchestralen Wagnerdarbietungen der letzten Jahre aus Bayreuth.


    Immerhin wird Thomas Hengelbrock die nächste Tannhäuser-Inszenierung dirigieren, dem Vernehmen nach auf historischen Instrumenten.

  • Hengelbrock ? tatsächlich, das ist ja geil. Na dann wird es den ersten guten + spannenden Tannhäuser in Bayreuth geben. Doch halt:
    Problem: Was nützen die historischen Instrumente bei verdeckten Orchestergraben ? Da wird aus einer möglichen Klangtranzparenz wieder die entsetzlich dicke + breiige Soße.
    Man vergleiche aus dem Jahr 2008 den 1. Walküreakt unter Barenboim in Ravello mit dem von Thielemann aus Bayreuth. Bayreuth klingt dagegen dumpf, breiig und uninspiriert. Während unter Barenboim der Klang schön aufgefächert wird, dazu die Intensität, die im Bayreuther Ring, Meistersinger + Tristen seit Jahren (!) aus dem Orchester fehlt.


    Nebenbei: Sawallisch orchestral bester Tannhäusermitschnitt ist nicht einer aus Bayreuth, sondern aus Perugia vom 01.10.72.


    :hello:


    Amfortas 08

  • Dass das Bayreuther Festspielorchester auf "historischen Instrumenten" spielen wird, halte ich für ein Gerücht.


    Hengelbrock hat schon oft "traditionelle" Sinfonie- und Opernorchester dirigiert (etwa in Paris oder München) - so wird's auch in Bayreuth laufen. Allerdings wird man sicherlich "historisch informiert" musizieren. Der "Deckel" könnte sich hier in der Tat störend auswirken.



    Lieber Amfortas,


    ich respektiere jede andere Meinung über die Interpretation von Musik, auch wenn sie in gebetsmühlenhafter Form bereits gefühlte 157mal wiederholt worden ist. Man kann über die Dirigate und Orchesterleistungen im Bayreuth der letzten Jahre denken was man will (ich sehe das erheblich differenzierter als Du). Aber erstens sollte man zwischen dem Klang im Festspielhaus (bzw. in anderen Opernhäusern) und dem Klang der Radiomitschnitte differenzieren. Und zweitens will es mir nicht in den Kopf, wie man Spaltklang propagieren kann und gleichzeitig Dirigate von Gatti, Levine und Barenboim über den grünen Klee lobt. Auch wenn mir klar ist, dass neulich Norbert Nasendübler im Oldenburger Stadttheater den Parsifal 5mal geiler hingekriegt hat als vor einigen Jahren Pierre Boulez in Bayreuth... :wacky: Leider wurde auch in Oldenburg nicht auf die lästigen Sänger verzichtet... :rolleyes:



    Viele Grüße


    Bernd

  • Lieber Bernd,


    Hinders für gute orchestrale Bayreuth-Aufführungen ist erstmal der verdeckte Orchestergraben. Barenboim Ravello Walküre Akt1 ist außerdem besser was er selbst in Bayreuth als Walküre 1 dirigierte. Und wenn du die letzten Radiomitschnitte von Levine aus NYC hörtst ( 1997 - 2008), dann wirst Du feststellen, wie ausdifferenziert Levine das Orchester zum Klingen bringt. Dagegen die dicke Bayreuthsoße, ohne Drive und Dynamik.
    Mit idealen Sängern ist es auf vielen Bühnen (NYC, Wien) nicht so einfach. Das ist aber bei Wagner mir nicht so wichtig.


    Seit den letzten Jahren ist Bayreuth touristisch weiterhin interessant. Für die musikalisch-orchestrale Wagnerpflege völlig unwichtig. Eben hat Zagrosek das im 3-Sat "bestätigt".


    ich lobe nicht nur Gatti, Levine und Barenboim übern grünen Klee, sodern auch Godalls ENO-Ring (zu so was orchestral Fetzigen war Bayreuth nie fähig), Zagrosek, Haenchen, Paternostro und Gielen, und auch den Berliner 3. Siegfreid -Akt unter Janowski (konzert vor 1 paar Jahren). Oder Swallischs Tannhäuser in Perugia. Alle diese Dirigenten haben sehr unterschiedliche Lesarten, aber sie langweilen nicht, wie z.B. Thielemann in Bayreuth mit dem Ring und den MS bzw. Schneiders drögen Tristan: zum Einschlafen langweilig.

