Chopin: Die Balladen

  • Liebe Chopin-Freunde,


    Ich finde daß Chopin hier im Forum etwas zu kurz kommt, und versuche das mit diesem Thread über seine Balladen zu ändern. Ich zähle auf die viele Chopin-Fans die hier im Forum! :yes:


    Chopins Sprache ist zwischenvölkisch. Der Vater Franzose, die Mutter Polin, er selbst in Polen aufgewachsen, von einem Deutschen in das musikalische Gestalten eingeführt, sein Leben in Paris im Kreise europäischer Geister. Begnadet war Chopin vor allem als Melodiker. Es sind wirklich zumeist Melodien, nicht Themen,die ihm zuströmen, und er weiß sie so zu glätten, so samten zu tönen und so singend zu gestalten, daß sie die unverkennbare Züge seiner Eigenart sind. Als Harmoniker liebt Chopin die Zwischenfarben, er weiss sie mit prächtiger Wirkung einzusetzen.


    “Chopins Klavierstil ist etwas Einmaliges. Dieser Stil wuchs ihm zu, ohne daß er eigentliche Vorgänger gehabt hätte; man könnte höchstens an die Nocturnes des Engländers Field denken. Aber die Ausdrucksweise Chopins ist auch nicht weitergebildet worden; Liszt hat es versucht, vermochte jedoch über Nachahmungen (im besten Sinne) nicht hinauszukommen. Grundlage seines Schaffens waren völkische Eigentümlichkeiten, die er von den Eltern ererbt hat: slavisches Feuer und französischer Formengeist. Chopin macht die Ausstrahlungen der Themen hörbar, bringt gewissermaßen die außen umgebende Luft, den feinen Duft der Melodien zum Klingen. Die kleinen Figuren und Ranken, die Zwischentriller und Vorschläge, die Auflösung in Akkordbrechungen und flüchtig dahinhuschende Tonketten, – all diese Spielwerke, mit dem er bei Wiederholungen seine Themen auflockert, bilden den hörbar gewordenen Luft- und Lebensraum dieser Themen. Zugleich ist diese Darstellungsart einzig und allein bezogen auf die besonderen Eigentümlichkeiten des Klavierklangs. Wirkliche Nachfolger hat diese Schaffensart allenfalls in den französischen Impressionisten (Debussy) gefunden.”
    (Schumanns Orchesterbuch”)




    Bei seinen Balladen handelt es sich nicht um formale Neuerungen, sondern um inhaltliche und stimmungsmäßige Eigentümlichkeiten. Sie werden heute gewöhnlich in einer Gruppe zusammengefaßt, wurden aber von ihm nicht als eine Art Zyklus konzipiert.


    Die Ballade Nr. 1 in g-moll op. 23 wurde im Frühjahr 1931 begonnen erschien aber erst 1836. In der Form kommt sie einem Fantasie-Sonatensatz nahe mit nicht ganz regelrechter Themenaufstellung, sehr freier Durchführung, Reprise und Coda.


    Die Ballade Nr. 2 in F-Dur op 38 erschien 1839. Das bemerkenswerteste Kennzeichen dieses Stücks ist das verblüffende Nebeneinander von unschuldiger Schlichtheit und gewaltsamer Leidenschaft.


    Sanfter und technisch weniger anspruchsvoll ist Chopins dritte Ballade op 47 in As-dur, viele Jahre lang der populärste seiner vier Beiträge zu diesem Genre. Ein schlicht-ruhiges Thema zu klanglichen Wirkungen zu steigern, die man beim ersten Auftreten nicht vermuten würde.


    Die vierte Ballade, op 52 in f-moll, war zunächst weniger beliebt, hat sich inzwischen aber als eine der größten Leistungen Chopins etabliert. Sie beginnt wie eine Reihe von Variationen über ein anfangs vorgestelltes Thema; der Höhepunkt wird jedoch durch die Verarbeitung eines ganz anderen Materials erreicht. Nur wenige Stücke dieses Genres verbinden so überzeugend den Eindruck zwingender Schlüssigkeit mit dem Gefühl scheinbarer Frische und Spontaneität.


