Karajan - Meine liebsten Aufnahmen

  • Ich beziehe mich dabei vor allem auf die aphoristisch verdichteten Orchesterstücke von Anton Webern. Da macht sich sehr bemerkbar, wie präzise der Dirigent ist!

    Lieber Holger,


    ich gebe freimütig zu, daß ich mit der Zweiten Wiener Schule nicht viel anfangen kann, aber trotzdem möchte ich Dir in diesem Zusammenhang eine Episode erzählen (vielleicht kennst Du sie ja?), die genau Dein Urteil über Karajans Webern bestätigt. In der Biographie "KARAJAN" von Peter Uehling (rororo, Hamburg, 2008) berichtet der Autor von einem Gespräch mit dem seinerzeitigen Intendanten der Berliner Philharmoniker, Wolfgang Stresemann, der auf die penible, ja geradezu obsessive Probenarbeit ( … oberste Maxime ist die innige Vertrautheit mit dem Werk ..... um diese Vertrautheit zu erreichen, weiß Karajan keinen anderen Weg als ein über lange Zeit fortgesetztes Üben und Wiederholen)" Karajans gerade in Bezug auf die Werke von Berg, Schoenberg und Webern hinweist, Komponisten, die nicht im Zentrum seines Schaffens standen. Immer das Ziel vor Augen, "diese Arbeit soll dem Hörer ermöglichen, das Werk zu 'verstehen', ohne sich durch die Klänge provoziert und gestört zu fühlen", wie es der Dirigent ausdrückte. Es ging hier explizit um die Proben zu Schoenbergs "Variationen für Orchester op. 31", die er, wie etliche andere Werke dieses Komponisten, auch mit den Berliner Philharmonikern aufgenommen hat:

    Der Erfolg gab ihm recht: Selbst einer seiner schärfsten Kritiker, Theodor W. Adorno, der ihn höhnisch zum "Dirigenten des Wirtschaftswunders" ernannt hatte, schrieb nach einem Karajan-Konzert mit eben diesem Werk, das er klammheimlich besucht hatte: "Matadore, denen man wegen ihrer künstlerisch totalitären Ambitionen ebenso mißtraut wie wegen ihrer kulturkonservativen Gesinnung, …. sind meist doch auch in vielem qualifiziert und weit bessere Musiker, als den guten Musikern recht ist. Ich habe …. mürrisch und widerwillig die Aufführung eines Werks besucht, auf das die Opponierenden ein Monopol zu besitzen glauben, unter einem bei ihnen besonders schlecht angeschriebenen Dirigenten. Die Aufführung überragte nicht nur das, was manche unzulänglichen Freunde der Moderne unter den Kapellmeistern verschulden, sondern war sinnvoll bis ins letzte Detail durchgearbeitet und bewußt musiziert." (Hervorhebungen von mir).

    Adorno war in Sachen Karajan so exponiert, daß er sich in seiner Kritik nicht traute, den Namen des Dirigenten zu nennen, um nicht bei seinen "Jüngern" in Ungnade zu fallen (obwohl sich jeder denken konnte, wer gemeint war!).

    Karajan mit der 2. Wiener Schule ist wirklich ein olympischer Gipfel. Er ist hyperpräzise und wirklich expressionistisch. Von wegen Schönfärberei!

    …. was bestätigt, wie sehr man allen Pauschalurteilen über Karajan mißtrauen sollte.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • ich gebe freimütig zu, daß ich mit der Zweiten Wiener Schule nicht viel anfangen kann

    Das geht mir ähnlich, lieber nemorio.


    Doch wie es der Zufall will, habe ich genau diese von Dir genannte Einspielung von 1974 heute angehört:

    Schoenbergs "Variationen für Orchester op. 31", die er, wie etliche andere Werke dieses Komponisten, auch mit den Berliner Philharmonikern aufgenommen hat

    Nun habe ich keinen Vergleich, aber selbst in Karajans "Luxus-Interpretation", die ja besonders ästhetisch und genießbar sein soll, tat ich mich schwer mit dem Stück. Auch Pelleas und Melisande, noch aus Schönbergs spätromantischer Frühphase, hat mich nicht umgehauen. Meine Hörgewohnheiten sind einfach völlig andere. Ich bezweifle aber nicht, dass Karajans Interpretationen ganz vorne anzusiedeln sind.

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Es gibt übrigens bei "DG Originals" eine Kopplung der "spätromantischen" Stücke: Pelleas & Melisande und Verklärte Nacht. Damit wird Atonalität und Dodekaphonie vermieden und man kann im luxuriösen Klang schwelgen.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Der Erfolg gab ihm recht: Selbst einer seiner schärfsten Kritiker, Theodor W. Adorno, der ihn höhnisch zum "Dirigenten des Wirtschaftswunders" ernannt hatte, schrieb nach einem Karajan-Konzert mit eben diesem Werk, das er klammheimlich besucht hatte: "Matadore, denen man wegen ihrer künstlerisch totalitären Ambitionen ebenso mißtraut wie wegen ihrer kulturkonservativen Gesinnung, …. sind meist doch auch in vielem qualifiziert und weit bessere Musiker, als den guten Musikern recht ist. Ich habe …. mürrisch und widerwillig die Aufführung eines Werks besucht, auf das die Opponierenden ein Monopol zu besitzen glauben, unter einem bei ihnen besonders schlecht angeschriebenen Dirigenten. Die Aufführung überragte nicht nur das, was manche unzulänglichen Freunde der Moderne unter den Kapellmeistern verschulden, sondern war sinnvoll bis ins letzte Detail durchgearbeitet und bewußt musiziert." (Hervorhebungen von mir).

    Adorno war in Sachen Karajan so exponiert, daß er sich in seiner Kritik nicht traute, den Namen des Dirigenten zu nennen, um nicht bei seinen "Jüngern" in Ungnade zu fallen (obwohl sich jeder denken konnte, wer gemeint war!).

