Berlin, Komische Oper, ARMIDA von Gluck, Premiere am 5.4.09

  • Hallo,


    da bestimmt jemand in diese Premiere gehen und berichten wird, ist die Überschrift hoffentlich so in Ordnung.
    Im Moment wollte ich nur fragen, ob schon jemand in der Einführung war, denn diese spannende Geschichte von Bieito inszeniert zu bekommen, ist sicherlich mit einigen Schockelementen verbunden. Evtl. wurde ja schon ein wenig davon verraten.


    Herzliche Grüße
    Ingrid

  • Erste Eindrücke:


    Gluck könnte in seinem Glauben, dass dies seine beste Oper ist, Recht behalten. Die musikalische Ausführung, allen voran eine, anfangs noch zuweilen forcierende, aber sehr bald immer bessere, im zweiten Teil sogar großartige Maria Bengtsson als Armida, die mit Recht gefeiert wurde, Maria Gortsevskaya als "Hass" und eine vorzügliche musikalische Leitung Karl Junghänels, die der Partitur feinfühlig folgte und dem Orchester der Komischen Oper sogar regelrechte HIP-Töne abgewann ohne das zum Selbstzweck geraten zu lasssen, legte diesen Gedanken jedenfalls vorbildlich nahe und ließ vergessen, dass die Oper zwar viel großartige Musik enthält, aber leider einen rechten "Hit" vermissen lässt. Vorzüglich waren übrigens auch die Ensembles, und aufhorchen ließen die blutjungen Mitglieder des Opernstudios der KO, Anna Borchers als Melissa und Olivia Vermeulen als Sévérine.


    Das Theater empfiehlt einen Besuch erst ab 16 Jahren, weil der Anblick des unbekleideten menschlichen Körpers Jüngeren wohl nicht zuträglich ist, selbst wenn er, wie hier, auffällig unerotisch dargeboten wird (für Masochisten kann ich allerdings nicht sprechen). Wer also seine vorprogrammierte Empörung im Abzählen von Schniedeln und Ablehnen von von Kopulationsszenen (ja, sogar gänzlich unbekleideten) messen möchte, wird auf seine Kosten kommen und sich empören dürfen. Das Bild auf der Website der KO übertreibt nicht, sondern ist eher "ad usum delphinis" ausgewählt.


    Und dennoch: ich habe mir sagen lassen, dass der Protest für eine Inszenierung Calixto Bieitos nachgerade lasch ausfiel, während der Beifall, nicht nur für die musikalischen Helden des Abends, deutlich zu überwiegen schien, jedenfalls in meiner hörbaren Umgebung. Lag es daran, dass niemandes Lieblingswerk "verschandelt" wurde, weil niemand es kennt? Oder ist Bieito hier doch etwas Seltenes gelungen, nämlich ein kaum bekanntes Stück, dessen "Dialoge" kaum verständlich sind (warum macht man sich angesichts der katastrophalen Textundeutlichkeit fast aller - ausgenommen die vorbildlich intonierenden Peteris Eglitis als Hidraot und Günter Papendell als Ubaldo - eigentlich die Mühe, eigens eine deutsche Übersetzung anfertigen und einstudieren zu lassen?), so auf seine Essenz zu reduzieren und bildhaft zu machen, dass man gespannt bei der Sache bleibt - und das trotz einer eher kalten "Raumschiffkulisse", die von vornherein jeden Verdacht lustvoll genießbarer Zauberei unterdrückt?


    Indem er in jeder Hinsicht viel überflüssigen Stoff ablegt (und auch mindestens den vierten Akt kürzt), legt Bieito den hochmodernen Kern des Werkes frei: Liebe ist eine Machtfrage, die durch Sex geregelt wird, und wer Angst hat, die Kontrolle zu verlieren, verliert auch die Macht; erst die über sich, und dann die über andere. Wie jede gute Inszenierung stellt die von Bieito mehr Fragen als sie beantwortet, und ich bin nicht mit jeder seiner Lösungen glücklich, aber dazu mehr, auch beschreibend, wenn sich meine ersten Eindrücke etwas gesetzt haben.


    Entgegen den nie bewiesenen Unterstellungen mancher, die lieber träumen als Realität anzunehmen, war das Haus übrigens randvoll besetzt, und konnte ich auch nach der langen Pause kaum Abgänge verzeichnen. Woran das gelegen haben mag, darüber darf spekuliert werden. Ich glaube jedenfalls nicht, dass es daran lag, dass die Frauen wegen der Schniedel blieben und die Männer sie nur deshalb nicht daran hinderten, weil sie (vergeblich) hofften, dass die Frauen im zweiten Teil noch ähnlich bloßgestellt werden.


    Mehr in Kürze


    :hello: Jacques Rideamus

  • Lieber J.R., ich habe mit Spannung den Bericht erwartet und hoffe, dass Ingrid und Alviano auch noch ihre Eindrücke schildern werden!


    Das klingt wirklich sehr spannend und ich glaube , ich wäre auch bis zum Ende geblieben :D- allerdings weniger wegen der nackten mânnlichen Tatsachen(was ist daran so interessant, die sieht man doch, wenn nciht zu Hause, an jedem Kiosk?) sondern wegen der Musik und der offenbar konsequent durchinszenierten Story.


    Armida, die wie Alcina an der Liebe irre wird und ihre "schwarze" Zauberkraft durch die unkontrollierbare Zauberkraft der Liebe verlieren muss, ist eine vielveroperte Figur und offenbar ein besonderes Faszinationsobjekt gewesen.


    Dass Bieto die Dinge beim Namen nennt und damit die Geschichte ins Hier und Heute holt, ist m.E. nciht skandalôs sondern folgerichtig.


    Einer Oper, die ein solches Kellerkinddasein führt wie Glucks Armida kann man damit ausserdem nur eine sehr wünschenswerte Adrenalinspritze verpassen.


    Und um was soll es denn sonst gehen, als um nackten Sex und Macht, wenn "wohlanständige" Männer zu Hauf in den Klauen einer Femme fatale verderben?
    Mich würde sehr interessieren, welches Frauenbild da rüberkommt und wie die Sängerin der Titelfigur das vermittelt.
    Wird ihr Fall am Ende als gerechte Strafe von Bieto suggeriert?


    Und habe ich Dich richtig verstanden, dass alle Liebhaber/Opfer der Armida grundsätzlich nackt gesungen haben ?
    Für einen Sänger ja nicht gerade eine alltäglcihe Übung.......


    F.Q.

  • Mir scheint das auch sehr plausibel, was JR da ge- und beschrieben hat. Und irgendwie beruhigt es mich, dass nicht nur die Wiener "Sittlichkeitsbehörden" zu pharisäerhaften Überreaktionen neigen, denn unser "Rake's Progress" lief ja auch unter Jugendverbot wegen der Bordellszene, die an Biederkeit wohl kaum zu überbieten war. Denn an die moralische Gefährdung von Jugendlichen durch den Anblick nackter Geschlechtsorgane glaubt doch wohl anno 2009 ernsthaft niemand mehr und die fingierte Massenkopulation im Gleichtakt wirkte weder obszön, noch erotisch, sondern zumindest auf mich ein wenig lächerlich.
    lg SEverina :hello:

  • Zitat

    Original von Fairy Queen


    Und habe ich Dich richtig verstanden, dass alle Liebhaber/Opfer der Armida grundsätzlich nackt gesungen haben ?
    Für einen Sänger ja nicht gerade eine alltäglcihe Übung.......


    F.Q.