    Meine Lieblingsaufnahme ist die von Krystian Zimerman, wird sich aber vielleicht in Zukunft ändern, wer weiß.




    Er spielt auf allerhöchstem Niveau, hier passt einfach alles, Chopin liegt ihm sehr. Ich besitze noch 4 andere Aufnahmen, die ich später vorstellen möchte.
    Welche Aufnahmen schätzt ihr und welche ist eure Lieblings-Chopin-Ballade? Meine war jahrelang op 23, bin jetzt eher unentschieden.


    An die Regale!


    A bientôt
    roman

  • Hallo Roman,


    schön, dass Du Dich dieser Lücke annimmst, zumal es sich ja um echte "Leckerbissen" handelt. Fast erscheint mir aber Deine Einleitung etwas zu kurz, und ich habe überlegt, ob man nicht zu viert die einzelnen Werke noch etwas genauer vorstellen könnte? Jeder wählt sich eine Ballade und stellt sie etwas ausführlicher vor. Im Anschluss an jede Vorstellung wäre dann eine kleine Diskusion über Werk und Interpretationen schön. (Und so käme vielelicht endlich mal dazu Mickiewicz zu lesen).
    Sponatan würde ich anbieten, die vierte (oder zweite) Ballade hier vorzustellen.
    Es sollte für die Beiträge ein gewisser (d.h. großzügiger) Zeitraum abgesteckt werden.
    Gibt es weitere Interessenten?


    Ich besitze einige Aufnahmen der Balladen, A. Cortot ist für mich bei Chopin fast immer erste Wahl! Ebenfalls sehr gut gefällt mit A. Rubinstein. Weiterhin vorhanden: I. Moravec (noch ungehört) und A. Harasevicz und viele Einzelaufnahmen.


    Gruß pt_concours

    Hören, hören und nochmals hören: sich vertraut machen, lieben, schätzen.
    Keine Gefahr der Langeweile, im Gegensatz zu dem, was viele glauben, sondern vielmehr Seelenfrieden.
    Das ist mein bescheidener Rat. (S. Richter, 1978)

  • Hallo pt_concours


    Zitat


    schön, dass Du Dich dieser Lücke annimmst, zumal es sich ja um echte "Leckerbissen" handelt. Fast erscheint mir aber Deine Einleitung etwas zu kurz, und ich habe überlegt, ob man nicht zu viert die einzelnen Werke noch etwas genauer vorstellen könnte? Jeder wählt sich eine Ballade und stellt sie etwas ausführlicher vor. Im Anschluss an jede Vorstellung wäre dann eine kleine Diskusion über Werk und Interpretationen schön. (Und so käme vielelicht endlich mal dazu Mickiewicz zu lesen).
    Sponatan würde ich anbieten, die vierte (oder zweite) Ballade hier vorzustellen.
    Es sollte für die Beiträge ein gewisser (d.h. großzügiger) Zeitraum abgesteckt werden.
    Gibt es weitere Interessenten?


    Du hast ja völlig recht, da gibt es viel mehr interessantes und Ausführlicheres pro Ballade zu berichten. Deine Idee finde ich gut. Ich würde mich sehr gerne der ersten Ballade widmen.
    Interessant finde ich die Vielfalt der Interpretationen. Ich habe die Balladen mit Zimerman, Kissin, Ashkenazy, Grimaud und Eva Kupiec.


    Bin gespannt ob und wie das hier fortgesetzt wird. Also ich nehme die Erste.


    A bientôt
    roman :hello:

  • Ich reiße mich nicht um eine Vorstellung, da ich genug anderes zu tun habe, aber ich schätze die Werke auch sehr und werde jedenfalls irgendwann Senf dazugeben. Aufnahmen habe ich u.a. (nicht immer alle) mit Katsaris, Francois, Cziffra, Richter, Zimerman. Ebenfalls teile ich den Eindruck einer gewissen Sperrigkeit bei der letzten Ballade.