    Lieber Nemorino,


    das kannte ich gar nicht und ist wirklich urkomisch! :D Das zeigt den ganzen Krampf der Kulturkritik damals. Sonst habe ich mit der 2. Wiener Schule nie Probleme gehabt - im Gegenteil. Die Webern-Aphorismen finde ich wirklich mit die aufregendste Musik, die es gibt in dieser totalen Konzentration. Da sagt ein Komponist in einer halben Minute, wofür ein anderer eine ganze Symphonie braucht! Wenn ich meinen neuen Kopfhörer bekomme (siehe den speziellen Thread), kann ich dann auch nach der Arbeit selbst wenn es spät wird endlich wieder Musik hören, ohne zu stören. (Heute hatte die DB mal wieder über eine Stunde Verspätung wegen Baustelle, ein Graus! Da ist dann der Feierabend dahin!) Derzeit komme ich praktisch nicht zum Musikhören! Auch zu den schönen Sachen von Adriano nicht. Mit KH ändert sich das nun hoffentlich! :hello:


    Liebe Grüße

    Holger

  • Adorno war in Sachen Karajan so exponiert, daß er sich in seiner Kritik nicht traute, den Namen des Dirigenten zu nennen, um nicht bei seinen "Jüngern" in Ungnade zu fallen (obwohl sich jeder denken konnte, wer gemeint war!).

    Später ließ er er einem Wagner-Essay für Bayreuther Festspiele schon mal Ross und Reiter rüberwachsen. Da schrieb er als freundliches Feedback über eine Salzburger Götterhämmerung unter Karajan, dass er dabei gecheckt hatte, dass Wagner nur dann laut rüberkommt, wenn in seiner Mucke was kompositorisch nicht gelöst wurde.

    Aber um Missverständnis von Karajan-Enthusiasmus vorzubeugen:

    Ihm mißfiel, dass Karajan in Mozarts Nozze die Cherubin-Canzone viel zu sehr mechanisch durchtaktierte oder er das Abgründige und Rätselcharakter in Beethoven Missa Solemnis durch Wohllaut versemmelte.


    Noch was zu der Karajanschen Wiedergabe von Schönbergs Orchestervariationen. Ich ziehe sie einer frühen Aufnahme von Boulez vor. Doch die olle Rosbaudsche Wiedergabe ( auch im Studio entstanden) kommt mir generell viel deutlicher rüber, obwohl mono und vor allem mit sehr viel größerer Intensität. Vor allem was Gesamtzusammenhang von op. 31, die Entwicklung bis zum Schluß angeht. Bei der Karajan-Einspielung fallen die einzelnen Variation auseinander wie 100 Jahre alter Marmorkuchen.

    Am besten gelungen mir bisher die Rheingold-Einspielung. Transparent. Dabei das Kunststück, dass trotz sehr zügiger Tempi nie der Eindruck rüberkommt, dass Wagners Mucke nicht genug atmet. Im Gegenteil.

  • Wenn man die 9 Sinfonie von allen Karajan Aufnahmen vergleicht kommen alle schlecht davon wie ich finde.

    Lieber Klassikfan1,


    ….. dieser Eintrag von Dir ist zwar schon ein paar Tage alt, doch bisher, was Beethovens Neunte betrifft, unbeantwortet.


    Ich kann nicht nachvollziehen, daß "alle Karajan-Aufnahmen im Vergleich schlecht davon kommen".

    Vor allem in seinen beiden ersten GA ragt u.a. die Neunte besonders hervor, und ich finde diesen Satz von Dir total daneben:

    Besonders der 4. Satz die Sängerinnen singen abgehackt und man merkt das der Chor nicht so lust hatte. Selbst das Finale ist richtig misslungen, da gibt es viel bessere Alternativen

    In seiner ersten (Londoner) GA sind die Sängerinnen Elisabeth Schwarzkopf (Sopran) und Marga Höffgen (Alt):

    Die Aufnahme wurde ursprünglich nur in Monofassung herausgegeben. Vor einigen Jahren entdeckte man in der Hinterlassenschaft von EMI Stereo-Bänder, die 1955 heimlich mitgeschnitten wurden, weil der Produzent Walter Legge damals der neuen Technik noch ablehnend gegenüber stand. Nun können wir diese legendäre Produktion sogar in Zweikanaltechnik hören, was ich für einen großen Gewinn ansehe.


    Die zweite GA entstand 1961/62 in Berlin und wurde von der DGG produziert, mit den Berliner Philharmonikern:

    mit Gundula Janowitz (Sopran) und Hilde Rössel-Majdan (Alt).

    Vor allem die letztgenannte wartet IMO (und zahlreicher anderer Musikfreunde) mit der besten Sopranistin auf, die jemals in Beethovens Neunter zu hören war. Sicher, darüber kann man trefflich streiten, aber "abgehackte" Töne vermag ich nirgends zu entdecken.

    In beiden Fällen singt der Singverein der Gesellschaft für Musikfreunde Wien, Karajans bevorzugter Chor. Natürlich, das ist ein Laienverein, aber zum Zeitpunkt der Aufnahmen (1955 bzw. 1962) war er in allen Lagen gut aufgestellt. Von Lustlosigkeit keine Spur, oder wo soll man sie festmachen?


    Lieber Klassikfan1, ich komme nicht umhin, Dir hier eine gewisse Voreingenommenheit zu unterstellen. Ich kenne mindestens ein Dutzend Studio-Produktionen der Neunten und dazu noch mindestens zwei Live-Mitschnitte, doch die beiden oben gezeigten zählen für mich nach wie vor zu den Spitzenaufnahmen.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Neben seiner umfangreichen Hinterlassenschaft auf dem Konzert-Sektor darf nicht vergessen werden, daß Karajan auch ein herausragender Operndirigent war und auch auf diesem Sektor Aufnahmen geschaffen hat, die noch heute als maßstabsetzend gelten können. Ich möchte aus diesem reichen Erbe jetzt ein paar Aufnahmen nennen, die hier bisher noch wenig oder gar nicht gewürdigt wurden:

    mit einer Traumbesetzung! Ich persönlich stelle sie auf eine Stufe mit der legendären Callas-TOSCA unter Victor de Sabata, wobei diese hier noch den Vorteil von Stereo hat. Und sowohl die Price als auch Giuseppe Taddei sind Callas und Gobbi durchaus gewachsen.


    Eine Luxus-Salome mit der von ihm entdeckten Hildegard Behrens in der Titelrolle. Zugegeben, keine Ljuba Welitsch, aber ihr Porträt der liebestollen Königstochter ist rollendeckend. Und die übrige Besetzung ebenfalls überdurchschnittlich gut.


    Die legendäre Wiener AIDA von 1959, mit einer Traumbesetzung: Renata Tebaldi (Aida), Carlo Bergonzi (Rádames), Cornell McNeil (Amonasro), und mit einer geradezu spektakulären Aufnahmetechnik.