    Zum Schluss noch:
    In sog. "Provinzbühnen" gbt es oft inteessanteren Wagner als in Bayreuth


    :hello:
    Amfortas 08

  • Zitat

    Original von Thomas Pape
    (...) oder hätte man sich ernsthaft die verkopfte Nike wünschen sollen?.


    Das Tandem Gérard Mortier/Nike Wagner wäre für mich eine Spur interessanter gewesen, trotzdem bin ich sehr gespannt, wie es in Bayreuth weitergeht, z. B. ob und in welcher Form es Veränderungen geben gibt.

  • Lieber Amfortas,


    Dein Credo hört' ich wohl (ziemlich oft sogar), allein mir fehlt der Glaube. Nun: dass in der Provinz ausgezeichnete Wagneraufführungen stattfinden, konzediere ich sofort. Aber man sollte doch die Kirche im Dorf lassen. Bei aller Wertschätzung für Zagrosek: Unvereingenommen ist der auch nicht - und wer wie ich seinen Ring live in Stuttgart miterlebt hat, konnte da neben vielen positiven Seiten auch Defizite in Spannungsaufbau, Tempodramaturgie und vor allem Klangbalance feststellen.


    Von Levine kenne ich nur den Met-Ring vom Anfang der 90er auf CD - und der ist für mich das Musterbeispiel eines auf Schönklang polierten Wagnerklangs. Goodall: tja, das ist was für Hardcore-Fans... Ich habe es nicht geschafft, seinen Parsifal zu Ende zu hören (wahrscheinlich wäre ich immer noch nicht fertig) - aber wer den zweiten Akt in 1 Std. 23 Min. dirigiert, verdient doch wohl kaum die Vokabel "fetzig"...?
    (Apropos: Woher kennst Du Gielens Ring-Dirigat? Gibt's da tatsächlich einen Mitschnitt? Darum würde ich Dich beneiden...)




    ---



    Und kurz noch mein Senf zur Nachfolgefrage: Beide Lösungen wären für mich ok gewesen, aber es war sonnenklar, dass es nur auf die jetzt getroffene hinauslaufen konnte: Planungen, die bis 2015 ziemlich festgeklopft sind, von einem dafür nicht verantwortlichen Intendanten-Duo vertreten zu lassen, wäre wohl ein rechter Schildbürgerstreich. Und der von mir hochgeschätzte Mortier hat kurz vor dem Antritt seiner Intendanz bei der New York City Opera auch nicht gerade seriös agiert.


    Außerdem gönne ich dem üblen FAZ-Kampagnen-Feuilleton jede Niederlage. :yes:



    Viele Grüße


    Bernd

  • Lieber Bernd,


    Levine ist erstmal kein Studio-Dirigent. Z.B. der offizielle NCY-CD-Parsifal ist nicht dolle. Dafür der 79ziger Parsifal und auch spätere Wiedergaben sind geil. Aber halt Radio. Und die späteren Ring-NYC-Levine-Wiedergaben sind orchestral um vieles besser als die offizeillen DVDs und CDs. 2004 hat er einen atemberaubenden Siegfried dirigier: das orchester war Mittelpunkt. Als Hörer habe ich da immer das Gefühl ich bin im Orchester und nicht im Rang oder Parkett. Was man da alles instrumental beim Siegfried raushört, es ist mehr als beeindruckend. Levine: 1997 eine bewegende Walküre und 1994 seine - finde ich - beste Götterhämmerung 2007 war Levines MS eine wagnersternstunde und 2008 ist ihm der beste Tristan gelungen. Besser als seine DVD. Neben dem süffigem Schönklang ist bei Levine vor allem auf klangliche Tranzparenz bedacht und alles gleichzeitig dynamisch. Das Levine nur polierten Schönklang zaubert, ist ein Journaille-Klischee und falsch. Er gehört ferner z.B. neben Welser-Möst zu den wenigen die ein gutes + sinnvolles Bergsches Kammerkonzert hinkriegen (das haben nicht mal Scherchen, Boulez oder Abbado hingekriegt, weil die Berg zu brav dirigieren). Auch sein Moses und Aron - aus den 90zigern in NYC kann sich nur mit Scherchen in Berlin und Nagano in Salzburg messen. ach ja und seine NYC-Lulu 2002 ist bisher uinerreicht, auch Gielen kommt da nicht ran. Dasss er auch Levine in den 90zigern und auch in den 200sendern eine ungeheuer differnzierte Pelleas hinbekam versteht sich fast von selbst. Bei Zagrosek habe ich mit dem Siegfried Schwierigkeiten, der ist Levine 2004 und Haenchen in Amsterdam oder Paternostroin Kassel um vieles besser. Dafür sind die Zagrosek-Walküre und -Götterhämmerung orchestral fantastisch. Die Nornenszene macht er richtig geil.
    Godalls ENO-Ring ist einer der langsamsten und gleichzeitig ungeheuer spannend und intensiv. Also richtig fetzig. Gielen ist schneller, härter (leider nur Inhouse-pirate-qualität), aber sehr spannend, vor allem rythmisch.
    Wie gesagt, alle diese Dirigenten haben ganz unterschiedliche Lesarten, aber sie langweilen nicht, wie es leider in Bayreuth überwiegend geschieht.
    Ich habe mir eben die 3Sat-Sendung reingezogen: Fischers Schlussbemerkung über Wagners Antisemitismus hat mir sehr gut gefallen, aber das wäre ein anderes Thema.
    Wie es in Bayreuth weitergeht ist um Grunde genommen so lange gleichgültig, wie es im üblichen orchestralen Mittelmaß - Gatti ist eine Außnahme - bleibt. Warum Bayreuth dennoch ausverkauft ist, bleibt mir ein Rätsel, weil es kleinere Bühne wie z.B. Kassel (Ring) oder Hannover + Weimar mit dem Tannhäuser orchestral besser hinkriegen.
    Insofern bleibe ich bei der These (mit der ich sicher nicht alleine dastehe), dass Bayreuth für die muikalische Wagner-Pflege + -neuentdeckung unwichtig, bedeutungslos ist; was bleibt ist der touristische Event für Reisende.