    Wer Zugang zu einer UB hat und Grundkenntnisse im Notenlesen usw. besitzt: Charles Rosen schreibt einiges Interessante zu den Balladen in seinem Buch "The Romantic Generation" (dt. Musik der Romantik). Zum Kaufen empfehle ich das Buch aber nur denen, die einigermaßen musiktheoretisch bewandert sind. Es gibt zwar viele gut verständliche (auch eher allgemein kulturhistorische) Abschnitte, aber für anderes fehlen mir die Kenntnisse in Harmonielehre usw.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo!


    Ich möchte auf keine interpretatorische Sternstunde, sondern auf eine Kuriosität hinweisen:
    Die Balladen wurden 1998 für Brilliant Classics von Pieter van Winkel, also dem Chef persönlich, eingespielt. Die CD (aus der Chopin-Box) lag bei Zweitausendeins mal einzeln rum, und ich habe sie gekauft.
    Ich finde, das macht den Brilliant-Chef sehr sympathisch.


    Meine liebste Ballade ist auch die erste in g-moll.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Chopin: 1. Ballade op.23 in g-moll


    Es dauerte vier Jahre (1831-1835), bis die erste Ballade (op.23) vollendet war - gleichzeitig mit Chopins Ankunft in Paris und seiner Aufnahme in die feine Gesellschaft.
    Die Ballade Nr. 1 nach dem Vorbild des Mickiewicz-Gedichts “Konrad Wallenrod”, ist Monsieur le Baron de Stockhausen gewidmet; in dem Gedicht schockiert der betrunkene Wallenrod seine polnischen Landsleute dadurch, daß er den Widerstand der Mauren gegen ihre spanischen Unterdrücker lobt und erklärt, auch er werde Pest und Tod über seine Feinde bringen. Dieses Thema, ein Kampf zwischen Licht und Finsternis, wird in Chopins Ballade durch die alternierende Tonarten g-moll und Es-Dur dargestellt.
    Diese Ballade ist das erste Instrumentalwerk in der Musikgeschichte mit diesem Titel. Dieses Werk hat nicht nur den Ton, die Stimmung und das Timbre einer Ballade - vor allem derjenien von Mickiewicz, von der Chopin seit seiner frühesten Jugend fasziniert war -, sondern auch einen Inhalt mit deutlicher Entwicklung, wie bei einer in sich geschlossenen Geschichte, die hier ohne jegliche verbale Artikulation nur mit der Musik "erzählt" wird.


    Erstes Thema
    Was die Ballade g-moll besonders auszeichnet, ist die ungewöhnliche Schönheit der melodischen Themen. Eine strenge und majestätische Einleitung (Largo), einige Takte lang, eröffnet die Ballade. Sie ist tragisch und verheißt nichts Gutes. Hieraus erwächst ein archaisch anmutendes und zugleich leidvoll vorgetragenes Rezitativ, das die Erzählung ankündigt. Das Leid wird noch durch ein Motiv aus drei Klängen unterstrichen, welches auf einem geheimnisvollen, ausgesprochen dissonanten arpeggierten Akkord innehält. Es setzt in neuem Tempo ("moderato") und in neuem Sechsvierteltakt (der bei Chopin nur selten vorkommt) eine jener wunderschönen, weitgeschwungenen Belcantolinien ein, wie sie nur großen Melodikern wie Chopin einfallen konnten.