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    Sein erster FALSTAFF, aufgenommen in London 1956, bereits Stereo, mit einer fantastischen Besetzung, u.a. Tito Gobbi in der Titelpartie.

    und ebenfalls sein erster Platten-OTELLO, wieder aus Wien, 1961 aufgenommen, auch eine Aufnahme, die längst zur Legende geworden ist.


    Ein kleiner, aber feiner Ausschnitt seines Opernschaffens, alles Aufnahmen, die in jeder guten Opern-Diskothek ihren Platz haben.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Ich denke, als Operndirigent ist Karajan insgesamt viel weniger umstritten. Danke für die Auflistung, lieber nemorino, die einem manches in Erinnerung ruft, was man so spontan oft gar nicht auf dem Schirm hat. Man könnte die Reihe locker noch fortsetzen und etwa um La Bohème, Madama Butterfly und (mit Einschränkungen bei den Sängern) auch Turandot bereichern. Rein orchestral wurden diese Opern wohl kaum jemals luxuriöser eingespielt.



    Besonders liebe ich die von Dir schon vorgestellte Wiener Tosca (neues Remastering von 2017). Sie ist ungleich gelungener als die Berliner Neuauflage von 1979, die nicht mal orchestral vorzuziehen ist. Karajan zeigt in der Decca-Produktion, was in Puccinis Partitur auch in Sachen Orchester steckt. Seine gemessenen Tempi beim Te Deum sind m. E. einfach in sich schlüssig und letztlich unerreicht. Auch wenn di Stefano "nur" mehr gut ist, rangiert diese Aufnahme für mich an der Spitze der gesamten Diskographie. Die Price ist für mich neben der Callas die Tosca und Taddei mein idealer Scarpia, weil er wirklich aristokratisch und hintergründig, nicht so einseitig dämonisch und polternd ist. Wieso immer wieder gebetsmühlenartig die 1953er Einspielung von de Sabata bevorzugt wird, erschließt sich mir nicht ganz. Ich habe neulich mal wieder reingehört. Bei aller Liebe, aber Karajans Klasse hat dieses Dirigat nicht im Ansatz. Zu einer Oper gehören auch ein Dirigent und ein Orchester, nicht nur die Sänger. Es ist mir viel zu pauschal und "kapellmeisterlich". Gobbi ist mir (hier) zu eindimensional. Das soll ein Baron sein? Außerdem klingt's nicht gut. Wenn Tosca mit der Callas, dann 1964 unter Prêtre mit besserem Dirigat und Orchester und dem gereifteren und facettenreicheren Gobbi (stimmlich nicht mehr ganz auf der Höhe, aber viel mehr interpretatorische Tiefe) - und zudem in Stereo. Aber meine erste Wahl bleibt Karajan 1962 in Wien.

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Besonders liebe ich die von Dir schon vorgestellte Wiener Tosca (neues Remastering von 2017). Sie ist ungleich gelungener als die Berliner Neuauflage von 1979, die nicht mal orchestral vorzuziehen ist.

    Lieber Joseph II.,


    ja, diese Aufnahme ist ein wahres Kleinod. Ich habe zwar nicht das neueste Remastering von 2017, aber schon in herkömmlicher Form klingt sie fantastisch! Außer der von mir gezeigten "Originals"-CD-Version besitze ich noch die originale erste LP-Ausgabe auf RCA:

    Bildergebnis für karajan tosca rca

    in einer wahren Luxus-Ausstattung, mit reich bebildertem Textbuch und mehrsprachigem Libretto. Die hüte ich wie einen Schatz! Es war meine allererste TOSCA auf LP, und sie wird bei mir immer einen Ehrenplatz einnehmen. Sie zählt zu den wenigen LPs, die ich nicht ausgelagert habe. Dagegen kann keine noch so kostbare CD-Ausgabe mithalten.

    Du hast recht, Giuseppe Taddei wird dem zwiespältigen Charakter des Scarpia noch besser gerecht als Tito Gobbi, zu dessen Paraderollen sie gehörte. Ich muß sie mir demnächst mal wieder anhören.

    Die 1964er Prêtre-TOSCA mit Callas, Bergonzi und Gobbi habe ich auch. Bergonzi ist stimmlich ein wunderbarer Cavaradossi, Gobbi trotz stimmlich nachlassender Mittel glaubwürdiger als in der älteren Fassung, aber Maria Callas klingt doch recht angestrengt, was sie natürlich durch ihre einmaligen schauspielerischen Künste wettmacht, aber so ganz gelingt es ihr nicht (mehr) ….

    Karajans Berliner Neuaufnahme von 1979 (DGG) habe ich mir erst gar nicht gekauft.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • aber Maria Callas klingt doch recht angestrengt, was sie natürlich durch ihre einmaligen schauspielerischen Künste wettmacht, aber so ganz gelingt es ihr nicht (mehr) ….

    Ja, da will ich nicht widersprechen. Vielleicht sind wir bei der Callas aber auch das Einmalige gewohnt, so dass eine für sich genommen noch sehr respektable Leistung ihrer Spätblüte am absoluten Zenit gemessen wird. Sehr schade, dass Karajan nicht auf Bergonzi zurückgreifen konnte, der 1962 vielleicht bestmögliche Cavaradossi. Dann wäre diese Aufnahme wahrlich unanfechtbar.

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    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

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  • Franz Liszt: Tasso, Lamento e Trionfo - Sinfonsche Dichtung Nr.2, Mazeppa - Sinf.Dichtung Nr.6 und Mephisto-Walzer Nr.1


    Die drei Liszt-Werke gehören jetzt auch zu meinen liebsten Karajan-Aufnahmen. Josef hatte die DG-Doppel-CD bereits in Beitrag 113 vorgestellt. - Danke Josef !!!

    Weder Tasso noch den Mephisto-walzer I hat man je so gespannt und mit Power gehört.

    Die Beiden geschätzten Dirigenten Masur und noch mehr Haitink sind da im Vergleich eher Schlaftabletten. :!:Wohlgemerkt nur im Vergleich, denn es sind ansonsten ordentliche Int, die mich bis heute geprägt hatten ...

    ausserdem kommt noch die ausgezeichnete Aufnahme der Ung.Fantasie mit Cherkassky dazu und Les Preludes mit Karajan fand ich immer schon gut.


    DG, 1961, 1972, 1976, ADD


    8) Schade, dass Karajan nicht alle Tondichtungen und alle Ungarischen Rhapsodien eingespielt hat.