    :hello:


    Amfoartas08

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  • zum Schluss noch - einen raufgesetzt:
    Nach meinen Eindruck verhindert die mäßige orchestrale Qualität Bayreuths (über die sich auch bekannte Musiker einig sind) eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Werk Wagners bzw. den Zugang.
    Ferner kann ich das Unbehagen von Nike Wagner über das alberne Premieren-Brimborium sehr gut nachvollziehen. Wäre alles halb so schlimm, wenn es nicht vor so viel Mittelmaß sich abspielte.


    :hello:


    Amfortas 08

  • Zitat

    Original von Zwielicht


    (Apropos: Woher kennst Du Gielens Ring-Dirigat? Gibt's da tatsächlich einen Mitschnitt? Darum würde ich Dich beneiden...)


    Ja gibt es ; der Berghaus-Ring aus Frankfurt existiert sogar als Videoaufzeichnung, ist aber sehr schwer zu bekommen.

  • Zitat

    Original von Armin Diedrich


    Ja gibt es ; der Berghaus-Ring aus Frankfurt existiert sogar als Videoaufzeichnung, ist aber sehr schwer zu bekommen.


    Na sowas! 8o


    Und ich dachte immer, der wäre niemals aufgezeichnet worden... Weder offiziell, noch grau, noch schwarz.


    Ich bin ja leider erst 1988 in den weiteren Umkreis von Frankfurt gezogen, ein Jahr zu spät, um den Gielen/Berghaus-Ring live mitzuerleben.


    Naja, hier geht's ja um Bayreuth. :untertauch:



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht


    Na sowas! 8o


    Und ich dachte immer, der wäre niemals aufgezeichnet worden... Weder offiziell, noch grau, noch schwarz.


    Offenbar eine hausinterne Aufzeichnung. Ein Freund war einmal auf einer Tagung über Wagner, da lief er im Rahmenprogramm im Foyer. Ausschnitte habe ich auch mal selber gesehen.

  • Wenn Du da über die Berghaus/Gielen Ring Aufzeichnung mehr rausfinden könntest: HER DAMIT!


    Ich habe den Ring damals in FFM live gesehen, und ich würde es gerne mal mit dem Chereau/Boulez und Stuttgart Ring vergleichen. Ich habe nur noch das Programm aus FFM, aber die Erinnerung ist schon lückenhaft!


    Also: Alles, was Du noch weißt, wird gerne genommen!


    Matthias

  • Lieber Amfortas,

    Zitat

    In sog. "Provinzbühnen" gbt es oft inteessanteren Wagner als in Bayreuth


    danke, das geht runter wie Butter............auch wennes sich einwenich blau lieeeßt.......
    :D :hello:


    Zwielicht:

    Zitat

    dass neulich Norbert Nasendübler im Oldenburger Stadttheater


    Ok, ich verstehe den Witz, aber bitte, bitte:
    Es handelt sich um das Oldenburger Staatstheater , das Haus wie auch das Orchester ist ganz vorzüglich- ich habe selber dort öfter mal ausgeholfen bezw. mitgespielt und in den 80ern als Zuhörer die damals beste "Tote Stadt" erlebt.