    Zweites Thema
    Nach "agitato", "sempre piú mosso" und wieder "smorzando" ein paar zögernde Quinten und Quarten in der linken Hand, bis die rechte Hand weich und geschickt übernimmt und die nächste herrliche Melodie hinzaubert: Der Horizont hellt sich auf, durch die hohlen Quinten und Quarten wird eine neue Färbung eingeführt, und das zweite Thema (Es-Dur) erscheint, eine weiche und lyrische Melodie über äußerst subtilen, schnell wechselnden Harmonien. Durch die harmonische Mannigfaltigkeit und den spärlichen Satz wird der feine und sensible Ausdruck dieses schönen Themas noch verstärkt.
    Nachdem diese sich beruhigt und abgeschwächt haben (diminuendo, rallentando) beginnt ein neuer Akt der Erzählung. Das erste Thema kehrt wieder, doch in welch veränderter Gestalt! Nun in a-moll, mit stur gehämmertem e im Bass, woraus harte, dissonante Harmonien resultieren und somit ein beunruhigend düsterer, sogar etwas drohender Ausdruck entsteht. Statt der zweiten Phrase wiederholt der Komponist mehrmals - jeweils auf höherer Stufe - ein Motiv aus der Melodie, das durch einen mit Dissonanten bereicherten Akkord ergänzt wird. Auf diese Weise steigert er die Spannung, die sich dann mit der Einführung des zweiten - gleichfalls veränderten - Themas (ff) entlädt. Die sich immer weiter erstreckende, mit neuen Motiven und Progressionen ergänzte Melodie scheint geradezu in Ekstase versetzt zu werden, bis sich plötzlich wie durch einen Zauberstab mit einer harmonischen Wendung die Färbung um das ganze Bild verändern: Es erscheinen nun schillernde kleine Figuren in schneller Bewegung, als würden sie in einen wirbelnden Tanz mitgerissen. Durch eine Folge abrupter Modulationen beschleunigt die Musik ihren Atem.


    Die Spannung des Themas nimmt immer weiter zu und führt schließlich zur Explosion, die in eine breit angelegte Coda mündet (Presto con fuco). Diese erschöpft sich nicht etwa in brillanter Virtuosität, sondern präsentiert sich voller Ernst und Dramatik, mit unsteten Figuren und Motiven sowie mit einer reichen Harmonik. Hiermit hat die Ballade ihren Angelpunkt erreicht.
    Auffallend und bezeichnend für den dramatischen Vortragsstil sind die Pausen und leichten Verzögerungen. Manchmal steigert sich der Erzählfluss bis zu einem Aufschrei, gelegentlich fällt er ab zu einem leisen Flüstern.


    A bientôt
    roman

  • Hallo,
    Dies sind meine "alten Aufnahmen" der Balladen



    1985 Vladimir Ashkenazy 9'47 - kaufte mir die Decca-Box. Durch ihn habe ich Chopin kennengelernt.
    1987 Helene Grimaud 8'19 - temperamentvoll mit Sturm und Drang, technisch brillant.
    1988 Krystian Zimerman 9'33 - Meine Nr. 1, hier ist die Musik im Vordergrund und nicht der Interpret.
    1999 Evgeny Kissin 9'52 - spielt gefühlvoll, für mich einen Tick zu "schön", zuviel Showeffekt.


    Ich würde mir gerne eine neuere perfekte Aufnahme zulegen. Wer schlägt Zimerman?


    gruß
    roman :hello:

  • Lieber Roman ,



    bei den Balladen Nr 1 in g - Moll und Nr. 2 in F - Dur würde ich mich für die Interpretationen durch Valdimir Horowitz entscheiden .


    Bei den Balladen Nr. 3 und Nr. 4 für die Interpretationen durch Arthur Rubinstein .



    Viele Grüsse ,



    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Fundstück


    Hier habe ich ein Bericht über die Balladen aus dem Buch “Joachim Kaiser - Erlebte Musik” gefunden. Es handelt sich um ein Konzert mit Robert Casadesus im November 1971.