    Leider bin ich ausgerechnet heute unter starkem Zeitdruck, daher nur ein paar weitere Stichworte:


    Natürlich sind die Sänger/Innen - soweit ich erinnere mit Ausnahme des Aronte (der ziemlich unerklärlich schon lange vor seinem eigentlichen Auftritt blutbeschmiert herum liegt) - nicht bis auf die Stimmbänder entblößt, lassen dafür aber auch nicht an darstellerischer Deutlichkeit zu wünschen übrig, wenn es öfter zur Sache geht. Das wirft nicht nur die Frage auf, ob die omnipräsente totale Nacktheit der Statisten und Kulissenschieber nicht unnötig, ja kontraproduktiv ist, sondern führt in der Bewegungsregie öfter zu absolut faszinierenden Bildern. So braucht man nur zu wissen (hörend verstehen kann man es leider nicht), dass die Dame, die am Ende des dritten Aktres in Männerkleidern auftritt und Armida verführt, der Hass ist, und man bekommt einen sehr überzeugenden Eindruck davon, was es bedeutet, buchstäblich vom Hass "übermannt" zu werden.


    Das hat dann sogar eine erotische Ausstrahlung, die ansonsten trotz oder eher wegen der omnipräsenten nackten Körper weitgehend fehlt. Wenn man bedenkt, wo das Ganze spielt, frage ich mich, ob da nicht auch ein doppelsinniger Hintergedanke von dem wahren Paradies mit den angeblichen Jungfrauen mitschwingt, denn diese Version himmlischer Freuden, denen sich die verzauberten Krieger angeblich hingeben, kann allenfalls einem Kryptosadomasochisten Freude machen. Tatsächlich erinnert, wie Alviano, mit dem ich die Aufführung sah, völlig richtig bemerkt hat, die Organisation der Körper, sei es als Hundemeute oder als eine Kette von nackten Kerlen, die bis zu Erschöpfung Liegestütze machen, an einen Skandalfilm eines italienischen Filmemachers, der nicht nur den besten Bibelfilm gedreht hat, wie gerade andernorts zu lesen ist, sondern sich auch mit einer besonderen "Republik" zur Zeit des Faschismus beschäftigte, in der es ähnlich zugegangen sein mag.


    Aber ich zäume das Pferd von hinten auf (ohne intendierten Doppelsinn!). Deshalb würde ich gerne mit etwas mehr Zeit erst einmal schildern, was geschieht und zu sehen ist, und dann auf andere Aspekte, auch die kritischen, eingehen. Dabei kann mich dann hoffentlich Alviano unterstützen, der seinen Beitrag ja erst am Wochenende schreiben kann.


    Vorab kann ich nur jedem, der es schafft, empfehlen, sich ein eigenes Bild zu machen und nicht zuletzt einen eigenen Höreindruck zu verschaffen, denn der allein lohnt schon den Besuch dermaßen, dass man sich einen Rundfunkmitschnitt zum später öfteren Nachhören wünscht.


    @ Fairys Frage nach dem Frauenbild:
    Ich zumindest verstehe Armidas finalen Fall nicht als Bestrafung, wofür auch immer, sondern als den Zusammenbruch einer für eine starke Liebe zu starken Frau. Tatsächlich hat man manchmal den Eindruck, dass Bieito versehentlich erst ein Libretto der PENTHESILEA gelesen hat und danach mit dem dort gewonnenen Konzept auf die ARMIDA umgeschwenkt ist, so stark sind die Frauen hier, und so gebeutelt bis lächerlich ausnahmslos die Männer. Selbst bei dem angeblich so heldenhaften Rinaldo kam mir immer wieder der eigentlich völlig unpassende Titel eines Films von Bernardoi Bertolucci in den Sinn: DIE TRAGÖDIE EINES LÄCHERLICHEN MANNES. Nicht, dass er die Hauptperson wäre, aber dass er nicht weniger töricht ist als seine mörderischen Kumpane und eigentlich nur richtig sieht, wenn er vom Zauber Armidas verblendet ist, kommt sehr schön heraus.


    Aber jetzt ist es wirklich an der Zeit, das Ganze in einen vernünftigen Kontext zu bringen. Ich gebe mir Mühe, das so bald wie möglich zu tun.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Lieber J.R., ich verwechsle offenbar Armida mit Alcina, denn mir kommt es sehr wohl in den Sinn, dass die heidnische Zauberin am Ende für ihre Sünden bestraft werden muss und nciht einfach so davonkommen kann. Da hätte die Zensur wohl sofort aufgeschrien und selbst die Traviata durfte ja 100 Jahre später nciht überleben.
    Frauen dieser Spezies werden in Opern entweder ermordet, bringen sich selbst um oder gehen sonstwie unter.


    Was ich überhaupt nciht verstehe: wie kann jemand zu stark für eine starke Liebe sein???
    Ich sehe das genau umgekehrt: nur, wer nciht stark genug ist, hält eine starke Liebe nciht aus.



    Dass die Nackten Statisten waren, beruhigt mich dann doch.
    Als Sänger unbekleidet auf der Bühne zu stehen, nun ja...... wer dazu die Nerven und die Traute hat.......
    Man ist gerade schon nackt genug als Solist, aber wenn dann auch noch alle auf den Körper starren....


    Die Anklänge an Pasolinis Faschismus Kritik erscheinen mir übrigens serh interessant- ich kann mir sowas allerdings nur schwer ansehen und musste bei diesen Filmen immer mit Übelkeit kämpfen ,was natürlich nicht gegen das Regiekonzept sprciht.



    Anlässliich dieses Threads habe ich heute morgen die Armide mit Antonacci stückchenweise per IPOD gehört und finde schon, dass da einige potentielle "Hits" drin sind. Warum sie es nciht geworden sind? Vielleicht weiss unser Gluck-Spezialist dazu etwas zu sagen?
    Eine wunderschöne Armide-Arie am Beginn des zweiten Aktes zum Beispiel und schon alleine die Ouvertüre!
    Herrliche Musik- allerdings gefällt mir der Orphée nach wie vor besser.


    Mir das Ganze in deutscher sprache vorzustellen, fällt mir zugegebenermassen wieder einmal schwer, aber dazu höre ich lieber euer Urteil, die ihr dort ward.



    @ Liebestraum


    Dir macht es wohl immer wieder besonderen Spass, dich öffentlich selbst zu diskriminieren- das muss der spezielle Kryptosadomasochismus sein, von dem JR hier spricht...... :rolleyes:

  • Zitat

    Original von Liebestraum
    Oper für SCHWULE :hahahaha:


    Gegen eine solche hätte ich auch nichts einzuwenden, obwohl ich beim besten Willen nicht für Schwule sprechen kann und schon gar nicht gegen sie sprechen will, wie es in diesem hämischen Einzeiler durchscheint, wenn man die sonstigen Ansichten ihres Autoren kennt und den Lacher richtig deutet.


    Mit der vorliegenden Inszenierung hat das aber nichts zu tun. Interessant ist immerhin, dass Du nicht davon sprichst, dass Nacktheit bei Männern augebeutet wird, was bei nackten Frauen unweigerlich angesprochen worden wäre. Damit sollte aber der Dauerlangweiler der Nackten in der Oper abgefrühstückt sein.


    Dagegen sollte man sich gerade in einem Klassikforum ruhig mal mit dem Eigentlichen der Oper selbst beschäftigen, wie Fairy es tut. Warum sie keinen "Hit" wie "Ach ich habe sie verloren" hat, liegt vielleicht an dem Problem, das ich allgemein mit Gluck habe, und anscheinend nicht nur ich: es ist fraglos wundervolle Musik, und die steht in den instrumentalen und Chorpassagen selbst dem Furientanz der ORFEO oder dem DON JUAN überhaupt nicht nach. Auch lässt der emotionale Gestus der Musik nichts zu wünschen übrig, so dass man dem Geschehen sehr bereitwillig und auch mit großer Empathie folgt.


    Was halt fehlt, ist die griffige, sofort eingängige Melodie zum Nachsingen oder -pfeifen. Gluck war eben kein Ohrwurmsetzer. Was nicht wertend zu verstehen ist, ihn aber zum Beispiel von Mozart unterscheidet. Ob das die Ursache oder die Folge davon ist, dass man die Oper so selten zu hören bekommt, wäre allerdings eine interessante Frage.


