Haydn, Joseph: Sinfonie Nr. 42 D-Dur

  • Besetzung: je zwei Oboen, Hörner, Fagotte (die allerdings bloß den Baß verstärken), Streicher


    Entstanden 1771 (Autograph)



    1. Moderato e maestoso (2/2)
    Eine ungewöhnliche Tempovorschrift; zwar handelt es sich in der Tat um einen sehr weiträumigen (und materialreichen) Satz, aber das empfundene Tempo ist letztlich durch die alla breve Vorschrift in den mir vorliegenden Aufnahmen praktisch mit einem schnellen Allegro identisch (nur daß man eben mäßige Halbe statt schnelle Viertel zählen soll.


    Bereits das nach einem Akkordschlag einsetzende Hauptthema, eher ein Komplex, weist die für den Satz charakteristische Breite auf: zweimal wird mit einer entspannten Melodie als Antwort angesetzt, beim folgenden Tutti-Aufschwung verselbständigt sich ein Vorschlagsmotiv und die thematischen Gestalten verlieren schon wieder an Kontur.
    Der sehr ausgedehnte Seitensatz weist mehrere Themen auf: zunächst ein auf die Streicher beschränktes mit imitatorischen Einsätzen, das sich in eine bewegte Tutti-Passage entwickelt, worauf ein chromatisch absteigendes Motiv weitere Spannung aufbaut, nach dessen diatonischer "Auflösung" folgt (als vermutlich "eigentliches") ein sehr schlichtes Seitenthema wieder nur in den Streicher; die knappe Schlußgruppe leitet raffiniert mit Motiven des Hauptthemas zu dessen Wiederkehr in der Wiederholung bzw. dann der Durchführung (ab T. 82).
    Diese ist entsprechend weiträumig angelegt, verarbeitet dabei aber ausschließlich das erste Thema. Mehrere Anläufe des Hauptthemas mit seinem Akkordschlag und den Vorschlägen fahren sich gleichsam fest, es folgt eine eher mysteriöse Passage mit gehaltenen Tönen (dabei immer das insistierende Vorschlagsmotiv). Darauf ein noch heftigerer Ausbruch als zuvor, ein langes Tutti, das dann in die Überleitung zur Reprise mündet (T. 133).


    In der Reprise findet man diverse Änderungen: die entspannte Melodie als Antwort auf den Akkordschlag wird nun von den Oboen gespielt, darauf folgt eine stockende Piano-Passage vor der Überleitung und dann überraschend eine durchführungsartige Entwicklung eines winzigen abgespaltenen Motivs in Vierteln. Lessing weist besonders auf die anschließende Erweiterung und Dramatisierung des ersten Überleitungsthemas hin (T. 160 - ca. 184). Die Passage mit dem chromatischen Viertelmotiv und dem schlichten Seitenthema werden dagegen kaum verändert. Eine kurze Coda mit schmetternden Hörnern führt den Satz zum Ende.



    2. Andantino e cantabile (3/8; A-Dur)
    Ebenfalls ein ausgedehnter Sonatensatz (mit Wiederholung des 2. Teils würde er wie der Kopfsatz über 11 min dauern, wenn diese, wie meistens weggelassen wird, sind es immer noch knapp 9 min.)
    Die gedämpften Streicher bestimmen das Klangbild des Satzes, den wie nicht selten in solchen Sätzen spart Haydn die Bläser für besondere Effekte auf (sie schweigen in der gesamten Durchführung). So treten sie erstmal bei einer intensivierten Wiederholung des Seitenthemas, das davor pp verklungen war, hinzu und führen dann im Wechselspiel zu einem ff-Höhepunkt in der Schlußgruppe.
    Die Durchführung beginnt mit einer eindringlichen Version des Seitenthemas, dann folgt das Hauptthema wird synkopisch weitergesponnen, noch ein Anlauf mit dem Hauptthema, das sich in kleinen Figuren verliert, dabei durchweg in Molltonarten verbleibend
    In der Reprise fallen nun die Bläser sogleich bei der Wiederholung der ersten Phrase des Hauptthemas ein; der restliche Ablauf wird nur geringfügig variiert.


    In diesem Satz soll Haydn eine (wohl rhythmisch vertrackte) Passage mit dem Kommentar "Dies war vor gar zu gelehrte Ohren" geändert haben. Ich habe aber nicht herausfinden können, wo das sein soll (zumal es ja auch geändert wurde)



    3. Menuet: Allegretto
    Ein recht lebhaftes Menuett, besonders durch die Triolenpassagen stürmisch und recht rustikal wirkend. Im zweiten Teil erklingen auf solch einen unisono-Lauf im deutlichen Kontrast beinahe nachdenkliche Töne.
    Das Trio (nur Streicher) bringt ätherische Stakkati und Triller der Violinen mit wiegenden Ländlerrhythmen zusammen, wobei das die Celli im zweiten Teil kaffehausmäßig loswalzen darf.



    4. Finale: Scherzando e presto (2/4)
    Ungeachtet der wiederum ungewöhnlichen Tempobezeichnung (und anders als beim ähnlich bezeichneten Finale des etwas später geschriebenen Quartetts op. 20,4) ein eher "gemütliches" als stürmisches Finale. Entsprechend ist es auch kein Sonatensatz, sondern ein Art Rondo-Variationssatz mit einem typischen Rondo-Thema. Mehr als an die dichten "Sturm&Drang"-Finali erinnert es an Werke der späten 1770er und frühen 1780er Jahre. Das munter dahineilende


    Thema /:1-8://:9-20:/ wird von den Streichern vorgestellt
    Zwischenspiel 21-36 (geht nach A-Dur, endet aber wieder in D):
    nur Bläser (die Fagotte übernehmen den Baßstimme).
    Refrain II/Variation I 37-56: Streicher, Thema in 16tel-Figuren der Geigen aufgelöst.
    Zwischenspiel II 57-97 (a-moll): Im zweiten Teil durchführungsartig mit leicht "ungarischem" Ton, zum ersten Mal im Satz Streicher und Bläser gemeinsam.
    Refrain III/"Reprise" 98-117: Thema variiert (legato und reichhaltiger gesetzt) in Streichern und Bläsern.
    Coda 117 - 148: setzt zuerst mit dem Thema an, was aber in einer Fermate ausläuft; es folgt dann ein witziges Spiel mit einer Figur, die im Moll-Abschnitt schon mal eine wichtige Rolle innehatte, die letzten paar Takte haben den Charakter einer wirbelnden Stretta.



    Obwohl in der Sturm&Drang-Periode entstanden handelt es sich eine breit angelegte, "große" Sinfonie, die ungeachtet der Kühnheiten des Kopfsatzes verglichen mit ihrer Umgebung oft deutlich "klassischer" wirkt (besonders im Finale) und jedenfalls einen höheren Bekanntheitsgrad verdient hätte.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Obwohl in der Sturm&Drang-Periode entstanden handelt es sich eine breit angelegte, "große" Sinfonie, die ungeachtet der Kühnheiten des Kopfsatzes verglichen mit ihrer Umgebung oft deutlich "klassischer" wirkt (besonders im Finale) und jedenfalls einen höheren Bekanntheitsgrad verdient hätte.


    Ich mag diese Symphonie auch gerne! Der Kopfsatz gehört seit dem ersten Hörkontakt zu meinem erweiterten Favoritenkreis bei den Sturm-und-Drang-Symphonien. Ich habe ihn damals als vergleichsweise "mozartisch" empfunden, ohne das jetzt an mehr als der breiteren Anlage und dem Materialreichtum festmachen zu können.
    Die Durchführung mit ihren Scheinreprisen ist dann aber auf jeden Fall haydnsch (haydnisch? ;) ). Der Kontrast zwischen der geheimnisvollen Zwischenpassage und den energischen Forte-Schlägen des Hauptthemas, auch, wie dieses seinen Charakter ändert und damit das finale Tutti (der Durchführung) einleitet, das finde ich sehr mitreißend!