    Zitat

    Die Balladen


    Chopin’s vier große Balladen fügen sich, ähnlich wie Schuberts letzte vier Impromptus, in ihrem Albauf zu einer phantastischen Sonate zusammen; tiefsinnig groß ist das erste, lyrisch-vehement das zweite, ballszenenhaft-empfindsam das dritte und mystisch-finalhaft-bitter das vierte Stück.
    Noch staunenswerter als der zarte Zusammenhang dieser vier Balladen untereinander trat deren Veschiedenheit hervor. Die erste, wohl berühmteste Ballade hat etwas von einer slawisch-wilden Erzählung, die traurig beginnt und sich dann steigert ins Überdimensionale. Trotz der Einleitung, die gleich Schmerzlichstes signalisiert, begann Casadesus das Thema relativ rasch-unbefangen. Nur langsam durfte es sich in heroische Finsternis hüllen. Zum Höhepunkt wurde die zweite Ballade. Casadesus spielte das Stück nicht, als bestünde es aus stets gegenwärtigen, mit höchstem Espressivo wiederzugebenden Asusdruckspartikeln, sondern Casadesus verwandelte es in Reminiszenz. Den zart rhythmisierten, naiv-fernen Anfang, den plötzlichen Presto-Einbruch, den wüsten Glanz einer danach forlgenden kriegerischen Vision (so muß es dem jungen Parsifal gegangen sein, als er, unerfahren, die prächtigen Reiter im Walde erblickte) und schließlich den Presto-agitato-Schluß, dessen vierstimmiger Wildheit, nach geradezu Listzscher, theatralischer Einführung, im Bereich der gesamten Klaviermusik kaum etwas entgegenzustellen ist - Casadesus spielte das so, wie jemand eine Ballade vergegenwärtigend erzählt. Und dann, und dann, und dann…
    Die As-Dur-Ballade war danach vielleicht ein wenig zu sicher. Weder für die Koketterie noch für den Glanz, noch für die Erfindungskraft dieses den Salon sprengenden Salonstückes mochte er sich engagieren. Und in der F-Moll-Ballade nahm Casadesus die Gebrochenheit, mit der das Stück beginnt, und der es erst am Schluß einen Riesenaufschwung entgegensetzt, zu melodisch, zu kräftig.
    8.11.1971


    Höchst interessant daß Joachim die Balladen als ein Ganzes sozusagen eine “Sonate” sieht.
    Kennt jemand eventuell eine Aufnahme mit Casadesus Balladen? Ich habe im Netz keine gefunden.


    gruß
    Roman


  • Grimaud hat auf der oben gezeigten CD keine Chopin-Ballade eingespielt. Ihre einzige Aufnahme einer Chopin-Ballade (#1) findet sich auf ihrer ersten CD überhaupt (Denon, gekoppelt mit Liszt's Dante-Sonate und Schumanns fis-moll Sonate), die von Brilliant wiederveröffentlicht wurde.


    Liebe Grüße,
    Christian

  • Zitat

    Original von Roman
    Fundstück


    Hier habe ich ein Bericht über die Balladen aus dem Buch “Joachim Kaiser - Erlebte Musik” gefunden. Es handelt sich um ein Konzert mit Robert Casadesus im November 1971.



    Höchst interessant daß Joachim die Balladen als ein Ganzes sozusagen eine “Sonate” sieht.


    m.E. völliger Unsinn und warum wundert mich das bei Kaiser nicht? :wacky: :rolleyes:
    Bei den Impromptus ist es schon sehr fragwürdig, aber bei 4 Werken, die über 10 Jahre oder mehr? hin entstanden sind, die sich nicht annähernd den üblichen Sätzen einer Sonate zuordnen lassen usw. ist das einfach Geschwafel, das überhaupt nicht zu einem besseren Verständnis der Werke beiträgt...


    Zitat


    Kennt jemand eventuell eine Aufnahme mit Casadesus Balladen? Ich habe im Netz keine gefunden.



    ein bißchen teuer, aber vielleicht findet man sie ja anderswo


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Das mit den vier postumen Schubert-Impromptus als einer verkappten Sonate geht auf Schumann zurück - könnte Kaiser das generalisiert haben in seiner Sonatensehnsucht?