    Dagegen ist der deutsche Text, jedenfalls in dieser wenig textverständlichen Darbietung, fast irrelevant und würde Dich hier wohl kaum irritieren, ist aber gerade deswegen auch überflüssig.


    Das nur als Zwischenbemerkung. Zu den Stärken und Schwächen der Inszenierung dieser Liebe später mehr, wenn ich schildern konnte, was es außer Nackten viel Wesentlicheres zu sehen gibt.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Zitat

    Original von Fairy Queen
    Anlässliich dieses Threads habe ich heute morgen die Armide mit Antonacci stückchenweise per IPOD gehört und finde schon, dass da einige potentielle "Hits" drin sind. Warum sie es nciht geworden sind? Vielleicht weiss unser Gluck-Spezialist dazu etwas zu sagen?


    Liebe Feenkönigin,


    Stefan Kunze diskutiert in seinem Essay "Gluck, oder: die 'Natur' des musikalischen Dramas" (Gluck. Wege der Forschung, 1982) eben diese Frage und kommt zu einer Anzahl von Antworten, die ich gerne im Gluck-Thread diskutieren möchte. Die abschließende und sicher eine der wichtigsten ist diese:


    Mehr als andere Musik ist die von Gluck abhängig von ihrer Darstellung, die das Drama miteinschließt. Ihre einzige Chance ist nicht etwa 'stilreine' Aufführung, sondern die Wiedergewinnung der belebenden Darstellung, die Gluck vorgeschwebt haben muss, von der aber die Komposition in ihrer schriftlichen Fixierung wenig verrät.


    Es ist deshalb gut zu wissen, dass das in der Partitur verborgene Potenzial von Bieto, wie ich lese, gehoben wurde. Allerdings gehört - da beißt die Maus keinen Faden ab - Textverständlichkeit notwendig zum Gelingen des dramatischen Theaters, wie es Gluck verstand. Bei all seinen ausgedehnten Kämpfen mit den Sängern ging es um die Wahrhaftigkeit des Ausdrucks und gegen die Manierismen der Sänger, die jene verschütteten.


    Viele der Musikstücke Glucks haben die Fähigkeit, Sucht auszulösen - bei mir im Moment wieder im Ezio: aber da muss man wissen, was da geschieht und was gesungen wird. Die Schönheit der Melodie erschöpft sich nicht in sich selbst, sie steht in einer spannungsgeladenen Beziehung zur Begleitung (wobei die Klangfarben bestimmter Instrumente immer eine Rolle spielen) und zum Text, der von Gluck im wahrsten Sinne des Wortes wahr genommen wird.


    Wo man also Text und Inhalt kennt (wie bei "O malheureuse Iphigenie"), stellt sich die Freude ein, das Stück immer wieder zu hören (mich verzaubert es wie am ersten Tage, als ich es mit Bewusstsein hörte, in jener genialen Guth-Inszenierung in Nürnberg). Mit der Armide wollte ich mich intensiver beschäftigen nach dem Erlebnis einer Aufführung. Das hat sich bei mir inzwischen ein wenig aufgeschoben, ist aber nicht aufgehoben.



    Zitat

    @ Liebestraum


    Dir macht es wohl immer wieder besonderen Spass, dich öffentlich selbst zu diskriminieren- das muss der spezielle Kryptosadomasochismus sein, von dem JR hier spricht...... :rolleyes:


    Dass hier offen gegen Schwule gestänkert wird, missfällt mir im äußersten Maße. Gemeint war wohl die Aufführung, nicht die Oper als solche; aber sprachliche Unfähigkeit kommt hier wohl mit anderem zusammen. Gluck hat die Oper für Menschen mit Herz und Verstand geschrieben, also auch für Schwule, allerdings offensichtlich nicht für alle Leser dieses Forums.



    Zitat

    Original von Liebestraum
    Es war überhaupt nicht hämisch gemeint - bei diesen Bildern werden viele Schwule ins Opernhaus pilgern...


    Auch in der versuchten Abschwächung ist der Beitrag unter der Gürtellinie. Zu einem - das hat JR II schon angedeutet - verginge Lustmolchen welcher Herkunft auch immer bei der Inszenierung die Lust, sie sähen sich mit der Vehemenz einer authentischen Gestaltung eher in Frage gestellt als bestätigt, zum anderen: soll ich nun die nächste Aufführung einer Kinderoper mit Kindern als Darstellern als Möglichkeit für Päderasten sehen, in die Oper zu gehen. Zu welchen Geschmacklosigkeiten sich Hass doch versteigen kann. Wie gesagt, da hätte "La haine" bei Gluck vielleicht etwas Erhellendes beitragen können.



    Liebe Grüße Peter

  • Mir missfällt hier bereits das Wort Schwule- jedenfalls wenn es in diesem Kontext aus Liebestraums Feder kommt!
    Was bildest du Dir eigentlch ein?
    Uns für dumm zu verkaufen?



    Oder pilgerst DU etwa nur ins Theater, wenn es da nackte Frauen zu sehen gibt?
    Aber nein, ich vergass- dann strömen natürlich nur Lesben in die Vorstellung.
    Primitiver kann mann wohl wirklich kaum noch denken......


    Ich würde als Moderator diese dümmlichen Unverschämtheiten sofort löschen, um nicht Tamino dem Ruf der Diskriminierung von Homosexuellen auszusetzen und Selbige (die hier wahrlich in allerbester Weise zum Reichtum der Diskussionen beitragen) zu vertreiben.
    Pardon, aber mir platzt gerade der Kragen...... :motz: :motz: :motz:

  • Zitat

    Original von Fairy Queen


    Pardon, aber mir platzt gerade der Kragen...... :motz: :motz: :motz:



    Liebe Fairy,


    nicht nur Dir!


    :angry: :angry: :angry: :angry: :angry:



  • Dem kann ich mich nur anschließen und sagen "Charakter ist Glückssache!" Und irgendwie weiß ich jetzt auch, warum LT dem heutigen Opernbetrieb nichts abgewinnen kann - Bieto & Co inszenieren nämlich für Intelligente....
    lg Severina :hello:


    PS: Und ich wünsche mir eine klare Distanzierung der Forenleitung von solch ungeheuerlichen Äußerungen!!

  • Liebe Fairy, liebe Severina


    ich habe mir natürlich auch überlegt, ob man diese Äußerung nicht einfach löschen sollte, aber der Einzige, dem man damit einen Gefallen tut (dessen entsprechendem Wunsch ich aber gerne sofort nachkomme, würde er denn geäußert), würde das womöglich als Zensur empfinden. Ich finde Eure Reaktion darauf wesentlich eindrucksvoller und für das Forum förderlicher als den Ausrutscher, der vor allem den Auslöser trifft, schädlich. Wenn man das bereinigen wollte, was vielleicht später noch geschieht, müsste man auch Eure Reaktionen löschen, weil sie sonst ohne jeden Anlass in der Luft hingen. Meine Meinung über die Äußerung habe ich ihr ja gleich nachgestellt, und die von Peter ist noch deutlicher. Es muss aber nicht jede törichte Äußerung durch eine Distanzierung von allen aufgewertet werden, wenn schon die ersten Entgegnungen an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig lassen.


    Zurück zum Anlass und weiter im Thema:


    Leider fehlte mir heute die Zeit und jetzt der Nerv, eine eigene ausführliche Beschreibung der Inszenierung einzustellen. Ich hoffe, ich kann das mirgen nachholen und muss es nicht ganz Alviano überlassen, der das allrdings weitaus besser kann. Wer aber schon mal einen Eindruck davon gewinnen möchte, wie die Inszenierung auf Andere wirkt, kann das in der SZ hier nachlesen: http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/568320.