    - ^^ auf der CD/Textheft sind die Ung.Tänze Nr.2 und 4 vertauscht -

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Danke Josef !!!
    Weder Tasso noch den Mephisto-walzer I hat man je so gespannt und mit Power gehört.

    Nichts zu danken, lieber Wolfgang. An Tasso hatte ich vor einiger Zeit einen ziemlichen Narren gefressen und jede Aufnahme angehört, die mir über den Weg lief. Tatsächlich hat mich Karajans majestätische Interpretation da am allermeisten begeistert. Nirgendwo klingt die wunderschöne "venezianische" Melodie so opulent, nirgends sonst trumpft das Orchester am Ende derart auf. Wirklich ein Wahnsinn und eigentlich unverständlich, wieso diese Tondichtung kaum im Konzertsaal gespielt wird. Immer nur Les Préludes ist etwas einseitig. Mein dritter Favorit bei Liszts Symphonischen Dichtungen wäre dann auch Mazeppa, das Karajan ebenfalls sehr gut herüberbringt.

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    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Gestern und heute habe ich eine neue interessante Karajan Aufnahme angehört.

    Die Amerikanische Nationalhymne

    Die Deutsche Nationalhymne

    -Mozart Sinfonie Nr.35 in D-dur Haffner

    Stauss

    Till Eulenspiegels lustige Streiche op.28

    Brahms Sinfonie Nr.1 in C-Moll

    Live Aufgenommen aus der Constitution Hall in Washington 27.2.1995

    Und als Bonus
    Beethoven Sinfonie Nr.8 F-dur

    live 17.4.1961

    Aus der Royal Festival Hall in London

    Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie. Wem meine Musik sich verständlich macht, der muß frei werden von all dem Elend, womit sich die anderen schleppen.

    Ludwig van Beethoven


    Bruckner+Wand So und nicht anders :)

  • Ich denke, als Operndirigent ist Karajan insgesamt viel weniger umstritten. Danke für die Auflistung, lieber nemorino, die einem manches in Erinnerung ruft, was man so spontan oft gar nicht auf dem Schirm hat. Man könnte die Reihe locker noch fortsetzen und etwa um La Bohème, Madama Butterfly und (mit Einschränkungen bei den Sängern) auch Turandot bereichern. Rein orchestral wurden diese Opern wohl kaum jemals luxuriöser eingespielt.

    Diesem Urteil, lieber Joseph, schließe ich mich im Großen und Ganzen an, wenngleich ich im Detail an etlichen Aufnahmen auch etwas auszusetzen habe. Mir sind die meisten zu luxuriös, zu glatt zu poliert. Je älter er wurde, umso stärker war seine Hinwendung auf den orchestralen Part. Mir kommt es so vor, als hätten ihn die Sänger nicht (mehr) so sehr interessiert. Hatte er überhaupt ein großes Verständnis für Stimmen? Daraus erklären sich auch eklatante Fehlbesetzungen wie die Ricchiarelli als Turandot. Je früher die Operneinspielungen sind, umso besser finde ich sie. Für unerreicht erachte ich den "Falstaff" und die "Cosi". Beide sind meine liebsten Opernaufnahmen von Karajan.



    Auch die von nemorino vorstellte "Aida" steht bei mir hoch im Kurs. Hingegen habe ich mich mit der "Tosca" nie richtig anfreunden können. Price und Di Stefano passen für mich nicht zusammen. Die Price ist mir zu monströs, zu sehr auf Effekte aus. Ich habe sie in meiner Jugend abgöttisch geliebt und mich mit den Jahren immer mehr von ihrem Stil entfernt.

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Je älter er wurde, umso stärker war seine Hinwendung auf den orchestralen Part. Mir kommt es so vor, als hätten ihn die Sänger nicht (mehr) so sehr interessiert. Hatte er überhaupt ein großes Verständnis für Stimmen? Daraus erklären sich auch eklatante Fehlbesetzungen wie die Ricchiarelli als Turandot. Je früher die Operneinspielungen sind, umso besser finde ich sie.

    Vor einiger Zeit hatte ich mit wem eine Diskussion zur Turandot. Er ist ein vorbehaltloser Fan der Callas und folglich der Serafin-Einspielung mit ihr von 1957, die mich insgesamt nie so hundertprozentig überzeugen konnte, was auch am recht glanzlosen Calaf (Eugenio Fernandi) lag. Orchestral ist das sicher gediegen, aber irgendwie ein, böse gesagt, recht typisch italienisches Operndirigat, wo die Sänger eben total im Mittelpunkt stehen. Welch einen Klangteppich Karajan dagegen in seiner Einspielung von 1981 mit den Wiener Philharmonikern erzielt. Wie es der Zufall will, war Turandot die erste Oper, die mich interessierte und so kam ich sehr früh schon auf Karajan. Von Sängern hatte ich seinerzeit nur eine vage Ahnung, so dass mir die Unzulänglichkeiten speziell der Ricciarelli nicht so auffielen. Was mir aber auffiel, war diese phänomenale Pracht, die Karajan der Partitur entlockte. Der eigentliche Star dieser Aufnahme war er. Ein Dirigierstudent meinte seinerzeit, speziell das Finale des ersten Aufzuges habe er nie besser gehört als bei Karajan (Link unten). Der hatte einen Sinn für Theatralik, man denke an den Gong, den ich so wirklich nie beeindruckender gehört habe (ähnlich beim Tod der Butterfly in seiner Einspielung aus Wien). Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass Karajan um die Schwächen seiner späten Besetzungen nicht gewusst habe. Das belegt ja schon der Umstand, dass bei der Ricciarelli im Studio wohl massiv nachgebessert wurde und die Spitzentöne gar künstlich erzielt wurden, man sich dieser Defizite also wohl bewusst war. Auf der Bühne hat sie die Partie wohl gar nicht gesungen (ich lasse mich gern berichtigen). 1981 hätte sich wohl eine adäquatere Turandot auftreiben lassen. Auch Domingo ist kein idealer Calaf, aber doch respektabel. Die übrige Besetzung finde ich dagegen eigentlich ziemlich gut, aber es ist schon richtig, dass diese Oper von den beiden Hauptprotagonisten lebt. Karajans Klangbad macht die sängerischen Einschränkungen zumindest für mich hinnehmbar. Es wäre spannend gewesen, wie er Turandot um 1960 herum aufgenommen hätte.