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl


    m.E. völliger Unsinn und warum wundert mich das bei Kaiser nicht? :wacky::rolleyes:
    Bei den Impromptus ist es schon sehr fragwürdig, aber bei 4 Werken, die über 10 Jahre oder mehr? hin entstanden sind, die sich nicht annähernd den üblichen Sätzen einer Sonate zuordnen lassen usw. ist das einfach Geschwafel, das überhaupt nicht zu einem besseren Verständnis der Werke beiträgt...


    Die Idee ist ja nicht gerade neu- aber durch steten Aufguss wird sie auch nicht besser :D


    Die Balladen sind, jede für sich genommen, eigenständige Kompositionen. Sie als etwas anderes interpretieren zu wollen ist- zumal es meines Wissens keinen einzigen seriösen Beleg für diese Hypothese gibt- schlicht Unfug.


    Herzliche Grüße,:hello: :hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Zitat

    Original von Roman
    Kennt jemand eventuell eine Aufnahme mit Casadesus Balladen? Ich habe im Netz keine gefunden.


    Hallo Roman,


    auf der Internet-Seite zu Robert Casadesus finden sich im Verzeichniss der Aufnahmen vier Aufnahmenserien der Balladen
    - 1928 und 1930
    - 1950
    - 1955
    - 1960


    L'encyclopédie discographique


    Auf der oben gezeigten CD von Sony wurde die Serie von 1960 veröffentlicht, weitere Hinweise finden sich auf der Internetseite.
    Interessieren würden mich die Aufnahmen auch, denn zumindest bei MOZART, BEETHOVEN, SCHUMANN, FAURÉ, FRANCK, DEBUSSY und RAVEL schätzte ich Casadesus bereits sehr.


    Gruß pt_concours


    siehe auch den Thread zu R. Casadesus, wo ich bereits auf die Diskographie im Internet hingewiesen hatte:
    Robert Casadesus

    Hören, hören und nochmals hören: sich vertraut machen, lieben, schätzen.
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    Das ist mein bescheidener Rat. (S. Richter, 1978)

  • Hallo Christian B


    Zitat

    Original von Christian B


    Grimaud hat auf der oben gezeigten CD keine Chopin-Ballade eingespielt. Ihre einzige Aufnahme einer Chopin-Ballade (#1) findet sich auf ihrer ersten CD überhaupt (Denon, gekoppelt mit Liszt's Dante-Sonate und Schumanns fis-moll Sonate), die von Brilliant wiederveröffentlicht wurde.


    Das stimmt natürlich, nur ich hatte das Cover von Denon nicht auftreiben können, um es hier hinein zu kopieren.


    gruß
    roman

  • Hallo pt_concours,


    Vielen Dank für die viele Informationen über Robert Casadesus, da gibt es ja ne Menge. Ich wäre ja nicht auf die Idee gekommen anständig nach Robert Casadesus im Netz oder Tamino zu suchen, anstatt nur nach CD-Cover zu stöbern.


    Nochmals Danke.


    gruß
    roman

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Wer Zugang zu einer UB hat und Grundkenntnisse im Notenlesen usw. besitzt: Charles Rosen schreibt einiges Interessante zu den Balladen in seinem Buch "The Romantic Generation" (dt. Musik der Romantik).


    Ist dieses Buch wirklich noch immer nicht auf Deutsch als Taschenbuchausgabe erschienen?
    :no:


    Nach seinem erfreulichen Buch zum Klassischen Stil wollte ich dies immer günstig zulegen. Mir ist beim Reinlesen, einst, als es erschienen ist, deutlich über die Abegg-Variation im Gedächtnis geblieben, dass wohl Schumann der erste gewesen sei, der eine Variation dadurch vom Ausdruck brachte, dass er es unterließ, die Folge a-b-g-g zu verwenden. Damit wollte er - wenn ich mich recht entsinne - die These untermauern, dass es seit der Romatik in der Musik eigentlich um geistige Kunst ginge.

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Zitat

    Original von miguel54
    Das mit den vier postumen Schubert-Impromptus als einer verkappten Sonate geht auf Schumann zurück - könnte Kaiser das generalisiert haben in seiner Sonatensehnsucht?


