Ludwig Senfl - Ein Liedermacher der Renaissance

  • Guten Abend


    Ludwig Senfl wurde Mitte der 1480-ziger Jahre in Basel geboren,
    1496 trat er als Chorknabe und Notist in die Hofkapelle des Königs und späteren Kaisers Maximilians I. ein.



    Sein Lehrmeister war Heinrich Issac, der wohl vielseitigste Komponist seiner Zeit.
    In seinem stark autobiografischen Lied mit dem Text (Auszüge):


    „Lust hab ich ghabt zur Musica
    Von Jugend auf wie noch bisher,
    von erst ut, re, mi, fa, so ,la
    geübt danach durch weitere Lehr,
    kam es dazue,
    dass ich keine Ruh
    mehr haben mocht, dann nur im Gesang
    stuend mein Begier.
    Da half nichts dafür:
    Aus dem erfolgt der erst Anfang.


    Issac das war der Name sein,
    halt wohl, es wird vergessen nit,
    wie er sein Kompositz so fein
    und klar hat gesetzt, darzue auch mit
    Mensur geziert,
    dadurch probiert
    noch heutigs Tag sein Lob und Kunst
    verhanden ist.
    Herr Jesus Christ,
    teil ihm dört mit göttlicher Gunst.


    Gern wollt ich Gott drum dankbar sein,
    wann ich nur das verbringen kunnt,
    wie jeder soll. Es steht gar fein,
    dass man ihn lob weil er eim gunnt
    zu lernen hie.
    Was einr vor nie
    Hätt mugen von ihm selb verstahn,
    des mir erzeigt,
    und zugeeigt,
    mit Gnaden ward durch diesen Mann.


    Sein Fleiß der ward an mir erkennt,
    deshalb truegt mir der Kaiser Huld.
    Dann weil man mich sein schueler nennt,
    mueßt ich erfüllen ohn mein Schuld
    den Chorgesang sein
    wiewohl da mein
    erlernte Kunst was viel zue schwach.
    Noch tät ich`s Best,
    so viel ich weßt,
    mit Arbeit groß, die ich noch mach.“



    schildert Senfl, wie wichtig ihm Heinrich Issac für seine frühe Komponistenlaufbahn war.
    Nachdem mit dem Tode Kaiser Maximillan I. dessen Hofkapelle aufgelöst wurde, war Senfl vier Jahre ohne festes Amt.
    Ab 1523 fand er eine neue Anstellung in der Kapelle das Bayernherzoges Wilhelm IV. in München, wo er bis zu seinem Tod 1542/43 wirkte.
    Mit über 260 Liedern zur Gattung des Tenorliedes war Senfl der wichtigste Vertreter des deutschen Gesellschaftslieds,
    seine Lieder waren einfache volkstümliche Weisen, aber auch Literaturvertonungen zeitgenößiger Texte.
    Einige Beispiele seiner Liedanfänge:


    Es het ein Bidermann ein Weib
    Wohl krumbt der Mai
    Lust mag mein Herz
    Tandernaken
    Es taget vor dem Walde
    Mit Lust tät ich ausreiten
    Lust hab ich ghabt zuer Musica
    Im Maien
    Ein Maidlein zu dem Brunnen ging
    Mag ich, Herzlieb, erwerben dich
    Nun grüeß dich Gott
    Ich stuend an einem Morgen



    Seine Melodien waren mal schlicht akkordisch gesetzt, mal verschlungen kontrapunktisch verflochten.


    Einiger seiner Lieder wurden auf dieser



    CD mit dem Tenor Charles Daniels und dem
    Ensemble Fretwork höchst überzeugend eingespielt.


    Gruß :hello:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Hallo!


    Zuerstmal, bevor ich über meine Senfl-Cds spreche [sie sollten doch vorher mal gehört werden :beatnik:], eine kleine Frage:


    "Innsbruck, ich muss dich lassen" ist doch von ihm, oder?


    LG joschi


  • Hallo Joschi,


    das ist, soweit ich weiß, von H. ISAAC.
    Das bekannteste Werk von Senfl könnte Das Geläut zu Speyer sein.


    Gruß pt_concours

    Hören, hören und nochmals hören: sich vertraut machen, lieben, schätzen.
    Keine Gefahr der Langeweile, im Gegensatz zu dem, was viele glauben, sondern vielmehr Seelenfrieden.
    Das ist mein bescheidener Rat. (S. Richter, 1978)

  • Mir ist am ehesten das Lied ". Im Mayen Hort Man Die Hanen Kraien "
    im Ohr und in der Erinnerung geblieben.