    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Für unerreicht erachte ich den "Falstaff" und die "Cosi". Beide sind meine liebsten Opernaufnahmen von Karajan.

    Lieber Rüdiger,


    …. das kann ich gut nachvollziehen. Die "Così" habe ich gestern nicht genannt, weil es eine Monoaufnahme ist, aber was für eine!

    Böhm galt ja viele Jahre geradezu als Spezialist für diese Oper, nicht weniger als drei Aufnahmen (zwei Studio, Decca & EMI) und ein Live-Mitschnitt (DGG) zeugen davon. Ich besitze alle drei, sie sind alle hervorragend, aber in dem Fall muß ich Karajan die Palme zugestehen. Sein Dirigat ist von solcher Vollkommenheit und einer Akribie, die einen die fehlende Stereo-Dimension glatt vergessen läßt. Und seine Solisten sind ebenfalls allererste Sahne. Man muß sie nicht einzeln charakterisieren, eine bessere Besetzung läßt sich nicht denken. Und, so viel sei noch gesagt, Elisabeth Schwarzkopf klingt hier freier und natürlicher als in der späteren Böhm-Aufnahme aus London.

    Hingegen habe ich mich mit der "Tosca" nie richtig anfreunden können. Price und Di Stefano passen für mich nicht zusammen.

    Das ist sicher eine Frage des persönlichen Geschmacks, lieber Rüdiger; den muß man akzeptieren, auch wenn man ihn nicht teilt.

    Wie schon gesagt, das war meine erste TOSCA auf Platten, und das prägt zusätzlich. Meine Begeisterung hat nie nachgelassen, und Leontyne Price überzeugt mich in jeder Hinsicht. Doch, wie gesagt, das ist Geschmacksache. Giuseppe di Stefano singt 1953 unter de Sabata besser, aber auch hier bringt er noch eine respektable Leistung. Und Taddei ist ein wirklich herausragender Scarpia. Doch der eigentliche Star ist der Dirigent, ähnlich wie in der von Joseph II. gepriesenen TURANDOT. Da zaubert Karajan mit den Wiener Philharmonikern wirklich einen Klangteppich von ganz besonderer Güte.

    Karajans Klangbad macht die sängerischen Einschränkungen zumindest für mich hinnehmbar.

    So sehe ich das auch, und trotzdem bleibt es mir unverständlich, warum er eine Katia Ricciarelli in der Titelpartie eingesetzt hat. Nichts gegen die Sängerin an sich, aber sie ist noch weniger eine Turandot als in seiner DGG-Einspielung von 1979 eine Tosca. Da hat er sich wohl mehr vom Auge als vom Ohr leiten lassen:).


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Wie Wolfgang Stresemann, seinerzeit Intendant der Berliner Philharmoniker, in seinem Karajan-Buch "Ein seltsamer Mann" berichtet, hatte Karajan angekündigt, Schostakowitschs 9. Sinfonie in der Berliner Philharmonie aufzuführen, doch als der Termin näherrückte, blieb es wieder bei der Nr. 10.

    Vielleicht hat der Maestro keine Zeit gehabt, sich mit der 9. zu beschäftigen, und hat dann kurzerhand die Partitur der 10. aus dem Schrank geholt, mit den Worten "die tut's auch" (oder so ähnlich)...

  • 1981 hätte sich wohl eine adäquatere Turandot auftreiben lassen. Auch Domingo ist kein idealer Calaf, aber doch respektabel.


    Das stimmt schon, besonders der Schnitt vor Domingos hohem C ist von der Technik sehr dilettantisch gemacht (immerhin schrieb man damals schon digitales Zeitalter). Aber seien wir uns ehrlich: wieviele Aufnahmen gibt es, über die wie "damals" die Nase gerümpft haben, und heute froh sind, dass sie trotzdem aufgenommen wurden? Die Tonträgerproduktion wird nie wieder so produktiv und fruchtbar sein, wie sie es in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war. Auch kommende Generationen, werden auf die Aufnahmen dieser fünf Dekaden zurückgreifen, wenn sie sich nicht mit Bocelli und Kaufmann u. dgl. zufrieden geben wollen.

    Vor einiger Zeit hatte ich mit wem eine Diskussion zur Turandot. Er ist ein vorbehaltloser Fan der Callas und folglich der Serafin-Einspielung mit ihr von 1957, die mich insgesamt nie so hundertprozentig überzeugen konnte, was auch am recht glanzlosen Calaf (Eugenio Fernandi) lag. Orchestral ist das sicher gediegen, aber irgendwie ein, böse gesagt, recht typisch italienisches Operndirigat, wo die Sänger eben total im Mittelpunkt stehen. Welch einen Klangteppich Karajan dagegen in seiner Einspielung von 1981 mit den Wiener Philharmonikern erzielt. Wie es der Zufall will, war Turandot die erste Oper, die mich interessierte und so kam ich sehr früh schon auf Karajan. Von Sängern hatte ich seinerzeit nur eine vage Ahnung, so dass mir die Unzulänglichkeiten speziell der Ricciarelli nicht so auffielen. Was mir aber auffiel, war diese phänomenale Pracht, die Karajan der Partitur entlockte. Der eigentliche Star dieser Aufnahme war er. Ein Dirigierstudent meinte seinerzeit, speziell das Finale des ersten Aufzuges habe er nie besser gehört als bei Karajan (Link unten). Der hatte einen Sinn für Theatralik, man denke an den Gong, den ich so wirklich nie beeindruckender gehört habe (ähnlich beim Tod der Butterfly in seiner Einspielung aus Wien). Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass Karajan um die Schwächen seiner späten Besetzungen nicht gewusst habe. Das belegt ja schon der Umstand, dass bei der Ricciarelli im Studio wohl massiv nachgebessert wurde und die Spitzentöne gar künstlich erzielt wurden, man sich dieser Defizite also wohl bewusst war. Auf der Bühne hat sie die Partie wohl gar nicht gesungen (ich lasse mich gern berichtigen). 1981 hätte sich wohl eine adäquatere Turandot auftreiben lassen. Auch Domingo ist kein idealer Calaf, aber doch respektabel. Die übrige Besetzung finde ich dagegen eigentlich ziemlich gut, aber es ist schon richtig, dass diese Oper von den beiden Hauptprotagonisten lebt. Karajans Klangbad macht die sängerischen Einschränkungen zumindest für mich hinnehmbar. Es wäre spannend gewesen, wie er Turandot um 1960 herum aufgenommen hätte.


  • Hallo!


    Als diese "Turandot"-Aufnahme entstand, musste sich auch ein Herbert von Karajan nach der damals schon sehr 'kurzen Decke' der international erfolgreichen Sänger-Elite strecken. Den Schallplatten-Markt dominierten wenige Sänger; man sprach - speziell für die italienische Oper - von der 'CaDoCaPaSuFreMi-Mafia' (also Caballé, Domingo, Carreras, Pavarotti, Sutherland, Freni, Milnes). Karajan versuchte, dem zu entkommen, indem er immer wieder junge, vielversprechende Stimmen 'ausprobierte', wobei es aber leider oft beim Vielversprechenden blieb.


    Das Dilemma Karajans in dieser Sache wird deutlich, wenn man weiß, dass er sein Lieblingsprojekt, die Aufnahme von Bellinis "Norma", nicht realisieren konnte, weil ihm letztlich die seinen Ansprüchen gerecht werdenden Sänger fehlten: für die Titelrolle testete er z. B. Katia Ricciarelli, Cecilia Gasdia und Lella Cuberli und für die 'Adalgisa' Elena Obraztsova und Agnes Baltsa; der 'Pollione' sollten José Carreras, Vinson Cole oder Peter Dvorský sein und der 'Oroveso' Ruggero Raimondi bzw. Ferruccio Furlanetto (jedenfalls wurden diese Namen in der Presse lanciert).


    Hinzu kommt, dass der 'Maestro' in seinen letzten Lebensjahren von seinem 'Personal Producer' Michel Glotz regelrecht manipuliert wurde. Der früher bei der französischen EMI-Tochter "La voix de son maitre" tätige Aufnahmeleiter ließ sich sogar von einigen Sängern (darunter Katia Ricciarelli und Ruggero Raimondi) bezahlen, damit sie prestige-fördernde Aufnahmen mit Karajan machen konnten; nachzulesen in dem Buch "Drei Tenöre und ein Sopran" der Opern-Agentin Ilse Zellermayer. (Auch Nicolai Gedda ließ in seinen Memoiren kein gutes Haar an dem Franzosen.)


    Es ist auch immer wieder behauptet worden, Karajan habe viele junge Stimmen 'verschlissen'. Vielmehr war es so, dass er oft schon früh - und sogar früher als die betreffenden Sänger selbst - etwas in deren Stimmen hörte, was erst einige Jahre später voll zum Vorschein kommen sollte. Da er aber ein sehr ungeduldiger Mensch war, wollte er nicht warten, bis die Stimmen die entsprechende Reife hatten. Letztlich lag es aber an den Künstlern selbst, ob sie sich 'verschleißen' ließen, denn in der Sänger-Branche hieß es damals: "Einem Karajan sagt man nicht ab!".


    LG


    Carlo

  • Sicher war Herbert von Karajan einer der bedeutendsten Dirigenten des vergangenen Jahrhunderts. Es hat wohl kein Dirigent so viele Aufnahmen hinterlassen wie er. Aus diesem Grunde lässt sich auch seine Entwicklung gut nachvollziehen. Dass sich der frühe Karajan vom späten unterschied, sei hier an seinen Wagner-Aufnahmen erläutert. Einige Werke Wagners hat Karajan gleich mehrfach eingespielt. 1951 hat er den Ring in Bayreuth und 1952 den Tristan auf dem grünen Hügel dirigiert. Vom Ring gibt es noch eine bekannte Gesamtaufnahme aus Berlin vom Ende der 1960er Jahre und einen weniger bekannten Live-Mitschnitt der Ring-Opern von den Osterfestspielen Salzburg. Von Bayreuth 1951 befinden sich Rheingold und Siegfried sowie der dritte Aufzug der Walküre in meinem CD-Schrank. Das sind hervorragende Aufnahmen, die Karajan als hervorragenden Theaterdirigenten zeigen. Er dirigiert recht prägnant, spannungsreich und setzt markante Akzente. Dabei misst er nicht nur den Hauptinstrumenten zentrales Gewicht zu, sondern stellt auch gekonnt die Mittelstimmen heraus. Die Aufnahmen von Berlin und Salzburg zeigen Karajan dagegen als ausgemachten Symphoniker, der die einzelnen Ring-Opern jetzt ausgesprochen kammermusikalisch angeht und gleichzeitig mit einer hervorragenden Transparenz aufwartet. Hervorragend sind die Differenzierungen und Nuancierungen sowie die Sängerfreundlichkeit der Dirigate. Leider tritt bei den späteren Aufnahmen die Dramatik etwas in den Hintergrund. Als ausgemachter Theaterdirigent erweist sich Karajan auch beim Bayreuther Tristan von 1952, in dem er den Begriff Musiktheater auch musikalisch sinnfällig macht. Seine Deutung ist ungemein packend. Von enormer Klangschönheit und Intensität ist auch Karajans Berliner Tristan von 1972 geprägt. Hier spielt zudem das symphonische Element eine Zentrale Rolle. Und die Isolde von Helga Dernesch trägt er gleichsam auf Händen. Ob sie unter einem anderen, weniger sängerfreundlichen Dirigenten das gleich hohe Niveau erreicht hätte, ist zumindest fraglich. Auch die Meistersinger hat Karajan mehrfach eingespielt. Seine musikalische Interpretation von Bayreuth 1951 ist ausgesprochen theatral, energiegeladen und aufwühlend. Die Aufnahme von 1970 ist ein klein wenig weniger lebendig, aber sehr fein gegliedert und von großer Klangschönheit. Bei seinen beiden Parsifal-Aufnahmen ist es dasselbe. Der Wiener Mitschnitt von 1961 ist theatralisch und markant und von großen Steigerungen geprägt, bei der Studioaufnahme von 1981 begeistert die phantastische Abstimmung der einzelnen Instrumentengruppen aufeinander. Insbesondere der Amfortas des ausgesprochen fahl und ohne Körperstütze singenden José van Dam wird hier vom Dirigenten zu übertriebenem leise singen veranlasst, wodurch die Gesangsstimme noch weniger zur Geltung kommt als sonst. Nicht besonders gelungen ist leider die Aufnahme des Tannhäuser, in der Karajan es durch extrem langsame Tempi den Sängern ausgesprochen schwer macht. Große Namen präsentieren sich hier durch die Schuld des Dirigenten oft unter ihrem eigentlichen Niveau. Gut gelungen ist wiederum Karajans Aufnahme des Fliegenden Holländer von 1984, den er von der symphonischen Warte her deutet und ebenfalls recht kammermusikalisch ans Werk geht. Letztlich ist noch die Aufnahme des Lohengrin von 1976 ´zu erwähnen, bei der Klangschönheit Trumpf ist. Derart toll ausbalanciert, von großen dynamischen Abstufungen und hervorragenden Bögen geprägt hat man Wagners Grals-Oper selten gehört. Auch Ausdrucksintensität und Spannung sind hier Trumpf. Wenn jemand sagen würde, das sei die besten Wagner-Einspielung Karajans, ließe sich wohl nichts dagegen sagen.