    Vermutlich. Bei den Impromptus weiß ich nicht genug über den Hintergrund, aber da ist es nicht völlig unplausibel, auch von den Tonarten. Besonders schlüssig aber auch nicht: Schubert hat in seinem letzten Jahr drei unverkappte Sonaten komponiert, warum sollte da noch eine verkappte folgen? Entweder sind es separate Stücke oder vielleicht solche, die von Sonatenplänen übrig waren?


    Bei den Chopin-Balladen ist es schlicht absurd und verstellt eher den Blick auf ihre Eigenheiten und ihre Unabhängigkeit von Denken und Komponieren in Sonatenformen.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
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    (Bob Dylan)

  • An die Balladen Fans,


    leider gelingt es mir nicht das Cover hier hochzuladen. Dennoch möchte ich auf die Intepretation der 4 Ballden durch Stanislav Bunin (EMI 1997/98) aufmerksam machen. Leider ist die CD nur im internationalen Handel erhältlich. Durch was zeichent sich Bunins Interpretation aus? Meine Ansicht nach, trifft er das "erzählerische" in diesen Stück vortrefflich. Der Hörer fühlt sich von den Ersten Takten der g-moll Balladean bis hin zum furiosen Finale der f-moll Ballade getragen. Dabei verzärtelt er nicht Chopins Musik, sondern zeigt mit einem kräftigen Ton, was in Chopin stecken kann; Feuer und Leidenschaft! Auch die "Gewichtung" (Rachmaninoff schrieb an seinen Freund Nikolai Medtner, dass in Chopins Musik auf den "Kulminations-Punkt" ankommt), die Hinführung zu den dramatischen Momenten zeichnet Bunin nach. Die F-moll Ballade hat es Bunin besonders angetan; Bunin steigert die Spannung bis zum Ende!
    Sicher keine Einspielung für Chopin-Puristen, aber eine hervorragende Interpretation für "eingefleischte" Balladen- Hörer. Gekoppet ist die CD mit den 4 Scherzis (die ich an anderer Stelle schon erwähnt habe) und als Zugabe finden sich noch eine bemerkenswerte Interpretation aller 24 Etudes op. 10 & 25 darauf. :jubel:


    Gruß
    Niko

  • Zitat

    Original von scriabin007
    leider gelingt es mir nicht das Cover hier hochzuladen.


    bei CD Japan finde ich diese Einzel-CD, eine Kopplung mit den Impromptus



    Amazon hat einiges als Import, aber von teuer bis absurd teuer. :wacky: Wo hast Du die Doppel-CD ergattert?


    Zitat


    Dennoch möchte ich auf die Intepretation der 4 Balladen durch Stanislav Bunin (EMI 1997/98) aufmerksam machen. Leider ist die CD nur im internationalen Handel erhältlich. Durch was zeichnet sich Bunins Interpretation aus? Meine Ansicht nach, trifft er das "erzählerische" in diesen Stück vortrefflich. Der Hörer fühlt sich von den Ersten Takten der g-moll Balladean bis hin zum furiosen Finale der f-moll Ballade getragen. Dabei verzärtelt er nicht Chopins Musik, sondern zeigt mit einem kräftigen Ton, was in Chopin stecken kann; Feuer und Leidenschaft! Auch die "Gewichtung" (Rachmaninoff schrieb an seinen Freund Nikolai Medtner, dass in Chopins Musik auf den "Kulminations-Punkt" ankommt), die Hinführung zu den dramatischen Momenten zeichnet Bunin nach. Die F-moll Ballade hat es Bunin besonders angetan; Bunin steigert die Spannung bis zum Ende!
    Sicher keine Einspielung für Chopin-Puristen, aber eine hervorragende Interpretation für "eingefleischte" Balladen- Hörer.