    In der Tendenz bin ich einverstanden, im Detail schon weniger. Mehr darüber morgen.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Zitat

    Original von severina
    - Bieto & Co inszenieren nämlich für Intelligente....
    lg Severina :hello:


    Ach so, deshalb kam ich mit dieser Armide so überhaupt nicht klar :faint: ;)


    Bei mir lag es evtl. aber auch daran, dass ich in München eine Inszenierung sah, die für mich mit zu den ergreifendsten Opernerlebnissen überhaupt gehörte und völlig konträr zu diesem Spektakel war und das war wohl der eigentliche Schock dieses Abends, denn wen reißen nackte Männer heute noch vom Hocker. Die armen Kerle taten mir höchstens leid, denn die wurden schon recht heftig gequält. (Beim Münchner Macbeth hängen sie z.B. mindestens eine Viertel Stunde kopfüber nackig an einem Bein. Statisten müssen das für Kohle wohl aushalten können).


    Und ganz seltsam, je mehr Action und Brutaliät in jeglicher Form fast containerweise auf die Bühne gekippt wurde, desto langweiliger und ermüdender fand ich das alles und leider mit der Zeit sogar die musikalischen Darbietungen, obwohl ich auf die Textbearbeitung gespannt war und es da an der KOB, bezügl. der Verständlichkeit bisher nie Probleme gab (bei den Vorstellungen, die ich sah), hier aber sehr.


    Würde ich Gluck jetzt nur über solche Inszenierungen präsentiert bekommen, würde ich ihn höchstwahrscheinlich meiden und das hat er nicht verdient.


    Ich empfehle diese Armide auf jeden Fall nicht weiter, würde sie auch nie im Leben noch einmal besuchen, schätze aber durchaus die Meinung von Rideamus und die vielen wertvollen Gedanken, die er sich zu dieser Inszenierung und Oper gemacht hat. Bin auch schon gespannt, was Alviano berichten wird. Schade, dass wir uns nicht bereits in der Pause austauschen konnten, denn evtl. hätte ich danach einiges anders gesehen, auch wenn das ein schweres Unterfangen gewesen wäre ;)


    Ein Sänger, der mir stimmlich ganz besonders gut gefiel (er singt wohl auch den Figaro an der KOB) und dessen Rolle relativ brav ausfiel, denn er mußte seine Angebetete nicht vergewaltigen, da dafür der Kollege zuständig war, ist Günter Papendell. Er hat einen wunderbaren Bassbariton und er sang auch sehr textverständlich.


    Gute Nacht
    Ingrid

  • Zitat

    Original von Ingrid
    Würde ich Gluck jetzt nur über solche Inszenierungen präsentiert bekommen, würde ich ihn höchstwahrscheinlich meiden und das hat er nicht verdient.


    Da ich, liebe Ingrid, noch nicht die Gelegenheit hatte, die Inszenierung zu bewundern. muss ich mich in der Bewertung zurück halten.


    Ich beschäftige mich im Moment mit Gottfried von Straßburgs Tristan und Isolde, eine mitterlalterliche Station einer unglaublichen Grenzüberschreitung. Die in der Armida ist anders, aber in der Form ebenso ähnlich. Es ist eine Herausforderung an alles, was Gesetz und Herkommen ist: die Welt befragt durch die Liebe - und welche Welt genügt ihr schon?


    Wie will man diese Herauforderung an die saturierte Welt, in der wir leben, formulieren? Bieto sucht sich seine, und da er sie glaubhaft zu formulieren zu versteht, stößt er sich an den Grenzen unserer Wahrnehmungsfähiigkeit - aber damit befragt er uns, wo Liebe zur Gewalt wird, wo wir den anderen zu überrumnpeln versuchen, wo Liebe Verfügungsgewalt über den anderen zu werdne droht.


    Ein Moralist wie Bieto ist gezwungen, diese Frage in Blut und Gewalt zu schreiben, in Schrift und Sprache unserer Zeit und Gesellschaft- Er leidet an dem Widerspruch von Wirklichkeit und Anspruch,


    Wenn man seinen Weg nicht geht, dann verzichtet man auf Moral.Wer bei hm die tief moralische Haltung nicht sehen kann, empfindet den tiefen Schmerz nicht, den er uns mitzutelen versucht-


    Liebe Grüße Peter

  • Zitat eines Leserkommentars zum FAZ-Artikel:


    Zitat

    Ich hoffe, dass die deutschen Opernhäuser so weiter machen - irgendwann bleiben alle Zuschauer weg und dann werden vielleicht auch endlich die Subventionen gestrichen. Lieber ein paar wenige gute Opernhäuser als eine flächendeckende Versorgung mit so einem Unsinn.


    Provokation um jeden Preis, das ist die Maxime dieser Inszenierung, so erscheint es mir.
    Man sollte es einfach ignorieren und sich gar nicht aufregen, das trifft diese "Regisseure" noch am ehesten. ;)

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Zitat

    Original von Joseph II.
    Zitat eines Leserkommentars zum FAZ-Artikel:



    Provokation um jeden Preis, das ist die Maxime dieser Inszenierung, so erscheint es mir.
    Man sollte es einfach ignorieren und sich gar nicht aufregen, das trifft diese "Regisseure" noch am ehesten. ;)


    Mit Verlaub: dieser Leserkommentar ist einfach dumm und berücksichtigt die Tatsache nicht, dass gerade diese Inszenierung nicht nur eine volle Premiere hatte, sondern sich, wie Bieitos frühere Arbeiten auch, künftig regen Zuspruchs erfreuen dürfte. Mit gutem Grund, und der hat am wenigsten mit dem Voyeurismus der Skandalsüchtigen zu tun.


    Warum tut man immer so, als ginge es nur um ein Entweder-oder und sei kein Sowohl-als-auch denkbar? Schade, dass der Kritiker der FAZ, der zur musikalischen Seite des Abends nur Richtiges sagt (und schon faür zu preisen ist, dass er endlich mal die musikalische Seite vor der Inszenierung würdigt), bei der Würdigung der Inszenierung total versagt.


    Ich stelle deshalb schon mal den ersten Teil meiner geplanten Gesamtdarstellung ein. Man lasse sich aber bitte nicht von dem Einstieg zu dem Missverständnis verführen, dass ich den Kritikern nur Recht gäbe. Der Rest kommt halt später, zu einer humaneren Tageszeit, die auch mehr Reflexion zulässt.


    Hinter einem silbrig-weißen Schnurvorhang vergnügen sich, eher zu ahnen und (leider über der Ouvertüre) zu hören als zu sehen, diverse Paare, als Armida, gelangweilt von dem vertrauten Geschehen, in einem leuchtend blauen Kleid vor den Vorhang tritt. Etwas später lässt sie einen der nackten Krieger an sich saugen, bevor sie ihn angewidert von sich stößt. Derweilen kosten ihre Gefährtinnen Sidonie und Phénice ihren Sieg aus und treiben ihre sadistischen Spielchen mit den unterlegenen, weil zur Illusion des Genusses verhexten Kämpfern.


    So beginnt Bieitos Darstellung der Zauber-zauberhaften Landschaft, die in ihrem aschgrauen, sterilen Space-Look (auf einer vorzüglich bespielbaren, höchst variablen Bühne) eher an die Endzeitfantasie von Tarkowkis SOLARIS oder Kubricks 2001 erinnert als ein Damaskus im Siegesrausch, welches das Libretto vorgibt. Das macht Sinn, denn Bieito interessiert sich natürlich nicht für dessen Bebilderung, sondern für das Drama dahinter, und das ist die Tragödie einer Frau, die ihre leichten Siege leid ist, aber in dem Augenblick scheitert, als sie um einer starken Liebe willen auf das Ausspielen ihrer Stärken verzichtet und zu spät bemerkt, dass ihr Geliebter viel zu sehr darauf fixiert ist, Held zu sein um noch Raum für irgendwelche sonstigen Gefühlsregungen zu haben. Wie weiter oben schon angedeutet, wäre er die zweite tragische Gestalt der Oper, wenn er nicht zu dumm wäre um wahrzunehmen, was ihm geschieht bzw. entgeht.


    Dummerweise verstellen Bieitos FKK-Obsessionen lange den Blick auf dieses Drama, was schade ist, weil damit auch die Musik erst mal zur fast beliebigen akustischen Begleitkulisse reduziert wird. Ich mag es nämlich nicht besonders, wenn ein Regisseur der Musik nicht vertraut und sogar die Ouvertüre „inszeniert“, ohne damit einen merklichen Mehrwert zu schaffen. Bei einem Meisterwerk wie Glucks Ouvertüre zu ARMIDA ist die Fallhöhe besonders stark, denn Bieito zeigt hier nichts, was er nicht später oft genug strapaziert.


    Mein erster und, zugegeben, wenig überraschender Eindruck war also, dass sich hier wieder einmal ein Regisseur einer Vorlage bedient statt ihr zu dienen. Um so eindrucksvoller, wie es ihm gelang, mich dennoch für sich zu gewinnen. Es hat zwar bis zum dritten Akt gedauert (die ersten drei Akte und die letzten beiden werden an der KOB zu je einem durchgespielten zusammengezogen), bis ihm das gelang, dann aber vollkommen. Denn seine Inszenierung ist keineswegs unmusikalisch oder gar schematisch. Ich habe wenig Aufführungen gesehen, in denen so viel intelligent durchdachte und detailfreudige Bewegungsregie zu sehen war, und zwar nicht nur bei den Solisten, sondern gleichfalls dem Chor und besonders den Statisten.
    ...
    Das muss es erst mal gewesen sein. Hoffentlich ein Anreiz zum differenzierenden Nachdenken, bevor man weiter in die anscheinend unvermeidlichen Hörner des Vorurteils stößt.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Ich wollte diese sicher streibare Inszenierung nicht herunterwürdigen, nur stach mir der Leserkommentar besonders ins Auge nach dem eher vernichtenden Urteil der FAZ.


    Ich kann aber verstehen, wenn einem danach die Lust auf Gluck vergeht - auch wenn er nichts dafür kann. :wacky:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Solange sich Kritker und Zuhörer inhaltlich und musikalisch mit der Aufführung auseinandersetzen, kann ich jeden Verriss respektieren und nachvollziehen.
    Ich selbst sehe wie gesagt sehr ungern Szenen à la Pasolini an, wenn das aber in ein kongruentes Gesamtkonzept plausibel eingebunden ist, hilft alles Verlangen nach Schönheit udn Harmonie nicht weiter.
    Wer ins Theater geht, muss sich mit der heutigen Realität befassen und bereit sein, sich aufrütteln und durchschütteln zu lassen.
    Das war schon zu seligen alten Griechen Zeiten so und sollte auch bitte so bleiben.
    Theater ist keine Seelen-Streichelanstalt für empfindsame Jungfrauen.


    Wenn ich das richtig verstehe, setzt Bieto hier auf ein Liebesverständnis, das die Geschlechterverhältnisse erst umkehrt, um sie dann am Ende wieder "ins richtige Lot" zu rücken.
    Frauenmacht = sexuelle Unterwerfung der Männer, wird am Ende durch emotionale Unterwerfung durch den Mann und männliches Heldentum zerstört.
    Machthungrige und liebesunfähige Femme fatale wird mehr oder weniger brutal bekehrt um dann am Ende doch mit lerren Händen dazustehen.
    Nach dem Motto: selbst schuld- wer den Hass anruft und nicht auf die Liebe vertraut bzw sich nciht vertrauensvoll und ohne Vorbehalte hingeben kann, hat eben Pech gehabt.
    Liebe gibt es entweder ohne Netz und doppelten Boden oder gar nicht.
    Bitte verbessern, wenn ich das falsch verstanden habe, ich habe ja nur eure Beschreibungen.




    Lieber Peter, du nennst Bieto einen Moralisten ( MonsieurLa Rochefoucauld zieht seine Kreise...... :D)
    Was ist Deiner Ansicht nach hier die Moral von der Geschichte? Kurz und knackig in einen Aphorismus gebracht- was will diese Auslegung von Glucks Armide uns sagen?


    Die für mich entscheidene Frage bleibt doch : inwieweit lässt sich Bietos Interpretation an der Musik verifizieren?


    Ich habe gestern die Armide komplett angehört und sehr viel Zärtlichkeit neben Verzweiflung, Auflehnung und Selbsthass in der Musik gefunden.
    Kommt das in dieser Inszenierung auch vor?
    Gibt es die verliebte Armide und den verliebten Rinaldo, die an ihr Glück zumindest eine Zeitlang glauben?
    Gluck als reiner Brutalo und drastischer Zertrümmerer von Liebesgefühlen geht m.E. an grossen Teilen seiner musilkalischen Aussage vorbei.
    Wie ist dieser Widerspruch gelöst?


    F.Q.

  • Zitat

    Original von Fairy Queen
    Lieber Peter, du nennst Bieto einen Moralisten ( MonsieurLa Rochefoucauld zieht seine Kreise...... :D)
    Was ist Deiner Ansicht nach hier die Moral von der Geschichte? Kurz und knackig in einen Aphorismus gebracht- was will diese Auslegung von Glucks Armide uns sagen?


    Liebe Feenkönigin,


    da kommt mir der heutige Aphorismus schon zupass: Il y a une infinité de conduites qui paraissent ridicules, et dont les raisons cachées sont très sages et très solides.


    Ich kann aber nur sehr Ungefähres zu einer Inszenierung sagen, die ich nicht kenne. Vielleicht ist Bieito auch an Gluck gescheitert, wenn das hier Gesagte zur Beziehung von Musik und Inszenierung zutrifft. In der "Entführung" wurde kein Mozart durch die auch manchmal überbordenden Inszenierungsideen verstellt, hier scheint es nun, lese ich recht, der Fall zu sein, wie Du schon schreibst:


    Zitat


    Die für mich entscheidene Frage bleibt doch : inwieweit lässt sich Bietos Interpretation an der Musik verifizieren?


    Die Musik ist auf jeden Fall eine vehemente Verteidigung der Zauberin und Liebenden, der Heidin Armide.


    Zitat

    Gluck als reiner Brutalo und drastischer Zertrümmerer von Liebesgefühlen geht m.E. an grossen Teilen seiner musillasichen Aussage vorbei.
    Wie ist dieser Widerspruch gelöst?


    Das Orchester der KOB scheint ihn nicht als Brutalo gespielt zu haben, wie ich einer der Kritiken entnehme.


    Nur so nebenbei: Ich mag es nicht, wenn die Ouvertüre schon in die Inszenierung miteinbezogen wird - soviel Zeit muss sein.


    Liebe Grüße Peter

  • Zitat

    Original von Fairy Queen


    Gibt es die verliebte Armide und den verliebten Rinaldo, die an ihr Glück zumindest eine Zeitlang glauben?
    Gluck als reiner Brutalo und drastischer Zertrümmerer von Liebesgefühlen geht m.E. an grossen Teilen seiner musilkalischen Aussage vorbei.
    Wie ist dieser Widerspruch gelöst?


    F.Q.


    Liebe Fairy,


    sie gibt es tatsächlich und das ist der kurze Moment, der lohnt im Theater zu sein und ich schätze mal, auf ihn spielt Rideamus auch an. Evtl. ist er wirklich deshalb so immens stark (Bengtssens beste Szene), weil die Abartigkeit ihres bisherigen Lebens vorher so knallhart dargestellt wurde und auch nachher der Sturz in die Verzweiflung und in die Konsequenz ihres Handelns ohne Netz und doppelten Boden verlief.


    LG Ingrid

  • Zitat

    Original von Jacques Rideamus
    Wer aber schon mal einen Eindruck davon gewinnen möchte, wie die Inszenierung auf Andere wirkt, kann das in der SZ hier nachlesen: http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/568320.


    In der Tendenz bin ich einverstanden, im Detail schon weniger. Mehr darüber morgen.


    Wobei angemerkt werden muss, dass es sich hier nur um eine im typisch pseudo-deskriptiven Tonfall abgefasste dpa-"Rezension" handelt, die auf die Online-Seite der Süddeutschen übernommen worden ist. Die von Reinhard J. Brembeck verfasste Rezension der Druckausgabe der SZ ist da schon etwas differenzierter. Leider nicht im Netz, ich zitiere in Auszügen (!):


    Doch Junghänel arbeitet an Berlins Komischer Oper nicht oben im Scheinwerferlicht der Bühne, sondern unten im Graben, wo er und sein grandios aufspielendes Orchester all das machen, was Regisseur Calixto Bieito für die Bühne verboten hat: Magie, Verführung, Betörung, Naturlaut, Klage, Zärtlichkeit, Sehnsucht. [...] Dass Musiker, die in der Mehrzahl moderne Instrumente benutzen, sich so weit vom modernen Orchesterklang hin zu Swing und Leichtigkeit des Barock bewegen lassen - es ist das Wunder dieses Abends. Brillant auch, wie er die so unterschiedlichen, hart voneinander abgesetzten Nummern in einen bruchlos dem großen tragischen Schluss entgegendrängenden Spannungsbogen einfügt - ein echtes Zauberstück. Bieito lässt seine Armida brutal ins Messer unerwiderter Liebe laufen. [...] In Bengtsson mit ihrem recht mühelos geführten, angenehm timbrierten Sopran, der eine Frühlingslandschaft zu evozieren scheint, spiegelt sich jener für sie so bitter endende Liebeskonflikt, von dem Junghänels Orchester so unerhört viel mehr weiß. Dass der leidigerweise deutsch gesungene Text bei niemandem so recht verständlich ist und eine Übertitelung fehlt, dass die Sänger sich kaum um eine stilistisch auf Gluck, Barock und Frankreich abgestimmte Ästhetik kümmern, trägt dazu bei, den Drei-Stunden-Abend zu längen. Auch sonst wird wenig differenziert auf der Bühne. Bieito hat - wie an diesem Haus zuvor bei "Madama Butterfly" und "Entführung aus dem Serail" - wieder einmal ganz tief in die Klischeekiste moderner Paarstereotype gegriffen und ein paar so griffige wie platte Thesen mit der Brechstange der Trash-Ästhetik hingewuchtet. Das ist wenig. Zu wenig für diesen Regisseur, der mit seinen vorangegangenen Arbeiten in Stuttgart und Basel einen sehr viel spannenderen Weg zu reicheren Theaterformen eingeschlagen hatte.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Lieber Zwielicht, wie beruhigend dass die Musik im Sinne Glucks interpetiert worden ist! :D
    Ich hatte gestern beim Hören wirklich das Gefühl, dass hier zwar von Sehnsucht ,Enttäuschung, Selbstzerrrissenheit und massenweise Zweifeln gesungen und gespielt wird, aber eine Reduzierung auf Liebe als gewalttätiger Macht-und Sex- und Überlebens Kampf in dieser Musik keinesfalls stattfindet.


    Hat Bieito diesen Kontrast zwischen der tiefen Sehnsucht Armides und ihrer realen Lebenswelt und bisherigen Liebesunfähigkeit evtl viel zu einseitig und plakativ dargestellt?


    Was der Autor über eine frz. Oper in deutscher Sprache schreibt (und die m.E. damit eng verbundenen stilistischen "Ausfälle") wundert mich hsowieso nciht weiter.....
    Bin sehr gespannt auf weitere Stellungnahmen, derer, die im Saal waren.

  • Hallo zusammen,


    ist ja interessant, dass soviele Taminos am Sonntag in Berlin in der KO waren. Ich hätte mich besser auch zu Eurem Treffen angemeldet, das mindestens Alviano dort sein würde, hätte ich mir ja denken können :D


    Ich möchte ganz kurz einige meiner Eindrücke hinzufügen. Wie üblich hoffe ich ja auf die ausführlichen Zusammenfassungen von JR oder Alviano.


    Zunächst muss ich dem Kritiker der SZ, den Bernd oben zitiert voll zustimmen, was die musikalische Leitung von Konrad Junghänel entspricht. Eigentlich war es kaum glaubhaft, dass hier kein HIP-Orchester spielte. Klangen die Bläser nicht teilweise doch HIP? Jedenfalls musste sich die Interpretation vor der Aufnahme von Minkowski nicht verstecken (ausser vielleicht an einer Stelle, aber das ist sehr unfair, vergleiche ich doch Life mit Studio-Aufnahme). Das will in jedem Fall was heissen. Eher müsste sich der Dirigent / Orchester der Premiere am Vortag an die Nase packen (auch hier ein unfairer Vergleich, da die Stücke natürlich ganz andere sind - zur Premiere des Lohengrin an der SOB hoffentlich demnächst mehr).


    Junghänel kannte ich übrigens bisher gar nicht als Operndirigent. Ich sehe, er macht auch einen Teseo in Stuttgart. Weiss hier jamand mehr? Macht er das schon lange?


    Weniger zustimmen muss ich dem Kritiker in Bezig auf die Inszenierung. Mich hat diese Inszenierung sehr gepackt, weniger wegen der "nackten" Wahrheiten auf der Bühne, als wegen der schonungslosen Darstellung der (modernen?) zwischen-menschlichen Beziehungen, die Liebe auf Machtspiele reduzieren und am besten selber cool bleiben müssen, um nicht unterzugehen. Diese Liebes-Verständnis scheitern in Armide, es muss scheitern an diesem blassen Pseudo-Held Renault. Hier finde ich die Personencharakterisierung von Bieito übrigens sehr Gluck- und Musikkonform. Glucks Focus lag auch - für mich - eindeutig auf der Armide. Renault bleibt auch bei Gluck m.E. sehr blass.


    Interessant fand ich übrigens das Ende. Ich empfand das Ende beinahe positiv. Ja, Armide scheitert mit Renault. Sie scheitert auch in ihrer Version als gefühlskalte "Zauberin" aus dem ersten Akt. In ihrer Schlussarie, in der sie Renault, der auf die Bühne zurückgekehrt ist schließlich doch erschiesst (ich interpretiere das eher als die Überwindung ihres Dämons), "singt" sie sich frei von den bisherigen Frauenbildern als eiskalte moderne Karriere-Frau und Verführerin, als Rokoko-Kokotte und den sonstigen Bildern, die zitiert werden. Sie hat sich auch ihrer bisherigen Kostüme entledigt, sie tritt in Jeans und T-Shirt auf. Sie steigt auf den Bogen über der Bühne, der während der letzten Takte über den Trümmern ihres bisherigen Lebens nach hinten gezogen wird. Hier ist vielleicht der Weg frei, für ein neues Selbstverständnis und ein neues Verständnis von Liebe. Ich fand übrigens, dass das auch recht gut zur Musik passte.


    Interessant in diesem Zusammenhang auch der Vergleich mit Lulu aus Basel. Auch hier eine Frau im Mittelpunkt, die aber letztendlich an den in sie projezierten Frauenbildern scheitert und am Ende ermordet wird. Das Bühnenbild war übrigens ähnlich (kalte, weisse von unten bestrahlte Platten). Man könnte jetzt auch noch hinzufügen, dass bei Lulu die Männer und bei Armide die Frauen auf ihre Kosten kamen, aber ich finde es zieht bei beiden Inszenierungen an dem Kern vorbei, wenn man sie nur auf das Nackte reduziert.


    Allerdings könnte ich eventuell zustimmen, dass die Nacktheit bei Armide unmotivierter war, als bei Lulu.


    Eine Bemerkung noch zum Stück - ich hoffe, ich verscherze es mir jetzt nicht allzusehr mit Peter :untertauch:


    Ich habe vor der Aufführung als Vorbereitung nochmals die Minkowski-Einspielung gehört. Mein Eindruck war allerdings durchwachsen. Ich finde der Armide fehlt etwas die dramatische Wucht, die andere französische Gluck-Opern haben (unabhängig von unbestritten wunderbaren Szenen). Ich hatte den Eindruck, dass Gluck doch hin- und wieder durch das Libretto, dass für einen ganz anderen Opernstil geschrieben wurde, gehandicapt war. Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass ein Quinault-Lully-Libretto mit vielen Tänzen & Airs und retardierenden Momenten zu Gluck nicht mehr richtig passt. So finde ich den 4. Akt z.B. sehr lang, er wurde ja auch prompt von Bieito gekürzt. Aber dieser Eindruck nach Hören der Oper wurde in Berlin keineswegs verstärkt, eher im Gegenteil - auch das spricht, m.E. für die Inszenierung.


    Die Lully-Armide kann ich übrigens auch sehr empfehlen. Muss ich doch jetzt noch mal in direktem Vergleich hören :D


    So, ich hoffe, man wird aus meinem Geschreibsel schlau... Vielleicht folgt heute abend mehr.


    Viele Grüße,


    Melanie

  • Zitat

    Original von Fairy Queen
    Lieber Zwielicht, wie beruhigend dass die Musik im Sinne Glucks interpetiert worden ist! :D
    Ich hatte gestern beim Hören wirklich das Gefühl, dass hier zwar von Sehnsucht ,Enttäuschung, Selbstzerrrissenheit und massenweise Zweifeln gesungen und gespielt wird, aber eine Reduzierung auf Liebe als gewalttätiger Macht-und Sex- und Überlebens Kampf in dieser Musik keinesfalls stattfindet.


    Hat Bieito diesen Kontrast zwischen der tiefen Sehnsucht Armides und ihrer realen Lebenswelt und bisherigen Liebesunfähigkeit evtl viel zu einseitig und plakativ dargestellt?


    Was der Autor über eine frz. Oper in deutscher Sprache schreibt (und die m.E. damit eng verbundenen stilistischen "Ausfälle") wundert mich hsowieso nciht weiter.....
    Bin sehr gespannt auf weitere Stellungnahmen, derer, die im Saal waren.


    Liebe FairyQueen,


    naja, so einfach ist Bieitos Inszenierung nicht. Aus meinem Artikel könnte man vielleicht auch den Eindruck bekommen, dass Bieito "eine Reduzierung auf Liebe als gewalttätiger Macht-und Sex- und Überlebens Kampf" betreibt. Es gibt aber auch Szenen, die dem wiedersprechen. So gibt es z.B. in vielen Szenen ein altes Paar, was durchaus liebevoll miteinander - OK manchmal sehr deutlichen - Sex hat. Ein anderes Modell?


    Generell ist Bieito aber kein Mann für die leisen Zwischentöne. Was ich an seinen Inszenierungen, die ich bisher gesehen habe, schätze, ist die inglaubliche Energie die von der Bühne ausgeht. Da sitzt man wirklich die drei Stunden oder so auf der Stuhlkante. Möglich das nicht jeder Einfall 100% überzeugend ist, aber das muss man auch erst mal schaffen.


    Und noch mal um jedes Missverständnis zu vermeiden: Das liegt NICHT an den immer wieder hervorgeholten Skandalszenen (Das ging jetzt nicht gegen Dich), die zwar vielleicht zur Erzeugung dieser Spannung beitragen, aber nicht im Kern der Inszenierungen stehen.


    Viele Grüße,


    Melanie

  • Zitat

    Original von Mela
    Junghänel kannte ich übrigens bisher gar nicht als Operndirigent. Ich sehe, er macht auch einen Teseo in Stuttgart. Weiss hier jamand mehr? Macht er das schon lange?


    Liebe Melanie,


    Alviano scheint ja nicht nur Bieito-, sondern auch Junghänel-Fan zu sein: er hat schon hier über einen von ihm dirigierten Lucio Silla in Stuttgart berichtet, und hier über eine Agrippina in der heimlichen Opernhauptstadt Deutschlands, Saarbrücken. :D


    Den Teseo in Stuttgart werde ich mir (an Pfingsten) wahrscheinlich auch anhören und -sehen.


    Hier bekommt man ja allmählich den Eindruck, dass das halbe Forum in der Berliner Armida-Premiere gewesen ist. :D


    Einen Bericht über den Barenboim/Herheim-Lohengrin würde ich übrigens auch mit Interesse lesen... ;)



    Viele Grüße


    Bernd

  • Wie ich heute Nacht bei dem Versuch einer Beschreibung der Aufführung feststellen musste, fehlt mir dazu nicht nur Alvianos Blick für das Detail, sondern auch seine phänomenale Erinnerungsgabe, denn wähjrend der Aufführung Notizen machen wollen wir beide nicht. Außerdem verliere ich mich immer all zu schnell im Detail. Ich bitte daher um Verständnis, wenn ich die beabsichtigte kohärente Schilderung der Abläufe ihm überlasse und mich hier auf weitere Gedankensplitter in Antwort auf einige aufgeworfene Fragen beschränke.


    Zunächst einmal grundsätzlich. M. E. gibt es an die Beurteilung einer Aufführung nur zwei wesentliche Fragen:


    1. Gefällt mir, was ich da zu sehen und zu hören bekam oder nicht?
    Anders gefragt: bin ich durch die Kunst der Darbietenden in einen besonderen Genuss der Kunst derer gekommen, die das Werk geschaffen haben und habe ich menschliches Können auf einer nicht alltäglichen Ebene erlebt, die mir selbst nicht gegeben ist?


    2. Hat mich das, was ich da zu sehen und zu hören bekam, in irgendeiner Weise weiter gebracht?
    Anders gefragt: hat die Aufführung meinem Verständnis des Werkes und der darin oder anlässlich davon aufgeworfenen Fragen weiter geholfen oder mir gar sinnvolle Gedanken erschlossen, die mir ohne sie nicht gekommen wären?


    Beide Antworten widersprechen einander nicht zwangsläufig, aber wir erleben auch hier oft genug, dass die zweite Frage für viele gar nicht relevant ist. Dass die einen Bieito ablehnen, ist nur konsequent, auch wenn man das ziviler audrücken kann als durch Kotzmännchen. Wer also nur auf eine befriedigende Antwort auf die erste Frage Wert legt, wird an der Aufführung allenfalls die rein musikalische Dimension schätzen, die anscheinend in allen Kritiken einhellig und, wie ich finde, ungeachtet kleiner Abstriche, die fast immer unvermeidlich sind, mit sehr viel Grund gelobt wird.


    Bieito hingegen scheint sich für die erste Frage überhaupt nicht zu interessieren. Wenn man ihn, was jeder bei jedem ausführenden Künstler erst einmal tun sollte, ernst nimmt, muss man ihn an der Antwort auf die zweite Frage messen, und da kann er meiner Ansicht nach erheblich punkten ohne - jedenfalls mich - vollauf zu befriedigen. Dass er aber viele konstruktive Fragen aufwirft, zum Teil auch befriedigend und fast immer - da bin ich ganz bei Mela - spannend beantwortet, lässt sich schon der bisherigen Diskussion entnehmen, die im Wesentlichen erfreulich konstruktiv verläuft. Ich jedenfalls habe Gluck noch nie so anregend erlebt.


    An meinem eigenen Beispiel: Gluck war bislang für mich ein hochachtbarer, enorm kunstvoller Komponist, der mich aber nur in kleinen Teilen seines Werkes berühren konnte, weil mir seine bahnbrechende Abkehr vom rein kunstvollen Virtuosentum hin zur menschlichen Identifikation mit dem Schicksal seiner Helden zwar große Hochachtung einflößte, seine Errungenschaften mir aber von seinen Nachfolgern viel überzeugender nahe gebracht wurden. So konnte ich zum Beispiel Mozarts oder Berlioz' Bewunderung Glucks stets nachvollziehen, aber nur ausnahmsweise nachempfinden, weil sie für mich ganz wesentlich über ihn hinaus führten und mich im Gegensatz zu seinem Vorbild wirklich zu berühren vermögen. Mag sein, dass das daran liegt, dass ich zu oberflächlich höre, aber das Schicksal teile ich offenbar mit der Mehrheit, denn anders ist es nicht zu erklären, dass nur sein Meisterwerk mit den großen Hits (und kostengünstigen Inszenierungsmöglichkeiten) immer wieder gespielt wird, während seine anderen Werke bis heute eher ein Nischendasein fristen müssen.