    Herzliche Grüße


    lustein

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  • Gut gelungen ist wiederum Karajans Aufnahme des Fliegenden Holländer von 1984, den er von der symphonischen Warte her deutet und ebenfalls recht kammermusikalisch ans Werk geht.

    Lieber lustein,


    Für die Orchesterleistung und das Dirigat volle Zustimmung, von der sängerischen Leistung her finde ich die Aufnahme aber doch sehr durchwachsen; José van Dam finde ich sehr fahl, angestrengt und ohne die notwendige Durchschlagskraft, auch ansonsten erscheint mir sein Gesang wenig differenziert und aussagekräftig. Dunja Vejzovic empfinde ich als solide, aber glanzlos. Einziger Lichtblick: Kurt Moll singt phantastisch. Peter Hofmann: auch nicht unbedingt ein Triumph...


    liebe Grüße

  • Interessant, hier mal solch positive Töne zu Karajans Studioeinspielung des Lohengrin zu lesen. Die Aufnahme kam in meiner Wahrnehmung in der Kritik zumeist eher schlecht weg. Grund genug, sie bald mal wieder aufzulegen. Vorurteile halten sich oft über viele Jahre. Orchestral fand ich die Aufnahme seinerzeit auch überaus prachtvoll und geradezu bombastisch (was bei dieser Oper auch sein darf, meine ich). Soweit ich mich entsinne, sollte sie, 1975 begonnen, eigentlich schon 1976 fertiggestellt werden, doch kam ein Zerwürfnis zwischen Karajan und Kollo dazwischen, so dass sie nach fünf Jahren Pause erst 1981 komplettiert werden konnte. Womöglich wird dieser Aspekt aber auch überbewertet.

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Die Aufnahmen von Berlin und Salzburg zeigen Karajan dagegen als ausgemachten Symphoniker, der die einzelnen Ring-Opern jetzt ausgesprochen kammermusikalisch angeht und gleichzeitig mit einer hervorragenden Transparenz aufwartet.

    Gut gelungen ist wiederum Karajans Aufnahme des Fliegenden Holländer von 1984, den er von der symphonischen Warte her deutet und ebenfalls recht kammermusikalisch ans Werk geht.

    Ich möchte nicht beckmessern, aber wie geht ein symphonischer Zugriff mit einer eher kammermusikalischen Deutung zusammen? Und wenn kammermusikalisch, warum dann die gleichzeitig hervorragende Transparenz loben? M.E. ist Transparenz geradezu eine conditio sine qua non für eine gelungene kammermusikalische Deutung und "von der symphonischen Warte" her musiziert ist nicht unbedingt das unvereinbare Gegenteil (auch symphonisch kann transparent sein), aber vielleicht doch eher etwas anderes!? Oder meinst Du einfach nur, dass man bzw. in diesem Fall HvK auch mit einem großen Wagner-Orchester kammermusikalisch zu interpretieren vermag, was ich z.B. bezogen auf seinen Studio-Ring durchaus einräumen würde.

  • von der sängerischen Leistung her finde ich die Aufnahme aber doch sehr durchwachsen; José van Dam finde ich sehr fahl, angestrengt und ohne die notwendige Durchschlagskraft

    Lieber Don Gaiferos,


    diesen Eindruck habe ich auch. José van Dam ist ein großartiger Bariton, aber alles andere als das Idealbild des "bleichen Seemanns". Ähnliches gilt für Fi-Di (bei Konwitschny), aber im Unterschied zu ersterem weiß dieser die Rolle sehr klug durchdacht und psychologisch zu durchdringen,so daß ein glaubwürdiges Rollenporträt entsteht. Ideale Holländer sind für mich vor allem George London (Dorati, Decca) und Josef Metternich (Fricsay, DGG). Leider hatte Fricsay noch ken Stereo zur Verfügung und in Annelies Kupper eine recht farblose Senta.

    Ich bin ein bekennender Karajan-Fan, aber mir ist sein "Holländer" insgesamt zu unausgewogen. Orchestral großartig, aber die Besetzung alles andere als optimal. Einzig der Daland von Kurt Moll, eine herausragende Besetzung. Hofmann war noch nie mein Fall, und hier singt er mehr als gewöhnungsbedürftig.

    Dunja Vejzovic empfinde ich als solide, aber glanzlos.

    So ist es.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Remastering 1997: Remastering 1988: 71cdMvRUSIL._SL300_.jpg


    Ich habe mittlerweile seit langer Zeit nochmal in Karajans EMI-Einspielungen des Lohengrin (1975-1981) sowie des Fliegenden Holländers (1981-1983) gehört. Erstere fand ich beim Wiederhören deutlich besser, als ich das in Erinnerung hatte. Man muss allerdings schauen, das neuere, gut gelungene Remastering von 1997 zu erwischen (oben links) - die erste CD-Ausgabe von 1988 ist klanglich ziemlich misslungen (oben rechts; daher nur als Bild abgebildet). Orchestral superb, sängerisch eine der am besten besetzten späten Opernaufnahmen dieses Dirigenten. Kollo wirklich gut, Ridderbusch genauso. Selbst die Vejzovic hier mal in der richtigen Rolle als Ortrud - da passt ihre wenig schöne Stimme. Die Tomowa-Sintow ist als Elsa zwar keine Ausgeburt an Jugendlichkeit, aber ansonsten rollendeckend. Absolut packend die Massenszenen und die orchestralen Höhepunkte, die man kaum je so überwältigend hört. Von daher ein Lohengrin, den man als Wagnerianer besitzen sollte.