    Immerhin hat Bunin den gleichnamigen Wettbewerb 1985 gewonnen; ich habe eine Recital-CD aus einer verflossenen Chopin-Edition der DG (aber ohne Ballade) und das e-moll-Konzert live vermutlich vom Wettbewerb auf einer Billig-CD (Delta oder so). Sich aber dann nach Japan abgesetzt, wo er seit 20 Jahren lebt. Es gab auch noch zwei Bach-CDs bei EMI, in Japan noch vieles mehr, was ich aber nicht kenne. Jedenfalls ein fantastischer Pianist, der sehr viel bekannter sein könnte oder sollte. Allerdings kein Wunder, wenn man außerhalb Japans die Scheiben kaum kriegt...


    Wenn Wikipedia recht hat, ist Bunin überdies der Enkel des legendären Pianisten und Lehrers Heinrich Neuhaus!


    Viele Grüße


    JR

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    (Bob Dylan)

  • Hallo Johannes,


    leider ist Bunin im "Westen" nicht (mehr) bekannt. Ich schätze seine Art Chopin zu spielen. Die Vorzüge seiner Balladen-Interpetation habe ich ja schon erwähnt. Auch die Scherzi's sind nicht ohne. Er ist mindestens genauso Kompormisloss wie Pogorellich. Auch seine Etudes gefallen mir. Nicht zu letzt weil er darin "Musik" sieht und nicht nur den Klavier-technischen Ansatz.


    So weit ich mich erinner habe ich die Doppel-CD (4 Ballden, 4 Scherzis, 24 Etudes) mir per amazon.com aus den USA schicken lassen. Das hat 2 Monate gedauert und mich an die 60,00 Euro gekostet. Allerdings haben sich meine hohen Erwartungen an Bunin erfüllt.


    Nach wie vor gehört gerade die Balladen/Scherzi -Einspielung Bunin zu meinen Favoriten. Ob es diese Doppel-CD auch bei jpc oder amazon.de gibt weiß ich nicht (vermute "nein").


    Es gibt ein ganze Reihe an Einspielung (aber nicht bei uns erhältlich). Bekannt sind mir:
    -Schubert Wandererfantasie
    -Mozart 2 Sonaten
    -Chopin Concerte Nr.1 &2
    -Copin: 14 Waltzer
    -Chopin 24 Preludes
    -Debussy (Estampe/Image/) (DG)
    -Schumann: Faschingschwank op. 26 Kinderszenen op. 15 (DG)
    -Beetoven: 2 Sonaten


    Es ist schade dass seine CD nicht in Europa vertrieben werden. Denn er gehört zu den besten seiner Generation! Eigenwillig aber originell!


    Gruß
    Niko

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Ebenfalls teile ich den Eindruck einer gewissen Sperrigkeit bei der letzten Ballade.



    Also, sperrig ist das letzte Epitheton, das ich hier verwenden würde.


    Obwohl ich schon seit Schulzeiten die großartige Philips-Einspielung des Chopin-Klavierwerks mit Nikita Magaloff besitze, habe ich bewußt die vierte Ballade auf einer Mono-DGG aus den 50ern mit Halina Czerny-Stafanska kennengelernt.


    Seitdem bin ich mit diesem Stück auf dem Trip und kenne eigentlich nur gute Aufnahmen - ist halt eines der Meisterwerke der Weltliteratur.


    Schon der wiegende Anfang, diese in sich kreisende todtraurige Nocturne-Stimmung macht mich ganz high. Die ganz langsame Entwicklung, die unterschwellige Exaltiertheit; und dann dieses zweite Thema, ein hymnisch vollgriffiger Gesang, erst verhalten, später über majestätisch aufwärts rollenden Figuren der Linken hinströmend. Und der unerbittliche, bizarre Schluß - aufwühlend wie die ganze Erzählung.


    Ich hätte noch Mikhail Voskresensky auf Melodya im Angebot; oder Nelson Goerner auf einer Emi Debut CD; Harasiewicz natürlich - eigentlich kann ich alle empfehlen bei diesem suggestiven Stück.


    :hello:

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!