    Das Finale fällt in meiner Wertschätzung etwas ab. Ich mag es immerhin noch lieber als das andere Variationsfinale (51) bei den Sturm-und Drang-Symphonien. Haydn experimentiert hier sicherlich, es gibt ja diverse unterschiedliche Finaltypen in den Sturm-und-Drang-Symphonien; die Variationsformen gefallen mir da insgesamt am wenigsten.



    Gruß,
    Frank.

  • Zitat

    Original von Spradow


    Ich mag diese Symphonie auch gerne! Der Kopfsatz gehört seit dem ersten Hörkontakt zu meinem erweiterten Favoritenkreis bei den Sturm-und-Drang-Symphonien. Ich habe ihn damals als vergleichsweise "mozartisch" empfunden, ohne das jetzt an mehr als der breiteren Anlage und dem Materialreichtum festmachen zu können.


    Ich finde ihn auch ein wenig mozartisch, aber wenn (besonders frühe oder mittlere, wie 28, 29 oder 31) Mozart-Sinfonien zum Vergleich heranzöge, würde man wohl feststellen, daß die fast immer noch regelmäßiger (und meistens flächiger) gebaut sind. Ich habe das zwar nicht alles im Kopf, aber eine solche dramatisch erweiterte Reprise würde mich bei Mozart vor ca. 1780 sehr überraschen.


    Zitat


    Die Durchführung mit ihren Scheinreprisen ist dann aber auf jeden Fall haydnsch (haydnisch? ;) ). Der Kontrast zwischen der geheimnisvollen Zwischenpassage und den energischen Forte-Schlägen des Hauptthemas, auch, wie dieses seinen Charakter ändert und damit das finale Tutti (der Durchführung) einleitet, das finde ich sehr mitreißend!


    Das Finale fällt in meiner Wertschätzung etwas ab. Ich mag es immerhin noch lieber als das andere Variationsfinale (51) bei den Sturm-und Drang-Symphonien. Haydn experimentiert hier sicherlich, es gibt ja diverse unterschiedliche Finaltypen in den Sturm-und-Drang-Symphonien; die Variationsformen gefallen mir da insgesamt am wenigsten.


    Das Finale wirkt, besonders angesichts der ersten beiden Sätze und auch der vielen dramatischen Sonatensatzfinali der Zeit sicher ziemlich leichtgewichtig. Die Verbindung von brillanter Leichtigkeit mit Dichte und Dramatik gelingt hier gewiß noch nicht so wie 10 oder mehr Jahre später.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Das Finale wirkt, besonders angesichts der ersten beiden Sätze und auch der vielen dramatischen Sonatensatzfinali der Zeit sicher ziemlich leichtgewichtig. Die Verbindung von brillanter Leichtigkeit mit Dichte und Dramatik gelingt hier gewiß noch nicht so wie 10 oder mehr Jahre später.


    In der Beziehung finde ich z.B. die wesentlich früheren 35 und 38 aber schon sehr gelungen, wobei das Finale von 35 natürlich sehr knapp ist und das von 38 mit seiner Mischung aus Kontrapunktik und Konzertantem ebenfalls ein Experiment.


    Gibt es in den späteren Symphonien noch Variationsfinali, oder hat Haydn die Technik dann verworfen (bis auf ein paar Quartette)?



    Gruß,
    Frank.

  • Zitat

    Original von Spradow


    In der Beziehung finde ich z.B. die wesentlich früheren 35 und 38 aber schon sehr gelungen, wobei das Finale von 35 natürlich sehr knapp ist und das von 38 mit seiner Mischung aus Kontrapunktik und Konzertantem ebenfalls ein Experiment.


    Gibt es in den späteren Symphonien noch Variationsfinali, oder hat Haydn die Technik dann verworfen (bis auf ein paar Quartette)?


    Nicht daß ich wüßte, die 72 ist ja falsch eingeordnet und eher älter als 31.
    Variationen treten in den Quartetten ja auch nur ganz selten und vorübergehend als Finale auf (eigentlich nur in den letzten beiden in op.33)


    Aber das vorliegende Finale ist kein ganz so enger Variationensatz wie in 31 oder 72. Er geht schon in die Richtung der Verbindung von Rondo und Variation mit Sonatenelementen. Die Episoden bringen immer neues Material und vorübergehend kontrastierende Tonarten. Gewiß denkt man bei den späteren Ausprägungen kaum mehr an Variationen, weil Sonatenzüge zunehmend dominieren. Aber einige Rondos wie in 66 haben eben diesen Variationenaspekt, daß die Wiederkehr des Refrains nach Art einer simplen Variation gestaltet wird und die Episoden oft ebenfalls auf dem Material des Hauptthemas beruhen.


    Das "Ur-Rondo" (von spezifischen Tänzen abgesehen) war, spekuliere ich mal, eine Form in der zwischen den Refrains über diesen improvisiert wurde und die Refrains vielleicht auch ein wenig ausgeziert. (traditionelle Jazz-Improvisation funktioniert meines Wissens so ähnlich, die Refrains heißen dort "Chorus")


    Ein außerordentlich geistreicher und brillanter Satz eines verwandten Typs ist m.E. das Finale in Mozarts Konzert KV 449.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

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  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    1. Moderato e maestoso (2/2)
    Durchführung (ab T. 82).
    Diese ist entsprechend weiträumig angelegt, verarbeitet dabei aber ausschließlich das erste Thema. Mehrere Anläufe des Hauptthemas mit seinem Akkordschlag und den Vorschlägen fahren sich gleichsam fest, es folgt eine eher mysteriöse Passage mit gehaltenen Tönen (dabei immer das insistierende Vorschlagsmotiv). Darauf ein noch heftigerer Ausbruch als zuvor, ein langes Tutti, das dann in die Überleitung zur Reprise mündet (T. 133).


    In der Reprise findet man diverse Änderungen: die entspannte Melodie als Antwort auf den Akkordschlag wird nun von den Oboen gespielt, darauf folgt eine stockende Piano-Passage vor der Überleitung und dann überraschend eine durchführungsartige Entwicklung eines winzigen abgespaltenen Motivs in Vierteln. Lessing weist besonders auf die anschließende Erweiterung und Dramatisierung des ersten Überleitungsthemas hin (T. 160 - ca. 184). Die Passage mit dem chromatischen Viertelmotiv und dem schlichten Seitenthema werden dagegen kaum verändert. Eine kurze Coda mit schmetternden Hörnern führt den Satz zum Ende.


    Die Art, wie und wann das Hauptthema in der Durchführung zum Einsatz kommt und was in der Reprise verändert wird, hat mir jetzt einige aufregende Momente beschert, wobei ich mir nicht sicher bin, inwiefern das wirklich so eigenwillig ist.


    So beginnt die Durchführung mit ein paar harmonisch nicht so naheliegenden Akkorden - eine Art Effekt, die in klassischen Sinfonien der früheren Phase gerne sehr weiträumig eingesetzt wird - weshalb ich schonmal überrascht war, dass es gleicht mit einer melodischen Geste wieder elegant abgedreht wird um einem gewichtigen Hauptthemaeinsatz zu weichen, der wiederum "normalerweise" gleich als Durchführungsbeginn seinen Platz gehabt hätte (dafür gibt es wohl ungezählte vor- und frühklassische Beispiele). Es ist daher stimmig und wohl auch notwendig, dass das Hauptthema ziemlich sofort durch Baßschritt nach unten dramatisiert sich als Durchführungsversion darstellt (kommt in zwei verschiedenen Versionen).


    Der nächste Punkt, der mich formell sehr entzückt hat, ist die Wendung, die das Hauptthema in der Reprise nimmt. Von dem wuchtigen Anfangsakkord ausgehend gibt es in der Expositions-Version zwei aufsteigende Figuren, worauf das Ganze gleich mal wiederholt wird und an die zwei aufsteigenden Figuren noch ein sentimentaler Schnörkel gehängt wird, auf den folgend (schon das sehr sehr reizvoll!) ein rumpelnder Streicheraufstieg die gesamte Aufwärts-Anlage durch Überschreiten des höchsten Schnörkel-Tones männlich-markant bis zur gespannten Sept gelangend abrundet. In der Reprise ist dieser Teil verschwunden, aus dem Schnörkel ergibt sich ein zartes Getaste. Wobei dann rückblickend die Uminstrumentierung der ersten zwei aufsteigenden Figuren in die Bläser eine schöne Idee ist, da sich das folgende typisch Haydnsch ungewiss-suchend-Überraschende umso filigraner gibt (mit Tutti-Einschüben, vielleicht als Erinnerung oder formale Entsprechung zu dem "rumpelnden Streicheraufstieg" von oben).


    Irgendwie werden aus diesen Hör-Freuden, wenn man versucht, sie vollständig verbal auszuführen, ziemlich mühsame Theoriewürmer. Aber wohl noch besser als:
    :jubel:

  • Zitat

    Original von Spradow
    Die Durchführung mit ihren Scheinreprisen ist dann aber auf jeden Fall haydnsch (haydnisch? ;) ).


    Ich höre da keine Scheinreprisen. Mein erster Gedanke war ja: Nach dem kurzen akkordischen Abschnitt schon das Hauptthema: Das wirkt wie eine Scheinreprise - aber dazu ist es hier viel zu früh. Deshalb muss er wohl auch gleich dafür sorgen, dass das Hauptthema Durchführungscharakter bekommt (Baßschritt nach unten nach dem zweiten Akkord-Schlag). Beim zweiten Hauptthemeneinsatz in der Durchführung kommt dieser (von mir oben als "dramatisierend" bezeichnete) Abwärtsschritt dann AUF einen Akkord-Schlag, was eine Steigerung gegenüber der ersten Version ist. Alle Effekte scheinen also großflächig-formal durchkonzipiert, ein großer Meister ist am Werk.
    :jubel:


  • 12 Jahre Pause. Heute habe ich diese Sinfonie gehört und zwar 2 mal.

    Für eine "Sturm und Drang" Sinfonie finde ich sie ausgesprochen ausgewogen. Der erste Satz ist recht klangschön und ein wenig prunkvoll. Sehr markant ist der melancholische zweite Satz der stellenweise fast stillzustehen scheint und zu erlöschen droht. Mein Favorit ist - wie so oft - der dritte Satz der nach dem zweiten Satz wie eine Oase in der Wüste auf mich wirkt. Es gibt da einige wunderbare 'Klangeffekte'...

    Interessant ist, wie die Bewertungen des Finalsatzes differieren. In den einschlägigen Konzertführern wurde er geradezu als Prototyp des Finalsatzes in künftigen Haydn-Sinfonien gepriesen, ich selbst habe nichts Aussergewöhnliches feststellen können, und einige Forianer hier haben ihn als "eher schwach" beschrieben.....

    Die Russel Davies Aufnahme dauert 32 Minuten, jene unter Weil - ohne Wiederholungen dauert 22 Minuten.

    Keine der Versionen ist derzeit lieferbar.


    Hier ein Link zur - ebenfalls gestrichenen - Hogwood-Aufnahme.


    mfg aus Wien

    Alfred


    PS: Im Laufe des Jahres werde ich - so ich es erlebe - einige noch lieferbare CDs mit Haydn Sinfonien der frühen unt mittleren Haydn Sinfonien zukaufen.

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Ich hab den Walter, den JR aus mir unerfindlichen Gründen offenbar entsorgte, gerade deswegen nochmals hervorgekramt. Er beschreibt doch recht übersichtlich und kompakt, natürlich nicht erschöpfend, z.B. die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Sinfonie als solche und Haydns Beitrag dazu.


    Michael Walter (in: Haydns Sinfonien; Ein musikalischer Werkführer) nimmt Nr. 42 gerne als Beispiel mit der Betonung darauf, daß seine Beispiele nicht die jeweils 'besten' oder ästhetisch wertvollsten Sinfonien seien. Am Kopfsatz der 42 lässt sich aber sehr schön beobachten, daß die heute sog. Sonatenhauptsatzform zu jener Zeit nicht existent war, sondern ein Konstrukt späterer Zeit ist. Vielmehr gliederte man Heinrich Christoph Koch (1749-1816) folgend in 1. Hauptperiode (was heute dem Begriff der Exposition entspricht), 2. Hauptperiode (DF) und 3. Hauptperiode (Reprise). Hervorzuheben dabei ist nicht die Einführung eines 2. Themas per se, sondern das Erreichen der V. Stufe in der Hauptperiode I, womit monothematische Sätze nichts Besonderes - also eben keine Ausnahme von der Regel, sondern eine häufig genutzte mögliche Option - sind. Walter merkt auch an, daß ein von uns als solches interpretiertes Seitenthema oder 2. Thema bei Haydn während dieser Schaffensperiode, wenn überhaupt - eher spät (bezogen auf die 1. Hauptperiode resp. Expo; in #53 z.B. erst T69) zum Zuge kommt.


    Die Sinfonie zeigt für mich im Kopfsatz durchaus auch Mannheimerismen, also eine sehr schöne „Walze“ in Kombination mit einem „Mannheimer Crescendo“ (T. 12ff. - ab Sekunde 18/19), mit dem in T. 26 die V. Stufe erreicht wird (auch das Hufescharren, „Kratzfuß“ zu Beginn, ähnlich dem „Schleifer“); das Folgende ist kein eigentliches 2. Thema; es „fehlt“ nämlich dem „Thema“ an der Eigenschaft der melodischen Gestalt - das „2. Thema“ kommt erst in T. 65 (das würden wir heute als Schlußgruppe betiteln, die aber erst T. 73 beginnt).


    Die DF (2. Hauptperiode) ist toll: ein paar Takte Fis-Dur - h-moll - Fis-Dur - Fermate (tatsächlich gibt es derart kurze „Durchführungen“, die nur der Form halber auftauchen, in Opern-Ouvertüren; ausschweifende Modulationen würden hier nur ausbremsen!) - Scheinreprise D-Dur, dann Tonartenwanderung über weiter entfernte Tonarten: z.B. Cis-Dur. 3. Hauptperiode ab 133, keine „reine“ Reprise, in der eins zu eins (copy & paste) vorgegangen wird, sondern weiter das Material entwickelt wird. Besonders schön ist der Orgelpunkt ab 173ff mit z.T. disharmonischen Hörnereinwürfen, die einfach stur auf dem a tröten, Krönung ab 184ff.


    Das kann man hier bei Haydns Geheimagenten Sag-niemals-Antonini mit seinem disharmonischen Garten schön mitverfolgen:


    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Satz 2 lässt sich wie ein Variationensatz an, wird es aber nicht. Das Thema erinnert an Mozarts „Benedictus“ (Krönungsmesse) resp. „dove sono“ (Figaro) oder, um bei Haydn zu bleiben: Sonata II aus den SLW:



    Der Satz wurde von Haydn revidiert, also verharmlost, da die Urfassung wohl „zu gelehrt“ wirkte und - in den falschen Ohren - zu aufdringlich gewirkt hätte; wurde die Urfassung je irgendwo so eingespielt?


    Harmonisch kurios oder ungewöhnlich, wie Haydn die Dominate im Menuett erreicht:



    Das Trio (Dr. Pingel :hello:) nimmt Haydn recht wörtlich.

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

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  • Mit einem Kehraus - wie Haydn es später häufig praktizieren wird - kommt der Finalsatz. Schön ist der Teil mit reinen „Harmonieinstrumenten“ (Oboen, Fagotte, Hörner solo). Das Gewicht liegt auf dem d-moll-Teil, dem zunächst das Kehrausthema (wieder zuhause in Dur) bis zur Fermate folgt: man erwartet hernach wohl erneut das Thema, es folgt aber ein Septakkord als Riss und ein kurzer und bündiger Schluß:



    Walter, der sich mitunter auch auf Georg Feder beruft, hat Recht: die 42 ist tatsächlich eine Art mustergültiges Werk in ihrem Aufbau und dabei keineswegs langweilig, vielleicht aber eben auch nicht das 'beste'. Sie gehört daher nicht zu den Sinfonien, die lt. Walter mehr originelle als typische Züge tragen, deren Typik also nicht in der Originalität liegt.


    Die Sinfonie blieb vor groß angelegten Experimenten verschont (was mitunter die Entschärfung des Mittelsatzes zeigt), ist klar und bewußt strukturiert, so daß sie gefallen muß.


    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Statt mich konsquent meinem "Projekt zu widmen", alle Haydnsinvonien von 1-107 in Folge zu hören, komme ich immer wieder vom Wege ab, durch die erfreuliche Tatsache, daß im Forum geradzu ein "Haydn-Boom" ausgebrochen ist. Das verleitet mich dann zum erneuten Hören bereit "abgehakter Sinfonien" Diese Tendenz wird noch verstärkt, dadurch, daß ich mir in den letzen 3 Jahren einge zig Alternativaufnahmen zu meiner Sammlung dazugekauft habe. Nr 42 besitze ich nun insgesamt 4 mal, wobei natürlich die "reisserische" Aufnahme mit dem Kammerorchester Basel unter Antonini, welche mit Hörtraditionen bricht, sicher die interessanrteste ist. Antonini betont das ohnehin in dieser Sinfonie schon vorhandene Feuer, wobei er den zweiten Satz "Andantino e cantabile" durchaus mit Gefühl dirigiert und nicht mit Gewalt "Sturm und Drang-kompatibel" macht. Wie schon bei meinen ersten Hörberichten in diesem Thread (#8- 8. August 2021) empfand ich den Gesamteindruck als klangschön und ausgewogen. Daran ändet auch Antonionis Lesart nicht. Er benötig übrigens für die sinfonie etwa gute 20 Minuten. Die Sinfonie ist auf CD 3 ("SOLO E PENSOSO")der abgebildeten 10 CD Box enthalten.


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Ich habe diese Sinfonie nach langem wiedergehört und bin aufs neue begeistert. Unglaublich wie Haydn es schafft mit einem minimal Orchester so eine festliche und prächtige Sinfonie hervorzubringen. Für mich zeigt sich die Größe eines Komponisten auch dadurch was er mit begrenzten Mitteln schaffen kann. Es ist relativ einfach mit einem riesigen Orchester Apparat einen beeindruckenden Klang zu erzeugen, aber was tun wenn man nur ein kleines Kammerorchester zur Verfügung hat? Ein Großteil der Esterhazy Sinfonien ist ein beeindruckender Beleg dafür, wie Haydn auch großartiges mit einem kleinem Orchester komponierte, so auch die Sinfonie Nr. 42. Die extremste Ausprägung aus reduzierten Mitteln große Werke hervorzubringen ist wahrscheinlich das Streichquartett, aber das ist ein anderes Thema…

    LG aus Wien.:hello:


  • The Burlington Chamber Orchestra

    Michael Hopkins


    Im Trio des Menuetts klingt die Bratsche wie eine Oboe ... *hmmm*

    Der Glaube kann Sätze verbergen.


  • Eigentlich wurde zu dieser Sinfonie schon alles gesagt. Dennoch hat es mich gereizt sie nach 2 Jahren Pause erneut zu heuren, Schliesslich habe ich in der Zwischenzeit die Gesamtaufnahme aller Haydn Sinfonien unter Dorati erworben. Und die soll nicht ungehöt im Regal versauern. Interessant war, ob ich die mich heute begeisternden Stellen im 3. Satz schon früher bemerkt habe (3) Ich habe !! Ansonst: Mit 28:39 Spielzeit eher im ausgewogenen Bereich. Weder träge noch verhetzt. Eine großorchestrale Aufnahme am Puls der (damaligen) Zeit.


    Hier eine kleine Kostprobe:


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



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