    Mensch Meier, laßt doch endlich mal solche Bemerkungen, denn die Welt ist kleiner, als man denkt (und auch anders.......
    :wacky:).
    Sorry, Zwielicht, Du weißt hoffentlich, daß ich Dich sehr schätze und auch überhaupt nicht böse bin, aber ich mußte hier reagieren.


    :angel:
    Michael


    P.S.

    Zitat

    Dass das Bayreuther Festspielorchester auf "historischen Instrumenten" spielen wird, halte ich für ein Gerücht.


    Natürlich hat Zwielicht recht, das ist, ähem, Quatsch.


    Zitat

    Allerdings wird man sicherlich "historisch informiert" musizieren.


    Genau, irgendwie.....
    Furchtbare Mode letztendlich für mich, da werden lange gekannte und auch angewendete Praktiken neu verkauft, als wenn alle bisher blöd gewesen wären.


    Des Kaisers neue Kleider halt irgendwie.....


    Zitat

    Offenbar eine hausinterne Aufzeichnung.


    Ja, ja, diese sog. "In House" Mitschnitte.
    Die sind ein graues Feld, eigentlich dürfte so was nicht legal sein, aber es ist anscheinend legal oder akzeptiert.


    Nur, wer hat die Sänger und das Orchester gefragt........


    Das ist schon eine ziemliche Grauzone.
    :boese2:

  • Hallo.


    Zitat

    Original von Zwielicht
    ...
    Und kurz noch mein Senf zur Nachfolgefrage: Beide Lösungen wären für mich ok gewesen, aber es war sonnenklar, dass es nur auf die jetzt getroffene hinauslaufen konnte: Planungen, die bis 2015 ziemlich festgeklopft sind, von einem dafür nicht verantwortlichen Intendanten-Duo vertreten zu lassen, wäre wohl ein rechter Schildbürgerstreich. Und der von mir hochgeschätzte Mortier hat kurz vor dem Antritt seiner Intendanz bei der New York City Opera auch nicht gerade seriös agiert.


    Außerdem gönne ich dem üblen FAZ-Kampagnen-Feuilleton jede Niederlage. :yes:
    ...


    Ich denke grundsätzlich auch, dass beide Lösungen in Ordnung gegangen wären. Das Problem bei der Nike Wagner/Mortier-Bewerbung sehe ich einfach in der Kurzfristigkeit. Eine Woche vor der Angst quasi aus dem Nichts zu kommen, macht die Sache nicht überzeugender. Wenngleich Nike Wagner und Mortier natürlich eher für einen Neuanfang gestanden hätten - der aber gewiss nicht von allen (auch nicht allen Entscheidungsträgern) gewünscht ist.
    Hätte, wäre, wenn - dies ist natürlich Kaffeesatzleserei. Letztlich bin ich als überzeugter Optimist zuversichtlich, dass es in Bayreuth positiv weitergeht. Denn es wäre doch wirklich bedauerlich, wenn die Festspiele, wie Amfortas 08 schon jetzt ausruft, musikalisch bedeutungslos und nurmehr touristischer Event wären.


    Inwiefern die FAZ in diesem Zusammenhang eine üble Kampagne fuhr, erschließt sich mir nicht. Eleonore Büning hatte doch das Gespann Katharina Wagner/Thielemann groß publik gemacht. Und sich doch stets eher ausgleichend geäußert. Anders mag es sich mit Julia Spinola verhalten, aber eine Presse-Kampagne ist für mein Empfinden etwas anderes (das kann die Bild denn doch besser).
    Wirklich interessant fand ich zudem die Visionen zu einem neuen Bayreuth, die verschiedene Kulturschaffende dort äußerten; das war ein guter Stimmungsüberblick.


    Als übel empfand ich, dass Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier ihr Erscheinen bei der vorgenannten 3Sat-Sendung davon abhängig machten, dass Julia Spinola dort nicht zu Wort kommt. Steht zu hoffen, dass diese Überreaktion dem gewiss für alle direkt Beteiligten enorm aufregenden Tagesverlauf geschuldet war.


    Gruß, Ekkehard.

    "Jein".

    Fettes Brot

  • Lieber Michael.


    Deine Einwände gegen historische Instrumente bzw. Aufführungspraxis sind sicherlich nicht unberechtigt und der eher bläßliche historische Rattle-Rheingold (vor ein paar Jahren) bestätigt das teilweise. (Es gibt aber auch einige Gegenbeispiele bei Mozart, Haydn + Beethoven) Dennoch erhoffe ich bei so was mir beim „Hölländer“ (die Bemühungen in Essen waren allerdings da leider nicht so dolle) bis Lohengrin doch ein teilweise neues + interessantes Klangbild. (Nebenbei noch ein „Tusch“ für die “Provinz“ bzw. für unbekannte Orchester : ich habe mir in den letzten Tagen mindestens 5 x die Schönbergschen O-Variationen mit dem Teenie-Divan-Orchester unter Barenboim (12.08.08 in Stockholm) reingezogen. Dieser Wiedergabe lässt mich momentan nicht los und gefällt mir noch besser als die 3 Rattlemitschnitte mit den Berlinern und die sind auch gut gemacht worden. Und auch die Ravello-2008-Walküre-1-Akt mit dem Divan-O. übersteigt Bayreuth-Thielemann mühelos. Und die O-Variationen sind für 1 Orchester nicht gerade ein Osterspaziergang, Ich könnte das Loblied auf die sog. Provinz bzw. auf unbekannte Teenie-Orchester mühelos fortsetzten. )


    Dann:
    Warum kam bisher keiner dieser Musik-Zeitungsfritzen und Wagner-Fuzzies auf die Idee Wagners Opern (vor allem MS und TS) in Kammerversionen wiederzugeben. Dass solche orchestralen Experimente fruchtbar sind und geile + fetzige Ergebnisse zeigen, haben Schönberg & Co mit dem Verein für m. Privatausführungen gezeigt. So was müsste in Bayreuth natürlich konzertant gemacht werden. Es ergäbe ein neues, transparentes und fetziges Klangbild. Und was gäbe es da für den Hörer alles zu entdecken. Und wäre auch sängerfreundlich. Aber ich vermute, zu so etwas ist der Bayreuther Hype-Zombie-Betrieb nicht fähig + willens, dessen mittelmäßige musikalische Substanz durch noch so hoch aufgepowerten Regie- und Medien-+ Promigags nicht überdeckt werden kann.


    Herzlich + eillig


    Amfortas 08


  • Lieber Michael,


    ja, tut mir leid, ich weiß, dass ein solcher "Witz" auch nach hinten losgehen und im schlimmsten Fall auch Menschen verletzen kann. Ich hätte besser darauf verzichtet, zumal ich sehr häufig kleine und mittlere Häuser in Deutschland besucht habe und dort musikalisch und szenisch hervorragende Aufführungen erlebt habe. Sorry!


    Das war eine Überreaktion meinerseits auf die ständig wiederholten Behauptungen, dass das Bayreuther Festspielorchester seit Jahrzehnten den schlechtesten Wagner der Welt spielt - und dass sich die akustischen Besonderheiten des Festspielhauses offenbar jemand ausgedacht haben muss, der von Wagners Musik nicht die geringste Ahnung hatte. (Wobei mir klar ist, dass sich zumindest bei Holländer, Tannhäuser, Lohengrin und Meistersingern der Deckel über dem Graben problematisch auswirken kann.) Generell finde ich auch, dass man vollmundige Aussagen über die Institution Bayreuth und insbesondere die dortige Akustik besseren Gewissens treffen könnte, wenn man mal wirklich dort gewesen ist und eine Aufführung erlebt hat. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sich ein Parsifal im Festspielhaus ganz anders anhört als der entsprechende Radiomitschnitt (was im Prinzip natürlich für alle Mitschnitte, aus welchem Haus auch immer, gilt).



    Viele Grüße


    Bernd

  • Lieber Frank,


    um nochmal auf Deine Frage bezüglich Kartenbestellung für Bayreuth zurückzukommen:


    Wenn Du nächstes Jahr nicht kannst (falls eine Zusage kommen würde...),
    dann schreib das einfach auf den Bestellschein und den Grund dazu oder hefte einen Zettel dran und schicke beides zurück. Dann bekommst Du nächstes Jahr ein "N" statt einem "A" und keinen Strich für "nicht bestellt". Aus meiner Erfahrung zählt das ziemlich gleich und Deine Chancen im 11. oder 12. Jahr dann endlich eine Zusage zu bekommen bleiben unverändert gut!
    Du kannst natürlich auch zu spät bestellen, dass hat dann ein "S" zur Folge, auch besser als ein Strich! ;-)


    LG aus München!

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