Ich beziehe mich dabei vor allem auf die aphoristisch verdichteten Orchesterstücke von Anton Webern. Da macht sich sehr bemerkbar, wie präzise der Dirigent ist!
Lieber Holger,
ich gebe freimütig zu, daß ich mit der Zweiten Wiener Schule nicht viel anfangen kann, aber trotzdem möchte ich Dir in diesem Zusammenhang eine Episode erzählen (vielleicht kennst Du sie ja?), die genau Dein Urteil über Karajans Webern bestätigt. In der Biographie "KARAJAN" von Peter Uehling (rororo, Hamburg, 2008) berichtet der Autor von einem Gespräch mit dem seinerzeitigen Intendanten der Berliner Philharmoniker, Wolfgang Stresemann, der auf die penible, ja geradezu obsessive Probenarbeit ( … oberste Maxime ist die innige Vertrautheit mit dem Werk ..... um diese Vertrautheit zu erreichen, weiß Karajan keinen anderen Weg als ein über lange Zeit fortgesetztes Üben und Wiederholen)" Karajans gerade in Bezug auf die Werke von Berg, Schoenberg und Webern hinweist, Komponisten, die nicht im Zentrum seines Schaffens standen. Immer das Ziel vor Augen, "diese Arbeit soll dem Hörer ermöglichen, das Werk zu 'verstehen', ohne sich durch die Klänge provoziert und gestört zu fühlen", wie es der Dirigent ausdrückte. Es ging hier explizit um die Proben zu Schoenbergs "Variationen für Orchester op. 31", die er, wie etliche andere Werke dieses Komponisten, auch mit den Berliner Philharmonikern aufgenommen hat:
Der Erfolg gab ihm recht: Selbst einer seiner schärfsten Kritiker, Theodor W. Adorno, der ihn höhnisch zum "Dirigenten des Wirtschaftswunders" ernannt hatte, schrieb nach einem Karajan-Konzert mit eben diesem Werk, das er klammheimlich besucht hatte: "Matadore, denen man wegen ihrer künstlerisch totalitären Ambitionen ebenso mißtraut wie wegen ihrer kulturkonservativen Gesinnung, …. sind meist doch auch in vielem qualifiziert und weit bessere Musiker, als den guten Musikern recht ist. Ich habe …. mürrisch und widerwillig die Aufführung eines Werks besucht, auf das die Opponierenden ein Monopol zu besitzen glauben, unter einem bei ihnen besonders schlecht angeschriebenen Dirigenten. Die Aufführung überragte nicht nur das, was manche unzulänglichen Freunde der Moderne unter den Kapellmeistern verschulden, sondern war sinnvoll bis ins letzte Detail durchgearbeitet und bewußt musiziert." (Hervorhebungen von mir).
Adorno war in Sachen Karajan so exponiert, daß er sich in seiner Kritik nicht traute, den Namen des Dirigenten zu nennen, um nicht bei seinen "Jüngern" in Ungnade zu fallen (obwohl sich jeder denken konnte, wer gemeint war!).
Karajan mit der 2. Wiener Schule ist wirklich ein olympischer Gipfel. Er ist hyperpräzise und wirklich expressionistisch. Von wegen Schönfärberei!
…. was bestätigt, wie sehr man allen Pauschalurteilen über Karajan mißtrauen sollte.
LG Nemorino


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