    Leider kann ich Euch meine Aufnahmen nicht mehr empfehlen, sowohl die Alte Aufnahme aus der EMO Serie "Reflexe" als auch die Senfl CD- von cpo interpretiert von "Weser Renaissance" sind offensichtlich schon gestrichen... ;(


    mfg aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Guten Tag



    Zitat

    Original von pt_concours


    Das bekannteste Werk von Senfl könnte Das Geläut zu Speyer sein.


    Gruß pt_concours


    Von den rund 300 (!) mehrstimmigen Liedvertonungen Senfl sind leider nur ganze zwei orginale Sätze aus seiner Sammlung
    "Der erste teil Hundert und ainund zweintzig newe lieder" (Nürnberg 1534) erhalten:


    "Das Gläut zu Speyr" und "Ach Elslein, liebes Eslein mein".


    Bedauerlicherweise sind fast alle Quellen aus Maximillians Hofkapelle verschollen.


    Eine schöne Einspielung dieser zwei Liedsätze hat das
    Amarcord Ensemble u.a. auf dieser:



    CD frisch und kompetent aufgenommen.


    Gruß :hello:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Bernhards Empfehlung möchte ich hier ausdrücklich unterstützen: Die amarcord Aufnahme ist toll.


    "Ach Elslein, liebes Elslein mein" ist übrigens ein relativ schlichtes Chorlied, das durch die Harmonisierung der zugrundeliegenden Kirchentonart (war es dorisch?) mit seinen beständigen Schwankungen zwischen Dur und Moll schön die Emotionen des lyrischen Ichs zwischen Abschiedsschmerz und Hoffnung auf eine bessere Zukunft zum Ausdruck bringt. Gelungen finde ich auch die leichte Polyphonie im Mittelteil, wenn von Trennung die Rede ist (da "trennen" sich nämlich auch die Stimmen).


    "Das Gläut zu Speyr" ist ein völlig verrücktes Stück, das a capella ein Glockengeläut nachstellen will. Das gelingt verblüffend effektiv. Das Stück braucht in Sachen Modernität den Vergleich mit einem beliebigen Werk der Minimal Music nicht zu scheuen.


    Tharon.

  • Zitat

    Es het ein Bidermann ein Weib

    Ein absolut köstliches und, wie ich finde, wunderbar komisches Lied, dass auf dieser tollen CD enthalten ist und ebenso toll interpretiert wird:



    1. Es hett ein Biedermann ein Weib, ihr Tück wollt‘ sie nit lahn. Das schafft ihr grader, stolzer Leib, dass sie bat ihren Mann, und daß er füehr‘ ins Heu, ins Heu, nach Gruenmat in das Gäu.
    2. Der Mann, der wollt‘ erfüllender Frauen Willen. Er stieg heimlich zum Laden neinwohl auf die Dillen. Sie meint‘, er wär ins Heu, ins Heu, nach Gruenmat in das Gäu.
    3. In dem so kam ein junger Knab‘ins Haus gegangen. Er ward vom selben Fräuelaingar schon empfangen: “Mein Mann, der ist ins Heu, ins Heu, nach Gruenmat in das Gäu.
    4. Er nahm sie bei der Mitten, er tet ihr, weiß nit, wie. Der Herrmann auf der Dillen sprach: “Fahr schon, ich binn noch hie!Ich bin noch nit ins Heu, ins Heu, nach Gruenmat in das Gäu.
    5. „Ach trauter, lieber Hermann, nun verzeih mir das! Ich will dir all mein Leben langkochen dester baß. Ich meint du wärst ins Heu, ins Heu, nach Gruenmat in das Gäu.
    6. „Und wann ich schon nach Haberstrohwär‘ ausgegangen, wollstu dich darumb legenzue andern Mannen, so fahr‘ der Teufel ins Heu, ins Heu, nach Gruenmat in das Gäu!



    LG joschi

  • Ludwig Senfl war ja eine meiner ersten großen Lieben in der Ernsten Musik. Ich war Anfang zwanzig, als ich eine Platte mit Senfl-Liedern (die aus der Reflexe-Reihe) auf dem Bücher- und Plattenbasar in der AGB kaufte (Amerika
    Gedenkbibliothek - größte Freihand-Bibliothek Deutschlands), ich glaube für 2 Mark. Verblüffenderweise ganz ohne Kratzer, war wohl nicht oft ausgeliehen worden bevor sie ausgemustert wurde. Besonders "Elslein..." und "Lust hab
    ich g´habt zur Musika" waren mehr oder minder Mitsing-Popsongs für mich.