    Anders verhält es sich beim Holländer. Das fängt bei der Tontechnik an, die ich für ziemlich missglückt erachte. Die Dynamik ist viel zu extrem, so dass die Stimmen meist zu leise, das Orchester aber viel zu laut daherkommt - ein ähnliches Desaster wie das erste Remastering des Lohengrin. Womöglich könnte eine anständige Neuauflage auch da Abhilfe schaffen. Abgesehen davon brillieren wieder besonders das Orchester und der Chor. Kurt Moll ist (natürlich) wunderbar. Ich war nie ein Fan von van Dam - er ist aber zumindest solide, genauso der so oft geschmähte Hofmann. Was gar nicht geht, ist hier die Vejzovic. Eine uncharmantere Senta kann man sich kaum erdenken. Das könnte allenfalls Sentas böse ältliche Tante sein. Aufgrund der stimmlichen Unausgewogenheit und der klanglichen Defizite kein sonderlich empfehlenswerter Holländer, den ich allenfalls als Drittaufnahme in Erwägung ziehen würde. Nein, Einsteigern würde ich nach wie vor zu Klemperer (ebenfalls EMI) raten, aber auch im neuesten Remastering mit den Spezialeffekten:


    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Anders verhält es sich beim Holländer.

    Lieber Joseph II.,


    Karajans "Lohengrin" ist nicht in meiner Sammlung, ich habe Kempe (mit Traumbesetzung), das genügt mir!

    Auch von seinem "Holländer" habe ich mir nur einen Querschnitt angeschafft, und ich bin heute noch froh, nicht die GA gekauft zu haben. Einmal wegen der Sänger (nur Kurt Moll ist wirklich großartig), und zweitens wegen der Klangqualität. Daß Karajan ein fantastischer Wagner-Dirigent war, steht außer Frage, aber hier sind zu viele Komponenten, die negativ ins Gewicht fallen. Bei den Sängern hatte er jedenfalls hier keine sehr glückliche Hand.

    Was gar nicht geht, ist hier die Vejzovic. Eine uncharmantere Senta kann man sich kaum erdenken. Das könnte allenfalls Sentas böse ältliche Tante sein.

    Besser kann man das gar nicht auf den Punkt bringen! Und auch Peter Hofmann ist schon weit über seinen (kurzen, aber intensiven) Zenit hinaus. Und was van Dam betrifft, so sind wir völlig konform - der ist ein Belgier:D, jedenfalls alles andere als ein "Holländer"!


    Außer der alten Fricsay-Aufnahme des "Holländer" (DGG, mono) habe ich drei, die, jede für sich, meinen Vorstellungen nahekommen: Dorati (Decca), Klemperer (EMI) und Konwitschny (EMI/Berlin Classics). Den IMO besten Holländer hat Dorati mit George London zur Verfügung!


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Lieber nemorino,


    für Dunja Vejzovic hatte Karajan bekanntlich ein Faible. Er setzte sie auch als Kundry in seinem Parsifal ein. Sie ist ja im Grunde keine schlechte Sängerin, ihre Ortrud ist sogar ziemlich gut. Aber als unschuldige Senta passt das einfach nicht. Das gehört wohl zum Thema "fragwürdige Sängerbesetzungen", das bei Karajan, wie wir wissen, ein ganzes Kapitel füllt. Wie gesagt: Sein Lohengrin ist wirklich von einer anderen Güte als der Holländer. Und auch der Parsifal hat seine Meriten - auch wenn man dort wieder mit van Dam und Hofmann leben muss. Die Karajan'sche Klangästhetik ist für den Parsifal indes wie geschaffen. Und er zieht den Lohengrin eben wie eine Art Proto-Parsifal auf, was erstaunlich gut funktioniert. Nachdem ich diese Aufnahmen viele Jahre kaum mehr beachtet habe, finde ich langsam wieder zu ihnen zurück.

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Es ist gar nicht so einfach, einen passenden Thread für diese Nachricht zu finden. Noch einen wollte ich nicht aufmachen. Also habe ich mich für diesen entschieden. Relativ neu auf dem Markt ist eine große Box mit allen Aufnahme, die Karajan für Decca gemacht hat:



    Darunter sind etliche Operneinspielungen, die zu meinen liebsten gehören wie "Fledermaus"l, "Otello" und "Aida". Vieles wie die frühe "Tosca" ist hier schon genannt. Durch den Wegfall der Verlinkungen zu einem bestimmten Anbieter, entfallen optischen Anhaltspunkte. Also muss man sich genau durch die Texte arbeiten, was ja den meisten Sinn macht.

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • In meinem Umfeld gibt es einige "Karajan-Gegner". Ich bekenne mich da immer als glühenden und unbeirrbaren Verehrer. Fakt ist, dass sich seine Aufnahmen auch mehr als 30 Jahre nach seinem Tod noch immer wunderbar anhören, sehr gut ansehen und gut verkaufen.

    Meine liebste Opern-Aufnahme ist neben seinem Otello mit MDM und Tebaldi und seiner Tosca mit di Stefano und Price die DVD vom Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker 1978. Dort dirigiert er die Intermezzi und Ouvertüren mit solcher Inbrunst, dass man glaubt dabei zu sein. Namentlich das von ihm wohl sehr geschätzte Intermezzo aus "Amico Fritz" dirigiert er mit sichtbarer Rührung. Und sein "Verdi-Requiem" (für mich eine Oper) mit Price, Cossotto, Pavarotti und Ghiaurov von 1967.

    Leider hat er immer wieder in seinen Opernaufnahmen für mich nicht nachvollziehbare Besetzungen vorgenommen. Den Sängerinnen und Sängern hat es bisweilen sehr geschadet. Ich denke nur an seine Turandot, da hätte man eine andere Eisprinzessin und einen strahlenderen Kalaf durchaus finden können. Ich ziehe deshalb die Aufnahme unter Molinari Pradelli bei weitem vor. Gleiches gilt für seine Carmen mit dem völlig unidiomatischen Franco Corelli, den ich ansonsten über alles schätze

    . Wahr ist aber auch, was Carlo sagte: niemand war gezwungen, Karajans Einladung zu Opernaufnahmen anzunehmen.


    BG

    Otello50

  • Mir bedeutet Karajans Lohengrin-Einspielung sehr viel. Sie hat mich zum Anhänger der Herren Wagner, Kollo und Karajan gemacht.


    Wagner-Lohengrin-English-1997-500x500.jpg

    ..., eine spe*ifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifi*ierbar.
    -- Aydan Ö*oğu*

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