    Dass es mir diesmal anders erging als z.B. trotz hoher musikalischer Qualität der Aufführungen viele Male bei ORFEO ED EURYDICE, ist nicht nur das Verdienst Junghänels und seiner Sängerriege, sondern vor allem das Verdienst Bieitos, der einen mit der Nase und fast allen Sinnen darauf stößt, worum es in diesem Werk wirklich geht. Das nenne ich eine gelungene Entstaubung, auch wenn er in vielem kontraproduktiv arbeitet, weil er nicht umhin kann, jedes Element des Werkes in Richtung seiner persönlichen Obsessionen zu treiben und dabei den Text und die Musik grob missachtet, weil er nicht nur interpretiert, sondern sich selbst in den Vordergrund drängt. Die Negierung der Aussagekraft der Ouvertüre durch die Überlagerung mit seiner Vision, die er später nur auswalzt, ist nur der dräuende Anfang davon. Ich finde das sehr schade, denn er beweist in vielen Details, dass er seine Vorlage sehr genau studiert hat und auch angemessen zu inszenieren vermag.


    Zitat

    Original von Fairy Queen
    Die für mich entscheidene Frage bleibt doch : inwieweit lässt sich Bietos Interpretation an der Musik verifizieren?


    Ich würde nicht nur die Musik, sondern durchaus auch den Text in diese Fragestellung mit einbeziehen, denn dessen Qualität schätze ich höher und finde ich auch aktueller als Mela. Das schon von Lully (viel distanzierender) vertonte Libretto Philippe Quinaults, das Gluck in bewusster Herausforderung seines großen Vorgängers fast unverändert vertonte, ist nämlich ein Meisterwerk sui generis, und es will mir nicht einleuchten, dass man - immerhin - die Musik heute als sakrosankt betrachtet, während der Text zum beliebigen Abschuss durch wildernde Regisseure widerspruchslos freigegeben ist. Damit will ich nicht den erzkonservativen Bebilderern das Wort reden. Natürlich wollen Texte interpretiert und nachvollziehbar in die heutige Zeit projiziert werden. Wir verstehen nun einmal nicht ohne Weiteres mehr, wie revolutionär seinerzeit das Frauenbild war, das Quinault hier hinstellte, und es macht Sinn, das hohle Heldentum des Rinaldo mit allen verfügbaren Mitteln zu entlarven. Es macht aber für mich keinen Sinn, die verzweifelnde Armida, die sich nicht einmal entblödet, sich Rinaldo als Sklavin und Schutzschild anzudienen, urplötzlich zur verzweifeltn Rächern mutieren zu lassen, die dem "perfiden Rinaldo" die Weichteile zerschießt, mit denen er sie - wohlgemerkt nur in Bieitos Lesart - besiegt hat. Um die ging es nämlich entgegen Bieitos durchgegangener Fixierung nicht, schon gar nicht so vordringlich, wie er das zu verbildlichen suchte.



    Ich sehe das anders, und wiederum anders als Bieito. Hier findet kein Geschlechterkampf statt, denn den hat Armida schon in zwei Stufen gewonnen. Der eigentliche Kampf ist einer, den Armida allein mit und in sich selbst ausficht. Auch sie will lieben und geliebt werden können, aber ihr genügt es nicht, die Liebe von einem Willenlosen zu bekommen, der ihr nicht gewachsen ist. Sie spürt aber, dass nicht einmal Rinaldo ihr gewachsen ist, denn sein hohles Heldentum im Dienste der Allgemeinheit ist nur die zwanghafte Verbrämung ungezügelter Rauflust. Wie Parsifal kann er nicht erkennen, welch eine Aufgabe, aber auch welch ein Geschenk ihm da angeboten wird, in diesem Fall eine unendlich große Liebe. Wenn er von seinen Kumpanen erlöst wird, die ihre eigenen Schwächen nur überwinden können, weil der jeweils andere deren Verkörperung abtötet, dann nicht für einen höheren Zweck, sondern um sich so blindwütig und rücksichtslos wie eh und je in neue Raufereien stürzen zu können.


    Armida verzweifelt also nicht etwa an Rinaldos Stärke, geschweige denn, dass sie ihm unterliegt, sondern an der Unmöglichkeit ihrer eigenen Sehnsucht, nachdem sie einmal erkannt hat, dass sie sich selbst untreu würde, wenn sie sich dem Hass anheim gäbe. Statt dessen sucht sie ihr Heil in der Zauberei, merkt aber, dass ihr eine Marionette ihrer Sehnsucht auch nicht genügt. Deshalb zerstört sie ihren Palast und ist Bieitos Schluss der eigentliche Verrat an dem Werk, und zwar in Text und Musik, das er zuvor in nicht immer befriedigender, aber doch stets faszinierender Weise erschloss.


    Zitat


    Gibt es die verliebte Armide und den verliebten Rinaldo, die an ihr Glück zumindest eine Zeitlang glauben?
    Gluck als reiner Brutalo und drastischer Zertrümmerer von Liebesgefühlen geht m.E. an grossen Teilen seiner musilkalischen Aussage vorbei. Wie ist dieser Widerspruch gelöst? F.Q.


    Weder Gluck und Quinault noch Bieito sind "drastische Zertrümmerer von Liebesgefühlen". Diese Gefühle scheitern im Grund an sich selbst, denn sie verlangen eine Unbedingtheit, zu der allenfalls Zauberinnen imstande sind (und auch da erfahren wir nie, wie lange). Was Bieito auf sehr drastische Weise inszeniert, ist die Veräußerlichung dieses Konfliktes, der naturgemäß kaum sichtbar und deshalb nur gewaltsam zu veräußerlichen ist. Dass Bieito das über weite Strecken vor allem im Mittelteil auch gelingt, macht die eigentliche Qualität seiner Inszenierung aus. Die "Übermannung" Armidas durch den - deutsch männlichen, französisch weiblichen - Hass in Form eines bisexuellen Ringens habe ich schon angesprochen, denn sie gehört für mich zum Überzeugensten des Ganzen. Eher misslungen fand ich die all zu konkrete Illustration des gemeinsamen Glückes, sei es durch die allgemeinen Kopulationsübungen oder durch die plumpe Symbolik der mit einer Schlange als überlebensgroßen Phallus suggerierten Faszination, die der glückselige Rinaldo auf ARmida ausübt. Da springt die Potenzfantasie des Regie führenden Macho doch weit kürzer als die in ihrer Subtilität weitaus wirkungsvollere Suggestionskraft Quinaults und Glucks.


    Ansonsten gebe ich Ingrid und Mela in ihrem Lob auf die starken Szenen vor allem des dritten und vierten Aktes vollkommen Recht. Hier zeigt Bieito auf einmal, in der Tat vortrefflich unterstützt durch Maria Bengtsson, dass seine eigentliche Stärke eben nicht die platte Provokation, sondern die Erfassung des aussagekräftigen Details ist. Ob das nur möglich ist, weil er das in einen spektakulären Rahmen einbettet, darüber kann ich allerdings nur spekulieren.


    :hello: Jacques Rideamus

  • In dieser Diskussion kommen die ganzen Stärken aber auch die Begrenzungen des Tamino-Forums heraus. Hervorragend, dass ich, der nicht das Glück hatte, diese Premiere zu sehen, durch Eure Beiträge von vielen Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Ansichten aktuell informiert werde. Danke.
    Erstaunlich ist, dass bei vielen im Grunde sehr informativen Auseinandersetzungen, ganz schnell über Vorurteile und persönlich diskutiert wird.
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!