    Für mich eine wirklich wichtige Platte, die mir das Tor zur Renaissance-Musik aufschloss. Damals, 1992, war es ja noch schwer solche Musik zu bekommen, Alte Musik (vor 1650) zu hören, galt als etwas exzentrisch.


    .

  • Diese Reflexe Serie war es auch, die MIR das Tor zu Senfl öffnete, heute würde man die Lieder vermutlich anders interpretieren als damals, abner es war immerhin erstes Kennenlernen.
    Alte Musik vor 1650 zu hören gilt nach wie vor als exzentrisch, aber da ich dem Vernehmen nach ohnediies exzentrisch sein soll, stört mich das nicht weiter.


    Bei der Recherche habe ich folgende CD entdeckt, die hoffentlich das hält, was ihre Soundschnippsel versprechen. sie ist soeben auf meiner Wunschliste gelandet....



    mfg aus Wien


    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • hallo,


    habe diesen Thread jetzt noch einmal aufgewärmt, um ihn um diese Aufnahme zu ergänzen. Die CD ist eine Interpretation vom La Caccia Ensemble und ich bin einfach begeistert. Da ich in letzter Zeit immer mehr Renaissance-Lieder und Renaissance-Instrumentalmusik von deutschsprachigen Komponisten suche, bin ich auf Ludwig Senfl gestoßen.


    Mein derzeit bevorzugtes Label Musica Ficta hat doch glatt Ludwig Senfl im Programm. Die Besetzung ist grandios.


    Hier Informationen zum Ensemble:


    http://79.170.44.90/patrickdenecker.be/


    Hier ein paar Hörschnipsel. Die CD ist empfehlenswert (kenne aber auch keine Vergleichsbeispiele anderer Interpretationen):


    http://www.musica-ficta.com/new/en/catalog.php?ID_cat=89


    Liebe Grüße!

  • Einen Thread über die Lieder des schweizer Komponisten Ludwig Senfl (ca. 1490–1543) zu beginnen ist eine riskante Sache. Zwar galt er einst als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Komponisten seiner Zeit – und er hat mehr als Lieder geschrieben (hier sollen aber nur diese behandelt werden), jedoch haben die Aufnahmen mit seinen Liedern leider nur eine kurze Verweildauer in der Katalogen. So bin ich beim Einstellen von Beispielliedern meist auf youtube-Clips angewiesen.
    Senfl ist vermutlich in Zürich geboren, lebte aber die meiste Zeit seines Lebens in Deutschland. Viele Werke entstanden in München. Er gilt als Schüler von Heinrich Isaak.
    Seine Lieder handeln meist von Liebe, Jammer über die Welt und Spottlieder.
    Und natürlich um die eheliche Treue und Untreue.
    Ich bringe – wie so oft – gleich 2 Beispiele, damit man Substanz von Interpretation unterscheiden kann. Speziell dieses Lied ist nicht nur „historisch interessant“ sondern ist auch musikalisch ansprechend – der Text ist sowieso zeitlos…


    Es gibt auch Übersetzungen in heutiges Deutsch, aber ich meine, das Original ist nicht nur athmosphärisch überzeugender, sondern auch recht gut verständlich




    Hier das Cover einer längst gestrichenen cpo CD, ich besaß auf Vinyl auch einmal eine Platte mit Liedern von Senfl aus der EMI Serie "Reflexe".



    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !


  • Eines der beliebtesten Lieder Senfls war "Ach Elslein, liebes Elselein"
    Er gilt als der Komponist, möglich aber auch, daß es sich um ein älteres Lied handelt, welches er als Erster aufgeschrieben hat. Es existieren zahlreich Bearbeitungen, was auf die große Beliebtheit im 16. Jahrhundert schließen lässt.



    "Ach Elslein, liebes Elselein,
    wie gern war ich bei dir.
    So sind zwei tiefe Wasser
    wohl zwischen dir und mir."


    "Das bringt mir große Schmerzen,
    herzallerliebster G'sell,
    und ich von ganzem Herzen
    geb's für groß Ungefäll."


    "Hoff, Zeit werd es wohl enden,
    hoff, Glück werd kommen drein,
    sich in alls Guts verwenden,
    herzliebstes Elselein."


    mfg aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !